Fundstück: Fehler der Polizei als Test für das eigene Handeln

Gestern hatte ich bereits einige typische Wahrnehmungsfehler erwähnt, die auch mir immer wieder passiert: Geschriebene Texte wirken unfreundlicher als sie gemeint sind und ich stelle mir die Autoren auch entsprechend in Rage vor. Dazu kommt das „Tunnellesen“ – ich blende unpassende Fakten aus und nehme vor allem die wahr, die meine bisherige Ansicht sowohl von der Sache als auch der Person stützen.

Das hat mich auf die Idee gebracht, noch ein Fundstück herauszusuchen, das mir immer wieder ein Aha-Erlebnis beschert. In Alternativlos, Folge 6 machten Fefe und Frank Rieger eine „Sondersendung zu den Themen Polizei (Einsätze, Taktik, Ausrüstung, wie man sich geschickt verhält) und Netzneutralität.“

Sie kommen unter anderem zu sprechen auf die Polizeidienstvorschrift, genauer die PDV 100, welche geheim ist. Zwischen 43:27-50:03 geht es um die Fragen: Warum eskalieren Einsätze von Seiten der Polizei unabsichtlich? Was sind die gängigen Fehler, die Koordinatoren eines Polizeigroßeinsatzes machen? Die Antworten sind den Kommentaren zur PDV, also dem Lehrmaterial, zu entnehmen. Und diese sind für die Öffentlichkeit erhältlich.

Die für mich augenöffnende Aussage, an die ich mich noch Jahre später erinnern konnte: Einer der häufigsten Irrtümer besteht darin, dem Gegner koordiniertes Handeln zu unterstellen.

Es gibt direkt darauf noch zwei weitere Erkenntnisse. Fehler Nummer zwei: Unklare Lage, die Zahl der gewaltbereiten Gegner wird durch die Meldekette immer größer. Problem Nr. 3: die Kultur in den geschlossenen, kasernierten Hundertschaften – die halten zusammen und bilden verschworene Gruppe mit Korpsgeist.

Ich gehe die drei Punkte im umgekehrer Reihenfolge durch. Der letztgenannte läßt sich ja recht einfach auf Blogblasen und sonstige Gemeinschaften übertragen. Je mehr Abgrenzung und je weniger Kontakt mit dem Rest der Welt, desto eher kann die Stimmung in Richtung „wie sind rein und gut, die anderen sind falsch und böse“ kippen. Das ist dann natürlich nicht förderlich, um Fehler und Vergehen von Leuten aus den eigenen Reihen mit der angemessenen Härte zu veurteilen und umgekehrt anzuerkennen, wenn jemand von den „Gegnern“ etwas richtig gemacht hat, etwa durch einen sinnvollen Vorschlag.

Der mittlere Punkt wird natürlich dadurch verstärkt: Wenn die Leute kaum noch eine gemeinsame Bezugsbasis etwa in Form von Nachrichten haben, wird es entsprechend schwer, selbst unter verständigen Menschen überhaupt noch eine Schnittmenge der Realität zu finden. Wenn dann ein Gerücht über eine Gruppe von skrupellosen Gegnern aufkommt, die sich sammelt, und es als besonders verwerflich gilt, eine Gefahr kleingeredet zu haben, gibt jeder das Gefühl wie eine Nachricht weiter und verstärkt es dadurch. So kann praktisch aus dem Nichts eine Atmosphäre der unmittelbaren Bedrohung aufkommen. So als ob die Orks vor Minas Tirith stehen.

Aber die größte Erleuchtung ist und bleibt, zu erkennen, dass man irrtümlicherweise annimmt, dass die Gegnern in der Debatte alle miteinander verbündet sind. Kein Wunder, wenn man sonst zu Verschwörungstheorien neigt, man scheint es ja von allen möglichen Seiten zu bekommen. Dabei lassen sich mit ein wenig Willen sehr leicht Gruppen unterscheiden, die zwar einen großen, allgemeinen ideologischen Gegner haben, sich selbst in ihrer Weltanschauung jedoch auch alles andere als grün sind.

Vor einem Monat etwa war der Konflikt Radikalfeministinnen gegen intersektionale Feministinnen recht deutlich zu erkennen. Ich begrüße es, dass ich diese Unterscheidung feministischer Gruppen in Hinblick auf ihr unterschiedliches Weltbild immer häufiger lese – es scheint sich langsam eingeübt zu haben.

Der größte Gewinn für einen selbst besteht dann darin, dass man recht gut vorhersehen kann, wie die jeweiligen Gruppen auf aktuelle Ereignisse reagieren. Es ist keineswegs zufällig oder wechselhaft; die Reaktionen sind immer so, dass die Deutung und Wertung mit dem eigenen Wertesystem zusammenpasst. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird die scheinbar wirre Welt ein Stück erklärbarer, ohne dass man eine Verschwörung finsterer Mächte dafür braucht, so dass die Erklärung keine Angst macht. Es ist im Gegenteil befreiend, etwas zu verstehen.

Oder man nehme umgekehrt einige Gruppen, die zwar als Mainstream-Feindbild taugen, sich aber untereinander keineswegs wohlgesonnen sein müssen: PUA und MGTOW grenzen sich gerne voneinander ab. Und kein entsorgter Vater oder Maskulist muss automatisch mit einer der beiden etwas zu tun haben. Ich halte es außerdem für eine Internet-Großstadtlegende, dass sich so häufig wie berichtet Leute „gezielt in Foren verabreden“, um dann massenhaft unter Artikeln negativ zu kommentieren o.ä. – es gibt nur eine viel besser Erzählung her, dass es so passiert sei, weil man als Vertreter der Meinung des ursprünglichen Artikels die starke Ablehnung als „verabredet, also aufgebauscht“ abtun kann. Dass bei entsprechender Reichweite tatsächlich viele Leute von Video A oder Twitterkonto B zu Artikel C finden – geschenkt.

Dass sich nicht alle Gegner in einer Auseinandersetzung gegen einen verschworen haben und man sich selbst um einige wichtige Erkenntnisse bringt, wenn man das annimmt, das war die Lehre, die ich aus dem Podcast gezogen habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da es eingangs um die Polizei ging…

The Police: Bring On The Night

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Fundstück: Postfaktischer Lookismus à la Kanada

…oder „wenn es ein charismatischer Progressiver macht, ist das ja nicht so schlimm“. Gut, es ist nichts Neues: Leuten im eigenen politischen Lager läßt man mehr durchgehen und Charismatiker können mit erstaunlich vielen Dingen durchkommen. Das bringt dann den Riesennachteil mit sich, dass solche Personen an der Spitze auch für objektiv fiese Sachen nicht großartig kritisiert werden. Oder wie ich über Barack Obama und seine Drohnenmorde schrieb:

Die Sache mit der Überwachung und den Drohnen war ja schon immer falsch. Es schienen nur viele gehemmt zu sein, einen jungen, charismatischen Präsidenten dafür zu kritisieren. Spätestens jetzt, wo klar ist, an wen diese Instrumente demnächst gehen, könnte doch auch der letzte aufwachen und darauf kommen, dass Barack Obama der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit da keinen Gefallen getan hat.

Aber warum die USA alleine kritisieren, wenn in Kanada dieser Kniff noch viel besser zieht? Oder wie es Frank Rieger bezogen auf den kanadischen Premierminister im Fnord-Jahresrückblick 2016 (22:42-26:00) ausdrückt: „Justin Trudeau zeichnet sich primär dadurch aus, dass er sehr gut aussieht und offenbar auch sehr nett ist.“ Er habe es dadurch einfacher in der Politik. Wenn man so eine gute Ausstrahlung habe, dann bekomme man eine Menge Sachen durch: Überwachungsstaat, Ölpipelines..

Fnord-Jahresrückblick 2016 (22:42-26:00)

Wie Fefe im Dezember kommentierte, als Trudeau eine umstrittene Pipeline genehmigte:

Der sieht gut aus, hat sein Kabinett genau zur Hälfte mit Frauen bestückt, hat ein paar Mal Virtue Signalling gemacht und jetzt glaubt alle Welt, der sei halt einer der Guten. Und der macht jetzt sowas. Das erzeugt eine Kollision zwischen dem Weltbild („Trudeau ist ein Guter“) und der Realität („Trudeau betreibt aktive Umweltvernichtung“). Ich finde es auffallend, wie sich der Tagesschau-Artikel bemüht, Trudeau nicht zu kritisieren. Achtet mal darauf, ob ihr das auch so empfindet. Da hat sich jemand noch nicht von seinem „der Trudeau ist aber ein Guter“-Weltbild lösen können, selbst als er den Gegenbeweis als Meldung auf dem Tisch hatte.

Und wenige Tage später ging es munter weiter, diesmal betraf es Überwachungsstaat und die Legalisierung von Cannabis (letztere versprochen, aber nicht gehalten).

Dass es vor allem aufs Aussehen ankommt und nicht mehr auf die Taten, das ist postfaktisch. Aber leider ist man davor nicht gefeit, nur weil man dem „richtigen“ politischen Lager angehört oder zu den „Qualitätsjournalisten“. Letzteres ist ein Trauerspiel, denn gerade Medien hätten doch die Aufgabe, hinter einen solchen Schein zu blicken und die Leute aufzuklären.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Musikauswahl heute hat mit den Fakten nichts zu tun, kommt aber aus Kanada.

Bryan Adams: Run To You

Fundstück: Terror-Bingo

Tom174 hat unter dem Titel „Sicherheit und so“ ein paar gute Gedanken zum Amoklauf/Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geschrieben. Besonders einen Kommentar von ihm möchte ich dabei hervorheben:

Vom Terror ganz ab, viele, gerade auch ein Adrian, treibt die angst, dass wir viele unserer Freiheiten verlieren werden. Mich übrigens auch, nicht, weil ich Angst habe, dass wir hier irgendwann die Scharia einführen, sondern weil ich Angst habe, dass die Gegenbewegung einen Backlash erzeugt, der uns einen extrem autoritären Staat beschert.

Das gibt meine eigene Position recht gut wieder. Ich habe mehr Sorge vor einem überbordenden Staat. „Im Namen einer guten Sache bzw. gegen die Bösen“ wurden in den letzten Jahren immer wieder Zensurmaßnahmen eingefordert.

Rufe nach Zensur sowie die Forderung nach einem Aufheben rechtsstaatlicher Prinzipien, wie sie immer nach Amokläufen und Terroranschlägen kommen, sind zwei Dinge, die in dieser Blogblase auch aus anderem Kontext bekannt sind – und in keinem Zusammenhang berechtigt sind. Jemand ist eines Verbrechens verdächtigt, aber noch nicht rechtskräftig verurteilt worden? Dann gilt die Unschuldsvermutung! Egal, wer es ist und egal, um was es geht. So ist das mit dem Rechtsstaat gedacht.

Insofern stehe ich einer Berichterstattung, die jeden kleinsten Schnippsel veröffentlicht, weil er „brandaktuell“ ist, und nicht, weil er überprüft und für wahr befunden wurde, skeptisch gegenüber. Das ist doch „postfaktisch“ und „Fake News“ in Reinform!

Wie sich Erzählungen von vor einem Jahr wiederholen lassen! Damals führten Fefe und Frank Rieger in ihrem Fnord-Jahresrückblick 2015 ein Spiel namens „Terror-Bingo“ (aktuelle Karte) ein – im folgenden Video zu sehen zwischen 56:41 und 1:12:00.

Fnord NEWS Show 2015 [32c3]

Fefe hat das bezogen auf den aktuellen Fall ganz locker wiederholen können. Ungereimtheiten in der offiziellen Version brachten die Nachdenkseiten in einem heutigen Fundstück auf den Punkt: An alles gedacht?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Angesichts der Verrücktheit der Welt optimistisch zu bleiben, auch wenn es ein langer Weg ist, das verbinde ich immer mit folgendem Lied:

Reinhard Mey: Vertreterbesuch