Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach mokiert sich in einem Blog-Artikel über die Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschrei. Leider bleibt sie bei ihrer Analyse bzw. Kritik in einem dualistisch manichäischen Weltbild verfangen.

Die Überschrift des Blog-Artikels hat es bereits in sich

Die Überschrift des Blog-Artikels von Franziska Schutzbach, in dem sie sich mit den Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschreis auseinandersetzt, hat es bereits in sich, er lautet nämlich:

Wie können die Tussen es wagen?

Offenbar hat eine Person (oder waren es mehrere?) die Initiatoren des #SchweizerAufschreis in den Social Media als Tussen bezeichnet, die es wagen würden, sich gegen Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu wehren bzw. dies öffentlich zu thematisieren. Solche Aussagen wie „Tussen“ sind selbstverständlich zu unterlassen, aber man kann sich ebenfalls fragen, wie repräsentativ diese Aussagen für alle Kommentatoren bzw. für alle Männer sind? Vermutlich nicht sehr repräsentativ. Franziska Schutzbach baut somit m.E. bereits im Titel einen Popanz auf, der besagt: Männer beschimpfen Frauen als Tussen und wollen ihnen offenbar den Mund verbieten, wenn diese gewisse Problematiken thematisieren. Vereinfacht könnte man auch formulieren: Männer sind Unterdrücker und Frauen die armen Opfer.

Dualistisch manichäisches Weltbild und Rundumschlag

 Franziska Schutzbach schreibt:

Spätestens seit #SchweizerAufschrei wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

In einem ersten Rundumschlag gegen alles Böse wird bereits am Anfang fleissig sortiert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie viele Personen haben wohl in den Kommentarspalten der Online-Medien geschrieben, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen würden? War das 1 Person von 100 bzw. 1 Person von 1’000 Personen? Hat Franziska Schutzbach eine repräsentativ empirische Studie durchgeführt und ausgerechnet, wie hoch der prozentuale Anteil ist? Oder könnte es vielleicht so sein, dass dies z.B. nur eine Person gesagt hat und Franziska Schutzbach wiederum einen Popanz aufbaut, quasi als rhetorische Strategie, um einen Beweis zu liefern, dass Männer quasi einem Hirngespinst nachjagen?

Und sind diese „breitbeinige Männlichkeit“, diese „Polter-Eidgenossen“, „Welterklärer“, „Maskulisten“, „Mansplainer“, „Werte-Verkünder“, „Pussygrabscher“ und „Bescheidwisser“ eine homogene Gruppe? Also alle samt und sonders böse Männer, die allen Frauen und insbesondere der Franziska Schutzbach nur böses wollen oder sonst nur böses auf der Welt tun? Könnte es ev. sein, dass hier Franziska Schutzbach schon mal zahlreiche Feindbilder aufbaut, um ihrem dualistisch manichäischen Weltbild Genüge zu tun?

Wer ist eigentlich Täter und wer ist eigentlich Opfer?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern.

Jetzt muss man die Franziska Schutzbach einmal fragen, ob sie es gerne hätte, wenn sie quasi, nur weil sie ein Mann oder eine Frau ist und somit einer dieser zwei Populationen angehört (Männer bzw. Frauen),  quasi mit einem Generalverdacht belangt würde, der heisst: „Männer sind potenzielle Vergewaltiger oder sexuelle Belästiger oder Sexisten?“ Was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn man sagen würde: „Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen“? Oder „Ausländer sind potenziell kriminell“? Franziska Schutzbach würde bestimmt laut aufschreien und sagen: „das ist Rassismus, wenn man sagt, dass Ausländer potenziell kriminell sind“.  Oder was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn die SVP (eine rechtskonservative neoliberale populistische Partei in der Schweiz) eine Aufschrei-Kampagne starten würde, bei der alle Bürger dazu eingeladen sind, ihre Erfahrungen mit Ausländerkriminalität emotionalisierend, moralisierend und skandalisierend zum Besten zu geben?  Auch hier würde sie wohl lauthals Rassismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit schreien. Aber wenn sich Männer beschweren, dass sie den Eindruck haben, quasi alle Männer würden als potenzielle Täter stigmatisiert und gebrandmarkt, dann ist das vermutlich für Franziska Schutzbach vollständig etwas anderes.

Weshalb spricht eigentlich Franziska Schutzbach nicht ebenfalls von männlichen Opfern und weiblichen Tätern? Vermutlich passt dies nicht in ihre feministische Agenda und wird tunlichst ausgeklammert und vermieden und würde das Bild zerstören von: hier die guten Frauen als Opfer und dort die bösen Männer als Täter.

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz kommt eine Studie aus dem Jahre 2013, was die potenziell belästigenden Situationen anbelangt, zum Ergebnis, dass kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen sind. Bei sexueller Gewalt im europäischen Vergleich sind, was die Opfer betrifft,  Unterschiede zwischen Männern und Frauen kaum vorhanden:

Wir haben also bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und bei sexueller Gewalt bei neusten Studien kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Opfer betrifft., wenn neuere Studien berücksichtigt werden. Wenn nun gewisse Männer den Eindruck bekommen, sie würden pauschal als potenzielle Täter gebrandmarkt, ist es sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich dagegen wehren.

Und selbstverständlich treten diese Kommentarschreiber nach Franziska Schutzbach nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Woher weiss Franziska Schutzbach, dass diese Kommentarschreiber oben sind? Oder weshalb sollten sie oben sein? Was genau heisst eigentlich oben? Kennt Franziska Schutzbach diese Kommentarschreiber persönlich? Weiss sie überhaupt irgend etwas von ihren Lebenslagen – ausser, dass sie vielleicht Männer sind, was auch nicht zu 100% sicher ist, sondern nur vermutet werden kann. Und woher weiss sie, dass sich diese Kommentarschreiber ihrer Allmacht versichern wollen? Könnte es nicht auch sein, dass sich Franziska Schutzbach hier wiederum als „armes Opfer“ inszenieren möchte, das unten wie ein Mäuschen steht (machtlos, hilflos, ausgeliefert) und ein Bild vom bösen Unterdrücker und Machtmenschen zelebriert, der selbstverständlich ein Mann ist?

Frauen werden nach Schutzbach also immer, wenn sie mit dem Mund aufmucken, zur Schnecke gemacht? Gibt es diesbezüglich empirische Untersuchungen, die genau das bestätigen, was Franziska Schutzbach hier behauptet oder ist das einfach ihr gefühlter Eindruck und/oder ev. eine rhetorische Strategie, um Frauen wiederum als allgegenwärtiges und ubiquitäres Opfer zu inszenieren? Ist es nicht viel mehr so, dass die wichtigen Medien in der Schweiz (Radio, TV, Print, Online) sehr ausführlich und wohlwollend über den #SchweizerAufschrei informiert haben? Man könnte sogar sagen: In den wichtigen Medien ist der #SchweizerAufschrei quasi hegemonial geworden.

Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

 

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Franziska Schutzbach schreibt:

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich.

Das hört sich zwar alles auf den ersten Blick sehr vernünftig an, wenn wir jedoch diesen #SchweizerAufschrei, der u.a. von Franziska Schutzbach lanciert wurde, genauer betrachten und ihn mit den Augen des erst kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof prüfen, der u.a. das „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgegeben hat, sieht die Sache doch ganz anders aus. Im Hinblick auf die Flutung der Öffentlichkeit mit Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung, wie dies z.B. mit dem #SchweizerAufschrei geschehen ist, kommt er in einem Interview mit der Überschrift „Schluss mit dem Bauchstalinismus“ zu folgender Einschätzung:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Das heisst: Kurt Imhof würde vermutlich den #SchweizerAufschrei unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumieren. Kurt Imhof sagt im Interview weiter:

Die sanfte Gewalt des besseren Arguments hat keine Chance gegen die moralgetränkte Empörung und unsere privaten Leidenschaften geraten unter die Fuchtel einer ebenso moralgetränkten Political Correctness.

(…)

Affekte und Empörungsgefühle sind die billigste Währung, die wir haben. Wenn unsere Unterschichtenmassenmedien zur öffentlichen Hinrichtung eines bekannten Grossbankers auf dem Paradeplatz aufrufen würden, dann kämen Zigtausende. Eine Einsicht des Aufklärungsliberalismus war: Öffentliche Hinrichtungen, die Human-Interest-Ereignisse der Vormoderne, sind pädagogisch nicht wertvoll. Sie befriedigen Affekte und tragen nichts zum Fortschritt von Mensch, Moral und Gesellschaft bei. Also musste dieser Zivilisationsprozess über die Bildungsinstitutionen und das öffentliche Räsonnement zunächst das ganze Volk durchdringen, damit es möglich wurde, den Rechtsstaat aufrechtzuerhalten und die Gewaltenteilung durchzuziehen. Dahinter wollen wir doch nicht zurück?

Die #SchweizerAufschreikampagne nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass quasi eine Debatte über Sexismus, Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung mittels Empörungsbewirtschaftung und moralischer Diskreditierung abgehandelt wird und die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ auf der Strecke bleibt.

Franziska Schutzbach schreibt:

Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften.

Weshalb dies nun Franziska Schutzbach explizit in diesem Kontext aufführen muss, ist m.E. nicht nachvollziehbar. Dies dürfte vermutlich für die Mehrheit der Frauen und Männer eine Binsenwahrheit sein.

Political Correctness versus Noam Chomsky

Franziska Schutzbach schreibt:

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten.

Bei Franziska Schutzbach geht quasi alles immer nur um ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung. Es kommt ihr offenbar nicht in den Sinn, dass hinter der Kritik an PC auch ganz andere Motive stecken könnten. Wenn sich beispielsweise Noam Chomsky  für die Redefreiheit eines Holocaustleugners einsetzte, dann ging es ihm ganz sicherlich nicht darum, eine asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, sondern, es ging ihm darum, die Meinungsäusserungsfreiheit auch und gerade in Fällen von abscheulichen Gedanken zu verteidigen. Man kann Chomskys Haltung für richtig oder falsch finden, aber der Impetus für die Meinungsäusserungsfreiheit ist in diesem Fall sicherlich anders, als Franziska Schutzbach dies verallgemeinernd insinuiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Interessant ist hier, dass Franziska Schutzbach die Frauen als Minorität (numerische Minderheit) sieht, obwohl z.B. in der Schweiz gerade das Gegenteil der Fall ist: Die Population der Frauen ist numerisch eine Majorität. Aber es zeigt gut auf: Sie möchte vermutlich die Frauen unbedingt als Randgruppe inszenieren, die eben unterdrückt sind und einen Opferstatus zugewiesen bekommen sollen. Über Empörungsbewirtschaftung, moralische Diskreditierung von Personengruppen, Emotionalisierung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit soll also nicht diskutiert werden, das würde ja vom eigentlich Problem ablenken. Das die Art und Weise, wie die Problematik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, selbst zum Problem werden kann, kommt selbstredend nicht auf den Radar, bzw. ist selbstverständlich nur eine Nebensache und tut nichts zur Sache: Kollateralschäden (der Zweck heiligt die Mittel) werden einkalkuliert und sind nicht der Rede wert.

Die ewig unterdrückte Frau

Franziska Schutzbach schreibt:

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten.

Wenn Männer quasi als Tätergruppe hingestellt werden, unabhängig davon, ob dies nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit geschieht und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht ins Blickfeld geraten, muss sich Franziska Schutzbach nicht wundern, wenn sich Männer gegen eine kollektive Dämonisierung zur Wehr setzen, auch wenn gewisse Formen der Verteidigung selbstverständlich unangebracht sind. Wie bereits weiter oben dargelegt: Wenn Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als Tätergruppe in der Öffentlichkeit diffamiert würden, dann wäre der Aufschrei von Franziska Schutzbach gewiss; aber bei Männern darf das selbstverständlich gemacht werden.

Franziska Schutzbach schreibt:

Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Das dürfte für viele Männer kein Problem sein, wenn in Geschlechterbeziehungen Machtgefälle angesprochen werden, wenn die Männer jedoch den Eindruck haben, dass Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht thematisiert und Männer quasi kollektiv in der Öffentlichkeit dämonisiert werden, dann ist es nachvollziehbar, wenn Männer sich hier zur Wehr setzen.

Geschlechtergerechtigkeit und wer wie viel weiss

Franziska Schutzbach schreibt:

(…) Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.

Wie wäre es, wenn sich Franziska Schutzbach im Gegenzug ein bisschen mehr Wissen über Geschlechtergerechtigkeit aneignen würde? Beispielsweise in dem Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer endlich auch einmal von ihr thematisiert werden? Und wie wäre es, wenn Franziska Schutzbach sich einmal die Frage stellen würde, weshalb Männer 1,5 mal häufiger als Frauen Opfer von schweren Gewalttaten werden (Mord, Totschlag, Raub, schwere Körperverletzung); Männer fast 3mal häufiger Selbstmord begehen als Frauen, Männer immer noch 5 Jahre früher sterben als Frauen, Männer viel häufiger obdachlos sind als Frauen usw., usf., etc.!

Fazit

Das Narrativ, das uns Franziska Schutzbach in ihrem Blog-Artikel erzählt, ist sehr einseitig und auf einem dualistischen manichäischen Weltbild aufgebaut, das insbesondere Dämonisierung und Feindbilder erzeugt; Differenzierungen und Grautöne sind kaum vorhanden. Es lautet vereinfacht wie folgt:

  • Männer beschimpfen Frauen und werten diese ab;
  • Männer sind Unterdrücker und sonnen sich in ihrer Allmacht;
  • Männer wollen den Frauen den Mund verbieten und sie unterdrücken;
  • Frauen sind nur Opfer und keine Täterinnen.
  • Männer sind nur Täter und keine Opfer.
  • Frauen sind machtlos und eine Minorität. Männer sind die Majorität und haben Macht.

Quellen:

„Wie können die Tussen es wagen“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz

Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Schluss mit dem Bauchstalinismus!

 

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#SchweizerAufschrei: Michèle Binswanger über die antifeministischen Memmen, die gefälligst aufhören sollen zu flennen!

von Mark E. Smith

Ein „#SchweizerAufschrei“ gab in den letzten Tagen in der Schweiz viel zu reden, und es gab insbesondere auch von vielen Männern grosse Kritik an dieser Aufschrei-Kampagne. Die Journalistin Michèle Binswanger erklärt in einem meinungsbetonten Artikel den Kritikern, weshalb dieser Aufschrei sinnvoll ist. Ob ihr das gelingt …..?

In der Schweiz gab es in den letzten Tagen einen sogenannten „#SchweizerAufschrei“, der, ähnlich wie der „Hashtag Aufschrei“ in Deutschland aus dem Jahre 2013, Sexismus, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung zum Thema hatte. Auslöser dafür war neben den Aussagen von Donald Trump (Pussygate) eine Aussage einer nationalen schweizerischen Parlamentarierin (SVP-Nationalrätin) namens Andrea Geissbühler, die sich in einem Interview mit einem Regional-Sender wie folgt äusserte:

„Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und dann ein bisschen mitmachen, aber plötzlich dennoch nicht wollen, tragen ja auch ein wenig eine Mitschuld. Da sind die bedingten Strafen vielleicht gerechtfertigt.“

Es geht an dieser Stelle nicht darum, diese Aussage von Andrea Geissbühler zu diskutieren und zu qualifizieren, sondern aufzuzeigen, was der Auslöser für den „Hashtag SchweizerAufschrei“ war. Wie in Deutschland, mit dem „Hashtag Aufschrei“, wurde dieser in der Schweiz von vielen Medien (Print, Online, Radio, TV) aufgegriffen und somit in der Öffentlichkeit breit thematisiert.

In diesem Beitrag möchte ich mich ausschliesslich mit einem Artikel von der Journalistin und Feministin Michèle Binswanger auseinandersetzen, der am 18. Oktober 2016 auf dem Online-Portal des Tagesanzeiger erschienen ist.

Der Titel und der Vorspann des Artikels lauten dabei wie folgt:

„Hört auf zu flennen, ihr Memmen!“
„Antifeministen wollen wissen, was der #SchweizerAufschrei bringen soll. Eine gute Frage, doch die Antwort wird ihnen nicht gefallen.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob es nett, höflich und konstruktiv etc. ist, wenn man die „fremdernannten“ Antifeministen bereits im Titel mit „Memmen“ tituliert, die aufhören sollen zu flennen. Michèle Binswanger weiss offenbar, dass man die „fremdernannten“ Antifeministen ohne grosse berufliche bzw. gesellschaftliche Konsequenzen beleidigen, diffamieren oder diskreditieren darf, weil solche Beschimpfungen zumindest im gesellschaftspolitischen Mitte-links-Milieu im Sinne von Antonio Gramsci hegemonial sind. Interessant ist natürlich auch die Frage, weshalb Michèle Binswanger so treffsicher wissen kann, dass die Kritiker des „#SchweizerAufschrei“ alle samt und sonders Antifeministen sind? Ich glaube kaum, dass sie die Kritiker danach gefragt hat und ebenfalls ist unwahrscheinlich, dass sich diese selbst so etikettiert haben. Aber: Warum sollte Kritik am „#SchweizerAufschrei“ gleichbedeutend mit Antifeminismus sein? Ev. sind es einfach Menschen, die Humanisten, Menschenrechtler, kritische Geister etc. sind und das kritisieren, was für sie nicht einleuchtend bzw. stimmig ist, ohne irgendwelche politische Ideologien zu präferieren. M.E. gibt es jedoch dafür zwei plausible Gründe, weshalb Michèle Binswanger die Kritiker allesamt unter die Antifeministen subsumiert: 1) Sie kann sich offenbar nicht vorstellen, dass überhaupt jemand berechtigte Kritik an diesem „#SchweizerAufschrei“ haben kann, ohne quasi ablehnend gegenüber dem Feminismus eingestellt zu sein, und/oder, 2) sie will vor allem ein Feindbild kreieren, so im Sinne von: „Die Menschen, die für Gleichberechtigung von Mann und Frau sind, haben selbstverständlich nichts gegen den Feminismus und somit auch nichts gegen den „#SchweizerAufschrei“ und wer diesen trotzdem kritisiert, ist eben ein Antifeminist, der jenseits von Gut und Böse ist“. Durch diese Reduktion in zwei Parteien (hier die Feministinnen und dort die Antifeministen) wird bereits der erste Schritt getan, um die Debatte in einen Feindbild-Modus zu lenken.

Beschimpfung der mutmasslichen Antifeministen im Kontext der Qualität der Medien

Aber ich möchte noch kurz etwas Grundsätzliches zu dieser Beschimpfung der „fremdernannten“ Antifeministen durch Michèle Binswanger sagen und zwar aus medienwissenschaftlicher Sicht und hier insbesondere, wenn es um die Qualität von Medien und Öffentlichkeit geht:

Der erst kürzlich verstorbene Mediensoziologe Kurt Imhof, der zuletzt Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich war und u.a. das alljährlich erscheinende „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgab, sagte einmal in einem Interview:

„Der Aufklärungsliberalismus hat auch aus den Erfahrungen der Religionskriege ein Bewusstsein dafür behalten, dass der unzivilisierte, affektgetriebene Mensch des Menschen Wolf ist. Deshalb setzten die Aufklärungssozietäten auf Affektkontrolle als zivilisatorisches Programm. Ihre Forderung nach ‚Ausgewogenheit’ bedeutete, dass Argumente niemals gegen Personen, sondern nur gegen Argumente antreten. Für die Affekte, das Triebhafte und ‚Naturgemässe’ des Menschen hat die Aufklärung strikt den Raum des Privaten reserviert. Im Öffentlichen gilt dagegen der Respekt vor der – begründeten – Meinung anderer. Man nimmt politische Gegner ernst. Man gibt nicht einfach ein Charakterurteil über andere ab, weil einem ihre Meinung nicht passt. Wer dies in den Aufklärungsgesellschaften tat, verstiess gegen grundsätzliche Regeln und wurde vom Diskurs ausgeschlossen. Aus gutem Grund, denn die persönliche Diskreditierung anderer ist nichts als bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt.“

Insofern wäre die Beschimpfung im Titel (Memmen, die aufhören sollen zu flennen) von Michèle Binswanger gegenüber den mutmasslichen Antifeministen alles andere als ein Zeichen von Qualitätsjournalismus, sondern „bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt“.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb Michèle Binswanger überhaupt auf diese abwertenden Wörter wie „Memmen“ und „flennen“ kommt. M.E. leitet sie dies aus den nachfolgenden Erörterungen ab – sie schreibt nämlich:

„Auch durch die sozialen Medien schwirrten sofort die antifeministischen Verteidigungsschwadronen und verkündeten ihre Weisheiten zum Thema Sexismus in der Schweiz. Der #SchweizerAufschrei, hiess es da, sei a) ein Profilierungstrick linker Politikerinnen, b) sei Sexismus in der Schweiz kein Problem, weil sie selber c) noch nie eine angemacht oder angegrabscht hätten. Sie seien aber d) selber schon begrabscht worden und hätten das nicht schlimm gefunden. Daraus schliessen sie schliesslich e), dass Frauen mit der Aktion nur Opferstatus beanspruchen wollen.“

Die „fremdernannten“ Antifeministen drehen quasi den Spiess des „#SchweizerAufschreis“ um und sagen: sie selbst würden nie Frauen sexistisch behandeln bzw. sexuell belästigen, aber wenn jemand sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt würde, dann wären sie es; sie würden dies jedoch nicht schlimm finden; zumal sie eben gerade nicht flennen und sich wie Memmen benehmen. Für sie ist also die sexuelle Belästigung bzw. der Sexismus der Frauen gegenüber ihnen kein Grund zur Klage. Die „fremdernannten“ Antifeministen machen jedoch den Frauen des „#SchweizerAufschrei“ den Vorwurf, dass diese quasi mimosenhaft reagieren würden. Indem diese nämlich bereits Komplimente wie „sie sei nett angezogen“ oder „sie würde schöne Stiefel tragen“ als sexistisch taxieren würden, zumal derartige Komplimente Frauen auf ihr Aussehen reduzieren würden.
Die „fremdernannten“ Antifeministen sind nach Michèle Binswanger also primär deshalb Memmen, die flennen, weil sie nicht so mimosenhaft wie gewisse Frauen auf Komplimente reagieren und dies als Sexismus wahrnehmen.

Eine frohe Botschaft: Nicht alle Männer sind Sexisten, aber alle Frauen sind Opfer

Michèle Binswanger schreibt:

„Die Verteidigungsschwadronen beklagen sich, hier würde allen Männern der Prozess gemacht, was vollkommener Blödsinn ist. Nur weil alle Frauen das erleben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind.“

Michèle Binswanger gibt sich empört. Wie können gewisse Männer nur auf die absurde Idee kommen, der „#SchweizerAufschrei“ würde behaupten, alle Männer wären potenzielle Sexisten und sexuelle Belästiger? Diese Auffassung scheint mir jedoch überhaupt nicht abwegig zu sein: Wenn bei Michèle Binswanger alle Frauen Opfer sind und keine männlichen Opfer weit und breit thematisiert werden und die Täter primär männlich sind, dann werden einmal die Männer als Opfer vollständig eskamotiert und auch Frauen als Täterinnen sind quasi inexistent. Wie kommt eigentlich Michèle Binswanger auf die Gewissheit, dass 100% der Frauen Opfer sexueller Belästigung und Sexismus sind? Hat sie repräsentative wissenschaftliche Studien darüber konsultiert? Natürlich nicht! Das ist ihre „gefühlte“ Wahrheit bzw. Gewissheit!

Michèle Binswanger als Spezies des postfaktischen Zeitalters

Man könnte also polemisch formulieren: Michèle Binswanger ist eine typische Spezies des postfaktischen Zeitalters bzw. der postfaktischen Politik bzw. des postfaktischen Journalismus; es interessiert sie nicht, was repräsentative wissenschaftliche Studien über Sexismus und Sexuelle Belästigung hinsichtlich Männer und Frauen bisher herausgefunden haben, sondern ihre Betroffenheit und ihr subjektive „Gefühltheit“ sind primär der Massstab, um das gesellschaftliche Ausmass festzustellen und einzuordnen.
Bei Wikipedia können wir unter dem Begriff postfaktische Politik u.a. folgendes lesen:

„Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

Michèle Binswanger im Empörungs- und Betroffenheitsmodus

Nachdem sie de „fremdernannten“ Antifeministen die Leviten gelesen hat, nähert sie sich nun mit eiligen Schritten dem Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus.

Michèle Binswanger schreibt:

„Was sexuelle Übergriffe anging, hatte ich in meinem Leben ein paarmal Glück. Oder konnte mich wehren. Als ich einmal allein im Ausgang war und mir von hinten jemand an den Hintern fasste, drehte ich mich um und stellte ihn: ‚Du hast mir jetzt aber nicht gerade an den Hintern gefasst?’, fragte ich laut. Er tat ertappt und murmelte in sein Bier: ‚Ja, aber das ist doch nicht so schlimm!’ Nein, ich fand die Berührung nicht schlimm. Schlimm fand ich, dass er dachte, er könne das einfach so tun. Ohne irgendwas, nicht einmal Blickkontakt, den er missverstehen könnte. Man wird zum Objekt gemacht, nicht ernst genommen. Schlimm ist, wenn die 15-jährige Tochter am Sonntag vom Lernen im Park heimkommt und sagt: ‚Da war so ein Typ, der hat uns aufdringlich zugezwinkert und uns verfolgt. Sehr gruselig.’ Das ist es, was wir jeden Tag erleben: Nicht ernst genommen, als Fickstück und Schlampe betitelt werden, in unserer sexuellen Integrität bedroht, vom väterlichen Stadtpräsident mit einer Hand auf dem Bein angefasst werden. Es ist eine verdammte Realität in diesem Land, nicht bei allen, nicht jeden Tag. Aber es passiert.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, was dieser Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus erreichen will und was er schlussendlich bewirkt? Und ob er überhaupt ein realistisches und repräsentatives Bild über Sexismus und sexuelle Belästigung in der Schweiz abgibt und zwar was sämtliche Täter und Opfer betrifft und dies bei Männern wie bei Frauen.

Der bereits weiter oben zitierte Mediensoziologe Kurt Imhof sagt im Zusammenhang von Empörungsjournalismus:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne (…) sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Die #SchweizerAufschrei-Kampagne und der hier besprochene Artikel von Michèle Binswanger kann somit nach Kurt Imhof unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumiert werden, denen es nicht mehr darum geht, mit „der sanften Gewalt des besseren Arguments“ zu überzeugen, sondern möglichst mittels Emotionalisierung, Skandalisierung und Moralisierung Aufmerksamkeit zu erheischen und moralische Diskreditierung zu betreiben (alle Kritiker der #SchweizerAufschrei-Kampagne als Antifeministen brandmarken und sie als Memmen, die flennen, beschimpfen).

Politik und Medien zeichnen vielfach ein schiefes Bild

Dass die Politik und die Medien vielfach ein schiefes Bild zeichnen, wenn es um die Opfer und Täter von Gewalt, Sexismus und sexueller Gewalt geht, darauf hat erst kürzlich wieder Stephan Schleim hingewiesen, wenn er schreibt:

„Medien und Politik zeichnen ein einseitiges wie eindeutiges Bild: Opfer sexueller Gewalt sind vor allem Frauen. Männer werden in der Regel als Täter dargestellt. Neue Studien widerlegen dieses Bild deutlich. Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.“

Was soll der „#SchweizerAufschrei“ bezwecken?

Für Michèle Binswanger soll der Aufschrei und ihr Artikel den Männern bewusst machen, in welcher Welt die Frauen leben und sie dazu ermuntern, selbst einzuschreiten, wenn wieder eine Frau von einem Mann sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt wird. Hier zeigt sich sehr gut, dass dieser Aufschrei, zumindest wenn wir Michèle Binswanger folgen, ausschliesslich für Frauen gedacht ist, die Opfer werden und zwar Opfer ausschliesslich durch Männer als Täter. Das schiefe Bild, auf das bereits Stefan Schleim hingewiesen hat, wird somit weiterhin zementiert bzw. reproduziert.

Quellen:
(http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hoert-auf-zu-flennen-ihr-Memmen/story/31808295)
https://www.schweizermonat.ch/artikel/schluss-mit-dem-bauchstalinismus
http://www.heise.de/tp/artikel/49/49666/1.html
http://www.telebaern.tv/118-show-news/12639-episode-sonntag-9-oktober-2016/29540-segment-vergewaltigungen-in-der-schweiz