Fundstück: Was ist eine Sekte?

Christian Schmidt fasst die Reaktionen auf Vorträge von Milo Yiannopoulos und Wendy McElroy an Universitäten wie folgt zusammen:

Wenn man sich das Video von Milo ansieht, dann kann man eigentlich nur zu dem Ergebnis kommen, dass man erheblich fanatisiert und indoktriniert sein muss, um hier seelische Zusammenbrüche zu erleiden.
(…)
Anscheinend erleben diese Personen eine unglaubliche Belastung, wenn sie andere Meinungen hören. Dies wäre mit einer Gehirnwäsche, wie sie in Sekten oder anderen Religionsgemeinschaften mit starken Tabus sicherlich zu erklären, aber nicht damit, dass man in einer Universität eine andere Meinung anhört.

Diese unglaubliche Infantilisierung, diese Unduldsamkeit gegenüber anderen Auffassung, dieses beständige Arbeiten mit Tabus und Denkverboten statt Argumenten passt wirklich nur noch zu seiner Sekte. Und wie diese ist das dortige Denken gefährlich, weil das eigene Denken anscheinend ausgeschaltet wird.

(„Andere Meinungen nicht ertragen können und der Feminismus als Sekte„, Alles Evolution)

Das erinnerte mich sofort an einen Text, auf den ich via Sargon of Akkad gestoßen war. In „Exploring the CULT in culture“ befasst sich Ivan Tyrrell mit der Arbeit von Dr Arthur Deikman über Sekten. Deikman definiert eine Sekte anhand folgender vier Kriterien:

  • Übereinstimmung mit der Gruppe
  • Abhängigkeit von einem Anführer
  • Vermeidung von Widerspruch
  • Abwertung von Außenstehenden

Und da glaubt man bei bestimmten Gruppen, das doch tatsächlich wiederzuerkennen. Nun muss man sich hüten vor „Wenn man einen Hammer in der Hand hält, sieht alles wie ein Nagel aus“.

Bezeichnenderweise werden jedoch die Beweggründe, in eine Sekte abzudriften, gerade nicht als sonderlich bezeichnet, sondern als völlig normale menschliche Bedürfnisse. Die ursprüngliche Motivation klingt denn auch entsprechend harmlos:

  1. ein sinnvolles Leben führen
  2. sich sicher und geborgen fühlen

Klar, wer will das nicht? Das zweite Motiv erweist sich im Übermaß als fatal: Erwachsene sollten weniger schutzbedürftig sein als ein Kind, also irgendwie schon mit der Welt klarkommen, ohne dass sie ständig auf jemand anderen angewiesen sind.

Das beste Gegenmittel gegen Manipulation ist immer noch ein kritischer Geist. Der schönste Aspekt an diesem Rezept ist, dass es unabhängig von politischer Richtung oder Weltanschauung funktioniert. Deswegen lassen sich auch die eigenen Überzeugungen prüfen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Gut, in einem Zusammenhang finde ich „Cult“ nicht schlecht:

Blue Oyster Cult: Don’t Fear The Reaper

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Kurznachrichten vom 09.10.2016

1: Don Alphonso untersucht bei der FAZ die diesjährigen Zahlen der angezeigten Sexualstraftaten auf dem gerade beendeten Oktoberfest. Schon deshalb, weil Netzfeministinnen in ihrer #ausnahmslos-Kampagne das Oktoberfest immer wieder gerne als Beispiel dafür hernahmen, dass Sexismus und sexuelle Übergriffe auch unter Bio-Deutschen gang und gäbe seien.

Nun, tatsächlich hat sich die Zahl der Anzeigen im Vergleich zum Vorjahr von 21 auf 31 erhöht, und das trotz niedrigerer Besucherzahlen. Aber:

Bei den festgenommenen Beschuldigten handelt es sich um 2 deutsche Staatsangehörige und 16 ausländische Staatsbürger (darunter 6 Asylbewerber).

Einer der beiden deutschen mutmasslichen Täter ist dem Vernehmen nach ein männlicher Busfahrer, der sich an einem betrunkenen Mann oral verging. […]

Seriös muss man sagen: Es gab 2016 nach bisherigem Stand der Ermittlungen bei einem 17 Tage dauernden Fest mit 5,6 Millionen Besuchern 1 einzigen festgenommenen deutschen, heterosexuellen, mutmasslich weissen Sexualstraftäter. Die grosse Mehrheit der Ermittelten stammt nicht aus Deutschland. In der einzigen Nacht auf der Domplatte liegen bei einer vierstelligen Menschenmenge mit überwiegend Migrationshintergrund 430 Anzeigen wegen Sexualstraftaten vor. Man kann es nicht vergleichen.

So sieht sie aus, die deutsche „Rape Culture“.

2: Die taz befindet, mit der Aussage

Außerdem müssen wir deutlich machen, dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind. (…) Es geht darum, dass jeder nach seiner Fasson leben kann und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben. Auf Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.

bediene sich

Winfried Kretschmann des klassischen Repertoires homophober Propaganda von rechts.

Die FAZ hält die Aussage immerhin nur für „gewagt“.

So ist das heutzutage: Wenn man darauf hinweist, dass Heterosexualität eben das normale Verhalten ist, ist das schon „homophob“, selbst wenn man Schwulen und Lesben gleiche Rechte zugestehen will.

3: Ebenfalls bei der taz:  Ein Bericht über die Kultur der Trigger Warnings, Safe Spaces und Microaggressions an amerikanischen Universitäten und wie diese Kultur langsam auch nach Deutschland kommt.

4: Eine eher amüsante Posse: Es gibt einen kleinen Wirbel um Umweltministerin Barbara Hendricks, die im Iran mit einem Mann verwechselt wurde. Die iranische Politikerin Massumeh Ebtekar hatte ihr bei einem Besuch in Deutschland die Hand gegeben. Fremden Männern die Hand zu geben ist in Iran für gläubige islamische Frauen, besonders für Spitzenpolitikerinnen, ein absolutes Tabu. Aufgrund von Videoaufnahmen war bei vielen Iranern der Eindruck entstanden, das sei so.

Wäre es eine Meldung wert gewesen, wenn Ebtekar tatsächlich auf einen Mann getroffen wäre? Während es hier im Westen regelmäßig für Aufregung sorgt, wenn sich ein muslimischer Politiker weigert, einer Politikerin die Hand zu geben, kräht im umgekehrten Fall kein Hahn danach. Auf den wirren Gedanken, dass man von Frauen dasselbe Verhalten verlangen könnte wie von Männern, kommen auch nur diese merkwürdigen Männerrechtler.

5: Wie die meisten wohl schon wissen, ist ein kompromittierendes, 11 Jahre altes Video von Donald Trump aufgetaucht, aufgrunddessen ihm Sexismus und sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Auf Alles Evolution wird darüber bereits diskutiert.

6: Ein Ausflug zur Kultur: Das wohl meistgespielte Stück in fränkischem Dialekt hat 40jährigen Geburtstag. Was das mit Männerrechten zu tun hat? Das sollte alleine aus dem Titel hervorgehen, der ist nämlich: „Schweig, Bub!

Es geht darin vordergründig um ein Familienfest, eine Konfirmationsfeier, die mehr und mehr aus den Fugen gerät. Eine gewisse Tragikomik entfaltet das Stück vor allem dadurch, dass es den erwachsenen Figuren um alles mögliche geht, nur nicht um den, um den es eigentlich gehen sollte, den Konfirmanden. Der wird nämlich nur zurückgewiesen und hat die Klappe zu halten. Insofern könnte man es auch als ein sozialkritisches Lehrstück über die Konditionierung von Jugendlichen betrachten.

Das Stück von Fitzgerald Kusz wurde inzwischen in 13 Dialekte übersetzt. Ich kann es nur wärmstens empfehlen, weil es sich eben nicht an die verlogenen Traditionen des klassischens Volkstheaters hält, sondern diese mit mehr Realismus durchbricht. Vom Stellenwert her in Franken dürfte man es inzwischen mit dem Analogon „Brandner Kaspar“ in Bayern vergleichen können.

Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 14

Ein Beispiel für eine ganz klassische männerfeindliche Argumentation zeigt der Stadtmensch in seinem Artikel „Ladenhüter Feminismus“ auf. Er zitiert und kritisiert den Artikel „Der Mann als Wille und Vorstellung“ von Selma Mahlknecht:

Der Feminismus beispielsweise kann per Definition nicht männerfeindlich sein. Er (…) bekämpft nicht den Mann als solchen. Der Feminismus, der eine Welt der Chancengleichheit und Partnerschaftlichkeit einfordert, unterstellt (…), dass Männer sehr wohl dazu in der Lage sind, in einer solchen Welt zu leben. Der Feminismus behauptet, dass Männer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Frauen, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.

Das Schema dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit lautet:
„Ich habe nichts gegen X, sie sollen sich nur nicht wie Xse verhalten“

Wie Christian Schmidt im gleichnamigen Artikel passend schreibt:

Und es wäre eben auch nicht weniger rassistisch, wenn man sagt, dass man „nichts gegen Schwarze hat, wenn sie eben nicht stehlen und vergewaltigen, sie könnten sich ja ändern“. Weil man eben eine Gruppe verurteilt und ihr bestimmte negative Eigenschaften unterstellt und nur den Einzelnen davon ausnimmt, wenn er sich exkulpiert.

Über diese Stelle musste ich immer lachen, denn sie erinnerte mich an einen Text, den ich vor fast 20 Jahren gelesen habe. Ein Team um Rainer Stenzenberger präsentierte eine Art Seifenoper im Internet mit Namen „Kleine Welt“: Heute mag es technisch trivial klingen, aber 1997 war es Pionierarbeit: Die Serie bestand aus den Texten aus der jeweiligen Perspektive des Charakters, passend bebildert mit Fotos von Schauspielern.

Aus der Riege der jungen Protagonisten stach einer hervor: Herr Schlüter, der Hausmeister. Seine Ansichten waren jenseits von Gut und Böse. Aus dem Gedächtnis heraus: Einmal gab es Krach in der Kneipe, weil sich einer in der Runde abfällig über Schwarze geäußert hatte. Schlüter hatte damals einen schwarzen Angestellten und schilderte, wie er seinem Kumpel fast eine geschallert hätte. Im Brustton der Überzeugung, dass er sich damit gegen Rassismus eingesetzt hätte, erzählte er, was er als Antwort gebrüllt hätte: Die Schwarzen könnten schließlich nichts dafür, dass sie dümmer seien als Weiße!

Es ist einfach ein wunderbares Beispiel für das Denkmuster „Ich habe eine positive Einstellung gegenüber Xsen, schließlich akzeptiere ich, dass sie minderwertig / von Natur aus böse sind“. Weitere Varianten bezogen auf Männer waren bei Alles Evolution zu lesen:

In Diskussionen, in denen es darum geht, ob Feminismus Männerfeindlichkeit ist, stelle ich häufig eine Frage:

Kannst du mir einen Artikel zeigen, der die positive Sicht des Feminismus auf Männer darstellt?
(…)
Tatsächlich habe ich aber als Reaktion hierauf noch keinen wirklich positiven Artikel gezeigt bekommen. Die Artikel haben eher den folgenden Inhalt:

  1. Wir hassen Männer nicht, wir glauben ja, dass Männer besser werden können.
  2. Wir hassen Männer nicht; einige Männer sind gut.
  3. Wir hassen Männer nicht; man kann sie umerziehen.
  4. Wir hassen Männer nicht; wir sind bereit, ihnen zu verzeihen, wenn sie hinreichend büßen und sich ändern.
  5. Mir persönlich bekannte Männer sind durchaus gut; leider sind nicht alle so.
  6. Männer sind nicht das Problem, sondern die Männlichkeit, also das Verhalten des typischen Mannes.
  7. Wie du als Mann aufhören kannst, ein schrecklicher Mann zu sein, indem du ein feministischer Ally wirst und deine Privilegien hinterfragst.

(Rechtschreibung und Zeichensetzung in der Liste leicht angepasst von mir.)

Es lohnt sich, hier einmal ungeschminkt die versteckten Grundannahmen (Präsuppositionen), die in diesen Aussagen enthalten sind, herauszuschreiben, ähnlich wie es Lucas Schoppe bei den „36 Fragen an Männer“ gemacht hat:

  1. Die meisten Männer sind schlecht.
  2. Männer einfach so – ohne Umerziehung – sind nicht zu ertragen.
  3. Männer als Gruppe haben Schuld auf sich geladen und können nicht so bleiben, wie sie sind.
  4. Wenn einzelne Männer gut sind, gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.
  5. Männlichkeit / typisch männliches Verhalten ist schlecht.
  6. Männer müssen sich ausdrücklich von den anderen Männern im allgemeinen distanzieren.

Jedem Menschen einer demographischen Gruppe abzusprechen, dass er einfach so ok ist, wie er ist – das ist schon ein starkes Stück. Aber auch von denjenigen, die nicht pauschal verurteilt werden wollen für das, was sie sind, zu verlangen, sich von den anderen Gruppenmitgliedern abzugrenzen, bevor man überhaupt in Erwägung ziehen kann, sie zu akzeptieren, ist der Hammer.

Aus einem Buch über Nationalsozialismus ist mir die Erzählung eines Zeitzeugen in Erinnerung geblieben, wie über einen fahrenden jüdischen Händler gesprochen wurde: „Das ist der gute Jude. Er ist Jude, aber er betrügt die Leute nicht.“ Natürlich ist das antisemitisch. Wie auch der Zeitzeuge selbst urteilte: Die positive Darstellung des einen wird dazu verwendet, die Gruppe an sich negativ zu charakterisieren.

Wenn man das Eingangszitat umformuliert mit einem Platzhalter, was würde wohl allgemein von diesem „X-ismus“ gehalten?

Der X-ismus beispielsweise kann per Definition nicht fremdenfeindlich sein. Er (…) bekämpft nicht den Ausländer als solchen. Der X-ismus, der eine Welt von Zucht und Ordnung einfordert, unterstellt (…), dass Ausländer sehr wohl dazu in der Lage sind, in einer solchen Welt zu leben. Der X-ismus behauptet, dass Ausländer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Deutsche, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.

Zur Erinnerung: die Spielregeln

Nur ein kleiner Test:

Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?

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Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Na, zumindest sind einige Lieder mit Hass im Titel sehr melodisch…

The Pretenders: Thin line between love and hate

Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 1

Fangen wir die neue Serie an mit einem kleinen Fundstück ganz in der Tradition der „Ausländerschritte“ aus der taz. Aufgegabelt hat es Christian Schmidt auf Alles Evolution:

Ich wurde zum Glück noch nie belästigt auf der Straße. Aber mulmig ist mir trotzdem, wenn ich Männern alleine begegne.

(Quelle: Kopfpampe auf Twitter)

Christian greift es ganz locker auf:

Die klassische Gegenprobe:

„Ich wurde zum Glück noch nie belästigt auf der Straße. Aber mulmig ist mir trotzdem, wenn ich Ausländern alleine begegne.“

Die meisten wären sich einig, dass es Rassismus wäre.

Und genau so sollte man es mit solchen Beispielen machen!

Zur Erinnerung: die Spielregeln

Nur ein kleiner Test:

Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?

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Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem passenden Lied zum heißen Sommer.

Bananarama: Cruel Summer