Fundstück: Postfaktischer Lookismus à la Kanada

…oder „wenn es ein charismatischer Progressiver macht, ist das ja nicht so schlimm“. Gut, es ist nichts Neues: Leuten im eigenen politischen Lager läßt man mehr durchgehen und Charismatiker können mit erstaunlich vielen Dingen durchkommen. Das bringt dann den Riesennachteil mit sich, dass solche Personen an der Spitze auch für objektiv fiese Sachen nicht großartig kritisiert werden. Oder wie ich über Barack Obama und seine Drohnenmorde schrieb:

Die Sache mit der Überwachung und den Drohnen war ja schon immer falsch. Es schienen nur viele gehemmt zu sein, einen jungen, charismatischen Präsidenten dafür zu kritisieren. Spätestens jetzt, wo klar ist, an wen diese Instrumente demnächst gehen, könnte doch auch der letzte aufwachen und darauf kommen, dass Barack Obama der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit da keinen Gefallen getan hat.

Aber warum die USA alleine kritisieren, wenn in Kanada dieser Kniff noch viel besser zieht? Oder wie es Frank Rieger bezogen auf den kanadischen Premierminister im Fnord-Jahresrückblick 2016 (22:42-26:00) ausdrückt: „Justin Trudeau zeichnet sich primär dadurch aus, dass er sehr gut aussieht und offenbar auch sehr nett ist.“ Er habe es dadurch einfacher in der Politik. Wenn man so eine gute Ausstrahlung habe, dann bekomme man eine Menge Sachen durch: Überwachungsstaat, Ölpipelines..

Fnord-Jahresrückblick 2016 (22:42-26:00)

Wie Fefe im Dezember kommentierte, als Trudeau eine umstrittene Pipeline genehmigte:

Der sieht gut aus, hat sein Kabinett genau zur Hälfte mit Frauen bestückt, hat ein paar Mal Virtue Signalling gemacht und jetzt glaubt alle Welt, der sei halt einer der Guten. Und der macht jetzt sowas. Das erzeugt eine Kollision zwischen dem Weltbild („Trudeau ist ein Guter“) und der Realität („Trudeau betreibt aktive Umweltvernichtung“). Ich finde es auffallend, wie sich der Tagesschau-Artikel bemüht, Trudeau nicht zu kritisieren. Achtet mal darauf, ob ihr das auch so empfindet. Da hat sich jemand noch nicht von seinem „der Trudeau ist aber ein Guter“-Weltbild lösen können, selbst als er den Gegenbeweis als Meldung auf dem Tisch hatte.

Und wenige Tage später ging es munter weiter, diesmal betraf es Überwachungsstaat und die Legalisierung von Cannabis (letztere versprochen, aber nicht gehalten).

Dass es vor allem aufs Aussehen ankommt und nicht mehr auf die Taten, das ist postfaktisch. Aber leider ist man davor nicht gefeit, nur weil man dem „richtigen“ politischen Lager angehört oder zu den „Qualitätsjournalisten“. Letzteres ist ein Trauerspiel, denn gerade Medien hätten doch die Aufgabe, hinter einen solchen Schein zu blicken und die Leute aufzuklären.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Musikauswahl heute hat mit den Fakten nichts zu tun, kommt aber aus Kanada.

Bryan Adams: Run To You

Fundstück: Die Geister, die sie riefen…

Also damit konnte ja wohl niemand rechnen: Donald Trump benutzt das „safe space“-Konzept gegen Kritiker. Wie Fefe ebenfalls zu bedenken gibt: Was, wenn Donald Trump Anti-„hate speech“-Gesetzgebungen (Kriterium: „fühle mich traumatisiert“) durchzieht?

Genau das passiert, wenn man irgendwelche schwammigen Begriffe ins Feld führt, um andere Leute, deren Meinungen einem nicht passen, zum Verstummen zu bringen: Dieselben Regelungen werden dann irgendwann vom ideologischen Gegner gegen einen selbst angewandt.

Das ist aber nur ein Vorgeschmack. Was bei Einschränkung der Meinungsfreiheit anfängt, setzt sich über Überwachung fort und geht hin bis zum Mord. Wie Fefe zum dritten richtig schrieb:

Bei neuen Ermächtigungsgesetzen für Polizei, Dienste und Militär warne ich seit Jahren davor, dass selbst wenn wir unserer Regierung jetzt trauen, dass sie keinen Scheiß macht mit solchen Befugnissen, dann muss man doch im Hinterkopf behalten, dass die nächste Regierung möglicherweise aus verrückten Triebtätern besteht.
(…)
Mir fällt gerade auf, dass Trump sich auch hervorragend zur Illustration dieses Punktes eignet. Obama hat in den USA eine Drohnenmord- und Geheimdienst-Massenüberwachungs-Infrastruktur aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht. Und jetzt sitzt Donald Trump an diesen Knöpfen. Kann jederzeit weltweit jeden beschnüffeln und gezielt von einer Drohne ermorden lassen.

Die Logik, mit der so etwas installiert wird, ist natürlich immer dieselbe: Wir wollen doch nur gegen das Böse™ kämpfen und da kommen wir mit herkömmlichen Mitteln nicht weiter!

Die Sache nimmt jedoch noch eine weitere gruselige Wende: Die Sache mit der Überwachung und den Drohnen war ja schon immer falsch. Es schienen nur viele gehemmt zu sein, einen jungen, charismatischen Präsidenten dafür zu kritisieren. Spätestens jetzt, wo klar ist, an wen diese Instrumente demnächst gehen, könnte doch auch der letzte aufwachen und darauf kommen, dass Barack Obama der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit da keinen Gefallen getan hat.

Journalisten trauen sich jedoch auf breiter Front noch nicht einmal, Barack Obama überhaupt darauf anzusprechen. Der Aufwachen-Podcast 157 (“ Everybody loves Obama“) hat die gesamte Peinlichkeit im Detail. Tilo Jung erzählt zunächst, wie er auf der Pressekonferenz seine Frage zu den Drohnen nicht stellen durfte („Tilo fragt Obama (nichts)“). Dann kommt das unsägliche Interview von ARD und Spiegel, das statt richtigen Fragen anscheinend nur aus Gefühlen, Belanglosigkeitenen und Vereinfachung besteht („Spon und ARD fragen Obama“). Und die werfen dem einfachen Volk Dummheit vor!

So einfach kommt man von absurden Nischenthemen zur großen Weltpolitik. Es wird Zeit, dass es wieder eine Debatte gibt, denn dieses Schweigen und zum Schweigen bringen kann nichts Gutes hervorbringen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Es ist so leicht und einfach, „den“ Amerikanern Dummheit vorzuwerfen… dabei ist offensichtlich, dass sie darauf kein Monopol haben.

Green Day: American Idiot

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

So titelte die Schweizer Wochenzeitung WoZ die Niederlage Clintons gegenüber Donald Trump. Sehen sich weiße Frauen tatsächlich der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht und sich bis heute wenig daran geändert hat? Dieses Narrativ mag bei genauerem Hinsehen nicht richtig zu überzeugen.

Würde die WoZ identisch argumentieren, wenn Frauen wie Sarah Palin, Marine Le Pen oder Frauke Petry zur Wahl gestanden hätten?

Interessant wäre ja die Frage, ob dieses Narrativ (Frauen sind immer noch diskriminiert, Frauen solidarisieren sich lieber mit dem Unterdrücker, weil es ihnen Vorteile verschafft etc.), das die WoZ bzw. Anna Jikhareva erzählt, auch so geschrieben worden wäre, wenn ein Mann bei den Demokraten gegen eine Frau bei den Republikanern angetreten wäre: z.B. eine Frau wie Sarah Palin oder Marine Le Pen oder Frauke Petry? Vermutlich nicht! Da hätte die WoZ vermutlich die Frauen gelobt, die nicht Palin, Le Pen oder Petry gewählt haben, weil sie sich sonst „ideologisch“ in unlösbare Widersprüche begeben hätte. Das identitätspolitische Narrativ (Frauen sollten gefälligst Frauen wählen: alles andere ist unsolidarisch oder eben Komplizenschaft) funktioniert also nur unter ganz bestimmten Prämissen und ist deshalb nicht wahnsinnig stichhaltig bzw. valide.

Clinton hat sicherlich nicht einfach verloren, weil sie eine Frau war, sondern weil sie im Gegensatz zur Obama-Wahl 2012

  • bei allen Altersgruppen bis 64 Jahren prozentual weniger Stimmen als Obama holte;
  • bei allen Ethnien (Weiße, Afroamerikaner, Hispanics, Asiaten und Sonstige) prozentual weniger Stimmen holte als Obama:
  • und auch insgesamt bei den Frauen prozentual weniger Stimmen holte als Obama!

vgl. FAZ

Haben weiße Frauen die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt?

Auch die nachträgliche Begründung von  Jikhareva ist nicht sehr stichhaltig bzw. vollständige Spekulation, die besagt, dass die weißen Frauen lieber die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt haben. Die weißen Frauen, die insbesondere über überdurchschnittlich viel kulturelles Kapital besaßen, haben in hohem Masse für Clinton gestimmt. Diejenigen Frauen, die eben gerade hinsichtlich des kulturellen Kapitals nicht privilegiert waren, haben zu 62% für Trump gestimmt. Viel naheliegender dürfte die Interpretation sein, dass gerade weiße Frauen, die zur Unterschicht gehören und zu den Globalisierungsverlierern gehören, für Trump gestimmt haben.

vgl. SPIEGEL

Und was für Privilegien haben wohl diese weißen Frauen, die wenig kulturelles Kapital besitzen? Im Vergleich zu Männern, die wenig kulturelles Kapital besitzen, dürften sie auch noch weniger ökonomisches Kapital besitzen. Clinton konnte diese Frauen offenbar nicht wahnsinnig überzeugen, dass es ihnen mit ihrer Wahl besser geht.

Schließen sich Frauen lieber ihrem Unterdrücker an, weil er ihnen ein Teilhabe an der Macht vortäuscht?

Und dass sich weisse Frauen ausgesetzt sehen, sich dem Unterdrücker anzuschließen, ist auch nichts weiter als Spekulation. Was genau hätte den Clinton für diese weiße Frauen mit wenig ökonomischem und kulturellem Kapital zu bieten gehabt? Wollte Clinton die Lohnquote für die Arbeitenden erhöhen? Oder ganz allgemein den Gini-Index der USA verbessern, folglich die Kluft der Einkommens- und Vermögensverteilung verringern? Oder wollte sie dafür sorgen, dass die USA weniger eine Plutokratie bzw. Oligarchie ist und ganz allgemein die politische Partizipation der unteren Klassen stärken? Hat Obama irgend etwas diesbezüglich erreicht? Außer der Entspannung zu Kuba und dem Iran sowie Obamacare findet man bei Obama keine nachhaltigen Verbesserungen.

Auch die Aussage, dass die Wahl von Trump für die Frauen ökonomisch negative Folgen haben wird, ist reinste Spekulation und es fehlt jegliche Begründung dafür.

Eine Mehrheit der Menschen wollte einen „Change“ und nicht den Status Quo

Der restliche Text von Jikhareva, der die schwache Repräsentation der Frauen in Exekutive und Legislative in den USA beklagt, mag zwar grundsätzlich richtig sein, ist jedoch für die Analyse der US-Präsidentschaftswahl 2016 mehrheitlich irrelevant. Seit 1945 gab es in den USA nur einmal eine Phase, in der die gleiche Partei ununterbrochen 12 Jahre bzw. drei Amtszeiten hintereinander den Präsidenten stellen konnte. In allen übrigen Phasen konnte die gleiche Partei höchstens 8 Jahre den Präsidenten stellen. Ein großer Teil der Menschen in den USA wollte einen Wechsel (Change) und den erhält man nicht, wenn man noch einmal einen Präsidenten wählt, der aus der selben Partei stammt wie der Vorgänger und schon gar nicht, mit einer Präsidentschaftskandidatin, die innenpolitisch den Status quo weiterführt.

Entscheidend waren die Staaten des Mittleren Westens: Globalisierungsverlierer

Entscheidend bei dieser Wahl waren nun mal die Staaten Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Also Staaten, mit überdurchschnittlich hohem Anteil von weißen, wenig gebildeten Menschen, die man unter die Globalisierungsverlierer subsumieren kann. Clinton hatte hier Mühe zu punkten, weil die protektionistischen Sprüche von Trump nun mal glaubwürdiger waren als analoges von Clinton.

Fazit

Das mehrheitlich identitätspolitische Narrativ von Anna Jikhareva ist m.E. überwiegend falsch. Es ist vornehmlich ein ideologisches Narrativ, das nur dann funktioniert, wenn eine Frau bestimmte Voraussetzungen mitbringt wie dies bei Hillary Clinton der Fall war (Mitglied der demokratischen Partei, identitätspolitische, postmodernistische und intersektionale Programmatik), jedoch bei anderen Frauen, die z.B. eher konservativ, rechtspopulistisch oder protektionistisch politisieren, nicht angewendet werden kann/darf, weil sich sonst die Autorin ideologisch in unlösbare Widersprüche verstrickt. Es ist somit ein ideologisches Narrativ, das eben gerade die komplexe empirische Realität aussen vor lassen muss, damit die Ideologie durchgehalten werden kann. Die Realität ist also komplexer, als es Ideologen gerne hätten.

Quellen:

WoZ-Artikel: HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE Keine Mutter für die Nation

Fundstück: Maddox zum Mythos Gender Pay Gap

Der Mythos Gender Pay Gap, also der Fehlschluss, unterschiedliche durchschnittliche Einkommen aller Frauen im Vergleich zu allen Männern bedeute, dass eine Frau für exakt dieselbe Arbeit weniger bekomme als ein Mann, scheint unausrottbar. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mischt selbst fleißig daran mit, diesen Irrtum weiter zu verbreiten, worauf unlängst sowohl in den Kommentaren als auch in den Kurznachrichten hingewiesen wurde. Umso wichtiger ist es, Gegenbeiträge zu bringen.

Klar, verbohrte Ideologen wird man damit nicht überzeugen können. Aber es gibt immer genügend Leute mit gesundem Restzweifel, denen man damit vielleicht eine Initialzündung geben kann. In diesem Sinne:

Maddox: How every company in America can save 23% on wages

Schon die Überschrift nennt das wichtigste Gegenargument: Warum stellen Unternehmen nicht ausschließlich Frauen ein, wenn sie ihnen tatsächlich 23% weniger Gehalt zahlen können?

Es wäre doch völlig absurd, bei – wie ja stets angenommen – völlig gleichwertigen Bewerbern einen Mann zu nehmen, wenn sich die Lohnkosten um 23% nach unten drücken ließen! Welche Motivation gäbe es in einem Unternehmen, gegen das Gesetz des Marktes zu handeln? Da müsste schon eine gewaltige Verschwörung aller Unternehmen her, um den Druck des Kapitalismus außer Kraft zu setzen. Hier wird es dann endgültig absurd.

Beachtlich, dass selbst Barack Obama die richtigen Zahlen falsch benutzt. Aufklärung tut also dringend Not!

Es ergibt sich aber auch die Gelegenheit für einen Kalauer: Wenn wie behauptet Frauen für jeden Dollar, den ein Mann verdient, 77 Cent bekommen, sollen sie doch gut zufrieden sein! Wieviel bekommt schließlich ein Mann ab von dem Geld, das seine Frau verdient?

Maddox bricht das allgemeine Gebot von Unternehmen, möglichst geringe Kosten zu haben (natürlich mit dem Ziel der Gewinnmaximierung), auf seine persönliche Situation herunter: Er hätte gerne den Illustratorinnen seines Buches 23% weniger gezahlt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Das finde ich sehr nachvollziehbar!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die richtigen Zahlen zu haben reicht nicht, damit die Wahrheit dahinter zu den Leuten durchdringt. In diesem Lied haben die Leute zwar die richtige Nummer, kommen aber trotzdem nicht durch…

De la Soul: Ring ring ring (Sax mix)