Fundstück: Warum scheiterte Hillary Clinton – ganz ohne Verschwörung?

Fefe erwähnt einen hochinteressanten Artikel in der Basler Zeitung. Unter dem Titel „Der Totalschaden“ berichtet Markus Somm über ein Buch, das die Hintergründe für den gescheiterten Wahlkampf erklärt. Fefes Ultrakurzzusammenfassung:

Hillary Clinton ist nicht am FBI oder den Russen gescheitert, sondern an Hillary Clinton. Sie war im Wahlkampf ein paranoider Kontrollfreak und die Dinge entglitten ihr der Reihe nach, aber — und das ist für mich der wichtigste Punkt an der ganzen Sache — die Presse war so Pro Hillary, dass sie nichts davon berichteten.

die ideologische Brille

Den Autoren Markus Somm hatte ich erst kürzlich positiv erwähnt. Ich erinnere mich an einen Kommentar unter dem Artikel in der Basler Zeitung, der ihn kritisierte. Und auch unter diesem Artikel fehlt es nicht an kritischen Rückmeldungen. Man überfliege zum Vergleich die ersten Abschnitte dieses Portrait in der Zeit – „rechtsbürgerlich“ im Gegensatz zum linken Basel, führt als Zürcher eine Basler Zeitung, dann wird eine Verbindung zu Christoph Blocher hergestellt… nun ist „die Zeit“ natürlich nicht neutral, sondern hat auch ihre Feindbilder. Was ich als Schnittmenge aus der Kollision der Weltbilder mitnehme: Markus Somm ist irgendwo zwischen liberal und konservativ, auf jeden Fall nichts links. Was ist von seinem Artikel zu halten, wenn man diese Information im Hinterkopf behält?

Die Fakten

Das erwähnte Buch stammt von Jonathan Allen und Amie Parnes. Es heißt „Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“ (Übersetzung der Basler Zeitung: „Zertrümmert: Im Innern von Hillary Clintons dem Untergang geweihter Kampagne“).

Einordnung und Deutung

Die beiden Autoren werden als linksliberale Journalisten bezeichnet, die der Kampagne Clintons positiv gegenübergestanden hätten. Als sie ihre Recherche eineinhalb Jahre vor der Wahl begannen, seien sie sicher gewesen, den Weg zum Sieg zu dokumentieren. Dabei seien nicht die Gegner, sondern die Freunde Clintons zu Wort gekommen.

Sie hätten mit mehr als Hundert Mitarbeitern Clintons gesprochen, denen sie sowohl Anonymität zugesagt hätten als auch eine Veröffentlichung des Buches erst nach der Wahl. Das habe dann äußerst ehrliche Antworten ermöglicht.

All das hat, wenn man es skeptisch betrachtet, einen Sinn: Das Buch soll als authentisch präsentiert werden. Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen und dann noch von Wohlwollenden ist die beste Kritik, die man sich als Gegner vorstellen kann, sofern diese negativ ausfällt.

Es ist also eine gehörige Portion gesunder Zweifel geboten, wenn man sich die Schilderung durchliest. Allein – schlecht geschrieben ist es nicht. Es ist eben nicht die Geschichte eines Menschen, der scheitert, weil die Linken durch und durch verkommen wären (was ja eine viel dankbarere Geschichte ergeben würde bei Lesern, die die Linken nicht mögen), sondern der an sich selbst scheitert. Um eine peinliche Episode herauszugreifen:

das katastrophale Interview

Hillary Clinton wünschte sich ein Interview „mit Brianna“. Ihre Sprecherin, mit der sie nicht einmal direkt kommunizierte, organisierte eines mit Brianna Keilar von CNN, welche sich nicht mit kritischen Fragen zurückhielt.

Es kam nicht so heraus wie geplant. Keilar stellte sich als ­kritische, ja aus der Sicht von Clinton unverschämte Befragerin heraus: «Würden Sie ­jemanden wählen, dem Sie misstrauten?», fragte Keilar etwa, was Clinton aus der Fassung brachte: «Sie starrte sie mit Messern in den Augen an», erzählt eine Mitarbeiterin der Clinton-Kampagne. Das Interview galt als Desaster.

Gemeint war jedoch Brianna Golodryga von Yahoo! News, von der Clinton wohl eine wohlwollende Behandlung erwartete, weil deren Mann ein Freund der Clintons war. Mal von der Peinlichkeit dieses Fehlers abgesehen – und solche Klopper passieren durchaus – spricht es doch Bände, dass hier Journalisten nach Wohlwollen ausgewählt werden und man sich keine kritischen Fragen gefallen läßt. Das ist kein spezifisches Problem der Linken, sondern wird bei jedem Politiker kritisiert. Es ist außerdem ein Negativkriterium, auf das man sich über alle politischen Gräben hinweg einigen kann.

Es hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun

Das interessanteste Element an der Erzählung ist jedoch: Das Geschlecht spielt keine Rolle! Hillary Clintons Niederlage ist weder „aufgrund“ noch „trotz“ ihres Geschlechtes geschehen, sondern aufgrund von schweren Fehlern. Man könnte die gesamte Geschichte auch mit einem „Joe Smith“ erzählen.

Und gerade der „falschen“ Brianna wird das bescheinigt, was bei dem Gros der Journalisten während des US-Wahlkampfes schmerzlich vermisst wurde: Professionelle Distanz. So sieht es aus, wenn Frauen durch Leistung überzeugen, und es ist eben nicht zuviel verlangt und es muss nichts geschenkt werden, „weil sie eine Frau ist“.

Der Artikel wäre jedoch nicht vollständig ohne seine kritischen Kommentare. Wie viele Zeitungen moderieren ihre Kommentare stark oder haben die Kommentarfunktion ganz abgeschafft? Hier stehen zumindest sehr kritische Reaktionen. Es ist heutzutage so einfach, besser in Sachen Meinungsfreiheit zu sein als der Durchschnitt…

Aktualisierung: weitere Artikel hier im Blog, die sich mit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen befasst haben:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Name Clinton ist nicht automatisch mit Misstönen in Verbindung zu bringen…

George Clinton: We Got The Funk

Warum ich die „Fake News“-Hysterie selbst für „Fake News“ halte

Also gut, „Fake News“ sollen es dann sein. Die Massenmedien haben sich auf ein neues Narrativ einigen können, mit dem der Widerspruch zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen erklärt werden kann:

Die richtige Sache war „auf offenem Felde ungeschlagen“, aber ausländische Mächte haben durch das massenhafte Verbreiten von Falschmeldungen (Fake News) im Internet die Wähler so beeinflusst, dass diese am Ende dem falschen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben.

Das ist ein tatsächlich recht rundgeschliffener Mainstreammythos. Die Erklärungen vorher waren letzten Endes schwer zu verteidigende Positionen. Deutungen aus einem geschlossenen Weltbild heraus wie etwa die im Sinne der Identitätspolitik waren nicht massenkompatibel genug. Ich hatte ja bereits der Dolchstoßlegende von den bösen weißen Frauen, die Donald Trump gewählt haben, keine Chance eingeräumt, weil sie als Erweiterung des Feindbildes weißer Mann nicht taugt.

Die jetzt getroffene Lösung hat viele Vorteile: Mit „russischen Hackern“ kann man irgendwelchen anonymen Kräften die Schuld in die Schuhe schieben, aber nebenbei noch andeuten, als gäbe es eine Verbindung zur russischen Regierung / Wladimir Putin. Und das ohne irgendwelche ordentlichen Quellen (wodurch sich das Narrativ natürlich selbst als Fake News entlarvt). Fake News sind noch besser als der Vorwurf der Wahlfälschung, welcher sowieso routinemäßig alle vier Jahre in den USA erhoben wird, zumal man diesen ja irgendwie beweisen müsste. Ferner läßt sich behaupten, Wahlbeeinflussung durch Fake News könne sich jederzeit wiederholen, „auch bei uns“, womit man die Brisanz für Europa hat und das Thema schön warmgehalten wird. Dass die Massenmedien mit diesem Narrativ subtile Fremdenfeindlichkeit schüren („die wollen uns was!“) und Angst verbreiten, während sie sonst Angst bei der Bevölkerung kritisiert – wen kümmert das schon?

Denn die Alternative wäre ja eine echte Wahlanalyse, wie sie etwa die Nachdenkseiten oder Cicero veröffentlicht haben und bei der dann unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“ – für sie sind soziale Klassen kein Thema mehr.

Dieses Erkenntnis käme aber für weite Teile der Medien einem Schuldeingeständnis gleich, denn sie sind längst Teil der Elite, die eine funktionierende vierte Macht im Staate kritisieren und gegen die diese eine Gegenöffentlichtkeit aufbauen würde. Um sich nicht selbst in schlechtes Licht zu rücken, soll daher vermieden werden, die Bevölkerung ernst zu nehmen.

Der Vorstoß einiger Politiker, „Fake News“ zu einem neuen Straftatbestand zu machen, wurde entsprechend medial flankiert: Journalisten treten allen Ernstes für Zensur ein, nachdem ihnen die Deutungshoheit entglitten ist. Man beachte: Das war nicht irgendein Schreiberling für ein Käseblatt, sondern die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in den Tagesthemen!

Wie bei den Nachdenkseiten treffend kommentiert wurde:

Auf dem direkten Weg in die Postdemokratie. Was sind bitte „Gezielte Desinformation zur Destabilisierung eines Staates“? Das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Aus Sicht der Eliten kann das jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen sein.

Der ansonsten überstrapazierte Vergleich mit den Nazis trifft diesmal: Schon die Nazis gaben vor, „Fake News“ zu bekämpfen. Die Nachdenkseiten haben hierzu eine studentische Hausarbeit von Tobias Jaecker gefunden:

Um die Presse in den Griff zu bekommen, bedienten sich die Nationalsozialisten zunächst des Instruments der Notverordnungen, die der Reichspräsident erlassen konnte. Mit der „Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 wurden Beschlagnahmung und Verbot von Druckschriften geregelt. Unter der Verantwortung von Reichsinnenminister Frick wurde ein umfangreicher Katalog von Verbotsgründen erarbeitet. Darunter fielen etwa die Verbreitung „unrichtiger Nachrichten“ und der Aufruf zum Streik.

Die Nazis im O-Ton (Quelle: Dokumentarchiv.de):

„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933
„Periodische Druckschriften können verboten werden (…) wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden. (…) Zuständig für das Verbot einer periodischen Druckschrift sind die obersten Landesbehörden oder die von ihnen bestimmten Stellen.“

Es ist alles nicht neu: In den letzten Jahren haben wir eine ganze Reihe von Initiativen erlebt, um unter dem Deckmantel einer guten Sache Zensurinstrumente einzuführen. Zunächst waren es die Netzsperren gegen Kinderpornographie. Dann wollte die EU Antifeminismus verbieten. Vor den Vereinten Nationen durften sich Anita Sarkeesian und Zoë Quinn darüber ausheulen, was für schreckliche Sachen ihnen im Internet passieren würden: Es gäbe tatsächlich Leute, von denen sie kritisiert würden! Sie forderten Schutz – wobei der Vorwurf der „Nachstellung“ sich für sie nicht nur auf illegale Aktivitäten erstrecke, sondern auch so fürchterliche Beschimpfungen wie „Du bist eine Lügnerin“ oder „Du bist doof“. Das Wehklagen hatte woanders durchaus Erfolg: Google machte machte den Bock zum Gärtner.

Wie schnell solche Mechanismen, um Leute mit abweichender Meinung zum Schweigen zu bringen, entgleiten können, hätte man eigentlich aus der Geschichte lernen können. Nun hat Donald Trump noch einmal exemplarisch vorgeführt, was „die Geister, die sie riefen“ bedeutet.

Welch Ironie, dass ausgerechnet „Der Postillon“ besonders vielseitig über Fake News berichtet:

  1. Ratgeber: Alles, was Sie jetzt über Fake-News wissen müssen
  2. Bundeskanzler Hubert Dreher will Fake-News unter Strafe stellen
  3. Hat Fake-News verbreitet: Türkischer Journalist zu 5 Jahren Haft verurteilt
  4. Teenager (15) endlich fertig damit, unter jedes einzelne YouTube-Video „Fake!“ zu schreiben – der vielfach vergessene Ursprung der Fake-News-Vorwürfe

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Um „News“ wieder in einen positiven Zusammenhang zu bringen:

Huey Lewis & The News – Perfect World

Warum mir Frieden wichtiger ist als das Geschlecht von Politikern

Auf die US-Präsidentschaftswahl folgte eine Menge Panik in den Massenmedien, die ansonsten gerne berichten, das Volk habe zuviel Angst. Von einer Blödheit sondergleichen war jedoch die geäußerte Befürchtung, Donald Trump könne sich gut mit Wladimir Putin verstehen. Der Weltuntergang droht für einige Journalisten allen Ernstes wie folgt: Die USA könnten sich mit Russland verständigen!

Ja, habt Ihr denn gar nichts aus der Geschichte gelernt? Dass sich in den USA und der Sowjetunion immer wieder kluge Menschen gefunden haben, die zu Verständigung und Gesprächen bereit waren, dass am Ende sogar der Kalte Krieg auf friedliche Weise beendet werden konnte, das ist eine der größten zivilisatorischen Leistungen des 20. Jahrhunderts.

Und dass sich so etwas in ähnlicher Form wiederholen könnte, das soll heute eine unserer größten Ängste sein? Wo lebt Ihr denn, Leute?

Es ist kaum zu fassen: Verständigungswille ist böse!

Das fügt sich natürlich nahtlos ein in die andere große geschichtsvergessene Propagandashow, die uns die Massenmedien seit einigen Jahren präsentieren, nämlich Angst schüren vor Russland. „Der böse Russe“ ist dabei eine Uraltklamotte, die bereits in den 1980er Jahren völlig aus der Zeit gefallen wirkte.

Was ist nur aus dem großen Gedanken vom Frieden geworden? Stattdessen beteiligt sich Deutschland wieder an Angriffskriegen:

„Das Ziel ist der Krieg gegen den Terror“ – Chronologie eines deutschen Kriegseintritts

Dabei sind die Folgen klar, wenn man einmal hinguckt und nachfragt: So berichtet der Deutschlandfunk (gefunden via Nachdenkseiten) folgende Zahlen für deutsche Soldaten, die „wegen einsatzbedingter psychiatrischer Störungen in ärztlicher Behandlung“ in den letzten Jahren in Behandlung waren:

2015: 694
2014: 645
2013: 1085

Wer es wirklich wissen will, der kann es auch in Erfahrung bringen! Da die Bundeswehr nach wie vor zum überwiegenden Teil aus Männern besteht, brauchen wir uns keine Illusionen darüber zu machen, wie hier die Verteilung der Geschlechter ausfällt. Es ist ein weiterer Grund dafür, warum psychische Probleme ein wichtiges Männerthema sind.

In einem Punkt kann man also froh sein, dass Hillary Clinton, die ja bekanntlich ganz spezielle Vorstellungen davon hatte, wer die Hauptopfer des Krieges seien, die Wahl verloren hat: Sie hatte deutlich martialischere Töne anklingen lassen und offenbar keine Probleme damit, eine auf Interventionen (sprich: Angriffskriege) ausgerichtete Politik fortzusetzen, inklusive einer stärkeren Verpflichtung der anderen NATO-Mitgliedsstaaten (sprich: auch deutsche Soldaten in den Krieg).

Allerdings wäre es intellektuell zu kurz gesprungen, eine kriegstreiberische Politik bei Frauen in entscheidenden Ämtern deshalb besonders anzukreiden, weil es sich beim überwiegenden Großteil der Soldaten um Männer handelt. Auch ein männlicher Bundeskanzler, US-Präsident oder Verteidigungsminister werden ja nicht in Verlegenheit kommen, mit der Waffe jemals selbst ins Gefecht zu ziehen!

Viel wichtiger als das Geschlecht der Amtsinhaber scheint folgende Maßnahme: Diejenigen, die über Krieg und Frieden entscheiden, sollen regelmäßig auf Beerdigungen von Soldaten gehen und verkrüppelte Veteranen besuchen. Wer kein völliger Psychopath ist, überlegt sich den nächsten Einsatz dann vielleicht etwas länger. Fefe zitiert diesbezüglich die New York Times: Der US-Verteidungsminister ertrug es nicht mehr, Beerdigungen und Veteranen zu besuchen und trat laut eigenen Angaben deshalb zurück. Drohnenkönig Barack Obama wird inzwischen vorgeworfen (!), Truppen nicht mehr so gerne im Ausland einzusetzen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wer es nicht erkannt hat: In dem oben erwähnten Video wird Musik aus dem ersten „Star Trek“-Film verwendet. Das klingonische Thema wurde noch einige Male für die Klingonen eingesetzt. Ehrlich gesagt ist das der beste Platz für Krieg – die Fiktion!

Jerry Goldsmith: Klingon Battle

Warum ich dieser Dolchstoßlegende keine Chance einräume

Auch zwei Wochen nach der US-Präsidentschaftswahl finde ich immer noch spannende Beiträge. Den heutigen Artikel rahme ich bewusst in zwei davon ein.

Via Fefe stieß ich auf eine großartige Analyse von Scott Alexander beim Slate Star Codex. Die lohnt es sich im Detail nachzulesen. Drei wesentliche Punkte:

  1. Donald Trump hat bei den Schwarzen, Hispanics und Asiaten gewonnen… am wenigsten jedoch bei den Weißen.
  2. Rassisten sind keine relevante Wählergruppe.
  3. Angst und Panik sind keine Lösung.

Die ersten beiden Punkte werden mit Fakten unterlegt und es ist wichtig, sich das klarzumachen, um nicht auf ein hektisch zusammengezimmertes neues Narrativ hereinzufallen („Rassisten haben die Macht übernommen! Wir werden alle sterben!“), das einem zwar einen Teil des (negativen) alten Weltbildes bewahrt, letzten Endes aber nicht weiterhilft. Damit kommen wir zum Thema der Legendenbildung im Fahrwasser der Wahlen. Ich hatte ja schon geschrieben:

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Darauf kam folgender Hinweis von Lucas Schoppe:

Die Dolchstoßlegende gibt es übrigens schon, aber es sind natürlich nicht die weißen MÄNNER, die der wacker kämpfenden und im Felde unbesiegten Hillary den Dolch in den Rücken gestoßen haben – sondern die weißen Frauen.

Er verweist auf Hengameh Yagoobifarah in der taz. Die These dort lautet: „Weiße Frauen haben den Feminismus verraten“ (schöne Erwiderung von elitemedium!). Diese Dolchstoßlegende passt jedoch nicht gut.

Rufen wir uns in Erinnerung: In den USA leben etwa 70% Weiße, 12% Schwarze, 11% Hispanics, Rest Asiaten/sonstige. Wenn ich dabei 50% Männer annehme (in Wahrheit sind es weniger), dann erklärt das Feindbild weißer Mann 35% der Einwohner zu den Bösen. Dabei kann das sogar ein Abschwächung sein, wenn man mit „Männer sind böse!“ gestartet ist. Letzteres ist seit ca. 200 Jahren ein beliebtes Narrativ, es hat sich eingebürgert. Man riskiert entsprechend wenig, dieses Klischee zu bemühen.

Nun die weißen Frauen der Gruppe der Gesellschaftsfeinde und Modernitätsverhinderer zuzuschlagen, bedeutet aber, in den USA schlagartig 35% der Menschen, die bisher den „Opfern“ zugerechnet wurden, zu „Tätern“ zu machen. Das ist eine zu große Gruppe, zumal Frauen mehr Empathie genießen und ein Angriff auf Frauen Schutz- und Versorgungsinstinkte auslösen kann.

Übertragen auf Deutschland passt das natürlich noch weniger – der Anteil der Nicht-Weißen ist viel geringer. So kommt etwa auf 270 Weiße ein Schwarzer (Marius Jung, ab 10:46).

Natürlich ist das auch den hiesigen Feministinnen klar und sie handeln entsprechend nicht „intersektionell korrekt“, denn sonst würden sie sich größtenteils selbst aus dem Rampenlicht kicken. Wie Christian Schmidt bei Alles Evolution treffend feststellt:

Auch Anne Wizorek geht lieber selbst in Talkshows statt darauf zu bestehen, dass eine schwarze Feministin an ihrer Stelle (oder wenigstens zusätzlich) eingeladen wird.

Doch immer, wenn man denkt, es geht nicht durchgeknallter, hilft einem Twitter: Alex verweist auf einen Tweet, wo jemand allen Ernstes vorschlägt, in den USA allen Weißen (inklusive sich selbst) das Wahlrecht zu entziehen. Das ist natürlich eine „geile“ Idee, einfach mal 70% in den Status vor dem allgemeinen Wahlrecht zurückzuversetzen. Es komme mir niemand mehr mit Emanzipation und Suffragetten!

Aber abschließend zurück zur Vernunft. Via Aufwachen-Podcast stieß ich auf einen anderen Podcast, in dem der advocatus diaboli (ein Sozialkundelehrer!) über „Nach Trump“ spricht. Er fängt etwas verhalten mit der Wahl an, steigert sich dann aber beträchtlich (die Leute merken doch, wie es läuft; man soll mit Leuten reden usw.). Ja, wer sagt denn, die Bevölkerung sei dumm? Hier erklärt ein ganz normaler Bürger, was man machen kann, und das ohne rosarote Brille, sondern klar die Probleme benennend.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eine weitere Gruppe, deren Einfluss mit dem Ausgang der Wahl gebrochen wurde, wären die „Spin Doctors“.

Spin Doctors: Two Princes

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

So titelte die Schweizer Wochenzeitung WoZ die Niederlage Clintons gegenüber Donald Trump. Sehen sich weiße Frauen tatsächlich der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht und sich bis heute wenig daran geändert hat? Dieses Narrativ mag bei genauerem Hinsehen nicht richtig zu überzeugen.

Würde die WoZ identisch argumentieren, wenn Frauen wie Sarah Palin, Marine Le Pen oder Frauke Petry zur Wahl gestanden hätten?

Interessant wäre ja die Frage, ob dieses Narrativ (Frauen sind immer noch diskriminiert, Frauen solidarisieren sich lieber mit dem Unterdrücker, weil es ihnen Vorteile verschafft etc.), das die WoZ bzw. Anna Jikhareva erzählt, auch so geschrieben worden wäre, wenn ein Mann bei den Demokraten gegen eine Frau bei den Republikanern angetreten wäre: z.B. eine Frau wie Sarah Palin oder Marine Le Pen oder Frauke Petry? Vermutlich nicht! Da hätte die WoZ vermutlich die Frauen gelobt, die nicht Palin, Le Pen oder Petry gewählt haben, weil sie sich sonst „ideologisch“ in unlösbare Widersprüche begeben hätte. Das identitätspolitische Narrativ (Frauen sollten gefälligst Frauen wählen: alles andere ist unsolidarisch oder eben Komplizenschaft) funktioniert also nur unter ganz bestimmten Prämissen und ist deshalb nicht wahnsinnig stichhaltig bzw. valide.

Clinton hat sicherlich nicht einfach verloren, weil sie eine Frau war, sondern weil sie im Gegensatz zur Obama-Wahl 2012

  • bei allen Altersgruppen bis 64 Jahren prozentual weniger Stimmen als Obama holte;
  • bei allen Ethnien (Weiße, Afroamerikaner, Hispanics, Asiaten und Sonstige) prozentual weniger Stimmen holte als Obama:
  • und auch insgesamt bei den Frauen prozentual weniger Stimmen holte als Obama!

vgl. FAZ

Haben weiße Frauen die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt?

Auch die nachträgliche Begründung von  Jikhareva ist nicht sehr stichhaltig bzw. vollständige Spekulation, die besagt, dass die weißen Frauen lieber die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt haben. Die weißen Frauen, die insbesondere über überdurchschnittlich viel kulturelles Kapital besaßen, haben in hohem Masse für Clinton gestimmt. Diejenigen Frauen, die eben gerade hinsichtlich des kulturellen Kapitals nicht privilegiert waren, haben zu 62% für Trump gestimmt. Viel naheliegender dürfte die Interpretation sein, dass gerade weiße Frauen, die zur Unterschicht gehören und zu den Globalisierungsverlierern gehören, für Trump gestimmt haben.

vgl. SPIEGEL

Und was für Privilegien haben wohl diese weißen Frauen, die wenig kulturelles Kapital besitzen? Im Vergleich zu Männern, die wenig kulturelles Kapital besitzen, dürften sie auch noch weniger ökonomisches Kapital besitzen. Clinton konnte diese Frauen offenbar nicht wahnsinnig überzeugen, dass es ihnen mit ihrer Wahl besser geht.

Schließen sich Frauen lieber ihrem Unterdrücker an, weil er ihnen ein Teilhabe an der Macht vortäuscht?

Und dass sich weisse Frauen ausgesetzt sehen, sich dem Unterdrücker anzuschließen, ist auch nichts weiter als Spekulation. Was genau hätte den Clinton für diese weiße Frauen mit wenig ökonomischem und kulturellem Kapital zu bieten gehabt? Wollte Clinton die Lohnquote für die Arbeitenden erhöhen? Oder ganz allgemein den Gini-Index der USA verbessern, folglich die Kluft der Einkommens- und Vermögensverteilung verringern? Oder wollte sie dafür sorgen, dass die USA weniger eine Plutokratie bzw. Oligarchie ist und ganz allgemein die politische Partizipation der unteren Klassen stärken? Hat Obama irgend etwas diesbezüglich erreicht? Außer der Entspannung zu Kuba und dem Iran sowie Obamacare findet man bei Obama keine nachhaltigen Verbesserungen.

Auch die Aussage, dass die Wahl von Trump für die Frauen ökonomisch negative Folgen haben wird, ist reinste Spekulation und es fehlt jegliche Begründung dafür.

Eine Mehrheit der Menschen wollte einen „Change“ und nicht den Status Quo

Der restliche Text von Jikhareva, der die schwache Repräsentation der Frauen in Exekutive und Legislative in den USA beklagt, mag zwar grundsätzlich richtig sein, ist jedoch für die Analyse der US-Präsidentschaftswahl 2016 mehrheitlich irrelevant. Seit 1945 gab es in den USA nur einmal eine Phase, in der die gleiche Partei ununterbrochen 12 Jahre bzw. drei Amtszeiten hintereinander den Präsidenten stellen konnte. In allen übrigen Phasen konnte die gleiche Partei höchstens 8 Jahre den Präsidenten stellen. Ein großer Teil der Menschen in den USA wollte einen Wechsel (Change) und den erhält man nicht, wenn man noch einmal einen Präsidenten wählt, der aus der selben Partei stammt wie der Vorgänger und schon gar nicht, mit einer Präsidentschaftskandidatin, die innenpolitisch den Status quo weiterführt.

Entscheidend waren die Staaten des Mittleren Westens: Globalisierungsverlierer

Entscheidend bei dieser Wahl waren nun mal die Staaten Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Also Staaten, mit überdurchschnittlich hohem Anteil von weißen, wenig gebildeten Menschen, die man unter die Globalisierungsverlierer subsumieren kann. Clinton hatte hier Mühe zu punkten, weil die protektionistischen Sprüche von Trump nun mal glaubwürdiger waren als analoges von Clinton.

Fazit

Das mehrheitlich identitätspolitische Narrativ von Anna Jikhareva ist m.E. überwiegend falsch. Es ist vornehmlich ein ideologisches Narrativ, das nur dann funktioniert, wenn eine Frau bestimmte Voraussetzungen mitbringt wie dies bei Hillary Clinton der Fall war (Mitglied der demokratischen Partei, identitätspolitische, postmodernistische und intersektionale Programmatik), jedoch bei anderen Frauen, die z.B. eher konservativ, rechtspopulistisch oder protektionistisch politisieren, nicht angewendet werden kann/darf, weil sich sonst die Autorin ideologisch in unlösbare Widersprüche verstrickt. Es ist somit ein ideologisches Narrativ, das eben gerade die komplexe empirische Realität aussen vor lassen muss, damit die Ideologie durchgehalten werden kann. Die Realität ist also komplexer, als es Ideologen gerne hätten.

Quellen:

WoZ-Artikel: HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE Keine Mutter für die Nation

Gastartikel: Laurie Pennys Artikel ist keinen Penny wert

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen hat einige erfreuliche Reaktionen losgetreten. Woanders hält man sich jedoch an Dingen wie dem Feindbild weißer Mann nach wie vor fest.

So wies Mark E. Smith in einem Kommentar auf folgenden Artikel von hin, in dem Laurie Penny (stammt laut Sargon of Akkad aus recht wohlhabendem Hause und hält sich für unterdrückt, da Frau) Dampf abläst: «Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen». Dankenswerterweise hat djadmoros gleich die Kommentierung übernommen:

Ich greife mal nur ein Argument aus Pennys Rant heraus:

»Ihr hört nicht auf die ‹gewöhnlichen Leute›.» Tatsächlich sind damit weisse Leute gemeint. Wenn sie uns sagten, wir würden den «echten AmerikanerInnen» keine Aufmerksamkeit schenken, meinten sie damit weisse AmerikanerInnen. Und wenn sie uns vorwarfen, wir würden deren Sorgen nicht ernst nehmen, meinten sie damit, dass wir ihnen nicht zustimmen. Genau wie schon vor dem Brexit in Britannien erhielten die WählerInnen aus der «weissen Arbeiterklasse» auch vor den US-Wahlen jede Menge Aufmerksamkeit – unter anderem auch von der Mainstreampresse, die sie zu verabscheuen vorgeben. (…) Es wurden alle möglichen Bemühungen unternommen, Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen; Sorgen über den gefühlten Verlust von Privilegien, den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden.«

Da steckt implizit und explizit einiges drin:

(1) Weiße »gewöhnliche Leute« sind keine gewöhnlichen gewöhnliche Leute, sondern solche, die man als problematisch hervorheben muss.

(2) Wenn die »weiße Arbeiterklasse« Aufmerksamkeit erhält, dann ist das eigentlich bereits ein ungebührliches Zugeständnis. Sie kann daher nicht erwarten, dass man sich obendrein auch noch mit der Lösung ihrer spezifischen Probleme befasst.

(3) Die Mainstreampresse gibt bloß vor, die weiße Arbeiterklasse zu verabscheuen. Tatsächlich hat die weiße Arbeiterklasse echten und aufrichtigen Abscheu verdient.

(4) Die »Sorgen« der weißen Arbeiterklasse sind völlig ungerechtfertigt, weil sie nur im »gefühlten Verlust von Privilegien« bestehen, »den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden«.

Das ist das übliche »Weiter-so«-Denken. Wir tun witerhin, was wir auch bislang immer schon getan haben: wir sprechen der »weißen Arbeiterklasse« jegliche Legitimität ihrer Interessen und der Artikulation dieser Interessen ab. Indem wir ihre Selbstwahrnehmung zur Halluzination erklären.

»Wie kamen wir zum feigen Konsens, dass die «weisse Arbeiterklasse» eine homogene Masse tobender FanatikerInnen sei, denen man nachgeben muss wie einem Kleinkind, das am Rand eines Abgrunds einen Trotzanfall hat?«

Wie kommt Laurie Penny auf das schmale Brett, ein Rant, der Formulierungen wie »Dieser Unsinn muss sofort aufhören.« und »Ich habe keinen Bock mehr, auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.« sei etwas anderes als genau dieses: ein Trotzanfall?

Denn wann hätte jemand, der die Sorgen von Menschen mit der falschen Hautfarbe für bloß »gefühlte« Probleme eines »weissen Patriarchats« hält, überhaupt jemals auf deren Befindlichkeiten Rücksicht genommen? Da hatte eine Frau Penny doch noch nie »Bock drauf«!

Und was ist ihr Fazit? »Es ist der Moment gekommen, ernst zu machen.« Ach. Hat sie bisher nur Spaß gemacht? Wenn man sich immer schon an der oberen Kante der Tugendhaftigkeit verortet hat, wie will man diese Tugendhaftigkeit denn jetzt noch steigern? »Nun müssen wir noch härter arbeiten« heißt dann wohl: »jetzt müssen wir uns noch tiefer in unserem Weltbild einbetonieren«. Die intersektionale Opferhierarchie ist sakrosankt und wird sich von Trumps weißen Wählern nicht erschüttern lassen.

Fazit: »Rassismus ist Scheiße, außer gegen Weiße!«

Der Artikel ist keinen Penny wert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Damit „Penny“ wenigstens in einem positiven Zusammenhang hier fällt…

The Beatles: Penny Lane

Warum ich auch Cicero applaudiere

Die Nachdenkseiten zitieren in ihren heutigen Hinweisen des Tages einen Cicero-Artikel von Alexander Grau, „Die Bankrotterklärung eines ganzen Milieus„, in dem dieser aus dem Vollen schöpft:

Die Reaktionen auf den Wahlsieg Donald Trumps sind so bezeichnend wie erschütternd. In Redaktionen, Parteien und akademischen Einrichtungen hat sich offenbar ein Milieu gebildet, das den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung verloren hat

Genau diese Einschätzung gab es unlängst von Jens Berger. Schön, sie noch einmal und erneut so deutlich zu lesen! Grau schreibt weiter:

[D]ie Ursache für das Wahlergebnis waren [sic!] sofort zur Hand: der Aufstand der Verlierer, der alten weißen Männer, der Arbeitslosen, Ungebildeten und sozial Prekären.

Abgesehen davon, dass Trumps 60.051.402 Wähler (Stand 10.11., 10.00 Uhr) unmöglich ausschließlich weiße, ungebildete und arbeitslose Männer sein können, verblüfft die Empathielosigkeit, ja die kaum verhohlene Verachtung, die aus so vielen Kommentaren trieft.

Es ist schön zu sehen, dass diese Erkenntnis auch außerhalb dieser Blogblase bekannter wird. Das Feinbild „weißer Mann“ wird seit Jahren verwendet und herumgereicht – selbst wenn, wie Grau völlig treffend feststellt, es rein statistisch nicht taugt.

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Ebenso entlarvend wie charakteristisch war am Mittwoch eine kleine Randbemerkung im Deutschlandfunk. Da fand es der Sprecher mit deutlich verfinsterter Stimme schockierend, wie radikal die Wähler ihre Stimme aus ihrer persönlichen Situation heraus abgegeben hätten. Ja, aus was denn bitte sonst, war man spontan geneigt zurückzufragen.

„Der Sprecher“ läßt sich sogar präzisieren: Es war Norbert Röttgen, ehemaliger Bundesumweltminister und derzeit Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Fefe, 09.11.2016:

Man habe die Radikalität unterschätzt, mit der Wähler bereit seien, aus ihrer persönlichen Situation die Konsequenzen zu ziehen, sagte Röttgen im Deutschlandfunk.

Der Beitrag, in dem das so stand („US-Wahl – Röttgen: Trump-Erfolg ist Warnung für Europa“), ist inzwischen nicht mehr zu finden. Kein Grund zu Verschwörungstheorien, der Deutschlandfunk depubliziert anscheinend recht schnell.

Aber wenn die Sachen so schnell aus dem Netz verschwinden, dann zitiere ich lieber, was das Zeug hält. Ein früherer Beitrag hatte sowohl eine etwas andere Zusammenfassung als auch den O-Ton:

„Wenn die Stimme der Wut der mächtigste Mann der Welt wird“

Röttgen warnte davor, die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der Wähler bereit seien, zu unterschätzen.

Und was wir, glaube ich, unterschätzen ist die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der dann auch Wähler bereit sind, darin Konsequenzen zu ziehen.

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Da sagt jemand vom politischen Establishment:

  1. Uns ist gar nicht bewusst, dass es den Leuten so mies geht.
  2. Wir rechnen nicht damit, dass solche Leute konsequent genug sind, um wählen zu gehen und entsprechend zu wählen.

Das schreit ja geradezu nach „Denen werde ich’s zeigen!“. Besser kann man Leute, denen es schlecht geht, gar nicht ermutigen, zur Wahl zu gehen und gegen die etablierten Parteien zu stimmen.

Das ist von meiner Seite keine Werbung für radikale Parteien. Diese kommen ja dadurch erst hoch, dass unter den nichtradikalen bestimmte Themen und Positionen, für die eine Nachfrage existiert, kein Angebot gibt. Ganz in der Logik des Marktes: Wenn nichts anderes da ist und der Leidensdruck zu groß wird, geht man sogar zu einem unseriösen Anbieter mit zweifelhaftem Produkt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bekam jedoch im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl wieder mehr Aufmerksamkeit. Das Vertrauen, dass die Leute schon schön brav bleiben werden, hat erste Risse bekommen. Damit ist einiges möglich.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein wenig Hoffnung muss man schon haben, dass es besser wird. Aber ganz ohne Hoffnung ist auch alles Mist.

Randy Newman: Mr President (Have Pity On The Working Man)