Gastartikel: Leszek darüber, wie Vertreter der Gender Studies mit Kritik umgehen

Erneut bringt Leszek einen so ausgewogenen und ausführlichen Kommentar, dass ich ihn zum Gastartikel umfunktioniere. Das mag kurzfristig die Diskussion zerfasern, langfristig sind gute Texte leichter wieder auffindbar. Ab hier Leszek; ich habe einzig die Links beschriftet:

Hier noch ein Hinweis auf ein Buch von Vertretern der Gender Studies, das als Reaktion auf Kritik an den Gender Studies veröffentlicht wurde und ein paar kurze Hinweise darauf, wie Vertreter der Gender Studies meiner Erfahrung nach mit Kritik umgehen:

Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Herausgeber): Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen

(Es ist möglich bei Amazon ein bißchen in das Buch reinzulesen.)

Natürlich laufen die Kapitel in dem Buch wesentlich darauf hinaus, dass Kritiker der Gender Studies grundsätzlich rechts (rechtskonservativ, neurechts, rechtsradikal, christlich-konservativ oder religiös-fundamentalistisch etc.) seien, traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild erhalten wollten, homophob seien usw.
Es kann leider nicht bestritten werden, dass es unter Kritikern der Gender Studies auch solche Leute gibt und auch ich halte von diesen nichts. Es gibt neben konservativer/rechter Gender-Kritik – die zumindest teilweise leider tatsächlich in entsprechende Einstellungen abrutscht – aber auch Kritiken an den Gender Studies aus liberaler sowie linker politischer Perspektive. Und was wissenschaftlich fundierte Argumentationen angeht, so gibt es Kritik an den Gender Studies, die naturwissenschaftlich ausgerichtet ist und auch solche, die geisteswissenschaftlich oder sozialwissenschaftlich ausgerichtet ist.
(Es gibt sogar Kritiken an den Gender Studies seitens einiger konkurrierender feministischer Strömungen.)

Die Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies im Umgang mit Kritik zielen in der Regel darauf ab Kritiker der Gender Studies pauschal in die rechte Ecke zu stellen, die Vielfalt von politischen und wissenschaftlichen Positionen und Argumenten im Spektrum der Kritik an den Gender Studies wird bewusst ignoriert. Eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlich fundierten Gegenargumenten findet nicht statt.

– Eine gerne gebrauchte Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies behauptet z.B., wer nicht an die reine und ausschließliche soziale Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaube, der würde automatisch einen biologischen Determinismus vertreten, also dass geschlechtsbezogene Identitäten vollständig biologisch determiniert seien. Natürlich ist das eine so einseitig wie das andere und außer vielleicht ein paar Hanseln aus dem Lager der konservativen/rechten Gender-Kritiker, die ähnlich einseitig wie die Gender Studies-Vertreter soziale Einflüsse überbetonen eben biologische Einflüsse überbetonen, behauptet niemand – auch die naturwissenschaftlichen Gender-Kritiker nicht – dass nicht auch soziale Einflüsse für die Bildung geschlechtsbezogener Identitäten eine Rolle spielen. Schon die Vielfalt der Geschlechterverhältnisse in verschiedenen Zeiten und Kulturen zeigt, dass es einen sozial konstruierten Anteil bei der Ausbildung geschlechtsbezogener Identitäten geben muss. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch biologische Dispositionen bezüglich geschlechtsbezogener Identitäten existieren, eine ergebnisoffene Geschlechterforschung mit interdisziplinärem Anspruch hätte in dieser Hinsicht eben zu versuchen soziale UND biologische Einflussfaktoren und ihr Zusammenwirken zu erforschen.

– Eine weitere Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies postuliert, dass wer nicht an die reine und ausschließliche Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaubt, zwangsläufig traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild bejahen würde sowie real existierende vielfältige Präferenzen bei Frauen und Männern leugnen würde.
In Wahrheit ergeben sich aus den aktuellen Theorien der verhaltensbiologischen Geschlechterforschung aber keine essentialistischen Geschlechterbilder, vielmehr wird davon ausgegangen, dass es einerseits DURCHSCHNITTLICHE biologisch disponierte Unterschiede zwischen Männern und Frauen gebe, dass es aber andererseits AUCH eine biologisch disponierte breite Vielfalt und Varianz jeweils innerhalb der beiden Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gebe. Das bedeutet also, dass es in verhaltensbiologischer/evolutionspsychologischer Perspektive neben durchschnittlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern von Natur aus auch verschiedene Präferenzen innerhalb der Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gibt, dass es also neben Frauen und Männern, die von ihren Präferenzen her stärker zu traditionellen Geschlechterrollen tendieren auch solche gibt, die dies überhaupt nicht tun und die ohne traditionelle Geschlechterrollen leben möchten und wieder andere, die tendenziell irgendwo dazwischen liegen.
Wollte man aus diesen Forschungsbefunden und Theorien also aus einer freiheitlichen Perspektive irgendeine Empfehlung ableiten, dann wären dies weder traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild, noch „progressive“ Geschlechterrollen als Leitbild, sondern der Verzicht auf jedes verallgemeinernde geschlechtsbezogene normative Leitbild und die Orientierung am Individuum von klein auf, also dass jedes menschliche Individuum egal welchen Geschlechts hinsichtlich seiner geschlechtsbezogenen Identität und Lebensweise so traditionell oder nicht-traditionell leben können sollte, wie es dies wünscht.

Christian hatte dazu mal einen lesenswerten Artikel geschrieben:

Geschlechterrollen: Häufungen wird es immer geben, dies sollte aber keinen Konformitätszwang erzeugen

Eine solche konsequente Orientierung an der persönlichen Freiheit anstatt an normativen geschlechtsbezogenen Leitbildern würde m.E. auch das gegenseitige Hochschaukeln zwischen Anhängern der Gender-Theorie einerseits und speziell so manchen konservativen Gender-Kritikern andererseits entschärfen, denn in psychologischer Perspektive steckt hinter diesem Konflikt m.E. wesentlich, dass es sich jeweils oft um Menschen mit verschiedenen Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht handelt. Die einen – konservative Gender-Kritiker – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben nach traditionellen Geschlechterrollen, die anderen – Anhänger der Gender-Theorie – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben ohne traditionellen Geschlechterrollen. Beide machen leider zu oft den Fehler ihre jeweiligen Präferenzen zu verabsolutieren und es fällt ihnen schwer zu verstehen, dass die andere Seite jeweils eine Lebensweise vertritt, die ihnen selbst aufgrund ihrer anders gelagerten Präferenzen als einschränkend und unbefriedigend erscheint, so dass beide Seiten sich hinsichtlich ihrer für sich selbst als befriedigend empfundenen Lebensweise von der jeweils anderen Seite bedroht fühlen und sich daher gegenseitig hochschaukeln.
Paradoxerweise ist die nicht-essentialistische verhaltensbiologische Perspektive diejenige, die unterschiedliche Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht viel leichter anerkennen kann als dies die Vertreter der Gender Studies tun, die auf ihre Weise genauso einseitig sind wie ideologische Geschlechter-Traditionalisten, nur in inhaltlicher Hinsicht umgekehrt.

– Eine weitere gerne verwendete Diskusstrategie von Vertretern der Gender Studies wirft Kritikern der Gender Studies vor Gegner der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu sein. Hierbei wird dann nicht selten mit einer Verwechslung der Begriffe Gleichberechtigung (Chancengleichheit) und Gleichstellung (Ergebnisgleichheit) hantiert.
Viele Kritiker der Gender Studies bejahen aber eindeutig die Gleichberechtigung der Geschlechter, ihre Kritik richtet sich gegen eine durch die Gender Studies mitlegitimierte Gleichstellungspolitik, welche geschlechtsbezogene gesellschaftliche Ungleichverteilungen durch Frauenquoten zu beseitigen versucht ohne vorher genau geprüft zu haben, ob und inwieweit solche geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen tatsächlich ein Produkt von Diskriminierung sind oder ob und inwieweit sie aus unterschiedlichen durchschnittlichen Präferenzen von Frauen und Männern resultieren.
Wenn es IM SCHNITT durchschnittliche Interessenunterschiede hinsichtlich Studium, Arbeit und Karriere zwischen Frauen und Männern gibt, dann ist klar, dass es auch zu gewissen geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen kommen muss, trotzdem hat dies in diesem Fall nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ist dann in letzter Instanz Ausdruck der persönlichen Wahlfreiheit.

– Dann gibt es noch die Diskursstrategien seitens Anhängern der Gender Studies gegen Männerrechtler und die Versuche von Männerrechtlern auf die Beseitigung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, hinzuwirken. Zur Diskreditierung von Männerrechtlern wurden einige als „Expertisen“ getarnte pseudowissenschaftliche Propaganda-Schriften kreiert. Neben den bereits erwähnten Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies kommt hier häufig noch der Vorwurf hinzu, es ginge darum „männliche Privilegien“ zu verteidigen, es werden pauschale und undifferenzierte Sexismus-Vorwürfe gegen Männerrechtler erhoben, bestenfalls wird zugestanden, dass es, obwohl Frauen sehr viel stärker benachteiligt seien, auch ein paar Benachteiligungen von Männern gebe, die dann meist als „Kollateralschäden des Patriarchats“ gedeutet werden und ansonsten übergangen werden.

Nun wird m.E. jeder, der sich eine Zeitlang mit dem Thema „Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind“ ernsthaft beschäftigt und die Argumente und Forschungsbefunde von Männerrechtlern überprüft zu dem Ergebnis kommen, dass die meisten Anliegen und Ziele der Männerrechtsbewegung berechtigt sind:

Was die Männerbewegung will

Was wir wollen

„Das richtige Buch zur richtigen Zeit“, Kundenrezension von Hans A. zu Arne Hoffmanns „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“

Männer sind keine „privilegierte Klasse“. Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, sollten daher in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung und in der Geschlechterpolitik genauso ernst genommen werden wie äquivalente Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Mädchen und Frauen betroffen sind. Und genau dies wird auch in der Mehrheit der für die Männerrechtsbewegung zentralen Literatur gefordert und nicht etwa eine einseitige Geschlechterpolitik nur für Jungen und Männer.
Ich verwende für eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, die versucht die Probleme aller Geschlechter (Frauen, Männer, Intersexuelle, Trans-Personen) in wissenschaftlicher, theoretischer und politischer Hinsicht zu berücksichtigen den Begriff „Integraler Antisexismus“. Mit einer solchen Sichtweise können die Gender Studies leider überhaupt nichts anfangen.
Dies von ihnen zu erwarten wäre so unrealistisch wie aber in moralischer Hinsicht angemessen. Wer wie die Gender Studies u.a. mit dem Anspruch auftritt für geschlechtsbezogene Diskriminierungsforschung zuständig zu sein und dann auf einem Auge blind ist, der verzerrt in erheblichem Maße die Realität.

– Zuletzt sei auch noch auf die von Vertretern der Gender Studies gängigen Homophobie-Vorwürfe an Kritiker der Gender Studies eingegangen. Es gibt ohne Frage leider auch Kritiker der Gender Studies, auf die dieser Vorwurf zutrifft und andere bei denen man zumindest einräumen muss, dass sie wenig Sensibilität für das Engagement gegen Diskriminierungen von Homosexuellen und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen haben. Aber da das Spektrum von Kritik an den Gender Studies in Wahrheit sehr breit ist, gibt es selbstverständlich auch ganz andere Ansichten hierzu. Gerade unter den linken und liberalen Gender-Kritikern – einschließlich linker und liberaler Männerrechtler –

Erste maskulistische Blogparade: Warum auch Schwulenrechte Männerrechte sind

gibt es auch viele, die jede Diskriminierung von Homosexuellen ablehnen und die die Gleichberechtigung von Homosexuellen z.B. hinsichtlich Ehe und Adoptionsrecht eindeutig bejahen.

Zudem wird von linken und liberalen Kritikern der Gender Studies bei diesem Thema auch häufiger die Kritik geäußert, dass die in den Gender Studies gängige Auffassung auch sexuelle Orientierungen seien rein sozial konstruiert nicht nur vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den Ursachen von Homosexualität wissenschaftlich nicht haltbar ist, sondern, dass diese Sichtweise – abgesehen von dem Umstand, dass viele Homosexuellen sich ausgehend von ihrer eigenen Lebenserfahrung gar nicht mit dieser Annahme identifizieren können – auch für die berechtigten Anliegen von Homosexuellen nicht förderlich ist, weil diese Sichtweise paradoxerweise auch homophobe Umerziehungsversuche gegenüber Homosexuellen legitimieren könnte sowie weil die irrationalen Ängste mancher Konservativer dadurch befeuert werden.

Eine wissenschaftliche Disziplin muss sich u.a. auch daran messen lassen, wie sie mit begründeter Kritik umgeht, und was das angeht, sieht es bei den Gender Studies im Allgemeinen schlecht aus.
Mein Text ist leider doch etwas länger geworden, weil ich für Mitleser, die mit den Argumenten einer wissenschaftlich fundierten und emanzipatorischen Kritik an den Gender Studies vielleicht noch wenig vertraut sind, ein paar zentrale Positionen hierzu wenigstens erwähnen wollte.

Ende des Gastartikels. Wie ich schon direkt darauf schrieb:

Das „Kritiker sind alles Rechte“-Argument bedeutet ja nichts anderes als: „Kein Mensch, der ohne ideologische Scheuklappen durchs Leben geht, findet etwas ernsthaftes daran auszusetzen.“ Und das muss doch skeptisch stimmen, denn Wissenschaft speist sich immer daraus, dass Annahmen hinterfragt, kritisiert, widerlegt, verworfen, verbessert, verfeinert werden. Ein „da kann man ja gar nichts mehr dran verbessern“ ist unwissenschaftlich und ein verlässlicher Hinweis auf ideologische Scheuklappen.

Zur falschen Dichotonie „alles sozial konstruiert“ – „biologischer Determinismus“, Zu den unterschiedlichen Präferenzen insgesamt und den gleichzeitig bestehenden Varianzen innerhalb der Geschlechter, zu den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Ergebnissen und warum sie eben kein Zeichen von Diskriminierung sind, zur spezifischen Benachteiligung von Jungen in der Schule, was sich nicht mit der einfachen Erzählung „männlich = privilegiert“ deckt siehe Peter Döge.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Noch ist es nur eine schöne Vision – aber die Art, wie Leszek das Ziel beschreibt, dass jedes menschliche Wesen nach seiner Façon leben kann, ergreift mich jedesmal erneut. Das ist ein positives Bild! Das ist etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt! Nun mag diese Version von „Everybody’s Free“ für manche zu religiös angehaucht sein, ich finde sie aber schön und stimmungsvoll.

Romeo & Juliet (1996) – Quindon Tarver – Everybody’s Free

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Gastartikel: Leszek zu der Frage, ob Gender Studies unwissenschaftlich sind

Zum gestrigen Fundstück schrieb Leszek einen Kommentar, der mal wieder von so hohem Niveau ist, dass ich ihn 1:1 als Gastartikel übernehme. Ab hier O-Ton Leszek:

Um die Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit einer Disziplin zu beurteilen empfiehlt sich m.E. stets ein Blick in Lehrbücher/Einführungsbücher zum Thema. Denn diese müssen ja einen wesentlichen Teil der Inhalte enthalten, die dann auch in den entsprechenden Studiengängen gelehrt werden.
Lässt sich aus dem Lesen von Einführungsbüchern/Lehrbüchern einer Disziplin also bereits ersehen, dass diese gravierende wissenschaftliche Mängel aufweisen – eine solche Beurteilung setzt allerdings natürlich bereits Wissen zum Thema voraus – dann kann begründet davon ausgegangen werden, dass auch die Disziplin als Ganzes entsprechende Mängel aufweist.

Ausgehend von meinen Recherchen in Einführungsbüchern/Lehrbüchern der Gender Studies sowie von sonstigen Verlautbarungen von Vertretern der Gender Studies komme ich zu dem Ergebnis, dass die Gender Studies unwissenschaftlich sind. Ich befürworte ihre Abschaffung.

Ich hatte bei „Alles Evolution“ kürzlich einmal versucht zusammenfassen hinsichtlich welcher Aspekte die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies m.E. zum Ausdruck kommt:

– Ausblendung des Forschungsstandes zu Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind.

– Ausblendung von Forschungsergebnissen und Theorien der biologischen Verhaltenswissenschaften.

– Ausblendung von Forschungsergebnissen konkurrierender geschlechter-soziologischer Ansätze, wenn diese nicht zu den Gender Studies-typischen ideologischen Vorannahmen passen (z.B. Catherine Hakims Präferenztheorie).

– Durchschnittliche Unterschiede hinsichtlich geschlechtsbezogener gesellschaftlicher Verteilungen werden als Resultat von Diskriminierung gedeutet ohne zu prüfen, ob dies wirklich der Fall ist und ob nicht unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen die Ursache oder zumindest Mitursache sind.

– Ein Intersektionalitäts-Verständnis, bei dem Diskriminierungen immer nur in eine Richtung laufen können, Diskriminierungen auf der anderen Seite also per se gar nicht erst in den Blick geraten können. Damit zusammenhängend Ausblendung sämtlicher sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse, die nicht zu dieser Vorannahme passen.

– Absurde wissenschaftstheoretische Vorstellungen („feministische Wissenschaftstheorie“) und eine Weigerung, die in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften ansonsten gängigen wissenschaftlichen Standards ernstzunehmen und einzuhalten.

– Weigerung auf begründete Kritik einzugehen, stattdessen Tendenz auch sachlicher, fundierter und begründeter Kritik mit politisch korrekten Vorwürfen zu begegnen.

– Ideologisierung durch das Eingebundensein der Gender Studies in die politisch korrekte (vulgär-)poststrukturalistische ideologische Weltsicht. Dadurch sind die Gender Studies Beschränkungen durch entsprechende politisch korrekte Vorgaben und Interpretationen ausgesetzt, über die nicht hinausgedacht werden kann/darf.

– Hinsichtlich der theoretischen Grundlagen der Gender Studies (z.B. bei Vorstellungen zu philosophischer Anthropologie, Ethik, Erkenntnistheorie) besteht eine weitgehende Abspaltung vom und Ignoranz gegenüber dem eigentlichen Diskussionsstand in der Philosophie.

Und dies alles findet sich auch – z.T. in noch stärkerer Ausprägung – auf gender-feministischen Blogs wieder, denn zwar sind die Gender Studies als Disziplin etwas anderes als der Gender-Feminismus als soziale Bewegung, aber es gibt natürlich Wechselwirkungen.

Es werden sich bei den Vertretern der Gender Studies sicherlich trotzdem mal Einzelpersonen finden, auf die die genannten Kritikpunkte nicht oder in geringerem Maße zutreffen.
Ich hatte ja mal Stefan Hirschauer als einen Vertreter der Gender Studies erwähnt, den ich durchaus gerne lese und der ja auch selbst die Ideologisierung im Feld der Gender Studies kritisiert hat. Aber das sind eben die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Grundsätzlich gilt m.E.: die Gender Studies sind unwissenschaftlich, sie versuchen sich (und ihre Unwissenschaftlichkeit) in zahlreichen anderen Disziplinen zu verankern, stellen m.E. zumindest in langfristiger Perspektive ein Risiko für den universitären Wissenschaftsbetrieb dar, die Gender Studies scheinen nicht selten einen negativen Einfluss auf Studenten zu haben, die das Fach studieren, insofern die Gender Studies zumindest einen Beitrag dazu leisten ideologisierte politisch korrekte Mentalitäten hervorzubringen, die nur in eine Richtung denken können, zum Opfernarzissmus neigen und eine geringe Wertschätzung für die Meinungsfreiheit haben.

Es gibt m.E. gute Gründe die Abschaffung der Gender Studies zu fordern (und dafür muss man keineswegs konservativ/rechts sein).

Ich bin hinsichtlich meiner politischen Weltsicht wesentlich libertärer Sozialist und kein Fan der DKP, aber die DKP hat in diesen Fall mit ihrer Kritik an den Gender Studies (Partikularismus, Identitätspolitik, aufklärungsfeindlich) m.E. schon Recht.

Ende des Gastartikels, ab hier wieder ich: Der von Leszek erwähnte Artikel bei „Alles Evolution“ war „Sind Gender Studies unwissenschaftlich?“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Irgendwie musste ich bei der Diskussion um Wissenschaftlichkeit an „das logische Lied“ denken.

Supertramp: The Logical Song

Fundstück: Leszek zu der Frage, warum Soziologen so selten Gender Studies kritisieren

In der Diskussion des gestrigen Artikels kamen von LoMi zwei Empfehlungen:

– die herrschenden sozialwissenschaftlichen “Theorien” oder Theorien müssen auch sozialwissenschaftlich kritisiert werden ==> wissenschaftliche Hygiene
– die Geschlechterforschung muss deutlich interdisziplinärer werden ==> bessere Gegenstandsangemessenheit

Das ist eine Steilvorlage für zwei weitere Artikel, die ich ohnehin schon ganz oben auf meiner Liste hatte. Zur ersterem hatte sich Leszek bei Alles Evolution ausgiebig geäußert. (Ich empfehle auch den Original-Artikel, weil ich da stellenweise sehr lachen musste.) Weiter geht’s mit der „Wir zitieren Leszek-Aktion“!

Bezüglich der mangelnden Kritik der Soziologen an den Gender Studies wäre es wichtig die Gründe dafür zu analysieren und zwar aus einer realistischen Perspektive.
Folgende Gründe könnte es geben, warum ein Soziologe, der selbst keine Gender Studies betreibt, die Gender Studies nicht kritisiert:

– Er kann die Gender Studies ausreichend beurteilen und stimmt deren Positionen im Großen und Ganzen zu. (Das dürften wohl die Wenigsten sein, welcher Soziologe interessiert sich schon für Gender Studies und versucht sich da reinzuarbeiten?)

– Er kann die Gender Studies nicht auseichend beurteilen und assoziiert diese einfach irgendwie relativ vage mit Analyse und Kritik starrer traditioneller Geschlechterrollen, wogegen er nichts hat, kümmert sich ansonsten aber nicht um Gender Studies, sondern ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er kann die Gender Studies nicht ausreichend beurteilen und interessiert sich auch nicht dafür, hat dazu keine Meinung und ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, hat aber keine Lust sich genauer in diese einzuarbeiten um eine fundierte Kritik zu formulieren, da er mit eigenen Projekten beschäftigt ist, die ihn mehr interessieren.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, weiß aber, dass ihm Anfeindungen drohen (“Sexist”, “Antifeminist”, “rechts” etc.), wenn er sie öffentlich kritisiert, daher lässt er es lieber.

Man muss hier also im Hinterkopf haben:

Ein Soziologe, der die Gender Studies kritisieren will, muss sich erstens in das Thema einarbeiten, damit seine Kritik fundiert ist und nicht einfach aufgrund inhaltlicher Fehler abgeschmettert werden kann. Das kostet erstmal Zeit.

Und zweitens müsste ein soziologischer Gender-Kritiker nachdem er seine Kritik veröffentlicht hat mit öffentlichen Anfeindungen seitens der Genderisten rechnen, eventuell mit schweren Anfeindungen, bei der Gefahr besteht, dass sie seiner Karriere schaden könnten.

Soziologen sind im Durchschnitt nicht heldenhafter und egoismusfreier als der Rest der Menschheit und so ist es wenig verwunderlich, dass diese Situation nicht gerade motivierend wirkt.

Das ist bedauerlich, aber man muss es realistisch analysieren.
Hier müssten also erstmal ein paar Mutige den Anfang machen, die sowohl die Zeit und Motivation haben sich in den Gender Studies-Quatsch einzuarbeiten und die die psychischen Voraussetzungen hätten mit entsprechenden Anfeindungen klar zu kommen.

Spätestens hier musste ich erneut heftig schmunzeln bei der Vorstellung, wie Leute erst den Aufwand nicht scheuen, gewissenhaft die Gender Studies von innen durchleuchten und es dann aushalten, nach dem Motto „Undank ist der Welten Lohn“ öffentlich zur Unperson erklärt zu werden. Schön wär’s.

Ernsthaft überlegt: Dafür muss jemand genügend Geld haben, um nicht arbeiten zu müssen, und gleichzeitig so unabhängig von seinem öffentlichen Ruf, dass er sich das leisten kann. Das kann ich mir am ehesten bei jemandem von den „jungen Alten“ vorstellen. Als erste Motivation sähe ich das Ideal der „redlichen Wissenschaft“ und der „sauber geführten Debatte“. Also kein unmöglicher Fall, aber nicht das klassische Publikum, das hier in der Blogblase verkehrt. Aber man darf noch hoffen…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Text fängt direkt damit an, dass jemand sich sagen läßt, er habe „den Glauben an Wissenschaft und Fortschritt“ verloren.

Sting: If I Ever Lose In You

Gastartikel: Leszek und die Soziologie

Leszek hat vor einigen Tagen mal wieder einen längeren Kommentar geschrieben, den ich für so lesenswert halte, dass ich aus ihm einen Gastartikel mache. Die „Wir zitieren Leszek-Aktion“ geht weiter! Also, ab jetzt Leszek im Original:

Mal abgesehen davon, dass zwei Mitdiskutanten hier (Djadmoros & Lomi) Soziologen sind und die beiden viele der besten Beiträge zur Männerrechtsbewegung im Netz verfasst haben:

– Der bedeutendste Vordenker der Männerrechtsbewegung Warren Farrell hat Sozialwissenschaften und Politikwissenschaft studiert.
– Die Soziologen Walter Hollstein, Gerhard Amendt, Christoph Kucklick und Anthony Synnott haben jeweils wichtige Standardwerke zur Männerrechtsbewegung geschrieben.
– Ein großer Teil der Forschungsbefunde zu Männern als Opfer häuslicher Gewalt geht direkt oder indirekt auf den Soziologen und Gewaltforscher Murray A. Strauss zurück. Dieser hat die Conflict Tactics Scales-Methode (CTS-Methode) entwickelt, eine der wichtigsten Forschungsmethoden in der zeitgenössischen Gewaltforschung.
– Der Partnerschaftssoziologe Bastian Schwithal schrieb ein Standardwerk zum Thema “Weibliche Gewalt in Partnerschaften”.
– Der norwegische Unterhaltungskünstler und Gender-Kritiker Harald Eia ist Soziologe.
– Dr. Alexander Ulfig, Mitbetreiber von Cuncti, hat Philosophie und Soziologie studiert.
– Esther Vilar hat u.a. Soziologie studiert.

Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die den Anliegen und Argumentationen der Männerrechtsbewegung zugrundeliegen, stammen zu großen Teilen aus soziologischen oder anderen sozialwissenschaftlichen Quellen, die Männerrechtsbewegung ist wesentlich eine sozialwissenschaftlich und soziologisch fundierte Bewegung. Der Beitrag der Sozialwissenschaften zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Männerrechtsbewegung ist viel größer als z.B. der Beitrag der Evolutionären Psychologie (die in den meisten Standardwerken der Männerrechtsbewegung höchstens eine Nebenrolle spielt).

Und gesamtgesellschaftlich betrachtet: Es ist nicht möglich – weder für Parteien und Politiker, noch für soziale Bewegungen, Gewerkschaften oder außerparlamentarische Organisationen und Gruppen oder irgendwen sonst informierte und fundierte Entscheidungen zu gesellschaftlichen Themen zu treffen ohne Forschungsbefunde der Soziologie oder anderer Sozialwissenschaften heranzuziehen, weil ohne diese schlicht keine Daten zu den verschiedensten gesellschaftlichen Themen verfügbar wären: Keine gute Familienpolitik ist möglich ohne Familiensoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Familie erforschen), keine gute Migrationspolitik ohne Migrationssoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Migration erforschen), keine gute Jugendpolitik ohne Jugendsoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Jugend erforschen), keine gute Kriminalpolitik ohne Kriminologie und Kriminalsoziologie usw.
Und Disziplinen wie politische Soziologie, Wirtschaftssoziologie, Rechtssoziologie und Religionssoziologie sind zum Beispiel absolut grundlegend um die jeweiligen gesellschaftlichen Teilsysteme in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang verstehen zu können (ebenso sind natürlich auch hier noch andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die sich mit den entsprechenden Themen befassen wichtig).

Ohne Soziologie und andere sozialwissenschaftliche Disziplinen kann eine moderne Gesellschaft also gar nicht in rationaler Weise organisiert werden, können gesellschaftliche Probleme nicht wissenschaftlich analysiert und angegangen werden, können wünschenswerte gesellschaftliche Ziele nicht wissenschaftlich fundiert bestimmt und angestrebt werden, da es eben Soziologie und andere sozialwissenschaftliche Disziplinen sind, die die hierfür notwendigen wissenschaftlichen Daten zusammentragen.

Damit will ich nicht sagen, dass Soziologen zwangsläufig genauso viel verdienen sollten wie Informatiker oder Ingenieurwissenschaftler, wohl aber, dass die Soziologie sehr wichtig ist – sowohl für die Männerrechtsbewegung als auch für die Gesellschaft (und Weltgesellschaft).

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei verschiedenen Wissenschaften muss ich immer an folgendes Lied denken…

Sam Cooke: What A Wonderful World

Gastartikel: Leszeks Kritik an den Thesen zum Maskulismus

Auf „Alles Evolution“ sind gestern Thesen zum Maskulismus (von Lightyear) erschienen.

Der Stammkommentator Leszek, welcher sich nicht zu schade ist, in ellenlangen Kommentaren verschiedene Strömungen des Feminismus und Maskuslismus zu differenzieren, hat auch hierzu einen Kommentar geschrieben. Vom Autor des Blogs Meinungen und Deinungen kam die erste Reaktion: „Sehr schöne Zusammenfassung, hätte einen eigenen, verlinkbaren Blogpost verdient.“

Das läßt sich machen! Ich hatte ja ohnehin schon früher „angedroht“, eine „Wir zitieren Leszek“-Aktion zu machen, und nehme das als Anlass, dies in die Tat umzusetzen. Der Kommentar selbst hat natürlich ebenfalls Kritik und Kommentare verdient (er wurde ja auch bei Christian Schmidt diskutiert). Ich habe mir erlaubt, ein wenig Formatierung und bessere Verlinkung durchzuführen; inhaltlich bleibt es dasselbe.

“Was würdet ihr gegen Lightyears Thesen anführen?”

Die Thesen sind komplett unwissenschaftlich, ohne Kenntnis männerrrechtlicher Literatur, männerrechtlicher Strömungen und Theorien und der Männerrechtsbewegung nahestehender Organisationen.

“1. Im Maskulismus sind Männer immer Opfer”

Der Maskulismus lehnt die Auffassung ab, dass Männer eine privilegierte Klasse seien:

Die Ablehnung der Theorie von Männern als privilegierter Klasse als zentraler Ausgangspunkt maskulistischen Denkens

Er verweist auf Diskriminierungen, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind (Männerbewegung, Was wir wollen, Rezension zu „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“), versucht die Existenz dieser Mißstände zu belegen, ihre Ursachen zu erforschen, diese Mißstände in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und Mittel und Wege zu ihrer schnellstmöglichen Beseitigung zu finden.

Es gibt im linken und liberalen Maskulismus aber keine Theorie, nach der Frauen eine privilegierte Klasse seien analog zu der Auffassung, dass Männer eine privilegierte Klasse seien im vorherrschenden Feminismus. Dafür gibt es im linken und liberalen Maskulismus aber theoretische Ansätze, um zu versuchen Diskrimierungen, soziale Problemlagen und Menchenrechtsverletzungen bezüglich beider Geschlechter zu erfassen.

Der zentrale Vordenker der Männerrechtsbewegung Warren Farrell sprach von der bisexistischen Rollenverteilung, durch die beide Geschlechter diskrimimiert werden, der Philosoph David Benatar thematisiert gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus auf eine Weise, die sich gleichzeitig auch gegen Sexismus wendet, von dem Mädchen und Frauen betroffen sind, der Soziologe Christoph Kucklick analysiert Männerfeindlichkeit in ihrer historischen Dimension bei gleichzeitiger Kritik jeder Frauenfeindlichkeit, außerdem gibt es im linken Maskulismus das Konzept des integralen Antisexismus, das eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen anstrebt, welche Männer, Frauen, Intersexuelle und Transgender theoretisch, wissenschaftlich und politisch berücksichtigt.

Solche integrierenden Ansätze fehlen im zeitgenössischen Mainstream-Feminismus komplett, es gibt sie nur bei dissidenten Feministinnen aus dem Spektrum des liberalen Feminismus. Allerdings müssen diese integrierenden Ansätze im Maskulismus noch genauer ausgearbeitet werden, um sie stärker zur Geltung zu bringen.

“2. Maskulisten haben keine Praxis”

Der Männerrechtsbewegung nahestehende Organisationen wie MANNdat, Gleichmaß, Agens und Väteraufbruch für Kinder haben selbstverständlich eine Praxis.

Es trifft allerdings zu, dass es in der Männerrechtsbewegung in Deutschland im Gegensatz zu anderen sozialen Bewegungen leider bislang keine gewaltfreien Aktionsgruppen gibt, die mit Hilfe der potentiell sehr wirkungsvollen Methoden des zivilen Ungehorsams und der gewaltfreien direkten Aktion versuchen berechtigte männerrechtliche Anliegen in der Öffentlichkeit bekanntzumachen und Sympathie und Interesse für diese zu wecken. Die Durchführung von gewaltfreien Aktionen, die geeignet sind Sympathie und Interesse für männerrechtliche Anliegen in der Öffentlichkeit zu schaffen, wäre m.E. ein wichtiger nächster Schritt für die Männerrechtsbewegung.

“3. Maskulisten bashen Feminismus, haben sonst keine eigenen Ideen”

Das Schwerpunktthema des Maskulismus sind Diskriminierungen, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind. Um diese bekannt zu machen und die falsche Auffassung, Männer seien eine privilegierte Klasse zurückzudrängen ist eine Kritik am heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus (Radikal-/Gender-/Staatsfeminismus) unvermeidbar, da diese mit ihren medial, akademisch und politisch leider zur Zeit noch einflussreichen einseitigen und falschen Konzepten zu männlichen Diskriminierungen beitragen.

Allerdings ist der vorherrschende Feminismus nur einer von mehreren Aspekten, die zu männlichen Diskriminierungen beitragen. Nicht in den zentralen männerrechtlichen Büchern, aber auf manchen männerrechtlichen Blogs wird einer Analyse der Ursachen männlicher Diskriminierungen in multikausaler und intersektionaler Perspektive m.E. manchmal zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

“4. Maskulisten wünschen sich ihre Privilegien zurück, die vor 50 Jahren noch hatten.”

Männer waren auch vor 50 Jahren und davor keine privilegierte Klasse (Wehrpflicht, schwere und gefährliche Arbeiten als typische Männerjobs, Einschränkung der persönlichen Entfaltung und der freien Wahl der Lebensweise durch traditionelle Geschlechterrollen). Im linken und liberalen Maskulismus will niemand dahin zurück. Im konservativen Flügel der Männerrechtsbewegung gibt es auch Einzelpersonen, die traditionelle Geschlechterrollen bejahen, aber diese Leute sind irrelevant für die maskulistische Theorie.

Arne Hoffmann schreibt in seinem Buch “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” zu den Nachteilen der traditionellen Geschlechterrolle für Männer:

„Diese Ablehnung (von traditionellen Geschlechterrollen als Leitbild) ist innerhalb der Männerbewegung allerdings keineswegs neu. Bereits im Jahr 1981 erklärte der amerikanische Männerrechtler Fredric Hayward in einer Rede, die er bei dem Nationalen Kongress für Männer hielt: „Wir dürfen die Frauenbewegung nicht umkehren, wir müssen sie beschleunigen. Die Befreiung der Männer ist kein Backlash, denn es gibt nichts an den traditionellen Geschlechterrollen, wozu ich zurückkehren will.“
Auch ich habe in meinen Veröffentlichungen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass vielen von uns Männerrechtlern der Feminismus nicht zu weit gehe, sondern nicht weit genug. Der Rosenheimer Sozialpädagoge Wolfgang Wenger, einer der Pioniere einer linken Männerrechtsbewegung in Deutschland, vertritt eine ähnliche Haltung: „Persönlich beschäftigt mich noch die Frage nach der Ausgestaltung eines modernen Maskulismus“, verrät Wenger in einem Interview, „da mir einseitige und falsch verstanden altmodische Männerbilder ein Greuel, weil einengend sind. Mir geht es sehr darum, Männlichkeit und Jungenhaftigkeit in all seiner Vielfalt wahrzunehmen und zu akzeptieren und vor allem, diese Bilder positiv zu besetzen.“

In meinem im Frühjahr 2012 veröffentlichten Essay „Vergesst die Rechten!“ habe ich dazu schon Wesentliches ausgeführt. Aufhänger war dabei eine Diskussion, die ich auf Facebook mitverfolgt hatte. Einer der Teilnehmer, den ich seinem Profil nach dem Lager der Neuen Rechten zuordnen würde, ereiferte sich darüber, wie wenig es in unserer sichtlich zugrunde gehenden Kultur noch ganz normaler Konsens sei, dass ein Mann sein Leben gibt, um das einer Frau zu schützen. Neugierig geworden erkundigte ich mich danach, ob er damit meinte, dass eine Frau ein höheres Recht auf Leben als ein Mann habe. Ich erhielt zur Antwort, ja, so sei es, das wisse man doch schon von Schiffsunglücken, wo es „Frauen und Kinder zuerst“ heiße. Ich fragte nach, mit welcher Begründung denn eine Gruppe von Menschen ein höheres Recht auf Leben als eine andere genießen solle. Mein Gesprächspartner teilte mir mit, das sei doch offenkundig: Frauen würden „die Brut“ austragen und seien damit von wesentlich größerer Bedeutung als Männer für den Fortbestand der menschlichen Rasse (von der Nation vermutlich ganz zu schweigen). Ich hakte unverdrossen noch einmal nach und erkundigte mich, ob er dann auch der Ansicht sei, dass eine nicht mehr gebärfähige Frau ein geringeres Recht auf Leben habe als eine, die in der Lage ist, noch viele Kinder auszutragen. Mein inzwischen immer mürrischer gewordener Gesprächspartner grummelte etwas davon, dass ich allmählich auf den Trichter kommen würde zu kapieren, wie in einer gesunden Volksgemeinschaft die Hierarchie des Rechts auf Lebens geregelt sein sollte. Andere Männer aus seinem politischen Umfeld begannen ihm beizuspringen. Gegenwind bekam er außer von mir bezeichnenderweise nur von einer Frau, die seine Einstellung als so reaktionär bezeichnete, wie sie war: entweder weil diese Frau die Etablierung der hierarchiefreien Menschenrechte noch mitbekommen hatte, die für meinen Gesprächspartner wohl nur ein weiteres Verfallssymptom unserer Gesellschaft darstellten, oder weil sie witterte, dass mit dem angeblichen höheren Lebensrecht von Frauen, von dem man auf Facebook schnell daherschwadronieren kann, solange man nicht selbst in Todesgefahr schwebt, Regelungen verbunden sind, die für eine Frau im Jahr 2012 nicht nur von Vorteil sind. Wenn beispielsweise Taliban ihre Frauen nicht ohne Begleitung aus dem Haus gehen lassen, dann ganz sicher nur in dem wohlmeinenden Interesse, deren höheres Recht auf Leben so gut wie nur irgend möglich zu schützen…
Tatsächlich stellt das althergebrachte Männerbild eine gigantische Belastung dabei dar, sich für Männerrechte und gegen Männerdiskriminierung einzusetzen, denn eben dieser Anachronismus verlangt es von Männern, stark zu sein wie eine Eiche, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Jungen weinen nicht und Indianer kennen keinen Schmerz. Es wird im Verlauf dieses Buches noch zu zeigen sein, wie geschickt gerade auch viele Feministinnen diese überholten Rollenerwartungen immer wieder zu instrumentalisieren versuchen, um Männer, die über Opfererfahrungen sprechen, als „Jammerlappen“ und „Plärrer“ abzuwerten. Tatsächlich, macht der Soziologe und Geschlechterforscher Professor Walter Hollstein klar, ist nicht zuletzt unser tradiertes Rollenbild schuld daran, dass sich Jungen und Männer zigfach häufiger das Leben nehmen als Frauen und Mädchen: Sie töten sich lieber, als Schwäche zu zeigen. An eben jenem überholten Rollenbild liegt es auch, dass beispielsweise die Häufigkeit von Depressionen bei Männern massiv unterschätzt und selbst von Ärzten unterdiagnostiziert wird: ein Missverhältnis, das sich erst in den letzten Jahren, unter anderem nach der medialen Berichterstattung über die Selbsttötung des Nationaltorwarts Robert Enke zu ändern begann.

Einer der entscheidenden Pferdefüße der althergebrachten Männerrolle liegt darin, wie sehr sie dazu führte, dass nicht nur das Leiden, sondern auch das Leben von Männern gering geschätzt wird. Als etwa beim Bau des Panamakanals circa 25.000 Männer ihr Leben verloren und ziemlich genau null Frauen, kam kein Mensch auf die Idee, dies als Grundlage für eine Bewegung gegen die Diskriminierung von Männern zu verwenden. Wären die Geschlechterverhältnisse umgekehrt gewesen, hätten Feministinnen längst darauf aufmerksam gemacht.“

(Aus: Arne Hoffmann – Plädoyer für eine linke Männerpolitik, S. 75 f.)

Die Kritik an den Nachteilen der traditionellen Geschlechterrolle für Männer im linken und liberalen Maskulismus impliziert jedoch nicht, Männern und Frauen, die von sich aus gerne traditionell leben möchten vorzuschreiben, sie dürften dies nicht tun oder sie für diese Lebensweise abzuwerten. Über die eigene Lebensweise soll jedes Individuum selbst bestimmen. Eine konsequente Ablehnung von Geschlechterrollen als Leitbild bedeutet eben gerade: Keine normativen Rollenvorgaben.