Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach mokiert sich in einem Blog-Artikel über die Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschrei. Leider bleibt sie bei ihrer Analyse bzw. Kritik in einem dualistisch manichäischen Weltbild verfangen.

Die Überschrift des Blog-Artikels hat es bereits in sich

Die Überschrift des Blog-Artikels von Franziska Schutzbach, in dem sie sich mit den Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschreis auseinandersetzt, hat es bereits in sich, er lautet nämlich:

Wie können die Tussen es wagen?

Offenbar hat eine Person (oder waren es mehrere?) die Initiatoren des #SchweizerAufschreis in den Social Media als Tussen bezeichnet, die es wagen würden, sich gegen Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu wehren bzw. dies öffentlich zu thematisieren. Solche Aussagen wie „Tussen“ sind selbstverständlich zu unterlassen, aber man kann sich ebenfalls fragen, wie repräsentativ diese Aussagen für alle Kommentatoren bzw. für alle Männer sind? Vermutlich nicht sehr repräsentativ. Franziska Schutzbach baut somit m.E. bereits im Titel einen Popanz auf, der besagt: Männer beschimpfen Frauen als Tussen und wollen ihnen offenbar den Mund verbieten, wenn diese gewisse Problematiken thematisieren. Vereinfacht könnte man auch formulieren: Männer sind Unterdrücker und Frauen die armen Opfer.

Dualistisch manichäisches Weltbild und Rundumschlag

 Franziska Schutzbach schreibt:

Spätestens seit #SchweizerAufschrei wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

In einem ersten Rundumschlag gegen alles Böse wird bereits am Anfang fleissig sortiert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie viele Personen haben wohl in den Kommentarspalten der Online-Medien geschrieben, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen würden? War das 1 Person von 100 bzw. 1 Person von 1’000 Personen? Hat Franziska Schutzbach eine repräsentativ empirische Studie durchgeführt und ausgerechnet, wie hoch der prozentuale Anteil ist? Oder könnte es vielleicht so sein, dass dies z.B. nur eine Person gesagt hat und Franziska Schutzbach wiederum einen Popanz aufbaut, quasi als rhetorische Strategie, um einen Beweis zu liefern, dass Männer quasi einem Hirngespinst nachjagen?

Und sind diese „breitbeinige Männlichkeit“, diese „Polter-Eidgenossen“, „Welterklärer“, „Maskulisten“, „Mansplainer“, „Werte-Verkünder“, „Pussygrabscher“ und „Bescheidwisser“ eine homogene Gruppe? Also alle samt und sonders böse Männer, die allen Frauen und insbesondere der Franziska Schutzbach nur böses wollen oder sonst nur böses auf der Welt tun? Könnte es ev. sein, dass hier Franziska Schutzbach schon mal zahlreiche Feindbilder aufbaut, um ihrem dualistisch manichäischen Weltbild Genüge zu tun?

Wer ist eigentlich Täter und wer ist eigentlich Opfer?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern.

Jetzt muss man die Franziska Schutzbach einmal fragen, ob sie es gerne hätte, wenn sie quasi, nur weil sie ein Mann oder eine Frau ist und somit einer dieser zwei Populationen angehört (Männer bzw. Frauen),  quasi mit einem Generalverdacht belangt würde, der heisst: „Männer sind potenzielle Vergewaltiger oder sexuelle Belästiger oder Sexisten?“ Was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn man sagen würde: „Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen“? Oder „Ausländer sind potenziell kriminell“? Franziska Schutzbach würde bestimmt laut aufschreien und sagen: „das ist Rassismus, wenn man sagt, dass Ausländer potenziell kriminell sind“.  Oder was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn die SVP (eine rechtskonservative neoliberale populistische Partei in der Schweiz) eine Aufschrei-Kampagne starten würde, bei der alle Bürger dazu eingeladen sind, ihre Erfahrungen mit Ausländerkriminalität emotionalisierend, moralisierend und skandalisierend zum Besten zu geben?  Auch hier würde sie wohl lauthals Rassismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit schreien. Aber wenn sich Männer beschweren, dass sie den Eindruck haben, quasi alle Männer würden als potenzielle Täter stigmatisiert und gebrandmarkt, dann ist das vermutlich für Franziska Schutzbach vollständig etwas anderes.

Weshalb spricht eigentlich Franziska Schutzbach nicht ebenfalls von männlichen Opfern und weiblichen Tätern? Vermutlich passt dies nicht in ihre feministische Agenda und wird tunlichst ausgeklammert und vermieden und würde das Bild zerstören von: hier die guten Frauen als Opfer und dort die bösen Männer als Täter.

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz kommt eine Studie aus dem Jahre 2013, was die potenziell belästigenden Situationen anbelangt, zum Ergebnis, dass kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen sind. Bei sexueller Gewalt im europäischen Vergleich sind, was die Opfer betrifft,  Unterschiede zwischen Männern und Frauen kaum vorhanden:

Wir haben also bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und bei sexueller Gewalt bei neusten Studien kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Opfer betrifft., wenn neuere Studien berücksichtigt werden. Wenn nun gewisse Männer den Eindruck bekommen, sie würden pauschal als potenzielle Täter gebrandmarkt, ist es sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich dagegen wehren.

Und selbstverständlich treten diese Kommentarschreiber nach Franziska Schutzbach nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Woher weiss Franziska Schutzbach, dass diese Kommentarschreiber oben sind? Oder weshalb sollten sie oben sein? Was genau heisst eigentlich oben? Kennt Franziska Schutzbach diese Kommentarschreiber persönlich? Weiss sie überhaupt irgend etwas von ihren Lebenslagen – ausser, dass sie vielleicht Männer sind, was auch nicht zu 100% sicher ist, sondern nur vermutet werden kann. Und woher weiss sie, dass sich diese Kommentarschreiber ihrer Allmacht versichern wollen? Könnte es nicht auch sein, dass sich Franziska Schutzbach hier wiederum als „armes Opfer“ inszenieren möchte, das unten wie ein Mäuschen steht (machtlos, hilflos, ausgeliefert) und ein Bild vom bösen Unterdrücker und Machtmenschen zelebriert, der selbstverständlich ein Mann ist?

Frauen werden nach Schutzbach also immer, wenn sie mit dem Mund aufmucken, zur Schnecke gemacht? Gibt es diesbezüglich empirische Untersuchungen, die genau das bestätigen, was Franziska Schutzbach hier behauptet oder ist das einfach ihr gefühlter Eindruck und/oder ev. eine rhetorische Strategie, um Frauen wiederum als allgegenwärtiges und ubiquitäres Opfer zu inszenieren? Ist es nicht viel mehr so, dass die wichtigen Medien in der Schweiz (Radio, TV, Print, Online) sehr ausführlich und wohlwollend über den #SchweizerAufschrei informiert haben? Man könnte sogar sagen: In den wichtigen Medien ist der #SchweizerAufschrei quasi hegemonial geworden.

Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

 

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Franziska Schutzbach schreibt:

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich.

Das hört sich zwar alles auf den ersten Blick sehr vernünftig an, wenn wir jedoch diesen #SchweizerAufschrei, der u.a. von Franziska Schutzbach lanciert wurde, genauer betrachten und ihn mit den Augen des erst kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof prüfen, der u.a. das „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgegeben hat, sieht die Sache doch ganz anders aus. Im Hinblick auf die Flutung der Öffentlichkeit mit Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung, wie dies z.B. mit dem #SchweizerAufschrei geschehen ist, kommt er in einem Interview mit der Überschrift „Schluss mit dem Bauchstalinismus“ zu folgender Einschätzung:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Das heisst: Kurt Imhof würde vermutlich den #SchweizerAufschrei unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumieren. Kurt Imhof sagt im Interview weiter:

Die sanfte Gewalt des besseren Arguments hat keine Chance gegen die moralgetränkte Empörung und unsere privaten Leidenschaften geraten unter die Fuchtel einer ebenso moralgetränkten Political Correctness.

(…)

Affekte und Empörungsgefühle sind die billigste Währung, die wir haben. Wenn unsere Unterschichtenmassenmedien zur öffentlichen Hinrichtung eines bekannten Grossbankers auf dem Paradeplatz aufrufen würden, dann kämen Zigtausende. Eine Einsicht des Aufklärungsliberalismus war: Öffentliche Hinrichtungen, die Human-Interest-Ereignisse der Vormoderne, sind pädagogisch nicht wertvoll. Sie befriedigen Affekte und tragen nichts zum Fortschritt von Mensch, Moral und Gesellschaft bei. Also musste dieser Zivilisationsprozess über die Bildungsinstitutionen und das öffentliche Räsonnement zunächst das ganze Volk durchdringen, damit es möglich wurde, den Rechtsstaat aufrechtzuerhalten und die Gewaltenteilung durchzuziehen. Dahinter wollen wir doch nicht zurück?

Die #SchweizerAufschreikampagne nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass quasi eine Debatte über Sexismus, Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung mittels Empörungsbewirtschaftung und moralischer Diskreditierung abgehandelt wird und die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ auf der Strecke bleibt.

Franziska Schutzbach schreibt:

Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften.

Weshalb dies nun Franziska Schutzbach explizit in diesem Kontext aufführen muss, ist m.E. nicht nachvollziehbar. Dies dürfte vermutlich für die Mehrheit der Frauen und Männer eine Binsenwahrheit sein.

Political Correctness versus Noam Chomsky

Franziska Schutzbach schreibt:

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten.

Bei Franziska Schutzbach geht quasi alles immer nur um ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung. Es kommt ihr offenbar nicht in den Sinn, dass hinter der Kritik an PC auch ganz andere Motive stecken könnten. Wenn sich beispielsweise Noam Chomsky  für die Redefreiheit eines Holocaustleugners einsetzte, dann ging es ihm ganz sicherlich nicht darum, eine asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, sondern, es ging ihm darum, die Meinungsäusserungsfreiheit auch und gerade in Fällen von abscheulichen Gedanken zu verteidigen. Man kann Chomskys Haltung für richtig oder falsch finden, aber der Impetus für die Meinungsäusserungsfreiheit ist in diesem Fall sicherlich anders, als Franziska Schutzbach dies verallgemeinernd insinuiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Interessant ist hier, dass Franziska Schutzbach die Frauen als Minorität (numerische Minderheit) sieht, obwohl z.B. in der Schweiz gerade das Gegenteil der Fall ist: Die Population der Frauen ist numerisch eine Majorität. Aber es zeigt gut auf: Sie möchte vermutlich die Frauen unbedingt als Randgruppe inszenieren, die eben unterdrückt sind und einen Opferstatus zugewiesen bekommen sollen. Über Empörungsbewirtschaftung, moralische Diskreditierung von Personengruppen, Emotionalisierung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit soll also nicht diskutiert werden, das würde ja vom eigentlich Problem ablenken. Das die Art und Weise, wie die Problematik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, selbst zum Problem werden kann, kommt selbstredend nicht auf den Radar, bzw. ist selbstverständlich nur eine Nebensache und tut nichts zur Sache: Kollateralschäden (der Zweck heiligt die Mittel) werden einkalkuliert und sind nicht der Rede wert.

Die ewig unterdrückte Frau

Franziska Schutzbach schreibt:

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten.

Wenn Männer quasi als Tätergruppe hingestellt werden, unabhängig davon, ob dies nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit geschieht und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht ins Blickfeld geraten, muss sich Franziska Schutzbach nicht wundern, wenn sich Männer gegen eine kollektive Dämonisierung zur Wehr setzen, auch wenn gewisse Formen der Verteidigung selbstverständlich unangebracht sind. Wie bereits weiter oben dargelegt: Wenn Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als Tätergruppe in der Öffentlichkeit diffamiert würden, dann wäre der Aufschrei von Franziska Schutzbach gewiss; aber bei Männern darf das selbstverständlich gemacht werden.

Franziska Schutzbach schreibt:

Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Das dürfte für viele Männer kein Problem sein, wenn in Geschlechterbeziehungen Machtgefälle angesprochen werden, wenn die Männer jedoch den Eindruck haben, dass Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht thematisiert und Männer quasi kollektiv in der Öffentlichkeit dämonisiert werden, dann ist es nachvollziehbar, wenn Männer sich hier zur Wehr setzen.

Geschlechtergerechtigkeit und wer wie viel weiss

Franziska Schutzbach schreibt:

(…) Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.

Wie wäre es, wenn sich Franziska Schutzbach im Gegenzug ein bisschen mehr Wissen über Geschlechtergerechtigkeit aneignen würde? Beispielsweise in dem Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer endlich auch einmal von ihr thematisiert werden? Und wie wäre es, wenn Franziska Schutzbach sich einmal die Frage stellen würde, weshalb Männer 1,5 mal häufiger als Frauen Opfer von schweren Gewalttaten werden (Mord, Totschlag, Raub, schwere Körperverletzung); Männer fast 3mal häufiger Selbstmord begehen als Frauen, Männer immer noch 5 Jahre früher sterben als Frauen, Männer viel häufiger obdachlos sind als Frauen usw., usf., etc.!

Fazit

Das Narrativ, das uns Franziska Schutzbach in ihrem Blog-Artikel erzählt, ist sehr einseitig und auf einem dualistischen manichäischen Weltbild aufgebaut, das insbesondere Dämonisierung und Feindbilder erzeugt; Differenzierungen und Grautöne sind kaum vorhanden. Es lautet vereinfacht wie folgt:

  • Männer beschimpfen Frauen und werten diese ab;
  • Männer sind Unterdrücker und sonnen sich in ihrer Allmacht;
  • Männer wollen den Frauen den Mund verbieten und sie unterdrücken;
  • Frauen sind nur Opfer und keine Täterinnen.
  • Männer sind nur Täter und keine Opfer.
  • Frauen sind machtlos und eine Minorität. Männer sind die Majorität und haben Macht.

Quellen:

„Wie können die Tussen es wagen“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz

Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Schluss mit dem Bauchstalinismus!

 

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Franziska Schutzbach zum Ersten: „Ich will Arsch schauen“

von Mark E. Smith

Die Geschlechterforscherin und feministische Aktivistin Franziska Schutzbach beschäftigt sich in einem Blog-Beitrag mit dem „kulturell machtförmigen Blick“. Ausser Phrasen bzw. Plattitüden wird jedoch nicht viel Substanzielles geboten.

Ich habe mir vorgenommen, mich in der nächsten Zeit immer wieder einmal mit Publikationen von der Geschlechterforscherin und feministischen Aktivistin Franziska Schutzbach, die in Schweiz wohnhaft ist, auseinanderzusetzen bzw. abzuarbeiten. Dies u.a. deshalb, weil m.E. Schutzbach gegenwärtig in der Schweiz, was Genderthemen aus einer feministischen bzw. radikalfeministischen Perspektive anbelangt, am stärksten in die Öffentlichkeit drängt und immer wieder einmal als Expertin in den unterschiedlichsten Medien eine Plattform erhält.

In einem Blog-Beitrag mit dem Übertitel „Ich will Arsch schauen“ vom 28. Juni 2016 auf ihrem Blog „PRÄZIS UND KOPFLOS. Notizen zum Frau-Werden, Tier-Werden, Schwarz-Werden“ befasst sie sich insbesondere mit dem „kulturell machtförmigen Blick“. Der Blog-Beitrag ist eigentlich eine Kritik an einem anderen Blog-Beitrag, der sich seinerseits wiederum mit der Thematik beschäftigt, ob Männer Frauen in der Öffentlichkeit anschauen dürfen. In meinen nachfolgenden Ausführungen geht es mir nicht um diese Kritik von Schutzbach am Blogbeitrag von Reda el Arbi und ob diese berechtigt ist oder nicht, sondern ich konzentriere mich vollständig auf die Ausführungen von Schutzbach zum „kulturell machtförmigen Blick“.

Gibt es eine neutrale Sexualität?

Franziska Schutzbach schreibt:

„El Arbi legt dann aber nahe, es gäbe eine Art „neutrale“ Sexualität, eine, die sich jenseits von Machtverhältnissen abspiele – dazu gehören zum Beispiel Blicke. Dass es auch im ‚Blickverhalten’ Varianten gibt, schliesst er zwar nicht aus (auch er ist der Meinung, dass offensives Glotzen nicht angenehm ist), allerdings erkennt er darin keinerlei gesellschaftliche Schieflagen, sondern nur Effekte eines Fortpflanzungstriebes, bei dem Männer auf nackte Haut reagieren. Dass auch ‚Blicke’ als kulturelle Verhaltensweisen machtförmig sein können (nicht müssen), interessiert El Arbi nicht, dass auch Blicke Frauen zu Objekten machen können (aber nicht müssen), unterschlägt er.“

Schutzbach legt hier zumindest im ersten Satz nahe, dass es quasi keine „neutrale Sexualität“ gibt, Sexualität also quasi immer mit Machtverhältnissen gekoppelt sei. Leider begründet sie diese Aussage nicht! Wenn zwei erwachsene Menschen Sex haben, die beide mündig und urteilsfähig sind, kann man m.E. grundsätzlich einmal davon ausgehen, dass der Sex ohne irgendwelche Machtverhältnisse vonstatten geht. Selbstverständlich kann es Umstände geben, bei denen man Machtverhältnisse annehmen kann, wenn Drohung, Nötigung oder ganz allgemein Straftaten gegen die sexuelle Integrität vorliegen. Schutzbach schreibt nun von „Blicken, die kulturell machtförmig“ sein können, aber sie unterlässt es, genau zu begründen, wie sie auf diese Aussage kommt. Wie muss man sich einen solchen „kulturell machtförmigen Blick“ vorstellen? Was sind die objektiven Merkmale bzw. Indikatoren für einen solchen Blick? Wie wird er definiert und wie operationalisiert? Nehmen alle Menschen einen solchen kulturell machtförmigen Blick identisch wahr – also gibt es diesbezüglich einen Konsens, was ein „kulturell machtförmiger Blick“ ist? Ausserdem schreibt sie von „Blicken, die Frauen zu Objekten machen können“. Auch hier wieder: Was muss man sich eigentlich unter einem solchen Blick vorstellen? Gibt es eine konsensfähige Definition darüber, die dann eine zuverlässige Operationalisierung gewährleisten, sodass alle Menschen sofort einen solchen Blick erkennen können? Und was ist eigentlich damit gemeint, wenn sie davon spricht, dass Frauen zu Objekten gemacht werden? Wann genau wird eine Frau zum Objekt gemacht und wann genau nicht? Gibt es auch hier zuverlässige Indikatoren, die eine zuverlässige Abgrenzung gewährleisten oder ist dies quasi nur ein „subjektives bzw. gefühltes Konstrukt“? Und weshalb spricht sie nur von Frauen und nicht auch von Männern oder was bei ihr anzunehmen ist von weiteren Geschlechtern?

Was ist ein sexistischer bzw. machtförmiger Blick?

Franziska Schutzbach schreibt:

„Nicht jeder Blick ist sexistisch oder machtförmig. Darin stimme ich überein. Ich selber habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, angeschaut zu werden. Es gibt viele Blicke, mit denen ich gut klar komme, die mir manchmal sogar schmeicheln. Viele Männer wissen ganz genau, wie das geht. Sie „glotzen“ nicht. Im Unterschied zu El Arbi habe ich offenbar eine bessere Meinung von Männern: Ich erfahre in der Regel respektvolle Blicke, die Gefallen ausdrücken, ohne zu objektivieren. Sowas geht, es ist überhaupt nicht schwierig. Und ja: Ich erlebe natürlich auch genau das andere: Blicke, bei denen ich mich unwohl und belästigt fühle.“

Leider weiss der Leser immer noch nicht, was denn nun genau ein belästigender, objektivierender, sexistischer oder machtförmiger Blick sein soll. Sie schreibt zwar, dass sie sich bei gewissen Blicken unwohl und belästigt fühlt, aber ob das einfach ihr subjektives Empfinden ist oder dies quasi alle Menschen so erleben würden wie sie, bleibt vollständig offen. Insbesondere sie ja auch nicht versucht, solche empirische Phänomene wie einen sexistischen Blick zu definieren und zu operationalisieren.

Der Blick bedarf einer Reflexion und ist Teil eines Machtregimes

Franziska Schutzbach schreibt:

„El Arbi weigert sich, sich ernsthaft mit diesem Unterschied zu befassen. Und legitimiert damit, dass alle Blicke letztlich okay, ja gar notwendig sind, selbst dann, wenn sie objektivieren. Zwar darf Frau sich wehren, vom ‚Schauenden’ fordert El Arbi aber keine Reflexion. Anhand der Fortpflanzungs-Biologie behauptet er, diese Blicke seien eine Art männliches ‚Muss’.“

Hier muss man sich einfach fragen, wie El Arbi überhaupt eine Differenzierung zwischen objektivierendem und nicht objektivierendem Blick vornehmen soll, wenn bisher noch überhaupt nicht geklärt wurde, was denn nun ein objektivierender Blick genau sein soll (Definition, Operationalisierung, Indikatoren etc.).

Franziska Schutzbach schreibt:

„Damit weigert er sich erstens zu reflektieren, inwiefern auch Blicke Teil eines Machtregimes sein können (nicht müssen!), in dem es durchaus um die Objektivierung des weiblichen Körpers gehen kann (was nicht heisst, dass Frauen dann automatisch ‚Opfer’ sind). Zweitens reduziert er Sexualität auf ein rein heterosexuelles Projekt: Sexualität entspringe dem ‚Fortpflanzungsdruck’. Diese enge Sicht auf Sexualität macht es El Arbi möglich, ein Konstrukt aufzubauen, in dem Blicke nach einem neutralen und deshalb nicht-kritisierbaren Programm ablaufen, in dem Männer keine Akteure sind, sondern gesteuert durch die Notwendigkeit der Natur. Ein (gefährliches) Argument, mit dem sich letztlich jede Praxis legitimieren lässt.“

Dass nun Blicke Teil eines Machtregimes sind, hört sich zumindest für mich sehr kryptisch an. Was ist eigentlich ein Machtregime? Gibt es hier eine Definition dafür? Und ist ein solches Machtregime empirisch fassbar: also gibt es Operationalisierungen und Indikatoren, um dies empirisch fassbar zu machen? Und wiederum: was ist genau mit einer Objektivierung des weibliche Körpers gemeint (Definition, Operationalisierung, Indikatoren etc.)? Dass die menschliche Sexualität wohl primär durch den „Zwang“ zur zweigeschlechtlichen Fortpflanzung entstanden ist, dürfte wohl zumindest für Biologen klar sein; natürlich wird Sex nicht nur deshalb praktiziert, um sich fortzupflanzen, aber der Ursprung geht sicherlich auf den „Zwang“ zur zweigeschlechtlichen Reproduktion zurück. Und weshalb geht es immer ‚nur’ um die Objektivierung des weiblichen Körpers und der männliche Körper bleibt vollständig aussen vor?

Blicke und ihre sexistische Anspruchshaltung

Franziska Schutzbach schreibt:

„Das heisst aber nicht, dass Blicke nicht auch objektivierend sein können. Vor allem dann, wenn sie überall sonst, aber nicht in die Augen gehen. In manchen Blicken schwingt eine sexistische Anspruchshaltung: ‚ich kann dich unverhohlen anglotzen, weil ich das Subjekt bin und du das Objekt‘.“

Also: Ein Blick auf das Haar, die Hände, die Nase, die Ohren, die Füsse, die Finger, die Beine, den Rücken etc. ist viel verdächtiger für eine Objektivierung der Frau als ein Blick in die Augen. Hmmm, warum, weshalb, wieso? Wenn Schutzbach wenigstens einmal etwas begründen würde, anstatt nur Behauptungen aufzustellen, dann könnte man sich wenigstens mit ihrer Argumentation auseinandersetzen, aber so…..?!

Blicke sind nicht verboten, aber ….

Franziska Schutzbach schreibt:

„Einmal abgesehen davon, dass auch dann gestarrt wird, wenn man mit einem Rollkragenpulli rumläuft: Natürlich sollen Blicke nicht verboten werden, aber sie können reflektiert werden, wie jede andere Handlung auch. Denn sie sind Teil von gesellschaftlichen Verhältnissen – wie jede andere Handlung auch.“

Blicke sollen also nicht verboten werden, aber sie sollen doch reflektiert werden, weil sie Teil von gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Was aber genau bezweckt denn diese Reflexion des eigenen Blickes? Offenbar will Franziska Schutzbach die von ihr präferierten Verhaltensänderungen nicht durch „Repression“ (Verbot) erreichen, weil das würde sich ev. für den Feminismus nicht so gut machen (immer Verbote zu fordern, ist mit der Zeit nicht sooo sexy), sondern doch lieber durch internalisierten Selbstzwang: also keine Muss-Erwartung, aber doch eine Soll-Erwartung. Ergo: Man soll einen Arsch im öffentlichen Raum nur noch mit Selbstbeschämung anschauen dürfen oder doch besser überhaupt nicht, weil dann auch die Strafe der Beschämung wegfällt. Nun, dass Blicke ev. auch etwas mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun haben, könnte durchaus sein, aber sie haben ev. auch viel mit der Ontogenese und ev. auch mit der Phylogenese der Menschen zu tun, was Franziska Schutzbach „selbstverständlich“ nicht erwähnt, weil man bekommt von ihr den Eindruck, dass nun wirklich alles einfach gesellschaftlich bedingt sein muss.

Schutzbach im Kaffee und dann passierts…

Franziska Schutzbach schreibt:

„Kürzlich sass ich in einem Kaffee, es kam ein mittelalterlicher Mann herein, ich sass an meinem Laptop und schrieb. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er sich direkt gegenüber von mir positionierte und mich dann taxierte. Er starrte in meinen (nicht sehr grossen) Ausschnitt, musterte mich unverhohlen. Ich nahm meine Sachen und setzte mich an einen anderen Platz, so dass zwischen mir und ihm eine Säule war. Der Mann aber lehnte sich einfach nach vorne und starrte an der Säule vorbei nach mir. Ich wurde wütend, und sagte, er solle aufhören. Worauf er entrüstet ausrief, das sei ja wohl eine Frechheit. Ich stand auf und ging. Was hätte ich anderes tun sollen? ich musste dringend einen Text abgeben, hatte keine Zeit für Auseinandersetzungen. Meine ‚persönliche Freiheit’ war zu gehen, obwohl ich eigentlich gern dort weiter gearbeitet hätte. Ich war also diejenige, die gehe musste, mein Bewegungsraum wurde durch die Blicke dieses Mannes direkt eingeschränkt.“

Offenbar hat sich Schutzbach durch den Blick des Mannes unwohl gefühlt. Jetzt kann man sich fragen, ob sie die Situation nicht viel anders hätte lösen können? Eine Möglichkeit wäre beispielsweise gewesen, wenn sie einfach den Mann vollständig ignoriert hätte, dann hätte sie auch nicht bemerkt, dass er sie offenbar längere Zeit anschaut oder beobachtet und das Problem wäre für sie gelöst gewesen. Sie hätte sich auch einen Platz im Kaffee aussuchen können, bei dem sie dem Mann den Rücken zudreht – also auch hier: „aus den Augen, aus dem Sinn“. Eine Möglichkeit wäre ausserdem gewesen, den Mann selbst anzustarren, sodass es ihm vermutlich unangenehm geworden wäre, wenn er sich bei seinem Anstarren auch angestarrt fühlt. Eine weitere Handhabe, um mit dieser Situation umzugehen, hätte darin bestanden, dass sie dem Mann auf eine freundliche Art und Weise mitgeteilt hätte, dass sie den Eindruck habe, dass er sie seit längerer Zeit anstarren würde und sie sich dabei sehr unwohl fühle und er dieses Verhalten doch freundlicherweise unterlassen solle. Man bekommt hier schon den Eindruck, dass sich Schutzbach unbedingt als Opfer inszenieren möchte, dem ein grosses Unrecht angetan wurde und dem als letzte Handlungsmöglichkeit nur noch die Flucht aus dem Kaffee bleibt.

Männer auch Opfer, aber bitte ohne gesellschaftlichen Kontext

Franziska Schutzbach schreibt:

„Auch Männer erfahren Sexismus, aber dabei kann einfach nicht von einer gesellschaftlichen Gesamtdynamik gesprochen werden, oder von einer einfachen Umkehrung. Wenn Männer auf ihre Sexyness reduziert werden, geschieht dies vor einem anderen kulturhistorischen Hintergrund, das heisst ihr Subjektstatus steht dadurch als Gruppe nicht ernsthaft infrage.“

Die Frage würde sich hier stellen, was Schutzbach damit meint, wenn sie behauptet, es könne nicht von einer gesellschaftlichen Gesamtdynamik gesprochen werden. Wenn z.B. 30% der Männer auf ihr sexy Aussehen reduziert würden, hätten wir dann eine gesellschaftliche Gesamtdynamik oder erst bei 100%. Und was nun der kulturhistorische Hintergrund für die Menschen in der Gegenwart zu tun haben soll, wenn sie auf ihre Körperlichkeit reduziert werden, ist m.E. nicht ersichtlich. Zum einen geht es einmal um den konkreten einzelnen Menschen: den Einzelfall. Das heisst, wenn beispielsweise ein Mann durch eine Frau eine Körperverletzung davon trägt, spielt es keine Rolle, ob dies nun kulturhistorisch ein Novum ist oder nicht; die Schmerzen und die ev. sonstigen Schädigungen werden dadurch nicht geringer. Zum Subjektstatus: Schutzbach will damit hoffentlich nicht behaupten, dass der Vorfall im Kaffee, den sie weiter oben geschildert hat, alle Frauen genau gleich erfahren/erleben und interpretieren würden wie sie selbst. Dieses Kollektiv-Singular „Frau“ – damit ist u.a. gemeint, dass quasi sämtliche Frauen ihre Lebenswelt identisch erfahren und interpretieren würden, ist ein Mythos. Selbstverständlich gibt es Frauen, die den Vorfall im Kaffee ähnlich erfahren und interpretieren würden wie Schutzbach, aber dies dürfte m.E. eine Minderheit der Frauen sein. Gewissen Frauen wäre der Mann überhaupt nicht aufgefallen, andere hätten ihn schlichtweg ignoriert und wieder andere hätten ihm den Rücken zugedreht und die Sache wäre vermutlich auch gegessen gewesen.

Die kulturhistorische Bedeutung des Blicks

Franziska Schutzbach schreibt:

„Sowieso unterschlägt El Arbi die kulturhistorische Bedeutung des Blicks und reduziert ihn auf ein rein biologisches Programm. Wie Laura Mulvey in ihrer Filmtheorie gezeigt hat, ist der aktive Blick „männlich“. Das heisst in den meisten Filmen wird die Kamera gemäss einer androzentrischen Ordnung geführt, in der Männer den sehenden Part haben und Frauen den Part des gesehen werdens. Kurz: Männer schauen, Frauen werden geschaut.“

Nun kann man sich natürlich fragen, ob man kulturhistorische Filmtheorie auf Begegnungen zwischen Frauen und Männer im öffentlichen Raum des 21. Jahrhundert eins zu eins übertragen kann und ob hier überhaupt ein Konnex besteht. Und man könnte sich dann auch gleich fragen, wer Frauen heute in den westlichen Industrienationen daran hindert, selbst einen aktiven Blick in den alltäglichen Begegnungen und im Film einzunehmen?! Auch hier entsteht wiederum der Eindruck, dass es Schutzbach vor allem darauf anlegt, Frauen als ewiges Opfer des Mannes zu zelebrieren, das von irgendwelchen ominösen Mächten daran gehindert wird, ein selbst gewähltes Leben zu leben.

Franziska Schutzbach schreibt:

„Das hat damit zu tun, dass historisch das Subjekt männlich konnotiert war: Mensch = Mann, Bürger = Mann (in der Schweiz durften Frauen erst ab den 1970er Jahren abstimmen). Natürlich hat sich seither vieles verändert.“

Es ist richtig, dass die Schweiz in Europa eines der letzten Länder war, das auf Bundesebene das Wahlrecht für Frauen einführte. In Deutschland war beispielsweise das Wahlrecht für Frauen bereits 1918 Tatsache geworden und auch ein beträchtlicher Teil der Männer hatte de facto erst zu diesem Zeitpunkt das Wahlrecht. Zumal vor 1918 ein grosser Teil der Männer auch vom Wahlrecht ausgeschlossen wurde: Im Jahre 1871 beispielsweise durften de facto nur 20% der Gesamtbevölkerung wählen; das bedeutet, dass 60% der Männer de facto nicht wählen durften.

Popkultur und die Frau für einmal kein Opfer, aber nur ganz kurz …

„Aber ein Blick in die Popkultur zeigt bis heute, dass Frauen oft Ausstattung, Dekoration, Sexobjekt sind (was sogar El Arbi in seinem Text bestätigt). Frauen sind oft dazu da (zum Glück nicht immer), um angeschaut zu werden.
Das heisst noch lange nicht, dass Frauen, die sich in eine solche Position begeben und ihren Ausschnitt in die Kamera halten oder im Minirock herumlaufen per se „Opfer“ sind, oder Unterdrückte. Natürlich sind sie Akteurinnen, die auch eine freie Wahl oder einfach verschiedene Stile haben. Aber die sexistische Grundlogik, nach der wir in einem System leben, das einen grossen Teil seiner Dynamik daraus zieht, Weiblichkeit in der Objekt-Position zu halten, bleibt auch dann bestehen, wenn Frauen diese Dinge freiwillig tun und damit manchmal gut Geld verdienen.“

Von der kulturhistorischen Filmtheorie über das Wahlrecht sind wir nun bei der Popkultur gelandet. Frauen sind also für Schutzbach nicht per se Opfer, weil sie ja frei wählen können, ob sie sich als Sexobjekt darbieten wollen oder nicht – das wäre ja schon mal eine gute Nachricht. Doch die Frau-als-Opfer-Rhetorik währt nur kurz und wird sogleich in den nachfolgenden Sätzen wieder eingeführt und zwar durch ein System, das Weiblichkeit in einer Objekt-Position hält. Folglich nichts mehr mit freier Wahl und so für die Frauen: Das System zwingt die Frauen in eine Objekt-Position! Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer denn dieses ominöse System genau ist? Und vor allem auch, wie das System den Frauen diese Objekt-Position aufzwingt? Leider erfahren wir auch diesbezüglich nichts von Schutzbach.

Verhandlungsdemokratie und die ubiquitären gesellschaftlichen Verhältnisse

Franziska Schutzbach schreibt:

„Vielleicht noch dies: Wenn ich der Meinung bin, auch sexuell intendierte Blicke seien unterschiedlicher Art und müssten diskutiert werden, dann heisst das natürlich nicht, dass ich sexuelle Impulse allgemein unterdrücken will. Für mich bedeutet in einer Demokratie zu leben aber, dass alles, ausnahmslos alles verhandelbar ist. Auch Blicke. Auch Biologie. So zu tun, als gäbe es Felder, die jenseits von gesellschaftlichen Verhältnissen einfach ‚so sind’, wie sie sind, und zu unterstellen, darauf hätten Menschen keinen Einfluss, ist historisch wie aktuell falsch. Das Argument, es sei einfach Biologie, hat man schon vor 200 Jahren gebracht, als die Vagina noch als ein nach innen gestülpter Penis definiert war und Frauen folglich als ‚minderwertige Männer’.“

Schutzbach spricht von Felder, wobei überhaupt nicht klar wird, was sie überhaupt unter dem Begriff „Feld“ versteht. Tatsache dürfte sein, dass es nun mal rein biologische Phänomene gibt. Die Präferenz zur männlichen Homosexualität ist nun mal rein biologisch bedingt (Genetik plus hormonelle Einflüsse etc.) und gesellschaftliche Verhältnisse spielen bei der Entstehung dieser Neigung/Präferenz überhaupt keine Rolle. Ob diese Neigung dann beispielsweise eher in der Öffentlichkeit oder im Privaten ausgelebt wird, bestimmen selbstverständlich dann wiederum auch gesellschaftliche Verhältnisse.

Fazit, Resümee, Schluss

Zusammengefasst bekommt man vom Text von Schutzbach folgenden Eindruck: Es wird viel behauptet, ohne jedoch diese Behauptungen mit Begründungen zu versehen. Begriffe (Konstrukte) und gesellschaftliche Mechanismen werden nicht definiert bzw. erklärt, geschweige denn operationalisiert, sodass schlussendlich alles und nichts darunter verstanden werden kann und es vor allem von der subjektiven Einschätzung/Befindlichkeit der Autorin abhängt, wann ein Blick zum Anstarren wird, wann er machtförmig wird, welche Körperteile besonders dafür prädestiniert sind und von welcher Person dieser Blick ausgehen muss (der Blick eines Kindes, das glotzt oder starrt, würde vermutlich nach Schutzbach nicht unter einen „machtförmigen Blick“ subsumiert werden) und wie dies alles mit einer gesellschaftlichen machtförmigen symbolischen Ordnung zusammenhängen soll. Ein solch schwammiges und auf subjektiven Befindlichkeiten aufbauendes Konzept taugt jedoch sicherlich nicht dazu, um menschliches Verhalten konstruktiv zu regulieren: das Gegenteil ist der Fall, es befördert Willkür.

Opfer sind bei Schutzbach primär mal die Frauen. Wenn Männer Opfer sind, dann ist dies selbstverständlich weniger schlimm und sicherlich nicht in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu verorten, weil die gesamtgesellschaftliche symbolische Ordnung macht selbstredend nur Frauen zu Opfer; bei Männer handelt es sich vermutlich um tragische Einzelfälle. Merke: Wenn Frauen Opfer werden, dann ist dies immer strukturell bzw. gesellschaftlich bedingt, wenn Männer Opfer werden, dann handelt es sich um einen Einzelfall ohne jegliche Verbindung zum Gesellschaftlichen.

Quelle:
https://franziskaschutzbach.wordpress.com/2016/06/28/ich-will-arsch-schauen/