Fundstück: Fefe-Feminismus

Fefe hat innerhalb weniger Tage zweimal zu Feminismus gebloggt – und zwar einmal, was für ihn Feminismus ist, und das andere Mal, was Feministen tatsächlich tun. Er selbst hat den Zusammenhang zwischen den beiden Fundstücken so nicht hergestellt; mir sprang die Diskrepanz nur so ins Auge.

Was für Fefe Feminismus ist

Fundstück Nummer eins: Indische Wissenschaftler schicken Rakete zum Mars. Im Bild zu sehen: Indische Wissenschaftlerinnen in traditioneller Kleidung, die sich gegenseitig zum Erfolg gratulieren.

In der Tat: Wenn man Beispiele sucht, in denen Frauen Großartiges geleistet haben und damit Mädchen ermutigen will, dass ihnen alle Möglichkeiten offenstehen – dann passt das in das Narrativ. In meiner eigenen Welt ist es völlig normal, dass Inderinnen in traditioneller Kleidung dasselbe leisten können wie ich – und das auch tun, wenn sie wollen.

Doch leider darf für einige das positive nicht normal sein. Die Welt muss grundsätzlich in den schwärzesten Farben gemalt werden. Das führt dann zu Handlungen, die überhaupt nicht zu solchen begrüßenswerten Entwicklungen passen. Ich erinnere an folgende Vorfälle aus den vergangenen Jahren:

Der Fall Matt Taylor, auch bekannt als „Shirtgate“: Astrowissenschaftler läßt Sonde auf Kometen landen – die wohl unglaublichste Leistung im Weltraum seit einer Generation – und wird wegen seines Hemds solange gemobbt, bis er sich unter Tränen für seine Kleiderwahl entschuldigt.

Der Fall Tim Hunt: Nobelpreisträger hält Vortrag und macht einen Witz, dieser wird völlig aus dem Zusammenhang gerissen und für eine Schmutzkampagne verwendet, um die Karriere des Wissenschaftlers zu beenden.

Der Fall, in dem die deutsche Professorin einem indischen Studenten grundsätzlich keinen Praktikumsplatz anbieten möchte. Begründung: „Indien, das Land mit der schrecklichen rape culture„.

Ja, in welcher Weise war das denn ermutigend? Wo ist hier der Geist von „wenn Du gut genug bist, kannst Du alles schaffen“ zu sehen?

Was Feministen tatsächlich tun

Fundstück Nummer zwei: Der neuerliche Shitstorm gegen Fettlogik überwinden.

Da zerreißen Feministen ein Buch einer Autorin, die es aus eigener Kraft zu einem Doktortitel geschafft hat und ein Sachbuch geschrieben hat. Jemand, den man hochhalten könnte, als Heldin feiern. (…) Und das Buch ist auch noch ein klassisches Empowerment-Buch, das sich bemüht, Leuten das Gefühl der Ohnmacht wegzunehmen, wenn sie glauben, ihr Leben nicht im Griff zu haben, und nichts dagegen tun zu können.

Wie Erzählmirnix selbst berichtet, gab es eine sehr negative Rezension von Nicole Heinz, bei der völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde und welche dann u.a. von der Mädchenmannschaft verlinkt wurde:

Das fand ich besonders interessant, denn bei allen dieser großen Seiten oder Personen handelt es sich um Profile, die „feministisch“ in der Selbstbeschreibung haben. Dabei empfand ich Teile der Kritik als etwas, das üblicherweise von feministischer Seite wohl als „antifeministisch“ kritisiert würde.

Beispielsweise scheint es in diesem Fall völlig okay zu sein, mir als Frau mangelnde Bescheidenheit vorzuwerfen, weil ich meine Qualifikation herausstelle.

(…)

Nun sage ich nichts, wenn das jemand mit „Laber Rhabarber“ abtut – es ist ja keiner verpflichtet, jetzt in Mitleid auszubrechen. Wenn das allerdings von Feministinnen kommt, deren erklärtes aktivistisches Ziel sich u.a. auf zwei Dinge richtet, nämlich:

1. Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen im Berufsleben zu beseitigen, z.B. sexistische Rollenzuschreibungen der „bescheidenen Frau“, die ja nicht zu „arrogant“ auftreten soll
2. Stalking und Drohungen gegenüber Frauen, die öffentlich ihre Meinung vertreten beseitigen

… dann hat es schon einen gewissen Geschmack, wenn eine solche Rezension unkritisch geteilt und empfohlen wird.

Es ist natürlich nichts Neues. Wir hatten das ja schon im September 2015: Radikalfeministinnen kritisieren erzählmirnix und die Anzahl der Follower geht steil hoch. Wie auch von Fefe erwähnt: Streisand-Effekt. Der Shitstorm hat die Zugriffzahlen auf ca. 100.000 erhöht; die Verkäufe gehen nach oben, die Vorbestellungen ebenfalls. Erzählmirnix selbst witzelte daher schon von einer Shitstorm-Quote, auch wenn ein Shitstorm natürlich nicht so leicht wegzustecken ist.

Erzählmirnix, deren Comics bereits als „Maskuscheiße“ etikettiert wurden, bezeichnet sich sich selbst nicht als Feministin, erkannte allerdings auch Unterstützung von einigen Feministinnen an:

Der feministische Shitstorm der letzten Wochen hatte nun einen geradezu paradoxen Effekt: Er hat mir Feminismus näher gebracht. Zum ersten Mal, dadurch dass ich plötzlich nicht nur mehr die lauten Extreme wahrnahm die kreischten und sich als Furien gebärdeten, wie ich es die letzten Monate und Jahre schon x Mal miterlebt hatte. In den letzten Tagen erlebte ich, wie ganz viele Feministinnen Stellung bezogen, und zwar gegen diesen Bevormundungsfeminismus.

Es ist eben keine Schwarzweißwelt. So gibt es positive Besprechungen von „Fettlogik überwinden“ von Robin Urban und von Onyx. Und warum auch nicht, wo sollte da das Problem sein?

Der Witz ist natürlich nur, dass hier auf zwei verschiedenen Seiten Feministinnen stehen, und man egal, wo man selbst steht, daher immer als „antifeministisch“ gebrandmarkt werden kann. Antifeminismus als Tautologie.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei schwarzweiß fällt mir immer zuerst dieses Lied ein…

Michael Jackson: Black or White

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Warum ich mehr über den Vorfall zwischen dem Inder und der Professorin wissen möchte

Es ist etwa einen Monat her, da machte eine Meldung die Runde: Deutsche Professorin lehnt Student ab: Keine Inder – das sind Vergewaltiger! (so etwa Genderama). Kurz zusammengefasst: Ein indischer Student bat laut seiner Darstellung um einen Praktikumsplatz in Deutschland; die Professorin lehnte das angeblich ab, weil Indien ein Vergewaltigungsproblem habe.

Die angeblichen E-Mails bzw. Ausschnitte aus ihnen wurden veröffentlicht. Ursprünglich wurde kein Name genannt; dies änderte sich jedoch mit den Aktualisierungen (Name und Foto der Professorin). Da bei der ursprünglichen Quelle auf quora.com bereits vorher der volle Name des Instituts zu lesen war, wäre es kein großer Aufwand gewesen, ihre Identität herauszufinden. Insofern ist der Hinweis, die Privatsphäre zu achten, indem man nicht ihre E-Mailadresse und Telefonnummer veröffentlicht, entsprechend witzlos – die kann man in weniger als einer Minute Recherche über Google bzw. den Internetauftritt der Uni in Erfahrung bringen.

Die Stellungnahme zu den Anschuldigungen war nicht geeignet, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Meine Zusammenfassung: „Natürlich bin ich nicht fremdenfeindlich; die erwähnten Aussagen sind zwar gefallen, wurden aber aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.“

Und genau hier hörte die allgemeine Berichterstattung auf. Das Interesse erlosch. Warum eigentlich?

Was schien passiert zu sein?

„Je besser eine Meldung über einen angeblichen Vorfall in mein Weltbild passt, umso stärker sollte ich sie hinterfragen.“ – so oder ähnlich hatte ich es in letzter Zeit mehrmals gelesen (und leider vergessen, mir den genauen Wortlaut sowie die Quelle zu notieren). Es wäre ja in der Tat zu schön gewesen gewesen, um wahr zu sein: Professorin argumentiert mit „Rape Culture“ und erzielt dadurch im Endeffekt Fremdenfeindlichkeit. Da man mit Hinweisen auf Männerfeindlichkeit und -diskriminierung keinen Blumentopf gewinnt, mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit jedoch viel Aufmerksamkeit erreichen kann, ist das ein Weg, um gegen Radikalfeminismus vorzugehen.

Radikalfeminismus, das ist etwa eine Argumentation im Stil von „Indien bekommt das Problem der Vergewaltigungen nicht in den Griff, könnte es aber, wenn die Bevölkerung bzw. deren männlicher Teil es wollte, so dass es dann effektiv keine Vergewaltigungen mehr gäbe.“ Es scheitert also nur am fehlenden kollektiven Willen und nicht an der Unmöglichkeit, individuelles Fehlverhalten eines jeden einzelnen stets verhindern zu können. Nur wer letzteres ausblendet, kann auf die Idee kommen, dass ein Mann Verantwortung für die Taten sämtlicher anderer Männer übernehmen kann.

Ganz nebenbei sind wieder einmal nur Frauen die Opfer und Männer die Täter. Deswegen werden auch nur männliche Studenten abgestraft und nicht etwa alle. So schimmert es durch aus der Darstellung auf Quora.

Eine bessere Bestätigung meiner Meinung hätte ich kaum bekommen können. Dazu ist die radikalfeministische Professorin auch noch für die Allgemeinheit als „böse, weil ausländerfeindlich“ zu erkennen.

Doch halt, so einfach darf man es sich nicht machen. Sozusagen als meine Reaktion auf Cord Schnibbens Aufruf möchte ich anhand dieses Falls zeigen, was ich (mindestens) im professionellen Journalismus heute vermisse.

Dabei stehen mir weder die Zeit noch die Ausrüstung noch die Kontakte eines hauptberuflichen Journalisten zur Verfügung. Aber das, was ich als gewöhnlicher Feld-, Wald- und Wiesenblogger mit meinem gesunden Menschenverstand an Analyse schaffe, ist die Mindestmarke, die jeder Journalist erreichen muss. Alles darunter ist nicht zahlenswert, denn das kann ich mir selbst besorgen.

Zweifel ist angebracht

Es reicht zur Beurteilung des Sachverhaltes nicht aus, die Wissenslücken mit dem zu füllen, was ich gerne glauben würde. Daher möchte ich zunächst unter Berufung auf drei Einsichten ein gesundes Maß an Zweifel wecken:

Die naheliegendste Erklärung ist nicht immer richtig. Ockhams Rasiermesser hilft hier nicht weiter (und verspricht das auch nicht).

Bei der Diskussion des Prinzips „cui bono?“ (Wem nützt es?) hat Christian von Alles Evolution bereits vor voreiligen Kausalitätsschlüssen gewarnt. Ich möchte das erweitern: Nur weil etwas einleuchtend erscheint, muss es noch lange nicht so sein.

Beurteilt nach den harten Maßstäben an die Glaubwürdigkeit einer Geschichte, gilt erstaunlicherweise oft: Realität ist unrealistisch.

Was spricht gegen die Geschichte, wie sie uns serviert wurde?

Ich möchte also einmal alles in die Waagschale werfen, das zur Verteidigung der Professorin dienen kann. Für die einfachsten Sachen braucht man nicht lange:

  1. Irgendwo im Internet sind Bilder aufgetaucht, die die Vorwürfe angeblich belegen sollen. Das ist eine unzuverlässige Quelle, wie’s nur eben geht! Wer würde so etwas akzeptieren, wenn es um Vorwürfe gegen einen Menschen geht, der einem lieb und teuer ist? Oder wenn die Geschichte benutzt wird, um etwas „zu belegen“, an das man gerade nicht glaubt?
  2. Die Huffington Post behandelt das Thema. Gut, in diesem Fall die indische Ausgabe, aber ehrlich: Das ist doch sonst eine als „feministisch“ verschriene Zeitung, der man gerade nicht glaubt und bei der man annimmt, dass sie es mit der Wahrheit nicht zu genau nimmt. Wieso soll sie plötzlich als seriös gelten und ein Zeichen sein, dass an der Geschichte etwas dran ist?
  3. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate – wer kennt das nicht? Damit kann man Leuten das Wort im Mund umdrehen. Es wurde eben nicht die gesamte Korrespondenz veröffentlicht, sondern nur der Teil, der schlimm wirkt.
  4. Vorwürfe, die im Internet erhoben werden gegen eine klar identifizierbare Person, jedoch ohne gute Belege (solche Bilder sind keine, die kann man selbst machen!) – dafür gibt es eine ganz andere Erklärung: Die Vorwürfe sind nicht wahr, sondern sollen den beschuldigten Menschen verleumden. Das wäre ja nun wirklich nichts Neues. Die einfachste Spielart wäre: Enttäuschte, die ihre Ablehnung nicht akzeptieren wollen.

Nach dieser ersten einfachen Runde bleibt bereits sehr wenig übrig, das man übernehmen kann. Stattdessen wäre es jetzt angebracht, mit der richtigen Recherche anzufangen.

Ansatzpunkte zur Metakritik

Doch wirft die Sache auch sehr unangenehme Fragen auf, die zur Selbstkritik einladen können. In der beschriebenen Geschichte stecken einige Annahmen, die es selbst zu hinterfragen gilt.

Wer hat denn das Bild von der indischen Rape Culture gezeichnet? Waren das nicht die deutschen Massenmedien vorher? Die Idee, dass ein schlimmer Kriminalfall punktgenau das Wesen der indischen Gesellschaft präsentiert, sie konnte sich nicht zuletzt auch deswegen gut verbreiten, weil sie seinerzeit den Berichterstattenden gut in den Kram passte. Anständig war das aber nicht.

Es gab eine ganze Reihe spannender Meldungen in den letzten Jahren aus Indien, die leider nur auf Englisch berichtet wurden. Wie tief muss das Niveau deutschsprachiger Medien gesunken sein, wenn ich gegenteilige Informationen zum groß gezeichneten Bild
am besten aus einem privat betriebenen Blog bekomme, das dabei im wesentlichen entsprechende Artikel zitiert und einige wenige Sätze übersetzt?

  1. Wussten Sie’s schon? Indien hat eine der niedrigsten Vergewaltigungsraten der Welt
  2. Vergewaltigung in Indien dient dazu, Männer zu dämonisieren
  3. Neues Gesetz führt zu rapidem Anstieg von Falschbeschuldigungen bei sexueller Gewalt
  4. Gruppenvergewaltigung vorgetäuscht, um 700.000 Rupien abzuzocken
  5. Frauen missbrauchen Gesetz gegen Vergewaltigung, um Männer zur Heirat zu zwingen
  6. Vier Frauen vergewaltigen Schulkameradin mehrere Tage lang
  7. Angeklagter soll vergewaltigt worden sein
  8. Indische Regierung genehmigt erste Universität nur für Frauen

Und wer es gerne ein wenig härter möchte: Es noch einige Meldungen, die in eine ganze andere Richtung deuten:

  1. Nur Männer können wegen Vergewaltigung verhaftet werden
  2. Falschbeschuldigter bringt sich um
  3. Mob hackt mutmaßlichem Vergewaltiger auf offener Straße Penis ab
  4. Der Vergewaltigung Beschuldigter aus Knast verschleppt und zu Tode geprügelt

Und das war nur das Ergebnis einer schnellen Suche via Google bei Genderama. Ein echter Journalist hätte sich Mühe gegeben und noch mehr gefunden.

Tatsächlich scheint es für männliche Vergewaltigungsopfer bei weiblichen Tätern schwer zu sein, Anerkennung als Opfer zu finden, so etwa der Fall eines 16-jährigen. Die entsprechende Gesetzgebung wurde absichtlich nicht geschlechtsneutral formuliert, wie zuletzt vor einer Woche noch zu lesen war.

Natürlich müssen auch all diese Artikel genauso hinterfragt werden! Was mich nur skeptisch stimmt: Warum bekomme ich diese offensichtlich existierende Meinungsvielfalt nicht auf Deutsch angeboten?

Als Reaktion auf das bedenkliche Hollaback-Video gab es eine indische Version. Hier geht eine Frau völlig unbehelligt durch Mumbai, wobei sogar, besser als im Original, die Viertel genannt werden, in denen sie sich bewegt.

10 hours of walking in mumbai as a woman

Auch das wäre mal ein interessantes Thema: Einige Inder haben offenbar keine Lust, dass ihr Land als „Hort der Vergewaltiger“ dargestellt wird, und möchten zeigen, dass Frauen ordentlich behandelt werden.

Als zweiter Punkt sei genannt: Die Reaktion der Professorin ist, wie schon erwähnt, alles andere als zufriedenstellend. Allem Anschein nach sind es zumindest einige Professoren nicht gewohnt, dass ihre Arbeit kritisch hinterfragt wird und sie sich für ihr Tun rechtfertigen müssen. In einer offenen Welt, in der sich die Leute besser informieren können, über eigene Fehler zu sprechen und souverän zu kommunizieren, das muss jeder erlernen und es kann schmerzvoll sein, das zu merken. Quizfrage: Von welchem anderen Berufsstand hört man in letzter Zeit vermehrt, dass er keine Kritik erträgt, sondern es als ererbtes Recht betrachtet, dass das eigene Wort aufgrund der Position mehr gilt als das der Kritiker? Es wäre eine schmerzhafte Erkenntnis, in den Fehlern der anderen auch die eigenen zu sehen…

Und drittens sei gefragt: Wie konnte es überhaupt soweit kommen, dass Anschuldigungen auf so dünner Indizienlage die Basis für Artikel hergeben? Wann haben wir uns daran gewöhnt, dass unsere Zeitungen auf so eine schwammige Geschichte anspringen? Wieso gab es keine Empörung über die schlechte Berichterstattung? Warum hat niemand mehr nachgehakt?

Was gegen die Professorin spricht

Ein Reporter, der an der Geschichte drangeblieben wäre, anstatt sie nur kurz für ein paar billige Schocks zu verwenden, hätte noch eine Menge Fragen stellen können. Als Basis hätte in diesem Fall die genannte offizielle Erklärung der Universität dienen können, auf die man sich auf jeden Fall stützen kann. Bei der jetzigen Informationslage ist eine Menge offen und man ist immer versucht, die Lücken mit eigenen Vermutungen zu füllen. Gerade daraus kann man jedoch etwas machen!

Laut der Pressemitteilung sind die Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen und die zitierten Passagen zusammengestückelt worden. Es wird also gleichzeitig nicht dementiert, dass die Professorin überhaupt geschrieben habe, Indien habe grundsätzlich ein Vergewaltigungsproblem und die indische Gesellschaft bekomme dies seit vielen Jahren nicht in den Griff. Der in der Quelle angeblich zitierte Gegensatz „weibliche deutsche Professoren“ / „männliche indische Studenten“ mit der Konsequenz „lassen nicht mehr zum Praktikum zu“ / „sind nicht mehr willkommen“ wird verneint; es wird aber nicht behauptet, diese Formulierungen seien nicht Teile der ursprünglichen E-Mails gewesen.

Bezeichnend sind weitere angebliche Details: Dass die Ablehnung allein mit den weiblichen Studenten begründet wird, so als ob die Sache ok wäre, wenn es nur männliche Studenten am Institut gäbe bzw. diese es nicht stören würde. Dass nur weibliche Professoren anscheinend dagegen handeln, dass nur männliche Inder von dem Boykott betroffen sind, obwohl doch vorher behauptet wird, Vergewaltigungen zeigten die Einstellung der gesamten Gesellschaft gegenüber Frauen. Hier zeigt sich mit etwas Nachdenken ein schauerliches Weltbild gegenüber Männern, Indien und dem Verhältnis der Geschlechter und wenn diese Formulierungen so nicht gefallen sind, dann wäre jeder gut beraten, ausdrücklich zu verneinen, sie jemals verwendet zu haben. Nur geschieht das nicht. Wenn es kein Dementi gibt im Rahmen der Presseerklärung, kann ich davon ausgehen, dass die Professorin irgendwann tatsächlich solche Sachen geschrieben hat.

Die erste Frage lautet also: In welchem Zusammenhang haben denn diese Sätze einen Sinn? Was ist der Kontext, dessen sie beraubt wurden, in dem sie nicht fremdenfeindlich sind und die abstruse Theorie der Rape Culture inklusive Kampf Männer gegen Frauen wiedergeben?

Nun gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Professorin aufgrund der Art und Weise, wie die Teile der E-Mails sowie ihre Identität an die Öffentlichkeit gekommen, zurecht überrumpelt fühlen kann. Denn die ersten Artikel hatten ja bereits ein Urteil gefällt. Wer bleibt da ruhig? Gut möglich, dass jemand geraten hat, scheinbar auf Nummer sicher zu gehen und nicht auf die Details einzugehen, auch wenn ich es wie oben begründet für falsch halte.

Wie ich ebenfalls erwähnte, muss die Professorin kein Meister in Kommunikation sein. Formulierungen im Sinne von „Ich habe nichts gegen Ausländer. Selbst einige meiner Mitarbeiter sind Ausländer.“ haben sich ins Gedächtnis einprägt für die Situation, dass sich jemand verteidigt, nachdem er zurecht für ausländerfeindliche Äußerungen gerügt wurde. Vielleicht war ihr auch nicht bewusst, dass es ohne ein explizites Dementi der angeblichen Details so aussieht, als habe sie sie doch getätigt.

Was wäre die Alternative gewesen? Den gesamten erwähnten E-Mail-Wechsel freigeben, am besten nach Rückfrage an den Studenten. Wenn dieser plötzlich nicht zustimmen würde, könnte man das als Indiz werten, dass er tatsächlich verzerrend zitiert und kein Interesse an der Aufklärung bzw. öffentlichen Diskussion des Falles hat, womit sich auch die Frage stellt, warum er überhaupt erst mit Teilen davon an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Als schaler Beigeschmack würde mindestens bleiben, dass man aufgrund anonymer Beschuldigungen gezwungen werden kann, seine E-Mails zu veröffentlichen. Das ist sicherlich keine schöne Stunde für den Datenschutz.

Ich kann nur vermuten, dass es der Professorin unangenehm wäre, wenn andere die vollstände Korrespondenz lesen würden. Zum einen, weil ich davon ausgehe, dass die Aussagen in keinem Kontext vollkommen harmlos sind. Gut möglich, dass sie mit Bitten um Praktikumsplätze überschüttet wird (so geht es Leuten oft, die Bewerbungen bearbeiten müssen) und dann irgendwann nicht mehr die Ruhe hat, bei jeder nervigen Rückfrage vollkommen sachlich zu bleiben – insbesondere etwa, wenn die Studenten ihrerseits pampig werden oder mit Unterstellungen um die Ecke kommen.

Zum anderen, weil sich, egal wie man es dreht und wendet, direkt die Anschlussfragen ergeben: Ist es in Ordnung, wenn eine Professorin im Rahmen ihres Berufs auf diese Weise kommuniziert? Müsste sie nicht souverän über manchen Dingen stehen? Warum hat sie sich überhaupt in diese Diskussion verwickeln lassen, anstatt etwa einfach nicht mehr zu antworten, zumal wenn sie höchstwahrscheinlich wenig Zeit hat?

Ein unverschämter Student und eine Professorin, die sich Frechheit nicht bieten lassen will und dabei selbst ausfallend wird – das wäre etwa eine einleuchtende Erklärung (wie oben erwähnt, heißt das nicht, dass sie richtig sein muss), die jenseits des Schwarzweißschemas ist, mit dem heutzutage gerne operiert wird. Leider habe ich nirgendwo gelesen, dass jemand diese Vorlage aufgegriffen hätte, um erst zu recherchieren und dann eine differenziertere Geschichte zu erzählen. Das wäre etwas, das ich mal wieder gerne lesen würde.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal natürlich indische Musik – vom Soundtrack des Films „Bend it like Beckham“:

B21: Darshan