Fundstück: chrima und Leszek über Magnus Klaue

Zum Fundstück „Magnus Klaue über Critical Hetness und Knutschverbot“ schrieb chrima in einem Kommentar:

Klaue? Magnus Klaue! Aua, der tut weh!
Dieser Väter- und Männerfeind hat seine mit Vorurteilen gegen Männer durchtränkte Ideologie u.a. in der konkret verbreitet:
http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=menshealth&jahr=2004&mon=02

Der Artikel heißt „Men’s Health“ und hat den Anriss „Die Nation wird von Emanzen, Lesben und Rabenmüttern unterwandert. Doch der „Väteraufbruch“ leistet Widerstand„. Ich gebe zu, dass ich diesen bislang nicht gelesen habe.

Eine kurze Suche bei Genderama nach Magnus Klaue ergibt einen Treffer im Januar 2008, bei dem Arne Hoffmann ihm „wirres Geschreibsel über die sich angeblich am Islam orientierende deutsche Männerbewegung“ bescheinigt. Auch das habe ich nicht weiter geprüft. Es ist für mich allerdings ein Hinweis, ein wenig Vorsicht walten zu lassen.

Was mir selbst aus dem realen Leben gut bekannt ist: Jemand hat bei einem Thema eine scharfe Beobachtungsgabe, ist bei einem anderen aber scheinbar völlig zugenagelt. Diese Deutung bietet auch Leszek in einem antwortenden Kommentar an:

Danke für den Hinweis, das war mir nicht bekannt.

Sein Artikel zur Kritik von Critical Hetness ist aber m.E. trotzdem gut und auch manches andere was er so speziell zur Kritik des Postmodernismus und der postmodernen Political Correctness schreibt, ist m.E. lesenswert.
Scheint sich um eine Person zu handeln, die bei manchen Themen ein Brett vorm Kopf hat, bei anderen Themen aber zu interessanten Analysen fähig ist.

Eine Mischung aus Einseitigkeit und Beschränktheit bei bestimmten Themen einerseits und der Fähigkeit zu interessanten und intelligenten Analysen bei anderen Themen andererseits, findet sich m.E. häufiger bei Theoretikern aus dem Spektrum der antideutschen Linken, zu dem ja auch Magnus Klaue gehört. In diesem Sinne muss man diese m.E. stets differenziert und kritisch rezipieren.

Er erinnert außerdem daran, dass Klaue einen weiteren Text verfasst hat, der in diesem Blog bereits in den Kurznachrichten positiv aufgegriffen wurde. Für die Debatte ist so eine differenzierte Wahrnehmung nur förderlich. Es ist auch das Gegenteil eines Schwarzweißbildes, welches ich immer wieder kritisiert habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Den Spaß konnte ich mir nicht verkneifen: Eine nichtdeutsche Band singt auf Deutsch über eine Stadt in Deutschland, deren Name jedoch aus sozialistischer Zeit stammt, wobei diese Stadt als Motiv nur wegen des Bezuges auf Karl Marx ausgewählt wurde, der wiederum mit der Stadt ansonsten nichts zu tun hat… ist das jetzt ein gutes oder böses Lied aus antideutscher Sicht?

Мегаполис (Megapolis): Karl-Marx-Stadt

Fundstück: Magnus Klaue über Critical Hetness und Knutschverbot

Leszek wies in einem Kommentar auf einen älteren Beitrag auf einen Artikel von Magnus Klaue hin, in dem es um „Kritik an dem gender/queer-feministischen Critical Hetness/Knutschverbot-Schwachsinn“ geht. Das halte ich für so erwähnenswert, dass ich die von Leszek zitierten Passagen hier ebenfalls wiedergebe.

Magnus Klaue – Das gelebte Nichts

„Wer noch Zweifel daran hegt, daß der auf ungeteilte Freiheit zielende Anspruch der Frauen- und Homosexuellenbewegung unter den Vorzeichen von Gender und Queerness zugunsten einer identitären Cliquen- und Blockwartpolitik preisgegeben wird, die im Namen von »Definitionsmacht« und »Heteronormativitätskritik« den an sich und der Welt verrückt gewordenen Restsubjekten erlaubt, ihren Voluntarismus mit dem guten Gewissen moralisch Größenwahnsinniger auszuleben, der sollte ein paar Stundenmit der Lektüre des Blogs »Mädchenmannschaft« (maedchenmannschaft.net) verbringen.

(…)

Und »Katze« plaudert sogar offen aus, daß der zerqueerte Feminismus unter dem Alibi von Respekt und Sensibilität die häßlichsten Wünsche autoritärer Pädagoginnen von anno dazumal erfüllt: »Eine Lehrerin hatte zu uns damals in der siebten Klasse mal gesagt, wir sollen doch bitte nicht auf dem Schulhof rumknutschen, das koennte Menschen verletzen, die gerade Liebeskummer o.ae. haben. Damals haben wir ueber sie gelacht, heute kann ich es sehr gut nachvollziehen. Auch wenn man vielleicht nicht direkt weiss, wie man es konkret in die Tat umsetzen soll, so finde ich, allein schon der Schritt des Reflektierens, Hinterfragens und darueber Nachdenkens ein sehr wichtiger. Privilegien sollten immer hinterfragt werden!«
Daß in der vernunftverhafteten Normsprache ein Privileg einen illegitimen Vorteil bezeichnet, der einer dadurch über eine Mehrheit sich erhebenden Minderheit zukommt, und daß es bei dem wichtigtuerisch so genannten »Hinterfragen von Privilegien«, das die Queer-Community betreibt, im Gegenteil darum geht, von einer Mehrheit gepflegte Verhaltensweisen im Namen von Sonderrechten zu sanktionieren, also für das eigene, zum lebensnotwendigen Identitätsmerkmal hypostasierte Minderheitendasein Privilegien zu schaffen, um der »heteronormativen« Mehrheit im Namen minoritärer Empfindlichkeiten allerlei Verhaltensmaßregeln aufzwingen zu dürfen– das sind fast schon Petitessen angesichts der Mischung aus Idiotie und Dreistigkeit, mit der sich geschlechterpolitisch progressiv dünkende Menschen ihr neuerwachtes Verständnis für die Sexualfeindlichkeit der Großelterngeneration bekunden.

(…)

Während die kleinbürgerliche Prüderie das transzendierende Moment des Sexus in der Mahnung, ihn nicht allzu deutlich zur Schau zu stellen, zumindest negativ festhält, zielt die nachbürgerliche Prüderie darauf, alle noch vorhandene Restlust in die Affirmation der totalisierten Lustlosigkeit zu verwandeln, die ohnehin Status quo ist. Deshalb können Queere, obwohl sie Homosexuelle als Minorität politisch mitzuschleppen suchen, auch mit schwulem und lesbischem Begehren letztlich nichts anfangen, einfach, weil es überhaupt noch ein spezifisches, an spezifische Objekte sich heftendes Begehren ist.

(…)

Gemäß der als »Definitionsmacht« kodifizierten Regel, daß jeder Wahn respektiert werden muß, solange die von ihm Befallenen an ihn glauben, ist man der Definition von »Aven« zufolge asexuell, »wenn man sich selbst so sieht«.“

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dem Zeitschriftennamen „konkret“ muss ich an eine Zeile aus dem Refrain folgenden Liedes denken…

Die Fantastischen Vier: Was geht

Fundstück: Radikalfeministinnen gegen intersektionale Feministinnen

Es ist Zeit, die strategischen Popcorn-Reserven anzubrechen: Unter dem Titel „Berliner Szene: Die Hetzfeministinnen“ schießt die Emma gegen die Netzfeministinnen (die poststrukturelle, intersektionale Genderfeministinnen sind). Da kann es eigentlich nur Gewinner geben.

Es kommt auch zu allerlei unfreiwillig amüsanten Formulierungen, dem Vorwurf etwa, die Netzfeministinnen etwa würden Menschen mit der falschen Meinung einfach den Mund verbieten und sie diskreditieren. Wie Fefe bereits sehr treffend kommentierte:

Das ist bei Emma natürlich völlig ausgeschlossen, dass Kritiker mit plumpen Parolen mundtot gemacht werden sollen!1!!

Alles Evolution brachte eine Twitter-Ernte als Artikel. Eine unvollständige Auswahl an Höhepunkten:

  1. Ist die Emma jetzt dem Patriarchat zuzurechnen?
  2. Hat der Artikel bei der Emma absichtlich keine namentlich genannte Autorin, damit die Netzfeministinnen nicht wie üblich die berufliche Existenz eines Kritikers durch eine konzertierte Aktion vernichten können?
  3. Müsste nach der Logik „einem Opfer muss immer geglaubt werden“, die vom poststrukturellen, intersektionellen Genderfeminismus eingefordert wird, der Emma nicht pauschal recht gegeben werden, wenn sie sich über Ausgrenzung beklagt?

In der Zwischenzeit hat Christian Schmidt den Zwist dankenswerterweise in einem richtigen Artikel aufgearbeitet: „Emma-Feminismus“ vs „Netzfeminismus“: EMMA bezeichnet Anne Wizorek, Jasna Strick, Teresa Bücker etc als Hetzfeministen. Hier wird auch auf die Unterschiede in den Ideen eingegangen, der hinter den beiden Feminismusvarianten steckt. Solche Erklärungen halte ich – abseits von allem Amüsement – für sehr wichtig.

Es hat einen großen Nutzen, einmal einige Punkte zu nennen, in denen Alice Schwarze und Co einerseits und Anne Wizorek und Co andererseits gegensätzliche Ansichten vertreten. Zum einen ist das Prostitution (dagegen / dafür), zum anderen Islam (grundsätzlich böse / grundsätzlich gut). Da ist es nämlich kein Wunder, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt: Man wird immer einem bestimmten feministischen Weltbild widersprechen, egal was man vertritt. Auch eine abwägende Haltung zu Prostitution oder Islam ist damit immer antifeministisch.

Was sich in diesem Konflikt abzeichnet, ist eine Wachablösung wie in der englischsprachigen Welt, hier allerdings verschärft, weil es in Deutschland jahrzehntelang eigentlich nur eine einzige Feministin gab, die Autorität und Geltung hatte: Alice Schwarzer. Die jungen Feministinnen müssen deswegen eine Emanzipation gegen Schwarzer durchführen, weil diese so lange alles weggebissen hat, was sich als Alternative zu ihr hätte bilden können. Weil Erneuerung so lange abgeblockt wurde, muss sie nun mit einem Knall kommen. Die im Emma-Artikel aufgeführten früheren Szenen („Girlies“ aus den 1990ern, Alphamädchen aus den 2000ern) dienen da als warnende Beispiele!

Zu den zitierten Debatten aus den 1970ern mit den diversen „Widersprüchen“ empfehle ich die Erklärung von Leszek in einem Kommentar, der darstellt, wie aus dem Haupt/Nebenwiderspruch die Intersektionalitätstheorie ursprünglich als fortschrittliche These entgegengestellt wurde.

Am Ende geht es bei dem Konflikt natürlich ums liebe Geld. Hier konkurrieren Alice Schwarzer (Geld ins Ausland geschafft) und Anne Wizorek (Posten von der Regierung bekommen).

Egal, wie es ausgeht: Es ist sehr angenehm, zu erleben, wie sich zwei männerfeindliche Feminismusvarianten gegenseitig anfeinden!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das Lied wurde im Zusammenhang mit dem Zoff schon leicht abgewandelt von den Weltraumaffen auf Twitter zitiert.

Freundeskreis: A-N-N-A

Fundstück: Leszek verteidigt Konservative

Ganz im Sinne des gestrigen Beitrags geht es heute weiter, wenn es auch diesmal eines längeren Vorlaufs bedarf. Zu einem Artikel bei Alles Evolution, der ein Interview mit Jordan Peterson bespricht, schrieben crumar und Leszek sehr erhellende Kommentare.

Zunächst crumar:

So sehr ich das Anliegen von Jordan Peterson (ebenfalls bspw. Sargon) schätze und unterstütze in ihrem Kampf um „freedom of speech“, so sehr geht mir seine Unkenntnis und (angelsächsische) Ignoranz auf die Nerven.

Bevor ich dazu Beispiele für meine Kritik bringe, möchte ich ein weiteres Video mit ihm empfehlen, weil ich die Kritik an den SJW prinzipiell teile:

Seine in diesem Video vorgestellte These, seine Erkenntnisse bezüglich einer *autoritären Persönlichkeit auf der Linken* sei neu ist jedoch falsch und entweder eine Lüge oder der Tatsache geschuldet, dass er nur Veröffentlichungen im angelsächsischen Sprachraum zur Kenntnis nimmt.

Falls es noch niemandem aufgefallen ist: Die meisten Forscher und Forscherinnen im angelsächsischen Sprachraum können nur *in einer einzigen Sprache* lesen und schreiben, nämlich Englisch.

Was Peterson daher m.E. wahrgenommen hat, sind die in den USA veröffentlichten Forschungsergebnisse der „Frankfurter Schule“ zur „autoritären Persönlichkeit“, die schließlich 1950 in der Veröffentlichung der „The Authoritarian Personality“ mündete.

Dazu hier mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Autoritäre_Persönlichkeit

Hieraus geht hervor, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Konservativismus und autoritärer Persönlichkeit gibt.
Dies war natürlich leitend für die weitere Autoritarismus-Forschung.

Würde er jedoch Kenntnis von E. Fromms Studie von 1929/30, die später unter dem Titel „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritte Reiches“ (sehr viel später) veröffentlicht worden ist, besitzen, dann wäre seine These abenteuerlich.

Denn die zentrale Erkenntnis dieser Studie war:

„Die Erwartung, daß sich bei den Arbeitern und Angestellten ein revolutionärer Charakter ausmachen ließe, der durch ein solidarisches, nicht konkurrentes und liebendes Ich gekennzeichnet sein sollte, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Viele Anhänger der politischen Linken waren gekennzeichnet durch den Widerspruch zwischen politischen Zielen, die auf eine Überwindung der Klassengesellschaft zielten, und persönlichen Haltungen, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, die eindeutig einem autoritären Modell zuzurechnen sind.“

http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/autoritaere-persoenlichkeit/1819

D.h. seine These ist wenig originell und schon mal gar nicht neu.
Dann unterschlägt er weiterhin alles, was Wilhelm Reich an einem autoritären Sowjetstaat in „Die Massenpsychologie des Faschismus“ kritisiert hat. Es ist 1946 auf Englisch erschienen; wenigstens so sollte er es gelesen haben.

Der Kommentar ist ursprünglich noch länger. Für mich spielte vor allem der Verweis auf die Forschung von Erich Fromm eine Rolle. Auf diese bin ich erst vor kurzem aufmerksam geworden, weil sie in dem Artikel „AfD, BNP, Front National, Norbert Hofer, Donald Trump – überall Rechtspopulismus?“ erwähnt wird. Dort geht es unter anderem um den französischen Soziologen Didier Eribon, welcher feststellt, dass die Arbeiterklasse durchaus rechts und autoritär sein kann: Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (beide Quellen via Nachdenkseiten gefunden). Also insgesamt eine interssante These, die auch anderswo aufgegriffen wird.

Hierzu nun der vollständige Kommentar von Leszek:

Danke für diesen wichtigen Beitrag.

Eine kleine Ergänzung.
In Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ ist der autoritäre Charakter nicht als konservativ, sondern explizit als pseudo-konservativ bezeichnet worden.

Adorno und Horkheimer haben zudem in späteren Schriften deutlich zum Ausdruck gebracht, dass eine pauschale Gleichsetzung von autoritärem Charkter und konservativ falsch ist.

Max Horkheimer hat in der Spätphase seines Werkes mehrfach einen bestimmten Typus des Konservativen verteidigt, den er als humanistischen Konservativen beschrieb und den er deutlich vom autoritär gesinnten Konservativen oder vom Faschisten abgrenzte.

Max Horkheimer:

„Der wahre Konservative ist vom Nazi und Neonazi nicht weniger weit entfernt als der wahre Kommunist von der Partei, die sich so nennt, nicht unähnlich dem Christen im Verhältnis zur Kirche zur Zeit der Reformation und Gegenreformation. Nazis und Parteikommunisten sind Diener niederträchtiger Cliquen, die nichts anderes wollen als die Macht und ihre endlose Ausdehnung. Ihre wahren Feinde, der Gegenstand ihres Hasses, sind keineswegs, wie sie behaupten, die Totalitären der Gegenseite, sondern die, denen es mit der besseren, richtigen Gesellschaft ernst ist. Zwischen Achtung und Verachtung des Lebendigen verläuft die Trennungslinie (…).“

(aus: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 6: „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ und „Notizen 1949 – 1969“, Fischer Verlag, 2008, S. 408 f.)

„Im übrigen habe ich oft betont, daß richtige Aktivität nicht bloß in der Veränderung, sondern auch in der Erhaltung gewisser kultureller Momente besteht, ja daß der wahre Konservative dem wahren Revolutionär verwandter sei als dem Faschisten, so wie der wahre Revolutionär dem wahren Konservativen verwandter ist als dem sogenannten Kommunisten heute.“

Nachzulesen hier:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45226214.html

„(…) Schopenhauer stand kritisch zur Welt, aber nicht kritisch im Sinne moderner Revolution, sondern kritisch im Sinne des Konservativen. (…) Er maß – wie sehr viele Konservative – die Welt an den Ideen, zu denen sie sich bekannte, und er fand einen krassen Unterschied; und das bestimmte weitgehend die Kritik, die er an der gesellschaftlichen Realität übte. Ich will jetzt nicht auf seine Metaphysik eingehen, die zwar sehr wichtig ist, sondern darauf hinweisen, dass die konservative Haltung ebenso kritisch sein kann, wenn sie eine wahre konservative Haltung ist, wie die ihr entgegengesetzte revolutionär-marxistische. Von Marx las ich erst nach dem Ersten Weltkrieg etwas, und ich fand manche Ähnlichkeit mit Schopenhauer, denn es schien mir, dass die Marxsche Lehre eigentlich ein Protest dagegen war, dass die Losungen der bürgerlichen Revolution – liberte, egalite, fraternite – in der Welt, die sich zu ihnen bekannte, nur für eine relative kleine Gruppe verwirklicht wurden. Und so kamen für mich diese beiden Denker zusammen.”

(aus: Max Horkheimer – Verwaltete Welt. Gespräch mit Otmar Herrsche. In: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 7, Vorträge und Aufzeichnungen 1949 – 1973, S. 364)

Und Adorno betonte in einem Rundfunktbeitrag von 1959 ausdrücklich, dass die autoritäre Persönlichkeit nicht an eine bestimmte politische Weltsicht gebunden ist und auch auf Seiten der Linken zu finden ist:

„Man beurteilte die autoritätsgebundenen Charaktere überhaupt falsch, wenn man sie von einer bestimmten politisch-ökonomischen Ideologie her konstruiere; die wohlbekannten Schwankungen der Millionen von Wählern vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und der kommunistischen Partei sind auch sozialpsychologisch kein Zufall. Amerikanische Untersuchungen haben dargetan, dass jene Charakterstruktur gar nicht so sehr mit politisch-ökonomischen Kriterien zusammengeht. Vielmehr definieren sie Züge wie ein Denken nach den Dimensionen Macht – Ohnmacht, Starrheit und Reaktionsunfähigkeit, Konventionalismus, Konformismus, mangelnde Selbstbesinnung, schließlich überhaupt mangelnde Fähigkeit zur Erfahrung. Autoritätsgebundene Charaktere identifizieren sich mit realer Macht schlechthin, vor jedem besonderen Inhalt.“

(aus: Theodor W. Adorno – Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Theodor W. Adorno – Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp, 2015, S. 17)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Fahren wir doch einfach mit der Musik von Queen passend zur Saison fort:

Queen: A Winter’s Tale

Gastartikel: Leszek darüber, wie eine echte Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung aussehen kann

In der Diskussion über Insektionalität antwortet Leszek auf Mark E. Smith. Das kann man wieder 1:1 zitieren und zu einem Gastartikel machen:

Ich bin, was die Möglichkeit der Entwicklung von tatsächlich wissenschaftlichen Alternativen zur heute dominierenden ideologischen Intersektionalitätsforschung optimistischer als du.

Erstmal denke ich, dass es für eine wirklich empirische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung unvermeidbar ist, sich auch mit Überschneidungen von Diskriminierungsformen und deren Auswirkungen zu beschäftigen, denn solche sozialen Phänomene existieren ja nunmal und es fällt daher zwangsläufig auch in den Aufgabenbereich einer empirischen Ungleichheitsforschung solche Dinge zu berücksichtigen.

Man kann ja nicht einfach sagen: Weil die heutigen postmodernen Intersektionalitäts“forscher“ überwiegend unwissenschaftlich zu diesem Thema arbeiten, sollten als Reaktion darauf reale soziale Phänomene in der Forschung einfach ignoriert werden.🙂
Die Alternative zu schlechter Forschung ist nicht keine Forschung, sondern bessere Forschung, denke ich.

Ich gebe mal ein Beispiel, das männerrechtlich relevant ist:
Es liegen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen vor, die belegen, dass Jungen in heutigen deutschen Schulen bei gleichen Leistungen im Schnitt schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Hierbei haben wir es also gemäß der Befunde mit Diskriminierung zu tun.

Es gibt des Weiteren auch Forschungsbefunde, die zu dem Ergebnis kommen, dass Schüler beiderlei Geschlechts aus der Unterschicht bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als Schüler aus höheren sozialen Schichten. Auch dies ist gemäß der Befunde ein kritikwürdiges Diskriminierungsphänomen.

Wenn wir feststellen wollen, welche Gruppen von Schülern von Bildungsdiskriminierung besonders stark betroffen sind, werden wir nicht darum herumkommen, diese beiden Forschungsbefunde nicht nur isoliert zu betrachten, sondern auch zueinander in Beziehung zu setzen – und damit gelangen wir automatisch zur Intersektionalität.
Setzen wir beide Befunde zueinander in Beziehung wird deutlich, dass Jungen aus der Unterschicht im Schnitt besonders stark von Bildungsbenachteiligung betroffen sind, weil bei ihnen beide genannten Aspekte zusammenkommen.

Immer vorausgesetzt, dass die entsprechenden Forschungsbefunde fundiert sind, kann eine wissenschaftlich ausgerichtete Ungleichheitsforschung ein solches Überschneidungsphänomen nicht ignorieren, sie hat die Realität so wirklichkeitsgetreu abzubilden wie möglich, einschließlich der Überschneidungen von Diskriminierungen, wo es solche gibt.

Und auch die Männerrechtsbewegung als Anti-Diskriminierungsbewegung, die sich mit Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, befasst, kann ein solches Phänomen m.E. nicht ignorieren.

Die meisten Kritikpunkte, die du benennst, betreffen ja Dinge wie klare Definitionen von Begriffen, begründete Auswahl von Strukturkategorien und Begründung der Auswahl von Forschungskontexten. Das sind alles wichtige Dinge, aber ich kann nicht erkennen, dass eine empirisch ausgerichtete Ungleichheitsforschung dies grundsätzlich nicht leisten könnte. Recht hast du natürlich damit, dass empirische Intersektionalitätsforschung umso schwieriger wird, je mehr Strukturkategorien man einbezieht.

Das Intersektionalitätsmodell von Nina Degele und Gabriele Winker, auf dass du ansprichst, beurteile ich übrigens auch etwas positiver als du. Zwar ist dieses Modell noch weit von dem entfernt, was mir vorschwebt, aber ich halte es für ausbaufähig und einen Schritt in die richtige Richtung.
Winker und Degele vertreten übrigens im Gegensatz zum Mainstream der Gender/Queer-Szene formal nicht das oben von mir kritisierte Prinzip der dogmatischen Schließung, d.h. sie sagen nicht, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben. Allerdings bleibt dies bei ihnen leider ein Lippenbekenntnis, in der Praxis werden keine ernsthaften Konsequenzen aus dieser Sichtweise bei ihnen gezogen, so dass sie letztendlich dann leider doch im politisch korrekten Paradigma verbleiben.

Trotzdem ist ein Teil der Ideen, die Degele und Winker in ihrem Buch „Intersektionalität – Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ für die Forschungspraxis formulieren m.E. interessant und anregend, daher würden ich ihren in dem Buch dargestellten Ansatz – bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an ihrer Befangenheit hinsichtlich einigem typischen gender/queer-feministischem PC-Nonsens – nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Ich halte ihren Intersektionalitäts-Ansatz also, wie gesagt, für das, was mir vorschwebt, keinesfalls für ausreichend, aber z.T. für potentiell ausbaufähig.

Auch dass Winker und Degele überhaupt auch die Strukturkategorie „Klasse“ berücksichtigen, ist für Gender/Queer-Kreise nicht selbstverständlich. Meistens spielt für deren Sichtweisen die Kategorie „Klasse“ keine Rolle mehr, diese Kategorie ist im Mainstream der politisch korrekten postmodernen Linken quasi „rausgefallen“.

Ich denke, dass eine tatsächlich wissenschaftliche Intersektionalitätsforschung in ihrer Forschungspraxis und Theoriebildung vor allem sehr viel kontextspezifischer agieren muss.
Es darf, wie oben dargestellt, nicht mehr darum gehen, bestimmte Gruppen einseitig als diskriminiert und andere einseitig als privilegiert zu labeln, sondern es sollte m.E. darum gehen, ergebnisoffen zu forschen, ob und inwieweit IN BESTIMMTEN SOZIALEN KONTEXTEN Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen vorhanden sind – ohne diese dann undifferenziert auf andere Kontexte zu generalisieren.

So könnte man z.B. bei einer Intersektionalitätsforschung nach meinen Vorstellungen ein Forschungsprojekt in der gender/queer-feministischen Subkultur machen, um herauszufinden, welche Einstellungen zu weißen, heterosexuellen Männern dort verbreitet sind und wie sich diese manifestieren. Ich würde vermuten, dass das Zusammentreffen der drei Strukturkategorien Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung im Sinne von weiß, männlich und heterosexuell in der gender/queer-feministischen Subkultur Bezugspunkt einer signifikanten und sich intersektional verstärkenden Diskriminierung ist, d.h. also: ich vermute, dass die gender/queer-feministische Subkultur ein sozialer Kontext ist, in dem sich eine Diskriminierung weißer, heterosexueller Männer wahrscheinlich ganz konkret wissenschaftlich nachweisen ließe.

Zweitens sollte m.E. auch die zeitliche Dimension bei Diskriminierungen stärker beachtet werden, es müsste also in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder geprüft werden, ob bestimmte festgestellte Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen immer noch existieren bzw. immer noch in gleichem Ausmaß existieren. Einmal empirisch festgestellte Diskriminierungen könnten ja z.B. 20 Jahre später potentiell behoben oder zumindest signifikant verbessert sein und dies müsste dann auch berücksichtigt werden.

Drittens sollte m.E. stärker berücksichtigt werden, dass nicht alle sozialen Ungleichheiten zwangsläufig auf Diskriminierung beruhen.
Unterschiedliche durchschnittliche geschlechtsspezifische gesellschaftliche Verteilungen können z.B. auch auf unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen von Frauen und Männern zurückgehen.
Oder wenn bestimmte Migrantengruppen im Schnitt häufiger in den unteren sozialen Schichten zu finden sind, so kann auch eine für moderne Gesellschaften dysfunktionale prämodern-autoritäre Sozialisation, die wenig Wert auf Bildung legt, potentiell einen signifikanten Beitrag hierzu leisten.

Solche alternativen Erklärungsansätze dürfen m.E. nicht mehr von vornherein ausgeblendet werden, weil sie dem PC-Paradigma widersprechen, sondern müssen ebenso in eine ergebnisoffene Forschung einbezogen werden.

Meta (ab jetzt wieder Graublau)

Die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem, welche Leszek anspricht, ist das Leib- und Magenthema von Lucas Schoppe, der dazu zahlreiche Artikel veröffentlicht hat, zuletzt etwa Der WDR und der Hass auf Jungen. Immer wieder erschütternd zu lesen, wie Erwachsenen den Jungen selbst die Schuld an ihren Schwierigkeiten geben!

Zum Bloggen generell: Ich werde demnächst höchstwahrscheinlich eine Pause einlegen, weil ich keinen regelmäßigen Internetzugang haben werde. Wenn es trotzdem klappt, schön, ansonsten bis Mitte Januar!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es um Schule geht: Die sollte hoffentlich inzwischen aus sein…

Alice Cooper: School’s Out (live)

Gastartikel: Leszek über Intersektionalität

Es ist mal wieder passiert: Bei „Alles Evolution“ schrieb Leszek einen Kommentar, der sich 1:1 als lesenswerter Artikel übernehmen läßt. Solche Hinweise sollten leichter wiederzufinden sein!

Letzten Endes erklärt Leszek, wie sich das Feindbild weißer Mann und die Rangliste der Privilegien entwickeln konnten. Arne Hoffmann kann sich hingegen auf die Schulter klopfen, denn in seinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ hat er genau die nach allen Seiten offene Intersektionalität beschrieben, die Leszek hier als noch ausstehenden Fortschritt beschreibt – und die auch einleuchtend ist.

Ab jetzt O-Ton Leszek:

Man muss die Durchsetzung der heutigen Intersektionalitätsmodelle m.E. ideengeschichtlich betrachten. Diese Modelle erscheinen uns heute mit guten Gründen als unterkomplex und schädlich, aber sie haben sich ideengeschichtlich in Folge einer linken Kritik an theoretischen Modellen herausgebildet, die noch unterkomplexer waren.

Die Idee der Intersektionalität entstand ideengeschichtlich in Folge einer – in meiner Augen berechtigten und notwendigen – linken Kritik an in den 70er Jahren bekannten theoretischen Modellen, die als ungerecht angesehene Ungleichheitsverhältnisse im Kontext von Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodellen zu fassen versuchten.

Diesbezüglich gab es zwei bekannte Modelle:

– Ein klassisch-marxistisches Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodell, welches ökonomische Klassenkonflikte als Hauptwiderspruch deutete und alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung als Nebenwidersprüche verstand, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn der Hauptwiderspruch Klassenherrschaft beseitigt wäre.

– Mit diesem klassisch-marxistischen Modell konkurrierte insbesondere ein im Radikalfeminismus der 70er Jahre verbreitetes alternatives Haupt/Nebenwiderspruchsmodell, welches gerade nicht Klassenverhältnisse, sondern stattdessen als patriarchalisch interpretierte Geschlechterverhältnisse als Hauptwiderspruch deutete und wiederum alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung, einschließlich der ökonomischen Klassenbeziehungen, zu Nebenwidersprüchen reduzierte, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn erstmal das Patriarchat beseitigt würde.

Dieses radikalfeministische Haupt/Nebenwiderspruchsmodell fand außerhalb des Feminismus aber keinerlei Unterstützung und Anerkennung, ja es führte sogar zu einer zunehmenden Isolierung des Radikalfeminismus von der politischen Linken, denn keine linke Strömung zeigte irgendeine Bereitschaft ihre eigenen theoretischen Grundlagen oder jeweiligen Arbeitsschwerpunkte dem klassischen Radikalfeminismus unterzuordnen. (Diese Isolierung war eine wichtige Vorausetzung dafür, warum sich radikale Feministinnen ursprünglich überhaupt auf die Idee der Intersektionalität eingelassen haben, der radikale Feminismus wäre bei Beharren auf einem feministischen Haupt/Nebenwiderspruchsmodell nämlich in immer stärkere Isolierung von der Linken geraten.)

Nun gerieten solche Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle in den 70er und 80er Jahren zunehmend in die Kritik, ihnen wurde – m.E. berechtigt – vorgeworfen

– auf schlecht belegten historischen Theorien zu beruhen, nach denen sich alle vorhandenen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung historisch aus nur einer einzigen ursprünglichen Unterdrückungs-/Diskriminierungsform (z.B. Klassenherrschaft oder Patriarchat) entwickelt hätten

– dass sie die Relevanz der Analyse, Kritik und Bekämpfung anderer Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen als derjenigen, die jeweils als Hauptwiderspruch gedeutet wurde, verschleiern würden, indem diese alle zu zweitrangigen Nebenwidersprüchen reduziert würden, dass die Anliegen anderer unterdrückter oder diskriminierter Gruppen dadurch abgewertet würden und die Beseitigung entsprechender Mißstände erschwert würde

– dass die Annahme, dass mit der Beseitigung des jeweiligen Hauptwiderspruchs sich alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung automatisch wie von Zauberhand mitauflösen würden, wohl kaum eine realistische und begründete Auffassung darstellt.

Als Alternative zu Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen wurde die Entwicklung von theoretischen Modellen zur Konzeptualisierung von Herrschafts- und Diskriminierungsformen gefordert, in denen diese sowohl in ihrer jeweiligen relativen Eigenständigkeit als auch in ihrer spezifischen Verwobenheit mit anderen Herrschafts- und Diskriminierungsformen erfasst würden, ohne dabei einen Hauptwiderspruch vorauszusetzen und ohne, dass bestimmte Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen in letzter Instanz auf andere reduziert und dadurch in ihrer Relevanz abgewertet würden.
Da Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle m.E. in der Tat unrealistisch und dysfunktional sind, war dies erstmal auch ein sinnvoller theoretischer Fortschritt.

Dies war die Basis für die Entwicklung von Intersektionalitätsmodellen. Hierbei setzte sich nun leider eine DOGMATISCHE SCHLIEßUNG nach einer Seite hin bei der Konzeptualisierung von Diskriminierungen durch und diese wurde durch poststrukturalistische Theorien unterfüttert.
Wie ich schon mehrfach erklärte, („Was ist Political Correctness?“ und „Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?„) wurden Diskriminierungen so konzeptualisiert, dass einer Seite stets der Status der Norm und der anderen Seite der Status der Abweichung oder Ableitung von der Norm zugewiesen wurde, die eine Seite wurde als allgemein privilegiert konstruiert, die andere Seite hingegen als allgemein diskriminiert.
So kam es zur Entstehung von spezifischen Norm-Feindbildern (männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich) und denjenigen Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wurde abgesprochen, dass sie Bezugspunkte von Diskriminierung sein könnten.

Anstatt also ergebnisoffen zu forschen, welche Privilegien und Diskriminierungen es jeweils auf allen Seiten gibt und zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wurde aufgrund der dogmatischen Schließung nach einer Seite hin einfach vorausgesetzt, Diskriminierung gebe es immer nur auf einer Seite.

Dies führt dazu, dass viele reale Diskriminierungen, Benachteiligungen und soziale Problemlagen in diesen einseitigen Modellen aus dem Blickfeld gerieten, z.B.:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern).

Nicht, dass Intersektionalitätsmodelle die Überschneidungen von Diskriminierungen untersuchen, ist das Problem, sondern die dogmatische Schließung der zeitgenössischen Intersektionalitätsmodelle nach einer Seite hin, die eine realistische und kontextspezifisch angemessene Erfassung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen auf allen Seiten unmöglich macht und damit eine tatsächliche empirische Diskriminierungsforschung und Ungleichheitsforschung wesentlich verhindert.

Die heutigen Intersektionalitätsmodelle haben sich also ideengeschichtlich als Resultat einer berechtigten Kritik an den unterkomplexen Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen der 70er Jahre entwickelt, sind aber leider selbst zu unterkomplex.

Der nächste notwendige theoretische Schritt muss also darin bestehenden die dogmatische Schließung nach einer Seite hin zu beseitigen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bevor die Diskussion in den Kommentaren auf Marx gelenkt wird, bringe ich den lieber gleich in der Popkultur.

Richard Marx: Right Here Waiting

Gastartikel: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?

Nachdem sich Leszek schon zu Political Correctness geäußert hatte, erläuterte er in einem weitereren Kommentar genauer, warum aus seiner Sicht die postmoderne Political Correctness den „Interessen der ökonomischen und politischen Herrschaftseliten“ nütze. Erneut hat das einen eigenen Artikel verdient, denn unabhängig davon, ob man seine politische Einstellung oder Sicht auf die Welt teilt, sind seine Ausführungen sehr lesenswert geschrieben.

Die postmoderne Political Correctness nutzt Großkapitalisten und Superreichen m.E. in vielerlei Hinsicht und dies wurde von anderen Kommentatoren und mir ja auch bereits an anderer Stelle mehrfach dargestellt und begründet.

Im Folgenden seien ein paar Aspekte hierzu kurz wiederholt:

– Die politisch korrekte postmoderne linke Strömung hat für die ökonomischen Herrschaftseliten den gewaltigen Vorteil, dass sie sich für Kritik der politischen Ökonomie, Kapitalismuskritik/Antikapitalismus und Klassenkampf in der Regel wenig interessiert. Solche für klassisch linke Strömungen zentrale Themen spielen für politisch korrekte postmoderne Linke in der Regel entweder keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Die politisch korrekte postmoderne Linke befasst sich stattdessen mit spezifischen (Anti-)Diskriminierungsthemen auf Grundlage einer m.E. einseitigen und falsch angelegten (Anti-) Diskriminierungstheorie.
Je einflussreicher die politisch korrekte postmoderne linke Strömung innerhalb der gesamten Linken wird, desto mehr verlagert sich der Schwerpunkt der gesamten Linken weg von ökonomischen, kapitalismuskritischen, klassenkämpferischen Themen, hin zu spezifischen (Anti-)Diskriminierungsthemen, die gemäß einer einseitigen und beschränkten Perspektive angegangen werden.
Auf diese Weise wird eine Linke produziert, die für ökonomische Probleme und Entwicklungen, Strukturen und Auswirkungen des kapitalistischen Systems und die Ziele und das Wirken ökonomischer Herrschaftseliten weitgehend blind sind. Der Vorteil für die ökonomischen Eliten liegt auf der Hand: Durch die Transformation der klassischen Linken zu einer politisch korrekten Linken fällt die Linke als ursprünglich größter Gegner der ökonomischen Herrschaftseliten zunehmend aus.

– Nicht nur stellt die politisch korrekte postmoderne Linke aufgrund ihres weitgehenden Desinteresses an ökonomischen, kapitalismuskritischen und klassenkämpferischen Themen keinen ernsthaften Gegner für die ökonomischen Herrschaftseliten mehr dar, sie agiert außerdem im Gegensatz zu klassischen Strömungen der radikalen Linken, die neben konkreten sozialen und ökonomischen Verbesserungen im Hier und Jetzt in letzter Instanz auch eine grundlegende Gesellschaftsveränderung anstrebten, hinsichtlich der von ihr angestrebten Ziele systemkonform. Die von der politisch korrekten postmodernen Linken angestrebte Beseitigung vermeintlicher oder tatsächlicher Diskriminierungen als wesentliches Ziel ist potentiell innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems möglich und setzt keine grundlegende gesellschaftliche Transformation von gesellschaftlichen Strukturen voraus. Die politisch korrekte postmoderne Linke benötigt für die Erreichung ihrer wesentlichen Ziele keine grundlegende gesellschaftliche Veränderung oder gar soziale Revolution, die von ihr geförderten Gruppen sind keine revolutionären Subjekte.
Je mehr Einfluss die politisch korrekte postmoderne Linke innerhalb der gesamten Linken gewinnt, desto mehr verlagert sich die Perspektive der gesamten Linken weg von grundlegenden Alternativen zur bestehenden staatlich-kapitalistischen Herrschaftsordnung oder gar sozial-revolutionären Perspektiven hin zum Anstreben einer – aus postmodern-linker Sicht – besseren Integration bestimmter vermeintlich oder tatsächlich diskriminierter Gruppen innnerhalb der bestehenden Ordnung.
Auch hier liegt der Vorteil für die ökonomischen Herrschaftseliten auf der Hand: Das bestehende staatlich-kapitalistische System selbst wird weniger kritisch analysiert und in Frage gestellt, der zunehmende Einfluss der politisch korrekten postmodernen Linken innerhalb der gesamten Linken impliziert den Abschied der Linken von grundlegender Gesellschaftskritik, Alternativen zum Bestehenden und sozialer Revolution.

– Je mehr Personen mit politisch korrekt-postmodernen Einstellungen, Werten und Normen in andere linke Strömungen und deren Arbeitsschwerpunkte eindringen, desto mehr entfremden sich diese klassisch-linken Strömungen und Gruppen der Mehrheitsbevölkerung. Nehmen wir mal folgendes Beispiel: Ein paar Leute mit postmodern-politisch-korrekten Einstellungen werden Mitglieder innerhalb einer gewerkschaftlichen Gruppierung oder innerhalb einer linken Gruppierung im Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen. Ab diesem Zeitpunkt werden nun alle alten und neuhinzustoßenden Personen im Kontext dieser Gruppierung mit den „Segnungen“ des politisch korrekten postmodernen Denkens vertraut gemacht und ihnen wird klar gemacht, was sie nun zu erwarten haben: „Geschlechtssensible Sprache“ und andere Sprachumerziehungsmaßnahmen, Privilegienreflektionen, Definitionsmacht, Mikro-Aggressionen, politisch korrektes Sexualverhalten, d.h. Sex nach dem Konsensprinzip usw.
Der Effekt dürfte klar sein: Die Mehrheitsbevölkerung wird massiv abgestoßen, kein Arbeiter bzw. Bürger (Bürger hier gemeint im Sinne von Citoyen, nicht von Bourgeois), der halbwegs alle Tassen im Schrank hat, wird ein Interesse daran haben, längerfristig in einer solchen Gruppe mitzuarbeiten.
Auch hier liegt der Vorteil für die ökonomischen Herrschaftseliten auf der Hand: Je größer der Einfluss der politisch korrekten postmodernen Linken innerhalb der gesamten Linken wird, desto mehr entfremdet sich die Linke der Mehrheitsbevölkerung, wird die Linke zu einer für den „Normalbürger“ und Arbeiter unnachvollziehbaren und abstoßenden Psycho- und Politsekte, die mit den realen sozialen Problemlagen, Ängsten und Interessen der Menschen nichts mehr zu tun hat und als Vertretung für sie nicht mehr in Frage kommt.

– Die theoretische Grundlage der einseitigen und falsch angelegten (Anti-)Diskriminierungstheorie der politisch korrekten postmodernen Linken beruht darauf, stets einer Gruppe den Status der Norm zuzuweisen und einer anderen Gruppe den Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm, so dass die erste Gruppe dann als privilegiert und die zweite als diskriminiert konstruiert wird. Dabei wird kein Wert darauf gelegt gründlich zu prüfen, ob diese einseitigen Zuweisungen eines entweder privilegierten oder diskriminierten Status überhaupt zutreffend sind – in mehreren Fällen erweisen sich diese Zuweisungen bei genauerer Prüfung als falsch – es geht in keiner Weise darum objektiv festzustellen, inwieweit auf jeder der beiden Seiten Diskriminierungen und Privilegierungen bestehen und dann alle vorhandenen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen.
Aus dieser einseitigen Perspektive haben sich nun bestimmte politisch korrekte Norm-Feindbilder herausgebildet, z.B.: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich. Das politisch korrekte Feindbild des weißen, heterosexuellen Mannes, in dem verschiedene dieser Norm-Feindbilder zusammenfallen, ist ein direktes Resultat dieser falsch angelegten Form von Analyse.
Dieser fehlkonzipierte (Anti-)Diskriminierungsansatz trägt z.B. dazu bei, dass Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, obwohl vielfach vorhanden, nicht wahrgenommen, sondern ignoriert werden

http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

http://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

oder, dass – wie der US-amerikanische linke Kritiker der postmodernen Political Correctness Walter Benn Micheals erwähnt – ein großer Teil der zeitgenössischen US-amerikanischen Linken die Armut und die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht ignorieren:

https://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

Des Weiteren begünstigt der falsch angelegte (Anti)Diskriminierungsansatz der politisch korrekten postmodernen Linken mit seiner Identitätspolitik und seinen albernen Norm-Feindbildern gesellschaftliche Spaltungen. Anstatt zu versuchen die Menschen im gemeinsamen Widerstand gegen die gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen und gegen die Herrschaftsinteressen der ökonomischen und politischen Eliten zu vereinen, wie es die klassische Linke versuchte, werden verschiedene Teile der Bevölkerung gegeneinander ausgespielt: Frauen gegen Männer, Homosexuelle gegen Heterosexuelle, Nicht-Weiße gegen Weiße usw.
Auch hier liegt der Vorteil für die ökonomischen Herrschaftseliten auf der Hand: Die postmoderne Political Correctness führt mit ihren Norm-Feindbildern und ihrer Identitätspolitik, die dann wiederum Gegenreaktionen hervorrufen, zu Konflikten und Spaltungen innerhalb der Bevölkerung, fungiert also als eine Teile-und Herrsche-Strategie für die ökonomischen Herrschaftseliten und sichert deren Herrschaft und die Verfolgung ihrer Macht- und Profitinteressen, da die neoliberalen ökonomischen Eliten von einer gespaltenen Bevölkerung keinen großen Widerstand zu erwarten haben.

Dabei geht es mir persönlich nun nicht darum, dass die Linke sich ausschließlich auf Kapitalismuskritik, Ökonomie und Klassenkampf konzentrieren sollte und das Thema (Anti-)Diskriminierung keine Rolle innerhalb der Linken spielen sollte. Beides – Kritik der politischen Ökonomie und Anti-Diskriminierung – sind an sich legitime Themen der Linken, es geht mir darum, dass der politisch korrekte postmoderne (Anti-)Diskriminierungsansatz unwissenschaftlich, ungerecht und schädlich ist und deshalb verworfen werden sollte.

Stattdessen braucht es einen neuen, aktualisierten, tatsächlich wissenschaftlichen und um Objektivität bemühten (Anti-)Diskriminierungs-Ansatz, der das postmoderne Paradigma von Norm und Abweichung/Ableitung völlig hinter sich lässt und stattdessen ausgehend von einer humanistisch-universalistischen und integral-antisexistischen Perspektive, die nicht mit zweierlei Maß misst, stets auf allen Seiten sorgfältig prüft, ob und inwieweit Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen jeweils vorhanden sind und was getan werden kann, um diese zu beseitigen ohne dabei in Diskriminierungen einer anderen Gruppe zu verfallen und frei von den Einseitigkeiten, Übertreibungen und Verrücktheiten der postmodernen Political Correctness wie irrationale Sprachumerziehungsmaßnahmen, Privilegienreflektionen, Definitionsmacht, Mikro-Aggressionen, politisch korrektes Sexualverhalten, Kulturrelativismus, Norm-Feindbilder, Identitätspolitik usw.
Es sollte stets Wert darauf gelegt werden, dass mit (Anti-)Diskriminierungsthemen auf eine Weise umgegangen wird, die weder zu einer Entfremdung der Linken von der Mehrheitsbevölkerung führt, noch die Klassensolidarität spaltet. Dann wäre linke Anti-Diskriminierung kein neoliberales Spaltungsinstrument mehr, würde den Klassenkampf nicht mehr behindern und die Linke könnte wieder zu einer konstruktiven politischen Kraft werden.

Die zeitgenössische politisch korrekte postmoderne Linke steht mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen im Einklang mit wesentlichen Interessen der neoliberalen ökonomischen Eliten und wird daher von diesen gehätschelt und großgezogen.
Wenn es die postmoderne Political Correctness nicht gäbe, müssten Großkapitalisten und Superreiche sie erfinden! Vielleicht haben sie das ja auch – falls nicht, so sind sie jedenfalls an der Förderung dieser linken Strömung in ihrem eigenen Interesse stark interessiert.

Eigene Anmerkungen

Soweit Leszek. Dass mit pseudorelevantem Radau à la Identitätspolitik die wirklich wichtigen Themen wie gerechte Verteilung des Wohlstands verdeckt werden, halte ich für eine der wichtigsten Thesen überhaupt („Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“). Dabei ist die Verteilungsfrage keineswegs genuin links; sie gehört vielmehr grundsätzlich zu einer Demokratie mit Marktwirtschaft. Die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen ist das ganz nüchterne volkswirtschaftliche Ziel der Wirtschaftspolitik.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es schon um Kapitalismus geht…

Die Ärzte: Opfer

Gastartikel: Was ist Political Correctness?

Ein weiteres Mal habe ich einen Kommentar von Leszek in einen Gastartikel umgewandelt, weil er sehr gut formuliert ist. In allen Punkten der Analyse muss man Leszek nicht zustimmen – nur halte ich gut geschriebene Texte immer noch für die beste Basis einer Diskussion.

Ich verwende den Begriff im Allgemeinen in zwei Bedeutungen, eine umfassende und eine speziellere.
Im umfassenden Sinne verstehe ich unter Political Correctness alle Versuche argumentfreie moralisierende Diskursstrategien für ideologische Zwecke zu nutzen, einschließlich damit verbundener Propagandalügen und damit verbundener jeweiliger spezifischer Theorien und Theorieelementen.

Bei Political Correctness geht es demnach nicht um rationale (ethische) Argumentation, sondern um die Herstellung irrationaler Über-Ich-Funktionen, es geht also darum Menschen argumentfrei ein „Du sollst“ bzw. ein „Du darfst nicht“ in den Kopf zu setzen, sowie darum, weltanschauliche Gegner mittels moralisierender Zuschreibungen argumentfrei öffentlich zu diskreditieren.
In dieser umfassenden Bedeutung kann es Formen von Political Correctness in jeder politischen Strömung geben, es existieren demnach linke, liberale und konservative/rechte Formen von Political Correctness. (Vieles, was sich im Spektrum speziell der rechten Kritik an der heute vorherrschenden Form linker Political Correctness findet, ist m.E. in Wahrheit ebenfalls eine Form von PC.)

Ein früher Kritiker jeder Form von Political Correctness, der neomarxistische Philosoph Theodor W. Adorno, bemerkte zu den negativen Folgen solcher Diskursstrategien (in dem Artikel „Zu der Frage: Was ist deutsch?“):

„Nicht wenige Fragen gibt es, über die ihre wahre Ansicht zu sagen, fast alle mit Rücksicht auf die Folgen sich selbst verbieten. Rasch verselbständigt sich eine solche Rücksicht zu einer inneren Selbstzensurinstanz, die schließlich nicht nur die Äußerung unbequemer Gedanken, sondern diese selbst verhindert.“

Und ein weiterer früher Kritiker jeder Form von Political Correctness, der neomarxistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich, beschäftigte sich ausführlich mit der kritischen Analyse des negativen Einflusses irrationaler Über-Ich-Funktionen:

http://www.lsr-projekt.de/wrnega.html

Bezeichnenderweise ist eines der zeitgenössischen Standardwerke der linken Kritik am Radikalfeminismus und Gender-Feminismus von einer feminismuskritischen Marxistin in der Tradition von Wilhelm Reichs geschrieben worden:

Kerstin Steinbach: Rückblick auf den Feminismus: Von Anfang an eine Lüge gegen Gleichheit, Logik und sexuelles Vergnügen

Im engeren Sinne verwende ich den Begriff Political Correctness je nach Kontext auch für eine ganz bestimmte Variante der Political Correctness, nämlich die heute in westlichen Gesellschaften vorherrschende Form linker Political Correctness und damit verbundene Diskursstrategien, Propagandalügen und Theorien. Diese zweite Bedeutung entspricht weitgehend dem, worauf PC-Kritiker meistens abzielen, wenn sie von Political Correctness sprechen, nämlich die postmoderne Political Correctness und um eben die geht es auch in meinem Kommentar zu Critical Hetness/Knutschverbot. (Anpassung von Graublau: „oben verlinkten“ aus dem Text entfernt und dafür den Link selbst eingefügt)

Die postmoderne Political Correctness hat sich ideengeschichtlich wesentlich aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus entwickelt (siehe hierzu das ausgezeichnete Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt, auf das ich in meinem letzten Kommentar hinwies.) Ich bezeichne die postmoderne Political Correctness daher auch als Vulgär-Poststrukturalismus. Zur postmodernen PC bzw. zum Vulgär-Poststrukturalismus gehören Theorieströmungen wie Gender Studies, Queer-Feminismus, Critical Whiteness und postmoderner Multikulturalismus.

Die postmoderne Political Correctness beruht auf einer m.E. fehlkonzipierten und einseitig angelegten (Anti-) Diskriminierungstheorie, die stets so funktioniert, dass einer Gruppe der Status der „Norm“, einer anderen Gruppe stets der Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm zugewiesen wird. Jene Seite, der der Status der Norm zugewiesen wurde, gilt dann als privilegiert und Unterdrücker, die andere Seite gilt als diskriminiert und unterdrückt.

Dabei geht es also in keiner Weise darum aus einer um Objektivität bemühten Haltung heraus AUF ALLEN SEITEN zu erforschen, wo jeweils Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen vorhanden sind, was die Ursachen dafür sind und wie diese beseitigt werden können.
Das postmoderne Paradigma von Norm und Abweichung/Ableitung legt stattdessen von vornherein fest, welche Gruppen den Status als diskriminiert erhalten und welche den als privilegiert. Dies erfolgt über Normzuschreibungen (männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich), die dann für PC-Ideologen oft zu Feindbildern werden.
Die Mitglieder derjenigen Gruppen, denen der Status der Norm zugeschrieben wurde, werden dann u.a. zu „Privilegienreflektionen“ aufgefordert, in der Hoffnung, dass sie die entsprechenden Zuschreibungen dadurch verinnerlichen (was allerdings in der Praxis oft nicht funktioniert, sondern pädagogische Gegenteileffekte hervorruft, wie ich in dem verlinkten Kommentar ja erwähnte).

Die postmoderne PC ist außerdem mit bestimmten, oft irrationalen Sprachumerziehungsmaßnahmen verbunden, das resultiert ideengeschichtlich daraus, dass sich der Poststrukturalismus aus der strukturalistischen Sprachphilosophie heraus entwickelt hat und dazu neigt den Einfluss von Sprache massiv zu überschätzen. Entsprechend fallen PC-Ideologen der Mehrheitsbevölkerung gerne mit schwer nachvollziehbaren Sprachumerziehungsmaßnahmen und Sprachverkomplizierungen auf den Wecker.

Auf Kritik, und sei sie noch so sachlich und begründet, reagieren PC-Ideologen im Allgemeinen, indem Kritiker pauschal und undifferenziert als rechts, sexistisch, rassistisch, homophob usw. gebrandmarkt werden. Dabei bedienen sich PC-Ideologen gerne zweier Strategien der Entwertung von Begriffen, die für die politische Linke in analytischer und kritischer Hinsicht wichtig sind. Entweder werden Begriffe wie rechts, sexistisch, rassistisch, homophob usw. undifferenziert auf alles und jeden angewendet, der eine von der postmodernen PC-Ideologie abweichende Meinung vertritt oder es werden neue ausufernde Definitionen dieser Begriffe erfunden, die zwar rational nicht begründbar sind, aber entsprechende diskursstrategische Funktionen pseudowissenschaftlich legitimieren sollen (z.B. sexistisch ist, wer an durchschnittliche Geschlechtsunterschiede zwischen Frauen und Männern glaubt; rassistisch ist, wer den orthodox-konservativen Islam kritisiert; rechtsradikal ist, wer die postmoderne PC kritisiert, denn solchen Leuten geht es ja nur darum Privilegien und damit Ungleichheiten zu erhalten.)

Der von mir geschätzte linke Philosoph Jürgen Habermas verwendet die schöne Formulierung von der zwanglosen Kraft des besseren Arguments, die einem von ihm befürworteten herrschaftsfreien Diskurs als Leitbild dienen soll. Sowas ist mit PC-Ideologen aber leider nicht zu machen.

Die postmoderne PC bzw. der Vulgär-Poststrukturalismus kommt m.E. den Interessen der ökonomischen und politischen Herrschaftseliten in vielerlei Hinsicht entgegen, denn sie ist, wie in dem verlinkten Kommentar bereits erwähnt, gut dazu geeignet von Staats- und Kapitalismuskritik abzulenken, den Klassenkampf zu behindern, Menschengruppen gegeneinander auszuspielen, eine Teile-und-herrsche-Politik zu betreiben, die Linke der Mehrheitsbevölkerung zu entfremden, die Meinungsfreiheit einzuschränken, sexuelle Repression zu fördern und den Aufbau eines autoritären Staates zu begünstigen, daher wird die postmoderne PC m.E. von den ökonomischen und politischen Herrschaftseliten gefördert – allerdings nur solange die PC-Ideologen als nützliche Idioten brauchbar sind, ist erstmal jede wirksame linke Opposition lahmgelegt und ein autoritärer Staat etabliert, werden die PC-Ideologen von den neoliberalen Herrschaftseliten entsorgt werden.

Ich betrachte die postmoderne Political Correctness also wesentlich als neoliberales Herrschaftsinstrument.

Endes des Artikels – noch ein wenig meta

Entgegen meinen Erwartungen haben wir es geschafft, auch im Oktober jeden Tag einen Artikel zu veröffentlichen. Für die Resonanz war das sicher eine gute Sache! Der Artikel über Thomas Fischer und sjw-watch hat es sogar in ein Video geschafft (3:24-5:40):

MaMMoNMaGaZiN: SAFESPACE 23 – Gesammelter Femi-Müll vom 20.10.2016

Ebenfalls wurden in diesen Monat mehr Gastartikel per E-Mail eingereicht als vorher. Gerne weise ich dabei darauf hin, dass der Blogname bewusst gewählt wurde, um alle möglichen Sichtweisen präsentieren zu können. Wie es schon in der Anfangszeit dieses Blogs erwähnt wurde: Auch ein radikalfeministischer, genderfeministischer oder poststrukturalistischer Text hat hier seinen Platz (von generell feministischen mal ganz abgesehen, davon hatten wir schon welche).

Ich habe da keine Angst, was die freie Debatte angeht: Selbst wenn die Auslegung der groben Kommentarmoderationsregel „jeder moderiert unter seinen Artikel so stark oder wenig wie er will“ streng ausgelegt würde und die Kommentare unter einem Beitrag ganz geschlossen würden – am nächsten Tag könnte direkt ein neuer Artikel mit einer anderen Position zum selben Thema veröffentlicht werden, unter dem die Diskussion dann erst richtig losginge.

Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Kommentare nicht automatisch freigeschaltet wurden. Hier scheint WordPress übermotiviert zu sein; wessen Kommentare woanders als Spam markiert wurden, der scheint es auch hier im Blog schwerer zu haben. Die Option „ein Kommentar desselben Autor muss bereits freigeschaltet sein“ reicht entgegen der Dokumentation offenbar nicht aus.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die „politisch korrekte“ Version hatten wir schon, hier ist das Original:

Die Ärzte: Quark

Fundstücke: Adrian, Tristan Rosenkranz und Lucas Schoppe zu „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ von Arne Hoffmann

Christian Schmidt hat bei „Alles Evolution“ Artikel zu verschiedenen Büchern veröffentlicht, in denen er Leser fragt, wie diese ihnen gefallen haben. Ich halte es für sinnvoll, einige der Besprechungen separat zu veröffentlichen, weil man sie dadurch leichter wiederfindet und auch direkt auf sie verweisen kann. Besprechung von einführender Literatur in ein Thema – übrigens ausdrücklich auch solche der „Gegenseite“ – hat ohnehin mehr Platz in den Blogs verdient.

Nachdem es letzte Woche um „Männerbeben“ ging, ist diesmal „Plädoyer für eine linke Männerpolitik, ebenfalls von Arne Hoffmann.

Adrian (Schwulemiker):
Männer, jetzt geht’s los!

Tristan Rosenkranz (Gleichmaß e.V.)

Ich hab das Buch auch gelesen und verbleibe mit wenigen Worten bei einer absoluten Empfehlung: faktensatt, extrem gut und weitläufig recherchiert, unaufgeregt und gerechtfertigterweise als Standardwerk zu bezeichnen. Wer meint, schon hinreichend über die Felder männlicher Benachteiligung zu wissen, wird mit diesem Buch noch zahlreiche Fakten dazu gewinnen.

Lucas Schoppe (man tau):

Auch ich hab das Buch gelesen, und auch ich finde, dass es ein Standardwerk von Geschlechterdiskussionen ist. Wer es nicht kennt, und wer sich damit nicht ernsthaft auseinandergesetzt hat, kann nicht für sich beanspruchen, auf dem Stand der Diskussion zu sein. (Das gilt also vermutlich für den größten Teil feministischer Gender-Anbieter.)

Das liegt einerseits an dem hier schon mehrfach erwähnten unendlichen Faktenreichtum. Anstatt (im Stile des Twitter-Feminismus à la Wizorek) einfach zu behaupten und um das eigene Selbstgefühl zu kreisen oder (im Stile des hermetisch-akademischen Feminismus à la Butler) abstrakt und losgelöst zu formulieren, belegt Arne alles, was er schreibt, vielfach – und dies mit einer weltweiten Perspektive. Gerade auch dieser ungeheure Faktenreichtum hat es mir übrigens sehr schwer gemacht, eine einzelne Rezension darüber zu schreiben.

Übrigens wäre das m.E. ein sehr sinnvolles Projekt, um das Buch zu unterstützen. Ein so extrem belegreicher Text braucht eigentlich dringend ein Register, um die Orientierung darin zu erleichtern und die Fakten auch leicht zugänglich und auffindbar zu machen. Vielleicht könnte man das auch in einer gemeinsamen Arbeit erstellen – wenn sich verschiedene Akteure jeweils ein Kapitel vornehmen. Ich würde jedenfalls gern auch in Vorleistung treten und für ein Kapitel schon einmal anfangen.

Das Buch hat noch einen zweiten Aspekt, der wichtig ist: nämlich einen tief traurigen. Arne tritt für einen integralen Antisexismus ein – eine geschlechterübergreifende Politik, die sich gegen Diskriminierungen von Frauen UND Männern richtet. Die Linke aber, die Bündnispartner für eine solche humane – und eben nicht nur: feministische – Geschlechterpolitik sein könnte, gibt es nicht mehr. Oder: Sie wird zumindest institutionell nicht mehr vertreten. Eigentlich hätten sich Politiker der Grünen, der Linken oder der Sozialdemokraten begeistert oder zumindest interessiert auf dieses Buch stürzen müssen, um damit die Diskussionen in ihren Parteien auf eine andere Grundlage zu stellen.

Stattdessen gibt es dort nur – wie ja gerade die Verleumdungen des Bundesforum Männer-Vorsitzenden Rosowski gegen den Gender-Kongress wieder zeigen – desinformierende Abwehrhaltungen.

Überhaupt hatte Leszek damals, als das Buch erschien, meiner eben formulierten Einschätzung dazu mit sehr guten Gründen widersprochen. Auch wenn die Bündnispartner in den Parteien fehlten, hätte die Formulierung einer linken Männerpolitik für die männerpolitischen Diskussionen selbst eine sehr wichtige Bedeutung gehabt. (…)

So oder so: Wer geschlechterpolitisch auf dem Stand der Diskussion sein will, kommt um das Buch wirklich nicht herum.

Lucas Schoppes ursprüngliche Rezension:
Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)

Leszeks Erwiderung:
Über den Sinn linker Männerpolitik

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich finde dieses Lied sehr passend zum Buch, weil es sehr ernst klingt, aber auch einen hoffnungsvollen Unterton hat. Außerdem geht es um Unterstützung in schlechten Zeiten.

The Pretenders: I’ll Stand By You

Fundstücke: klaus, Leszek und djadmoros zu „Männerbeben“ von Arne Hoffmann

Christian Schmidt hat bei „Alles Evolution“ Artikel zu verschiedenen Büchern veröffentlicht, in denen er Leser fragt, wie diese ihnen gefallen haben. Ich halte es für sinnvoll, einige der Besprechungen separat zu veröffentlichen, weil man sie dadurch leichter wiederfindet und auch direkt auf sie verweisen kann. Besprechung von einführender Literatur in ein Thema – übrigens ausdrücklich auch solche der „Gegenseite“ – hat ohnehin mehr Platz in den Blogs verdient.

Den Anfang soll hier Männerbeben von Arne Hoffmann machen.

klaus:

Für mich war das Buch ein Augenöffner.
Ich fand es faszinierend, zu erleben, wie anders die Dinge aussehen, wenn man die Perspektive wechselt.
Vieles in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse, das diffus/punktuell in meinem Kopf rumgeisterte, plötzlich so umfassend und strukturiert zu lesen, war toll.
Im Freundeskreis habe ich das Buch meist als „Rote Pille“ bezeichnet, denn genauso hat es auf mich gewirkt.
Für mich gehört es in die Klasse der Bücher, die man mehrfach kauft, und dann verschenkt.

(ursprünglich veröffentlicht unter „Sind Frauen die besseren Menschen?„, gemeint war aber „Männerbeben“, wie aus einem Kommentar direkt darunter hervorgeht)

Leszek:

Arne Hoffmanns 2007 erschienenes Buch „Männerbeben“ ist insgesamt ein gelungener Nachfolger seines ersten männerrechtlichen Standardwerkes „Sind Frauen bessere Menschen?“
Dass „Männerbeben“ das vorherige Werk trotzdem nicht erreichen kann, liegt wesentlich daran, dass „Sind Frauen bessere Menschen?“ neben Warren Farrells „Mythos Männermacht“ wohl das beste zusammenfassende Buch zu männerrechtlichen Anliegen und ihrer wissenschaftlichen Fundierung ist, dass je geschrieben wurde.

Aber auch „Männerbeben“ ist lesenswert, enthält im ersten Teil nochmal eine einführende Darstellung der wichtigsten männerrechtlichen Themen; erklärt und begründet, warum Männerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft ein signifikantes Problem ist; liefert lesenswerte kritische Analysen zum Zustand des vorherrschenden Feminismus; beschreibt die Entstehung der Männerrechtsbewegung in Deutschland und erklärt worin sich die auf Gleichberechtigung abzielende Männerrechtsbewegung von der pro-feministischen Männerbewegung einerseits und von konservativen Traditionalisten andererseits unterscheidet; beinhaltet eine der ersten Kritiken an den Radikalen innerhalb der Männerrechtsbewegung; enthält ein Plädoyer für Rollenfreiheit für Männer und gibt Tipps für konstruktives männerrechtliches Engagement.

Im zweiten Teil folgen dann Interviews mit mehreren Personen, wodurch verschiedene Perspektiven und Zugänge zur Männerrechtsbewegung verdeutlicht werden.

Das Buch enthält also sowohl eine verständliche Einführung in männerrechtliche Kernthemen, des Weiteren auch Informationen und Analysen, die im Vorgängerband noch nicht behandelt wurden als auch eine sympathisierende, aber nicht unkritische Darstellung der Entstehung der Männerrechtsbewegung in Deutschland und ihrer Entwicklung bis zum Jahre 2007.

djadmoros:

Ich habe das Buch im Sommer 2011, also etwa vier Jahre nach dem Erscheinen, gelesen, und für mich war es ein großartiges Buch – wie von einem Kommentator bereits formuliert, tatsächlich die »rote Pille«, die mein ebenso chronisches wie diffuses Unbehagen mit feministischen und Geschlechterthemen zu einem klaren Urteil verdichtet hat.

Aufgrund meiner biografischen Situation (einer zum Glück insgesamt kooperativ, einvernehmlich und kindgerecht verlaufenen Scheidung, die mich zwischendurch aber dennoch auf eine emotionale Achterbahn gechickt hat) war ich genau damals »reif« für ein Buch dieser Art (sonst wäre es mir nicht erst mehrere Jahre nach Erscheinen aufgefallen). Das Buch hat mich durch seine »dichte Beschreibung« gesellschaftlicher und persönlicher Szenen beeindruckt, weil ich mich in vielen der dort geschilderten Episoden wiedergefunden habe.

Wem diese Bewertung zu enthusiastisch erscheint, der möge bedenken, dass ich meinen ersten Kontakt mit einer Männerbewegung schon Ende der 80er Jahre, kurz vor dem Mauerfall hatte, als man nur zwischen amerikanischen Schwitzhüttenritualen à la Robert Bly und Volker Elis Pilgrims »Untergang des Mannes« die Wahl hatte. Für mein intellektuell geprägtes Selbstbild war nach eher kurzer als langer Zeit beides eine Zumutung. Und im Vergleich dazu ist Arnes Buch nichts weniger als eine kopernikanische Revolution!

Aber davon wisst ihr jungen Dinger höchstens aus den Geschichtsbüchern – sogar Arne selbst ist jünger als ich!😀

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bücher können dabei helfen, Dinge richtig zu verstehen.

The Pretenders: Don’t Get Me Wrong