Fundstück: Sind linke Clubs in Jena Horte sexueller Belästigung?

Die Ostthüringer Zeitung (das ist die, die immer wieder mal über Gleichmaß e.V. berichtet) veröffentlichte Anfang des Monats unter dem Titel „Wir sind kein Freiwild“ einen offenen Brief. Parallel dazu erschien außerdem ein begleitender Artikel: „Kein Freiwild“: 7 junge Frauen beklagen in offenem Brief sexuelle Übergriffe in Jenaer Clubs.

Zunächst einmal war ich beim Nachdenken über die Artikel überrascht, wie ich auf sie regiert habe. Ich bin inzwischen durch die inflationären Vorwürfe von Belästigung so abgestumpft, dass ich alles erst einmal mit einer gehörigen Portion Skepsis lese und überall versuche, Widersprüche oder Übertreibung zu entdecken.

Das darf natürlich nicht vom Kern ablenken: Es wird berichtet, dass Frauen in mehreren alternativen Clubs in Jena, welche namentlich genannt werden, belästigt wurden. Das „belästigt“ wird genauer ausgeführt: Angefasst (von hinten / an Busen und Po) und geküsst (ohne ihr Zutun), beides jeweils gegen ihren Willen. Hier sehe ich keine Diskussionsmöglichkeit: Wenn so etwas geschieht, dann ist das nicht in Ordnung.

Ab hier gehen jedoch meine Einschätzung und die in den Artikeln auseinander. Ich glaube nämlich, dass der von mir hervorgehobene Satz der Meinung einer breiten Mehrheit der Bevölkerung entspricht – auch innerhalb der Gruppe aller Männer. „Dass Männer gewisse Formen des Anstands an der Garderobe abgeben“, halte ich, falls es sich auf mehr als eine kleine Minderheit bezieht, für eine unzulässige Verallgemeinerung.

Dass die Gesellschaft heute sensibler auf das Thema reagiert und es derlei Vorfälle immer gegeben habe und immer geben werde, diesen Einwand will Sonnefeld nicht gelten lassen.

Richtig. Wer würde das jedoch tatsächlich als Einwand vorbringen?

Ob die Täter „immer dreister“ werden und ob es „[d]as, was heute in den Clubs passiert (…) in dieser drastischen Form früher tatsächlich nicht gegeben“ hat? Ich habe keine Beweise, die Artikel nennen jedoch auch keine und ich bin versucht, dies als Dramatisierung zu interpretieren, um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist allerdings unnötig, denn wenn Frauen belästigt werden (angeblich oder tatsächlich) und dies beklagen, können sie sich breiter Aufmerksamkeit sicher sein. Es spielt für die Verdammung solcher Taten auch keine Rolle, ob es früher besser oder schlimmer war. Das bringt uns zum nächsten Knackpunkt:

Sie weiß, dass Übergriffe oft nicht öffentlich gemacht würden, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, zumal die Grenzen zwischen einem rüpelhaften Ausfall und einer Straftat wie sexuelle Nötigung fließend sein können.

Zugegeben, Angst kann man schlecht rational diskutieren. Und kann mir gut vorstellen, dass ich, wenn ich unter dem Eindruck eines Abends in einem Club stände, in dessen Verlauf mich ständig irgendwelche Leute belästigt hätten, mich des Verdachts nicht erwehren könnte, das Publikum dort sähe das als normal an.

Ansonsten gilt jedoch, was ich oben schrieb: Frauen stoßen mit solchen Berichten i.a. auf offene Ohren.

Es spielt hier auch keine Rolle, was bereits strafrechtlich relevant ist oder nicht. Die oben geschilderten Vorgänge werden von den allermeisten Menschen nicht gebilligt. Die Welt zerfällt nicht in ein Schwarzweiß à la „ist alles super so“ vs. „ist eine Straftat“.

Völlig unerheblich ist daher auch das zitierte Anzeigenaufkommen, das gegen Null gehe. Polizeistatistik und Realität gehen sowieso mitunter leicht verschiedene Wege. Es hat überhaupt keine Aussagekraft, klingt im Artikel natürlich extra dramatisch, so als ob es eine hohe Dunkelziffer gäbe.

Kommen wir zur wichtigsten Frage, der nach Lösungsvorschlägen. Der zentrale Teils des offenes Briefes dazu:

Das Problem gibt es nicht nur bei euch, aber ich glaube, dass ich bei euch auf Gehör treffe.

Von linken Clubs hätte ich mehr erwartet. Ihr setzt euch für Gleichberechtigung ein, aber schafft es nicht, sie auf eurer Tanzfläche durchzusetzen. Die Atmosphäre bei euch, fühlte sich für mich nie so an, als ob ein offenes Ohr auf mich wartet, wenn ich von einem sexuellen Übergriff berichte. Ich traute mich nie, etwas bei der Security zu melden und versuchte mich so direkt wie möglich zu wehren. Wirklich erfolgreich war ich selten und Hilflosigkeit machte sich breit.

(…)

Hier seid ihr gefragt. Hängt Plakate auf, die das Bewusstsein für sexuelle Gewalt schärfen. Richtet eine Anlaufstelle für alle Betroffenen ein und macht auf sie Aufmerksam. Gebt öffentliche Statements ab, dass fairer gleichberechtigter Umgang in euren Räumen an erster Stelle steht.

Es ist sicherlich ein guter Impuls, seine Probleme zunächst selbst lösen zu wollen, etwa indem man die Leute direkt auf ihr Fehlverhalten anspricht. Mit steigendem Alkoholpegel und bei genügend Lärm und Geschiebe kann das mitunter schwer werden. Die nächste Option wäre Unterstützung durch Begleiter, aber die hat man erstens nicht jedesmal dabei und zweitens kann es auch keine Lösung sein, dass man nicht mehr alleine weggehen kann.

Dann wäre der nächstlogische Schritt für mich aber tatsächlich, dem Sicherheitspersonal Bescheid zu geben. Es ist die Aufgabe von Türstehern, dafür zu sorgen, dass es keinen Ärger gibt. Falls einem die starken Kerle selbst zuviel Respekt einflößen, hilft einem auch die Bedienung weiter.

Wer sich nicht benimmt, den kann man auch ohne Straftatbestand rausschmeißen und ihm ein Hausverbot erteilen. Mitarbeiter in Clubs und Diskotheken haben überhaupt keine Lust daran, dass sich jedes Wochenende dieselben Dramen wiederholen. Gerade Türsteher freuen sich, wenn sich gewisse Assis gar nicht erst blicken lassen und sie ihr Publikum kennen, das macht die Einschätzung und damit ihren Job leichter.

Und die Besitzer von solchen Einrichtungen müssen um den Ruf ihres Ladens fürchten. Wenn es erst einmal die Runde macht, dass Frauen ins XY gar nicht mehr gehen wollen, weil sie da ständig belästigt werden, bleiben auch die Männer aus deren Freundeskreis weg. Damit verliert man jedoch ausgerechnet die guten Kunden – die nämlich, die sich anständig benehmen können und das auch von anderen erwarten. Als Assi-Schuppen verrufene Etablissements haben nur noch eine sehr kleine Zielgruppe.

Insofern halte ich die Lösungsvorschläge aus dem offenen Brief für die falschen: Gerade, wenn man auf offenes Gehör zu treffen glaubt (und es spricht ja nichts dagegen), wäre es doch nur konsequent, zuerst Personal und dann Besitzer der Clubs zu kontaktieren.

So, wie es jetzt geschehen ist, ist der Ruf lädiert (die Besitzer werden sich aber vermutlich davor hüten, das gegenüber den Frauen zu beklagen – dadurch wirken sie automatisch wie die Bösen!), andererseits hatten die Mitarbeiter gerade nicht die Chance, die eingeforderte Gleichberechtigung „auf ihrer Tanzfläche durchzusetzen“, wenn sie nichts von den Vorfällen wussten. Und wie soll man gegen eine gefühlte Atmosphäre argumentieren? Ohne Meldung kann nichts unternommen werden.

Die eingeforderten Maßnahmen gehen aus meiner Sicht an dem Ziel vorbei. Die Leute brauchen etwa keine Plakate, die erklären, dass Begrabschen auf der Tanzfläche nicht in Ordnung ist. Die kleine Minderheit, die das nicht einsieht, wird es auch nicht durch Plakate lernen. Wie soll eine Anlaufstelle aussehen, an die man sich spontan wendet, wenn sie deswegen eingerichtet werden muss, weil sich die Leute nicht trauen, mit dem Sicherheitspersonal zu reden? Und was helfen öffentliche Statements, die nur verkünden, was für einen Großteil der Leute selbstverständlich ist?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein realistisches Video darüber, was in dem durchschnittlichen nicht-alternativen Club abgeht…

The Axis of Awesome: In The Club Tonight

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Warum ich mich über diesen Wahnsinn in Tüten freue

Ich habe ja nun schon viel Schwachsinn gehört, aber das setzt dem Fass die Krone auf: Genderama fasste es zusammen unter der Überschrift „Feministinnen verärgert über Feministinnen, die Feministin der sexuellen Diskriminierung bezichtigen„. Dabei ist das noch eine halbwegs sinnvolle und harmlose Zusammenfassung!

Was war geschehen? Die feministische Professorin Laura Kipnis hatte es gewagt, sich kritisch gegenüber der Vergewaltigungshysterie an amerikanischen Unis zu äußern. Prompt brachte ihr dieser Aufsatz eine Beschuldigung wegen sexueller Belästigung ein (ja, das Spiel läuft noch!) nach Artikel IX des dortigen Hochschulgesetzes. Bis hierhin klingt es noch nach dem üblichen Schema „Radikale kennen keine Grenzen und wenden sich irgendwann mit aller Härte gegen Leute, die die offizielle Weltanschauung teilen, denen es aber zu extrem wird“.

Es wird aber noch besser. Sargon of Akkad erwähnt den Fall in folgendem Video (ab 15:24) und zitiert aus denselben Artikel von Jezebel – üblicherweise eine stramm feministische Quelle.
Why Do People Hate #Feminism? #4 – Gender Studies Degrees

Ohne große Überraschung durfte die beschuldigte Professorin vor ihrer Anhörung nicht erfahren, was ihr konkret vorgeworfen wurde. Sie durfte auch nicht einen Anwalt mitbringen, sondern nur „eine Unterstützungsperson“ (ach, wie kuschelig das klingt!). Diese Person durfte nicht sprechen, also sie zum Beispiel nicht durch gesunden Menschenverstand oder vernünftige Fragen zumindest soweit wie möglich unterstützen.

Der wirkliche Knaller kommt jedoch noch: Nach dieser Anhörung wurde gegen diese Unterstützungsperson ebenfalls ein Verfahren nach erwähntem Gesetz eröffnet. Und man fragte Laura Kipnis ganz trocken, ob sie nicht gegen ihre Ankläger ihrerseits Anklage (natürlich demselben Paragraphen!) erheben möchte!

Das ist ja nun wirklich der Wahnsinn in Tüten, wie ich ihn bisher nur aus der South-Park-Episode Sexual Harassment Panda kannte. Dort findet am Ende ein Prozess „Jeder gegen jeden“ statt.

Es gibt mir jedoch Hoffnung, dass es inzwischen schon eine feministische Professorin erwischt. Das ist die beste Aussicht, dass diesem Wahnsinn irgendwann ein Riegel vorgeschoben wird. Dass hier jemand auf irgendeinen Mann hört, der einfach nur vernünftige Argumente vorbringt, das glaube ich in diesem Fall schon lange nicht mehr.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal The Axis of Awesome mit einem tollen Disco-Song.

The Axis of Awesome: Sexual Harassment

Fundstücke: Belästigungslimbo – wer bietet weniger?

Zugegeben, ich dachte schon vor über einem Jahr, jetzt kann es nicht tiefer gehen: In einem herrlich launisch betitelten Hinweis („Das Grauen von Wien: Unbekannter lädt Frauen auf ein Bier ein„) erwähnte Arne Hoffmann den neuesten Blödsinn. Da spricht jemand Frauen an und fragt sie, ob er sie auf ein Bier einladen darf.

Gut, kein besonders geschickter Flirtversuch, aber ohne weitere Details zu kennen moralisch absolut in Ordnung. Wenn der Mann einsam ist, was soll er anderes machen als Frauen anzusprechen?

In der Berichterstattung jedoch fühlten sich Frauen dadurch belästigt. In Wien dürfen die Frauen offenbar noch etwas mehr verlangen als einfach nur eine freundliche Einladung.

Etwa ein Jahr später in Großbritannien: Polizei ermittelt in Baufirma, weil Arbeiter Frau hinterhergepfiffen haben.

Gut, in Nordwesteuropa ist das kulturell eher verpönt. Aber jetzt gilt offensichtlich außerdem: Hinterherpfeifen ist ein Verbrechen.

Wenigstens kann man sich auf die USA und ihre moralische Panik an den Universitäten verlassen. Dort gelten inzwischen so strenge Auflagen, dass sogar eine Task Force gegen sexuelle Gewalt befand, es könnte vielleicht doch ein bisschen viel als sexuelle Belästigung zählen. Darunter fallen so Abscheulichkeiten wie „sexuell suggestive Musik“, „einfaches Flirten“ oder „zu nahe bei jemandem stehen“.

Mir fällt bald wirklich nichts mehr ein, was noch harmloser wäre und dennoch bereits als sexuelle Belästigung verfolgt wird. Aber ich bin sicher, auch die jetzigen Maßstäbe werden noch weiter gesenkt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da will ich beim Niveaulimbo nicht hintenanstehen!

David Hasselhoff: Do The Limbo Dance

Warum ich Hollaback bedenklich finde

Sie haben heute einer unbekannten Frau “Guten Tag” auf der Straße gewünscht? Damit könnten sie demnächst als Perverser, der Frauen belästigt, im Internet an den Pranger gestellt werden! Womöglich mit Foto. Der Ort, wo Sie die Frau gesehen haben, wird sowieso veröffentlicht, so dass Sie da nie wieder in aller Ruhe hergehen können. Das ist die Welt, wie sie laut Hollaback aussehen sollte.

Na, klingt das aufgeregt oder übertrieben? Dann schauen wir uns doch einmal die Fakten an.

Was ist geschehen? Am 28.10. wurde bei Youtube ein Video veröffentlicht, das bislang mehr als 35 Millionen mal angesehen wurde. Es trägt den Titel „10 Hours of Walking in NYC as a Woman“ („10 Stunden als Frau durch New York City gehen“, meine Übersetzung). Es ist das erste und bisher einzige Video dieses Nutzers, der sich „Street HarassmentVideo“ nennt („Video über Belästigung auf der Straße“, meine Übersetzung).

Das Video wurde von einer Agentur produziert, die sich dem Namen nach auf virale Videos spezialisiert hat. Die gezeigte Frau ist eine professionelle Schauspielerin.

Was zeigt man uns? Als was verkauft man das? Was will man damit erreichen?

Titel und Texttafeln im Video suggerieren, dass zehn Stunden Material verwendet wurden. Das Endprodukt ist keine zwei Minuten lang (1:56). Um zu messen, wieviel man von dem Gang durch die Straßen New Yorks zu sehen bekommt, sind von der Gesamtlaufzeit des Videos die Teile abzuziehen, in denen die Schauspielerin noch nicht losgegangen ist und in denen nur Text vorkommt.

Die intendierte Botschaft des Videos erscheint ganz am Ende: Es seien mehr als 100 verbale Belästigungen auf der Straße gewesen. Um zu helfen, solle man „Hollaback!“ spenden, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dem Ziel gewidmet habe, Belästigung auf der Straße zu beenden. Hollaback selbst läßt ebenfalls keinen Zweifel daran, wie das Geschen zu interpretieren ist, und verwendet die Überschrift „You won’t believe how many times this woman gets harrassed in 10 hours.“ („Ihr werdet nicht glauben, wie oft diese Frau in 10 Stunden belästigt wurde.“, meine Übersetzung). In der Kurzbeschreibung des Videos wird außerdem auf einen Artikel verwiesen, laut dem das Video erschreckend sei und die meisten Leute, die es gesehen haben, schockiert seien, womit Frauen jeden Tag zurechtkommen müssten.

Zur Erinnerung: Es ist eine Kampagne und es geht ums Geldeinsammeln. Alles, was darum herum geschieht, was also die Schauspielerin, die Macher oder Leute von der beworbenen Organisation in Interviews sagen oder von sich aus schreiben, ist mit Vorsicht zu genießen.

Und natürlich muss auch das eigentliche Video unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Es ist keine Dokumentation und auch kein wissenschaftliches Experiment.

Was bekommen wir real in dem Video zu sehen? Sätze wie „Wie geht es Dir/Ihnen heute?“ oder „Einen schönen Abend!“, die mehrfach in der einen oder anderen Form fallen. Das ist natürlich nicht alles, aber auch diese Handlungen werden als Belästigungen verurteilt.

Zwei Männer stechen aus der Menge heraus: Das ist zum einen ein Typ, der angeblich mehrere Minuten neben ihr hergeht. Zum anderen gibt es einen hartnäckigen Anmacher, der sie eine ganze Weile von der Seite anquatscht.

Kritik

Doch hier läßt sich bereits ein Bruch zwischen Filmskript und Realität feststellen: Im echten Leben könnte man irgendwann anhalten und zum ersten Mann sagen: „Entschuldigen Sie, Sie kommen mir gerade zu nahe. Würden Sie bitte etwas Abstand halten oder woanders lang gehen?“ Und zum zweiten: „Nein, ich habe kein Interesse, bitte lassen Sie mich jetzt in Ruhe.“ Die Schauspielerin hingegen hatte die ausdrückliche Anweisung, nie zu reagieren. Beide Männer wussten das nicht und können davon ausgegangen sein, dass sie sich schon melden wird, wenn es ihr zuviel wird. Damit wir uns richtig verstehen: Niemand hat die Pflicht, auf jemand anderen verbal zu reagieren. Aber für gewöhnlich die Möglichkeit. So zu tun, als sei das anders, ist eine Verdrehung der Tatsachen.

Bald gesellten sich noch andere Interpretationen als die gewünschte hinzu: „Die Bösen“ in dem Video sind Schwarze und Latinos, kein Bevölkerungsquerschnitt. Ist das Video rassistisch? Mit derselben Methode könnten Rechtsextreme auch „zeigen“, dass ausländische Männer eine Bedrohung für „unsere“ Frauen darstellten. Zu diesem Vorwurf kam noch eine tiefer gehende Statistik-Kritik hinzu. Auch wenn das Video gerade nicht repräsentativ sein will (Kampagne, nicht Wissenschaft!), so hätte man eine bestimmte Ambiguität vermeiden können, was man gerade von Medienprofis verlangen darf. Eine Analyse der Schauplätze ergab, dass von den gezeigten Aufnahmen 59% aus Harlem stammen, 21% vom Time Square und mehr als die Hälfte sogar aus einer einzigen Straße. Hier wird also nicht eine Großstadt als Ganzes gezeigt (wie der Titel suggerierte), sondern der Fokus gezielt auf bestimmte Ecken gelegt. Und wer hätte das gedacht, es waren gerade nicht besonders feine Gegenden. Kommt zu dem Rassismus also auch noch Klassismus?

Ähnliche Videos, die in Auckland (Neuseeland), in Frankfurt am Main oder in Berlin-Neukölln gedreht wurden, konnten nicht ansatzweise überhaupt eine solche Ansprech-Frequenz belegen, wie sie in dem Originalvideo unterstellt wurde. (Diese Videos und Artikel halte ich insofern für glaubwürdiger, als die Autoren viel mehr von einem Skandalvideo profitiert hätten, in dem sie jeweils bei sich bzw. den Lesern vor der Haustür furchtbare Zustände gezeigt hätten.)

Was will Hollaback?

Halten wir fest: Einen guten Tag wünschen auf der Straße ist Belästigung, und Hollaback behauptet, Belästigung auf der Straße beenden zu können. Also will Hollaback verhindern, dass Leute auf der Straße jemandem einen guten Tag wünschen. Wie wollen sie das schaffen? Laut Eigenauskunft nicht durch eine Verschärfung des Strafrechts:

Question: Does Hollaback! endorse increasing criminalization of street harassment?

No. We believe that it is our role as advocates to steer policy makers away from measures that would increase criminalization, and toward measures that engage communities in prevention. As explained in Hollaback!’s article by Deputy Director, Debjani Roy, “Criminalizing verbal harassment and unwanted gestures is neither the final goal nor the ultimate solution to this problem and can, in fact, inadvertently work against the growth of an inclusive anti-harassment movement. The criminal justice system disproportionately targets and affects low-income communities and communities of color, as evidenced by policies such as New York City’s Stop and Frisk program and other degrading forms of racial profiling. Our objective is to address and shift cultural and social dialogues and attitudes of patriarchy that purport street harassment as simply the price you pay for being a woman or being LGBTQ. It is not to re-victimize men already discriminated against by the system.”

Kurioserweise wird hier die Befürchtung geäußert, mit solchen Maßnahmen würde man vermehrt arme und nichtweiße Männer treffen – also genau die Gruppen, aus denen sich in dem Geldeinsammel-Video die Bösen und Verdammenswerten rekrutieren. Hollaback hat aber ohnehin ein interessantes Menschenbild: Sie gehen davon aus, dass Frauen grundsätzlich die Wahrheit sagen („Our site is premised on the idea that women tell the truth“). Mit anderen Worten: Frauen sind die besseren Menschen.

Was Hollaback also tut: Sie veröffentlichen Geschichten von Leuten, die sich belästigt fühlen. Dabei wird die genaue Adresse, wo diese Belästigung geschehen sein soll, angegeben sowie – etwa in den USA – wenn möglich auch ein Foto des Beschuldigten. Und damit sind wir bei dem angelangt, was ich im ersten Absatz behauptet hatte.

Wie bereits Don Alphonso feststellte (alternative URL): Ziel ist es, einen digitalen Pranger zu errichten. Passenderweise verweist er auch auf Zensursula und die Methode, mit einem hehren Ziel und Emotionalisierung die Freiheit einzuschränken. Die Frage nach der Freiheit wurde dann folgerichtig von LoMi aufgeworfen.

Hollaback gibt es bereits in lokalen Versionen für Berlin, Chemnitz und Dresden. Die Berliner Sektion läßt keinen Zweifel darüber, wie Belästigung zu definieren ist: „Wenn es dir unangenehm ist, ist es nicht okay.“ In einem PDF, das unter „einige eher wissenschaftliche Definitionen“ einsortiert wurde, findet sich: „Sprachliche Handlungen des Street Harrassment können sein: verbale Akte (…) Fragen wie „Wo kommst Du her? (…)“, (…) nonverbale Akte (Blicke)“.

Miria listete kürzlich auf, was inzwischen alles als sexuelle Belästigung gilt, und kam zusammenfassend zu dem Ergebnis: Wenn das so ist, dann werden praktisch alle ständig belästigt und dann belästigen auch praktisch alle ständig.

Doch leider, leider hat in Deutschland die Rechtslage Hollaback dergestalt einen Riegel vorgeschoben, dass man nicht einfach Fotos von anderen Leuten hochladen kann, ohne selbst ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen. Das bedauert Hollaback Berlin ausdrücklich in seinen FAQ:

Das mit den Fotos ist ja echt schlimm! Das klingt nach Selbstjustiz.

HALLO –> WIR VERÖFFENTLICHEN KEINE FOTOS!!!!

Tatsächlich basiert die Stärke der New Yorker HollaBack! Bewegung darin, mit der Handykamera Bilder der Angreifer_innen zu machen und diese auf dem Blog zu veröffentlichen. Es gibt auch eine Iphone App zu diesem Zweck.

Aber, wir hier in Deutschland haben andere Gesetze und dadurch einen anderen Handlungsspielraum. Wir veröffentlichen keine Bilder auf dem Blog – das könnte für uns als auch für die Einsender_innen Folgen haben, und das wollen wir nicht.

Ein Foto der belästigenden Person zu machen, kann auch gefährlich sein – die Person kann sich ertappt fühlen und noch aggressiver reagieren, als sowieso schon. Denn nochmal zur Erklärung: die Belästigung war schon der Angriff! Diese Form der Aggression – meist sexualisiert – basiert auf einer Schieflage im Genderverständnis. Bestimmte Körper sollen verfügbar, benutzbar und unterwürfig sein. Street Harassment ist nichts anderes als Kontrolle des (öffentlichen) Raumes – wer darf wann, wie, wo sein? Wie wird Raum benutzt und kontrolliert? Wer sitzt breitbeinig in der U-Bahn und wer macht sich klein und versucht, zu verschwinden, weil die männliche Aggression und Raumnahme zu bedrohlich scheinen?

Ansonsten ist es mit möglichen Skrupeln nicht weit her. Ein weiterer Teil der FAQ:

Ist das Veröffentlichen von Geschichten nicht Rufmord?

Eigentlich nicht. Ich wurde belästigt und nenne es beim Namen. Im besten Falle kann ich die Person identifizieren und mich und andere Betroffene stärken, indem ich eine Gegenöffentlichkeit schaffe. Welcher Teil davon „schädigt“ den Angreifer?!“

Die in letzter Zeit viel von mir gelesene Behauptung, radikale Feministen hätten ein Problem mit der Meinungsfreiheit und mit dem Rechtsstaat – wann habe ich sie zuletzt besser belegt bekommen als im Fall von Hollaback? Dabei handelt es sich nicht um eine vereinsamte Splittergruppe. Immerhin werden sie von Anne Wizorek in ihrem Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ ausdrücklich empfohlen (S. 279 f.):

Hollaback (ihollaback.org) – ist eine weltweite Bewegung, die in New York City begann, und sexueller Belästigung im öffentlichen Raum den Kampf angesagt hat. Auf der Webseite der lokalen Projekte können jeweils Geschichten solcher Belästigungen geteilt werden. Es gibt außerdem Google Maps, auf denen die Orte markiert sind, an denen die Belästigungen stattfanden, eine App, Workshops und Tipps für Menschen, die sich als Verbündete gegen Belästigungen einsetzen wollen. In Deutschland gibt es das Projekt bisher für die Städte Berlin, Chemnitz und Dresden.

Ein Text vom Hollaback-Internetauftritt wird auch als Quelle verwendet (S. 301, genaue Angabe auf S. 333, Quellangabe Nr. 417). Aber auch ansonsten gibt es durchaus eine weltanschauliche Verbindung zu Anne Wizorek. Christian Schmidt zeigt das gut auf in seinem Artikel irrationale Angst trotz Wohlstand und Sicherheit (dass man als Frau bereits Angst vor dem auf die Straße gehen habe, ist dabei ein Zitat von Anne Wizorek aus einem Fernsehauftritt, den sie im Fahrwasser des #Aufschrei-Erfolges hatte):

Was mich an vielen feministischen Theorien stört, ist der Umstand, dass die dort geschilderte Welt geradezu die Hölle auf Erden ist. Frauen werden unterdrückt und sind so verängstigt, dass es „für ganz viele Frauen extrem schlimm ist, einfach schon auf die Straße zu gehen„. Überall warten lüsterne Männer darauf, die Frau zu belästigen oder zu vergewaltigen. Ein Spießrutenlauf für jede Frau, die an dieser Unterdrückung krank wird. Kaum ein Aspekt des täglichen Lebens ist von dieser Unterdrückung nicht durchzogen.

Dabei leben wir gegenwärtig in den Zeiten in denen es die wenigsten Vergewaltigungen jemals gibt. Nie waren Frauen freier, nie konnten sie eigenständiger sein, nie war es leichter, nicht von einem Mann abhängig zu sein und nie konnte man ein Kind so einfach auch alleine aufziehen. Es sind – das ist eigentlich kaum zu bestreiten – die besten Zeiten, die es für Frauen jemals gab, was Freiheit und Gleichberechtigung angeht, zumindest in den Ländern der ersten Welt, aber wahrscheinlich in so ziemlich allen Ländern auf dieser Erde.

Natürlich: Auch verbesserte Zustände können schlecht sein. Einem Sklaven, der nur noch 10 Peitschenhiebe pro Tag erhält, kann man nicht entgegenhalten, dass er sich doch nicht aufregen soll, es wäre doch alles besser.

Es gäbe noch weitere interessante Einwände gegen Hollaback, die weiter auszuführen wären. Etwa, dass hier Kommunikation binär aufgefasst wird (gut/böse) und die Möglichkeit von Uneindeutigkeit ausgeblendet wird. Außerdem gibt es nur „Belästigung“, es erscheint alles gleich schlimm, von „auf der Straße ansprechen“ bis zu begrabschen oder sich entblößen (zwei Dinge, die in dem Video gerade nicht vorkommen). Oder dass ein „alles in einen Topf werfen“ unabhängig vom Land, in dem es geschieht, letzten Endes Kulturen mit verschiedener Auffassung davon, welche körperliche Distanz und welches Maß an verbalem Kontakt noch ok ist und was schon unangenehm ist, eine bestimmte, sehr restriktive, Interpretation der Welt überstülpt.

Schließen möchte ich aber mit einem Video, das zeigt, wie jede Menge Frauen nach der Hollaback-Definition einen Mann auf offener Straße belästigen. Frauen reagieren durchaus auf äußerliche Reize. Man braucht dazu eben nur einen besonders gutaussehenden Mann.

ModelPrankstersTV: 3 Hours Of „Harassment‘ In NYC!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem Video, bei dem auch eine Frau durch die Straßen geht, aber es macht viel mehr Spaß ihr dabei zuzusehen, weil die Musik gut ist, die da läuft.

Massive Attack – Unfinished Sympathy

Gesammelte Beiträge zu dem Video und seiner Diskussion hier aus der Blogblase:
aktualisiert 21.11.)

Genderama

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Meinungen und Deinungen

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