Fundstück: Hans Teeuwen und die Meinungsfreiheit

Der Stadtmensch weist auf ein interessantes Video zum Thema Meinungsfreiheit hin (Niederländisch mit englischen Untertiteln):

Der Mann, der hier ins Kreuzverhör genommen wird und sich so wacker schlägt, heißt Hans Teeuwen. Ein wenig Hintergrund, diesmal treudoof-naiv aus der Wikipedia übernommen: Anlässlich der Enthüllung eines Monumentes in Gedenken an Theo van Gogh sang Teeuwen ein Lied, in dem er sich ausdrücklich auf die drei Moderatorinnen der Sendung „De Meiden van Halal“ bezog mit einer wenig schmeichelhaften Formulierung. Daraufhin wurde er in die einmalig stattfindende Sendung „Bimbo’s en Boerka’s“ ( 😀 ) eingeladen, aus der obiger Ausschnitt stammt. Das war übrigens im zweiten Halbjahr 2007, ist also schon einige Jahre her. Dieses Gespräch wurde später in den Niederlanden zum „TV-Moment des Jahres“ gewählt.

Dieser in aller Deutlichkeit und doch zivilisiert ausgetragene Streit ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie Meinungsfreiheit und eine gute Debatte aussehen können. Wann könnte man so etwas im deutschen Fernsehen sehen?

Teeuwen zeigt keine Zurückhaltung, wenn die drei Frauen mit ihm diskutieren. Der Witz daran ist: Gerade damit nimmt er sie als gleichberechtigte Gesprächspartner ernst. Es ist das genaue Gegenteil von „da greift jemand eine arme Frau, die ihre Meinung geäußert hat, an!“ (gemeint ist: mit Gegenargumenten), das heute fälschlicherweise so oft „beklagt“ wird.

Beachtlich auch, welche Grenze Teeuwen dann tatsächlich anerkennt: Gewalt, das gehe eben nicht. Also, von dem Mann könnten viele heute etwas lernen…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Heute wird in den Niederlanden in den Königstag hineingefeiert… passt also ganz gut.

Guus Meeuwis: Het is een nacht

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Fundstück: Faschismus aus Angst vor den Nazis

Das Blog „Scheidende Geister“ verweist auf einen äußerst interessanten Artikel von Markus Somm in der Basler Zeitung. Nun mag die Überschrift „Die Faschisten kommen“ im ersten Augenblick etwas drastisch wirken; davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen.

Als Aufhänger dient der Auftritt von Heather Mac Donald, einer konservativen Wissenschaftlerin und Publizistin, an einer US-Uni. Wer hier öfters in der Blogblase mitliest, weiß natürlich schon, was passieren musste:

Kaum war Mac Donald auf dem Campus eingetroffen, wurde sie von der Polizei umstellt, um sie abzuschirmen, weil ein Mob von gut zweihundert Studenten sie am Reden hindern wollte. Es wurde getobt, gedroht, protestiert: «Stellt diese berüchtigte weisse Faschistin ab, die die Überlegenheit der weissen Rasse propagiert!», schrien zwanzigjährige weisse Kinder aus der oberen ­Mittelschicht.

Es lief das inzwischen übliche Programm ab: Studentenproteste, die Uni-Leitung knickte ein. Immerhin wurde die Rede nicht vollständig verhindert:

Was Mac Donald in Claremont erlebte, geschieht an Amerikas Universitäten inzwischen fast alle zwei Monate: Linke stören Vorträge von Leuten, die ihnen politisch nicht passen, sie schreien sie nieder oder wenden Gewalt an. (…) Es ist grotesk: Unter dem Vorwand, den Faschismus zu bekämpfen, wenden junge Leute Methoden an, die nichts anderes als faschistisch sind.

Damit ist der Kern des Problems wunderbar getroffen. Körperliche Gewalt gegen politische Gegner wird begrüßt. Anders als es der Artikel suggeriert, sind wir hier in Europa von solchen Zuständen nicht weit entfernt. Hier gibt es nicht nur für weltweit bekannt gewordene Ereignisse ähnlichen Applaus. Es wird auch ausgiebig die Chance genutzt, einen eigenen Beitrag zum Abbau der Zivilisation zu nutzen, indem man etwa inzwischen offen in der Zeitung Straftaten gegen politisch unliebsame Personen billigt. Und die Freiheit in der Debatte, sie war – je nach europäischem Land – keineswegs größer als die in Amerika; nur dass wir hier meistens nicht so stark auf zwei Extreme konzentriert sind.

Der Artikel wendet sich dann Jonathan Haidt und der Erforschung rechte rund linker Moral zu, was beides z.B. im Blog „Red Pill Berlin“ schon mehrmals Thema war. Die Basler Zeitung dazu:

Besonders verdienstvoll war Haidts Erkenntnis, dass beide, Linke wie Rechte, aus moralischen Motiven zu ihrer Position gelangen, (…) fest steht, beiden geht es nicht darum, den eigenen Egoismus auszuleben, sondern beiden liegt viel daran, die Welt so einzurichten und das Leben der Menschen so zu gestalten, dass es möglichst gut für alle ist.

Und das wäre ja tatsächlich mal eine Gesprächsbasis. Nicht ohne Grund habe ich sowohl Leszek als auch Lucas Schoppe zitiert, die als Linke Konservative würdigen und verteidigen. Genau das ist ein guter Lackmus-Test.

Wenn viele Linke sich heute so schwer damit tun, andere Positionen zu tolerieren, dann liegt es an diesem Missverständnis: Sie halten sich per se für moralisch gut, was sie fast zwangsläufig dazu verleitet, den politischen Gegner als schlecht anzusehen. Dass dieser genauso moralisch motiviert sein könnte, das übersehen sie gerne, umso mehr erlaubt ihnen diese Einstellung, alle Mittel anzuwenden, um einen vermeintlich moralisch so verwerflichen Gegner anzugreifen. Das macht es so gefährlich. Menschen, die sich immer für gut halten, sind das Gegenteil von jenen Leuten, die das Gute tun. Wer sich so sicher ist, dass er auf der richtigen Seite steht, verliert alle Hemmungen, sich durchzusetzen. Der Zweck heiligt die Mittel. Er wird böse, um dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen – und merkt nicht mehr, dass er der ­Einzige ist, der böse handelt. Redefreiheit? Aber selbstverständlich, solange es dem entspricht, was gut ist – und was gut ist, wissen wir, nicht die andern.

Hier haben wir in einem einzigen Abschnitt das größte Problem für die politische und gesellschaftliche Debatte zusammengefasst. Es kann natürlich genausogut in die andere Richtung schiefgehen: Konservative, die meinen, die Linken wollten die Welt zerstören, und sich deswegen gar nicht erst anhören, was sie zu sagen haben. Ich habe das persönlich erlebt, ohne mich als besonders linken Menschen zu sehen – es reichte in diesem Fall aus, nicht konservativ zu sein (übrigens auch ein wunderbares Spiegelbild der heutigen Debatten!)…

Es mag keine neue Erkenntnis sein, was in besagtem Artikel steht, aber ich finde viele gute Gedanken so kurz und knapp ausgedrückt, dass ich ihn erwähnen wollte. Genießen wir die Freiheit und lassen wir uns nicht von Kulturpessimisten unterkriegen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Lebenslust und eine positive Einstellung: In diesem Lied von Pierre Attaingnant wird nur einer Flasche Wein „der Krieg erklärt“…

Tourdion

Fundstück: Wie man eigene blinde Flecken erkennt

In einem längeren E-Mail-Austausch über Fettlogik und Homöopathie kommen Nadja Hermann (Erzählmirnix) und Natalie Grams unter anderem auf „blinde Flecken“ im früheren Weltbild zu sprechen:

Nadja Hermann:

Und was mir ebenfalls hätte eine Warnung sein können: Ich bin jemand, der an sich sehr gerne diskutiert und seine Meinung sagt, auch wenn die kontrovers ist. Beim Thema Gewicht war das allerdings ganz anders und ich ging solchen Diskussionen von vornherein aus dem Weg.

(an Natalie Grams gerichtet:)

Was denkst du, was dir letztlich geholfen hat, ein Umdenken überhaupt zuzulassen und woran man erkennen kann, dass man sich in einem Thema irgendwie verrant hat? Was können Warnzeichen sein und was kann man tun?

Natalie Grams:

[I]ch glaube, ein Warnzeichen war, dass ich mich so tierisch aufregt habe über die Homöopathie-Lüge und die Rezensionsschlacht bei Amazon. Wenn ich die besseren Argumente gehabt hätte, hätte ich doch ganz ruhig bleiben können. Ich habe gemerkt (…), dass ich meine Souveränität, meine Sicherheit verliere. (…)

Also, vielleicht ist der Punkt, wenn man merkt, dass einen eine Aussage total aufregt, dass man – bevor man reflexartig zurück schießt, wie blöd der andere ist – mal inne hält und sich überlegt, warum einen das SO aufregt. Ich glaube, wenn man dann ganz ehrlich zu sich ist, dann sind neue Erkenntnisse möglich und auch ein Umdenken – egal welchen Bereich das betrifft.

Nadja Hermann:

Das würde ich so unterschreiben. Wenn ich merke, dass ich nach Ausreden suche, um die Argumente gar nicht erst anzuschauen und mir z.B. sage, dass die Person eh doof ist oder ich keine Lust auf so einen Quatsch habe, nehme ich das inzwischen als Warnzeichen, dass ich vielleicht auch nur Angst davor habe, dass an dem Argument tatsächlich etwas dran ist.

Diese Ratschläge kann man natürlich auf beliebige weltanschauliche Themen anwenden, weswegen ich sie so sinnvoll finde. Ich finde sie glaubwürdig präsentiert, weil beide das nicht anderen vorschreiben, sondern von sich selbst berichten, wie sie jahrelang falsch gelegen haben.

Auch interessant: „Wenn es mich triggert“ – ist es gut! Das widerspricht ja allen Forderungen, bestimmte Themen, Wörter – ja, sogar Personen – aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, weil sie so „problematisch“ und „traumatisierend“ sind.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bequeme „Erklärungen“, mit denen man sich selbst einlullt, und eine Heilung dagegen ist nur schwer zu finden… da fielen mir folgende Band und Titel ein:

The Cure: Lullaby

Gastartikel: Leszeks Konzept des integralen Antisexismus und das Reden mit Linken

In der Diskussion zu Leszeks Kritik des sexualfeindlichen feministischen Zustimmungsprinzips wurden an Leszek die Fragen gerichtet, ob er seine anti-genderfeministische Haltung vertreten könne, wenn er sich in linken Kontexten bewege, und wie man dort auf ihn reagiere. Leszeks Antwort ist (mal wieder) einen Gastartikel in Form eines vollständigen Zitates wert:

Also, das kommt darauf an, mit was für Personen man es zu tun hat. Handelt es sich um politisch korrekte bzw. gender-feministische Dogmatiker, dann ist natürlich wie bei allen Dogmatikern eine rationale Diskussion in der Regel aussichtslos.

Die Mehrheit der Personen innerhalb der Linken sind aber nicht fanatisch politisch korrekt oder ideologisch überzeugte Anhänger des Gender-Feminismus, sie sind meist nur uninformiert und/oder stehen selbst – ob es ihnen bewusst ist oder nicht – unter dem Druck der postmodernen PC.

Ich mache häufig positive Erfahrungen in Diskussionen mit anderen Linken, wenn ich meine geschlechterpolitischen Ansichten erkläre. Um zu vermitteln, dass meine geschlechterpolitischen Auffassungen vernünftig und vor dem Hintergrund einer linken Weltsicht begründbar sind, braucht es aber oft zwei Voraussetzungen:

1. Es muss ausreichend Zeit dafür vorhanden sein bzw. es muss ausreichend Interesse am Thema bei dem Diskussionspartner vorhanden sein, denn manches muss ja eben auch genauer erklärt und begründet werden.

2. Es muss glaubwürdig vermittelt werden, dass ich kein Gegner der Gleichberechtigung bin, sondern dass ich den Gender-Feminismus (und andere radikale Formen des Feminismus) ablehne, weil ich für Gleichberechtigung bin und dass ich jegliche normativen Geschlechterrollen-Leitbilder ablehne – egal ob es sich um traditionalistische oder gender-feministische normative Geschlechterrollen-Vorstellungen handelt oder was auch immer.

Wenn ich dann im Laufe der Diskussion genauer erkläre, was ich unter integralem Antisexismus verstehe – eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, die darauf abzielt Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen alle Geschlechter betreffend in wissenschaftlicher und geschlechterpolitischer Hinsicht zu berücksichtigen und ein paar Beispiele hierzu gebe, bei denen ich männerrechtliche Anliegen einbeziehe, bekomme ich oft Zustimmung.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Vom Livealbum „LeftRightLeftRightLeft“ – und handelt auch noch vom Reparieren…

Coldplay: Fix You

Fundstück: Lucas Schoppe und die Goldene Regel

Lucas Schoppe machte einen äußerst vernünftigen Vorschlag für eine bessere Debatte:

Die Definition, wer für den Hass stehe und wer für die Liebe, wird selbstverständlich nicht zur Diskussion gestellt. Das ist schade. Ich hätte nämlich gern noch aufgeschrieben, dass es schon ein guter Anfang wäre, sich einfach wieder auf die Goldene Regel zu beziehen. Sie findet sich in ähnlicher Form in ganz unterschiedlichen Kulturen und ist gleichsam Basiselement eines stabilen Zusammenlebens in größeren Strukturen.
(…)
Die Projektion aber, dass die anderen, die Gegner, die Hater immer auf der Seite der Macht stünden, dass sie also keineswegs mit denselben Maßstäben zu messen seien wie wir, die emanzipatorischen und liebevollen Kräfte – diese Projektion verhindert es gerade, die so entscheidend wichtige Goldene Regel noch für relevant zu halten.

Das schöne an dem Vorschlag ist, dass er eben nicht für eine ganz bestimmte Seite steht, sondern sich auf jedes Lager anwenden läßt.

Wenn Schoppe so weitermacht, kann er bald ein Buch herausgeben mit seinen besten Texten.

Meta

Dieses Blog ist letzten Monat drei Jahre alt geworden. Das ist eine gute Gelegenheit, um offiziell zu machen, was sowieso schon seit Monaten schon so läuft: Schaffen wir doch die „festen Tage“ ab. Von mehreren Autoren habe ich gelesen, dass sie phasenweise Zeit haben und nicht „einmal im Monat“.

Warum also nicht „ein Artikel pro Tag“? Wenn ich beim Einstellen sehe, dass für einen bestimmten Tag schon etwas geplant ist, kann ich den Artikel leicht auf den nächsten freien verschieben.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Learn the golden rule“ heißt es auch bei Inner Circle…

Inner Circle: Bad Boys

Fundstück: Die Debatte mit Argumenten gewinnen

Fefe mal wieder: Haut doch glatt am Wochenende zwei Überlegungen zur Debatte raus, die richtig schön nachdenklich sind.

Ich finde das ja furchtbar, wenn wir den Krieg der Ideen gegen die Rechten nicht mit Ideen gewinnen können, sondern indem wir ihnen den Mund verbieten. Lange wird das nicht mehr dauern, fürchte ich, bis die genug Mehrheit hinter sich haben, dass wir die Minderheit sind, und dann werdet ihr euch noch alle umdrehen, wenn euch die Werbeeinnahmen wegbrechen.

Richtig, es droht ein „die Geister, die sie riefen…„. Wie ich schon schrieb:

Genau das passiert, wenn man irgendwelche schwammigen Begriffe ins Feld führt, um andere Leute, deren Meinungen einem nicht passen, zum Verstummen zu bringen: Dieselben Regelungen werden dann irgendwann vom ideologischen Gegner gegen einen selbst angewandt.

Die erste von Fefe verlinkte Meldung über Fake News stellte sich inzwischen übrigens selbst als Fake News heraus. Also damit konnte ja niemand rechnen!

Fefe im zweiten Beitrag zum Prinzip, dass gegen „den Feind“ eben nicht alles erlaubt ist:

Ideen bekämpft man mit besseren Ideen. Nicht mit Angriffen auf Personen.

Spielt ihr auch Schach, indem ihr den gegenüber auf dem Parkplatz verprügelt?

Ich würde gerne inhaltlich gewinnen, nicht weil meine Seite die besseren Bullys hat.

Amen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es ums Prügeln geht… „Buddy haut den Lukas“ ist zwar sicher nicht der beste Film von Bud Spencer, aber ich fand diese Szene immer cool, in der er sich mit früheren Gegnern zusammentut, als die Not es erfordert.

Guido & Maurizio de Angelis: All For One

Fundstück: Fehler der Polizei als Test für das eigene Handeln

Gestern hatte ich bereits einige typische Wahrnehmungsfehler erwähnt, die auch mir immer wieder passiert: Geschriebene Texte wirken unfreundlicher als sie gemeint sind und ich stelle mir die Autoren auch entsprechend in Rage vor. Dazu kommt das „Tunnellesen“ – ich blende unpassende Fakten aus und nehme vor allem die wahr, die meine bisherige Ansicht sowohl von der Sache als auch der Person stützen.

Das hat mich auf die Idee gebracht, noch ein Fundstück herauszusuchen, das mir immer wieder ein Aha-Erlebnis beschert. In Alternativlos, Folge 6 machten Fefe und Frank Rieger eine „Sondersendung zu den Themen Polizei (Einsätze, Taktik, Ausrüstung, wie man sich geschickt verhält) und Netzneutralität.“

Sie kommen unter anderem zu sprechen auf die Polizeidienstvorschrift, genauer die PDV 100, welche geheim ist. Zwischen 43:27-50:03 geht es um die Fragen: Warum eskalieren Einsätze von Seiten der Polizei unabsichtlich? Was sind die gängigen Fehler, die Koordinatoren eines Polizeigroßeinsatzes machen? Die Antworten sind den Kommentaren zur PDV, also dem Lehrmaterial, zu entnehmen. Und diese sind für die Öffentlichkeit erhältlich.

Die für mich augenöffnende Aussage, an die ich mich noch Jahre später erinnern konnte: Einer der häufigsten Irrtümer besteht darin, dem Gegner koordiniertes Handeln zu unterstellen.

Es gibt direkt darauf noch zwei weitere Erkenntnisse. Fehler Nummer zwei: Unklare Lage, die Zahl der gewaltbereiten Gegner wird durch die Meldekette immer größer. Problem Nr. 3: die Kultur in den geschlossenen, kasernierten Hundertschaften – die halten zusammen und bilden verschworene Gruppe mit Korpsgeist.

Ich gehe die drei Punkte im umgekehrer Reihenfolge durch. Der letztgenannte läßt sich ja recht einfach auf Blogblasen und sonstige Gemeinschaften übertragen. Je mehr Abgrenzung und je weniger Kontakt mit dem Rest der Welt, desto eher kann die Stimmung in Richtung „wie sind rein und gut, die anderen sind falsch und böse“ kippen. Das ist dann natürlich nicht förderlich, um Fehler und Vergehen von Leuten aus den eigenen Reihen mit der angemessenen Härte zu veurteilen und umgekehrt anzuerkennen, wenn jemand von den „Gegnern“ etwas richtig gemacht hat, etwa durch einen sinnvollen Vorschlag.

Der mittlere Punkt wird natürlich dadurch verstärkt: Wenn die Leute kaum noch eine gemeinsame Bezugsbasis etwa in Form von Nachrichten haben, wird es entsprechend schwer, selbst unter verständigen Menschen überhaupt noch eine Schnittmenge der Realität zu finden. Wenn dann ein Gerücht über eine Gruppe von skrupellosen Gegnern aufkommt, die sich sammelt, und es als besonders verwerflich gilt, eine Gefahr kleingeredet zu haben, gibt jeder das Gefühl wie eine Nachricht weiter und verstärkt es dadurch. So kann praktisch aus dem Nichts eine Atmosphäre der unmittelbaren Bedrohung aufkommen. So als ob die Orks vor Minas Tirith stehen.

Aber die größte Erleuchtung ist und bleibt, zu erkennen, dass man irrtümlicherweise annimmt, dass die Gegnern in der Debatte alle miteinander verbündet sind. Kein Wunder, wenn man sonst zu Verschwörungstheorien neigt, man scheint es ja von allen möglichen Seiten zu bekommen. Dabei lassen sich mit ein wenig Willen sehr leicht Gruppen unterscheiden, die zwar einen großen, allgemeinen ideologischen Gegner haben, sich selbst in ihrer Weltanschauung jedoch auch alles andere als grün sind.

Vor einem Monat etwa war der Konflikt Radikalfeministinnen gegen intersektionale Feministinnen recht deutlich zu erkennen. Ich begrüße es, dass ich diese Unterscheidung feministischer Gruppen in Hinblick auf ihr unterschiedliches Weltbild immer häufiger lese – es scheint sich langsam eingeübt zu haben.

Der größte Gewinn für einen selbst besteht dann darin, dass man recht gut vorhersehen kann, wie die jeweiligen Gruppen auf aktuelle Ereignisse reagieren. Es ist keineswegs zufällig oder wechselhaft; die Reaktionen sind immer so, dass die Deutung und Wertung mit dem eigenen Wertesystem zusammenpasst. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird die scheinbar wirre Welt ein Stück erklärbarer, ohne dass man eine Verschwörung finsterer Mächte dafür braucht, so dass die Erklärung keine Angst macht. Es ist im Gegenteil befreiend, etwas zu verstehen.

Oder man nehme umgekehrt einige Gruppen, die zwar als Mainstream-Feindbild taugen, sich aber untereinander keineswegs wohlgesonnen sein müssen: PUA und MGTOW grenzen sich gerne voneinander ab. Und kein entsorgter Vater oder Maskulist muss automatisch mit einer der beiden etwas zu tun haben. Ich halte es außerdem für eine Internet-Großstadtlegende, dass sich so häufig wie berichtet Leute „gezielt in Foren verabreden“, um dann massenhaft unter Artikeln negativ zu kommentieren o.ä. – es gibt nur eine viel besser Erzählung her, dass es so passiert sei, weil man als Vertreter der Meinung des ursprünglichen Artikels die starke Ablehnung als „verabredet, also aufgebauscht“ abtun kann. Dass bei entsprechender Reichweite tatsächlich viele Leute von Video A oder Twitterkonto B zu Artikel C finden – geschenkt.

Dass sich nicht alle Gegner in einer Auseinandersetzung gegen einen verschworen haben und man sich selbst um einige wichtige Erkenntnisse bringt, wenn man das annimmt, das war die Lehre, die ich aus dem Podcast gezogen habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da es eingangs um die Polizei ging…

The Police: Bring On The Night