Erfahrungsbericht: Eine unerwartete Begegnung bei der Frauentagsdemo

Zurzeit wohne ich im schönen Halle an der Saale, eine Stadt die übrigens viel besser ist als ihr Ruf. Eine der schönen Seiten: Wenn man durch den eher überschaubaren Stadtkern spaziert trifft man immer wieder zufällig Bekannte. So auch gestern Abend, als ich zum Marktplatz gegangen bin um mir die feministische Demo anlässlich des sog. „Frauentages“ aus der Nähe anzusehen. Die Menschenansammlung ist erstaunlich groß. Halle ist eine Universitätsstadt, die meisten Demonstranten sind linke bis linksradikale Studenten.

Wie ich ein Stück am Rand der Menschenansammlung entlanglaufe komme ich an einen Obdachlosen vorbei. Teilnahmslos starrt er auf das bunte, laute Treiben direkt vor ihm, wo privilegierte wohlhabende Akademikerinnen über Lautsprecher vom „Patriarchat“ und ihren Luxusproblemen schwadronieren. Ich überlege schon, mich demonstrativ neben den armen Kerl zu setzen, aber ich lasse es bleiben.

Ich sehe mir die Demonstranten an. Ca. 30 – 40% Männer. Darunter entdecke ich auch zwei Studenten, die ich noch aus der Zeit kenne, als ich noch Kontakte zu Linken hatte. Sie gehören der Antideutschen pro-israelischen Linken an, die aus irgendwelchen Gründen in Halle besonders stark ist. Auch eine große Israel-Fahne sehe ich. Die Linken nutzen halt jeden Vorwand, um ihre Agenda ins Zentrum zu rücken, egal, ob es pro-israelische oder anti-israelische sind. Im späteren Verlauf der Demo werde ich auch eine Rednerin hören, die u.a. gegen das Kopftuch anredet (Ja, das gibt es in Teilen der Linken noch).

Ich gehe ein Stück weiter. Dann erblicke ich am Rand der Menschenmenge bekannte Gesichter, die ich auf einer Frauentagsdemo nun so gar nicht erwartet hätte: Syrische Flüchtlinge. Über Studium, Arbeit und Freundschaften kenne ich viele Syrer persönlich und verstehe mich mit ihnen sehr gut. Nun stehen dort am Rand der Menschenmenge fünf syrische Männer, drei davon Bekannte von mir. Ich gehe auf die Gruppe zu, begrüße sie und stelle mich dazu. Nach ein bisschen Smalltalk folgt das folgende Gespräch, das ich hier sinngemäß, auf das wesentliche vereinfacht und in korrektem Deutsch, wiedergebe. Die Namen und unerhebliche Details sind abgeändert, doch inhaltlich hat das Gespräch tatsächlich so stattgefunden:

Ich: Was macht ihr hier?

Mahmud: (kann am besten Deutsch und dominiert daher das Gespräch): Wir sind hier jede Woche in der Nähe für einen Sprachkurs. Die Lehrerin meinte, um wirklich gut Deutsch zu lernen, lernt man am besten eine deutsche Frau kennen.

Khaled: Sie meinte, eine gute Gelegenheit dafür ist die Demo zum Frauentag. Deswegen sind wir hergekommen. Und wir dachten schon, das ist wieder eine ausländerfeindliche Demo.

Ich: (lache) Nein, das ist diesmal keine ausländerfeindliche Demo.

Mahmud: Ist das von irgendeiner Partei? Ich habe so eine Fahne gesehen.

Ich: Ja, die linken Parteien, SPD, Linke und Grüne sind hier bestimmt dabei. Die Linken sind in Deutschland feministische Parteien und das hier ist eine feministische Demo.

Mahmud: DAS SIND FEMINISTEN !?

Ich: Ja, was hattest du denn gedacht? Du solltest dir hier lieber keine Freundin suchen, da wirst du keine Freude mit haben.

Mahmud: Na, dann weg hier! (Er wendet sich schon zum gehen)

Usama: Was ist los?

Mahmud: (erklärt ihm auf Arabisch kurz die Lage, dann schaut er auf die Demo). Ja, du hast recht. Auf dem Plakat da hinten steht ‚feminism‘.

Mahmud: Wofür demonstrieren sie? Haben Frauen hier nicht gleiche Rechte wie Männer?

Ich: Ja, die Feministen reden von „gleichen Rechten“, aber sie wollen in Wahrheit Sonderrechte.

Khaled/Mahmud: Ja richtig, Sonderrechte.

[Anmerkung: Das Frauen bei uns mehr Rechte haben, scheint bei den Syrern weit verbreitetes Wissen zu sein. Hin und wieder haben syrische Freunde solche Bemerkungen gemacht. Dazu eine kleine Anekdote: Ich helfe einem syrischen Freund öfters beim Papierkram. Mir ist aufgefallen, dass der Schriftverkehr (Miete, Sozialhilfe etc..) immer über den Namen seiner Ehefrau geht, die sich aber ganz gewiss nicht um solche Sachen kümmert und kaum Deutsch kann. Ich habe ihn gefragt, warum er das so macht. Er wollte erst nicht mit der Sprache rausrücken, also hakte ich nach. Dann erklärte er, er habe gehört, dass Frauen in Deutschland bevorzugt werden, also hat er sich gedacht, dass er Vorteile bekommt (Anträge schneller bearbeitet werden etc..), wenn er unter dem Namen seiner Frau auftritt. Er sagte das ohne Vorwurf oder Hohn; es ist halt einfach so; andere Länder andere Sitten. Ich lache und sage, dass er damit vielleicht sogar richtig liegt. Dann fälscht er in aller Seelenruhe die Unterschrift seiner Frau, die währenddessen in der Küche nebenan das Essen zubereitet.]

Weiter im Text:

Ich: Gerade eben spricht die Rednerin über das Abtreibungsrecht, weißt du was Abtreibung ist?

Mahmud: Ja. Aber warum interessiert die das? Das sind doch Lesben, oder? Die werden doch gar nicht schwanger.

Ich: Nicht alle Feministinnen sind Lesben.

Mahmud: Ach so. Und ist Abtreibung erlaubt in Deutschland?

Ich: Nicht so richtig, aber Frauen können es problemlos machen. Es ist nur an Bedingungen geknüpft.

Mahmud: Ja, es gibt eine Frist von vier Monaten oder so. [er ist gut über das Thema informiert, weil er in einem Krankenhaus arbeitet.]

Abdullah: Bei uns dürfen die Frauen das nicht.

Mahmud: Aber ich finde es gut, dass es erlaubt ist. Der Staat sollte sich da nicht einmischen.

[Man könnte meinen, dass das für Muslime eine ungewöhnliche Meinung ist. Tatsächlich aber haben sehr viele Syrer eine politische Haltung, die man in unseren Begriffen als klassisch liberal bezeichnen kann. Sich in fremde Familienangelegenheiten (den „Harem“) einzumischen, ist in der konservativen arabischen Gesellschaft generell ein Tabu (also eben „haram“) – das gilt insbesondere für die Familienangelegenheiten fremder Konfessionen und traditionellerweise hat sich auch der islamische Staat an diese Sitte zu halten. Ein staatliches Familienrecht gibt es in diesem Sinne im Orient herkömmlicherweise nicht.]

Ich: Ja das schon, nur wollen manche Feministen z.B. das Abtreibungsrecht bis zum 9. Monat.

Mahmud: Aber das ist doch ein Mensch dann!

[Zwei der Syrer haben es auf einmal sehr eilig, ob das was mit dem Thema zu tun hat, kann ich nicht beurteilen. Sie verabschieden sich und rennen schnell zur Straßenbahn, die gerade ankommt. Dass sie um ca. 18:30 noch schnell irgendwo hin müssen bezweifle ich. Dass Araber ohne Not rennen, ist eher ungewöhnlich.]

Mahmud: Ich habe gehört, dass Frauen in Deutschland weniger Geld für die gleiche Arbeit bekommen. Wenn das stimmt, ist das wirklich ungerecht. [Anmerkung: Die Deutschbücher, mit denen die Flüchtlinge lernen, enthalten manchmal feministische Propaganda als Übungstexte.]

Ich: Für die gleiche Arbeit, verdienen sie gleich. Für unterschiedliche Arbeit verdienen sie unterschiedlich.

Mahmud: Aber mir wurde gesagt, für die gleiche Arbeit verdienen sie weniger.

Ich: Das ist eine Lüge der Feministen.

Mahmud: Ach so.

Khaled: Ich denke, die Mitarbeiter im Jobcenter verdienen alle gleich.

Ich: Die werden nach gesetzlichem Tarif bezahlt, da gibt es keine Unterschiede.

Khaled: Nur bei privaten Firmen gibt es unterschiedlichen Lohn.

Ich: Genau. Der Lohn wird individuell ausgehandelt.

Mahmud: Aber der Chef sagt nicht z.B., ‚du bekommst weniger Lohn, weil du eine Frau bist‘.

Ich: Nein, ich glaube nicht, dass es so etwas gibt. Aber Frauen arbeiten weniger, Männer machen mehr Überstunden und so, daher verdienen sie mehr.

Mahmud: Ja natürlich, wenn ich Chef wäre, würde ich auch lieber Männer einstellen, weil sie mehr arbeiten. Eigentlich ist es mit egal, aber die Frauen kümmern sich mehr um die Kinder.

Ich: Soweit ich weiß, verdienen Frauen manchmal sogar mehr für die gleiche Arbeit. Manchmal müssen Unternehmen oder Ämter eine Quote erfüllen. Sie sollen so und so viele Frauen einstellen, aber es gibt zu wenige Frauen und deshalb müssen sie den Frauen mehr Gehalt zahlen, glaube ich.

Khaled: (aufgeregt) Ja, tatsächlich, ich habe davon gehört!

Mahmud (Auf die Demo im Hintergrund zeigend, die mittlerweile den Marktplatz verlässt und in die Leipziger Straße abzieht): Wir müssen hier eigentlich stehen und für unsere Rechte kämpfen. Die Frauen nehmen uns die Arbeitsplätze weg (lacht).

Ich: … Naja, jedenfalls bin ich hierher gekommen, um mir diese Demo anzuschauen. Ich bin gegen die Feministen. Ich finde diese Leute gefährlich.

Mahmud: Gefährlich? Warum?

Ich: Z.B. wollen sie die Demokratie einschränken. Sie fordern ein Gesetz, dass weniger Männer zur Bundestagswahl kandidieren, verstehst du?

Mahmud: Ja, natürlich.

[Wir wechseln das Thema und sprechen über ein paar leichtere Dinge. Mahmud, Khaled und der dritte Verbliebene, der zu dem Thema nichts gesagt hat, weil er sprachlich nicht folgen konnte, wollen nach Hause. Die Demo ist abgezogen. Wir verabschieden uns. Ich mache mich auf den Weg, um sie weiter zu verfolgen, erlebe dabei aber nichts interessantes mehr.]

Dass eine Frauenquote für das Parlament (Paritätsgesetz) eine Einschränkung der Demokratie darstellt, schien den beiden Syrern unmittelbar einzuleuchten, ohne dass ich es irgendwie erklären musste. Zwei ca. 30-jährige Ausländer ohne juristische Ausbildung, die das GG noch nie von innen gesehen haben und aus einem Land ohne freie Wahlen kommen, in dem jegliche Regierungskritik seit Jahrzehnten mit Folterknast, Polizeiwillkür und (Massen-)Mord verfolgt wird, verstehen die Grundprinzipien der liberalen Demokratie und der allgemeinen Handlungsfreiheit offenbar besser als unsere Justizministerin Barley und große Teile von Parteispitzen, Parlament und linker Presse. Und warum? Nicht etwa weil die beiden klüger oder gebildeter wären, sondern einzig und allein, weil sie ehrlicher sind und ihnen aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes, die alberne, verklemmte Scheu davor, den Feminismus zu kritisieren und Frauen – wenn notwendig – Grenzen aufzuzeigen, komplett fremd ist. Ähnliche Erfahrungen habe ich auch schon vorher mit Syrern gemacht. Ein so unbekümmertes Gespräch wäre mit Deutschen außerhalb der feminismuskritischen Blase so gut wie unmöglich. Vielen Dank an dieser Stelle an die wackeren Demonstranten, die dieses Gespräch überhaupt erst möglich gemacht haben. As-Salamu alaykum wa Rahmat Allah!

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