Laurie Penny, Stoßarbeiterin der feministischen Bewußtseinsindustrie

Nachdem ich zuletzt einen Aufsatz von Rebecca Solnit aus den »Blättern für deutsche und internationale Politik« (»die größte politisch-wissenschaftliche Monatszeitschrift im deutschen Sprachraum«) kritisiert hatte, hatte crumar mich darauf hingewiesen, dass dieselbe, hust!, Fachzeitschrift auch einen Artikel von Laurie Penny publiziert hat. Der Artikel heißt »Feminismus: Die Befreiung der Männer« und beruht auf dem Kapitel »Verlorene Jungs« in Pennys Buch »Unsagbare Dinge«. Spoiler vorneweg: der Aufsatz ist so unterirdisch wie befürchtet. Warum also, so kann man fragen, noch einmal der Aufwand einer ausführlichen Auseinandersetzung? Mein Hauptgrund lautet: Eigenbedarf. Ich rücke in meiner Kritik den Begriff des Patriarchats ins Zentrum, und da muss ich natürlich auch ein Relevanzargument liefern. Und! Überraschung!(Nicht) Der Begriff spielt im Aufsatz eine tragende Rolle. Ich bin zwar der Meinung, dass sich die um diesen Begriff herum entstandenen ideologischen Denkfiguren auch ohne den Begriff selbst nachweisen lassen, aber kann mir Steilvorlagen von reichweitenstarken Autorinnen wie Solnit und Penny kaum entgehen lassen – hier bekomme ich das Relevanzargument sozusagen vom befrackten Domestiken auf dem Silbertablett serviert, mit Schleifchen dran und Zucker obendrauf. Nur das persönliche Grußkärtchen fehlt, dafür muss ich leider erst berühmt werden. In der Summe werde ich der verehrten Leserschaft daher im Folgenden nichts wirklich neues erzählen. Interessant könnte allerdings sein, wie Pennys Text funktioniert und auf welche Weise sie ihre Botschaft ins Ziel zu bringen versucht. Außerdem ist dies meine erste Auseinandersetzung mit Laurie. Zu ihr wurde also möglicherweise bereits alles Nötige gesagt – nur eben noch nicht von mir! 🙂

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Warum ich Laurie Penny für einen feministischen Alleskleber halte

Laurie Penny stammt laut Sargon of Akkad aus wohlhabendem Haus und ist nicht zum ersten Mal durch seltsame Artikel aufgefallen. Kürzlich hatte Mark E. Smith bei man-tau den Beitrag „Laurie Penny: Über Faschismus und Feminismus“ veröffentlicht. Der Tenor (auch aus den Kommentaren!) lautete in etwa:

Wir stellen also fest, dass ihre Texte aus bloßen Behauptungen bestehen, einer Menge kerniger Ansagen und ordentlich Widersprüchen. Ja, warum bietet man denn dieser Frau eine Plattform in der Kolumne einer Zeitung?

Beim Durchlesen der Analyse dämmerte es mir. Ich kam auf folgende These: Was, wenn es gar nicht um brillante (oder in irgendeiner Form schlüssige, überzeugende) Argumentationskunst geht? Was, wenn damit niemand überzeugt werden soll? Was, wenn es wirklich nur noch um das Ansprechen von Gefühlen geht?

Denken wir an eine politische Partei. Die hat Leute, die für die Außenwirkung zuständig sind, die Unentschlossene werben oder bei denen auch Kritiker zugestehen, dass man zumindest bei einigen Themen gut mit ihnen zusammenarbeiten kann. Dann gibt es aber auch noch die Gestalten, deren Karriere oder Fortexistenz im Rampenlicht niemand so recht nachvollziehen kann. In der Sache immer ein wenig zu poltrig und grob, um für einen Außenstehenden sympathisch zu wirken, intellektuell vielleicht nicht einmal zu beurteilen, da sie fast nichts Substanzielles von sich geben, dabei noch irgendwie auf sich selbst fixiert. Und dennoch entsorgt die Partei diese Leute nicht still und heimlich, sondern hebt sie immer wieder auf ihren Schild. Ja es scheint sogar, je mehr diese Personen andere abschrecken, umso beliebter werden sie innerhalb der Partei.

Das sind die innerparteilichen Alleskleber. Diese Typen halten die Partei zusammen, egal, welche Flügel, Kreise und Cliquen es gibt, die sich gegenseitig nicht mögen. Gerade dann, wenn die Stimmung zu kippen droht, können sie mit salbungsvollen Worten (an die Parteifreunde) und martialischen Kampfansagen (an alle anderen) zusammenschweißen, was sich sonst auseinandergelebt hätte.

Deswegen ist der Eindruck nach außen auch egal: Es geht darum, die eigene Gruppe gegenüber dem Rest der Welt abzugrenzen. Und weil die Person den eigenen Leuten Honig ums Maul schmiert, muss sie selbst nicht einmal eine besondere Ausstrahlung haben – es hört ja jeder gerne, dass er so dermaßen recht hat…

Und genauso klingt für mich das, was ich von Laurie Penny gelesen und gehört habe: Wir nehmen den Jungs ihre Spielzeuge weg – daran müssen die sich eben gewöhnen! [Gute Sache] gibt es nur mit uns Feministinnen! [Böse Sache] läßt sich nur mit Feminismus bekämpfen! Wir sind also gaaanz wichtig, egal, welches Thema! Nein, wir haben letztes Jahr nicht an Zustimmung verloren – die Bösen haben nur eiskalt zugeschlagen. Wir haben nichts falsch gemacht, wir müssen nichts ändern – die anderen müssen gefälligst erkennen, dass wir die Kraft des Guten sind.

Vor diesem Hintergrund ergeben die Texte von Laurie Penny erstaunlicherweise einen Sinn. Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ich dieselbe These auf andere Kolumnistinnen wie Jessica Valenti oder Margarete Stokowski anwende…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nachdem es beim letzten Mal etwas zu dem Nachnamen gab, diesmal ein Lied, um „Laurie“ wieder in positivem Kontext zu erleben:

Hugh Laurie: Unchain My Heart

Gastartikel: Laurie Pennys Artikel ist keinen Penny wert

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen hat einige erfreuliche Reaktionen losgetreten. Woanders hält man sich jedoch an Dingen wie dem Feindbild weißer Mann nach wie vor fest.

So wies Mark E. Smith in einem Kommentar auf folgenden Artikel von hin, in dem Laurie Penny (stammt laut Sargon of Akkad aus recht wohlhabendem Hause und hält sich für unterdrückt, da Frau) Dampf abläst: «Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen». Dankenswerterweise hat djadmoros gleich die Kommentierung übernommen:

Ich greife mal nur ein Argument aus Pennys Rant heraus:

»Ihr hört nicht auf die ‹gewöhnlichen Leute›.» Tatsächlich sind damit weisse Leute gemeint. Wenn sie uns sagten, wir würden den «echten AmerikanerInnen» keine Aufmerksamkeit schenken, meinten sie damit weisse AmerikanerInnen. Und wenn sie uns vorwarfen, wir würden deren Sorgen nicht ernst nehmen, meinten sie damit, dass wir ihnen nicht zustimmen. Genau wie schon vor dem Brexit in Britannien erhielten die WählerInnen aus der «weissen Arbeiterklasse» auch vor den US-Wahlen jede Menge Aufmerksamkeit – unter anderem auch von der Mainstreampresse, die sie zu verabscheuen vorgeben. (…) Es wurden alle möglichen Bemühungen unternommen, Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen; Sorgen über den gefühlten Verlust von Privilegien, den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden.«

Da steckt implizit und explizit einiges drin:

(1) Weiße »gewöhnliche Leute« sind keine gewöhnlichen gewöhnliche Leute, sondern solche, die man als problematisch hervorheben muss.

(2) Wenn die »weiße Arbeiterklasse« Aufmerksamkeit erhält, dann ist das eigentlich bereits ein ungebührliches Zugeständnis. Sie kann daher nicht erwarten, dass man sich obendrein auch noch mit der Lösung ihrer spezifischen Probleme befasst.

(3) Die Mainstreampresse gibt bloß vor, die weiße Arbeiterklasse zu verabscheuen. Tatsächlich hat die weiße Arbeiterklasse echten und aufrichtigen Abscheu verdient.

(4) Die »Sorgen« der weißen Arbeiterklasse sind völlig ungerechtfertigt, weil sie nur im »gefühlten Verlust von Privilegien« bestehen, »den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden«.

Das ist das übliche »Weiter-so«-Denken. Wir tun witerhin, was wir auch bislang immer schon getan haben: wir sprechen der »weißen Arbeiterklasse« jegliche Legitimität ihrer Interessen und der Artikulation dieser Interessen ab. Indem wir ihre Selbstwahrnehmung zur Halluzination erklären.

»Wie kamen wir zum feigen Konsens, dass die «weisse Arbeiterklasse» eine homogene Masse tobender FanatikerInnen sei, denen man nachgeben muss wie einem Kleinkind, das am Rand eines Abgrunds einen Trotzanfall hat?«

Wie kommt Laurie Penny auf das schmale Brett, ein Rant, der Formulierungen wie »Dieser Unsinn muss sofort aufhören.« und »Ich habe keinen Bock mehr, auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.« sei etwas anderes als genau dieses: ein Trotzanfall?

Denn wann hätte jemand, der die Sorgen von Menschen mit der falschen Hautfarbe für bloß »gefühlte« Probleme eines »weissen Patriarchats« hält, überhaupt jemals auf deren Befindlichkeiten Rücksicht genommen? Da hatte eine Frau Penny doch noch nie »Bock drauf«!

Und was ist ihr Fazit? »Es ist der Moment gekommen, ernst zu machen.« Ach. Hat sie bisher nur Spaß gemacht? Wenn man sich immer schon an der oberen Kante der Tugendhaftigkeit verortet hat, wie will man diese Tugendhaftigkeit denn jetzt noch steigern? »Nun müssen wir noch härter arbeiten« heißt dann wohl: »jetzt müssen wir uns noch tiefer in unserem Weltbild einbetonieren«. Die intersektionale Opferhierarchie ist sakrosankt und wird sich von Trumps weißen Wählern nicht erschüttern lassen.

Fazit: »Rassismus ist Scheiße, außer gegen Weiße!«

Der Artikel ist keinen Penny wert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Damit „Penny“ wenigstens in einem positiven Zusammenhang hier fällt…

The Beatles: Penny Lane

Fundstück: Sargon of Akkad und die Rangliste der Privilegien

Sargon of Akkad, den ich zuletzt im Februar erwähnte, hat einen Ausschnitt aus einem seiner Wochenrückblicke „This Week In Stupid“ noch einmal als eigenes Video veröffentlicht. In den 1:23 Minuten erläutert er, wie die Rangliste der Privilegien im Jahr 2016 aussieht:

The Progressive Stack Explained

Er beschreibt dabei aus seiner Sicht die Haltung der „Progressiven“, die er auch als „regressive Linke“ bezeichnet – in ausdrücklicher Abgrenzung von anderen Linken oder Liberalen. Die Pseudo-Progressiven sieht er in enger Beziehung zu Lügnern und Manipulatoren (SJW).

Die „Rangliste der Privilegien“ (meine Wortwahl, eigentlich „der progressive Stapel“) dient dabei dazu, zu klären, wer im Zweifelsfall mehr unterdrückt ist, was allein durch Identitätsmerkmale bestimmt wird. Die Liste sieht folgendermaßen aus (erneut meine Übersetzungen):

  1. Rasse (*)
  2. Cis-Normativität (*)(*)
  3. Geschlecht
  4. sexuelle Ausrichtung
  5. (Nicht-)Behinderung
  6. Klasse

Seine Begründungen für diese Einschätzung finde ich ebenfalls erwähnenswert: Homosexuell zu sein sei weniger wichtig als die Tatsache, dass man gleichzeitig ein weißer cis-Mann ist. Beachtlich befindet er ferner, dass Dinge wie körperliche Eingeschränktheit oder eine Herkunft aus armen Verhältnissen, die bei der Frage nach Privilegien eigentlich eine große Rolle spielen sollten, ganz unten rangierten. Daraus ergebe sich dann, dass etwa die aus recht wohlhabendem Hause stammende Laurie Penny sich als ganz schrecklich unterdrückt darstellen kann, weil sie ja eine Frau sei.

Doch wehe dem, der weiß, cis, männlich, hetero, nicht behindert und aus der Mittelklasse ist. In der Weltanschauung der „Progressiven“ seien diese Menschen schlicht und ergreifend Abschaum, der von Privilegien profitiere und die Gruppen mit jeweils anderen Merkmalen unterdrücke.

Diese regressive Linke ist offensichtlich sein Feindbild, da sie sich genau konträr zu der von ihm beschriebenen neuen Gegenkultur verhalten. Es ist daher natürlich Vorsicht geboten, diese Rangliste einfach so als Tatsache zu übernehmen.

Reizvoll finde ich es aber schon, sie daraufhin zu überprüfen, wie oft sie bei „Privilegienkonflikten“ zutrifft. Es wäre doch interessant, zukünftige Fälle zu sammeln, bei denen sie stimmt – und natürlich auch solche, bei denen sie nicht stimmt, inklusive dem ableitbaren alternativen Rangsystem.

(*) Die Verwendung des Wortes „Rasse“ bedeutet dabei nicht, dass er selbst (oder gar ich) an irgendwelche „Rassentheorien“ glaubt, sondern nur, dass der Begriff Rasse als bedeutendes Merkmal in Diskussionen verwendet wird.

(*) (*) Wortwörtlich übersetzt wäre es „Heteronormativität“, aber er bezieht sich nicht auf hetero/homo, sondern cis/trans, wie aus seiner Erläuterung deutlich wird.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hier eine weitere Geschichte von einer schrecklich unterdrückten Frau (man sehe nur, wie sie von all den Männern mit Geschenken belästigt wird!):

Madonna: Material Girl