Fundstück: Leszek gegen die Theorie, dass die Leute nicht mehr heiraten

Öfters ist die These zu lesen, dass die junge Generation immer weniger heiratet. Dagegen argumentierte Leszek bei Alles Evolution und nannte entsprechende Veröffentlichungen als Quellen.

Die Kurzfassung:

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.
(…)
Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.
(…)
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Die Langfassung:

Die Interessen der Geschlechtern sind vielschichtig, enthalten widersprüchliche und gegenläufige Tendenzen und sind keinesfalls damit auf einen Nenner zu bringen, dass Frauen und Männer an sich einfach nicht zusammenpassen und es ohne Repression keinen Familien geben könne.

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.

Mal ein paar Zitate zum Forschungsstand der Beziehungs-, Ehe- und Familienforschung:

„Traut man aktuellen Umfrageergebnissen – amtliche Daten liegen nicht vor – , so liegt der Anteil der echten Partnerlosen im traditionellen Familienlebensalter (unter den 30 – 59-Jährigen) inzwischen bei ca. 20 Prozent mit leicht ansteigender Tendenz.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 24)

Trotz der leicht ansteigenden Tendenz also eine klare Minderheit.
„Ist Partnerlosigkeit eher gewollt oder ungewollt? (…) In der Studie von Gunter Schmid und seinem Forscherteam fällt (unter den Partnerlosen) in allen Generationen der hohe Prozentsatz – je nach Generation zwischen 35 und 45 Prozent – der Ambivalenten auf (Schmid u.a. 2006). Einerseits, so ergab die Befragung besteht der Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Rückhalt, andererseits genießt man die eigene Unabhängigkeit und will sich nur ungern einschränken.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 27)

„ Den Partner zu lieben und ihm Freiräume zu gewähren – das sind nach Ansicht junger Deutscher die Schlüsselkomponenten einer guten Beziehung. Eine Partnerschaft funktioniert gut, wenn man dem anderen Freiräume lässt, meinen 98 Prozent der der vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung Befragten 20 – 39-Jährigen“ (BiB , Grafik des Monats August 2014).

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 28)

Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.

Wie sieht es konkret mit Familien mit Kindern aus?

„Wie hoch ist der Anteil von Menschen, die (noch) in Familien leben? Immer wieder kann man in Medienberichten lesen, die „Normalfamilie“ sei bereits in der Minderheit. (…) Aber häufig beruhen solche Aussagen auf einer Fehlinterpretation statistisch-demographischer Daten. Statistiken über Haushaltsformen zeigen, dass die Kategorie „ Ehepaare ohne Kinder“ inzwischen einen relativ hohen Anteil ausmacht, sogar höher als die Kategorie „Ehepaare mit Kindern“. 2003 stieg der Anteil der Ehepaare ohne Kinder im Haushalt erstmals auch in Westdeutschland über den von Ehepaaren mit Kindern (in Ostdeutschland schon 1999). Nur noch etwa ein Viertel aller deutschen Haushalte ist ein Familienhaushalt (im Sinne von: Paare mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt).
Das lässt auf den ersten Blick den Schluss zu, Familienhaushalte seien nur noch eine Minderheit, „Ehepaare ohne Kinder“ sei die relativ häufigste Lebensform – und meist implizit, aber durchaus auch explizit wird suggeriert, es handle sich dabei um kinderlose Elternpaare. Aber das ist natürlich falsch. In der Haushaltsstatistik sind als „Ehepaare ohne Kinder“ alle Ehepaare gezählt, bei denen aktuell keine Kinder im Haushalt wohnen. Und weil die Menschen immer länger leben, steigt der Anteil der älteren Ehepaare, deren Kinder längst den Haushalt verlassen und einen eigenen gegründet haben. In einer personenbezogenen Perspektive zeigt sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung immer noch in Familienhaushalten mit Kindern leben. Ihr Anteil lag im Jahre 2005 – wenn auch bei rückläufiger Tendenz – bei 53 Prozent. Die Rückläufigkeit hat mehrere Gründe. Neben dem Geburtenrückgang gehört auch die gestiegene Lebenserwartung dazu. Dies senkt den Anteil der Familienhaushalte (…). Darüber hinaus zeigt die Haushaltsstatistik nur eine Momentaufnahme. Man müsste wissen, wie lange und in welchen Lebensphasen Menschen sich in dieser oder jener Lebensform befinden. Dafür gab es bis vor kurzem keine statistischen Daten, doch das Problem ist erkannt, und die Lebensverlaufsforschung beginnt, diese Lücken zu schließen.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 28 f.)

„Was wir immerhin aus der Statistik wissen, ist das erstaunliche Faktum, dass die Ehedauer zugenommen hat. Die durchschnittliche Ehedauer lag im Jahre 2004 bei mit 26,8 Jahren um 2, 9 Jahre höher als 1991. Das überrascht, wenn man an den Aufschub der Eheschließung und den Anstieg der Scheidungsquote denkt. Die Erklärung ist auch hier in der erhöhten Lebenserwartung zu suchen.
Immerhin könnte der Eindruck entstehen, Ehe und Familie seien zumindest bei den jungen Erwachsenen bereits zur Lebensform einer Minderheit geworden. Vergleicht man aber die Anteile von nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit denen von verheirateten Paaren in verschiedenen Altersgruppen, dann findet man selbst unter den jungen Erwachsenen bereits mehr verheiratet zusammenlebende als nichteheliche Paare.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 35)

„Das Ausmaß der Ehescheidungen ist schwieriger zu belegen als man meinen könnte. Die Aussage, dass heute immer mehr Ehen nicht durch Verwitwung, sondern durch Scheidung aufgelöst werden, ist sicher richtig, obwohl sie sich strenggenommen mit den Maßzahlen der Demografie nicht belegen lässt, jedenfalls nicht für die letzten Jahre. Denn dafür müsste man zum Beispiel wissen, wie hoch die Anteile der Verwitwungen und der Scheidungen bei den 1980, 1990 oder 2000 geschlossenen Ehen sind. Das wissen wir jedoch für jene Ehen aus diesen Jahren noch nicht, die noch intakt sind, – und das ist die Mehrheit. Zumindest in langfristiger Perspektive ist aber klar, dass der Anteil der durch Scheidung aufgelösten Ehen steigt, was sich nicht nur mit einer erhöhten Scheidungsbereitschaft (…) erklären lässt, sondern zu einem nicht unerheblichen Ausmaß auch mit der gestiegenen Lebenserwartung , weil dadurch die Ehedauer ansteigt und damit auch das Scheidungsrisiko.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 59)

„In der Öffentlichkeit wird gern gesagt: „Jede dritte Ehe wird heute geschieden“, oder auch: „Zwei von fünf Ehen werden geschieden.“ Solche Aussagen beziehen sich auf die einfache Periodenmaßzahl, bei der die Zahl der Ehescheidungen im Laufe eines bestimmten Jahres auf die Zahl der Eheschließungen im gleichen Zeitraum bezogen wird. Die zitierten Äußerungen sind insofern Vereinfachungen. Erst wenn dieses Verhältnis über einen längeren Zeitraum hinweg konstant bliebe, ließe sich eine Aussage über die Entwicklung der Ehe machen. Demgegenüber zeigen Kohortendaten, dass das Ausmaß an Scheidungen bisher meist überschätzt wird.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 60)

Diese Aussagen aus der familiensoziologischen Forschung mal als Beispiele für die tatsächliche Komplexität, die man bei solchen Themen in wissenschaftlicher Perspektive zu berücksichtigen hat und die nicht einfach nur aus ein paar Phrasen aus Evolutionärer Psychologie oder gar PU abgeleitet werden kann.
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Es stimmt natürlich, dass man Ehe und Familie durch starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression künstlich stabilisieren kann. Das funktioniert aber nur auf Kosten einer freiheitlichen und auf den Menschenrechten beruhenden Gesellschaft, also auf Kosten der kulturellen Moderne. Wer keinen Rückfall in die archaischen mythologischen Systeme der Prämoderne wünscht, wer die moderne Gesellschaft und ihre Errungenschaften erhalten will, der wird andere Lösungen finden müssen als starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression um Ehe- und Familienstabiltät zu fördern und dazu gehört mindestens Gerechtigkeit für beide Geschlechter im Ehe- und Familienrecht in Theorie und Praxis.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Darf als Lied beim Thema Familie natürlich nicht fehlen…

Sister Sledge: We Are Family

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Warum ich die Eltern für vernünftiger halte als Manuela Schwesig und das Allensbach-Institut

Ein Bekannter von mir, der Naturwissenschaften studiert hat, sagte einmal folgendes über bezahlte Studien im Auftrag von Politik und Unternehmen: Auf dem Formular zum Ausfüllen sollte stets Platz sein, damit das gewünschte Ergebnis auch eingetragen wird.

Via Frankfurter Erklärung bin ich vor ein paar Tagen auf eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach aufmerksam geworden: „Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf“ (die Studie als PDF). Launisch kommentiert wurde die Berichterstattung darüber bereits von Klaus Kelle: N24 weiß, was Frauen wünschen. Kelle fasst die Ergebnisse der Studie völlig anders zusammen:

Eine neue Studie aus Allensbach bestätigt, was jeder weiß, der mit offenen Augen durch diese Gesellschaft geht.

Die traditionelle Familie aus Mann, Frau und Kindern lebt nicht nur, sie ist weiterhin ein wahres Erfolgsmodell. Und spätestens mit der Geburt des erstens Kindes nehmen die meisten Paare die tradierten Rollenmodelle an – ER, der Berufstätige und „Ernährer“, SIE, die Frau, die sich um ihre Kinder kümmert. Das Interessanteste dabei: die Paare entscheiden sich freiwillig und einvernehmlich für dieses Modell, weil nämlich insbesondere die Frauen die Zeit mit ihren kleinen Kindern nicht als Last, sondern als großes Glück empfinden.

N24 hingegen, so Kelle, spreche davon, dass Frauen vor allem mehr arbeiten wollen. Das ist für sich genommen gar nicht falsch, zumindest wenn sie bereits arbeiten. Neulich wies „der VÄTER Blog“ etwa auf den Mythos Fachkräftemangel hin: „Fachkräftemangel? – Unterbeschäftigte Erwerbstätige wollen mehr arbeiten.„. Klare Sache, 3 Millionen Beschäftigte wollen mehr arbeiten, hingegen eine Million weniger. Nur gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen, ist also rein statistisch kein spezielles Frauenproblem.

Es blieb die Frage, ob Klaus Kelle richtig lag. Die Frankfurter Erklärung wies zusätzlich noch auf einen Artikel der Frankfurter Rundschau hin: Studie: Vater Vollzeit, Mutter Hausfrau.

Da wurde ich schon skeptischer. So lautete eine Bildunterschrift: „Das Konzept einer glücklichen Familie. Doch nach wie vor setzt sich schnell das Konzept der traditionellen Rollenverteilung durch.“ Darin steckt die Wertung, die traditionelle Rollenverteilung sei unvereinbar mit einer glücklichen Familie. Das sollten die Ehepartner doch noch wohl selbst entscheiden dürfen. Selbst wenn das nur 20% wollen (ausgedachtes Beispiel, solange ich die Quelle nicht wiederfinde. Ich hatte vage eine Statistik von Alles Evolution im Kopf, bei der 20% der Frauen Hausfrau sein wollten, 60% ein wenig arbeiten und Kinder haben und 20% nur Karriere, finde den Beitrag aber nicht mehr).

Manuela Schwesig wird damit zitiert, bei vielen Familien liefen Wunsch und Wirklichkeit auseinander – so als ob das allein schon dramatisch wäre, obwohl das im Leben doch oft passiert. Die Grafik in dem Artikel weckte dann vollends meine Skepsis, denn sie enthielt als Kriterium für die richtige, politisch gewollte Aufgabenteilung die Formulierung „So viele halten diese Form für ideal, wenn man auf nichts Rücksicht nehmen müsse“.

Auf zwei Zugfahrten nahm ich mir die Zeit und las mir tatsächlich die gesamte Studie durch. 67 Seiten ist ein schaffbares Pensum.

Die Kurzfassung: Eine Menge „was wir schon immer wussten“ bzw. gesunder Menschenverstand. (Dabei ist es durchaus nützlich, diese Sachverhalte noch einmal ausdrücklich bestätigt zu bekommen.)

S. 4: 43 Prozent der Elternpaare haben ein Kind in ihrem Haushalt, 40 Prozent haben zwei Kinder, 17 Prozent drei oder mehr Kinder.

Das sind ja extrem wenig Kinder, wenn man bedenkt, dass für demographische Stabilität 2,1 gebraucht werden. Hier wurden nur Paare befragt, die bereits Kinder hatten. Selbst wenn die meisten zwei Kinder hätten, müsste es immer noch einige mit mindestens drei Kindern geben. Das ist der erste interessante Sachverhalt, der nicht weiter untersucht wird.

S. 4: In 24 Prozent der Familien verfügen die Väter über einen höheren Schulabschluss als die Mütter, in 27 Prozent haben die Mütter den höheren Schulabschluss. In 49 Prozent der Familien haben beide Partner den gleichen Schulabschluss erreicht.

Also Gleichberechtigung – mit leichten prozentualen Vorteilen für die Frauen.

S. 4: In über drei Vierteln der Haushalte erzielen zwei Personen Einkommen – in etwa jedem fünften Haushalt erzielt nur eine Person Einkommen (einschließlich Elterngeld, Mieteinkommen etc.). In 82 Prozent der Familien ist der Mann der Hauptverdiener.

Also die klassische Aufteilung: Mann Hauptverdiener, Frau evtl. Teilzeit.

S. 5: Nach der Geburt des ersten Kindes und nach den teils kürzeren, teils längeren Elternzeiten, verändern sich die Erwerbskonstellationen der Elternpaare erheblich. In vielen Familien reduzieren die Mütter ihre Berufstätigkeit oder scheiden ganz aus dem Beruf aus, während die Väter Vollzeit berufstätig bleiben. Die vor der Geburt bestehende Dominanz der Vollzeit/Vollzeit-Konstellationen verliert sich und macht einer Vielzahl unterschiedlicher Modelle Platz. Vor allem bestimmen dann Konstellationen mit einer Vollzeitbeschäftigung des Vaters und einer Teilzeitbeschäftigung der Mutter das Bild, wobei aber der zeitliche Umfang dieser Teilzeitarbeit stark variiert.

Also auch hier: Normalität in Anbetracht der veränderten wirtschaftlichen Lage: Ein Gehalt reicht heutzutage meistens nicht mehr; vor dem ersten Kind arbeiten beide Partner voll. „Ein Kind verändert alles.“ und „Ein Kind erfordert Zeit.“

S. 6: Beachtlich: Vor der Geburt des ersten Kindes arbeiten Männer 43 Stunden, Frauen nur 37. Warum?

S. 8 ebenso, dazu: Vater nach dem letzten Kind wieder auf 43 statt 42 Stunden. Männer haben die Wahl zwischen Vollzeit und Vollzeit.

S. 9: 2005-2015: Der Anteil gar nicht oder kaum berufstätiger Frauen geht zurück, Wachstum bei Berufstätigen mit mehr als 15 Wochenstunden und Vollzeit.

S. 9: Durch diese Entwicklung wird das vorherrschende Muster aber noch nicht außer Kraft gesetzt. Nach wie vor wirkt das berufliche Zurückstecken der Mütter beim ersten Kind lange nach. Das lässt sich aus den Berufsverläufen von Frauen erkennen. Lediglich bis etwa zum 30. Lebensjahr ist die Mehrheit der Frauen Vollzeit berufstätig. Danach liegt der Anteil Vollzeit erwerbstätiger Frauen deutlich unter 50 Prozent. Die Weichenstellungen im Zusammenhang mit der Familiengründung betreffen Frauen nicht nur für eine kurze Phase, sondern erweisen sich für viele als berufs- und lebensprägend.

Wer hätte das gedacht? Ein Kind verändert das ganze Leben… nur der Vater darf vorher wie nachher ackern. Viel interessanter: Dass es inzwischen als normal gilt, das erste Kind nicht vor 30 zu bekommen.

S. 12: Das ist also das Ziel der Studie: die Idealvorstellungen von Eltern umsetzen. Was diese Idealvorstellungen sind, dazu kommen wir später noch.

S. 13 und 17: Lesenswerte Zitate.

S. 18: Die meisten Eltern hatten von vornherein feste Vorstellungen, wie eine solche Aufteilung aussehen könnte (58 Prozent).

S. 19: Dabei stimmten die grundsätzlichen Vorstellungen von Männern und Frauen meist überein. Die Aufgabenteilung verlief für 87 Prozent ohne Kontroversen

Die Leute wussten mehrheitlich vorher, was sie wollten, und fanden ohne größeren Streit gemeinsam eine Aufgabenteilung. Klingt doch gut und nach Menschen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen.

S. 19: Grundsätzlich erklären sich 90 Prozent der Mütter und Väter mit der Aufgabenteilung zufrieden (55 Prozent) oder sogar sehr zufrieden (35 Prozent). Das bedeutet aber nicht, dass die getroffene Aufteilung auch bereits der Wunschaufteilung entspräche. Viele Eltern fänden eine andere Aufteilung ideal und hätten sich unter anderen
Rahmenbedingungen auch für eine andere Aufteilung entschieden (vgl. Kapitel 5 sowie Schaubild 23). Bei diesen Eltern signalisiert die geäußerte Zufriedenheit eher die Überzeugung, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste gemacht zu haben.

Noch einmal die Betonung, dass Zufriedenheit nicht das Ideal bedeutet. Beachtlich, dass die meisten entsprechend der Rahmenbedingungen das beste gemach haben.

S. 26: Hauptgründe dafür, dass Väter trotz ihres Wunsches nach einer Elternzeit ihre Berufstätigkeit nicht unterbrachen, waren die Furcht vor Einkommensverlusten bei 60 Prozent dieser Väter, vor Nachteilen im Beruf (38 Prozent) und vor Problemen bei der Organisation im Betrieb (35 Prozent, Mehrfachangaben).
(…)
Ähnliche Befürchtungen halten viele Väter, die in Elternzeit gehen, davon ab, mehr als jene zwei Monate Elternzeit zu beanspruchen, die vom Elterngeld als „Partnermonate“ abgedeckt werden. Dabei hätten sich 54 Prozent der Väter, die nach ihrer
Elternzeit bereits wieder in ihren Beruf zurückgekehrt sind, eine längere Elternzeit gewünscht.

Mit anderen Worten: verantwortungsvolle, moderne Männer.

S. 27: Duch den erkennbaren Wandel der Muster könnte es Vätern in Zukunft leichter fallen, ihre Wünsche nach einer Elternzeit zu realisieren. Ein konkretes Beispiel dafür liefert ein befragter Vater, der sich erst beim zweiten Kind zu einer Elternzeit entschloss, weil in seinem Betrieb inzwischen „jeder“ angehende Vater von der Elternzeit
Gebrauch mache.

Na also!

S. 28 Die Aufteilung der Berufsarbeit wird durch Leitbilder und Idealvorstellungen zur Berufstätigkeit und zur Kinderbetreuung beeinflusst. Zugleich machen sich persönliche Voraussetzungen wie etwa die Berufserfahrungen und die Einkommensverteilung vor der Geburt bemerkbar. (…) Mütter, die bereits vor der Geburt der Kinder im Beruf viel Verantwortung hatten oder gut verdienten, kehren nach der Elternzeit eher auf Vollzeitstellen oder in eine längere Teilzeit zurück als andere.
(…)
Allerdings wirken sich solche Faktoren vor allem auf die Erwerbsbeteiligung der Mütter aus. Die Beschäftigung der meist Vollzeit berufstätigen Väter variiert nach der Geburt der Kinder ungleich weniger.

Mit anderen Worten: Wer ist freier?

Zitate S. 29 (Motive der Aufteilung) zusammengefasst: Mann verdient mehr, Frau wollte für das Kind da sein.

S. 29 Bei ihren Beschreibungen der Aufteilungsprozesse weisen die Mütter und Väter drei Einflüssen besondere Bedeutung zu: Den Wünschen der Mutter, Zeit mit dem Kind zu verbringen, die 70 Prozent als besonders bedeutsam für ihre Aufteilung betrachten, den Wünschen der Mutter, das Kind in den ersten Jahren selbst zu betreuen (66 Prozent), sowie der Einkommensverteilung vor Geburt des Kindes (60 Prozent).

S. 30 die beiden wichtigsten Aspekte (92 und 87 %): Wünsche der Mutter!

S. 31: Etwa die Hälfte der Eltern verfolgt das Leitbild einer spezialisierenden Aufgabenteilung, bei der sich der Vater vor allem um die Berufsarbeit und die Mutter vorwiegend um die Betreuung und Erziehung der Kinder kümmert.
(…)
Von daher handelt es sich hier meist um das Ideal einer „partiellen“ Spezialisierung, in der die Mutter nach längerer Elternzeit in kürzerer Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung wieder berufstätig ist.

S. 31/32: Das Leitbild hat sich seit 1982 stark gewandelt; damals war Berufstätigkeit der Mutter noch wenig beliebt. Frage: Hat die Entwicklung der Löhne etwa etwas damit zu tun?

S. 33: So legen 32 Prozent der Mütter und Väter besonderen Wert auf Elternzeiten von Vätern und 25 Prozent erklären: „Ich finde es für eine Familie am besten, wenn beide Eltern gleich viel arbeiten und sich die Kinderbetreuung gleichermaßen aufteilen“.

Also eine Minderheit.

S. 37: Besonders deutlich unterscheiden sich die Leitbilder in Westdeutschland und Ostdeutschland (vgl. Schaubild 16). International vergleichende Studien zeigen, dass in Ostdeutschland ähnliche Leitbilder vorherrschen wie beispielsweise in Frankreich oder in Schweden. In Westdeutschland war dagegen über Jahrzehnte ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Fremdbetreuung kleiner Kinder prägend sowie auch das Leitbild der spezialisierten Aufgabenteilung zwischen den Partnern.

(Als Quelle dient eine Ministeriumsveröffentlichung!)

Ach, die bösen Westdeutschen! Wollen einfach nicht, was andere wollen. Vergleichsfrage: Wie ist das Einkommen in Ostdeutschland im Vergleich zu Frankreich und Schweden?

S. 39 Zitate: Wer mehr verdient… und das ist der Mann.

S. 39: Dabei wird die scheinbare Offenheit, wer nun die Berufs- und wer die Familienarbeit übernimmt, in der Praxis allerdings dadurch konterkariert, dass berufstätige Männer vor der Geburt des ersten Kindes weitaus häufiger das größere Einkommen erzielen. 46 Prozent der Väter berichten, vor der Geburt des Kindes deutlich mehr verdient zu haben als ihre Partnerinnen.

Wie kommt das, wo doch Frauen im Schnitt sogar leicht bessere Abschlüsse haben? Liegt es daran, dass sie weniger Stunden pro Woche arbeiten?

S. 40 Zitat: Frau hat vorher mehr verdient, wollte aber fürs Kind da sein

S. 40: Hier setzen sich die Betreuungswünsche der Mütter häufig gegenüber dem ökonomischen Kalkül durch.

Die bösen Frauen! Wollen einfach nicht in rein ökonomischen Kategorien denken, sondern ihre Wünsche durchsetzen.

S. 40/41: Dort, wo beide Elternteile vor der Geburt nach eigener Angabe „gut“ verdienten, entscheiden sich sogar 39 Prozent der Paare für eine stärker berufsorientierte Erwerbskonstellation mit dem Vater in Vollzeit und der Mutter ebenfalls in
Vollzeit oder in längerer Teilzeit (Schaubild 21). Insgesamt umfasst der Anteil der Mütter, die in diesen Familien in Vollzeit oder längerer Teilzeit in den Beruf zurückkehren, 44 Prozent.

Die Zahl kann man unterschiedlich interpretieren, nur ist deutlich, dass in diesen Familien offenbar mehr als eine Möglichkeit realistisch ist.

S. 41/42: Erkennbar wirken sich zudem die Chancen zur Erzielung eines höheren Einkommens aus. In den Familien, in denen die Mutter ein Studium abgeschlossen hat, sind nach der Elternzeit beim ersten Kind 37 Prozent in der Konstellation Vollzeit/Vollzeit oder Vollzeit/längere Teilzeit berufstätig (vgl. Schaubild 21). In vergleichsweise vielen der Familien mit akademisch gebildeter Mutter sind die Mütter nach der Elternzeit beim ersten Kind auch in Vollzeit oder längerer Teilzeit berufstätig, ohne dass der Vater Vollzeit berufstätig wäre (13 Prozent); insgesamt entscheiden sich 50
Prozent dieser Mütter für eine Tätigkeit in Vollzeit oder längerer Teilzeit.

Auch andere „Ressourcen“ mit Bedeutung für einen Beruf wie etwa Berufserfahrung und berufliche Anknüpfungsmöglichkeiten wirken in Richtung einer stärkeren Erwerbsbeteiligung von Müttern nach der Elternzeit. Gerade Mütter, die als Fachkräfte oder verantwortliche Mitarbeiterinnen ein besseres Einkommen erzielen können als andere, knüpfen nach der Elternzeit zu weit überdurchschnittlichem Anteil an ihre frühere Tätigkeit wieder an.

Mit anderen Worten: Akademikerinnen haben die größte Chance, eine andere als die klassische Konstellation auszuleben. Wichtig ist dabei, dass sie ein gutes Einkommen erzielen.

S. 42/43 Ein Teil der Eltern erlebt die unterschiedliche Verteilung der Einkommen von Mann und Frau vor Geburt der Kinder aber auch als Hindernis für die Verwirklichung der eigentlich gewünschten Aufteilung. 33 Prozent der Mütter und Väter erklären: „Wenn bei uns die Gehälter anders verteilt gewesen wären, hätten wir uns vermutlich für eine andere Aufteilung von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung entschieden“

Wo ist da das Hindernis? Es bedeuter doch nur: Wären die Verhältnisse anders, würden wir anders handeln. Beachtlich auch, dass dem nur ein Drittel zugestimmt hat – eine überwiegende Mehrheit hätte nichts anders gemacht!

„Gut“, dass nicht die Anschlussfrage gestellt wurde, was die Partner jeweils gelernt / studiert haben und zu welchen Bedingungen sie arbeiteten. Wer weiß, was dann für Unterschiede herausgekommen wären, die natürlich eine bestimmte Aufteilung der Aufgaben naheliegend machten. (Das unterschiedliche Gehalt und die unterschiedliche Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche hatten wir ja schon.)

S. 44 Beträchtlichen Einfluss auf die Aufgabenteilung nehmen zudem die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Man beachte: Es geht nicht um „Kind und Karriere“! Interessant bei den Zitaten, dass flexible Arbeitszeitregelungen angesprochen werden. Ich kann nur vermuten, dass diese sich immer mehr durchsetzen, weil sie der Lebensrealität immer mehr Paare entsprechen. Das wäre tatsächlich einmal ein an der Realität orientierter Untersuchungsgegenstand!

S. 50: Zitate: Ideal ist halb und halb, das geht aber aus finanziellen oder organisatorischen Gründen nicht. Wer hätte das gedacht, dass man sich z.B. koordinieren muss und deswegen nicht jeder bei der Arbeit erscheinen kann, wann er will?

S. 50: Wenn sie auf nichts Rücksicht nehmen müssten, würden insgesamt 47 Prozent der Eltern eine Konstellation wählen, in der beide Partner gleich oder annähernd gleich lange im Beruf arbeiten. Dabei würden sich die 8 Prozent der Eltern für eine Vollzeit/Vollzeit-Konstellation entscheiden bzw. 11 Prozent für eine Konstellation mit dem Vater in Vollzeit und der Mutter in längerer Teilzeit. Diese Konstellationen in denen zur Zeit 31 Prozent der Eltern beschäftigt sind, werden von 19 Prozent als ideal betrachtet. Attraktiver ist eine Konstellation, in der beide Elternteile in Teilzeit berufstätig sind. 28 Prozent der Mütter und Väter finden eine solche Konstellation für sich persönlich ideal.

Beachtlich: Mutter Vollzeit, Vater weniger als Vollzeit wird nicht aufgeführt. Nur 8 Prozent wollen beide Vollstoff arbeiten… und wer hätte das gedacht? Mit zwei halben Stellen kommt man in Zeiten, in denen ein volles Gehalt meist nicht mehr reicht, eventuell nicht über die Runden.

S. 51: Eltern mit höheren Familieneinkommen können sich eher als andere eine solche gleiche oder annähernd gleiche Aufteilung vorstellen (58 Prozent); bereits jetzt arbeiten rund 40 Prozent dieser Eltern in einer solchen Konstellation.

Mit anderen Worten: Eine Stelle, in der die Frau viel verdient, ist eine gute Voraussetzung für gleiche Aufgabenteilung.

S. 53 Zitate

Ich würde meine Frau gerne noch mehr entlasten, aber durch meinen Job gibt es da ja einige Einschränkungen. Gerade jetzt, wo wir wieder ein neues Baby haben, wäre ich gerne vor allem abends frei und früher zuhause, um die Kleinen immer gemeinsam ins Bett bringen zu können, aber wie heißt es manchmal so schön: Das Leben ist kein Wunschkonzert – also machen wir das Beste daraus für alle Beteiligten. (Vater, 42 Jahre, Mutter 24 Monate in Elternzeit, zugleich 20 Stunden Teilzeit berufstätig, West)

Mein Lieblingszitat aus der ganzen Studie!

S. 54: Für die Mütter entsteht aus der Erfahrung der meist dauerhaft ungleichen Verteilung häufig der Eindruck, keine guten Möglichkeiten für eine gleichgewichtige Aufteilung der Familienarbeit sowie für eine stärkere Erwerbsbeteiligung zu haben. Das trägt zum Gesamturteil vieler Mütter bei, dass eine wirkliche Gleichberechtigung der Frau noch lange nicht verwirklicht ist.

Sind Männer besser dran, weil sie nach wie vor aus finanziellen und organisatorischen Gründen kaum eine Alternative zur Vollzeitarbeit haben? Die Statistiken vorher zeigten, dass die Frauen deswegen öfter zu Hause bleiben, weil sie sich es wünschen. Da ist zumindest ein Wunsch verwirklicht.

Die Fragestellung ist allerdings auch Grütz:

S. 55: „Zum Thema Gleichberechtigung: Wie ist Ihr Eindruck: Ist die Gleichberechtigung der Frau weitgehend verwirklicht, oder muss da noch einiges getan werden, damit Mann und Frau bei uns gleichberechtigt sind?“

Das sind keine sich ausschließenden Alternativen. Ich finde, dass die Gleichberechtigung der Frau weitgehend verwirklich ist und gleichzeitig noch einiges getan werden muss, damit Mann und Frau bei uns gleichberechtigt sind.

S. 60: Voraussetzungen für eine gleiche oder annähernd gleiche Aufteilung sind also vor allem
• geeignete Betreuungsmöglichkeiten,
• gute betriebliche Möglichkeiten für Mütter und Väter, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, was geeignete Arbeitszeitmodelle mit einschließt,
• familienpolitische Maßnahmen, die Hürden für eine weniger ungleiche Aufteilung verringern,
• die Bereitschaft beider Elternteile, sich bei der Familienarbeit wie auch bei den beruflichen Plänen gegenseitig zu unterstützen.

Keine überraschend neuen Erkenntnisse, aber es schadet auch nicht, das noch einmal empirisch zu belegen. Vor allem sieht man, dass es mehrere, voneinander recht getrennte Faktoren sind, die alle zusammenkommen müssen, damit es klappt.

Das Blog Familienschutz wies noch auf einen Artikel der Zeit hin, der sich ebenfalls mit der Studie beschäftigt: „Wenn Väter täten, was sie wollen„.

Da finden sich dann Formulierungen wie:

Väter wollen zwar für ihre Kinder da sein, doch sie sind nicht bereit, die Nachteile, die Frauen dafür in Kauf nehmen, zu akzeptieren.

Den Nachteil, dass ihrem Wunsch Vorrang eingeräumt wird, Zeit mit dem Kind zu verbringen (wie es in der Studie steht)? Den Nachteil, zumindest eine gewisse Wahl zu haben, wieviel sie arbeiten wollen? (Mehrmals wird in der Studie als wichtiger Faktor dafür das Einkommen der Frau genannt – sprich: Frauen, die arbeiten wollen, sollten zusehen, dass sie ordentlich verdienen.)

Wenn ein Vater die Hauptlast des Geldverdienens auf sich nimmt, damit die Frau mehr Zeit für die Kinder hat, ist das doch gut! Es zeugt auch von einer vernünftigen Aufgabenverteilung und einem realistischen Blick auf die Welt, so wie er bei den Familien aus der Studie durch die Bank deutlich wird.

Höher als in anderen Ländern ist in Deutschland im Übrigen auch der Anteil der Frauen, der kinderlos bleibt. Dies habe damit zu tun, dass Frauen in Deutschland noch immer nahegelegt werde, man müsse sich zwischen Karriere und Kindern entscheiden, vermutet Schwesig.

Leider steht in der Studie zu beiden Sachverhalten nichts, aber auch gar nichts drin. Letzteres ist also reine Spekulation, die man einfach bei dieser Gelegenheit wieder auspackt.

Ich könnte genauso mutmaßen: Wird in Deutschland noch immer stärker als anderswo auf Männer und Väter eingedroschen mit dem Klischee, sie seien verantwortungslos? Wenn sie nicht arbeiten, sind sie Taugenichtse, wenn sie arbeiten, nehmen sie den Frauen die Karrieremöglichkeiten weg bzw. handeln nicht gleichberechtigt… welche zögerliche Mann möchte mit diesen Negativbildern in Deutschland Vater werden?

Bleibt die Frage, was Politik tun kann, um Eltern zu ermöglichen, eine Aufteilung zu finden, mit der beide zufrieden sind.

Eine Aussage, die so nicht durch die Studie gedeckt wird. Die meisten sind ja der Überzeugung, dass sie den Umständen entsprechend das beste gemacht haben.

Auch das von ihr geplante Entgeltgleichheitsgesetz gehe in diese Richtung. Schließlich sei ungleiche Bezahlung einer der Hauptgründe dafür, dass eher Frauen als Männer ihre Erwerbstätigkeit für Kinder reduzieren.

Auch das steht nicht in der Studie. Stattdessen reduzieren Frauen dann vermehrt, wenn sie deutlich weniger verdienen als ihr Mann. Das tritt erstaunlich häufig auf, obwohl Frauen durchschnittlich leichter besser gebildet sind. Allerdings arbeiten sie auch deutlich weniger Wochenstunden vor der Geburt des ersten Kindes.

Ich freue mich jedoch auf jedes Gesetz, das dann die Gehälter offenlegt und mit dem sich dann zeigen läßt, dass wir tatsächlich bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit angelangt sind. Der Mythos Gender Pay Gap könnte dann endlich als die radikalfeministische Dolchstoßlegende erkannt werden, die er eigentlich ist.

An manchen anderen Faktoren kann die Politik dagegen wenig ändern. Solange in Unternehmen Teilzeitkräfte keine Karrierechancen haben oder Frauen noch immer bevorzugt Berufe arbeiten, in denen man nun mal nicht besonders gut verdient, dürfte auch die partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit schwierig bleiben.

Immerhin noch ein Fünkchen Wahrheit am Ende des Artikels: Die Politik kann nur begrenzt steuern; es ist auch generell fraglich, ob sie sich in die Lebensentwürfe von Menschen einmischen soll, die großen Teilen in Harmonie einen Weg finden. Wenn es sich finanziell lohnt, eben nicht alles 50/50 aufzuteilen, wäre es bescheuert, etwas anderes anzustreben, wenn man dafür keine starke Präferenz hat.

Frauen haben insofern eine große Steuerungsmöglichkeit, als sie selbst entscheiden können, was sie studieren bzw. zu was sie sich ausbilden lassen, wieviel sie dann arbeiten – und wen sie als Partner nehmen. Alle drei Faktoren bestimmen, ob es sich für die Familie lohnt, wenn sie wieder arbeiten geht (und der Mann dafür beruflich kürzer tritt), oder ob es ein harter Einschnitt wäre.

Aber auch Männer kommen in der Studie erstaunlich gut weg: Sie haben eine weitestgehend moderne Einstellung, legen auf Harmonie und Unterstützung der Frau wert.

Überhaupt zeichnet die Studie ein Bild von realistisch durchs Leben gehenden Menschen, die in Kooperation Entscheidungen treffen und damit leben, weil sie eine Familie gründen wollen. Nichts könnte weiter vom Geschlechterkrieg „Männer gegen Frauen“ entfernt sein, den uns einige radikale Aktivisten predigen. Ich muss Klaus Kelle also nach dem Lesen der Studie mit seiner Beurteilung zustimmen.

Einen Punkt möchte ich besonders hevorheben: Die Formulierung „Wenn sie auf nichts Rücksicht nehmen müssten“ (S. 50), mit der die „ideale“ Situation beschrieben wird. Hier ist die Allensbach-Studie erstaunlich dumm.

Wenn ich auf nichts Rücksicht nehmen müsste, würde ich erst gar nicht mehr arbeiten gehen! Das wäre für mich ideal.

Sich für etwas zu entscheiden bedeutet auch immer auf die anderen Möglichkeiten zu verzichten. Das Leben ist kein Schlaraffenland.

Oder wie es der Schwulemiker (alias Adrian) formulierte:

Es kann aber nicht jeder so leben wie er möchte, weil wir in einer Welt knapper Ressourcen leben und daher wirtschaften müssen. Weil wir in Gesellschaft leben und daher das eigene Interesse stets mit den Interessen aller anderen in Balance gebracht werden muss.

Das Leben ist kein Ponyhof!

Genau das haben die Befragten in der Studie verstanden – im Gegensatz zu den Leuten, die die Studienergebnisse formuliert haben. Oder wie der Vater in meinem Lieblingszitat auf S. 53 sagte: Das Leben ist kein Wunschkonzert – also machen wir das Beste daraus für alle Beteiligten.

Wenn das auch bei Manuela Schwesig ankommen würde und sie begreifen würde, dass die meisten Paare da weiter sind als sie selbst es ist, dann könnten wir uns über realitätsorientierte Familienpolitik unterhalten – ohne die stets implizierten Scheuklappen, dass die Frauen Opfer der Verhältnisse sind und die Männer rückschrittliche Egoisten.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nach soviel Lesen etwas leichte Unterhaltung.

Sister Sledge: We Are Family