Fundstück: Warum scheiterte Hillary Clinton – ganz ohne Verschwörung?

Fefe erwähnt einen hochinteressanten Artikel in der Basler Zeitung. Unter dem Titel „Der Totalschaden“ berichtet Markus Somm über ein Buch, das die Hintergründe für den gescheiterten Wahlkampf erklärt. Fefes Ultrakurzzusammenfassung:

Hillary Clinton ist nicht am FBI oder den Russen gescheitert, sondern an Hillary Clinton. Sie war im Wahlkampf ein paranoider Kontrollfreak und die Dinge entglitten ihr der Reihe nach, aber — und das ist für mich der wichtigste Punkt an der ganzen Sache — die Presse war so Pro Hillary, dass sie nichts davon berichteten.

die ideologische Brille

Den Autoren Markus Somm hatte ich erst kürzlich positiv erwähnt. Ich erinnere mich an einen Kommentar unter dem Artikel in der Basler Zeitung, der ihn kritisierte. Und auch unter diesem Artikel fehlt es nicht an kritischen Rückmeldungen. Man überfliege zum Vergleich die ersten Abschnitte dieses Portrait in der Zeit – „rechtsbürgerlich“ im Gegensatz zum linken Basel, führt als Zürcher eine Basler Zeitung, dann wird eine Verbindung zu Christoph Blocher hergestellt… nun ist „die Zeit“ natürlich nicht neutral, sondern hat auch ihre Feindbilder. Was ich als Schnittmenge aus der Kollision der Weltbilder mitnehme: Markus Somm ist irgendwo zwischen liberal und konservativ, auf jeden Fall nichts links. Was ist von seinem Artikel zu halten, wenn man diese Information im Hinterkopf behält?

Die Fakten

Das erwähnte Buch stammt von Jonathan Allen und Amie Parnes. Es heißt „Shattered: Inside Hillary Clinton’s Doomed Campaign“ (Übersetzung der Basler Zeitung: „Zertrümmert: Im Innern von Hillary Clintons dem Untergang geweihter Kampagne“).

Einordnung und Deutung

Die beiden Autoren werden als linksliberale Journalisten bezeichnet, die der Kampagne Clintons positiv gegenübergestanden hätten. Als sie ihre Recherche eineinhalb Jahre vor der Wahl begannen, seien sie sicher gewesen, den Weg zum Sieg zu dokumentieren. Dabei seien nicht die Gegner, sondern die Freunde Clintons zu Wort gekommen.

Sie hätten mit mehr als Hundert Mitarbeitern Clintons gesprochen, denen sie sowohl Anonymität zugesagt hätten als auch eine Veröffentlichung des Buches erst nach der Wahl. Das habe dann äußerst ehrliche Antworten ermöglicht.

All das hat, wenn man es skeptisch betrachtet, einen Sinn: Das Buch soll als authentisch präsentiert werden. Ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen und dann noch von Wohlwollenden ist die beste Kritik, die man sich als Gegner vorstellen kann, sofern diese negativ ausfällt.

Es ist also eine gehörige Portion gesunder Zweifel geboten, wenn man sich die Schilderung durchliest. Allein – schlecht geschrieben ist es nicht. Es ist eben nicht die Geschichte eines Menschen, der scheitert, weil die Linken durch und durch verkommen wären (was ja eine viel dankbarere Geschichte ergeben würde bei Lesern, die die Linken nicht mögen), sondern der an sich selbst scheitert. Um eine peinliche Episode herauszugreifen:

das katastrophale Interview

Hillary Clinton wünschte sich ein Interview „mit Brianna“. Ihre Sprecherin, mit der sie nicht einmal direkt kommunizierte, organisierte eines mit Brianna Keilar von CNN, welche sich nicht mit kritischen Fragen zurückhielt.

Es kam nicht so heraus wie geplant. Keilar stellte sich als ­kritische, ja aus der Sicht von Clinton unverschämte Befragerin heraus: «Würden Sie ­jemanden wählen, dem Sie misstrauten?», fragte Keilar etwa, was Clinton aus der Fassung brachte: «Sie starrte sie mit Messern in den Augen an», erzählt eine Mitarbeiterin der Clinton-Kampagne. Das Interview galt als Desaster.

Gemeint war jedoch Brianna Golodryga von Yahoo! News, von der Clinton wohl eine wohlwollende Behandlung erwartete, weil deren Mann ein Freund der Clintons war. Mal von der Peinlichkeit dieses Fehlers abgesehen – und solche Klopper passieren durchaus – spricht es doch Bände, dass hier Journalisten nach Wohlwollen ausgewählt werden und man sich keine kritischen Fragen gefallen läßt. Das ist kein spezifisches Problem der Linken, sondern wird bei jedem Politiker kritisiert. Es ist außerdem ein Negativkriterium, auf das man sich über alle politischen Gräben hinweg einigen kann.

Es hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun

Das interessanteste Element an der Erzählung ist jedoch: Das Geschlecht spielt keine Rolle! Hillary Clintons Niederlage ist weder „aufgrund“ noch „trotz“ ihres Geschlechtes geschehen, sondern aufgrund von schweren Fehlern. Man könnte die gesamte Geschichte auch mit einem „Joe Smith“ erzählen.

Und gerade der „falschen“ Brianna wird das bescheinigt, was bei dem Gros der Journalisten während des US-Wahlkampfes schmerzlich vermisst wurde: Professionelle Distanz. So sieht es aus, wenn Frauen durch Leistung überzeugen, und es ist eben nicht zuviel verlangt und es muss nichts geschenkt werden, „weil sie eine Frau ist“.

Der Artikel wäre jedoch nicht vollständig ohne seine kritischen Kommentare. Wie viele Zeitungen moderieren ihre Kommentare stark oder haben die Kommentarfunktion ganz abgeschafft? Hier stehen zumindest sehr kritische Reaktionen. Es ist heutzutage so einfach, besser in Sachen Meinungsfreiheit zu sein als der Durchschnitt…

Aktualisierung: weitere Artikel hier im Blog, die sich mit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen befasst haben:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Name Clinton ist nicht automatisch mit Misstönen in Verbindung zu bringen…

George Clinton: We Got The Funk

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Fundstück: Faschismus aus Angst vor den Nazis

Das Blog „Scheidende Geister“ verweist auf einen äußerst interessanten Artikel von Markus Somm in der Basler Zeitung. Nun mag die Überschrift „Die Faschisten kommen“ im ersten Augenblick etwas drastisch wirken; davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen.

Als Aufhänger dient der Auftritt von Heather Mac Donald, einer konservativen Wissenschaftlerin und Publizistin, an einer US-Uni. Wer hier öfters in der Blogblase mitliest, weiß natürlich schon, was passieren musste:

Kaum war Mac Donald auf dem Campus eingetroffen, wurde sie von der Polizei umstellt, um sie abzuschirmen, weil ein Mob von gut zweihundert Studenten sie am Reden hindern wollte. Es wurde getobt, gedroht, protestiert: «Stellt diese berüchtigte weisse Faschistin ab, die die Überlegenheit der weissen Rasse propagiert!», schrien zwanzigjährige weisse Kinder aus der oberen ­Mittelschicht.

Es lief das inzwischen übliche Programm ab: Studentenproteste, die Uni-Leitung knickte ein. Immerhin wurde die Rede nicht vollständig verhindert:

Was Mac Donald in Claremont erlebte, geschieht an Amerikas Universitäten inzwischen fast alle zwei Monate: Linke stören Vorträge von Leuten, die ihnen politisch nicht passen, sie schreien sie nieder oder wenden Gewalt an. (…) Es ist grotesk: Unter dem Vorwand, den Faschismus zu bekämpfen, wenden junge Leute Methoden an, die nichts anderes als faschistisch sind.

Damit ist der Kern des Problems wunderbar getroffen. Körperliche Gewalt gegen politische Gegner wird begrüßt. Anders als es der Artikel suggeriert, sind wir hier in Europa von solchen Zuständen nicht weit entfernt. Hier gibt es nicht nur für weltweit bekannt gewordene Ereignisse ähnlichen Applaus. Es wird auch ausgiebig die Chance genutzt, einen eigenen Beitrag zum Abbau der Zivilisation zu nutzen, indem man etwa inzwischen offen in der Zeitung Straftaten gegen politisch unliebsame Personen billigt. Und die Freiheit in der Debatte, sie war – je nach europäischem Land – keineswegs größer als die in Amerika; nur dass wir hier meistens nicht so stark auf zwei Extreme konzentriert sind.

Der Artikel wendet sich dann Jonathan Haidt und der Erforschung rechte rund linker Moral zu, was beides z.B. im Blog „Red Pill Berlin“ schon mehrmals Thema war. Die Basler Zeitung dazu:

Besonders verdienstvoll war Haidts Erkenntnis, dass beide, Linke wie Rechte, aus moralischen Motiven zu ihrer Position gelangen, (…) fest steht, beiden geht es nicht darum, den eigenen Egoismus auszuleben, sondern beiden liegt viel daran, die Welt so einzurichten und das Leben der Menschen so zu gestalten, dass es möglichst gut für alle ist.

Und das wäre ja tatsächlich mal eine Gesprächsbasis. Nicht ohne Grund habe ich sowohl Leszek als auch Lucas Schoppe zitiert, die als Linke Konservative würdigen und verteidigen. Genau das ist ein guter Lackmus-Test.

Wenn viele Linke sich heute so schwer damit tun, andere Positionen zu tolerieren, dann liegt es an diesem Missverständnis: Sie halten sich per se für moralisch gut, was sie fast zwangsläufig dazu verleitet, den politischen Gegner als schlecht anzusehen. Dass dieser genauso moralisch motiviert sein könnte, das übersehen sie gerne, umso mehr erlaubt ihnen diese Einstellung, alle Mittel anzuwenden, um einen vermeintlich moralisch so verwerflichen Gegner anzugreifen. Das macht es so gefährlich. Menschen, die sich immer für gut halten, sind das Gegenteil von jenen Leuten, die das Gute tun. Wer sich so sicher ist, dass er auf der richtigen Seite steht, verliert alle Hemmungen, sich durchzusetzen. Der Zweck heiligt die Mittel. Er wird böse, um dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen – und merkt nicht mehr, dass er der ­Einzige ist, der böse handelt. Redefreiheit? Aber selbstverständlich, solange es dem entspricht, was gut ist – und was gut ist, wissen wir, nicht die andern.

Hier haben wir in einem einzigen Abschnitt das größte Problem für die politische und gesellschaftliche Debatte zusammengefasst. Es kann natürlich genausogut in die andere Richtung schiefgehen: Konservative, die meinen, die Linken wollten die Welt zerstören, und sich deswegen gar nicht erst anhören, was sie zu sagen haben. Ich habe das persönlich erlebt, ohne mich als besonders linken Menschen zu sehen – es reichte in diesem Fall aus, nicht konservativ zu sein (übrigens auch ein wunderbares Spiegelbild der heutigen Debatten!)…

Es mag keine neue Erkenntnis sein, was in besagtem Artikel steht, aber ich finde viele gute Gedanken so kurz und knapp ausgedrückt, dass ich ihn erwähnen wollte. Genießen wir die Freiheit und lassen wir uns nicht von Kulturpessimisten unterkriegen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Lebenslust und eine positive Einstellung: In diesem Lied von Pierre Attaingnant wird nur einer Flasche Wein „der Krieg erklärt“…

Tourdion