Fundstück: Parteien zur Bundestagswahl 2017 über die Frauenquote in Aufsichtsräten

Wie schon zur Wahl in Berlin 2016 und der Landtagswahl in NRW 2017 präsentiere ich eine These aus dem Wahl-O-Mat und die Positionen der Parteien dazu. (Die Reihenfolge der Parteien habe ich dabei 1:1 von dort übernommen.)

Für diejenigen, die zurecht bemängeln, dass der Wahlkampf vollkommen auf Personen zurechtgeschnitten ist, gibt es diesmal eine Alternative, die dem Rechnung trägt: Beim Geil-O-Mat wählt man rein nach subjektiven Merkmalen!

Bohemian Browser Ballett: Geil-O-Mat – Welcher Kandidat ist mir eigentlich sympathisch?

Doch zurück zum Wahl-O-Mat. Die relevante These für die Geschlechterdebatte lautet diesmal:

25/38. Die Frauenquote für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen soll abgeschafft werden.

dafür

FDP
„Wir Freie Demokraten wollen mehr Frauen in Führungsverantwortung. Frauen sind in der Leitung von Unternehmen und anderen Führungspositionen sehr erfolgreich und gemischte Teams arbeiten produktiver und erfolgreicher. Wir erwarten daher von Unternehmen in Deutschland eine deutliche Verbesserung des Frauenanteils in Führungspositionen. Eine gesetzliche Quote lehnen wir jedoch ab: So werden Frauen zu Platzhaltern degradiert und nicht entsprechend ihrer Leistungen gewürdigt.”

AfD
„Die bisherige Frauenquote, bei der einzelne Karrierefrauen oft in mehreren Aufsichtsräten gleichzeitig sitzen („Goldröcke“), hat für die Masse der Frauen, die nicht zu einer privilegierten Elite zählen, überhaupt nichts gebracht. Die AfD lehnt alle Quotenregelungen strikt ab. Menschen sollen ausschließlich nach ihrer Leistung beurteilt werden.”

Piraten
„Prinzipiell halten wir nichts von Quoten jedweder Inhalte. Hier muss ein gesellschaftliches Umdenken gefördert werden hinsichtlich der Einsicht, dass sich unabhängig von sozio-kulturellen Merkmalen die höchste Qualifikation durchsetzt.”

NPD
„In Unternehmen müssen Positionen nach Leistung, nicht nach Quote vergeben werden. Es ist wünschenswert, wenn sich auch Frauen für hohe Positionen bewerben, diese dürfen ihren männlichen Kollegen jedoch nicht per Gesetz bevorzugt werden.”

ÖDP
„Quoten sind oft nicht praktikabel zu handhaben, sondern es kommt auf die gesellschaftliche Einstellung an. Diese gilt es entsprechend weiterzuentwickeln für ein Miteinander von Frauen und Männern. Frauen und Männer dürfen auch bei herkömmlicher Erwerbsarbeit nicht benachteiligt werden, Frauen nicht aufgrund von Erziehungsleistungen. Sie müssen die gleichen Aufstiegschancen haben. Es muss gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt werden.”

BP
„Die Bayernpartei lehnt Quoten aller Art strikt ab. Allein die Qualifikation und die Qualität der Arbeit sollten entscheiden. Nicht das Geschlecht.”

Volksabstimmung
„Es ist verfassungswidrig, Frauen in Berufe zu drängen, die sie nicht ausüben wollen.”

PDV
„Das muss der Arbeitsmarkt regeln.”

Die Rechte
„Eine festgelegte Quote darf nicht über eine Stellenbesetzung entscheiden. Passende Charaktereigenschaften, erbrachte Leistungen und der Bildungsgrad müssen ausschlaggebende Argumente für eine Stellenbesetzung sein und nicht das Geschlecht.”

ADD
„Die Stärkung der Tarifautonomie und Hilfestellung öffentlicher Wirtschaftsförderungsstellen sollen vor Ort als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, Gleichstellung in der Praxis umzusetzen. Gleichstellung und Chancengleichheit sind jedoch nach unserer Meinung nicht mit ideologisch unterfütterter Gleichmacherei zu verwechseln, wie sie in Beschäftigungsprogrammen für selbsternannte Gesellschaftsarchitekten unter Titeln wie Gender Mainstreaming propagiert wird.”

Die Grauen
„Wir lehnen Quotierungen ab. Arbeitsplätze sollten ausschließlich nach persönlicher Qualifikation und Eignung vergeben werden.”

neutral

Freie Wähler
„Eine gesetzlich verpflichtende Quote kann nicht die alleinige Antwort auf die vielfältigen Ursachen für die geringe Anzahl von Frauen in Führungspositionen sein. Auch wenn in der Theorie Frauen die gleichen Chancen wie Männer auf dem Arbeitsmarkt haben, gibt es in Wahrheit noch viele Baustellen wie beispielsweise klischeehafte Rollenbilder, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie mangelnde, gezielte Karriereförderung von Frauen. Wir sehen in der Quote jedoch nur eine Übergangslösung.”

MLPD
„Diese Frauenquote hat nur Alibi-Funktion. Viel wichtiger ist es, für die wirkliche Gleichstellung der Masse der Frauen einzutreten und ihrem Kampf um die Befreiung zu fördern.”

SGP
„Die Debatte um die Frauenquote in Aufsichtsräten ist eine Diskussion in den obersten zehn Prozent der Gesellschaft und hat mit einem wirklichen Kampf für die Rechte der Frau nicht das Geringste zu tun. Um insbesondere arme und alleinerziehende Frauen zu stärken, sind umfassende öffentliche Sozialprogramme aufzulegen.”

BGE
„Das Bündnis Grundeinkommen (BGE) ist sich einig, dass Frauen bei der Stellenbesetzung gleiche Chancen wie Männer haben sollen, und eine Benachteiligung von Frauen mit gleicher Qualifikation bei der Stellenbesetzung gesellschaftliche Ächtung erfahren soll. Ob die Frauenquote hierzu ein geeignetes Mittel ist, kann derzeit noch nicht abschließend beurteilt werden.”

Die Humanisten
„Wir stehen einer Frauenquote skeptisch gegenüber. Dem eigentlichen und begrüßenswerten Ziel der Geschlechtergleichstellung kann diese positive Diskriminierung sogar noch schaden, da Frauen so nur wegen ihres Geschlechtes und nicht wegen ihrer Leistungen in Verantwortung kommen. Dennoch kann eine solche Maßnahme gerechtfertigt sein um bestehende Rollenmuster und diskriminierenden Strukturen aufzubrechen. Dazu sollten Studien die Wirksamkeit beleuchten.”

Gesundheitsforschung
„Die Partei für Gesundheitsforschung ist eine Ein-Themen-Partei, die als einziges Ziel hat, Forschung für die ursächliche Behandlung altersbedingter Volkskrankheiten wie Krebs, Alzheimer, Diabetes usw. massiv zu fördern.”

dagegen

CDU/CSU
„Die Geschlechterquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten bei den börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen hat dafür gesorgt, dass der Frauenanteil in deren Aufsichtsräten gestiegen ist. Daher sehen wir keinen Grund, die Frauenquote wieder abzuschaffen.”

SPD
„Mit der Frauenquote für Führungspositionen in Wirtschaft und im öffentlichen Dienst sorgen wir dafür, dass bei der Besetzung von Top-Jobs die Qualifikation zählt und nicht das Geschlecht. Unser Ziel: Führungsgremien sollen jeweils zu 50 Prozent mit Frauen und Männern besetzt sein. Dafür benötigen wir eine Gesamtstrategie Frauen in Führungspositionen. Wir werden die Frauenquote weiter steigern, ihren Geltungsbereich auf alle Unternehmen, alle Gremien wie Vorstände und Aufsichtsräte ausdehnen.”

Die Linke
„Ganz im Gegenteil. Die bestehende Flexi-Quote ist zu unverbindlich. Immer noch stoßen Frauen an die „gläserne Decke“, die ihnen den gleichen Zugang zu Führungsgremien und Leitungspositionen verweigert. DIE LINKE tritt für eine verbindliche Frauenquote für alle Aufsichtsräte sowie für die Vorstände aller Unternehmen ein.”

Grüne
„Wir wollen eine 50-Prozent-Frauenquote für die 3.500 börsennotierten und mitbestimmten Unternehmen. Denn Führungsgremien sind in Deutschland weitgehend Männerrunden. Daran ändert das bisherige Quotengesetz nur wenig: Es gilt für ganze 101 Unternehmen. Die Potentiale und Qualifikationen von Frauen zu verpassen, kann sich dieses Land nicht weiter leisten. Darum wollen wir Maßnahmen für Führungspositionen auf allen betrieblichen Ebenen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind.”

Tierschutzpartei
„Frauen sind – trotz gleicher Eignung – in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert. Um hier eine Veränderung in Gang zu bringen, bedarf es zunächst einer Quotenregelung, bis Frauen in Führungspositionen eine Selbstverständlichkeit geworden sind.”

Die PARTEI
„Die PARTEI fordert schon seit Jahren die Einführung einer Faulenquote von 17 Prozent. Ergänzend bestehen wir auf einer Männerquote an der Lidl-Kasse, in Kindergärten und auf Junggesellinnen-Abschiedspartys.”

BüSo
Zu dieser These hat die Partei keine Begründung vorgelegt.

Tierschutzallianz
„Es sollte zwar immer die Geeignetheit eines Menschen im Vordergrund stehen, aber solange Männer nicht bereit sind, qualifizierten Frauen einen Platz in der Vorstandsetage einzuräumen, bedarf es einer gesetzlichen Regelung.”

B*
„verstaatlichung aller konzerne mit weniger als 50 % frauen im vorstand! 😀 wir lehnen die einteilung der menschen in zwei geschlechter ab. aber solange menschen aufgrund ihres -wenn auch konstruierten und zugeschriebenen- geschlechts diskdriminiert werden, soll es auch mechanismen genau dagegen geben. wie stark diese mechanismen die kategorien wiederum festschreiben, darf dabei gern offen bleiben…”

DiB
„Die Quote ist derzeit eines der wenigen Mittel, die für eine Veränderung in den Unternehmen sorgen können. Bis eine tatsächliche Chancengleichheit hergestellt ist und Frauen ganz selbstverständlich die gleichen Karrierewege offen stehen, sorgt die Quote für den nötigen Druck auf die Unternehmen, aktiv etwas zur Förderung der Frauen zu tun.”

DKP
„Die DKP kämpft für eine Welt ohne börsennotierte Unternehmen. Die DKP setzt sich für den Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit ein. Denn Frauen erhalten heute für die gleiche Arbeit rund 25 % weniger Lohn. Die Einführung von Frauenquoten kann da nur ein Anfang sein.”

DM
„Frauenquoten sind erst dann unnötig, wenn die Gesellschaft auf dem richtigen Weg ist. Wir sollten also schauen, dass wir uns so entwickeln, dass wir derartige Krücken nicht mehr benötigen. Wichtig bleibt darüber hinaus, dass wir Familien stärken – und die Mütter darin auch. Kinder brauchen beide Eltern, besonders in den ersten drei Jahren, das muss unser System fördern: Flexibilität, Durchlässigkeit! Und Frauen haben andere Qualitäten als Männer, das sollten wir berücksichtigen.”

du.
„Die Quote ist weiterhin gut und wichtig und sollte nicht nur für Aufsichtsräte gelten, sondern top down auf weitere Ebenen im Unternehmen ausgeweitet werden.”

Menschliche Welt
„Wir sehen die Frauenquote als ein Mittel, die Beteiligung qualifizierter Frauen in den Führungspositionen zu erhöhen. Dies ist eine Methode, mehr Geschlechtergerechtigkeit und eine Verbesserung der Führungsqualität zu erreichen.”

V-Partei^3
„Die Frauenquote ist ein wichtiges Werkzeug, um den Anteil an Frauen in Führungspositionen zu erhöhen und der bevorzugten Einstellung von Männern entgegenzuwirken.”

Anmerkungen

„Die Qualifikation soll der Maßstab sein“ ist das wichtigste Argument gegen eine Quote. Die FDP verbreitet leider den Mythos weiter, gemischte Teams seien (automatisch) produktiver und erfolgreicher. Bemerkenswert die Aussage der ÖDP, dass sowohl Frauen und Männer nicht benachteiligt werden dürfen. Unter den neutralen Stimmen finde ich beachtlich, dass die MLPD und SGP korrekt feststellen, die Frauenquote habe eine Alibifunktion und von ihr profitierten nur Frauen in den oberen Schichten.

Bei den Quotenbefürwortern wird es deutlich abstruser: Die DKP betet den längst widerlegten Mythos herunter, der Gender Pay Gap entstehe durch ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Die Linke spricht von der angeblichen „gläsernen Decke“ an der Spitze. Dabei müsste für eine linke Partei doch der gläserne Boden für die vielen Menschen unten in der Gesellschaft viel wichtiger sein.

B* ist völlig in dem Glauben verfangen, Geschlechter seien konstruiert, während V-Partei^3 davon ausgeht, Männer würden bevorzugt eingestellt. Übertroffen wird das noch von der Tierschutzallianz, die herbeifantasiert, die Männer würden sich generell gegen Frauen in hohen Positionen sträuben. Eine solche Unterstellung der Marke „als Gruppe handeln“ ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) in Reinform.

DiB sieht die Quote als eines der wenigen Mittel für Veränderungen in Unternehmen. Von allgemeinen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hat man dort wohl noch nichts gehört, ganz zu schweigen etwa von einer vernünftigen Sozial- und Familienpolitik.

Die Grünen kündigen bereits an, wo die Reise hinzugehen hat: 50%-Quoten und Maßnahmen auf allen Ebenen, bei denen Frauen in der Minderheit sind. Was für bizarre Züge das annimmt, haben sie zumindest bei der Wahl ihrer Spitzenkandidaten gezeigt…

Dabei wäre es doch so einfach, wenn es stimmt, was wie die Grünen schreiben: Denn wenn Unternehmen es sich nicht leisten können, Frauen als Angestellte zu verpassen, dann wird der wirtschaftliche Druck sie dazu zwingen, entsprechend einzustellen. In Märkten mit hohem Wettbewerb gibt es weniger Diskriminierung, wie schon Thomas Sowell 1981 feststellte. Könnte vielleicht das Gegenteil der Fall sein und der „Fachkräftemangel“ nur ein Mythos, während uns in Wirklichkeit die (anständig bezahlte) Arbeit ausgeht?

Ins gleiche Horn, nur viel extremer, stößt schließlich die SPD, die hier noch einmal eindrucksvoll demonstriert, warum sie für Männer im Jahre 2017 nicht mehr wählbar ist: So wie schon bei den Grünen Zwang und 50% überall, aber dazu garniert mit einem Neusprech allerfeinster Güte:

„Mit der Frauenquote für Führungspositionen in Wirtschaft und im öffentlichen Dienst sorgen wir dafür, dass bei der Besetzung von Top-Jobs die Qualifikation zählt und nicht das Geschlecht.”

Diese Partei merkt wirklich nichts mehr. Um Merkel abzulösen, bräuchte es eine andere große Partei neben der Union – alles andere ist nach Adam Riese illusorisch. Da die SPD aber alles tut, um niemals wieder groß zu werden, ist sie der beste Wahlhelfer, den sich Angela Merkel und die Christdemokraten wünschen können.

Lesenswertes zur Wahl

Ich selbst hatte ja bereits Anfang Februar geschrieben, warum ich die „arme Merkel“ für Angela, die Alternativlose halte. Sie hat sich zwar alternativlos gemacht, aber auch keine große Strategie. Sie hat immer auf Sichtweise regiert, so bei Fahren im Nebel. Weitere Einschätzungen:

  1. Fazit der Politik der Großen Koalition bei Fefe
  2. Wie hat sich die deutsche Regierung geschlagen? Ein Rating der Minister mit ihren Zukunftschancen bei der NZZ (gut für den Blick von außen!), zu Merkel etwa: „Kontroversen weicht Merkel aus. Politisch hat sie wenig mehr erreicht, als den Zustand ordentlich zu verwalten.“
  3. Merkel hat keine Vision für Deutschland oder Europa. – diese und andere klare Benennungen von Jens Berger bei den Nachdenkseiten
  4. Fefe zitiert aus der Welt: Angela Merkel hat die Grenzen geöffnet, weil sie Angst vor den negativen Bildern hatte.
  5. Mathias Sodem: der neue Kanzlerkandidat der SPD von Tom Wellbrock bei den Neulandrebellen – als Beispiel, was ein SPD-Spitzenkandidat tun müsste, um erfolgreich zu sein

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ganz populistisch ein Lied einer bekannten Band, allein wegen des Titels ausgewählt.

Coldplay: Politik

Warum ich einige Positionen für schwer zu verteidigen halte

Nach wie vor bin ich erstaunt über das Ausmaß der geplatzten Filterblasen nach der US-Präsidentschaftswahl. Die Kollision einer als unpassend empfundenen Realität mit dem bisherigen Weltbild, der anhaltende Zustand von Ratlosigkeit bis hin zu nackter Angst beschränkt sich nicht nur auf poststrukturelle Genderfeministinnen oder Lügner und Manipulatoren (SJW), sondern grassiert immer noch unter Politikern und Journalisten, also solchen Leuten, die aus den Emotionen anderer Menschen Kapital schlagen, aber selbst nüchtern vorgehen sollten, um in ihrem Beruf Erfolg zu haben.

zu sehr eingebuddelt, um sich zu bewegen

Eine vernünftige Reaktion bestünde darin, die Wirklichkeit unter geänderter Informationlage neu zu erfassen und mit anderen Teilen der Gesellschaft notwendigerweise Dinge auszuhandeln.. Bei den beiden erstgenannten Gruppen ergeben sich jedoch aus deren Grundüberzeugungen und Verhaltensweisen eine ganze Reihe von Hindernissen, die dem im Wege stehen:

  1. Es gibt keine allgemeine objektive Realität, nur die Perspektive mit Priorität zählt.
  2. Probleme der anderen sind nur eingebildet.
  3. Die Mehrheit hat Macht, daher keine Probleme.
  4. Über verschiedene Identitäten/Gruppen hinweg kann man sich nicht verständigen, „nur X kann Xe wirklich verstehen“.
  5. Auf den anderen einzugehen ist Verrat an der Sache. Wer Recht hat, braucht nichts zu erklären!
  6. Eine beliebig komplizierte Sprache zeigt Gruppenzugehörigkeit und Tugendhaftigkeit.
  7. Sachliche Kritik gibt es nicht.

All das kann man sich nur leisten, solange man in der Machtposition ist. Sobald man die Meinungshoheit verloren hat, wird es sehr schwer, sich zu bewegen, denn dafür hat man sich vorher zu sehr eingebuddelt. Und genau diese Immunisierung gegen Kommunikation und Kompromisse, dass man extrem priviligiert ist.

Welten dazwischen

Das zeigt sich auch an den erlebten Realitäten. Zunächst diejenige der Menschen, welche sich in dem Wahlergebnis ausdrückt. Wie schon erwähnt schrieb Jens Berger bei den Nachdenkseiten:

Ist es wirklich so schwer, sich in einen ehemaligen Facharbeiter aus Flint, Michigan hineinzuversetzen, der früher ein stolzes und geachtetes Mitglied seiner Gemeinde war, der seine Familie durch die harte Arbeit ernähren konnte und es am Ende sogar geschafft hat, eines seiner Kinder an eine dieser teuren privaten Hochschulen zu bringen? Was mag in diesem Mann vorgehen, der heute von Glück reden kann, dass er noch einen Job im Supermarkt hat, wo er jungen Schnöseln ihre Einkäufe in Tüten verpacken darf und ansonsten nur sieht, wie „sein Amerika“ vor die Hunde geht?

Eine wichtige Frage vieler Leute in Deutschland sei, „warum man trotz formal guter Ausbildung keinen Job bekommt“.

Ergänzend nannte JK in den Hinweisen des Tages „Menschen, die einfach nur gute Arbeit leisten und davon leben wollen“, welche „sich jeden Tag fragen müssen, wie sie wieder einen Job bekommen können, der es Ihnen möglich macht die Hypotheken für ihr Häuschen oder die Ausbildung für ihre Kinder zu bezahlen“.

Schauen wir im Gegenzug auf ein Aushängeschild des Feminismus in Deutschland. Anne Wizorek hat zwar ihr Studium nicht beendet, aber über eine Twitter-Aktion letzten Endes einen Posten von der Regierung bekommen (Berufung in die Sachverständigenkommission zur Erarbeitung des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung).

Ihre offenbar größte Sorge: „Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen.

Abstieg breiter Schichten vs. vom Staat gefördert: Unterschiedlicher können die Realitäten kaum sein.

Journalisten wie Politiker

Interessant ist ferner, dass auch Journalisten inzwischen die üblichen Ablenkungsmanöver anwenden, um sich nicht mit Kritik zu befassen. Die Glaubwürdigkeit der meisten Phrasen überlebt eine Begegnung mit der Realität allerdings nicht lange:

„der Wähler ist einfach dumm“

Das war schon vor Jahren erkennbar falsch. Dazu schrieb etwa der konservative Journalist Michael Spreng:

Politiker werden immer wieder davon überrascht, dass die Wähler schlauer sind, als Politiker denken.

Und ja, er hat diese Einsicht immer wieder gerne genannt.

Tatsächlich sind Wahlen in den meisten Fällen nur ein sehr grobes Instrument, um den eigenen Willen kundzutun. Insbesondere ohne regelmäßige Volksabstimmungen zu ganz konkreten Fragen fällt dem Wähler die Aufgabe zu, mit wenigen Kreuzen alle paar Jahre seine Meinung zu einer komplizierten Gemengelage auszudrücken. Wie soll das klar und einfach lesbar sein?

„Leute interessieren sich nicht für Fakten“

Die Leute suchen nicht mehr nach Fakten, wo sie schon lange keine mehr gefunden haben! Wenn Meinungen als Fakten vorausgesetzt oder unseriöse Studien präsentiert werden, da ist es doch klar, wenn die Menschen das irgendwann ausblenden.

Das neue Modewort „postfaktisch“ soll eben diese Ausrede liefern. Unter dem Titel „Postfaktisch?“ Was soll denn nun dieser Unsinn schon wieder? schrieb Jens Berger auf den Nachdenkseiten:

Zwischen den Zeilen heißt „postfaktisch“ eigentlich nur, dass das Establishment erkannt hat, dass es die politischen Debatten der Gegenwart nicht mehr auf Sachebene führen kann, weil es faktisch die schlechteren Argumente hat.

„man kann den Leuten nicht mehr Kompliziertes erklären“

Um meinen Eindruck aus Foren im Internet und Gesprächen in der physischen Realität zusammenzufassen: Es herrscht eine große Sehnsucht nach Fakten, Hintergrundinformationen, Erklärungen, Debatten. Viele Leute finden die dargebotenen Informationen schal und wenig ergiebig.

„die Leute haben zu kurze Aufmerksamkeit“

Der beste Gegenbeweis sind stundenlange Podcasts und Youtube-Videos, die Leute auch noch freiwillig finanzieren. Offensichtlich kommt man ohne millionenschwere Technik aus, um Leute bei der Stange zu halten. Nur müssen die Inhalte hörens- und sehenswert sein.

„im Internet schreiben größtenteils Trolle“

Die Nachdenkseiten haben kürzlich 100 Seiten Leserbriefe zur aktuellen politischen Debatte veröffentlicht. Laut Aussage der Macher mussten nur wenige Zuschriften herausgefiltert werden. So sieht es aus, wenn man die Augen nicht verschließt.
Von wegen nur Pöbelei unter den Kommentaren!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenn es schon um Realitätsblasen in diesen Tagen geht, fällt mir der Soundtrack eines Computerspiels ein.

Reality Bubble: Days Like These

Warum ich auch Cicero applaudiere

Die Nachdenkseiten zitieren in ihren heutigen Hinweisen des Tages einen Cicero-Artikel von Alexander Grau, „Die Bankrotterklärung eines ganzen Milieus„, in dem dieser aus dem Vollen schöpft:

Die Reaktionen auf den Wahlsieg Donald Trumps sind so bezeichnend wie erschütternd. In Redaktionen, Parteien und akademischen Einrichtungen hat sich offenbar ein Milieu gebildet, das den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung verloren hat

Genau diese Einschätzung gab es unlängst von Jens Berger. Schön, sie noch einmal und erneut so deutlich zu lesen! Grau schreibt weiter:

[D]ie Ursache für das Wahlergebnis waren [sic!] sofort zur Hand: der Aufstand der Verlierer, der alten weißen Männer, der Arbeitslosen, Ungebildeten und sozial Prekären.

Abgesehen davon, dass Trumps 60.051.402 Wähler (Stand 10.11., 10.00 Uhr) unmöglich ausschließlich weiße, ungebildete und arbeitslose Männer sein können, verblüfft die Empathielosigkeit, ja die kaum verhohlene Verachtung, die aus so vielen Kommentaren trieft.

Es ist schön zu sehen, dass diese Erkenntnis auch außerhalb dieser Blogblase bekannter wird. Das Feinbild „weißer Mann“ wird seit Jahren verwendet und herumgereicht – selbst wenn, wie Grau völlig treffend feststellt, es rein statistisch nicht taugt.

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Ebenso entlarvend wie charakteristisch war am Mittwoch eine kleine Randbemerkung im Deutschlandfunk. Da fand es der Sprecher mit deutlich verfinsterter Stimme schockierend, wie radikal die Wähler ihre Stimme aus ihrer persönlichen Situation heraus abgegeben hätten. Ja, aus was denn bitte sonst, war man spontan geneigt zurückzufragen.

„Der Sprecher“ läßt sich sogar präzisieren: Es war Norbert Röttgen, ehemaliger Bundesumweltminister und derzeit Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Fefe, 09.11.2016:

Man habe die Radikalität unterschätzt, mit der Wähler bereit seien, aus ihrer persönlichen Situation die Konsequenzen zu ziehen, sagte Röttgen im Deutschlandfunk.

Der Beitrag, in dem das so stand („US-Wahl – Röttgen: Trump-Erfolg ist Warnung für Europa“), ist inzwischen nicht mehr zu finden. Kein Grund zu Verschwörungstheorien, der Deutschlandfunk depubliziert anscheinend recht schnell.

Aber wenn die Sachen so schnell aus dem Netz verschwinden, dann zitiere ich lieber, was das Zeug hält. Ein früherer Beitrag hatte sowohl eine etwas andere Zusammenfassung als auch den O-Ton:

„Wenn die Stimme der Wut der mächtigste Mann der Welt wird“

Röttgen warnte davor, die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der Wähler bereit seien, zu unterschätzen.

Und was wir, glaube ich, unterschätzen ist die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der dann auch Wähler bereit sind, darin Konsequenzen zu ziehen.

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Da sagt jemand vom politischen Establishment:

  1. Uns ist gar nicht bewusst, dass es den Leuten so mies geht.
  2. Wir rechnen nicht damit, dass solche Leute konsequent genug sind, um wählen zu gehen und entsprechend zu wählen.

Das schreit ja geradezu nach „Denen werde ich’s zeigen!“. Besser kann man Leute, denen es schlecht geht, gar nicht ermutigen, zur Wahl zu gehen und gegen die etablierten Parteien zu stimmen.

Das ist von meiner Seite keine Werbung für radikale Parteien. Diese kommen ja dadurch erst hoch, dass unter den nichtradikalen bestimmte Themen und Positionen, für die eine Nachfrage existiert, kein Angebot gibt. Ganz in der Logik des Marktes: Wenn nichts anderes da ist und der Leidensdruck zu groß wird, geht man sogar zu einem unseriösen Anbieter mit zweifelhaftem Produkt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bekam jedoch im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl wieder mehr Aufmerksamkeit. Das Vertrauen, dass die Leute schon schön brav bleiben werden, hat erste Risse bekommen. Damit ist einiges möglich.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein wenig Hoffnung muss man schon haben, dass es besser wird. Aber ganz ohne Hoffnung ist auch alles Mist.

Randy Newman: Mr President (Have Pity On The Working Man)

Warum ich den Nachdenkseiten applaudiere

Die Nachdenkseiten erleben im Zuge der US-Präsidentschaftswahl anscheinend gerade ihr Momentum. Die angesprochenen Themen sind auf so sehr mit denen dieser Blogblase verschränkt, dass ich aus dem angenehmen Staunen nicht mehr herauskomme.

Auf den Punkt gebracht: Der Zorn der einfachen Leute ist zu verstehen. Für die Sorgen breiter Bevölkerungsschichten ist die Linke blind geworden. Genderfeminismus und politische Korrektheit sind reine Ablenkung..

Die Texte sind selbst dann interessant, wenn man nicht links ist und auf die links/rechts-Unterscheidung allergisch reagiert. Denn gerade das vorschnelle Anheften von negativen Etiketten und die ständige Abgrenzung, die Lebensferne und die Verachtung anderer Leute werden kritisiert.

Jens Berger hat eine schreiberische Sternstunde mit „Populisten und dumme Wähler? Ihr habt nichts, aber auch rein gar nichts, verstanden„. Zwei Zitate, in denen er es auf den Punkt bringt:

Die Fähigkeit, zu erahnen, was in anderen Menschen vorgeht, scheint vor allem dem linken Lager tatsächlich verloren gegangen zu sein. Und dies nicht nur in den USA. Hierzulande ist es doch genauso.

Kritiker aufgepasst: Wer es absolut plausibel findet, dass immer mehr Wähler „rechtspopulistisch“ wählen, sagt damit nicht, dass er dies auch gut findet.

Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Leszek, djadmoros, crumar… es mangelt nicht an Personen, die politisch „irgendwas mit links“ sind und bei denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie Jens Bergers Einschätzung in wesentlichen Punkten teilen. Der wohl dichteste Absatz des Artikels:

Ist es wirklich so schwer, sich in einen ehemaligen Facharbeiter aus Flint, Michigan hineinzuversetzen, der früher ein stolzes und geachtetes Mitglied seiner Gemeinde war, der seine Familie durch die harte Arbeit ernähren konnte und es am Ende sogar geschafft hat, eines seiner Kinder an eine dieser teuren privaten Hochschulen zu bringen? Was mag in diesem Mann vorgehen, der heute von Glück reden kann, dass er noch einen Job im Supermarkt hat, wo er jungen Schnöseln ihre Einkäufe in Tüten verpacken darf und ansonsten nur sieht, wie „sein Amerika“ vor die Hunde geht? (…) Haben wir Linksliberalen mit unserer tollen Bildung und Ausbildung wirklich nie auch nur den Hauch Empathie gelernt?

In ihren heutigen Hinweisen des Tages zitieren die Nachdenkseiten eine ähnliche Geschichte. Früher hochqualifizierter Facharbeiter, dessen Handarbeit Weltklasse-Niveau hatte, heute arbeitslos und von der großen Politik vergessen.

Deutliche Worte findet Jens Berger auch in der Bestimmung der Ursachen:

Klar, diesem selbstgerechten Bürgertum, dem offenbar die Deutungshoheit im rot-grünen Lager zugefallen ist, geht es in der Tat gut. Hier muss man sich keine Gedanken darüber machen, warum man trotz formal guter Ausbildung keinen Job bekommt. Hier sind Hartz IV und Grundsicherung sehr abstrakte Themen. (…) [d]a es uns ja materiell ohnehin (zu) gut geht, stehen nun die weichen Themen auf der Agenda – genderneutrale Toiletten sind dann wichtiger als Chancengleichheit, die Frage, ob schwule Paare Kinder adoptieren können, ist wichtiger als die Frage, wie man Jobs in strukturschwache Regionen bringt. (…) Politik hat dann eine Politik für Minderheiten zu sein. Wer als weißer christlicher Mann gleich drei Mehrheiten [*] angehört, hat da schon mal schlechte Karten. ([*] obgleich Männer demographisch idT eine Minderheit sind, werden sie paradoxerweise politisch als Mehrheit angesehen)

Ins selbe Horn stößt auch JK als Kommentar zu dem genannten Hinweis des Tages:

Weshalb sollten Menschen, die einfach nur gute Arbeit leisten und davon leben wollen und ohne eigenes Verschulden zum Spielball der neoliberalen Globalisierung geworden sind, sich mit damit auseinandersetzen ob »all gender welcome Toiletten« notwendig sind oder nicht, wenn sie sich jeden Tag fragen müssen, wie sie wieder einen Job bekommen können, der es Ihnen möglich macht die Hypotheken für ihr Häuschen oder die Ausbildung für ihre Kinder zu bezahlen?
(…)
Diese Problematik gilt nicht nur für die USA, sondern auch für die Mehrheit der deutschen Linken, die an allen Ecken Diskriminierung wittert, dabei aber den entscheidenden gesellschaftlichen Antagonismus, den zwischen Arm und, den zwischen dem obersten 1% und dem Rest völlig verdrängt, mithin die soziale Frage nicht mehr stellt.
Um es plakativ zu formulieren, was wäre gewonnen, wenn in Deutschland alle Toiletten korrekt gegendert wären, aber das Hartz-IV System weiterbesteht, das die Betroffenen Tag für Tag Demütigungen und Schikanen aussetzt (…)?

Der Schlusssatz von JKs Kommentar ist ein hervorragendes Fazit:

Ohne soziale Gerechtigkeit kann es auch keine Gleichberechtigung in anderen Bereichen geben. Das zu begreifen ist die aktuelle Herausforderung.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Welcher Titel passt besser zum Gefühl, dass die etablierten Parteien im Dunkeln tappen?

Julian Casablancas: Left and Right in the Dark