Warum ich das Ignorieren von Gesundheitsproblem weißer Männer für einen Fehler halte

Es gibt Artikel, deren Dummheit mehr weh tut als ein Tritt zwischen die Beine. Die Überschrift des Telepolis-Artikels „Samenzahl hat sich bei westlichen Männern in 40 Jahren halbiert“ ist dabei sogar sehr interessant. Auch wird, selten genug, auf eine Studie verwiesen: „Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis“ von Hagai Levine, Niels Jørgensen, Anderson Martino-Andrade, Jaime Mendiola, Dan Weksler-Derri, Irina Mindlis, Rachel Pinotti, Shanna H. Swan. Doch bereits in der Einleitung zeigt Florian Rötzer, dass von ihm keine großen geistigen Ergüsse zu erwarten sind:

Die Reproduktionsforschung müsse dringend verstärkt werden, so ein Appell im British Medical Journal. Aber warum eigentlich?

Dafür fallen einem als Laien gleich mehrere gewichtige Gründe ein:

  1. Unfruchtbarkeit ist eine schlimme Sache für die Betroffenen.
  2. Ein Zwang zur Kinderlosigkeit widerspricht einem Grundsatz der westlichen Gesellschaft, nämlich der individuellen Freiheit, wesentliche Entscheidungen seines Lebens selbst zu treffen und zu verantworten.
  3. Eine sich allgemein verschlechternde Gesundheit sollte die Gesellschaft alarmieren.

So wie im letztgenannten Grund beurteilt es auch Niels E Skakkebaek im erwähnten Artikel „Sperm counts, testicular cancers, and the environment„: „Verstörende Entwicklungen in der reproduktiven Gesundheit von Männern verlangen dringende Aufmerksamkeit“ – das bringt es gut auf den Punkt („Disturbing trends in men’s reproductive health demand urgent attention“ – meine Übersetzung).

Rötzer erlaubt sich hingegen die hodenlose Frechheit, in Richtung „macht ja nichts, wenn wir zwangsweise weniger werden“ und „sind ja nur die weißen Männer“ zu argumentieren. Er bezweifelt die Wichtigkeit der Angelegenheit – freilich ohne selbst irgendetwas fruchtbares zur Debatte beizutragen:

Die Reduktion der Reproduktion ließe sich als natürliches Gegenmittel verstehen, das gerade das Überleben der Menschen wahren könnte.

Das ergibt keinen Sinn, wie man es auch wendet. Zum einen verfügt die Natur über keinen weltweiten Radar, der sie darüber informiert, dass es jetzt mal genug Menschen gibt. Ansonsten gäbe es ja erst gar keine Überbevölkerung in einigen Ländern.

Dafür müsste man die Menschheit auch als einen großen monolithischen Block verstehen – der sie nie gewesen ist. Aber dann müsste das Phänomen auch überall gleichermaßen auftreten, und das tut es ja gerade nicht.

Zum anderen liegt bei der Annahme einer „natürlichen“ Entwicklung sofort die Frage auf der Hand, warum es denn ausgerechnet die Bevölkerungen der Welt trifft, denen es insgesamt am besten geht und die sich mehr Kinder leisten könnten, als sie bekommen. Eine Natur, die Überbevölkerung „regelt“, müsste doch diejenigen besonders dezimieren, die eben nicht ausreichend (oder gerecht verteilt) Nahrung und sonstige Ressourcen haben.

Man landet hier leicht bei den Ansichten eines Thomas Robert Malthus. Die Menschen vermehrten sich grundsätzlich schneller als der Vorrat an Nahrungsmitteln zunehmen würde, daher sei es unausweichlich, dass viele dieser Menschen von der Natur aussortiert würden.

Wer möchte dem allen Ernstes heute noch zustimmen? Nein, das Biologismus.

Die Natur kommt als Erklärung also nicht infrage, weil einerseits die Folgen nicht „sinnvoll“ auftreten, während andererseits die (nur theoretisch) „logisch einleuchtenden“ Mechanismen einer „selbstregulierenden“ Natur zurecht verpönt sind – und inzwischen auch widerlegt.

Rötzer gelingt jedoch noch eine zweite geistige Fehlleistung, indem er persönliche Schicksale zugunsten von Gruppen ausblendet. Dabei unterstellt er sogar den Gruppen ohne zwingenden Grund ein Konkurrenzdenken.

Aber was ist daran so schlimm? Dass die Männer im Westen weniger zeugungsfähig werden und daher womöglich die Menschen aus anderen Regionen mehr Nachkommen erzeugen können?

Dass es schlimm ist, wenn in irgendeiner Region der Welt die Unfruchtbarkeit zunimmt und dass es wert ist, das zu untersuchen, darauf sollte man sich doch noch einigen können. Von dem Wissen, warum das geschieht und wie man es verhindern kann, könnte die ganze Menschheit profitieren – ohne irgendein Ausspielen der Hemisphären gegeneinander. Was hätte ein kaum fruchtbarer Mann im Westen auch davon, wenn die Männer woanders ebenfalls nicht mehr Kinder zeugen könnten? Das Problem ist absolut und nicht in Relation zu anderen zu sehen!

Florian Rötzer hat wohl nicht die Eier in der Hose, um frei von „virtue signalling“ zu argumentieren. („Guckt mal, das Schicksal der weißen Männer ist mir egal – ich bin sowas von gut!“) Dass ein Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen wie Hodenkrebs besteht, von dem zunehmend jüngere Männer betroffen sind – wen interessiert das schon?

Er tappt dabei aber leicht in die nächste Falle: Denn Nachwuchs zeugen Männer nicht alleine. Die Frauen, die bei abnehmender männlicher Fruchtbarkeit zunehmend von unfreiwilliger Kinderlosigkeit betroffen werden, hat er anscheinend völlig ausgeblendet. Hier scheint der alte Irrtum des Geschlechterkampfes hervor, so als ob sich Frauen und Männer „gegeneinander“ fortpflanzen und entwickeln würden. Das scheinbare „weiße Männer interessieren mich nicht“ läßt sich leicht zu einem „an die Frauen im Westen hat er wohl gar nicht gedacht“ umbiegen.

Sarkastisch ausgedrückt: Man könnte schnell Geld für die Forschung zustandebringen, indem man die abnehmende Samenanzahl bei Männern als Problem darstellt, das Frauen in ihrer Lebensplanung besonders oder zunehmend betrifft.

Von so etwas wie individueller Freiheit ganz zu schweigen. Bei Kinderlosigkeit im Westen ist freiwillig die entscheidende Qualität.

Aktualisierung: crumar schön in den Kommentaren bei Telepolis: Warum ich glaube, es ist an der Zeit, dass Florian Rötzer abtritt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dummen Artikeln über ernste Themen bin ich immer geneigt, als Blitzableiter einige Kalauer zu reißen. „I am the eggman“ war dann auch das entscheidende Zitat, um dieses Beatles-Lied (mit passend unverständlichem Text) herauszusuchen.

The Beatles‘ Magical Orchestra: „I Am the Walrus“

Movember – wie war es?

Es ist schon einen Monat her, da ging der Movember 2014 los. Laut dem offiziellen Internetauftritt werden nach wie vor Spenden eingesammelt – und, viel wichtiger, es finden sich dort zahlreiche Fakten zur Männergesundheit.

Dieses Jahr wurde zusätzlich ein neues Tabu angesprochen: Die geistige Gesundheit, die ich für ein wichtiges Thema halte – so wichtig, dass ich auch einmal alle Mitglieder des Gesundheitsausschusses anschreiben lasse. (Die Reaktionen dazu muss ich noch dokumentieren. Es kam inzwischen einiges zusammen.)

Auf meinen Aufruf zur Teilnahme am Movember hier in der Blogblase folgte nur ein sehr verhaltenes Echo. Es gab keine weiteren Artikel beim Geschlechterallerlei zu dem Thema – zugegeben, es gab auch ein paar andere Säue, die in dieser Zeit durchs Dorf getrieben wurden und die spektakulärer waren. Immerhin, Neuer Peter wollte mitmachen, und Matze wies in einem Kommentar noch auf ein Spiegel-Interview mit Christoph Waltz hin.

Aber natürlich sollte ich mich zuerst an die eigene Nase fassen und fragen: Was habe ich denn gemacht?

Da ich pseudonym blogge, habe ich mich nicht offiziell registriert, um Spenden einzusammeln, und auch ansonsten den Ball eher flach gehalten. Mir geht Aktivismus auf die Nerven, der nur anderen Leuten ein schlechtes Gewissen macht und wenig mit Wissen und Argumenten unterfüttert wird. Ich wollte nicht hektisch und schrill als der Megaauskenner auftreten, der ich einfach nicht bin, denn es war mein erster Movember. Also habe ich mir bescheidenere Ziele gesetzt, die ich dann auch wirklich vertreten konnte.

Ganz trivial wollte ich zunächst einmal sehen, ob ich das überhaupt einen Monat durchhalte mit dem Schnurrbart oder ob nicht irgendwann ein Punkt kommt, in dem ich mich wieder komplett rasieren muss. Und vor allem: Wie würde das Umfeld reagieren?

Die gute Nachricht lautet: Es war überhaupt kein Problem. Ich lebe in einer so toleranten Gesellschaft, dass sich einen Schnurrbart wachsen lassen keine Sache ist, die irgendwie groß kommentiert, diskutiert, bemängelt wird. (Böse interpretiert: „Ich bin anderen Leuten so etwas von egal!“ oder „Die schauen mich so wenig an; die merken ja noch nicht einmal, wenn ich mir einen Bart wachsen lasse!“)

Die schlechte Nachricht lautet: Das bedeutet natürlich auch, dass solche symbolischen Gesten alleine wenig Anlass für Gespräche bringen. Es muss also schon noch ein wenig mehr passieren – zumindest in meinem Umfeld – um für ein Thema Aufmerksamkeit zu erregen.

Immerhin ergaben sich einige sehr gute Gespräche, die vielleicht, gerade weil sie zwanglos entstanden, sehr locker und entspannt waren und in denen ich einige wesentliche Punkte ansprechen konnte. Natürlich wird man damit am Anfang vor allem Leute erreichen, die ohnehin interessiert an neuen Dingen sind und aufgeschlossen gegenüber Argumenten. Aber wenn man diejenigen mit offenem Geist für ein Thema gewinnt, hat man schon einen wichtigen Teil der Bevölkerung angesprochen. Sich am Anfang einfache Ziele zu setzen, ist ja nicht die schlechteste Idee für Aktivisten.

Das Geschlechterallerlei im Advent

Hier im Blog war es zwischenzeitlich ruhig geworden und nach zwei besseren Monaten im September und Oktober hat sich das im November wieder eingestellt. Selbstverständlich läßt sich darüber streiten, ob mehr unbedingt besser ist. Andererseits (so meine Lesart der Statistiken) bringen neue Artikel deutlich mehr Aufrufe als dasselbe Thema über mehr als einige Tage stehen zu lassen, selbst wenn es ein gutes/beliebtes/vieldiskutiertes ist. Ein guter Artikel, der einen Hinweis bei Genderama wert ist, sorgt für hohe Zugriffszahlen. 2/3 der Aufrufe kommen dann durch die Erwähnung bei Arne Hoffmann.

Trotzdem möchte ich im Dezember noch einmal etwas ausprobieren, auch wenn ich mich nicht vorbereitet habe: Wie wäre es mit einer Art Adventskalender? Versuchen wir doch, ab heute bis zum 24. jeden Tag einen Artikel zu haben, und sei es nur ein Fundstück. Wenn jemand anderes etwas schreibt, umso besser. Wenn ich sehe, dass für den nächsten Tag kein Artikel zur Veröffentlichung geschrieben und eingeplant ist, nehme ich mir die Freiheit, im Verlauf des Tages etwas zu bloggen. Ich habe keine Ahnung, ob der Stoff reicht, aber ich denke da an verschiedene kleinere Fundstücke. Außerdem geht jetzt die Seuche mit den Jahresrückblicken los, das wäre doch einmal ein Anlass, um das positiv zu nutzen und über Themen zu schreiben, die einen besonders geprägt haben in diesem Jahr. (Das wäre sogar eine schöne Blogparade, aber ich will die Erwartungen nicht zu hoch setzen…)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem ganz bekannten Schnurrbart der Popgeschichte. Freddie Mercury ist bärtig in Erinnerung geblieben, auch wenn der Bart gar nicht so lange blieb. Hier ein Song vom Album „Hot Space“, auf dessen Cover er erstmals prominent in Erscheinung tritt.

Queen: Under Pressure

Fundstück: 10 Jahre Genderama

Genderama wird 10 Jahre alt und Arne Hoffmann nutzt die Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass in den angelsächsischen Ländern schon eine Menge männerrechtlicher Aktionen laufen, während hierzulande immer noch lieber diskutiert als gehandelt wird. Ich hatte in meinem letzten regulären Beitrag sozusagen mein Leib- und Magenthema gefunden und mir überlegt, Politiker anzuschreiben.

Gestern hatte Arne Hoffmann noch auf den 3. Wissenschaftlichen Männerkongress hingewiesen und heute einen Bericht als Gastbeitrag veröffentlicht. Beim Durchlesen der 11 Forderungen an die Politik fand ich direkt „mein“ Thema wieder:

„Zwei wesentliche Gründe für die Unterdiagnostizierung von Depression bei Männern sind die Angst vor Stigmatisierung bei den Betroffenen und ein geschlechterbezogener Verzerrungseffekt in der Depressionsdiagnostik zugunsten weiblicher Symptome. Depressivität kann sich bei Männern jedoch auch unter der Tarnkappe von Aggressivität, Suchtmittelmissbrauch, Hyperaktivität oder Risikoverhalten manifestieren.“

Also, Schluss mit dem Zögern – wann, wenn nicht jetzt, und wer, wenn nicht wir? Ich habe daher eine E-Mail aufgesetzt und an sämtliche 37 Mitglieder des Ausschusses für Gesundheit geschrieben:

„Betreff: Depression und Suizidprävention

<Anrede>

am 10. September war der Welttag der Suizidprävention. Wenige Tage davor ist zum selben Thema ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erschienen. (1) Aufmerksamkeit erregte das Thema nur kurz zuvor durch den Selbstmord des Schauspielers Robin Williams. Ihm kann niemand mehr helfen – jedoch gibt es noch viele unbekannte Fälle.

Laut Forschung stehen 90% aller Selbstmorde in Zusammenhang mit einer Depression. Gleichzeitig ist die Selbstmordrate von Männern um ein Vielfaches höher als die von Frauen. (2) Es wird davon ausgegangen, dass Depressionen bei Männern seltener erkannt werden, etwa weil sie andere Symptome aufweisen, und andererseits noch gesellschaftliche Tabus darüber bestehen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. (3) Zwar ist etwa ein spezieller Männergesundheitsbericht mit dem Schwerpunkt auf der psychischen Gesundheit erschienen; dieser ist jedoch – im Gegensatz zum Frauengesundheitsbericht – nicht kostenlos zu beziehen. (4)

Nun mag es auf den ersten Blick der Intuition widersprechen, das Augenmerk verstärkt auf Depression und Suizidprävention bei Männern zu richten. Allerdings betrifft jeder Selbstmord im Schnitt sechs andere Menschen. (5) Ein toter Mann fehlt als Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Freund. Aus volkswirtschaftlicher Sicht geht wertvolle Arbeitskraft verloren, die unter dem Strich ins Gesundheitssystem einzahlt.

Sie sind Mitglied des Ausschusses für Gesundheit. Mich interessiert daher Ihre Meinung zu folgenden Fragen:

Ist ein kostenlos erhältlicher Männergesundheitsbericht ein vernünftiger erster Schritt zu mehr Allgemeinbildung zu den Themen psychische Störungen? (Man kann es auch als Schritt zu Gleichberechtigung sehen, da ein entsprechender Bericht für Frauen wie erwähnt existiert.) Falls ja, wie läßt sich das in die Wege leiten, das heißt, was kann ein einzelner Bürger wie ich dazu beitragen? Falls nein, was wäre Ihr Alternativvorschlag?

Angesichts der erdrückenden Zahlen in der Suizidstatistik: Was sind aus ihrer Sicht geeignete Schritte, um die Problematik speziell bei Männern zu entschärfen? Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, der Erkennung und Behandlung von Depressionen bei Männern mehr Aufmerksamkeit zu widmen?

Mich würde allgemein ihre Ansicht über die Themen Depression und Suizid interessieren. Das sind keine leichte Themen, aber da es um den Unterschied zwischen Leben und Tod geht, auch sehr sinnvolle. Vielleicht ist es für Sie abseits der Tagespolitik interessant, sich dazu zu äußern.

Freundliche Grüße

<Vorname Nachname>

Quellen:
(1) http://docs.dpaq.de/7819-who_world_suicide_report_embargo.pdf
(2) http://gleichmass.wordpress.com/2014/01/31/fachbeiratin-prof-dr-a-moller-leimkuhler-im-interview-uber-mannliche-depression/
(3) http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Psychiatrie-und-Psychotherapie/de/forschung/psysozio/schwerpunkte/gender/index.html
(4) http://www.stiftung-maennergesundheit.de/start/hauptnavigation/projekte/aktuelle-projekte/maennergesundheitsbericht-2013.html
(5) http://www.suizidpraevention-deutschland.de/informationen/kurzinfo-suizid.html

(Ich habe absichtlich keinen Bezug auf den Männerkongress genommen. Als Namen und Adresse habe ich die Daten eines Bekannten verwendet, der sich freundlicherweise damit einverstanden erklärt hat.)

Klar, die E-Mail hätte ich auch an sämtliche Stellvertreter schicken können. Und an die Mitglieder des Ausschusses für Forschung sowie deren Stellvertreter. Und gezielt an die Abgeordneten aus meinem Wahlkreis (wegen Heimatbezug). Und je nach Partei etwas anders formulieren können.

Und ganz ehrlich, natürlich ist das Internetaktivismus. Das wird die Welt nicht ändern. Das wird eine Nachricht unter vielen sein, wenn sie überhaupt durch den Spamfilter geht. Um in der Politik etwas zu erreichen, muss man Lobbyarbeit betreiben oder mit vielen Wählerstimmen sprechen.

Aber andererseits: Vielleicht hat wirklich ein Abgeordneter Interesse, liest sich das durch und antwortet. Und selbst wenn nicht: Dann hätte ich wenigstens ein Skandal-Thema für den nächsten Artikel… in diesem Sinne: Es gibt viel zu tun, packen wir’s an!

Und für all die Besserwisser und Perfektionisten da draußen: Sagt mir, was Ihr geschrieben hättet und an wen Ihr eine E-Mail richten würdet! Dann kann ich wenigstens etwas lernen – und eine Konkurrenz von Ideen soll ja zu besseren Ergebnissen führen.

Warum ich Depressionen für ein wichtiges Männerthema halte

Robin Williams – gut für Aufmerksamkeit

Der Selbstmord von Robin Williams ist einen Monat her. Bisher habe ich (in meiner Filterblase, natürlich) keinen längeren Artikel gelesen, der sich damit befasst und die Zusammenhänge aufzeigt zwischen diesem einzelnen Schicksal, spezifischen Problemen von Männern und den Zielen der Männerrechtsbewegung.

(Das letzte Wort ließe sich ersetzen durch „humanistischen Bewegung“, „Leute, die sich für Gleichberechtigung einsetzen“ oder „Menschen, die sich für alle gleichermaßen engagieren wollen“. Da diese drei Gruppen und ihre Bezeichnungen jedoch kaum auf Widerspruch stoßen dürften, „Männerrechtsbewegung“ hingegen nach wie vor neutral bis negativ konnotiert ist, lohnt es sich am ehesten gerade mit diesem Begriff umzugehen und aufzuzeigen, was die Leute dahinter zur Debatte beizutragen haben.)

Kurz darauf eingegangen ist Wolfgang Wenger ist (gefunden via Genderama). Allerdings weist der Inhalt des Artikels zwei problematische Elemente auf:

Zum einen bekommt ein berühmter Schauspieler die Ehre erwiesen, nachdem er sich umgebracht hat. Zum anderen läßt sich nur erahnen, wie viele namenlose Männer, als Scheidungsopfer oder Trennungsväter, fertig mit der Welt sind, aber auch am Leben – und keine Aufmerksamkeit bekommen, denn es interessiert anscheinend keinen.

Hier kann der verhängnisvolle Werther-Effekt zum Tragen kommen. Die Botschaft lautet dann: Erst mit dem Tod hast Du wieder einen Wert und eine unbedingte Würde, bekommst Mitleid und Anteilnahme zugestanden.

Nichts auf der Welt kann Robin Williams wieder lebendig machen. Wir sollten uns den Lebenden widmen, nicht den Toten.

Das Schicksal Robin Williams‘ kann also nur als Aufhänger dienen, um auf bestimmte Themen hinzuweisen. Da ich mich für Männerrechte interessiere, möchte ich diese Steilvorlage nicht ungenutzt verstreichen lassen, um zu zeigen, dass ich etwas zu sagen habe.

Zum anderen bleibt ein reiner Nachruf zu sehr auf der beschreibenden Ebene. Es reicht doch nicht, zu fragen: Was ist passiert? Die Frage muss lauten: Was ließe sich denn konkret ändern, damit das in anderen Fällen nicht passiert? Es gibt doch genügend andere Menschen, die noch zu retten sind. In diesem Zusammenhang fällt mir immer wieder ein, was Arne Hoffmann im Interview mit MANNdat gesagt hat:

„So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen.“

Selbstmord und Depressionen

Doch zunächst noch ein Schwenk zurück. Vorgestern, am 10. September, war der Welttag der Suizidprävention. Auch darüber habe ich leider hier in der Blogblase nichts gelesen – erst mit meinen Recherchen für passende Verweise zu diesem Artikel bin ich darauf gestoßen.

Gleichmaß e.V. , erst kürzlich mit dem Sonderberaterstatus von der UN versehen, hat sich jedoch rund um dieses Thema außerordentlich verdient gemacht. Der Verein hat unter anderem die Fachbeirätin Prof. Dr. rer. soc. Anne-Marie Möller-Leimkühler, die sich in einem Interview mit dem BR über männliche Depression kurz zusammengefasst so äußerte:

„Unter anderem spricht sie auch das sogenannte Genderparadox an, demzufolge Männern zwar nur halb so oft wie Frauen eine Depression diagnostiziert wird, diese demgegenüber aber eine 3-4 mal so hohe Suzidrate aufweisen. Den durchgeführten Suizid(versuch)en wiederum ging in 90% der Fälle eine nicht diagnostizierte Depression voraus.“ (Anmerkung: Je nachdem, wo man nachschlägt, variieren diese Zahlen etwas. Drastisch sind sie oder oder so.)

Das fasst den Zusammenhang zwischen Selbstmord und Depressionen kurz und knapp zusammen: Nicht jede Depression führt zum Selbstmord (etwa jede sechste), aber Selbstmord hat meistens mit Depressionen zu tun. Und natürlich macht die höhere Selbstmordrate damit Depressionen zu einem Männerthema. Es ist eine Frage von Leben und Tod. Mehr Unterschied kann es nicht machen.

Depressionen bei Männern – ein ignoriertes Thema

Zugegeben, ich habe den WHO-Bericht zur Suizidprävention (PDF, Englisch; gefunden via Flussfänger) nur überflogen. Interessant ist (siehe ab Seite 20), dass Selbstmord bei Männern im Vergleich zu Frauen global fast doppelt so häufig vorkommt, in Europa jedoch sogar viermal so oft. Wenngleich sich Männer überall häufiger selbst töten als Frauen, gibt es also starke regionale Unterschiede – ein Grund mehr, sich dem Phänomen lokal zu widmen!

Die Forschung vermutet, dass bei Männern Depressionen seltener diagnostiziert werden als bei Frauen – was die erwähnte höhere Lebensgefahr bedeutet. Als Erklärungen dienen:

  • Männer ignorieren ihre Gesundheit, gehen später zum Arzt
  • falsches gesellschaftliches Signal: Hilfe in Anspruch nehmen gilt als Schwäche
  • bei gleichem Verhalten gegenüber dem Arzt wird bei Frauen eher auf Depressionen getippt
  • Männer weisen andere Symptome auf, die nicht klassischerweise mit Depressionen in Zusammenhang gebracht werden (Aggressivität, Alkoholmissbrauch)

Aus ganz verschiedenen Gründen – die außerdem zusammen auftreten können – haben Männer also schlechtere Karten, wenn es darum geht, eine Depression zu bewältigen. Denn von alleine kommt man da praktisch nicht mehr heraus; wer das ernsthaft glaubt, hat das Problem nicht verstanden.

Nun mag hinzukommen, dass Männer generell weniger Mitleid (oder Empathie) entgegengebracht wird (so dass das Anzeigen eigener Hilflosigkeit, das bei Depressionen nun wirklich angemessen und auch sehr angebracht wäre, weniger nützt) und/oder dass Männer weniger stark als Opfer wahrgenommen werden (bzw. die Hilfsbereitschaft ihnen gegenüber geringer ist). Ich meine, im Zusammenhang mit dem Konzept des entbehrlichen Mannes („the disposable male“), das mit ein wenig Nachdenken mit der gesamten Menschheitsgeschichte – heutzutage eingeschlossen! – in Einklang gebracht werden kann, so etwas gelesen zu haben, finde aber den Blogartikel und/oder die wissenschaftliche Quelle nicht mehr wieder.

Das wäre aber ohnehin nur das Sahnehäubchen in der Argumentation. Die Angst vor sozialer Isolation, wenn es mal ein Problem gibt, ist wohlbegründet:

„Selbst moderne, emanzipierte Frauen reagieren manchmal verschreckt, wenn ihr Mann wirklich einmal Schwäche zeigt. Therapeuten berichten, dass Frauen erst von ihrem Mann einfordern, Gefühle zu zeigen – und ihn genau dann verlassen, wenn er negative Gefühle, beispielsweise Depressionen, eingesteht. So haben diese Frauen sich das mit der Partnerschaft auf Augenhöhe dann nämlich doch nicht vorgestellt.“

(Das bedeutet allerdings eben nicht, dass man bei psychischen Problem sich niemandem anvertrauen sollte. Im Gegenteil, beim Kampf gegen Depressionen muss im Zweifelsfall alles andere hintenanstehen. Bei der Wahl zwischen einer offiziell intakten Beziehung und dem eigenen Leben sollte die Präferenz klar sein.)

Diesen Tatsachen trägt etwa der Männergesundheitsbericht 2013 Rechnung. Die Stiftung Männergesundheit schreibt dazu:

„Der Bericht zeigt, dass seelische Leiden bei Männern ein Tabu darstellen, woraus sich Defizite in der Diagnostik und Versorgung psychischer Erkrankungen bei Männern ergeben.“

(Die Befürchtung sozialer Stigmatisierung ist der Grund, warum ich pseudonym blogge.)

Hier gibt es im Namen der Gleichberechtigung gleich zwei Felder zu beackern. Offensichtlich ist es erstens für das Überleben vieler Männer wichtig, speziell zu Depressionen und besserer Diagnostik forschen. So etwas wie der Männergesundheitsbericht 2013 scheint genau das richtige zu sein. Warum ist der nicht kostenlos verfügbar? Den Frauengesundheitsbericht (PDF) bekommt man doch schließlich ebenfalls „einfach so“.

Zweitens mag eine vollständige Gleichbehandlung von Mann und Frau zwar Utopie sein, weil sich manche Ansichten und Bewertungen so tief eingebrannt haben, dass man sie nicht mehr wahrnimmt (vgl. „the disposable male“, siehe oben) und sie entsprechend schwer ändern kann. Dies darf aber nicht bedeuten, dass man nicht gesellschaftliche Konventionen aufbricht, die sich im Krisenfall als entscheidende Blockade erweisen. („Reiß Dich zusammen“ – Beschämung, „Wenn ein Mann Probleme hat, soll er selbst sehen, wie er klar kommt.“ – Nichterkennen, dass hier eingegriffen werden muss.) Eine würdige Aufgabe, die auch modernen Männern und Frauen wie schon erwähnt noch viel abverlangt.

Doch selbst wenn einem Männer an sich egal sind oder man annimmt, dass diese im Fall von Depressionen selbst für sich verantwortlich sind (es gehört zu einer psychischen Erkrankung wie einer Depression, dass man diese Verantwortung eben nicht mehr vollständig alleine wahrnehmen kann), gäbe es noch Gründe, sich um Depressionen bei Männer zu sorgen. Zum einen sind Männer volkswirtschaftlich und gesellschaftlich gesehen nützliche Packesel, die viel arbeiten und Geld heranschaffen. Depressionen verhindern genau das. Zum anderen sind von jedem Selbstmord geschätzt sechs weitere Menschen betroffen. Es gehört zur Natur von menschlichen Gemeinschaften, dass die Schicksale ihrer Mitglieder miteinander verwoben sind. (Inwieweit es vor diesem Hintergrund sinnvoll sein kann, ein Geschlecht zu verteufeln oder mit seinen Anliegen komplett zu ignorieren, muss jemand anderes erläutern – ich kann es nicht.)

Depressionen und Selbstmord – kein Schicksal

Es ist schon bedrückend, dass ein Filmthema für einen Hauptdarsteller Realität wurde: Selbstmord taucht mehrfach in Robin Williams‘ Filmen auf – mir wollen alleine spontan drei einfallen. Als erfolgreicher Hollywood-Schauspieler mag er wenig mit unserer Lebensrealität zu tun gehabt haben, doch sein Fall berührt.

Robin Williams‘ Leben endete mit Selbstmord. Er litt an Depressionen, hatte mehrere Scheidungen hinter sich, dadurch Geldsorgen und war daher in seiner Lebensführung stark eingeschränkt. Da der berufliche Erfolg zuletzt ausgeblieben war, hätte er – der großen Karriere zum Trotz – Aufträge annehmen müssen, die ihm nicht gefielen.

Das sind bereits mehrere Antworten auf einmal auf die Frage: Was bringt Männer aus der Spur?

(Klassische Männerthemen wären: Zahlvater, entsorgter Vater, Kuckucksvater, Scheidungsopfer / ansonsten: häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, PTBS zum Beispiel bei Soldaten / von Linksliberalen werden ferner thematisiert: Zwangsheirat, sexuelle Orientierung, Fremdenfeindlichkeit / dazu der „gläserne Boden“: Männer fallen leichter durch alle sozialen Raster, ferner die Vermutung, dass es gerade bei schweren Situationen es weniger Empathie für Männer gibt)

Andererseits muss auch gesagt werden: Nicht jede Krise oder schlechte Situation führt zu Depressionen. Umgekehrt können auch erfolgreiche Menschen Depressionen haben (siehe Robert Enke). Es wäre also falsch, hier eine Art „unentrinnbares Schicksal“ hineinzuinterpretieren. Man darf sich nicht alleine an den negativen Fällen aufhalten. Dazu folgendes Video (gefunden via Iphelgold), von 58:00 bis 1:00:10:

Manfred Lütz: Irre! Das Problem sind die Normalen!

Hier wird noch einmal der Fall Robert Enke angesprochen, aber auch eine sehr wichtige Tatsache: Die meisten Depressionen sind heilbar.

Wenn Depressionen unausweichlich und vorprogrammiert zu Selbstmord führen würden, dann wäre es egal, ob man etwas tut oder nicht. Aber weil dem nicht so ist, kommt es darauf an, zu handeln.

Was tun?

Womit wir wieder bei Arne Hoffmann wären. Als Gleichmaß e.V. Unterstützung für ein Männerhaus von der Politik erhielt, kommentierte er das wie folgt:

„Sobald man seine politischen Aktivitäten nicht darauf beschränkt, in Blogs und Foren miteinander zu plaudern, sind auch Erfolge für Männer möglich.“

Das hatte bei mir gesessen! Der Stachel saß tief.

Was wäre bei diesem Thema eine vernünftige Forderung? Grob beschreibt das etwa
MANNdat:

„Depressionen müssen bei Männern stärker erforscht und besser behandelt werden. Diese Krankheit wird bei Männern häufig nicht als solche erkannt oder sie wird ignoriert, obwohl beispielsweise knapp dreimal so viele Männer wie Frauen Suizid begehen (bei Jugendlichen sind es sogar geschätzt neunmal so viel).“

Vor einigen Monaten hat Lucas Schoppe (wie schon andernorts vorgeschlagen) Politiker angeschrieben. Politischer werden – oder zumindest ein Thema an Politiker herantragen – zeigt, dass einem eine Sache wichtig ist. Wenn das genügend viele machen, kann es irgendwann nicht mehr ignoriert werden. „Das bewegt die Wähler“ ist ein Argument. Vielleicht schade, dass es so laufen muss, aber hey, so weiß man wenigstens, in welche Richtung man arbeiten muss, also nicht über die Art der Lösung klagen.

Was wäre eine Forderung, um sich an Abgeordnete zu wenden? Ganz konkret ein kostenloser Männergesundheitsbericht (vor dem Hintergrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen und der erhöhten Selbstmordrate), etwas weiter gefasst die bessere Forschung – und die Frage nach Maßnahmen, die dafür unternommen werden. Aber vielleicht lohnt sich auch die allgemeine Frage, wofür sich der Abgeordnete angesichts der bedrückenden Statistik (und anlässlich des Welttags der Suizidprävention) einzusetzen gedenkt.

Frage in die Runde: Macht jemand mit?

Oh, und wenn wir schon über Männergesundheit und Aufmerksamkeit erregen sprechen: Wollen wir gemeinsam etwas zum Movember machen? (Noch steht auf dem Internetauftritt nichts, aber woanders gibt es etwa ein lustiges Foto von Thomas Hitzsperger mit Erklärung, worum es geht.) Es ist zwar noch über eineinhalb Monate hin, aber nicht, dass wir das schon wieder verpassen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ein Lied, das sehr gut zum Thema passt.

R.E.M.: Everybody Hurts

Warum eine erfundene Krankheit noch keinen wahren Mann macht.

Seit einiger Zeit brüte ich darüber, was ich als nächstes thematisieren soll. Habe eine Idee, finde sie erst mal gut, nur um sie wenig später wieder zu verwerfen.

Bezüglich Männerrechten gibt es eigentlich wenig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, was nicht schon mindestens einmal gesagt oder geschrieben wurde. Und seien wir ehrlich: die männlichen Männerrechtsbewegten sind einfach viel besser mit der Materie vertraut als ich es auf absehbare Zeit sein werde. Doch nicht mangels Interesse, sondern eher mangels freier Kapazitäten.

Doch ich würde mich gern weiterhin am Geschlechterallerlei beteiligen. Und bei all den vielen Themen über die ich gern schreiben würde, für die mir jedoch die nötige [Recherche-]Zeit fehlt, gibt es etwas, das hier zu thematisieren mich schon länger in den Fingern juckt. Genauer gesagt, seit ich das hier gelesen habe. Dort schreibt Oliver Flesch unter anderem:

AD[H]S gibt es nicht. Oder sagen wir es nicht ganz so krass: Neunundneunzig Prozent der Kinder, denen es diagnostiziert wurde, sind kerngesund.

Er erzählt von einem Jungen, der angeblich AD[H]S hat. Weil: Wenn sich ein Kind nur auf jene Themen konzentrieren kann, die zufällig in sein persönliches Interessensgebiet fallen, dann ist das in Ordnung und ganz normal. Der Autor erzählt, er selbst habe sich als Kind ebenfalls nicht auf die „uninteressanten“ Fächer konzentrieren können. Und er habe es auch gar nicht gewollt.

Das mit dem Wollen ist ein interessanter Aspekt. Viele Menschen, die mit der Materie nicht vertraut sind, erliegen dem Irrglauben, betroffene Kinder seien „ganz normale“ Kinder und müssten etwas einfach nur genug wollen, dann würden sie es auch auf die Reihe bekommen. Doch AD[H]S und die Unfähigkeit, sich auf eine langweilige oder eintönige Sache zu konzentrieren, ist keine Sache des Wollens bzw. des Nicht-Wollens. AD[H]S ist nichts, wofür man sich bewusst entscheidet. Ist ja schön und so weit tatsächlich normal, dass Klein-Oliver null Bock auf langweilige Fächer hatte. Nur ist AD[H]S tatsächlich etwas gänzlich Anderes. Es ist viel komplexer und besteht aus weit mehr als bloßem „sich-nicht-konzentrieren-Können“.

Für mich, ist der Junge, der heute noch glaubt, er hätte AD[H]S, nicht krank. Für mich ist er ein wahrer Mann!

Die erste Frage, welche sich bezüglich des obigen Artikels aufwirft, ist natürlich folgende: Sind weibliche AD[H]S-Betroffene eigentlich auch „wahre Männer“?

Ich gebs zu, der war flach. Da ich selbst einen AD[H]S-betroffenen Sohn habe und derartige Behauptungen von AD[H]S-Verleugnern bzw. -Verharmlosern ziemlich anmaßend finde, hinterließ ich einen Kommentar und überlegte seitdem, ob ich dieses Thema hier bearbeiten soll.

Unschwer zu erkennen: ich entschied mich dafür.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass AD[H]S nach wie vor ein heißes Eisen ist, zumal die Leserschaft hier größer und auch breiter gefächert ist als auf meinem eigenen Blog, wo ich das Thema mehr oder weniger regelmäßig bearbeite.

Ist AD[H]S nun ein Geschlechterthema? Ich sags mal so: Ja und nein. Ja weil immer wieder aus irgendeiner Ecke die Behauptung kommt, es sei ein Mittel, um unbequeme Kinder, vornehmlich Jungs, „ruhig zu stellen“. Ja weil AD[H]S bei Jungs um ein Vielfaches häufiger [und, womit Oliver Flesch ja durchaus ein Stück weit Recht hat, oftmals vorschnell, bei Mädchen dagegen ist es genau umgekehrt] diagnostiziert wird, und nein weil AD[H]S tatsächlich eine Störung des Hirnstoffwechsels ist, die Mädchen ebenso betrifft wie Jungs. Aus irgendwelchen noch nicht vollständig erforschten Gründen ist bei Mädchen die hypoaktive [„Träumerle“], bei Jungs die hyperaktive [„Zappelphillip“] Version stärker vertreten, wobei es natürlich auch verträumte Jungs und hyperaktive Mädchen gibt.

Es wird behauptet, AD[H]S sei eine erfundene Krankheit. Gern wird hierbei eine angebliche Aussage eines gewissen Leon Eisenberg hinzu gezogen, welche er während eines Interviews gemacht haben soll. AD[H]S sei „ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“ und„die genetische Veranlagung für AD[H]S wird vollkommen überschätzt.“ Diese Aussage hat es vor zwei Jahren sogar in den Spiegel geschafft.

Tatsächlich war Leon Eisenberg nur einer von vielen Kinder- und Jugendpsychiatern [und obendrein nicht der erste], die sich mit der Materie beschäftigten. Und tatsächlich hat er AD[H]S nicht erfunden, er hat lediglich Kinder mit Entwicklungsproblemen und ihre Zusammenhänge erforscht.

Irgendwo, ebenfalls in einem Blog, las ich kürzlich, AD[H]S sei ein Instrument üblicherweise überforderter und / oder desinteressierter Eltern, um aufmüpfige, „schwierige“ Jungs mithilfe von sogenannten Drogen „gefügig“ zu machen. Ich finde es jetzt nicht mehr, vielleicht wurde der entsprechende Artikel vom Blogbetreiber gelöscht, nachdem ich einen kritischen Kommentar hinterlassen hatte. Ich weiß es nicht.

Die Frage ist hier wohl: wenn es [Ritalin] dazu missbraucht wird, um Jungs gefügig zu machen, warum wird es dann auch Mädchen verschrieben? Man könnte meinen, dass sich mittlerweile herumgesprochen hat, welche Faktoren sich ursächlich bzw. auslösend auswirken können. Doch scheinbar ist dem nicht so.

Da wären einmal tatsächlich die genetische Disposition, welche nachweislich von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird. Ist dieses Kriterium erfüllt, braucht es noch mehr oder weniger äußere/soziale Einflüsse [Stress/Rauchen/Alkohol während der Schwangerschaft, angespannte familiäre Situation, Trennung der Eltern, emotionale Störung aufgrund des Verlustes einer wichtigen Bezugsperson, etc.] um die Aufmerksamkeitsdefizits[-Hyperaktivitäts]störung „ausbrechen“ zu lassen. Außerdem wurden bei verschiedenen AD[H]S-Betroffenen verkleinerte Hirnregionen festgestellt.

adhs-grafik

Vielerorts wird nach wie vor behauptet, Kinder mit AD[H]S bekämen Ritalin [oder ein anderes Medikament, welches Methylphenidat enthält], um sie ruhig zu stellen. Es werden immer wieder nebulös Behauptungen von angeblichen Todesfällen aufgestellt, doch jedes Mal wenn ich in einem solchen Fall nachhake, wird zurück gerudert oder ausgewichen. Oder aber, das Medikament wurde grob missbräuchlich verwendet. Ich weiß von keinem einzigen Todesfall, welcher durch ärztlich verschriebenes und daraufhin nachweislich korrekt dosiert verabreichtes Methylphenidat verursacht wurde.

Gerne werden, speziell in den Massenmedien, jedoch auch in diversen Blogs, die angeblichen überall vor sich hinvegetierenden Ritalin-Zombies bemüht. Dumm nur, dass ich noch keinem einzigen begegnet bin, und auch niemand den ich kenne, inklusive sämtlicher Kinderärzte bzw. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, bei denen wir bis dato vorstellig waren.Und das hier ist auch nur einer von vielen Fällen, die man getrost unter Missbrauch ablegen kann. Ärzten und Therapeuten kann man bekanntlicherweise  nicht glauben, die werden ja sowieso alle von der Pharmalobby geschmiert. [Wer Ironie findet, darf sie behalten]

Achtung: Ich behaupte NICHT, es gäbe keinen Missbrauch. Doch tatsächlich sind es nicht die Eltern von betroffenen Kindern, die ihnen Ritalin geben um sie auf diese Weise zu gefügigen Junkies zu machen.

Wer Ärzten und Psychologen nicht glaubt, könnte ja auch einfach jemanden fragen, der selbst von AD[H]S betroffen ist, ob und wenn ja auf welche Weise das AD[H]S-Medikament hilft.

Wenn es nicht erfunden ist, was ist dieses AD[H]S dann?

Eine Störung des Hirnstoffwechsels. Aufgrund von beschleunigtem Dopaminabbau können die Zellen nicht richtig kommunizieren, was unter anderem zu verminderter Konzentrationsfähigkeit, motorischer Unruhe und verminderter Impulskontrolle führt.

Und was macht es, wenn man es nicht behandelt?

Bedeutung für den Betroffenen selbst:

– Schwierigkeiten, sich auf „weniger spannende“ Inhalte zu konzentrieren und daraus resultierend die Gefahr, trotz hohem kognitiven Potential unverhältnismäßig schlechte Leistungen abzuliefern. Außer beim „Lieblingsfach“ bzw. „Spezialgebiet“, was mit dem Belohnungszentrum zusammenhängt: Aufgrund der veränderten Dopamin-Wiederaufnahme sind AD[H]S-Betroffene ständig auf der Suche nach einem neuen „Kick“.
– Hohe Gefahr, als Schulabbrecher auf der schiefen Bahn zu landen.
– Häufiges Anecken in Schule, Beruf und Privatleben und als Konsequenz niedriges Selbstwertgefühl bzw. das Gefühl „falsch“ zu sein, nicht richtig zu funktionieren, was wiederum zu Depression und Suizidgedanken führen kann.
– Geringe Frustrationstoleranz führt häufig zu unkontrollierten Wutausbrüchen.
– Unfähigkeit, Freundschaften zu knüpfen bzw. aufrecht zu erhalten.
– Erhöhte Gefahr, von Zigaretten, Alkohol und/oder Drogen abhängig zu werden.
– Erhöhtes Verletzungsrisiko / erhöhte Unfallgefahr.
– Keine Impulskontrolle. „Handelt/spricht, bevor er/sie denkt, ist vorlaut, frech, spricht aus was ihm/ihr gerade in den Sinn kommt, ungeduldig, kann nicht abwarten bis er/sie an der Reihe ist.“

Für das Umfeld des Betroffenen:

– Innerhalb der Familie: Allgemein sehr angespannte Familiensituation aufgrund eines Kindes [oder mehrerer Kinder], welches unverhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit, Zuspruch und Förderung benötigt als ein nicht-betroffenes Kind.
– Konflikte innerhalb der Partnerschaft bezüglich des AD[H]S-betroffenen Kindes bzw. dessen korrekter Erziehung/Behandlung/Förderung. Paare, in denen ein oder mehrere Kinder von AD[H]S betroffen sind, trennen sich ca. 50% häufiger als solche, in denen kein Kind betroffen ist. [Hierfür habe ich leider keine Quellenangabe, da der Psychologe meines Sohnes dies bei einem unserer Termine erzählt hat].
– Geschwister, die sich vernachlässigt oder zumindest hinten angestellt fühlen, weil dem anderen Kind bzw. dessen Besonderheit so viel Beachtung geschenkt wird.

In der Schule: chronisch genervte Lehrer [sofern nicht speziell geschult bzw. auf einer Förder- oder Erziehungshilfeschule] und Mitschüler, da AD[H]S-Kinder nicht nur ständig den Unterricht stören, sondern grundsätzlich Schwierigkeiten haben, Regeln einzuhalten. Sie spielen den Klassenclown oder sind aggressiv und quatschen ständig dazwischen, vergessen Hausaufgaben und Arbeitsmaterial. Hypoaktive ADS-betroffene Kinder sind mit den Gedanken ständig woanders. Zwar stören sie nicht so massiv den Unterricht wie ihre hyperaktiven „Leidensgenossen“, doch sind sie ebenso wenig konzentriert bei der Sache.

– Im Beruf: chronische „Aufschieberitis“, Projekte werden nicht rechtzeitig fertig, was häufig zu Stress mit Vorgesetzten und/oder Chef führt.
– AD[H]S-Betroffene verheddern sich in zu vielen angefangenen Projekten, bis sie schließlich völlig den Überblick verlieren, und bringen nichts zu Ende. Falls doch, gelingt dies nur unter äußerstem Kraftaufwand und mit guter Organisation.
– Häufige Arbeitsplatzwechsel, schlimmstenfalls Arbeitslosigkeit.

Was kann man dagegen unternehmen?

Vorab: Es ist nicht „heilbar“. Es gibt keine Medizin und keine Therapie, die einen Betroffenen ein für allemal von seiner AD[H]S befreit. Es gibt allerdings Mittel und Wege, mit deren Hilfe der Betroffene lernt, sein Leben zu bewältigen, zusammengefasst in der sogenannten „Multimodalen Therapie“.

1. Aufklärung der Eltern
2. Elterntraining
3. Aufklärung des Kindes
4. Verhaltenstraining
5. Medikamentöse Behandlung [normalerweise zeitlich begrenzt und unter ärztlicher Kontrolle]

Hier wird explizit die Behandlung eines betroffenen Kindes erklärt. Warum ist schnell erklärt: Da es für betroffene Erwachsene Psychotherapie bzw. Versorgung im Sinne einer multimodalen Behandlung einfach nicht gibt.

An der medikamentösen Behandlung scheiden sich die Geister. Methylphenidat reguliert die Kommunikation der Gehirnzellen und ermöglicht es dem Betroffenen, sich zeitlich begrenzt auf etwas zu konzentrieren, bei der Sache zu bleiben. Ebenso aktiviert MPH eine Art „Reizfilter“ in dessen Gehirn: der Betroffene ist nicht mehr so leicht ablenkbar und wirkt allgemein „sortierter“. Aufgrund der veränderten chemischen Zusammensetzung löst es keinen „Kick“ aus und macht somit bei korrekter Einnahme nicht süchtig.

Doch ich will nichts beschönigen. Methylphenidat [kurz MPH], ein AmphetaminDerivat, unterliegt nicht grundlos dem Betäubungsmittelgesetz, und entsprechend streng sind die Verschreibungskriterien. Es kann als Droge missbraucht werden, und nicht umsonst wird die Behandlung ausschließlich unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle durchgeführt, denn es können Nebenwirkungen auftreten. Häufig beobachtete Nebenwirkungen sind Appetitlosigkeit und Einschlafstörungen.

Für Eltern von betroffenen Kindern ist die Entscheidung pro/contra MPH gewiss keine Einfache. Ich weiß das, weil ich selbst zwei Jahre gebraucht hab, um den Weg von völliger Ablehnung bis hin zu „naja, alles andere hat ja nicht funktioniert, versuchen wir´s halt mal“ zu gehen. Realistisch betrachtet ist ab einer gewissen Schwere der AD[H]S weder ein gesundes Großwerden des Kindes noch ein normaler Familienalltag mehr möglich. Bei den leichteren Fällen kann man sicher hie und da ohne Zuhilfenahme von  MPH Strategien für das Leben mit AD[H]S lernen.

Wer es bis hierher geschafft hat: Danke für deine Aufmerksamkeit. Ich weiß, ich habe ziemlich weit ausgeholt, und dennoch habe ich das Thema eigentlich nur „angekratzt“. Es gibt so viel mehr, was es darüber zu wissen gibt, und noch mehr, was erst noch erforscht werden muss. Kinder, die davon betroffen sind, haben natürlich nicht nur Nachteile. Sie sind wie andere Kinder liebenswerte kleine Menschen, die neugierig, regelrecht wissensdurstig sind, dazu noch freundlich und hilfsbereit. Sie sind sensibel und ausgesprochen mitfühlend ihren Mitmenschen gegenüber, häufig unangepasst und kritisch hinterfragend. Ein Grund mehr, genauer hinzusehen und vielleicht selbst zu hinterfragen, bevor man einen weiteren von den Massenmedien hingeworfenen Happen einfach so schluckt.

Warum ich pseudonym blogge

Es ging ja schon heiß her beim Geschlechterallerlei. Obwohl das Blog offiziell erst im April so richtig losgeht, gab es bereits die erste Kritik am modus operandi: So wurde mir in der Diskussion zu meinem Artikel über den Männerstreik vorgeworfen, anonym aufzutreten und damit nicht glaubwürdig zu sein. Nun habe ich meinen Standpunkt in der Diskussion dargelegt, aber nachdem Martin Domig alias Flussfänger es noch in einem eigenen Beitrag aufgriff, möchte ich noch einmal „Butter bei die Fische“ geben und Inhalte nennen, die ich mit meinem Klarnamen zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht veröffentlichen möchte, die ich aber doch für wichtig halte.

Die ersten Kommentare, mit denen ich mich in dieser Filterblase bemerkbar machte und den Status des stummen Mitlesers verließ, betrafen den Artikel Männergesundheitsbericht 2013 und psychische Gesundheit.

Die Kernpunkte zusammengefasst:

  • Depressionen sind die wichtigste psychische Erkrankung bei Männern.
  • Depressionen werden bei Männern häufig nicht erkannt und führen zu Selbstmord.
  • Depressionen kollidieren mit den sozialen Anforderungen an einen Mann, so dass mit Ausgrenzung rechnen muss, wer sich zu seiner Krankheit bekennt.
  • Depressionen äußern sich bei Männern anders als man es erwartet, etwa durch Aggression statt durch Traurigkeit.

Ich habe damals als Betroffener bei Alles Evolution einige Punkte genannt, die nach meiner Erfahrung viele Außenstehende nicht erwarten:

„1. Aggression oder Wut sind tatsächlich “das letzte Aufgebot”, was man noch hat. Voran ging bei mir eine Phase, in der ich tief traurig war, was aber nicht akzeptiert wurde (“reiß Dich zusammen”, “wird schon wieder”, “jetzt ist auch mal gut”, “Du darfst Dich nicht beklagen”). Aggressivität äußert sich meist (auch) durch Aktivität und kann leicht als “überengagiertes Durchsetzungsvermögen” missverstanden werden (in Wahrheit ist man nie so wenig bei der Sache wie in dieser Zeit). Hinzu kommt, dass man sich mit aggressivem Auftreten tatsächlich an einigen Stellen im Leben durchsetzt. Das mag einen Sympathien kosten, aber man kann nicht alles haben und wenn man vorher der “gute” Kerl war, der sich selbst immer als “Verlierer” bei gemäßigtem Auftreten wahrgenommen hat, dann ist das pädagogisch eine fatale Lektion. (Das war jetzt alles bezogen aufs Berufsleben.)

Leider wird man gerade im Berufsleben schnell als “schwach” verhöhnt, wenn man zu erkennen gibt, dass es einfach zuviel ist. Da Männer tendenziell eher Vollzeit arbeiten und Berufsleben für sie eine größere Rolle spiel (Versorgerfunktion, egal ob sie akut gefragt ist oder nicht), trifft sie das besonders hart.

2. Es ist einer der Hauptirrtümer der jetzigen Zeit, dass man Depression mit “kraftlos in der Ecke sitzen und weinen” gleichsetzt. Es ist schon viel erreicht, dass man über Depressionen spricht und dass es Männer-Beispiele gibt, die Erfolg hatten (Sebastian Deisler, Robbie Williams).

Nach meiner Erfahrung können Leute mit Depression durchaus lachen, aktiv sein, kreativ sein usw. Es ist eher das Gefühl der Sinnlosigkeit (was die langfristige Zukunft / das eigene Leben angeht) und die Kraftlosigkeit (die meist eher psychische Erschöpfung ist), die eine Depression ausmachen. Depressive scheinen von negativen Ereignissen stärker getroffen zu werden (und eine Äußerung dessen wird bei Männern gerne als “weinerlich”, “sensibel” usw. gebrandmarkt, so dass sie diese Gefühle und Gedanken in Zukunft für sich behalten). Dieser stärkere emotionale Einschlag kann natürlich umgekehrt gerade Kreativität beflügeln (weil man sich einer Sache “ganz hingeben” kann), was dann wiederum zu Ergebnissen führt, mit denen man Leute beeindruckt.

Diese Aktivität und Kreativität macht es insbesondere bei Männern schwer, Depressionen zu erkennen und zu verstehen. Sie kann aber auch gleichzeitig ein wichtiger Weg aus der Depression heraus sein.

3. Es hat wenig Sinn, Leidensvergleiche zwischen Frauern und Männern anzustellen. Das lenkt zu sehr von der eigentlichen Aufgabe ab: Aus der Depression wieder herauszukommen. Letzten Endes können Medikamente und Therapie einen unterstützen, aber den Großteil der Arbeit muss man ohnehin selbst haben. Außerdem kann nichts “positive Erfahrungen im echten Leben” ersetzen.

Bei allem, was geschafft habe, kann ich mir immer sagen, dass ich das eben “wie ein Mann” angepackt habe, weil ich agiert und nicht reagiert habe. Es ist kein Zufall, dass die Popkultur voll von Beispielen ist, in denen ein “sympathischer Außenseiter” irgendwie den Durchbruch schafft – auch gegen Widerstände aus seinem Umfeld.

4. Ich rate jedem Mann mit Depressionen, sich gut zu überlegen, wem er sich anvertraut. Selbst bei guten Freunden oder Familienangehörigen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie das verstehen, weil (wie oben aufgeführt) die bei Männern auftretenden Signale nicht als zu einer Depression gehöhrend wahrgenommen und damit als Krankheitsbild verstanden werden. Andererseits kann ich auch berichten, dass ich in meinem Umfeld genügend Leute habe, die mich verstanden haben oder es im Laufe der Behandlung gelernt haben.

Es gibt eine spezielle männliche Perspektive auf Depressionen und dabei sowohl besondere Hindernisse als auch besondere gute Verhaltensweisen. Da die Anzahl der Selbstmorde bei Männern um ein Vielfaches höher ist als bei Frauen, lohnt es sich, auch ein wenig Zeit auf diese Perspektive zu verwenden.

Was das Weinen angeht: Männer werden darauf trainiert, nicht in der Öffentlichkeit zu weinen. Bei Depressionen denkt man, die Leute würden ständig weinen. Das schlimmste Sympton auf der Skala ist jedoch, wenn man überhaupt nicht mehr weinen kann. Das fällt bei Männern natürlich nicht so schnell auf.

Hier gibt es eine schöne Parallele zum Märchen, in dem die Königstochter ihren Vater “wie das Salz” liebt und er sie daraufhin verstößt. Anschließend wird alles Gold im Königreich zu Salz und die Leute merken, wie wichtig so etwas Bitteres, nur in geringen Maßen Genießbares wie das Salz ist. Ohne es ist alles andere irgendwie fad. Genauso verhält es sich mit dem Weinen.

Noch eine Märchenparallele gefällig? Heinrich, der Diener des Froschkönigs, war so betrübt über die Verwandlung seines Herrn, dass er sich eiserne Bande um sein Herz legen ließ. Als der Eiserne Heinreich dann auf dem Kutschbock sitzt und den erlösten Herrn und seine Frau kutschiert, da kracht es einige Male ganz laut. Erschrocken über das Geräusch, fragt der König, ob die Kutsche zerbrechen würde. Da sagt der treue Diener: Keine Angst, das sind nur die eisernen Bande, die von meinem Herzen fallen. So fühlt es sich an, wenn man aus der Depression wieder herauskommt.“

Es gab auf diese ersten zwei Kommentare direkt eine Reaktion von Robin. Sie erwähnte ihre eigenen Erfahrungen, die sie in dem sehr lesenswerten Artikel „Man ist nur ein Opfer, wenn man in der Ecke sitzt und weint.“ zusammengefasst hat.

Ich antwortete damals: „Mein Eindruck ist scheinbar komplementär: Bei mir als Mann lobt man eigene Aktivität, aber jedes Anzeigen von “das ist mir jetzt zuviel” oder “da fehlt mir die Kraft für” sorgt für Irritationen.“

Unter dem Artikel “Der männliche und der weibliche Defekt” sprach ich es noch einmal an:

„Interessante Sache, die hier in den Kommentaren vor kurzer Zeit schon aufkam. Da schilderten Mann und Frau, wie gegensätzlich mit ihnen umgegangen wird bei Krankheit.

Von einer Frau wird erwartet, dass sie doch bitte das arme Opfer ist. Offensives Umgehen hingegen stößt auf Widerspruch.

Bei einem Mann wird begrüßt, wenn er aktiv ist und Dinge tut. Wenn er jedoch anzeigt, dass eine Situation/Aufgabe für ihn zuviel ist und er sie nicht tun will/kann, wird ihm das übel genommen.

Ich sehe hier deutliche Parallelen. Und gesund(heitsfördernd) ist diese Einstellung offensichtlich nicht.“

Ich habe damals kommentiert, weil ich einfach nicht schweigen wollte und meinte, mit meinen Erfahrungen etwas zu dem Diskurs beitragen zu können, aber pseudonym, weil ich mir andererseits auch bewusst war, wie gefährlich offene Bekenntnisse eines Tages werden können. Diese Lösung ist alles andere als perfekt, ich bin mir ihrer Nachteile bewusst, aber ich kann mir derzeit nichts Besseres vorstellen.

Wenn ich dann noch Fragen lese, wie sie letztens noch durch die Blogblase gingen, sinngemäß warum Männer nicht zu ihren Gefühlen stehen, dann muss eine gute Antwort aus meiner Sicht so lang und ausführlich werden, dass selbst Kommentare an ihre Grenzen stoßen. Darum möchte ich hier bloggen.

Eigentlich sollte das Thema „Eine männliche Sicht auf Depressionen“ mein erster Beitrag fürs Geschlechterallerlei werden. Es ist dann aber so viel geworden, dass ich den Artikel nicht fertig bekam. Da der mir besonders am Herzen lag, habe ich ihn nicht mit Biegen und Brechen heruntergeschrieben, sondern lieber andere Themen zuerst abgehandelt.

Letzten Endes wurde es aber auch zuviel Material für einen Eintrag. Zudem ist es wichtig, ein bestimmtes Maß an Allgemeinwissen voraussetzen zu können. Deswegen kommt also zuerst dieser Text hier zur Einstimmung.

Natürlich kann das wie eine reine Show aus Zitaten und Resteverwertung wirken. Ich denke aber, das alles mal zusammengestellt in einem Artikel ist schon viel wert und kann zum Weiterlesen animieren.

Erzählmirnix ist, man höre und staune, in erster Linie keine humorvolle Comicautorin, sondern Psychologin und Psychotherapeutin. Sie hat eine Reihe von Artikeln zu dem Thema veröffentlicht, zum humorvolle, an denen man dennoch den Ernst des Themas erkennt:

Dann gab es aber noch eine Interviewserie. Daran erkennt man, wie schade es ist, dass in letzter Zeit nur noch Comics erschienen sind (bei den Artikeln kann man sich ja nie sicher sein, ob sie nicht irgendwann gelöscht werden, weil sie nicht mehr gefallen… Erzählmirnix zeigt hier die Mentalität eines Wikipedia-Admins).

Insbesondere das letzte Interview sollte Hoffnung machen und zeigen, dass Depressionen kein ewiges Schicksal sind. Das ist natürlich noch einen eigenen Blogartikel wert… doch schauen wir einmal in die Runde. Da gibt es ja noch mehr Leute mit Depressionen:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Doch selbst da ist die Welt ausnahmsweise mal nicht in Ordnung:

Es gibt viele Lieder, die mir zu dem Thema einfallen, aber am ehesten denke ich Moment an dieses hier. Die Single und das dazugehärige Album waren auch so passend mit Schwarzweißfotos illustriert…

U2: Beautiful Day