Warum ich dieses Interview mit Ulrich Kutschera schauerlich finde

Via Emannzer stieß ich auf ein Interview mit Ulrich Kutschera, das kath.net unter dem Titel Meinungs-Unfreiheit und fehlende Debattenkultur veröffentlicht hat. Nun habe ich selbst ja mehrfach für Meinungsfreiheit und eine bessere Debatte plädiert – dem Titel nach sollte das also genau meine Sache sein. Ich finde das Interview allerdings schauerlich. Die wichtigste Frage ist natürlich, warum.

Stecken wir erst einmal den Rahmen sinnvoll ab: Das wird keine Bewertung der Arbeit Ulrich Kutscheras oder gar sämtlicher seiner Äußerungen sonstwo. Erst geht einzig um dieses Interview. Wir hatten in diesem Blog ja bereits eine Rezension von Ulrich Kutscheras Buch durch djadmoros.

Ferner beurteile ich unter der Annahme, dass korrekt zitiert wird. Wir wissen von anderswo, wie man hervorragend Aussagen aus dem Zusammenhang reißen kann. In diesem Fall gehe ich – bevor ich gegenteilige Informationen bekomme – davon aus, dass dies hier nicht geschehen ist, denn kath.net war ihm wohlwollend, zumindest neutral gesonnen und ich traue Ulrich Kutschera erst einmal zu, dass er solche Aussagen auch so tätigt.

Was nützt es kath.net, so ein Interview zu veröffentlichen? Es ist kompatibel mit einem christlich-konservativem Weltbild („das gute Abendland wird bedroht“). Ein Streit der Weltanschauungen wird insofern vermieden, als Atheismus gar nicht erwähnt wird.

Wenn ich ein Interview mit jemandem lese, der ein Anliegen hat, das ich eventuell sogar teile, frage ich mich: Kann ich „Neutrale“ damit überzeugen? Ist es vorzeigbar? Dieses Interview ist für die schon Bekehrten, nicht für die Zweifelnden oder Suchenden. Es ist der Name Ulrich Kutschera, der zieht – ohne ihn wäre das Interview Standardkost

Wenn ich von Ulrich Kutschera nicht schon vorher gehört hätte, würde ich ihn nach diesem Interview für ziemlich durchgeknallt oder zumindest unseriös halten. Einfacher Test dazu: Das Interview so lesen, als ob es mit „Peter Meier“ geführt worden wäre. Was glaube ich, was Peter Meier wohl für ein Typ ist, nachdem ich nur dieses Interview mit ihm kenne?

Ich kann nachvollziehen, dass ein „early investor“ gegen die Mainstream-Meinung eher jemand ist, der Lust auf Konflikt hat, der seinen Wert durch viele Gegner bemisst, wenig zu verlieren hat, und eventuell auch etwas eitel ist. Das alles würde mich also nicht wundern. Es hätte auch keinen Sinn, von Gender-Studies-Kritikern zu erwarten, dass sie perfekte oder uneigennützige Menschen sind.

Was finde ich also konkret kritisierenswert? Gehen wir das Interview mal wie ein Fehlersuchbild durch:

1. vollstände Ablehnung der Geistes- und Sozialwissenschaften
(siehe Leszeks Kritik an Kutschera)

Das kommt als Thema hier in der Blogblase immer wieder hoch. Ich halte das sowohl in der Sache als auch „strategisch gedacht“ für falsch. Man schart damit vielleicht einen harten Kern um sich, wird aber nicht breite Zustimmung für sich gewinnen können.

2. unbedingte Verknüpfung von Themen: Wer A meint, muss auch bei B zustimmen

Hier wird eine Ablehnung der Gender Studies mit einer bestimmten Einstellung in der Flüchtlingsdebatte verknüpft. Damit verringert man automatisch den Kreis der Leute, die einem zustimmen werden, denn aus A folgt noch lange nicht B.

3. Pessimismus: Die Gesellschaft geht vor die Hunde

Richtig, wenn ich Aufmerksamkeit bekommen möchte, ist es sehr effektiv, mit Zorn und Angst zu arbeiten. Wenn ich allerdings Leute mobilisieren möchte für eine längerfristige Bewegung für etwas, dann muss ich vor allem ein positives Bild verkaufen. Reine Pessimisten haben nur sehr selten die Welt verändert (Pessimisten sagen sogar: noch nie).

4. Pseudo-Weltgewandtheit

Er gibt angeblich einen Blick aus internationaler Perspektive, bedient aber Leidenssehnsucht und Untergangsstimmung in Deutschland. Ich nenne das „fear porn“ – man ergötzt sich an Horrornachrichten.

Umgekehrt scheint er eine äußerst selektive Wahrnehmung zu haben, wenn er die USA über den grünen Klee lobt, was die Streitkultur angeht. So ist doch gerade das „deplatforming“ (man läßt Liberale oder Konservative nicht an Universitäten auftreten – oder gar Komiker, wenn ihr Humor „beleidigend“ ist) dort eine grassierende intellektuelle Seuche.

Ich orientiere mich fast ausschließlich über US-News. Dort finden Sie z. B. nach Terroranschlägen sofort die korrekten Täterbeschreibungen und den Verlauf der Untat.

Das würde, wenn es so wäre, gegen die US-Medien sprechen, denn Täterbeschreibungen und den Verlauf der Tat muss die Polizei erst erstellen bzw. rekonstruieren. Wie oft hieß es nach einem Verbrechen, man habe einen Verdächtigen, welcher dann jedoch freigelassen wurde, da er sich als unschuldig erwies, oder die Spure ginge in Richtung X, was sich später als falsch herausstellte?

5. Widersprüche zur Meinungsfreiheit und Debattenkultur

Er beklagt laut und dramatisch, es gäbe es in Deutschland keine Meinungsfreiheit und gibt sich als Streiter für unbequeme Wahrheiten, knickt aber in einem konkreten Fall selbst ein:

Nachdem mir der Organisator der Studium Generale-Vortragsreihe „Evolution“ mitgeteilt hatte, dass studentische Protestaktionen zu meinem Termin geplant seien, sagte ich ab

„Mit denen diskutiere ich nicht“ ist aber keine gute Haltung, um die eigenen Ansichten zu verbreiten und zu zeigen, dass man die besseren Argumente hat. Es wäre für einen wirklich streitbaren Wissenschaftler eigentlich ein gefundenes Fressen, wenn von jeder Sachkenntnis unbeeinflusste Leute gegen einen protestieren. Die könnte man richtig schön vorführen, sie haben es ja so gewollt!

Gut, bei der Wikipedia gestehe ich zu, dass Argumentieren oft tatsächlich keinen Sinn hat.
Da haben schon mehrere tatsächliche Wissenschaftler bei Artikeln aus ihrem Fachgebiet das Handtuch geworfen, weil da einfach die Masse über „die Wahrheit nach Wikipedia“ abstimmen können und die Meinung eines uninformierten, aber gut vernetzten Menschen mit viel Zeit locker mehr wiegt als die eines Studierten.

6. biologischer Determinismus

Die wirklichen Probleme, die sich bei einem Männer-Überschuss von jungen, paarungsbereiten, zum Gebären unfähigen Variationen-Generatoren in jeder Population ergeben (Destabilisierung bis zu Kollaps), werden unter den Tisch gekehrt. (…) Ein Männerüberschuss, bezogen auf die entsprechende Alters-Kohorte, geht immer primär zu Lasten der Frauen und erhöht die Konkurrenz unter den testosterongesteuerten Herren.

Kutschera will soziale Phänomene alleine durch Biologie vorhersagen. Gut, wenn man schon Sozial- und Geisteswissenschaften vollends ablehnt, was will man auch anderes machen, als mit MINT-Fächern die Welt erklären? Eine Soziologie etwa könnte erklären, wie man mit einem „Männerüberschuss“ umgeht, unter welchen Bedingungen es friedlich bleibt, wie man trotz der daraus resultierenden Chancenlosigkeit vieler Männer beim anderen Geschlecht den Betroffenen eine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft ermöglichen kann usw. Das wäre ein deutlich positiverer Ansatz als „die Welt geht automatisch unter“.

7. Polemik gegen Gegner

Eine Wortwahl wie „naturwissenschaftlich unterbelichtete Ideologen“ wird einige Fans erfreuen, aber Außenstehende und Unentschlossene abschrecken. Eine schlechte Methode, um die eigene Kritik auf eine breite Basis zu stellen.

Umgekehrt werden in der Formulierung die „rechten Nazi-Verbrecher“ im Deutschland der 1930/40er Jahre die rechten Nazi-Verbrecher in Anführungsstriche gesetzt, so als ob das eine Übertreibung wäre und sie nicht rechts, Nazis oder Verbrecher gewesen wären… sehr gruselig.

8. Schlechte Belege

wer nüchterne Fakten benennt, z. B. die Tatsache, dass mindestens 90 % aller Zuwanderer junge Männer aus arabisch/afrikanischen Ländern sind (s. Internet-Bilder), wird in eine „rechtsradikale Ecke“ gestellt.

„Siehe Internet-Bilder“das soll eine Quelle sein, mit der man „nüchterne Fakten“ benennt? Und das von einem Wissenschaftler!

Fazit

Beim Lesen des Interview kamen mir immer wie die zwei abgelutschten Sprüche „Schuster, bleib bei Deinen Leisten!“ und „O si tacuisses, philosophus mansuisses.“ in den Sinn. Eine Kritik an den Gender Studies aus biologischer Sicht ist höchst willkommen. Mit vielem anderen, was Ulrich Kutschera in dem Interview äußert, kann ich jedoch überhaupt nichts anfangen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Den Klassiker von Sam Cooke, in dem der Sänger zugibt, wenig Ahnung von Biologie zu haben, hatte ich schon einmal. Hier ist eine schöne Coverversion:

The Moon Loungers: What a Wonderful World

Fundstück: Leszek kritisiert Ulrich Kutschera

Leszek bietet – mal wieder in den Kommentaren bei Alles Evolution – eine interessante Kritik an Ulrich Kutschera. Ich fasse im folgenden die wesentlichen Inhalte mehrerer Kommentare zusammen. Zuvor seien aber noch die die drei genderkritischen Bücher von Biologen aufgelistet, die Leszek erwähnt, denn unabhängig von Leszeks Kritik an Kutschera sollte sich jeder selbst ein Bild bilden können:

  1. Ulrich Kutschera: Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen. Lit-Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-643-13297-0.
  2. Axel Meyer: Adams Apfel und Evas Erbe : wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer, mit einem Vorwort von Harald Martenstein. München : Bertelsmann 2015, ISBN 978-3-570-10204-6.
  3. Matthias Rahrbach: Warum Frauen eben doch nicht benachteiligt sind. Eine Abrechnung mit dem männerfeindlichen Radikalfeminismus., Verlag Natur und Gesellschaft (Selbstverlag) 2015, ISBN 3-00-050916-X

Zu Ulrich Kutscheras Buch erschien hier im Blog eine Rezension von djadmoros. Ab hier jedoch Leszek:

Ulrich Kutschera ist bestimmt ein guter Evolutionsbiologe und mit seiner Gender-Kritik aus naturwissenschaftlicher Perspektive hat er sicherlich im Wesentlichen Recht.

Aber wieder so ein Schwachkopf, der die Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften pauschal abwertet, von denen er offensichtlich keine Ahnung hat.

So wird das allerdings nichts mit einer gemeinsamen Kooperation gender-kritischer Wissenschaftler über alle Fachgrenzen hinweg, wie sie eigentlich wünschenswert wäre, um die unwissenschaftlichen Gender Studies und das sexistische Gender Mainstreaming wirkungsvoll zu delegitimieren und zurückzudrängen.

Aber gut, ich habe hier [gemeint ist Alles Evolution] ja gelernt: Ein Teil gender-kritischer Naturwissenschaftler oder naturwissenschaftlich Interessierter (Christian [Schmidt] ist von dieser Kritik ausdrücklich ausgenommen) sind hinsichtlich ihrer psychodynamischen Motivation schwerpunktmäßig narzisstisch motiviert, es geht ihnen wesentlich um Selbstaufwertung und Abwertung anderer und nicht wirklich um wissenschaftliche oder politische Anliegen.

(…)

Kutschera sollte m.E. erstmal mehr differenziertes und mehrperspektivisches Denken erlernen, etwas mehr Bescheidenheit entwickeln (wozu gehört nicht lautstark und pauschal wissenschaftliche Disziplinen abzuwerten, von denen er nichts versteht) und ein erwachseneres Sozialverhalten erlernen (wozu u.a. die Erkenntnis gehört, dass wer grundlos gegen andere pöbelt von diesen keine Solidarität zu erwarten hat).

Als Antwort auf die Frage, mit wem innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften Ulrich Kutschera eine Kooperation suchen sollte (die Frage läßt sich verallgemeinern auf „Biologen, die die Gender Studies kritisieren wollen“):

Erstens natürlich mit solchen gender-kritischen Sozialwissenschaftlern/Geisteswissenschaftlern, die bereits vor ihm gender-kritische Texte aus ihren eigenen Fachperspektiven publiziert haben.

Und zweitens wäre es in pragmatischer Hinsicht sehr sinnvoll gewesen, wenn Ulrich Kutschera und Axel Meyer – als die neben Matthias [Rahrbach] einzigen Biologen, die bislang gender-kritische Bücher publiziert haben, denn auch Naturwissenschaftler halten sich mit entsprechender Kritik zurück – Wert darauf gelegt hätten, in einer Art und Weise aufzutreten und ihre Bücher so zu gestalten, dass die naturwissenschaftliche Kritik an Gender Studies und Gender Mainstreaming auch für Geisteswissenschaftler und Sozialwissenschaftler bzw. daran Interessierte interessant, zugänglich und verständlich wird.

Diese Chance haben sie leider vertan. Hätten die beiden ihre Arroganz mal gezügelt und hätten z.B. ihre Bücher von gender-kitischen Sozialwissenschaftlern/Geisteswissenschaftlern Korrektur lesen lassen, dann hätten nicht nur Fehler und Argumentationsschwächen vermieden werden können, die auftreten, sobald sie ihre eigenen Fachgebiete verlassen, sondern ihre Bücher hätten auch auf eine erweiterte Zielgruppe abgestimmt werden können.

So schreiben sie halt nur für die ohnehin Überzeugten.
Der naturwissenschaftliche Narzissmus verhindert also die pragmatische Wirksamkeit. Und das ist ja u.a. das Interessante mit den irrationalen Psychodynamiken – ihre pragmatische Dysfunktionalität.

Da schreiben Naturwissenschaftler endlich mal gender-kritische Bücher und anstatt nun das Naheliegende zu tun – die Kooperation mit Sozialwissenschaftlern/Geisteswissenschaftlern, die ebenfalls aus ihrer eigenen Fachperspektive heraus Gender Studies und Gender Mainstreaming kritisch beurteilen, zu suchen sowie ihr eigenes öffentliches Auftreten und ihre Bücher auch auf Geisteswissenschaftler/Sozialwissenschaftler bzw. daran Interessierte als Zielgruppe abzustimmen, folgen sie lieber unreflektiert unreifen egozentrischen Impulsen. Die eigene naturwissenschaftliche Grandiosität zu betonen und andere wissenschaftliche Disziplinen, mit denen sie sich nicht auskennen, pauschal abzuwerten ist ihnen in motivationaler Hinsicht offenbar wichtiger als der pragmatische Erfolg der Sache, um die es doch eigentlich gehen sollte.
Schon interessant, wenn Leute, die ihre eigene Rationalität so stark hervorheben, gleichzeitig entsprechend irrational agieren. Vielleicht sollten sie sich in psychologischer Hinsicht auch mal ein bißchen mit Psychoanalyse befassen anstatt nur mit evolutionärer Psychologie.

Zum Vorwurf der fehlenden Kritik an den Gender Studies innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften:

Erstens reißen sich auch Naturwissenschaftler nicht gerade darum gender-kritische Texte zu publizieren. Bevor Axel Meyer, Ulrich Kutschera – und Matthias [Rahrbach] nicht zu vergessen – ihre Bücher dazu herausgebracht haben, gab es im deutschsprachigen Raum wissenschaftliche Veröffentlichungen, die Kritik an Gender Studies und Gender Mainstreaming beinhalten, m.W. nur in Schriften jener Geisteswissenschaftler und Sozialwissenschaftler, welche männerrechtliche Anliegen aus humanistischer Perspektive unterstützen.
Das ist dann aber natürlich Kritik speziell aus geisteswissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive und es ist schon sinnvoll dies auch durch Kritik speziell aus naturwissenschaftlicher Perspektive zu ergänzen, nur sollte letztere dann idealerweise auch über den Kreis der ohnehin Überzeugten hinaus vermittelbar sein.

Warum Kritik an den Gender Studies in den Sozialwissenschaften/Geisteswissenschaften bislang nicht häufiger ist, hatten LoMi und ich in der Vergangenheit ja schon einmal speziell am Beispiel der Soziologie versucht zu erklären:

https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/02/17/fundstueck-leszek-zu-der-frage-warum-soziologen-so-selten-gender-studies-kritisieren/

(Siehe auch den ersten Kommentar unter dem Text.)

Um dies zu analysieren – und möglichst zu ändern – braucht es aber auf Kenntnissen beruhende, um Objektivität bemühte und rationale Analysen, das Grandiositätserleben irgendwelcher Naturwissenschaftler ist da weder erkenntnis- noch zielfördernd.

(…)

Warum die Gender Studies meiner Ansicht nach unwissenschaftlich sind und von den Universitäten entfernt werden sollten, hatte ich in der Vergangenheit z.B. hier kurz zusammengefasst:

https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/08/04/gastartikel-leszek-zu-der-frage-ob-gender-studies-unwissenschaftlich-sind/

Dabei versuche ich aber die wesentliche Kritik an Gender Studies und Gender Mainstreaming aus den drei Perspektiven zu verknüpfen, also die geisteswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Gender-Kritik.
Je mehr man alle drei Perspektiven einbezieht, desto stärker, fundierter und umfassender wird potentiell die Kritik und desto eher ist es möglich bezüglich aller drei Bereiche interessierte Personen anzusprechen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Don’t know much biology“ – klar, dass ich angesichts dieser Zeile an dieses Lied denken musste…

Sam Cooke: What A Wonderful World

Warum ich mich über 400.000 Männer und 40.000 Frauen freue

Die Studie des BMFSFJ, Männer-Perspektiven: Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung? (PDF), wurde unlängst bei Genderama zweimal und dann noch heute bei Alles Evolution zum Thema gemacht. Die zitierten Aussagen sind tatsächlich dazu geeignet, Hoffnung zu machen.

Der „engere Kern des Maskulismus“ mache aber nur etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung aus.

Arne Hoffmann kommt dadurch auf ca. 400.000 Männer – und das ist wohlgemerkt nur der harte Kern! Später werden noch 0,1% der Frauen genannt. Also kommen noch einmal 40.000 Frauen hinzu.

Der Fehler der Studie: Man wollte den Maskulismus kleinreden durch solche mageren Prozentangaben, übersah dabei aber, dass dabei immer noch große absolute Zahlen herauskommen. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall, erwähnt in einem CCC-Video (ich meine mit Martin Haase… oder Fefe?). Regierung oder Geheimdienst wollte die Bevölkerung in Sicherheit wiegen mit der Angabe, 99% der Bürger in Deutschland würden ja nicht abgehört. Leider entspricht das noch immer einer komplett abgehörten Großstadt. Auch spätere Korrekturen (99,9% oder 99,99%) ergaben zu hohe Fallzahlen.

Gemeint war: Das sind ganz wenige! In Wahrheit ist das schon eine gefährliche Menge. 1% können sich übers Internet organisieren. Der Effekt für einzelne Versprengte kann sein: Oh, ich bin nicht der einzige.

Letzten Endes stünde auch die allergefälligste Studie vor dem Problem, das Doppeldenk im Weltbild der Auftraggeber zu bedienen: Einerseits gehört dazu „Jeder mit gesundem Menschenverstand ist für uns“, andererseits „Wir werden von Männerhorden bedroht, die uns auf offener Straße guten Tag wünschen.

Diese Männer sähen in der Gleichstellungspolitik nur ein Synonym für die unnötige Frauenförderung.

Das liegt nur daran, dass sie es bis jetzt gewesen ist. Ich würde statt „unnötig“ lieber „einseitig“ verwenden.

Genderstudien – also Studien, die sich mit gesellschaftlichen Rollenbildern von Frauen und Männern auseinandersetzen – würden von dieser Gruppe kategorisch als „pseudowissenschaftlich“ und „ideologisch“ eingestuft.

Herzlichen Glückwunsch, richtig erkannt! Es ist nichts gegen eine echte Geschlechterwissenschaft einzuwenden – sie muss nur wissenschaftichen Ansprüchen genügen, also in diesem Fall die Biologie als Grundlage, nicht als konkurrierende Lehre oder Irrglauben sehen und ohne ideologische Scheuklappen durchs Leben gehen.

Gleichzeitig begreift die Mehrheit der Männer das Thema „Gleichstellung“ symmetrisch: Aus ihrer Sicht muss Gleichstellungspolitik gleichgewichtig die Gleichstellung von Frauen wie die Gleichstellung von Männern in den Blick nehmen. Das verlangt, nicht einfach nur die verschiedenen Themen der Frauen-Gleichstellung auf Männer zu übertragen, zu spiegeln oder „männlich zu deklinieren“, sondern einen eigenen neuen Blick zu entwickeln für die Bedürfnisse und Anliegen von Männern in ihrer Vielfalt heute. So sind 60% der Männer der Auffassung, dass sich Gleichstellungspolitik noch nicht ausreichend mit den Anliegen der Männer befasst.

Beachtlich, dass diese Einstellung so klar gebracht wird. Das ist die Kernüberzeugung von dem, was unter Männerrechten und Maskulismus vertreten wird.

Am häufigsten äußern junge Männer (68 %; besonders stark 26 %) den Wunsch nach einer offensiveren, differenzierten und systematischen Gleichstellungspolitik für Männer. Hier zeigt sich ein Generationeneffekt: Von den älteren zu den jüngeren Altersgruppen steigt der Anteil derer, die eine Gleichstellungspolitik für die Anliegen der Männer fordern, von 47% auf 68 %.

Bonus: Gerade die jüngeren Männer sehen das so. Also kein „alte Männer“-Bashing möglich. Hier ist er, der neue Mann!

Überhaupt, dass sich 60% der Männer gegen Gleichstellung aussprechen, obwohl diese Position in den Massenmedien und dem öffentlichen Diskurs als „rückständig“ oder „nazigleich“ verkauft wird. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass das eine gefällige Studie sein sollte… man kann das zwar noch so drehen, dass plötzlich „60% der Männer rückständige Nazipositionen unterstützen, diese bösen Männer mal wieder“, aber es bleibt doch der Eindruck, dass diese Propagandaschlacht trotz Dauerbeschallung verloren wurde. Im übrigen: So sieht das aus, wenn die eigene Persönlichkeit kein zartes Pflänzchen ist, die sich vom Gerede der Umgebung beliebig formen läßt.

Die gute Nachricht lautet also: Selbst in Veröffentlichung des ideologischen Gegners läßt sich anscheinend nicht mehr verschweigen, dass es auch Leute gibt, die die Welt ganz anders sehen, und einige der Positionen werden sogar korrekt wiedergegeben.

Selbst solche Teilerfolge sind begrüßenswert: Als Erzählmirnix einen eher weniger gelungenen Comic veröffentlichte, führt das laut den Kommentaren bei Alles Evolution dazu, dass überhaupt einmal Leute auf Maskulismus aufmerksam wurden. Die neugierigen, offenen, vielleicht auch ein wenig unzufriedenen, geistig hungrigen Leute sind die, die man zuerst erreichen kann!
Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Egal, was die ganze Studie sagt – von diesen Ausschnitten habe ich gute Laune! Ich lass mir das Leben nicht verdrießen!

Nik Kershaw: I Won’t Let The Sun Go Down On Me

Gastartikel: crumar und die dicken Bretter, zweiter Teil

crumar hat sein Wort gehalten und tatsächlich Teil zwei geschrieben! Die Links habe ich ergänzt.

Ich möchte an meinem historischen Rückblick ansetzen, der im ersten Teil einen Bruchpunkt in *einem* Forum charakterisierte, nämlich den bei „telepolis“ zu einem feministischen Artikel von Birgit Gärtner im Jahr 2010.
Hier wurde die Autorin offensichtlich von der Redaktion wegen der Forenreaktionen gezwungen, den ursprünglichen Test um die gröbsten Falschaussagen zu bereinigen und erneut zu veröffentlichen.

D.h. die „Offensive in der Defensive“ – nämlich engagiert aus der Sicht des Lesers zu kritisieren – hatte Früchte getragen, auch weil „heise“ von seiner liberalen Moderationspraxis nicht abließ (ausdrücklich hervorgehoben).

Zwei Jahre später, also 2012 gab es zwei Ereignisse, die ich als Dammbruch charakterisieren würde und die fast zeitgleich erfolgten:

Am 12.4. erschien „Das verteufelte Geschlecht“ von Christoph Kucklick in der „Zeit“ und lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die *eigentlichen* gesellschaftlichen und historischen Gründe für die Entstehung *gesellschaftlich akzeptierter* Männerfeindlichkeit:

Der Feminismus hat die Ideologie der bösen Männlichkeit nicht erfunden, er hat diese nur für eigene Zwecke genutzt und oft sogar richtige und politisch segensreiche Schlüsse daraus gezogen.
Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden, seither schreiten beide, Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie.
Das Unbehagen an der Moderne wurde zum Unbehagen am Mann.
Und umgekehrt.

http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner/seite-2

Der Lerneffekt: Wer den feministischen Begriff der „toxic masculinity“ bekämpfen will, indem er den Feminismus bekämpft, betreibt ein Art Schattenboxen.
Der Artikel ist in Gänze lesenswert! Sein Buch „Das unmoralische Geschlecht“ (quasi als Antwort auf „Das moralische Geschlecht“ von Lieselotte Steinbrügge geschrieben) wird bereits als Klassiker der Männerbewegung angesehen.
Da es sich um eine gekürzte Fassung seiner Promotion handelt, die nicht einfach zu lesen ist, empfehle ich eine Zusammenfassung in mehreren Teilen von Lucas Schoppe:

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht.
Teil 1: Warum Männerfeindschaft modern ist
Teil 2: Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit
Teil 3: Politik und Kinderfeindschaft
Teil 4: Zeit für neue Lieder

Am 18.4. erschien beim „Spiegelfechter“ die „Eckpfeiler einer linken Männerpolitik“ von Arne Hoffmann und hier sind die Eckpunkte weniger wichtig, als herauszustellen, dass nach satten 1234 Kommentaren in drei Wochen das Forum geschlossen werden musste.
Eine solche Resonanz auf einen Beitrag eines ausgewiesenen Männerrechtlers hatte es bisher nicht gegeben.
Ebenso wenig die Möglichkeit, auf einem Blog zu veröffentlichen, von dem bekannt ist, der Autor schreibt in und für die „Nachdenkseiten„, einem im linken sozialdemokratischen Spektrum verortbaren Blog.

Nachdem sich Arne Hoffmann mit „Genderama“ zudem als „Blog des linken Flügels der antisexistischen Männerbewegung (Maskulismus)“ positionierte, waren sämtliche Versuche, die Männerechtsbewegung als „rechts“ zu denunzieren und auszugrenzen lächerlich geworden.
Endgültig mit Erscheinen von „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ 2014, einem absoluten Klassiker des linken Flügels der Männerrechtsbewegung. Nichtsdestotrotz gibt sich das Wikipedia-Geschwader von Fälschern, namentlich Fiona und nico b., natürlich noch immer Mühe seinen Eintrag „korrekt“ zu redigieren (ihn also als „rechts“ anzuschmieren).

Nachdem ich diese beiden Männer vorgestellt habe, ist es wichtig, sich deren akademischen Werdegang anzusehen: Christoph Kucklick studierte Politikwissenschaften und Soziologie in Hamburg, Arne Hoffmann Medienwissenschaften in Mainz.
Damit kann übergeletet werden zur politischen Forderung, die Geisteswissenschaften abzuschaffen: Ich halte diese Forderung für falsch.
Sie ist nicht nur falsch, weil die besten Kritiker des Feminismus und Genderismus offensichtlich selber Geisteswissenschaftler sind und diese Forderung auf ihre Selbstabschaffung hinauslaufen würde.

Sondern weil sich in der hier gestellten Frage, ein grober politischer Fehler, nämlich aus einem Gefühl von OHNMACHT abgeleitete Politik verbirgt:

Wie viele Geisteswissenschaftler gibt es denn, die man von feminismuskritischen Positionen oder gar von männerrechtlichen Positionen überzeugen könnte? Nach meiner Einschätzung sind das nicht viele.

Zunächst eröffnet Siggi eine m.E. falsche Frontstellung, nämlich WIR gegen „die Geisteswissenschaften“, die nicht existiert – siehe eben Arne Hoffmann und Christoph Kucklick.
Aber weil ein Gefühl der Ohnmacht ihm sagt, dass Geisteswissenschaftler per se nicht von unseren Argumenten zu überzeugen sind, muss eben „die Geisteswissenschaft“ sterben.

Das klingt zunächst einmal radikal, im Kern steht jedoch entweder das Eingeständnis der Ohnmacht, andere mit Argumenten nicht überzeugen zu können, weil diese ideologisch verbohrt sind oder das Eingeständnis unserer Schwäche, weil wir argumentativ nicht gut genug sind.

Da ich selbstbewusst genug bin zu behaupten, letzteres trifft nicht zu, läuft seine Forderung darauf hinaus, allen Geisteswissenschaften pauschal zu unterstellen, es handle sich um männerfeindliche, feministische Ideologieproduzenten.
Den Beweis für eine solche Behauptung kann jedoch nicht erbracht werden.

Nur weil sich eine feministische Bürokratie aus den Geisteswissenschaften rekrutiert, kann man nicht alle Geisteswissenschaften in Sippenhaft nehmen und kollektiv bestrafen.
Darauf läuft der Vorschlag aber hinaus und allein deshalb finde ich ihn grenzwertig.
Wenn man „die Feministische Infrastruktur und den Staatsfeminismus“ in seiner Macht beschränken willst, dann sollte DAS ein Thema sein.
Mitm erklärt hier, was wir darunter verstehen: maninthmiddle.blogspot.de/p/staatsfeminismus.html

Anders verhält es sich bei den „gender studies“, aber aus anderen, guten Gründen anders.
Leszek (ein Sozialwissenschaftler, übrigens) schrieb auf „Alles Evolution“ im Rahmen einer Antwort auf die Vorschläge:

Innerhalb der Geschlechter-Soziologie dominieren heute leider die Gender Studies. Ich bin allgemein dafür die Gender Studies einer gründlichen Evaluation zu unterziehen und dann alle Personen rauszuwerfen, die nicht wissenschaftlich arbeiten – wobei ich vermute, dass dann wenig von den Gender Studies übrigbliebe.

D.h. Leszek kritisiert die Unwissenschaftlichkeit der „gender studies“, die also (sozial/geistes-) wissenschaftlichen Standards nicht genügen.
Eine Wissenschaft zu kritisieren, bloß weil sie eine andere, von uns nicht gewünschte Positionen vertreten ist nicht ausreichend.
Sie aus diesen Gründen abschaffen zu wollen, wäre haargenau das, was wir unseren politischen Gegnern vorwerfen: Zensur und Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft.

Ich werfe Siggi nicht vor, dass er solche Auffassungen selber hat, sondern für die „radikalen Forderungen“, die Siggi präsentiert sehe ich andere Ursachen, die Leszek ebenfalls (kritisch) anführt:

Es ist m.E. recht offensichtlich, was der wesentliche Grund dafür ist, dass die Männerrechtsbewegung nicht schneller vorankommt: weil sie vor allem eine Internetbewegung darstellt und außerhalb des Netzes kaum in Erscheinung tritt.

Die Männerrechtsbewegung tut bislang das nicht, was jede andere soziale Bewegung auch tun musste um erfolgreich zu sein, nämlich auch im öffentlichen Raum als konstruktive soziale Bewegung in Erscheinung treten und gewaltfreie Aktionen durchführen. (…)

Solange Männerrechtler keine gewaltfreien Aktionen durchführen, wird sich der Fortschritt für die Männerrechtsbewegung eben langsamer vollziehen als es eigentlich möglich wäre.

https://allesevolution.wordpress.com/2017/02/08/es-wird-zeit-fuer-plakative-forderungen-fuer-extrempositionen-die-nur-im-indirektem-zusammenhang-mit-jungen-und-maennerrechten-stehen/#comment-279970

Ich sehe die Forderungen vor dem Hintergrund, dass wir uns in einer politischen Internetbewegung befinden, die alle Kennzeichen einer gefährlichen Filterblase hat.
Vor allem, sich und uns selbst ins Nirwana zu radikalisieren.
Seit 2012 (länger sind die meisten nicht tätig) geht es rasant aufwärts mit männerrechtlichen/maskulistischen Blogs, mit Kommentaren mit youtube-Videos usw., aber der Internet-Aktivismus springt nicht auf das echte Leben über.
Der Fehler ist m.E. angesichts dieser Rasanz der Entwicklung im Internet ungeduldig zu werden, weil man die Internetbewegung mit einer wirklichen politischen Bewegung verwechselt.
Das sind wir aber (noch) nicht.
Es würde helfen, wenn wir uns das eingestehen, geduldig bleiben, weiter männerfeindliche Scheiße fressen und dicke Bretter bohren (am Ende werden wir natürlich sowieso siegen).
Und irgendwann mal den Arsch hoch bekommen – „Komm ins Offene, Freund!“ 😉

Ende Teil 2

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass mich crumar daran erinnern muss…

Peter Licht: Wir werden siegen

Wie Simone Schmollack „Genderbashing“ basht

Simone Schmollack versucht heute in der taz Kritik an Gender-Mainstreaming und Gender Studies wieder einmal in die rechte Ecke zu stellen. Dabei behauptet sie unter dem Titel „Die Stunde der Phobiker“:

Kritik an der Genderforschung ist unter Konservativen in Mode. Sie wird auch benutzt, um Errungenschaften der Moderne in Frage zu stellen. […]

Seit der Rechtspopulismus zum Mainstream avanciert ist, ist Gender-Bashing groß in Mode. GleichstellungsphobikerInnen fühlen sich im Aufwind: Jetzt wird mal so richtig aufgeräumt mit dem ganzen Genderquatsch. Beatrix von Storch zum Beispiel. Die Vizechefin der AfD lässt nahezu keine Gelegenheit aus, gegen Gender-Mainstreaming zu Felde zu ziehen. Das sei eine „politische Geschlechtsumwandlung“, ziele auf die „Dekonstruktion der Geschlechter“ und diskriminiere Jungs und Männer. […]

Alles, was auch nur den Anstrich von „Gender“ hat, wird abgelehnt und verächtlich gemacht, den universitären Gender-Studies wird der wissenschaftliche Charakter abgesprochen und ideologische Voreingenommenheit unterstellt: Das Forschungsfeld sei überflüssige Frauenförderung, weil Frauen längst gleichgestellt seien.

Man muss schon taub und blind sein, um zu leugnen, dass Frauen vielfach schlechter bezahlt werden als Männer und vielfach eine miserable Rente kriegen. Dass es weniger Chefinnen als Chefs gibt, dass Teilzeitjobs vorrangig von Frauen ausgefüllt werden. Dass alltäglicher Sexismus insbesondere Frauen trifft. Macht nichts – die Gender-KritikerInnen fordern trotzdem, dass jetzt endlich mal die Männer in den politischen und wissenschaftlichen Fokus gehörten. […]

Aber: Männerforschung gibt es längst. Es gibt den Männergesundheitsbericht, Männerkongresse, Vätergruppen, Männertreffs. Familienförderung konzentriert sich seit Jahren gleichermaßen auf Frauen und Männer. Stichworte dafür sind: Vätermonate und Teilzeit auch für Chefs. Debatten kreisen um unterschiedliche männliche Lebensentwürfe jenseits traditioneller Heldenrollen. Das ignorieren Gender-KritikerInnen allerdings nicht nur, es ist ihnen vielmehr ein Dorn im Auge. Sie wollen vielmehr zurück zu einem konservativen Familienbegriff, der den Geschlechtern klare Rollen zuweist: Frau an den Herd, Mann raus in die Welt.

Nicht zufällig kommen viele Gender-KritikerInnen aus einem christlich-fundamentalen Lager, das Familie als die „Keimzelle“ der Gesellschaft als Gemeinschaft aus Vater, Mutter, Kind(ern) sieht. Homosexualität, Eingetragene Partnerschaft und Adoptionsrecht für Homosexuelle werden ebenso abgelehnt wie Abtreibung und Sexualerziehung in der Schule. […]

Und in jüngster Zeit veröffentlichen konservative Medien Texte, die ausführlich Gewalt gegen Männer thematisieren. Ja, es gibt Frauen, die ihre Partner schlagen. Und ja, es gibt Männer, die sich nicht wehren können. Das ist ein Problem. Das löst man aber nicht, indem man Gewalt gegen Gewalt aufrechnet und Männer zu Opfern macht. Man löst es auch nicht, indem man all die Gewalt dem Gender-Mainstreaming zuschreibt.

Das Problem löst man, in dem man Gender-Forscherinnen in Ruhe arbeiten lässt und ihre Ergebnisse ernst nimmt.

Das einzig positive im Artikel ist der Satz:

In der FAZ ist ein Text über die erstarkende Männerrechtsbewegung überschrieben mit „Das vernachlässigte Geschlecht“.

Aber holla: Das ist doch mal eine gute Nachricht, wenn selbst Simone Schmollack konstatieren muss, dass unsere Bewegung am Erstarken ist!

Ich habe dazu einen längeren Kommentar geschrieben, der noch nicht freigeschaltet ist, aber vorsorglich werde diesen auch gleich hier veröffentlichen:

Der übliche Artikel nach dem Motto: Männer, haltet einfach die Schnauze und überlasst die Geschlechterpolitik weiter nur den Frauen, speziell natürlich den Feministinnen!

Auch ansonsten dient der Artikel mehr der Vernebelung als der Aufklärung. Bei Gender-Mainstreaming geht es mitnichten nur um ein wenig Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit, sondern um die Desavouierung von männlichem Verhalten als solches. Nicht umsonst geistern da Konzepte von „Toxic Masculinity“ und „Rape Culture“ umher, und die Existenz eines Patriarchats wird nicht hinterfragt, sondern schicht vorausgesetzt.

Grundlage der Gender Studies ist das Dogma des weißen Blattes, die Behauptung, jegliches unterschiedliches Verhalten zwischen Männern und Frauen sei durch Erziehung und Sozialisation erlernt und gesellschaftlich konstruiert, während der mögliche Einfluss von Genen und Hormonen auf das Verhalten komplett geleugnet wird. Diese Annahme ist absolut konstitutiv für den Genderfeminismus, denn andernfalls müsste man zugeben, dass Männer eben nicht so einfach umzuerziehen sind, so dass sie frauenkompatibler werden, was ja letzten Endes das Ziel, zumindest eines der Ziele von Gender-Mainstreaming und Gender Studies ist. Allerdings verweigern sich die Gender Studies seit Jahren beharrlich einer neutralen Evaluation. Kein Wunder, denn dann müsste der nackte Kaiser ja seine Kleider vorzeigen.

Und natürlich müssen Kritiker wieder ins rechte Lager gesteckt werden. Nur: Der derzeit wichtigste Kritiker, Prof. Ulrich Kutschera, ist Atheist und im Beirat der säkularen Giordano-Bruno-Stiftung, also so ziemlich das genaue Gegenteil von klerikal-konservativ.

Auch andere Männerverbände ordnen sich ganz sicher nicht rechts ein, aber die Autorin muss natürlich das Menetekel Polen an die Wand malen, das ganz sicher kommen würde, wenn man tatsächlich mal Männer zu Wort kommen ließe in der Geschlechterpolitik.

Im Gegenteil, bis auf ganz wenige krude Gestalten ganz rechts hat heute kein Mann mehr etwas gegen Gleichberechtigung und flexible Rollenmodelle. Wenn sie denn flexibel bleiben und nicht das alte bisher vorherrschende Modell durch einen neuen Zwang ersetzt wird. Nur, da sollten auch die Frauen mal ihrer Privilegien bewusst werden. Wenn diese im Arbeitsleben noch teilweise bei den Männern liegen, liegen sie im Privaten, im Bereich von Familie und Kindern eindeutig auf Seiten der Frauen. Männer haben nicht dasselbe Reproduktionsrecht, Männer dürfen immer noch nicht wissen, ob die Kinder wirklich ihre eigenen sind. 90% aller Kinder werden nach der Scheidung der Frau zugesprochen, und wenn Mann Pech hat und Frau es will, sieht er sie nie wieder, muss aber trotzdem weiter Unterhalt für sie zahlen. Es geht nicht nur um ein wenig Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie die Autorin suggeriert. Es geht ganz massiv um Rechte, die Männern von Frauen vorenthalten werden.

Es soll also wieder das Eintreten für Männerrechte als „rechts“ diffamiert werden. Aber wenn sich das linke Lager nach Jahrzehnten des einseitigen Blicks auf die Bedürfnisse von Frauen nicht langsam auch mal wieder denen der Männer zuwendet, werden diese vermehrt rechts wählen. Und das will ich nicht!

Nachtrag

Noch ein Nachtrag zum meinem Kommentar: Die Autorin stellt es so dar, als ob der Vorwurf von Beatrix von Storch, bei Gender werde „Dekonstruktion der Geschlechter“ betrieben, absurd sei. Und ich dachte immer, genau das sei ein wesentlicher Inhalt von Gender Studies. Was sagen denn die Genderforscherinnen dazu?

Außerdem: Wenn die Autorin behauptet „Aber: Männerforschung gibt es längst. Es gibt den Männergesundheitsbericht, Männerkongresse, Vätergruppen, Männertreffs.“, dann vergisst sie zu erwähnen, das diese Projekte auf Männerseite so gut wie immer ehrenamtlich von quasi Hobbyisten auf die Beine gestellt werden, während die entsprechenden Projekte auf Frauenseite sich üppiger staatlicher Alimentierung erfreuen dürfen.

Update von 21:00 Uhr:

Nachdem von meinem dreiteiligen Kommentar nur der dritte Teil („Nachtrag“) akzeptiert wurde, und dies auch schon zehn Stunden her ist, gehe ich davon aus, dass die ersten beiden Teile nicht mehr freigeschaltet werden.

Fundstück: Besprechung von Nina Degeles „Gender/Queer Studies“

In der Debatte um die (Un-)Wissenschaftlichkeit der Gender Studies wurden auch enführende Bücher erwähnt, weil sie von Leszek als Maßstab für die Beurteilung einer Disziplin herangezogen wurden. Unter anderem kam dabei „Gender/Queer Studies“ von Nina Degele vor. Leszek hat inzwischen angekündigt, dieses Buch ein weiteres Mal zu lesen, um die Diskussion zu vertiefen.

Passenderweise habe ich eine Besprechung durch „cis scum“ (aufkreisch) gefunden, ursprünglich ein Kommentar bei Alles Evolution unter dem Artikel „Warum es wichtig ist, mal ein Buch der anderen Seite zu lesen“. Ab hier der Original-Wortlaut des Kommentars:

Das letzte Buch das ich gelesen habe – von Bücher zu speziellen Fachthemen aus feministischer Perspektive abgesehen – war „Gender/Queer Studies“ von Nina Degele. Ich habe es mir gekauft, weil es als Einführungswerk für Studenten der “Gender Studies” beworben wird.

Zunächst muss ich die Autorin loben. Auf nur 150 Seiten stellt sie eine Systematik vor, die es Studenten ermöglichen soll, verschiedene Ansätze und Autoren aus der „Frauenforschung“ (und angrenzender oder sich daraus entwickelnder Bereiche) der letzten Jahrzehnte historisch und methodisch einzuordnen. Sie unterscheidet zwischen drei Strömungen: „strukturorientierte Gesellschaftskritik“, „interaktionistischer Rekonstruktivismus“ und „diskurstheoretischer Dekonstruktivismus“. Sie ordnet verschiedenen Autoren (Butler, etc.) den jeweiligen Strömungen zu, jedoch nicht ohne zu betonen, dass die Einteilung teilweise künstlich, alles andere als eindeutig ist. Mir fehlt das nötige Hintergrundwissen, um beurteilen zu können, ob die so kategorisierten Autoren mit einer solchen Systematik einverstanden wären oder nicht. Auf mich persönlich macht es einen sehr hilfreichen Eindruck. Die Unterteilung und weitere Verfeinerungen davon, die sie in den Unterkapiteln gibt, scheinen wirklich hilfreich zu sein, um die Meinungsvielfalt im feministischen Spektrum zu verstehen.

Meine Vorurteile über das Fach hat sie allerdings nur bestätigt. Hervorgegangen sind diese Fachbereiche (gender studies/queer studies) letztlich aus bestimmen politischen oder moralischen Bewegungen. Sie haben sich dann wild Ansätze aus der Philosophie, Literaturwissenschaft und anderen Fachbereichen zusammengeklaut, um diesen moralischen und politischen Forderungen den Anschein einer wissenschaftlichen Basis zu geben. Die Auswahl finde ich aus zwei Gründen merkwürdig.

Erstens haben die Ansätze in den entsprechenden Fachwissenschaften häufig einen eher fragwürdigen Ruf. Man kann zum Beispiel ohne Probleme Professor für Philosophie werden, ohne sich jemals auch nur oberflächlich mit Derrida (oder auch Butler) beschäftigt zu haben. Und die, die sich damit beschäftigt haben, behandeln ihn vielfach als abschreckendes Beispiel. Aber innerhalb der „gender studies“ genießen solche Autoren dann Kultstatus.

Zweitens ist der Hintergrund der Autoren merkwürdig. Wenn sie über Männlichkeit und Weiblichkeit reflektieren wollen, warum greifen sie nicht auf die normalen Methoden der empirischen Wissenschaften zurück, sondern instrumentalisieren so viele fachfremde Autoren wie Philosophen und Literaturwissenschaftler?

Was innerhalb der „gender studies“ unter Interdisziplinarität verstanden wird, ist sehr verstörend. Es diskutieren hier nicht ausgebildete Soziologen, Ökonomen, Philosophen, Literaturwissenschaftler, Theologen und Naturwissenschaftler aus ihrer jeweils eigenen Perspektive, deren Grundlage und Systematik sie beherrschen, über ein Thema. Stattdessen bedienen sich „Gender studies“-Studenten ausgewählter, umstrittener, fachfremder Methoden, deren Grundlagen und Systematik sie nicht verstehen können, da sie nicht Teil ihres curriculum sind. Was soll das? Warum studieren sie nicht erst mal ein Fach richtig und systematisch und wenden dann die dort erlernten Methode auf das Gebiet ‚gender‘ an?

Immerhin gesteht Degele ein, dass die aufgegriffenen Ansätze sich auch noch gegenseitig widersprechen und ein wirres Nebeneinander besteht. Sie will aber Wege aufzeigen, wie man diese Ansätze als sich gegenseitig ergänzende Methoden der „gender/queer studies“ begreifen kann. Ein Ansinnen, dessen Motivation sie zwar skizziert – inhaltlich überzeugend finde ich das aber nicht. Es ist schon sehr entlarvend, dass sie in einem Einführungswerk für Studenten eine sehr eigene Perspektive bewirbt. Es verdeutlicht, wie wenig man es mit einer “Normalwissenschaft” zu tun hat. Im Vordergrund stehen moralische oder politische Anliegen und dann basteln sie sich eine Theorie drumherum, wie es gerade passt. (Da finde ich dann Autoren wie Riki Wilchins ehrlicher. In ihrer Einführung zur „Gender Theory“ gesteht sie gleich im Vorwort ein, was für sie daran so toll ist: „praktische Lebenshilfe“, ein „Werkzeugkasten“, der es ihr „ermöglicht, die Welt in den Griff zu bekommen“. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen.)

In den letzten 100 Seiten des Buches stehen dann nicht mehr die Methoden und abstrakte Diskurse im Vordergrund. Andere Autoren, nicht Degele selbst, diskutieren, wieso verschiedene “Frauenforscher” zu konkreten Einzelthemen (Pornographie, Sexarbeit, usw.) zu so unterschiedlichen Einschätzungen kamen. Anhand der im ersten Teil vorgestellten Systematik und Historie sollen die Studenten nachvollziehen, wie es dazu kaum. Reichlich verstörend finde ich, wie sehr einzelne Autoren dabei ihre eigene, meist moralisch motivierte, Sichtweise betonen und dem Studenten nahelegen. Es sollte doch primär darum gehen, für die Studenten die Methodik hinter den jeweiligen Argumenten verständlich zu machen – und nicht schon mittels pejorativen Wortwahl und unsachlicher Darstellungen der Gegenposition für die eigene Sichtweise zu werben. Von Autoren, die politischen Aktivismus und Wissenschaft schon aus Prinzip nicht auseinanderhalten wollen, kann man wohl auch keine Fairness im Umgang mit Fachkollegen erwarten.

Nachtrag: „man in the middle“ erwähnte als Antwort auf den Kommentarunter anderem seine Liste über einführende Lehrbücher in die Gender Studies. Er verwendete sie ebenfalls kürzlich in seiner Begründung dafür, warum die Gender Studies unwissenschaftlich sind.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Don’t judge a book by its cover“ – „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Titelbild“ – das ist doch ein gutes Motto für eine Diskussion um Bücher.

ABC: The Look of Love

Gastartikel: Leszek darüber, wie Vertreter der Gender Studies mit Kritik umgehen

Erneut bringt Leszek einen so ausgewogenen und ausführlichen Kommentar, dass ich ihn zum Gastartikel umfunktioniere. Das mag kurzfristig die Diskussion zerfasern, langfristig sind gute Texte leichter wieder auffindbar. Ab hier Leszek; ich habe einzig die Links beschriftet:

Hier noch ein Hinweis auf ein Buch von Vertretern der Gender Studies, das als Reaktion auf Kritik an den Gender Studies veröffentlicht wurde und ein paar kurze Hinweise darauf, wie Vertreter der Gender Studies meiner Erfahrung nach mit Kritik umgehen:

Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Herausgeber): Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen

(Es ist möglich bei Amazon ein bißchen in das Buch reinzulesen.)

Natürlich laufen die Kapitel in dem Buch wesentlich darauf hinaus, dass Kritiker der Gender Studies grundsätzlich rechts (rechtskonservativ, neurechts, rechtsradikal, christlich-konservativ oder religiös-fundamentalistisch etc.) seien, traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild erhalten wollten, homophob seien usw.
Es kann leider nicht bestritten werden, dass es unter Kritikern der Gender Studies auch solche Leute gibt und auch ich halte von diesen nichts. Es gibt neben konservativer/rechter Gender-Kritik – die zumindest teilweise leider tatsächlich in entsprechende Einstellungen abrutscht – aber auch Kritiken an den Gender Studies aus liberaler sowie linker politischer Perspektive. Und was wissenschaftlich fundierte Argumentationen angeht, so gibt es Kritik an den Gender Studies, die naturwissenschaftlich ausgerichtet ist und auch solche, die geisteswissenschaftlich oder sozialwissenschaftlich ausgerichtet ist.
(Es gibt sogar Kritiken an den Gender Studies seitens einiger konkurrierender feministischer Strömungen.)

Die Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies im Umgang mit Kritik zielen in der Regel darauf ab Kritiker der Gender Studies pauschal in die rechte Ecke zu stellen, die Vielfalt von politischen und wissenschaftlichen Positionen und Argumenten im Spektrum der Kritik an den Gender Studies wird bewusst ignoriert. Eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlich fundierten Gegenargumenten findet nicht statt.

– Eine gerne gebrauchte Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies behauptet z.B., wer nicht an die reine und ausschließliche soziale Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaube, der würde automatisch einen biologischen Determinismus vertreten, also dass geschlechtsbezogene Identitäten vollständig biologisch determiniert seien. Natürlich ist das eine so einseitig wie das andere und außer vielleicht ein paar Hanseln aus dem Lager der konservativen/rechten Gender-Kritiker, die ähnlich einseitig wie die Gender Studies-Vertreter soziale Einflüsse überbetonen eben biologische Einflüsse überbetonen, behauptet niemand – auch die naturwissenschaftlichen Gender-Kritiker nicht – dass nicht auch soziale Einflüsse für die Bildung geschlechtsbezogener Identitäten eine Rolle spielen. Schon die Vielfalt der Geschlechterverhältnisse in verschiedenen Zeiten und Kulturen zeigt, dass es einen sozial konstruierten Anteil bei der Ausbildung geschlechtsbezogener Identitäten geben muss. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch biologische Dispositionen bezüglich geschlechtsbezogener Identitäten existieren, eine ergebnisoffene Geschlechterforschung mit interdisziplinärem Anspruch hätte in dieser Hinsicht eben zu versuchen soziale UND biologische Einflussfaktoren und ihr Zusammenwirken zu erforschen.

– Eine weitere Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies postuliert, dass wer nicht an die reine und ausschließliche Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaubt, zwangsläufig traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild bejahen würde sowie real existierende vielfältige Präferenzen bei Frauen und Männern leugnen würde.
In Wahrheit ergeben sich aus den aktuellen Theorien der verhaltensbiologischen Geschlechterforschung aber keine essentialistischen Geschlechterbilder, vielmehr wird davon ausgegangen, dass es einerseits DURCHSCHNITTLICHE biologisch disponierte Unterschiede zwischen Männern und Frauen gebe, dass es aber andererseits AUCH eine biologisch disponierte breite Vielfalt und Varianz jeweils innerhalb der beiden Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gebe. Das bedeutet also, dass es in verhaltensbiologischer/evolutionspsychologischer Perspektive neben durchschnittlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern von Natur aus auch verschiedene Präferenzen innerhalb der Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gibt, dass es also neben Frauen und Männern, die von ihren Präferenzen her stärker zu traditionellen Geschlechterrollen tendieren auch solche gibt, die dies überhaupt nicht tun und die ohne traditionelle Geschlechterrollen leben möchten und wieder andere, die tendenziell irgendwo dazwischen liegen.
Wollte man aus diesen Forschungsbefunden und Theorien also aus einer freiheitlichen Perspektive irgendeine Empfehlung ableiten, dann wären dies weder traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild, noch „progressive“ Geschlechterrollen als Leitbild, sondern der Verzicht auf jedes verallgemeinernde geschlechtsbezogene normative Leitbild und die Orientierung am Individuum von klein auf, also dass jedes menschliche Individuum egal welchen Geschlechts hinsichtlich seiner geschlechtsbezogenen Identität und Lebensweise so traditionell oder nicht-traditionell leben können sollte, wie es dies wünscht.

Christian hatte dazu mal einen lesenswerten Artikel geschrieben:

Geschlechterrollen: Häufungen wird es immer geben, dies sollte aber keinen Konformitätszwang erzeugen

Eine solche konsequente Orientierung an der persönlichen Freiheit anstatt an normativen geschlechtsbezogenen Leitbildern würde m.E. auch das gegenseitige Hochschaukeln zwischen Anhängern der Gender-Theorie einerseits und speziell so manchen konservativen Gender-Kritikern andererseits entschärfen, denn in psychologischer Perspektive steckt hinter diesem Konflikt m.E. wesentlich, dass es sich jeweils oft um Menschen mit verschiedenen Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht handelt. Die einen – konservative Gender-Kritiker – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben nach traditionellen Geschlechterrollen, die anderen – Anhänger der Gender-Theorie – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben ohne traditionellen Geschlechterrollen. Beide machen leider zu oft den Fehler ihre jeweiligen Präferenzen zu verabsolutieren und es fällt ihnen schwer zu verstehen, dass die andere Seite jeweils eine Lebensweise vertritt, die ihnen selbst aufgrund ihrer anders gelagerten Präferenzen als einschränkend und unbefriedigend erscheint, so dass beide Seiten sich hinsichtlich ihrer für sich selbst als befriedigend empfundenen Lebensweise von der jeweils anderen Seite bedroht fühlen und sich daher gegenseitig hochschaukeln.
Paradoxerweise ist die nicht-essentialistische verhaltensbiologische Perspektive diejenige, die unterschiedliche Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht viel leichter anerkennen kann als dies die Vertreter der Gender Studies tun, die auf ihre Weise genauso einseitig sind wie ideologische Geschlechter-Traditionalisten, nur in inhaltlicher Hinsicht umgekehrt.

– Eine weitere gerne verwendete Diskusstrategie von Vertretern der Gender Studies wirft Kritikern der Gender Studies vor Gegner der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu sein. Hierbei wird dann nicht selten mit einer Verwechslung der Begriffe Gleichberechtigung (Chancengleichheit) und Gleichstellung (Ergebnisgleichheit) hantiert.
Viele Kritiker der Gender Studies bejahen aber eindeutig die Gleichberechtigung der Geschlechter, ihre Kritik richtet sich gegen eine durch die Gender Studies mitlegitimierte Gleichstellungspolitik, welche geschlechtsbezogene gesellschaftliche Ungleichverteilungen durch Frauenquoten zu beseitigen versucht ohne vorher genau geprüft zu haben, ob und inwieweit solche geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen tatsächlich ein Produkt von Diskriminierung sind oder ob und inwieweit sie aus unterschiedlichen durchschnittlichen Präferenzen von Frauen und Männern resultieren.
Wenn es IM SCHNITT durchschnittliche Interessenunterschiede hinsichtlich Studium, Arbeit und Karriere zwischen Frauen und Männern gibt, dann ist klar, dass es auch zu gewissen geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen kommen muss, trotzdem hat dies in diesem Fall nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ist dann in letzter Instanz Ausdruck der persönlichen Wahlfreiheit.

– Dann gibt es noch die Diskursstrategien seitens Anhängern der Gender Studies gegen Männerrechtler und die Versuche von Männerrechtlern auf die Beseitigung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, hinzuwirken. Zur Diskreditierung von Männerrechtlern wurden einige als „Expertisen“ getarnte pseudowissenschaftliche Propaganda-Schriften kreiert. Neben den bereits erwähnten Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies kommt hier häufig noch der Vorwurf hinzu, es ginge darum „männliche Privilegien“ zu verteidigen, es werden pauschale und undifferenzierte Sexismus-Vorwürfe gegen Männerrechtler erhoben, bestenfalls wird zugestanden, dass es, obwohl Frauen sehr viel stärker benachteiligt seien, auch ein paar Benachteiligungen von Männern gebe, die dann meist als „Kollateralschäden des Patriarchats“ gedeutet werden und ansonsten übergangen werden.

Nun wird m.E. jeder, der sich eine Zeitlang mit dem Thema „Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind“ ernsthaft beschäftigt und die Argumente und Forschungsbefunde von Männerrechtlern überprüft zu dem Ergebnis kommen, dass die meisten Anliegen und Ziele der Männerrechtsbewegung berechtigt sind:

Was die Männerbewegung will

Was wir wollen

„Das richtige Buch zur richtigen Zeit“, Kundenrezension von Hans A. zu Arne Hoffmanns „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“

Männer sind keine „privilegierte Klasse“. Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, sollten daher in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung und in der Geschlechterpolitik genauso ernst genommen werden wie äquivalente Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Mädchen und Frauen betroffen sind. Und genau dies wird auch in der Mehrheit der für die Männerrechtsbewegung zentralen Literatur gefordert und nicht etwa eine einseitige Geschlechterpolitik nur für Jungen und Männer.
Ich verwende für eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, die versucht die Probleme aller Geschlechter (Frauen, Männer, Intersexuelle, Trans-Personen) in wissenschaftlicher, theoretischer und politischer Hinsicht zu berücksichtigen den Begriff „Integraler Antisexismus“. Mit einer solchen Sichtweise können die Gender Studies leider überhaupt nichts anfangen.
Dies von ihnen zu erwarten wäre so unrealistisch wie aber in moralischer Hinsicht angemessen. Wer wie die Gender Studies u.a. mit dem Anspruch auftritt für geschlechtsbezogene Diskriminierungsforschung zuständig zu sein und dann auf einem Auge blind ist, der verzerrt in erheblichem Maße die Realität.

– Zuletzt sei auch noch auf die von Vertretern der Gender Studies gängigen Homophobie-Vorwürfe an Kritiker der Gender Studies eingegangen. Es gibt ohne Frage leider auch Kritiker der Gender Studies, auf die dieser Vorwurf zutrifft und andere bei denen man zumindest einräumen muss, dass sie wenig Sensibilität für das Engagement gegen Diskriminierungen von Homosexuellen und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen haben. Aber da das Spektrum von Kritik an den Gender Studies in Wahrheit sehr breit ist, gibt es selbstverständlich auch ganz andere Ansichten hierzu. Gerade unter den linken und liberalen Gender-Kritikern – einschließlich linker und liberaler Männerrechtler –

Erste maskulistische Blogparade: Warum auch Schwulenrechte Männerrechte sind

gibt es auch viele, die jede Diskriminierung von Homosexuellen ablehnen und die die Gleichberechtigung von Homosexuellen z.B. hinsichtlich Ehe und Adoptionsrecht eindeutig bejahen.

Zudem wird von linken und liberalen Kritikern der Gender Studies bei diesem Thema auch häufiger die Kritik geäußert, dass die in den Gender Studies gängige Auffassung auch sexuelle Orientierungen seien rein sozial konstruiert nicht nur vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den Ursachen von Homosexualität wissenschaftlich nicht haltbar ist, sondern, dass diese Sichtweise – abgesehen von dem Umstand, dass viele Homosexuellen sich ausgehend von ihrer eigenen Lebenserfahrung gar nicht mit dieser Annahme identifizieren können – auch für die berechtigten Anliegen von Homosexuellen nicht förderlich ist, weil diese Sichtweise paradoxerweise auch homophobe Umerziehungsversuche gegenüber Homosexuellen legitimieren könnte sowie weil die irrationalen Ängste mancher Konservativer dadurch befeuert werden.

Eine wissenschaftliche Disziplin muss sich u.a. auch daran messen lassen, wie sie mit begründeter Kritik umgeht, und was das angeht, sieht es bei den Gender Studies im Allgemeinen schlecht aus.
Mein Text ist leider doch etwas länger geworden, weil ich für Mitleser, die mit den Argumenten einer wissenschaftlich fundierten und emanzipatorischen Kritik an den Gender Studies vielleicht noch wenig vertraut sind, ein paar zentrale Positionen hierzu wenigstens erwähnen wollte.

Ende des Gastartikels. Wie ich schon direkt darauf schrieb:

Das „Kritiker sind alles Rechte“-Argument bedeutet ja nichts anderes als: „Kein Mensch, der ohne ideologische Scheuklappen durchs Leben geht, findet etwas ernsthaftes daran auszusetzen.“ Und das muss doch skeptisch stimmen, denn Wissenschaft speist sich immer daraus, dass Annahmen hinterfragt, kritisiert, widerlegt, verworfen, verbessert, verfeinert werden. Ein „da kann man ja gar nichts mehr dran verbessern“ ist unwissenschaftlich und ein verlässlicher Hinweis auf ideologische Scheuklappen.

Zur falschen Dichotonie „alles sozial konstruiert“ – „biologischer Determinismus“, Zu den unterschiedlichen Präferenzen insgesamt und den gleichzeitig bestehenden Varianzen innerhalb der Geschlechter, zu den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Ergebnissen und warum sie eben kein Zeichen von Diskriminierung sind, zur spezifischen Benachteiligung von Jungen in der Schule, was sich nicht mit der einfachen Erzählung „männlich = privilegiert“ deckt siehe Peter Döge.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Noch ist es nur eine schöne Vision – aber die Art, wie Leszek das Ziel beschreibt, dass jedes menschliche Wesen nach seiner Façon leben kann, ergreift mich jedesmal erneut. Das ist ein positives Bild! Das ist etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt! Nun mag diese Version von „Everybody’s Free“ für manche zu religiös angehaucht sein, ich finde sie aber schön und stimmungsvoll.

Romeo & Juliet (1996) – Quindon Tarver – Everybody’s Free