Fundstück: Anerkennung durch Sex funktioniert nicht

Im feministischen Blog „Störenfriedas“ ist ein Artikel namens „Anerkennung durch Sex“ erschienen, der auch schon im Blog „Alles Evolution“ ausführlich besprochen wurde. Ich möchte auf einige Aspekte eingehen, die meiner Ansicht nach zu kurz gekommen sind.

Die Autorin hat laut eigener Angabe jahrelange internationale Erfahrung in einem Beruf, dessen Haltung sie mit „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ beschreibt. Sie beschreibt, wie die männlichen Kollegen aufgrund ihres Status (nicht des Geldes!) relativ leicht an jede Menge Frauen rankommen.

Die erste angenehme Überraschung ist die positive Schilderung der Männer: Die meisten seien nicht daran interessiert, außerhalb ihrer Beziehung die sich bietenden Gelegenheiten für Sex zu nutzen. Das stimmt ja nun überhaupt nicht mit dem üblichen Bild des ewigen Mannes überein, der seinen Trieb mit viel Übung gerade noch beherrschen kann. Es wird auch nicht den sich korrekt verhaltenden Männern die Verantwortung in die Schuhe geschoben, zu verhindern, dass sich die anderen danebenbenehmen (ich bewerte hier „treu bleiben“ einfach mal höher als „fremdgehen“, erschlagt mich ruhig dafür).

Interessant ist dabei die Verärgerung darüber, dass diejenigen Männer, die den billigen Sex gerne mitnehmen, keinerlei Respekt vor denjenigen Frauen haben, die ihn so einfach anbieten. Ihnen werde nicht mehr auf Augenhöhe begegnet, sie seien nur für das eine gut.

Mir ist beim Lesen ein „unheimliches Spiegelbild“ aufgefallen. Mit vertauschten Geschlechtern gibt das Phänomen ebenfalls – und zwar beim „Gut“ Beziehung. Ich hatte in meinem Artikel über mehrere Arten von Friendzone schon meine These geschildert:

In zweierlei Hinsicht ist Freundschaft für einen Mann das, was Sex für eine Frau ist. Das kann man recht einfach bekommen. Und es nervt, wenn das andere Geschlecht “immer nur das eine will”.

Ebenfalls in diesem Artikel hatte ich auf ein Video von Karen Straughan verwiesen, in dem sie (ab 8:22) aus einem Fall aus ihrem Bekanntenkreis erzählt.

Ein Mann hatte sich in eine Arbeitskollegin verliebt. Anstatt irgendwann aufzugeben (sie war in einer Langzeitbeziehung), war er besonders nett zu ihr, übernahm sogar einen Teil ihrer Arbeit und hörte ihr zu, wenn sie sich über ihren Freund beklagte. Sie wusste genau, was Sache war, hatte aber keinerlei Interesse, diese Konstellation zu beenden – es war ja so bequem für sie! Als sie dies unvorsichtigerweise in einer nicht gerade netten Bemerkung zum Ausdruck brachte, die er hörte, war er erstaunlicherweise nicht erfreut darüber.

Hier haben wir die spiegelbildliche Situation: Ein Mann gibt das eigentlich „knappere Gut“ Freundschaft leicht her, die Frau nimmt das gerne mit, nimmt ihn aber nicht für voll. Er ist eben ein „Mann, der nur für das eine gut ist“. Das Phänomen wurde bereits als „die männliche Schlampe“ besprochen.

Man lese sich als kleines Gedankenexperiment die drei Abschnitte im ursprünglichen Artikel mit vertauschten Geschlechtern und „Beziehung“, „ausheulen können“ usw. statt „Sex“, „in die Kiste steigen“ etc. durch. Es passt an vielen Stellen erstaunlich gut!

Dabei ist es gar kein Wunder, warum die Idee, den Künstler durch Sex an sich zu binden, nicht funktioniert: In der besprochenen Situation mit den Groupies kommen gleich zwei Sachen zusammen. Zum einen wird der Sex von den Frauen freimütig angeboten, zum anderen geschieht das gerade gegenüber jemandem, der sich ohnehin über einen Mangel an Angeboten nicht beklagen kann. Da darf es dann auch nicht verwundern, wenn das ansonsten hochgeschätzte, weil rare Gut „Sex“ nicht viel vom Teller zieht.

Christian Schmidt hatte vor einiger Zeit ein ähnliches Beispiel beschrieben im Artikel „Status macht attraktiv: Fanmail„. Ein Bekannter war ein Stück weit bekannter geworden und bekam sofort Nacktfotos und Angebote zum Sex zugeschickt. Interessant, wie sich unter diesen Bedingungen plötzlich die Dynamik ändert. Zumindest in einem Punkt sind sich N. L. und er einig: Status macht attraktiv.

Es sei ausdrücklich gesagt: Schön ist das nicht, Menschen auszunutzen (wenn man weiß, dass sie mehr von einem wollen) oder gar abfällig hinter ihrem Rücken über sie zu reden. Da spielt das Geschlecht auch keine Rolle.

Zitieren möchte ich gerade den Teil, der bei Alles Evolution weitestgehend unter den Tisch gefallen ist. Gerade das trifft bei mir auf Zustimmung:

Für mich, als sexuell aufgeschlossenen Menschen, ergibt sich daraus eine gewisse Zurückhaltung zum Selbstschutz und einige selbst auferlegte Regeln und Leitsätze:

  1. Männer mit denen ich zusammenarbeite (oder potentiell irgendwann zusammen arbeiten werde) sind für sexuelle Kontakte grundsätzlich tabu
  2. Ich muss zunächst mit mir selbst im Reinen sein, ein gesundes Selbstbewusstsein haben und kann über Sexualität weder Anerkennung noch Respekt erlangen
  3. Grundlage auch für sexuelle Abenteuer muss immer ein gewisses persönliches Fundament sein: Ich muss merken, dass ich auf einer anderen Ebene als der sexuellen von einem Mann respektiert werde

In der Praxis erweist sich die konsequente Einhaltung als Schutz sowohl vor persönlichen Enttäuschungen als auch vor einem Ruf als “Schlampe”. Ein Mann der einer Frau mit der er schläft einen gewissen Grundrespekt gegenüber bringt, wird erfahrungsgemäß nicht mit dem gemeinsam Erlebten prahlen, sondern es mit hoher Wahrscheinlichkeit für sich behalten. Außerdem besteht so die Chance auf ein echtes freundschaftliches Verhältnis, selbst nach einem One-Night-Stand.
Für mich steht aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen jedenfalls fest: Der Versuch als Frau durch Sex Anerkennung von einem Mann zu erlangen ist zum Scheitern verurteilt. Mir ist wichtig zu betonen, dass es mir nicht darum geht irgendwen zu verurteilen, sondern nur aufzuzeigen welche gesellschaftlichen Mechanismen ich wahrnehme. Mein Umgang damit muss auch keinesfalls für jede der Richtige sein.

Diese Frau hat verstanden, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Sie übernimmt für sich selbst Verantwortung. Sie trifft eine Wahl, selbst wenn sie die im Hintergrund wirkenden Zusammenhänge nicht mag. Sie besteht nicht darauf, dass ihr Weg von allen so beschritten werden muss. Was soll ich da anderes sagen als „Bravo“?

Sie sendet das wichtigste Signal aus, dass ich selbst als Schutz vor „Slutshaming“ ausgegeben hatte: Sie wählt ihre Männer aus. Sie schaltet ihr Gehirn nicht vorher ab.

Passend dazu aus aus einem Kommentar von Aurelie:

Die beste, pragmatischste (wenn auch etwas unorthodoxe) Art, damit umzugehen ist Verschweigen, auf Nachfrage vage bleiben und intime Erlebnisse nur mit max. 1 Freundin zu besprechen (die bestenfalls eine ähnliche Einstellung wie man selbst hat). Im engen Freundeskreis nicht zu “wildern” ist auch hilfreich. Und wenn man einen Mann kennenlernt, mit dem man sich eine Beziehung vorstellen kann – ebenfalls sehr vage bei der Beschreibung der sexuellen Vergangenheit bleiben. Wenn man schon einige Zeit zusammen ist, kann man das eine oder andere erzählen, davor ist es jedoch extrem hinderlich für eine Beziehung.
(…)
Natürlich wäre die Welt schöner, wenn wir alle immer offenherzig über alles reden könnten und keine Bewertung oder Einordnung in eine Schublade befürchten müssten, aber so ist die Realität halt leider nicht 🙂 Gott sei Dank kann man ja steuern, was man erzählt und was man verschweigt.

Daumen hoch dafür! Ja, die Welt ist leider nicht so, wie wir sie gerne hätten, aber oft können wir uns einfach fragen, wie wir damit umgehen wollen, und kommen dann trotzdem ganz gut über die Runden.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo wir es gestern schon im Titel hatten…

The Prodigy: Smack My Bitch Up

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Warum ich Beschämung als eines der wichtigsten Probleme ansehe

Neuerdings ist mir klar geworden, was für eine Unsitte wir uns leisten – und das seit Jahrtausenden, ja womöglich seit Anbeginn der Menschheit: Wir versuchen alle (vor allem Männer) zu fleißigen Menschen zu machen. Dabei übersehen wir, dass Menschen unterschiedlich sind und nicht einfach alle über einen Kamm geschoren werden können.

Manche werden nun einmal faul geboren. Warum können wir das nicht akzeptieren, sondern versuchen mit allerlei Maßnahmen, das zu ändern?

Diese ganze Fleißindustrie… es geht ja schon in Kindergarten und Schule los. Wer nicht macht, was alle machen sollen, wird als „Faulpelz“ gebrandmarkt. Dabei kann doch wohl jeder selbst entscheiden, was er wichtig findet! Später dann muss man eine Ausbildung machen oder ein Studium – aber letzteres ist inzwischen auch völlig verschult und soll in Rekordzeit geschafft werden. Danach kommt der Arbeitsmarkt, Karriereberater, Netzwerke… Wo kann man heutzutage noch einige Jahre auf der faulen Haut liegen, ohne dass sich Leute beschweren? Es gibt keine Toleranz mehr!

Ich hatte dazu auch letztens ein ganz tolles Video bei upworthy.com gefunden mit dem Titel „Dieses Video zeigt, was für lächerliche Fleißstandards unsere Gesellschaft hat“. Ich habe jetzt nur keinen Bock, es noch einmal herauszusuchen.

Es ist doch traurig, wie sehr Männern durch Werbung und Popkultur eingebläut wird, dass sie fleißig sein müssen. Das wird dann gerne damit begründet, dass sie Geld verdienen müssen, um eine Familie ernähren zu können, und dass Fleiß in diesem Zusammenhang ein gutes Merkmal für diese Eigenschaft ist.

Das ist doch lächerlich! Es gibt so viele Beispiele von Leuten, die in den Tag hinein gelebt haben und auch über die Runden gekommen sind. Und andere haben sich abgerackert und trotzdem kaum genug zum Überleben gehabt.

Und wie oft ist es vorgekommen, dass ein Mann von seiner Frau verlassen wurde, weil sie einen fleißigeren gefunden hatte, der noch weiter nach oben wollte? Kein Mann kann sich wirklich sicher fühlen. Das ist alles Teil unserer „work culture“.

Männer, die darauf reduziert werden, dass sie immer ordentlich arbeiten – das ist doch krank! Diese Erwartungshaltung an Männer ist pures non-male entitlement.

Dabei sollten wir einfach neue Standards definieren: Alle Abstufungen von Aktivität sind gleich attraktiv! Es gibt kein „zu faul“. Wenn jemandem nicht gefällt, dass ich nichts tue, dann hat er ein Problem, nicht ich!

Klar gibt es einige, die von Natur aus fleißig sind und die sich gut in der Rolle des emsigen Arbeiters wiederfinden. Das ist aber kein Gegenargument, sondern nur ein Fortführen agilnormativer Rollen. Checkt mal Eure Fleißprivilegien!

Viele merken aber auch gar nicht, in was für einem Hamsterrad sie da gefangen sind. Deswegen kann man von ihnen auch nicht erwarten, dass sie von sich aus ein Bewusstsein dafür entwickeln und von alleine da herauskommen.

Äh, wie, was? Die meisten Menschen, die Zeit haben, über solche Zusammenhänge nachzudenken, beschweren sich gar nicht? Aber das ist doch der Beweis! Denn wenn sie pflichtschuldigst laziness shaming anklagen würden, wäre das ja auch nur eine weitere Fleißarbeit und kein Ausbrechen aus den bekannten Denkschemata. Nein, die Tatsache, dass das nicht passiert, beweist nur, dass ich recht habe!

Und als Form des Protestes gegen diesen ganzen Mist werde ich den Artikel einfach nicht zuende