Fundstück: Warum scheiterte Hillary Clinton – ganz ohne Verschwörung?

Fefe erwähnt einen hochinteressanten Artikel in der Basler Zeitung. Unter dem Titel „Der Totalschaden“ berichtet Markus Somm über ein Buch, das die Hintergründe für den gescheiterten Wahlkampf erklärt. Fefes Ultrakurzzusammenfassung:

Hillary Clinton ist nicht am FBI oder den Russen gescheitert, sondern an Hillary Clinton. Sie war im Wahlkampf ein paranoider Kontrollfreak und die Dinge entglitten ihr der Reihe nach, aber — und das ist für mich der wichtigste Punkt an der ganzen Sache — die Presse war so Pro Hillary, dass sie nichts davon berichteten.

die ideologische Brille

Den Autoren Markus Somm hatte ich erst kürzlich positiv erwähnt. Ich erinnere mich an einen Kommentar unter dem Artikel in der Basler Zeitung, der ihn kritisierte. Und auch unter diesem Artikel fehlt es nicht an kritischen Rückmeldungen. Man überfliege zum Vergleich die ersten Abschnitte dieses Portrait in der Zeit – „rechtsbürgerlich“ im Gegensatz zum linken Basel, führt als Zürcher eine Basler Zeitung, dann wird eine Verbindung zu Christoph Blocher hergestellt… nun ist „die Zeit“ natürlich nicht neutral, sondern hat auch ihre Feindbilder. Was ich als Schnittmenge aus der Kollision der Weltbilder mitnehme: Markus Somm ist irgendwo zwischen liberal und konservativ, auf jeden Fall nichts links. Was ist von seinem Artikel zu halten, wenn man diese Information im Hinterkopf behält?

Die Fakten

Das erwähnte Buch stammt von Jonathan Allen und Amie Parnes. Es heißt „Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“ (Übersetzung der Basler Zeitung: „Zertrümmert: Im Innern von Hillary Clintons dem Untergang geweihter Kampagne“).

Einordnung und Deutung

Die beiden Autoren werden als linksliberale Journalisten bezeichnet, die der Kampagne Clintons positiv gegenübergestanden hätten. Als sie ihre Recherche eineinhalb Jahre vor der Wahl begannen, seien sie sicher gewesen, den Weg zum Sieg zu dokumentieren. Dabei seien nicht die Gegner, sondern die Freunde Clintons zu Wort gekommen.

Sie hätten mit mehr als Hundert Mitarbeitern Clintons gesprochen, denen sie sowohl Anonymität zugesagt hätten als auch eine Veröffentlichung des Buches erst nach der Wahl. Das habe dann äußerst ehrliche Antworten ermöglicht.

All das hat, wenn man es skeptisch betrachtet, einen Sinn: Das Buch soll als authentisch präsentiert werden. Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen und dann noch von Wohlwollenden ist die beste Kritik, die man sich als Gegner vorstellen kann, sofern diese negativ ausfällt.

Es ist also eine gehörige Portion gesunder Zweifel geboten, wenn man sich die Schilderung durchliest. Allein – schlecht geschrieben ist es nicht. Es ist eben nicht die Geschichte eines Menschen, der scheitert, weil die Linken durch und durch verkommen wären (was ja eine viel dankbarere Geschichte ergeben würde bei Lesern, die die Linken nicht mögen), sondern der an sich selbst scheitert. Um eine peinliche Episode herauszugreifen:

das katastrophale Interview

Hillary Clinton wünschte sich ein Interview „mit Brianna“. Ihre Sprecherin, mit der sie nicht einmal direkt kommunizierte, organisierte eines mit Brianna Keilar von CNN, welche sich nicht mit kritischen Fragen zurückhielt.

Es kam nicht so heraus wie geplant. Keilar stellte sich als ­kritische, ja aus der Sicht von Clinton unverschämte Befragerin heraus: «Würden Sie ­jemanden wählen, dem Sie misstrauten?», fragte Keilar etwa, was Clinton aus der Fassung brachte: «Sie starrte sie mit Messern in den Augen an», erzählt eine Mitarbeiterin der Clinton-Kampagne. Das Interview galt als Desaster.

Gemeint war jedoch Brianna Golodryga von Yahoo! News, von der Clinton wohl eine wohlwollende Behandlung erwartete, weil deren Mann ein Freund der Clintons war. Mal von der Peinlichkeit dieses Fehlers abgesehen – und solche Klopper passieren durchaus – spricht es doch Bände, dass hier Journalisten nach Wohlwollen ausgewählt werden und man sich keine kritischen Fragen gefallen läßt. Das ist kein spezifisches Problem der Linken, sondern wird bei jedem Politiker kritisiert. Es ist außerdem ein Negativkriterium, auf das man sich über alle politischen Gräben hinweg einigen kann.

Es hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun

Das interessanteste Element an der Erzählung ist jedoch: Das Geschlecht spielt keine Rolle! Hillary Clintons Niederlage ist weder „aufgrund“ noch „trotz“ ihres Geschlechtes geschehen, sondern aufgrund von schweren Fehlern. Man könnte die gesamte Geschichte auch mit einem „Joe Smith“ erzählen.

Und gerade der „falschen“ Brianna wird das bescheinigt, was bei dem Gros der Journalisten während des US-Wahlkampfes schmerzlich vermisst wurde: Professionelle Distanz. So sieht es aus, wenn Frauen durch Leistung überzeugen, und es ist eben nicht zuviel verlangt und es muss nichts geschenkt werden, „weil sie eine Frau ist“.

Der Artikel wäre jedoch nicht vollständig ohne seine kritischen Kommentare. Wie viele Zeitungen moderieren ihre Kommentare stark oder haben die Kommentarfunktion ganz abgeschafft? Hier stehen zumindest sehr kritische Reaktionen. Es ist heutzutage so einfach, besser in Sachen Meinungsfreiheit zu sein als der Durchschnitt…

Aktualisierung: weitere Artikel hier im Blog, die sich mit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen befasst haben:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Name Clinton ist nicht automatisch mit Misstönen in Verbindung zu bringen…

George Clinton: We Got The Funk

Warum ich die „Fake News“-Hysterie selbst für „Fake News“ halte

Also gut, „Fake News“ sollen es dann sein. Die Massenmedien haben sich auf ein neues Narrativ einigen können, mit dem der Widerspruch zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen erklärt werden kann:

Die richtige Sache war „auf offenem Felde ungeschlagen“, aber ausländische Mächte haben durch das massenhafte Verbreiten von Falschmeldungen (Fake News) im Internet die Wähler so beeinflusst, dass diese am Ende dem falschen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben.

Das ist ein tatsächlich recht rundgeschliffener Mainstreammythos. Die Erklärungen vorher waren letzten Endes schwer zu verteidigende Positionen. Deutungen aus einem geschlossenen Weltbild heraus wie etwa die im Sinne der Identitätspolitik waren nicht massenkompatibel genug. Ich hatte ja bereits der Dolchstoßlegende von den bösen weißen Frauen, die Donald Trump gewählt haben, keine Chance eingeräumt, weil sie als Erweiterung des Feindbildes weißer Mann nicht taugt.

Die jetzt getroffene Lösung hat viele Vorteile: Mit „russischen Hackern“ kann man irgendwelchen anonymen Kräften die Schuld in die Schuhe schieben, aber nebenbei noch andeuten, als gäbe es eine Verbindung zur russischen Regierung / Wladimir Putin. Und das ohne irgendwelche ordentlichen Quellen (wodurch sich das Narrativ natürlich selbst als Fake News entlarvt). Fake News sind noch besser als der Vorwurf der Wahlfälschung, welcher sowieso routinemäßig alle vier Jahre in den USA erhoben wird, zumal man diesen ja irgendwie beweisen müsste. Ferner läßt sich behaupten, Wahlbeeinflussung durch Fake News könne sich jederzeit wiederholen, „auch bei uns“, womit man die Brisanz für Europa hat und das Thema schön warmgehalten wird. Dass die Massenmedien mit diesem Narrativ subtile Fremdenfeindlichkeit schüren („die wollen uns was!“) und Angst verbreiten, während sie sonst Angst bei der Bevölkerung kritisiert – wen kümmert das schon?

Denn die Alternative wäre ja eine echte Wahlanalyse, wie sie etwa die Nachdenkseiten oder Cicero veröffentlicht haben und bei der dann unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“ – für sie sind soziale Klassen kein Thema mehr.

Dieses Erkenntnis käme aber für weite Teile der Medien einem Schuldeingeständnis gleich, denn sie sind längst Teil der Elite, die eine funktionierende vierte Macht im Staate kritisieren und gegen die diese eine Gegenöffentlichtkeit aufbauen würde. Um sich nicht selbst in schlechtes Licht zu rücken, soll daher vermieden werden, die Bevölkerung ernst zu nehmen.

Der Vorstoß einiger Politiker, „Fake News“ zu einem neuen Straftatbestand zu machen, wurde entsprechend medial flankiert: Journalisten treten allen Ernstes für Zensur ein, nachdem ihnen die Deutungshoheit entglitten ist. Man beachte: Das war nicht irgendein Schreiberling für ein Käseblatt, sondern die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in den Tagesthemen!

Wie bei den Nachdenkseiten treffend kommentiert wurde:

Auf dem direkten Weg in die Postdemokratie. Was sind bitte „Gezielte Desinformation zur Destabilisierung eines Staates“? Das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Aus Sicht der Eliten kann das jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen sein.

Der ansonsten überstrapazierte Vergleich mit den Nazis trifft diesmal: Schon die Nazis gaben vor, „Fake News“ zu bekämpfen. Die Nachdenkseiten haben hierzu eine studentische Hausarbeit von Tobias Jaecker gefunden:

Um die Presse in den Griff zu bekommen, bedienten sich die Nationalsozialisten zunächst des Instruments der Notverordnungen, die der Reichspräsident erlassen konnte. Mit der „Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 wurden Beschlagnahmung und Verbot von Druckschriften geregelt. Unter der Verantwortung von Reichsinnenminister Frick wurde ein umfangreicher Katalog von Verbotsgründen erarbeitet. Darunter fielen etwa die Verbreitung „unrichtiger Nachrichten“ und der Aufruf zum Streik.

Die Nazis im O-Ton (Quelle: Dokumentarchiv.de):

„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933
„Periodische Druckschriften können verboten werden (…) wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden. (…) Zuständig für das Verbot einer periodischen Druckschrift sind die obersten Landesbehörden oder die von ihnen bestimmten Stellen.“

Es ist alles nicht neu: In den letzten Jahren haben wir eine ganze Reihe von Initiativen erlebt, um unter dem Deckmantel einer guten Sache Zensurinstrumente einzuführen. Zunächst waren es die Netzsperren gegen Kinderpornographie. Dann wollte die EU Antifeminismus verbieten. Vor den Vereinten Nationen durften sich Anita Sarkeesian und Zoë Quinn darüber ausheulen, was für schreckliche Sachen ihnen im Internet passieren würden: Es gäbe tatsächlich Leute, von denen sie kritisiert würden! Sie forderten Schutz – wobei der Vorwurf der „Nachstellung“ sich für sie nicht nur auf illegale Aktivitäten erstrecke, sondern auch so fürchterliche Beschimpfungen wie „Du bist eine Lügnerin“ oder „Du bist doof“. Das Wehklagen hatte woanders durchaus Erfolg: Google machte machte den Bock zum Gärtner.

Wie schnell solche Mechanismen, um Leute mit abweichender Meinung zum Schweigen zu bringen, entgleiten können, hätte man eigentlich aus der Geschichte lernen können. Nun hat Donald Trump noch einmal exemplarisch vorgeführt, was „die Geister, die sie riefen“ bedeutet.

Welch Ironie, dass ausgerechnet „Der Postillon“ besonders vielseitig über Fake News berichtet:

  1. Ratgeber: Alles, was Sie jetzt über Fake-News wissen müssen
  2. Bundeskanzler Hubert Dreher will Fake-News unter Strafe stellen
  3. Hat Fake-News verbreitet: Türkischer Journalist zu 5 Jahren Haft verurteilt
  4. Teenager (15) endlich fertig damit, unter jedes einzelne YouTube-Video „Fake!“ zu schreiben – der vielfach vergessene Ursprung der Fake-News-Vorwürfe

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Um „News“ wieder in einen positiven Zusammenhang zu bringen:

Huey Lewis & The News – Perfect World

Warum mir Frieden wichtiger ist als das Geschlecht von Politikern

Auf die US-Präsidentschaftswahl folgte eine Menge Panik in den Massenmedien, die ansonsten gerne berichten, das Volk habe zuviel Angst. Von einer Blödheit sondergleichen war jedoch die geäußerte Befürchtung, Donald Trump könne sich gut mit Wladimir Putin verstehen. Der Weltuntergang droht für einige Journalisten allen Ernstes wie folgt: Die USA könnten sich mit Russland verständigen!

Ja, habt Ihr denn gar nichts aus der Geschichte gelernt? Dass sich in den USA und der Sowjetunion immer wieder kluge Menschen gefunden haben, die zu Verständigung und Gesprächen bereit waren, dass am Ende sogar der Kalte Krieg auf friedliche Weise beendet werden konnte, das ist eine der größten zivilisatorischen Leistungen des 20. Jahrhunderts.

Und dass sich so etwas in ähnlicher Form wiederholen könnte, das soll heute eine unserer größten Ängste sein? Wo lebt Ihr denn, Leute?

Es ist kaum zu fassen: Verständigungswille ist böse!

Das fügt sich natürlich nahtlos ein in die andere große geschichtsvergessene Propagandashow, die uns die Massenmedien seit einigen Jahren präsentieren, nämlich Angst schüren vor Russland. „Der böse Russe“ ist dabei eine Uraltklamotte, die bereits in den 1980er Jahren völlig aus der Zeit gefallen wirkte.

Was ist nur aus dem großen Gedanken vom Frieden geworden? Stattdessen beteiligt sich Deutschland wieder an Angriffskriegen:

„Das Ziel ist der Krieg gegen den Terror“ – Chronologie eines deutschen Kriegseintritts

Dabei sind die Folgen klar, wenn man einmal hinguckt und nachfragt: So berichtet der Deutschlandfunk (gefunden via Nachdenkseiten) folgende Zahlen für deutsche Soldaten, die „wegen einsatzbedingter psychiatrischer Störungen in ärztlicher Behandlung“ in den letzten Jahren in Behandlung waren:

2015: 694
2014: 645
2013: 1085

Wer es wirklich wissen will, der kann es auch in Erfahrung bringen! Da die Bundeswehr nach wie vor zum überwiegenden Teil aus Männern besteht, brauchen wir uns keine Illusionen darüber zu machen, wie hier die Verteilung der Geschlechter ausfällt. Es ist ein weiterer Grund dafür, warum psychische Probleme ein wichtiges Männerthema sind.

In einem Punkt kann man also froh sein, dass Hillary Clinton, die ja bekanntlich ganz spezielle Vorstellungen davon hatte, wer die Hauptopfer des Krieges seien, die Wahl verloren hat: Sie hatte deutlich martialischere Töne anklingen lassen und offenbar keine Probleme damit, eine auf Interventionen (sprich: Angriffskriege) ausgerichtete Politik fortzusetzen, inklusive einer stärkeren Verpflichtung der anderen NATO-Mitgliedsstaaten (sprich: auch deutsche Soldaten in den Krieg).

Allerdings wäre es intellektuell zu kurz gesprungen, eine kriegstreiberische Politik bei Frauen in entscheidenden Ämtern deshalb besonders anzukreiden, weil es sich beim überwiegenden Großteil der Soldaten um Männer handelt. Auch ein männlicher Bundeskanzler, US-Präsident oder Verteidigungsminister werden ja nicht in Verlegenheit kommen, mit der Waffe jemals selbst ins Gefecht zu ziehen!

Viel wichtiger als das Geschlecht der Amtsinhaber scheint folgende Maßnahme: Diejenigen, die über Krieg und Frieden entscheiden, sollen regelmäßig auf Beerdigungen von Soldaten gehen und verkrüppelte Veteranen besuchen. Wer kein völliger Psychopath ist, überlegt sich den nächsten Einsatz dann vielleicht etwas länger. Fefe zitiert diesbezüglich die New York Times: Der US-Verteidungsminister ertrug es nicht mehr, Beerdigungen und Veteranen zu besuchen und trat laut eigenen Angaben deshalb zurück. Drohnenkönig Barack Obama wird inzwischen vorgeworfen (!), Truppen nicht mehr so gerne im Ausland einzusetzen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wer es nicht erkannt hat: In dem oben erwähnten Video wird Musik aus dem ersten „Star Trek“-Film verwendet. Das klingonische Thema wurde noch einige Male für die Klingonen eingesetzt. Ehrlich gesagt ist das der beste Platz für Krieg – die Fiktion!

Jerry Goldsmith: Klingon Battle

Warum ich dieser Dolchstoßlegende keine Chance einräume

Auch zwei Wochen nach der US-Präsidentschaftswahl finde ich immer noch spannende Beiträge. Den heutigen Artikel rahme ich bewusst in zwei davon ein.

Via Fefe stieß ich auf eine großartige Analyse von Scott Alexander beim Slate Star Codex. Die lohnt es sich im Detail nachzulesen. Drei wesentliche Punkte:

  1. Donald Trump hat bei den Schwarzen, Hispanics und Asiaten gewonnen… am wenigsten jedoch bei den Weißen.
  2. Rassisten sind keine relevante Wählergruppe.
  3. Angst und Panik sind keine Lösung.

Die ersten beiden Punkte werden mit Fakten unterlegt und es ist wichtig, sich das klarzumachen, um nicht auf ein hektisch zusammengezimmertes neues Narrativ hereinzufallen („Rassisten haben die Macht übernommen! Wir werden alle sterben!“), das einem zwar einen Teil des (negativen) alten Weltbildes bewahrt, letzten Endes aber nicht weiterhilft. Damit kommen wir zum Thema der Legendenbildung im Fahrwasser der Wahlen. Ich hatte ja schon geschrieben:

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Darauf kam folgender Hinweis von Lucas Schoppe:

Die Dolchstoßlegende gibt es übrigens schon, aber es sind natürlich nicht die weißen MÄNNER, die der wacker kämpfenden und im Felde unbesiegten Hillary den Dolch in den Rücken gestoßen haben – sondern die weißen Frauen.

Er verweist auf Hengameh Yagoobifarah in der taz. Die These dort lautet: „Weiße Frauen haben den Feminismus verraten“ (schöne Erwiderung von elitemedium!). Diese Dolchstoßlegende passt jedoch nicht gut.

Rufen wir uns in Erinnerung: In den USA leben etwa 70% Weiße, 12% Schwarze, 11% Hispanics, Rest Asiaten/sonstige. Wenn ich dabei 50% Männer annehme (in Wahrheit sind es weniger), dann erklärt das Feindbild weißer Mann 35% der Einwohner zu den Bösen. Dabei kann das sogar ein Abschwächung sein, wenn man mit „Männer sind böse!“ gestartet ist. Letzteres ist seit ca. 200 Jahren ein beliebtes Narrativ, es hat sich eingebürgert. Man riskiert entsprechend wenig, dieses Klischee zu bemühen.

Nun die weißen Frauen der Gruppe der Gesellschaftsfeinde und Modernitätsverhinderer zuzuschlagen, bedeutet aber, in den USA schlagartig 35% der Menschen, die bisher den „Opfern“ zugerechnet wurden, zu „Tätern“ zu machen. Das ist eine zu große Gruppe, zumal Frauen mehr Empathie genießen und ein Angriff auf Frauen Schutz- und Versorgungsinstinkte auslösen kann.

Übertragen auf Deutschland passt das natürlich noch weniger – der Anteil der Nicht-Weißen ist viel geringer. So kommt etwa auf 270 Weiße ein Schwarzer (Marius Jung, ab 10:46).

Natürlich ist das auch den hiesigen Feministinnen klar und sie handeln entsprechend nicht „intersektionell korrekt“, denn sonst würden sie sich größtenteils selbst aus dem Rampenlicht kicken. Wie Christian Schmidt bei Alles Evolution treffend feststellt:

Auch Anne Wizorek geht lieber selbst in Talkshows statt darauf zu bestehen, dass eine schwarze Feministin an ihrer Stelle (oder wenigstens zusätzlich) eingeladen wird.

Doch immer, wenn man denkt, es geht nicht durchgeknallter, hilft einem Twitter: Alex verweist auf einen Tweet, wo jemand allen Ernstes vorschlägt, in den USA allen Weißen (inklusive sich selbst) das Wahlrecht zu entziehen. Das ist natürlich eine „geile“ Idee, einfach mal 70% in den Status vor dem allgemeinen Wahlrecht zurückzuversetzen. Es komme mir niemand mehr mit Emanzipation und Suffragetten!

Aber abschließend zurück zur Vernunft. Via Aufwachen-Podcast stieß ich auf einen anderen Podcast, in dem der advocatus diaboli (ein Sozialkundelehrer!) über „Nach Trump“ spricht. Er fängt etwas verhalten mit der Wahl an, steigert sich dann aber beträchtlich (die Leute merken doch, wie es läuft; man soll mit Leuten reden usw.). Ja, wer sagt denn, die Bevölkerung sei dumm? Hier erklärt ein ganz normaler Bürger, was man machen kann, und das ohne rosarote Brille, sondern klar die Probleme benennend.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eine weitere Gruppe, deren Einfluss mit dem Ausgang der Wahl gebrochen wurde, wären die „Spin Doctors“.

Spin Doctors: Two Princes

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

So titelte die Schweizer Wochenzeitung WoZ die Niederlage Clintons gegenüber Donald Trump. Sehen sich weiße Frauen tatsächlich der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht und sich bis heute wenig daran geändert hat? Dieses Narrativ mag bei genauerem Hinsehen nicht richtig zu überzeugen.

Würde die WoZ identisch argumentieren, wenn Frauen wie Sarah Palin, Marine Le Pen oder Frauke Petry zur Wahl gestanden hätten?

Interessant wäre ja die Frage, ob dieses Narrativ (Frauen sind immer noch diskriminiert, Frauen solidarisieren sich lieber mit dem Unterdrücker, weil es ihnen Vorteile verschafft etc.), das die WoZ bzw. Anna Jikhareva erzählt, auch so geschrieben worden wäre, wenn ein Mann bei den Demokraten gegen eine Frau bei den Republikanern angetreten wäre: z.B. eine Frau wie Sarah Palin oder Marine Le Pen oder Frauke Petry? Vermutlich nicht! Da hätte die WoZ vermutlich die Frauen gelobt, die nicht Palin, Le Pen oder Petry gewählt haben, weil sie sich sonst „ideologisch“ in unlösbare Widersprüche begeben hätte. Das identitätspolitische Narrativ (Frauen sollten gefälligst Frauen wählen: alles andere ist unsolidarisch oder eben Komplizenschaft) funktioniert also nur unter ganz bestimmten Prämissen und ist deshalb nicht wahnsinnig stichhaltig bzw. valide.

Clinton hat sicherlich nicht einfach verloren, weil sie eine Frau war, sondern weil sie im Gegensatz zur Obama-Wahl 2012

  • bei allen Altersgruppen bis 64 Jahren prozentual weniger Stimmen als Obama holte;
  • bei allen Ethnien (Weiße, Afroamerikaner, Hispanics, Asiaten und Sonstige) prozentual weniger Stimmen holte als Obama:
  • und auch insgesamt bei den Frauen prozentual weniger Stimmen holte als Obama!

vgl. FAZ

Haben weiße Frauen die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt?

Auch die nachträgliche Begründung von  Jikhareva ist nicht sehr stichhaltig bzw. vollständige Spekulation, die besagt, dass die weißen Frauen lieber die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt haben. Die weißen Frauen, die insbesondere über überdurchschnittlich viel kulturelles Kapital besaßen, haben in hohem Masse für Clinton gestimmt. Diejenigen Frauen, die eben gerade hinsichtlich des kulturellen Kapitals nicht privilegiert waren, haben zu 62% für Trump gestimmt. Viel naheliegender dürfte die Interpretation sein, dass gerade weiße Frauen, die zur Unterschicht gehören und zu den Globalisierungsverlierern gehören, für Trump gestimmt haben.

vgl. SPIEGEL

Und was für Privilegien haben wohl diese weißen Frauen, die wenig kulturelles Kapital besitzen? Im Vergleich zu Männern, die wenig kulturelles Kapital besitzen, dürften sie auch noch weniger ökonomisches Kapital besitzen. Clinton konnte diese Frauen offenbar nicht wahnsinnig überzeugen, dass es ihnen mit ihrer Wahl besser geht.

Schließen sich Frauen lieber ihrem Unterdrücker an, weil er ihnen ein Teilhabe an der Macht vortäuscht?

Und dass sich weisse Frauen ausgesetzt sehen, sich dem Unterdrücker anzuschließen, ist auch nichts weiter als Spekulation. Was genau hätte den Clinton für diese weiße Frauen mit wenig ökonomischem und kulturellem Kapital zu bieten gehabt? Wollte Clinton die Lohnquote für die Arbeitenden erhöhen? Oder ganz allgemein den Gini-Index der USA verbessern, folglich die Kluft der Einkommens- und Vermögensverteilung verringern? Oder wollte sie dafür sorgen, dass die USA weniger eine Plutokratie bzw. Oligarchie ist und ganz allgemein die politische Partizipation der unteren Klassen stärken? Hat Obama irgend etwas diesbezüglich erreicht? Außer der Entspannung zu Kuba und dem Iran sowie Obamacare findet man bei Obama keine nachhaltigen Verbesserungen.

Auch die Aussage, dass die Wahl von Trump für die Frauen ökonomisch negative Folgen haben wird, ist reinste Spekulation und es fehlt jegliche Begründung dafür.

Eine Mehrheit der Menschen wollte einen „Change“ und nicht den Status Quo

Der restliche Text von Jikhareva, der die schwache Repräsentation der Frauen in Exekutive und Legislative in den USA beklagt, mag zwar grundsätzlich richtig sein, ist jedoch für die Analyse der US-Präsidentschaftswahl 2016 mehrheitlich irrelevant. Seit 1945 gab es in den USA nur einmal eine Phase, in der die gleiche Partei ununterbrochen 12 Jahre bzw. drei Amtszeiten hintereinander den Präsidenten stellen konnte. In allen übrigen Phasen konnte die gleiche Partei höchstens 8 Jahre den Präsidenten stellen. Ein großer Teil der Menschen in den USA wollte einen Wechsel (Change) und den erhält man nicht, wenn man noch einmal einen Präsidenten wählt, der aus der selben Partei stammt wie der Vorgänger und schon gar nicht, mit einer Präsidentschaftskandidatin, die innenpolitisch den Status quo weiterführt.

Entscheidend waren die Staaten des Mittleren Westens: Globalisierungsverlierer

Entscheidend bei dieser Wahl waren nun mal die Staaten Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Also Staaten, mit überdurchschnittlich hohem Anteil von weißen, wenig gebildeten Menschen, die man unter die Globalisierungsverlierer subsumieren kann. Clinton hatte hier Mühe zu punkten, weil die protektionistischen Sprüche von Trump nun mal glaubwürdiger waren als analoges von Clinton.

Fazit

Das mehrheitlich identitätspolitische Narrativ von Anna Jikhareva ist m.E. überwiegend falsch. Es ist vornehmlich ein ideologisches Narrativ, das nur dann funktioniert, wenn eine Frau bestimmte Voraussetzungen mitbringt wie dies bei Hillary Clinton der Fall war (Mitglied der demokratischen Partei, identitätspolitische, postmodernistische und intersektionale Programmatik), jedoch bei anderen Frauen, die z.B. eher konservativ, rechtspopulistisch oder protektionistisch politisieren, nicht angewendet werden kann/darf, weil sich sonst die Autorin ideologisch in unlösbare Widersprüche verstrickt. Es ist somit ein ideologisches Narrativ, das eben gerade die komplexe empirische Realität aussen vor lassen muss, damit die Ideologie durchgehalten werden kann. Die Realität ist also komplexer, als es Ideologen gerne hätten.

Quellen:

WoZ-Artikel: HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE Keine Mutter für die Nation

Gastartikel: Laurie Pennys Artikel ist keinen Penny wert

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen hat einige erfreuliche Reaktionen losgetreten. Woanders hält man sich jedoch an Dingen wie dem Feindbild weißer Mann nach wie vor fest.

So wies Mark E. Smith in einem Kommentar auf folgenden Artikel von hin, in dem Laurie Penny (stammt laut Sargon of Akkad aus recht wohlhabendem Hause und hält sich für unterdrückt, da Frau) Dampf abläst: «Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen». Dankenswerterweise hat djadmoros gleich die Kommentierung übernommen:

Ich greife mal nur ein Argument aus Pennys Rant heraus:

»Ihr hört nicht auf die ‹gewöhnlichen Leute›.» Tatsächlich sind damit weisse Leute gemeint. Wenn sie uns sagten, wir würden den «echten AmerikanerInnen» keine Aufmerksamkeit schenken, meinten sie damit weisse AmerikanerInnen. Und wenn sie uns vorwarfen, wir würden deren Sorgen nicht ernst nehmen, meinten sie damit, dass wir ihnen nicht zustimmen. Genau wie schon vor dem Brexit in Britannien erhielten die WählerInnen aus der «weissen Arbeiterklasse» auch vor den US-Wahlen jede Menge Aufmerksamkeit – unter anderem auch von der Mainstreampresse, die sie zu verabscheuen vorgeben. (…) Es wurden alle möglichen Bemühungen unternommen, Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen; Sorgen über den gefühlten Verlust von Privilegien, den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden.«

Da steckt implizit und explizit einiges drin:

(1) Weiße »gewöhnliche Leute« sind keine gewöhnlichen gewöhnliche Leute, sondern solche, die man als problematisch hervorheben muss.

(2) Wenn die »weiße Arbeiterklasse« Aufmerksamkeit erhält, dann ist das eigentlich bereits ein ungebührliches Zugeständnis. Sie kann daher nicht erwarten, dass man sich obendrein auch noch mit der Lösung ihrer spezifischen Probleme befasst.

(3) Die Mainstreampresse gibt bloß vor, die weiße Arbeiterklasse zu verabscheuen. Tatsächlich hat die weiße Arbeiterklasse echten und aufrichtigen Abscheu verdient.

(4) Die »Sorgen« der weißen Arbeiterklasse sind völlig ungerechtfertigt, weil sie nur im »gefühlten Verlust von Privilegien« bestehen, »den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden«.

Das ist das übliche »Weiter-so«-Denken. Wir tun witerhin, was wir auch bislang immer schon getan haben: wir sprechen der »weißen Arbeiterklasse« jegliche Legitimität ihrer Interessen und der Artikulation dieser Interessen ab. Indem wir ihre Selbstwahrnehmung zur Halluzination erklären.

»Wie kamen wir zum feigen Konsens, dass die «weisse Arbeiterklasse» eine homogene Masse tobender FanatikerInnen sei, denen man nachgeben muss wie einem Kleinkind, das am Rand eines Abgrunds einen Trotzanfall hat?«

Wie kommt Laurie Penny auf das schmale Brett, ein Rant, der Formulierungen wie »Dieser Unsinn muss sofort aufhören.« und »Ich habe keinen Bock mehr, auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.« sei etwas anderes als genau dieses: ein Trotzanfall?

Denn wann hätte jemand, der die Sorgen von Menschen mit der falschen Hautfarbe für bloß »gefühlte« Probleme eines »weissen Patriarchats« hält, überhaupt jemals auf deren Befindlichkeiten Rücksicht genommen? Da hatte eine Frau Penny doch noch nie »Bock drauf«!

Und was ist ihr Fazit? »Es ist der Moment gekommen, ernst zu machen.« Ach. Hat sie bisher nur Spaß gemacht? Wenn man sich immer schon an der oberen Kante der Tugendhaftigkeit verortet hat, wie will man diese Tugendhaftigkeit denn jetzt noch steigern? »Nun müssen wir noch härter arbeiten« heißt dann wohl: »jetzt müssen wir uns noch tiefer in unserem Weltbild einbetonieren«. Die intersektionale Opferhierarchie ist sakrosankt und wird sich von Trumps weißen Wählern nicht erschüttern lassen.

Fazit: »Rassismus ist Scheiße, außer gegen Weiße!«

Der Artikel ist keinen Penny wert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Damit „Penny“ wenigstens in einem positiven Zusammenhang hier fällt…

The Beatles: Penny Lane

Warum ich auch Cicero applaudiere

Die Nachdenkseiten zitieren in ihren heutigen Hinweisen des Tages einen Cicero-Artikel von Alexander Grau, „Die Bankrotterklärung eines ganzen Milieus„, in dem dieser aus dem Vollen schöpft:

Die Reaktionen auf den Wahlsieg Donald Trumps sind so bezeichnend wie erschütternd. In Redaktionen, Parteien und akademischen Einrichtungen hat sich offenbar ein Milieu gebildet, das den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung verloren hat

Genau diese Einschätzung gab es unlängst von Jens Berger. Schön, sie noch einmal und erneut so deutlich zu lesen! Grau schreibt weiter:

[D]ie Ursache für das Wahlergebnis waren [sic!] sofort zur Hand: der Aufstand der Verlierer, der alten weißen Männer, der Arbeitslosen, Ungebildeten und sozial Prekären.

Abgesehen davon, dass Trumps 60.051.402 Wähler (Stand 10.11., 10.00 Uhr) unmöglich ausschließlich weiße, ungebildete und arbeitslose Männer sein können, verblüfft die Empathielosigkeit, ja die kaum verhohlene Verachtung, die aus so vielen Kommentaren trieft.

Es ist schön zu sehen, dass diese Erkenntnis auch außerhalb dieser Blogblase bekannter wird. Das Feinbild „weißer Mann“ wird seit Jahren verwendet und herumgereicht – selbst wenn, wie Grau völlig treffend feststellt, es rein statistisch nicht taugt.

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Ebenso entlarvend wie charakteristisch war am Mittwoch eine kleine Randbemerkung im Deutschlandfunk. Da fand es der Sprecher mit deutlich verfinsterter Stimme schockierend, wie radikal die Wähler ihre Stimme aus ihrer persönlichen Situation heraus abgegeben hätten. Ja, aus was denn bitte sonst, war man spontan geneigt zurückzufragen.

„Der Sprecher“ läßt sich sogar präzisieren: Es war Norbert Röttgen, ehemaliger Bundesumweltminister und derzeit Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Fefe, 09.11.2016:

Man habe die Radikalität unterschätzt, mit der Wähler bereit seien, aus ihrer persönlichen Situation die Konsequenzen zu ziehen, sagte Röttgen im Deutschlandfunk.

Der Beitrag, in dem das so stand („US-Wahl – Röttgen: Trump-Erfolg ist Warnung für Europa“), ist inzwischen nicht mehr zu finden. Kein Grund zu Verschwörungstheorien, der Deutschlandfunk depubliziert anscheinend recht schnell.

Aber wenn die Sachen so schnell aus dem Netz verschwinden, dann zitiere ich lieber, was das Zeug hält. Ein früherer Beitrag hatte sowohl eine etwas andere Zusammenfassung als auch den O-Ton:

„Wenn die Stimme der Wut der mächtigste Mann der Welt wird“

Röttgen warnte davor, die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der Wähler bereit seien, zu unterschätzen.

Und was wir, glaube ich, unterschätzen ist die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der dann auch Wähler bereit sind, darin Konsequenzen zu ziehen.

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Da sagt jemand vom politischen Establishment:

  1. Uns ist gar nicht bewusst, dass es den Leuten so mies geht.
  2. Wir rechnen nicht damit, dass solche Leute konsequent genug sind, um wählen zu gehen und entsprechend zu wählen.

Das schreit ja geradezu nach „Denen werde ich’s zeigen!“. Besser kann man Leute, denen es schlecht geht, gar nicht ermutigen, zur Wahl zu gehen und gegen die etablierten Parteien zu stimmen.

Das ist von meiner Seite keine Werbung für radikale Parteien. Diese kommen ja dadurch erst hoch, dass unter den nichtradikalen bestimmte Themen und Positionen, für die eine Nachfrage existiert, kein Angebot gibt. Ganz in der Logik des Marktes: Wenn nichts anderes da ist und der Leidensdruck zu groß wird, geht man sogar zu einem unseriösen Anbieter mit zweifelhaftem Produkt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bekam jedoch im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl wieder mehr Aufmerksamkeit. Das Vertrauen, dass die Leute schon schön brav bleiben werden, hat erste Risse bekommen. Damit ist einiges möglich.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein wenig Hoffnung muss man schon haben, dass es besser wird. Aber ganz ohne Hoffnung ist auch alles Mist.

Randy Newman: Mr President (Have Pity On The Working Man)

Fundstück: Das Feindbild weißer Mann

Ein Thema, das ich im Artikel zu den US-Präsidentschaftswahlen nicht mehr angeschnitten habe, war das Narrativ vom weißen Mann, der automatisch böse ist. Es gibt dieses Feindbild in mehreren spezialisierten Varianten – „der weiße heterosexuelle man“ (Abkürzung „WHM“, sehr verbreitet), als Verfeinerung davon „der weiße heterosexuelle cis-Mann“, „weiße junge Männer„, „alte weiße Männer“, „wütende weiße Männer“, „weiße Männer mit niedrigem Bildungsstand“ usw. Wichtig ist dabei, dass sie grundsätzlich gegen den jeweiligen Rest der Welt sind, welcher fortschrittlich ist.

In der Analyse des Wahlergebnisses war entsprechend die Rede vom „weißen Mann mit niedriger Bildung“, der Donald Trump den Wahlsieg ermöglicht habe. Das erinnerte mich doch gleich an die Kommentierung der österreichischen Präsidentschaftswahl:

Genderama vom 26. April

Bei den Wahlen in Österreich haben vor allem Frauen mit Hochschulreife den Kandidaten der Grünen gewählt und Männer ohne Hochschulreife den Kandidaten der FPÖ.

Genderama vom 28. April – ein Leser mit einer interessanten These:

Es soll über verschiedene Ebenen (Geschlecht, Politik, Bildungsstand) hinweg eine negative Analogie geschaffen werden, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wird gleichzeitig ein Geschlecht und eine Wählerschaft diskreditiert. Die Analogie lautet Rechtpopulistenwähler = Mann = dumm (geringer Bildungsstand). Während es umgekehrt lautet: Grünenwähler = Frau = intelligent (mit Hochschulabschluß). Da gibt man in einem Atemzug die korrekte politische Richtung und das bessere Geschlecht vor.
(…)
Wozu also den Bildungsstand der Wähler bemühen, wenn sich das Wahlverhalten von Frauen und Männern in weiten Teilen gar nicht so sehr unterscheidet und dort, wo es die größten Differenzen gab, der „Geschlechter-Bonus“ eine nicht ungewichtige Rolle gespielt haben dürfte? Richtig: Der einzige Grund liegt darin, im Doppelpack zu diskredtieren.

Seitdem ich das gelesen habe, achte ich darauf. Man schaue etwa auf die Statistiken der Tagesschau (auf „Analysen zur Wahl“ klicken):

  Clinton Trump
Weiße 37 58
Schwarze 88 08
Hispanics 65 29
  Clinton Trump
Männer 41 53
Frauen 54 42
  Clinton Trump
kein College-Abschluss 44 51
College-Abschluss 52 42

(Quelle: Exit poll Edison)

Natürlich gibt es Unterschiede, aber für einen schwarzweiß gezeichneten Krieg entlang der Linien Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsstand gibt es keinen Anhaltpunkt. Im Gegenteil, soweit sind die Zahlen gar nicht auseinander! Oder wie es anderswo formuliert wurde:

Fefe, 13.11.2016:

Hier hat keine Übernahme des wütenden weißen Mannes stattgefunden. Die anderen haben auch millionenfach für Trump gestimmt. Insbesondere übrigens die weißen Frauen.

Der Aufwachen-Podcast zeigte das auch in Folge 155 „Blasenplatzen“ (schöner Name!):

Das für einige Unvorstellbare: Frauen wählen Trump! Latinas wählen Trump! Das mit dem Sexismus ist denen nicht so wichtig!

Der Podcast ist in Gänze hörenswert. Ich habe zum Teil laut gelacht.

Lucas Schoppe schreibt ebenfalls eine höchst lesenswerte Analyse. Er pickt dabei noch den Punkt heraus, dass Hillary Clinton im Gegenzug nicht massenweise Schwarze, Hispanics usw. überzeugen konnte, wählen zu gehen.

Man muss dabei bedenken, dass es eine reine Mehrheitswahl war und die Wahlbeteiligung entsprechend niedrig (50%). Es geht also auch darum, wer überhaupt als Wählergruppe mobilisiert werden konnte.

Der eigentlich schon abgeschrieben Mann als relevante Wählergruppe… da läßt sich eine Einschätzung, die aus anderem Anlass gegeben wurde, jetzt wieder hervorkramen:

Genderama vom 12. März:

Vor einigen Jahren hatte die Grüne Renate Künast einen geschlechterpolitisch lichten Moment, den man mit dem kurzzeitigen geistigen Aufflackern von Demenzkranken vergleichen kann. Sie stellte beim Aufkommen der Piratenpartei fest: „Wir hätten mehr machen müssen, um die Wähler zu erreichen, die sich für die Piraten entschieden haben. Und das sind vor allem Männer unter 25 Jahren.“

zum Mythos „Frauen gleich behandeln“

Ein während der Wahl benutzter Kniff („Geschlechterkrieg“, „Männer gegen Frauen“, „Krieg gegen die Frauen“, „Frau = besserer Kandidat“) wird jetzt einfach weitergesponnen: Eine demokratische Wahl zu verlieren wird als Zeichen für die „gläserne Decke“ angesehen. Zum Vergleich: Jemand, der den später siegreichen männlichen Kandidaten während des Wahlkampfes versuchte anzugreifen, durfte entspannt Fernsehinterviews geben. Normalerweise wäre das ein mutmaßlicher Attentäter.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Es war viel die Rede vom „Rust Belt“, den ehemaligen Industriestaaten der USA, die die Wahl entschieden hätten.

Billy Joel: Allentown

Warum ich nicht das Ende der Welt befürchte

Große Ereignisse erzeugen eine erstaunliche Reaktion: Praktisch jeder kann das Ergebnis als Beweis für das ansehen, was er schon immer geglaubt hat.

Mit diesem Wissen gerüstet hoffe ich, nicht selbst in diese gedankliche Falle zu tappen. Außerdem ist ein wenig Bescheidenheit angesagt, um gar nicht erst dem Wahn zu erlegen, ich selbst hätte den Durchblick und könne in einem Blogeintrag die Welt erklären.

Statt reiner Kritik möchte ich in jedem Abschnitt etwas erwähnen, das positiv, optimistisch oder konstruktiv ist. Denn wenn die Welt oder alle anderen Leute blöd wären, dann würde es mir auch nichts mehr helfen, Rants zu verfassen (emotionale Befriedigung kann ich woanders leichter bekommen).

die Fakten

In den USA wurde ein neuer Präsident gewählt. In demokratischen Wahlen.

Wer darob die Welt nicht mehr versteht, dem seien zwei Blogs empfohlen, die ich vor Jahren entdeckt habe und die mich zu einem deutlich entspannteren, glücklicheren Menschen gemacht haben:

USA Erklärt – Der faktische Hintergrund, freundlich erklärt“ von Scot W. Stevenson, den ich hier im Blog schon zweimal zitiert habe.

Stevenson ist Amerikaner, wohnt seit seiner Kindheit in Deutschland und arbeitet für Reuters. Bezeichnenderweise stellte er gerade bei seinen Pressekollegen fest, dass es mit dem Verständnis der USA, also ganz schlicht wie da die Dinge laufen und was wichtig ist, nicht weit her ist.

Und was macht der Mann? Schreibt das einfach in einem Blog zusammen. Problem -> Lösung.

German Joys“ von Andrew Hammel, auf Englisch und wie ich gestehen muss, habe ich eine Zeit nicht mehr reingeschaut (nachdem ich so entspannt und glücklich geworden war).

Hammel ist ebenfalls Amerikaner und arbeitet seit vielen Jahren in Deutschland. Er genießt offensichtlich das Leben in Deutschland und genauso fröhlich-positiv kommt er bei mir rüber.

Stevenson und Hammel haben gemeinsam, dass sie beide Länder und Kulturen kennen, dass sie zu beiden ein positives Verhältnis haben und dass sie auf freundliche Weise ihr Wissen und ihre Meinung gerne teilen. Das prädestiniert sie zu Botschaftern in dieser Angelegenheit.

Zwei Beispiele, die heilsame Kulturschocks auslösen können:

  1. In den USA ist man vor dem Präsidenten am sichersten.
  2. eine direkt vor der Wahl veröffentlichte Einschätzung: Egal, wer gewinnt, in der Regierungspolitik wird sich nicht viel ändern.

Framing, Filter, Narrativ

Seid jetzt mal sehr aufmerksam. In chaotischen Zeiten, wenn sich das Narrativ noch nicht geeinigt hat, kriegt man lauter hochinteressante Einsichten darin, wie die Leute wirklich denken.

(Fefe, 09.11.2016)

Fakten alleine sind aber nie eine für Menschen ausreichende Realität. Es geht immer um eine Interpretation der Wirklichkeit, die – zumindest in weiten Teilen der jeweiligen Gemeinschaft – als Konsens durchgeht. Diese offizielle Lesart des Geschehenen ist dann die Wahrheit™.

Alle neuen Eindrücke werden auf ihre Kompatibilität zur bisherigen Wahrheit überprüft. Sind sie damit unvereinbar, werden sie einfach herausgefiltert, also ignoriert, als falsch oder unwichtig abgetan und vor allem – nicht weiterverbreitet. Bei Gemeinschaften mit anderen Interpretationen der Realität erkennt man diese Filter sehr schnell; erstaunlicherweise ist man für die eigenen entsprechend blind. Das Gerede von der eigenen Blog- oder Filterblase, welches ich ebenfalls gerne verwende, beinhaltet ja genau den gesunden Restzweifel, dass das, was jeweils „allgemein akzeptiert“ erscheint, eine vollständige, angemessene Abbildung der Realität darstellt.

Die selektive Wahrnehmung, Verbreitung und Interpretation von Fakten dient dazu, die bisherige Erzählung von der Welt, wie sie wirklich ist, solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Erst wenn die Widersprüche so groß werden, dass das bisherige Narrativ nicht mehr zu halten ist, bricht alles zusammen und die Filterblase platzt.

Dann stehen die Leute völlig verwirrt da und versuchen sich schleunigst auf eine neue Wahrheit zu einigen. Denn große Unterschiede oder Unsicherheit vertragen Menschen dabei trotz allem Individualismus nicht.

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen war für viele Menschen offenbar nicht vereinbar mit ihrer bisherigen Realität. Die große Chance besteht darin, zu erkennen, was an dem bisherigen Narrativ falsch war und welche Filter und Framingtechniken angewandt wurden, um wichtige Informationen auszublenden. Die turbulente Zeit ist also die beste Einladung dazu, seinen eigenen Blick auf die Wirklichkeit zu erweitern.

(Die schlauen Ideen daraus stammen natürlich nicht von mir. Als eine ausführlichere Quelle für den tieferen Einstieg empfehle ich etwa den Vortrag „Die Wahrheit und was wirklich passierte„.)

Thesen, die es zu bezweifeln gilt

Wenn das bisherige Weltbild ins Wanken gerät, ist es wichtig, nicht sofort die dargebotenen einfachen Erklärungen anzunehmen, die einen irgendwie wieder einlullen würden. Ich empfehle sogar, sich stets zu fragen, ob denn nicht genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Drei Botschaften, mit denen in diesen Tagen gerne hausieren gegangen wird:

„Es ist alles ganz schrecklich!“
„Das gab es noch nie!“
„Die USA sind verrückt!“

Zur ersten These: Die meisten Menschen auf dieser Welt haben bei der Vergabe des wohl mächtigsten politischen Amtes der Welt kein Wahlrecht und müssen damit leben. Es wäre dumm, seine ganze Hoffnung auf ein singuläres Ereignis zu richten – sehr gut dargestellt übrigens bei South Park 2008. Sein Wohl und Wehe von unbeeinflussbaren Faktoren abhängig zu machen ist eine klassische Anleitung zum Unglücklichsein, zu Passivität.

Stadtmensch-Chronicles urteilt unter der Überschrift „Ernüchternd„:

Ich halte die Frage, ob denn nun alles in den USA schlimmer wird, für irrelevant. Man kann diese Frage nämlich wunderbar an der Karriere seines Vorgängers studieren. Der hatte mit extrem viel Pathos den »Change« als sein pesönliches [sic!], präsidiales Marketingkonzept hochgehalten, doch von diesem Elan ist am Ende nicht nur nichts übrig geblieben, sondern es wurde unter Obama – vor allem in weltpolitischer Hinsicht – vieles unerträglicher.

Barack Obama hat es in acht Jahren nicht geschafft, Guantanamo Bay zu schließen. Dazu kommen die zahlreichen Drohnenmorde. Menschen wie Edward Snowden und Chelsea Manning, die auf Missstände aufmerksam machten, werden verfolgt und verurteilt statt begnadigt. Das Ausspähen „befreundeter“ Länder ist daneben nur eine Kleinigkeit.

Die große Veränderung zum Guten, die mit seiner Wahl verbunden wurde, sie ist ausgeblieben. Immerhin wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass es auch ein schwarzer Präsident nicht besser macht.

Wurde der Ausgang der Wahl 2008 so behandelt, als sei der Messias gekommen, so tut man 2016 spiegelbildlich so, als sei der Leibhaftige da. (Und dann lästert man über religiöse Amerikaner ab…)

Dabei ist es doch so: „Also, dieser Präsident ist ganz schlimm!“ konnte man genauso gut über Ronald Reagan sagen. Und selbst der wurde schließlich noch gelobt im Vergleich zu George W. Bush. In der öffentlichen Berichterstattung war man sich 2004 über den Ausgang der Wahl sicher: „Das kann doch gar nicht passieren, dass der wiedergewählt wird.“ So kann man sich irren – eine beachtliche Parallele. Selbst zwei Amtszeiten des letzten ganz schlimmen Präsidenten hat die Welt am Ende überlebt.

Das bringt uns zur zweiten These: Was ist hier neu? Dass irgendwo Leute an die Macht kommen, die als eklig, erzkonservativ oder populistisch gelten? Silvio Berlusconi, Viktor Orbán, Prawo i Sprawiedliwość (PiS) – alles europäische Fälle. In Deutschland hat man Pegida und die AfD, aber neu sind selbst die nicht: Schließlich gab es am Anfang des Jahrtausends „Richter Gnadenlos“ Ronald Barnabas Schill in Hamburg.

Dass Amerika ein geteiltes Land ist? Das war es doch schon lange. Den Gegensatz zwischen Stadt und Land konnte man seit Jahren auf jeder Wahlkarte sehen, insbesondere auf denen, die zwischen einzelnen Wahlbezirken unterschieden.

Bevor das jetzt als Beleg für die „ganz schrecklich“-These angenommen wird: Ein gespaltenes Land alleine ist noch nicht schlimm. Das war die Ukraine auch. Erst, als dort der demokratische gewählte Präsident weggeputscht wurde und ausländische Mächte kräftig mitmischten, ging alles den Bach runter. Ein Bürgerkrieg, der ist schrecklich – das wissen die Amerikaner selbst übrigens aus eigener Erfahrung, denn das war für sie auch ihr schlimmster Krieg.

Womit wir bei der dritten These wären. Die Liste der aufgezählten europäischen Politiker und Parteien legen es schon nahe: Es gibt keinen Grund zu Häme oder Überlegenheitsgefühlen.

Wer sich über das „seltsame“ Wahlrecht aufregt, der sei an das negative Stimmgewicht in Deutschland erinnert, welches bewirkte, dass eine Stimme für eine Partei diese einen Sitz kosten konnte. Auch bei der EU-Verfassung hat man sich nicht mit Ruhm bekleckert: In Deutschland wurden die Leute erst gar nicht gefragt. Als in einigen anderen EU-Gründungsländern die Verfassung prompt abgelehnt wurde, war man völlig ratlos. Man hatte anscheinend vergessen, die Wähler von dem zu überzeugen, was man beschließen wollte. Ist das denn demokratischer oder weniger führungslos?

Ja, gibt es denn wirklich etwas, was bei diesem Wahlausgang neu war? Zwei Dinge fallen mir ein:

Die Medien haben praktisch unisono gegen Trump geholzt. (…) Die kombinierte Macht der Medien ist komplett verpufft.
(…)
Die andere Lektion aus diesem Wahlkampf ist, dass Schmutz Werfen keine siegreiche Strategie ist. Das ist wichtig, weil das unsere aktuelle Strategie gegen die AfD ist. Wenn das für Hillary gegen Trump nicht gereicht hat, wird es auch hier gegen die AfD nicht reichen.

(Fefe, 09.11.2016)

Die Massenmedien liefern keine glaubwürdige Abbildung der Realität mehr

Das Narrativ, das durch die Mainstreammedien sowohl hüben als auch drüben geisterte, hatte mit dem eines Großteils der Bevölkerung nichts mehr zu tun. Das sollte zumindest kommerzielle Medien beunruhigen, denn wenn ich an breiten Konsumentenschichten vorbei veröffentliche, habe ich irgendwann niemanden mehr, der mich finanziert.

Wie konnte es soweit kommen? In Deutschland, das ja wie erwähnt sowieso seine Probleme mit einem nüchternen Blick auf die USA hat, gab es eine peinliche, verzerrte Berichterstattung über die Kandidaten. Man lese im Gegenzug zwei erklärende Artikel der Nachdenkseiten:

US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Donald Trump? (1/2)
US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Bernie Sanders? (2/2)

Nicht zum ersten Mal war mein erster Gedanke am Tag nach der Wahl: „Endlich ist der US-Wahlkampf vorbei! Ich kann’s nicht mehr hören.“

Die Kandidaten wurden präsentiert, als bringen sie die Erlösung oder seien der Teufel persönlich. Der Nachteil einer emotionalisierten Berichterstattung: Die Leute stumpfen ab oder schalten ab. (Übrigens wird die Emotionalisierung des Wahlkampfes Amerika immer vorgeworfen, wie heuchlerisch!)

Einerseits selbst über Clickbait fleißig zu emotionalisieren und zu vereinfachen, sich aber andererseits über Wutbürger oder wütende weiße Männer mit einfachem Weltbild aufzuregen, dass passt nicht zusammen. Stattdessen gehen auch einfache Fakten unter wie die, dass in den USA Personen und nicht Parteien gewählt werden, dass aufgrund des Mehrheitswahlrechtes die Wahlbeteiligung natürlich niedriger ist , weil es (im Gegensatz zu einer Verhältniswahl) auf die einzelne Stimme nicht ankommt und dass daraus auch folgt, dass es vollkommen schnurz ist, wer in der Summe die meisten Stimmen hatte.

Die Medien, auch die in den USA, haben in einem Punkt sicher den Bezug zur Realität verloren: Eine Zweiteilung der Welt in „gut“ und „böse“ ist unpassend, wenn man mit der „bösen“ Hälfte irgendwie weiterleben muss.

Die Aufladung des Wahlkampfes mit Feminismus, dem Geschlecht des weiblichen Kandidaten und gar der Rede vom „Krieg gegen Frauen“, das war der Versuch einer moralischen Geiselhaft. („Frauen, die lieber für Bernie Sanders statt für Hillary Clinton stimmen, wollen sich nur bei den Männern einschleimen und kommen in die Hölle!“)
Diese Taktik konnte irgendwann nicht mehr funktionieren, allein dass das Ende so früh kommen würde, war erstaunlich.

Die Vorwürfe an die Gegenseite hingegen waren nur noch stumpf, weil sie alle schon einmal dagewesen und gegen alles und jeden verwendet worden waren: Donald Trump soll ein Sexist sein? Na und? Das waren doch Matt Taylor und Tim Hunt auch. Inzwischen wissen wir doch: Alles ist sexistisch.

Und egal, was für böse und schlimme Dinge Donald Trump gesagt oder gesagt haben mag: Aus einem ganz anderen Kontext „wissen“ wir doch schon längst, dass Wladimir Putin „der Teufel“ ist. Es gibt eben keine Differenzierung mehr, da braucht man als Konsument gar nichts mehr für bare Münze zu nehmen.

Die Eliten gegen „den weißen Mann“ und die Debatte

Ich möchte hier einige bemerkenswerte Analysen und Reaktionen zitieren. Zunächst die Massenmedien:

Andrew B. Denison: Trumps Ergebnis stellt Gesetze der Politik auf den Kopf

[Donald Trump] hat Wähler mobilisiert, die keiner erwartet hätte.
(…)
Wir haben erwartet, dass Donald Trump zwar bei seinen Anhängern punktet, aber dass er andere Wählerschaften vertreiben würde, zum Beispiel Frauen und Menschen mit Universitätsabschluss. Aber das ist nicht passiert.
(…)
Die Umfragen lagen daneben, weil sie die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung bei ungebildeten Wählern, die vorher nie gewählt haben, nicht richtig einschätzen konnten.

Jörg Schönenborn: Trump: Für die Überraschung gibt es Gründe

Donald Trump hat vor allem im mittleren Westen, aber auch in anderen Bundesstaaten sehr viel stärker bei Männern ohne College-Abschluss gepunktet als erwartet und von den Demoskopen bei ihren Berechnungen unterstellt.
(…)
Umgekehrt leben in den klassischen Industriestaaten im mittleren Westen (…) besonders viele weiße Wähler ohne College-Abschluss, meist Arbeiter, die entweder ihren langjährigen Arbeitsplatz verloren haben oder bei weitem nicht mehr so gut bezahlt werden wie früher. Die Wahltagsbefragung zeigt, dass Trump in dieser Gruppe einen so hohen Vorsprung hat, wie seit über 30 Jahren bei keiner Wahl beobachtet.

Das Debakel der Wahlforscher: „Die Kristallkugel hat einen Sprung“

Eine Erklärung für die falschen Vorhersagen: Bei den Befragung gaben die Wähler nicht ihre wirkliche Meinung preis. Sozialforscher sprechen in solchen Fällen vom Phänomen der „sozialen Erwünschtheit“. Um Ablehnung zu vermeiden, antworten Befragte nicht wahrheitsgetreu.
(…)
Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben.
(…)
Larry Sabato: „Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen.“
(…)
Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weißen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Es sollte als Menetekel gelten, wenn der verachtete politische Gegner massenweise Nichtwähler an die Urnen bringt. Die Klage über ungebildete Wähler, Unterschicht usw. ist nichts anderes als die Verachtung der Eliten gegenüber dem einfachen Volk. Aber was war denn die Demokratie neuzeitlicher Prägung, wenn nicht die Herrschaft des Volkes gegenüber der bisherigen Herrschaft der Eliten?

Klarer fällt die Analyse bei den „alternativen Medien“ aus. So etwa die Nachdenkseiten:

Präsident Trump – wir sind Zeugen einer Zeitenwende

Na klar, als linker, liberaler Intellektueller kann man einem Wahlsieg Donald Trumps erst einmal wenig abgewinnen. Der Sieg ist jedoch, so weh dies bei der Analyse tut, folgerichtig.
(…)
Die Wahl war auch eine Rache am politischen System, dem man nicht mehr zutraut, die Interessen der Mehrheit zu vertreten.

In dieem Beitrag sind auch Teile des folgenden älteren Artikels enthalten (vom 02. März 2016 – hier wird allerdings noch ein Wahlsieg Trumps ausgeschlossen):

Trump ist die Antwort auf die politischen Fehler der Vergangenheit und Gegenwart

Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschicht rutscht Stück für Stück nach unten ab? Produktive Jobs wandern mehr und mehr in Niedriglohnländer ab? Die Macht der Banken und großen Konzerne nimmt von Tag zu Tag zu? Die Politik schert sich nur noch um das eine Prozent ganz oben und hat die restlichen 99 Prozent aus dem Blick verloren? All dies sind Fragen, die man bei kritischer Analyse bejahen muss. All dies sind jedoch auch Fragen, auf die die traditionelle Politik keine Antworten liefert. Mehr noch: All dies sind Probleme, die von der traditionellen Politik direkt und indirekt verursacht wurden. Wen aber wählen, wenn die traditionelle Politik nicht die Antwort, sondern das Problem darstellt?

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, in der die Mehrheit des Volkes die Entscheidungen trifft – so zumindest in der Theorie. In der Praxis wird Politik jedoch all zu oft von einer kleinen Minderheit für eine kleine Minderheit gemacht. (…) Welcher Politiker wagt es denn, den weißen Mann ohne Hochschulabschluss direkt anzusprechen?
(…)
Jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelang wurde eine Politik gegen die wenig schillernde Mehrheit der Bevölkerung gemacht und die Medien taten ihr Bestes, um mit Brot, Spielen und Meinungsmache den immer größeren Spalt zu überbrücken. Dass dies nicht endlos klappt, sollte jedem klar sein. Ernsthafte Angebote von der politischen Linken wurden ausgeschlagen. Nun hat die politische Rechte die Deutungshoheit über den Stammtischen und das Establishment ist schockiert. Selbst schuld!

Hier wird erfreulicherweise auch eine Lösung vorgeschlagen:

Die einzige Methode, radikale Populisten zu verhindern, ist es, ihnen den Boden zu entziehen. Also selbst moderat populistisch zu sein und eine Politik zu verfolgen, die nicht nur den Interessen der Eliten und Institutionen dient, sondern im wahrsten Sinne des Wortes demokratisch ist, also die Bevölkerungsmehrheit im Fokus hat, ohne gleichzeitig die Minderheiten zu ignorieren. Eine solche Politik, wie sie ja auch der demokratische Außenseiter Bernie Sanders propagiert, wäre natürlich möglich, wird aber erstaunlicherweise von den Eliten und Institutionen abgelehnt.

Die Nachdenkseiten haben auch kein Problem, gute Artikel der Massenmedien zu würdigen. Man beachte bei den Hinweisen des Tages etwa 5 d und e!

Der Blogger Fefe hat in seinen Analysen eine ähnliche Klarheit – und ausnahmsweise einen erstaunlichen Optimismus:

Fefe, 09.11.2016:

Mit Trump als Präsidenten werden wir auch Hillarys Gender- und Hatespeech-Vorstöße nicht kriegen. (…) Ich vermute, dass gerade eine Menge der Progressiven merken, dass ihre Echokammer, in der sie sich die ganze Zeit gegenseitig bestätigen, wie Recht sie haben, nicht die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegelt. Die Leute, die sich immer so offensichtlich auf der Seite des Guten verortet haben mit ihren Gender-Sprachvorschriften und mit ihren Safe Spaces und ihren Antirassismus-Geschichten. Und das ist eine überfällige Erkenntnis. Mal schauen, ob sie etwas bewirken wird.

Fefe, 09.11.2016:

Es gibt nämlich Grund zum Optimismus.

Erstens hat Trump ausreichend viele Investitionen in anderen Ländern, dass die Wahrscheinlichkeit für Kriege bei ihm geringer ist. Zweitens ist er ein lupenreiner Populist. Das wird gerne als Schimpfwort für Politiker benutzt, aber das ist ein absurder Vorwurf. Populismus ist der Job eines Politikers. Und Populismus ist mir lieber als so Triebtäter wie die Leute im polnischen Parlament, die aus Überzeugung die Abtreibung verbieten wollten. Populismus ist vorhersagbar. Ich denke mal, auch die Russen und Chinesen werden verhalten optimistisch sein, weil sie Trump als Geschäftsmann einschätzen, mit dem man Verhandeln kann.

Auch hat Hillary im Wahlkampf gezeigt, dass sie vor schmutzigen Tricks nicht zurückschreckt, was ich persönlich eher abschreckend fand. Trump ist ein Widerling und ein Arschloch, aber ein berechenbarer Widerling und ein vorhersagbares Arschloch. Viele Leute fanden das offenbar wichtiger.

Fefe, 10.11.2016:

Falls das jetzt so aussieht, als freue ich mich über Trump und blende aus, was für fiese Rassisten unter seinen Anhänger sind: Nein.
(…)
Dennoch. Seht die neuen Chancen, nicht die vertanen Gelegenheiten. Konzentriert euch darauf, was man jetzt tun kann, nicht was bereits geschehen ist. Die Zukunft ist, was wir aus ihr machen.

Fefe, 10.11.2016:

Also das hat ja fast ein religiöses Erweckungsmoment gerade, wie die ganzen Leute in ihren geplatzten Filterblasen mit Kopfschmerzen aufwachen und zum ersten Mal seit Jahren ein paar unbequeme Aspekte der Realität wahrnehmen. Wie sie der Reihe nach merken: Ja, es gibt da noch andere Leute, die meine offensichtlichen Wahrheiten nicht für offensichtlich wahr halten. Ja, wir müssen Leuten mit anderer Meinung zuhören, denn wenn wir einfach so tun, als gäbe es sie nicht, dann wählen sie einen Trump zum Präsidenten.
(…)
Für mich stellt sich gerade das Gefühl ein, dass der Trump-Wahlsieg vielleicht sogar unter dem Strich eine positive Sache sein kann, wenn es bei so vielen Menschen zu so profunden Einsichten führt.
(…)
Einen Moment der Hoffnung gibt es noch, den ich bisher nicht angesprochen habe. Nur Nixon konnte nach China gehen. (…) Nur ein Trump kann die GOP reformieren. Ob er es auch tut? Wir werden sehen. Vielleicht nicht. Aber Trump hat vor seine Präsidentschaftskandidatur sehr progressive Werte vertreten, „links von Bernie Sanders“ formulierte MSNBC letztes Jahr. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Trump ein progressives U-Boot ist, und jetzt die Republikaner in die Neuzeit holt. An dieser Stelle sei noch der Hinweis erlaubt, dass es nicht die Democrats waren, die die Sklaverei abgeschafft haben. Die Republikaner haben sich ursprünglich konstituiert, um die Sklaverei loszuwerden, und es waren auch die Republikaner, die es am Ende getan haben. Damals waren die Republikaner die Progressiven.

Update: Trump ist auch der einzige weit und breit, der mal den Militär- und Geheimdienstapparat zusammenkürzen könnte. Die Kompromatkoffer sind alle schon im Wahlkampf ausgespielt worden, aus der Richtung muss der also wenig Angst haben. Und wenn man da eine Kosten-Nutzen-Rechnung ansetzt, wie ich von Trump mal erwarten würde, dann sieht das ganz düster aus. Kein Wunder, dass die gerade Arsch auf Grundeis haben.

Fefe, 10.11.2016:

Ich habe hier ja schon häufiger die Warnung ausgesprochen, dass Filterblasen und Blocken und Wegzensieren von Nazis und „besorgten Bürgern“ das Problem eher noch schlimmer macht, weil wir dann auch gar nicht mehr sehen können, wie groß das Problem eigentlich inzwischen geworden ist. Und weil solche Leute sich dann in Parallelgesellschaften organisieren, und man gar nicht mehr an die rankommt, und alle moderierenden Einflüsse weg sind.
(…)
Und was hat niemand getan? Mit denen mal das Gespräch gesucht!

Und das war das eine, was man hätte tun können, um dieses Pulverfass zu entschärfen.

Da stecken eine Menge guter Ideen drin. Die Demokratie „von oben“, in der man durch Ausschließen statt Überzeugen gewinnt, mit Alternativlosigkeit statt Debatten, ist diesmal endlich einmal gescheitert.

Was helfen würde: Freiheit in der Debatte, die andere Seite hören. Political Correctness hingegen nutzt den herrschenden Eliten.

Und wer wirklich eine Gefahr von Extremisten wittert: Anstatt alle zwangsweise unter einer Fahne zu vereinen, wären Vielseitigkeit und Offenheit angesagt.

Wer ohne Rücksicht auf Verluste seine Agenda fährt, muss sich auch nicht wundern, wenn im Falle eines Siegs der Gegenseite dasselbe in umgekehrte Richtung geschieht. Es gab ja nichts zu gewinnen für „Konvertiten“, das wurde alles auf moralischem Anspruch gegründet. Im Gegenteil, es wurde als notwendiges Nullsummenspiel verkauft.

Was jetzt als „Rollback“ angekündigt wird, wäre kein Bruch, sondern eine Kontinuität, denn das gezeigte Verhalten war: Man kann andere Leute beliebig als Unperson verumglimpfen und ausschließen, solange man an der Macht ist. Die Lektion lautet daher, an die Macht zu kommen. Dialog, Verständigung, Kompromiss wurden ja stets ausgeschlagen. Das Pendel schlägt so gesehen „nur“ in die andere Richtung:

Fefe, 16.10.2015:

Ich mache mir ja bei sowas nicht nur Sorgen, dass die Männer hier unter Generalverdacht gestellt werden. Ich mache mir auch echt Sorgen um die nächste Generation Frauen. Diese Art von sozialer Veränderung kommt häufig als Pendel. Das Pendel schwingt dann zu weit und dann schwingt es massiv zurück. Je weiter wir es jetzt überdrehen, desto krasser wird der Backlash. In 20 Jahren wird man dann als Mann moralisch fast alles verteidigen können, indem man zurück verweist auf was die Gender-Idologie den Männern in diesen Tagen alles brutal reingedrückt hat.

Und das ist genauso schade, wie es bei Fefe anklingt. Gerade die Demokraten müssen sich die Leviten lesen lassen:

Fefe, 09.11.2016:

Wenn jemand mehr als alles andere Schuld am Sieg von Trump hat, dann der DNC. Von Anfang an hatte Bernie Sanders einen stärkeren Vorsprung vor Trump als Hillary in den Umfragen. Aber der hat Positionen vertreten, die die korrupten Partei-Funktionäre im DNC nicht hören wollten, und da haben sie mit undemokratischen Mitteln lieber Hillary zur Kandidatin getrickst.

Die Nachdenkseiten vermeldeten inzwischen, dass Bernie Sanders Trump Hilfe anbietet:

Der demokratische Senator aus Vermont stellte mit Blick auf den Wahlkampf fest, dass Trump offenbar den Nerv der unzufriedenen Mittelklasse getroffen habe, die sich in einer Abwärtsbewegung befinde. Diese sehr breite Schicht sei ernüchtert von den etablierten Politikern und Medien.

(Original: Sanders Statement on Trump)

Das Problem der Demokraten ist das Problem vieler „traditionell linker“ Parteien. Wie etwa Lucas Schoppe es ausdrückte:

„Rechts und links“ geraten heute ja tatsächlich in Verwirrung. Eine Politik, die sich als links versteht, ist mehr und mehr eine Politik einer weitgehend abgegrenzten, auf sich selbst bezogenen, sozial und ökonomisch privilegierten Schicht – während das Dazwischenreden von Menschen aus weniger privilegierten Schichten als rechts präsentiert wird. Ist es manchmal natürlich auch, in der Hetze gegen Flüchtlinge ist das ja nicht zu übersehen.

Es lohnt sich trotzdem, darauf zu achten, wie dieses „Rechte“ dann sonst noch beschrieben wird: als trollig, als ungeschlacht, wütend, primitiv, ungebildet, undifferenziert, vorurteilsbehaftet, unaufgeklärt, eben pöbelhaft. Die Rechts-Links-Zuordnung wird benutzt und instrumentalisiert für eine klassische Abgrenzung distinguierter Schichten gegen den Pöbel.

Oder wie ich es in einem Fundstück über die junge Linke zitierte: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“.

Aber ich möchte den langen Artikel mit einer positiven Note beenden. Via Nachdenkseiten gefunden: Harald Neuber: Warum Trumps Sieg eine Chance für die Linke ist … die sie aber offenbar nicht wahrzunehmen bereit ist – mit den weiteren Überschriften: „Trumps Sieg ist die Rache für Clintons Krieg gegen Sanders“ und „Trumps Sieg ist ein weiterer Beweis für das Scheitern des etablierten Meinungsbetriebs“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da der Katzenjammer bei einigen so groß ist, gibt’s entsprechende Musik.

Katzenjammer – Hey Ho (On The Devil’s Back)

Fundstück: Girls‘ Year bei der Bundeswehr

In einem Kommentar bei „Mein Senf“ warb Christian Schmidt für einen Wehrdienst für Frauen:

man könnte einen Wehrdienst als ultrafeministisch aufziehen:
– lernen kämpfen
– brechen das Gewalt- und Waffenmonopol der Männer
– durchbrechen Geschlechterrollen
– härten sich körperlich und mental ab
– besetzen eine Männerstruktur und machen sie weiblicher
– im Krieg sind bekanntlich Frauen und Kinder die schlimmsten Opfer, eine hohe Frauenbeteiligung erlaubt Kontrolle und Einfluss auf das Kriegsgeschehen und damit auch reduzierung von Vergewaltigungen

Letzterer Punkt bezieht sich natürlich auf ein berühmt-berüchtigtes Zitat von Hillary Clinton, dankenswerterweise durch MANNdat dokumentiert mit Quellangabe und Kommentar in der „Champions League des Sexismus“. Ich hätte übrigens noch als Argument hinzuzufügen: Wenn Frauen wirklich friedliebender sind und an der Macht, kommt es doch gar nicht mehr so häufig zum Krieg! Das ist doch viel effektiver als ein „Sexstreik“!

Kommentator Bombe 20 gab dem Vorschlag noch einen knackigen Namen:

Eure Argumente dafür sind zwar zwingend, aber am Branding müßt Ihr noch arbeiten, wenn die Idee eine Chance auf Erfolg haben soll. Ich spreche mich deshalb ja schon seit Jahren (und zum heutigen Tag besonders passend) für ein Girls‘ Year bei der Bundeswehr aus.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das folgende Lied bringt die Freuden des Armeedienstes doch perfekt herüber:

Status Quo: In The Army Now