Kurznachrichten vom 31.10.2017

1: Eine neue Wendung in der aktuellen Weinstein-Sexismus-Debatte: Es gibt jetzt ein erstes männliches Opfer in der Hollywood-Filmindustrie, den Schauspieler Anthony Rapp. Und der Beschuldigte ist niemand geringeres als Kevin Spacey, einer der bekanntesten Schauspieler Hollywoods (American Beauty, Sieben, L.A. Confidential, Die üblichen Verdächtigen). Spacey hat sich daraufhin umgehend als schwul geoutet. Er ist derzeit vor allem als Hauptdarsteller der Serie „House of Cards“ bekannt, die nach der sechsten Staffel jetzt eingestellt werden soll. Ob die Belästigungsvorwürfe Grund dafür sind, ist unklar, es sieht aber danach aus.

2: Thomas Gesterkamp betreibt mal wieder Männerrechtler-Bashing bei der taz. Linke Männerrechtler gibt es seiner Ansicht nach nicht, das ist alles nur Mimikri und Kreidefressen.

Die Namen der Zusammenschlüsse sollen harmlos klingen, am besten progressiv und aufklärerisch. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um Frauenhasser und Anti-Gender-Aktivisten.

Frauenhasser ist man für Leute wie Gesterkamp, wenn man Frauen nicht gleich jeden Wunsch den Augen ablesen und erfüllen will. Oder ihnen sogar Selbstverantwortung zutraut. Oder für gleiche Beteiligung bzw. Bezahlung auch gleiche Leistung verlangt. Wie schrecklich!

Ich habe unter dem Artikel der taz einen Kommentar geschrieben, aber da ich bezweifle, dass er veröffentlicht wird, kann ich ihn ja schon mal hier veröffentlichen:

Das klingt nach einer ausgewachsenen Verschwörungstheorie, die Gesterkamp hier ausbreitet.

Wie das mit dem „keine Bühne bieten“ für unliebsame Meinungen in der Praxis aussieht, und dessen Erfolg, konnte man gerade wunderbar auf der Frankfurter Buchmesse beobachten.

Langfristig wird es keine Geschlechterpolitik mehr geben, bei der nur die Interessen der Frauen zählen, und Alibi-Vereine von feministischen Gnaden wie das Bundesforum Männer, die zwar mit üppigem Etat ausgestattet sind, aber wichtige Interessen von Männern lieber nicht ansprechen (Es nicht zu tun, dafür wurden sie ja auch gegründet), am Rande Fähnchen winken dürfen.

Gesterkamp fürchtet um die feministische Hegemonie in der Geschlechterdebatte, und das zurecht. Aber lasst es Euch nochmal ins Stammbuch schreiben: Wenn Linke noch länger meinen, sie könnten Interessen von Männern ignorieren, werden diese Männer eben rechts wählen. Ihr habt den Schuss anscheinend immer noch nicht gehört. Die Parteien, die Feminismus fest im Programm haben (SPD, Grüne, Linke), wurden mit zusammen unter 40% eben krachend abgewählt.

Das liegt vor allem daran, dass das linke Lager sein wichtigstes Ideal, den Universalismus verraten hat. Man kümmert sich nicht mehr um alle, sondern nur noch um Minderheiten, denen Sonderprivilegien eingeräumt werden. Anrecht auf Mitleid und Hilfe haben nur noch diese, wer nicht zu den anerkannten Opfergruppen gehört, leider nicht. Das, mit Verlaub, ist das Gegenteil von links und „progressiv“.

Da bin ich doch froh, dass es da noch ein paar Männerrechtler gibt, die die Ehre der Linken unter den Männern zu retten versuchen.

3: Harald Martenstein kommentiert das Bestreben des Asta der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, der ein Gedicht Eugen Gomringers von der Fassade entfernen lassen will, weil es angeblich Frauen herabsetze.

4: Einen ausgewogenen Kommentar zum Kopftuchstreit von Hamed Abdel-Samad kann man beim hpd lesen.

5: In der Schweiz suchen die Kernzellen des althergebrachten Patriarchats, das Handwerkergewerbe, händeringend nach jungen Frauen, die die Vorherrschaft der Männer endlich brechen wollen – nur leider zieren die sich und bleiben lieber bei den üblichen Berufswünschen.

Es gibt zwar offene Stellen, die Berufe interessieren die Jungen [schweizerisch: junge Menschen, d.A.] aber nicht. Statt etwa als Gipserin zu arbeiten, warten viele Schulabgänger lieber im Zwischenjahr auf ihre Traumstelle, etwa als medizinische Praxisassistentin.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund will ihnen nun einen Job in den beliebten Berufen verschaffen, indem er eine Aufstockung der Lehrstellen «vor allem für mehrheitlich weiblich geprägte Berufsfelder wie Gesundheit und Soziales» fordert, wo die Betriebe heute zu wenig Lehrstellen anbieten würden.

Was natürlich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach Arbeit in diesem Sektor weiter für die Arbeitnehmer verschlechtert. Hinterher beschwert man sich dann wieder über schlechte Bezahlung. Währenddessen tun die Verantwortlichen doch wirklich alles, um das Handwerk für Frauen schmackhaft zu machen:

Um den Beruf für junge Frauen attraktiver zu gestalten, wurde bei der Lehre als Fleischfachfrau die Fachrichtung «Feinkost und Veredelung» geschaffen. Schlachten, Zerlegen und Ausbeinen ist nicht Teil der Ausbildung, dafür etwa die kreative Herstellung von kalten Platten. «Diese Arbeiten entsprechen Frauen eher», sagt Bildungsleiter Philipp Sax.

Na wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht. Wobei: Ist das nicht sexistisch, Frauen die Lust am Schlachten, Zerlegen und Ausbeinen abzusprechen? Frau Stokowski, übernehmen Sie!

6: Und nun ein paar ältere Links, die sich bei mir angesammelt haben, die aber, soweit ich das überblicke, bisher weder von Arne auf Genderama noch sonstwo in der Blogosphäre erwähnt wurden.

Passend zur letzten Nachricht: Im Juli starb mit nur vierzig Jahren eines der größten Genies unserer Tage, die Mathematikerin Maryam Mirzakhani. Bezeichnenderweise gab es auf feministischen Seiten dazu nur Schweigen im Walde. Die Gelegenheit, eine Heldin aus dem MINT-Bereich zu würdigen, ließ man einfach verstreichen. Ich vermute, deshalb, weil Feministinnen sich zwar immer lauthals beschweren über die geringen Frauenquoten in dem Bereich, sich selbst aber auch nicht wirklich dafür interessieren.

7: Passend zur aktuellen Moralpanik mit allerlei gouvernantenhaften Versuchen zur Setzung von neuen Verhaltensregeln für Männer, aber schon vom August: Katja Lewina erklärt bei jetzt.de: „Warum Feministen die besseren Liebhaber sind“ Die Kommentatoren darunter stoßen ihr entsprechend Bescheid.

8: Meredith Haaf fragte im Rahmen der Kopftuchdebatte bei der SZ: „Wie islamfeindlich ist der Feminismus?“ und zeichnet da wieder einmal die Konfliktlinien zwischen zweiter und dritter Welle, oder auch der Schwarzer-Emma-Fraktion und der eher intersektionalen Fraktion nach. Haaf ordnet sich der dritten Welle zu. Die Konfliktlinien sind vor allem drei Themengebiete. Die Emma-Fraktion ist gegen Islam, gegen Porno und gegen Prostitution, die dritte Welle ist jeweils dafür. Als rechtspopulistisches, patriarchales Arschloch (wie man heute wirkliche Linksliberale halt so nennt) bin ich natürlich beim Islam auf Seiten der Emmas, bei den beiden anderen auf Seiten der dritten Welle.

Selbstverständlich spricht Haaf sich gegen ein Kopftuchverbot aus, allerdings m.E. aus den falschen Gründen. Sie kritisiert z.B. die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, weil diese ein Kopftuchverbot für Minderjährige forderte, mit den Worten:

Soll der westliche Säkularismus in all seiner bleichen Glorie als Leitideal wirklich an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft – Kindern – exerziert werden?

Ja, ich frag mich ja auch, ob man durch Altersgrenzen bei Porno- und Horrorfilmen, beim Führen von Fahrzeugen, beim Schusswaffengebrauch, beim Konsum von Alkohol und Tabak nicht auch bleiche Leitideale an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft exerziert. Und wieso sollte man die Freiheit von Kindern beschränken, sich mit fünf Jahren völlig frei für eine Beschneidung zu entscheiden, mit der Aussicht, der Mittelpunkt einer großen Feier zu sein und viele Geschenke zu bekommen? Warum sollte man achtjährige Mädchen davon abhalten, den 40-jährigen Mann ihrer Träume zu heiraten? Also was sollte denn dagegen sprechen, dass Kinder schon von kleinauf lernen, dass sie mit einem Kopftuch zu den ehrbaren Frauen gehören, während diejenigen, die es nicht tun, Schlampen sind? Und die Jungs lernen das gleich mit? Ich komm einfach nicht drauf.

9: Ab und zu ist man auch positiv von Plattformen überrascht, die man eigentlich für ziemlichen Schrott hält. Vice.com (ja, genau die) brachte einen Beitrag, der sich kritisch mit der allgemein üblichen Berichterstattung auseinandersetzt, wenn männliche Minderjährige von erwachsenen Frauen „verführt werden“. Chapeau!

10: Zum Abschluss würde ich Euch gerne noch eine Reportage von Birgit Schrowange vorstellen, die schon länger im Netz kursiert. Es geht dabei um neue Wohnprojekte für Flüchtlinge in Ludwigshafen, für das einheimische sozial Schwache aus ihren Wohnungen geworfen wurden, in denen sie zum Teil schon Jahrzehnte gewohnt haben. Es ist quasi ein Lehrstück dafür, wie man mit falschen kommunalen Entscheidungen die AfD stark macht.

Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht, sondern um eine kleine Sequenz, bei der es darum geht, wer von den nun Heimatlosen den rar gewordenen Sozialwohnungsraum bekommen sollte. Zieht Euch das mal ab Minute 14:27 rein und achtet auf das, was Birgit Schrowange dem Flüchtlingshelfer Hans-Werner antwortet:

Um Schrowange im Wortlaut zu zitieren:

Jetzt sind mal die anderen dran, meint Hans-Werner. Ich denke, dass zumindest alle Frauen und Kinder hier unterkommen sollten.

Genau, während die Männer ruhig mal unter Brücken schlafen können.

Und das sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit ohne jeden Selbstzweifel, wie sie typisch ist, weil so etwas gar nicht mehr wahrgenommen wird. Frauen und Kinder haben selbstverständlich mehr Anrecht darauf als Männer, dass ihnen geholfen wird. So ist das eben in einem frauenunterdrückenden Patriarchat.

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Fundstück: Radikalfeministinnen gegen intersektionale Feministinnen

Es ist Zeit, die strategischen Popcorn-Reserven anzubrechen: Unter dem Titel „Berliner Szene: Die Hetzfeministinnen“ schießt die Emma gegen die Netzfeministinnen (die poststrukturelle, intersektionale Genderfeministinnen sind). Da kann es eigentlich nur Gewinner geben.

Es kommt auch zu allerlei unfreiwillig amüsanten Formulierungen, dem Vorwurf etwa, die Netzfeministinnen etwa würden Menschen mit der falschen Meinung einfach den Mund verbieten und sie diskreditieren. Wie Fefe bereits sehr treffend kommentierte:

Das ist bei Emma natürlich völlig ausgeschlossen, dass Kritiker mit plumpen Parolen mundtot gemacht werden sollen!1!!

Alles Evolution brachte eine Twitter-Ernte als Artikel. Eine unvollständige Auswahl an Höhepunkten:

  1. Ist die Emma jetzt dem Patriarchat zuzurechnen?
  2. Hat der Artikel bei der Emma absichtlich keine namentlich genannte Autorin, damit die Netzfeministinnen nicht wie üblich die berufliche Existenz eines Kritikers durch eine konzertierte Aktion vernichten können?
  3. Müsste nach der Logik „einem Opfer muss immer geglaubt werden“, die vom poststrukturellen, intersektionellen Genderfeminismus eingefordert wird, der Emma nicht pauschal recht gegeben werden, wenn sie sich über Ausgrenzung beklagt?

In der Zwischenzeit hat Christian Schmidt den Zwist dankenswerterweise in einem richtigen Artikel aufgearbeitet: „Emma-Feminismus“ vs „Netzfeminismus“: EMMA bezeichnet Anne Wizorek, Jasna Strick, Teresa Bücker etc als Hetzfeministen. Hier wird auch auf die Unterschiede in den Ideen eingegangen, der hinter den beiden Feminismusvarianten steckt. Solche Erklärungen halte ich – abseits von allem Amüsement – für sehr wichtig.

Es hat einen großen Nutzen, einmal einige Punkte zu nennen, in denen Alice Schwarze und Co einerseits und Anne Wizorek und Co andererseits gegensätzliche Ansichten vertreten. Zum einen ist das Prostitution (dagegen / dafür), zum anderen Islam (grundsätzlich böse / grundsätzlich gut). Da ist es nämlich kein Wunder, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt: Man wird immer einem bestimmten feministischen Weltbild widersprechen, egal was man vertritt. Auch eine abwägende Haltung zu Prostitution oder Islam ist damit immer antifeministisch.

Was sich in diesem Konflikt abzeichnet, ist eine Wachablösung wie in der englischsprachigen Welt, hier allerdings verschärft, weil es in Deutschland jahrzehntelang eigentlich nur eine einzige Feministin gab, die Autorität und Geltung hatte: Alice Schwarzer. Die jungen Feministinnen müssen deswegen eine Emanzipation gegen Schwarzer durchführen, weil diese so lange alles weggebissen hat, was sich als Alternative zu ihr hätte bilden können. Weil Erneuerung so lange abgeblockt wurde, muss sie nun mit einem Knall kommen. Die im Emma-Artikel aufgeführten früheren Szenen („Girlies“ aus den 1990ern, Alphamädchen aus den 2000ern) dienen da als warnende Beispiele!

Zu den zitierten Debatten aus den 1970ern mit den diversen „Widersprüchen“ empfehle ich die Erklärung von Leszek in einem Kommentar, der darstellt, wie aus dem Haupt/Nebenwiderspruch die Intersektionalitätstheorie ursprünglich als fortschrittliche These entgegengestellt wurde.

Am Ende geht es bei dem Konflikt natürlich ums liebe Geld. Hier konkurrieren Alice Schwarzer (Geld ins Ausland geschafft) und Anne Wizorek (Posten von der Regierung bekommen).

Egal, wie es ausgeht: Es ist sehr angenehm, zu erleben, wie sich zwei männerfeindliche Feminismusvarianten gegenseitig anfeinden!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das Lied wurde im Zusammenhang mit dem Zoff schon leicht abgewandelt von den Weltraumaffen auf Twitter zitiert.

Freundeskreis: A-N-N-A

Kurznachrichten vom 18.01.2016

1: Nachdem die Kampagne der Netzfeministinnen #ausnahmslos nicht so wirklich eingeschlagen hat, versuchte Anke Domscheit-Berg am Samstag gleich die nächste Nebelkerze zu zünden: #unerwünscht. Unter diesem Beitrag sollen Frauen Erfahrungen mit Exhibitionisten twittern.

Das hat jetzt zwar mit der aktuellen Diskussion über Köln noch viel weniger zu tun, denn Exhibitionismus kam da noch nicht in den Polizeiberichten vor, aber ein weiterer Ablenkungsversuch kann ja nicht schaden. Auch hier wird wieder mehr getrollt, als dass es tatsächlich Erlebnisberichte gibt. Die Blogs emmanzer und Stefanolix haben bereits kommentiert.

2: Die WELT brachte am Wochenende einige Beiträge rund um die Themen Köln, Flüchtlinge und wie die Feministinnen damit umgehen. Reinhard Mohr findet es „Erstaunlich, wie Feministen die Realität ausblenden„.

Dass man gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung ist, versteht sich von selbst – die Inkarnation jenes guten Gewissens, das nur ein schlechtes Gewissen sein kann. Sein Leitmotiv: Der Westen ist an allem schuld. Also „wir“. Wer sonst. So ist es nur logisch, dass das Bewusstsein dieses biedermeierlichen Weltbilds keine äußeren Feinde kennt. Das Böse hockt ja im eigenen Land. […]

Dass das Böse – Rassismus, Sexismus und pure Gewalt – auch von jenen ausgehen kann, die man eben noch mit dem Ruf „Refugees welcome!“ freudig empfangen hat, war nicht vorgesehen. Es hat nicht nur das Weltbild der „Willkommenskultur“ erschüttert. […]

Die gesamte Flüchtlingsdebatte hatte unter dem Zeichen einer buchstäblich grenzenlosen Moral stattgefunden, bei der jeder Zweifel in den Bereich des Amoralischen und Verwerflichen verwiesen wurde. Die Flüchtlinge wurden zur Projektionsfläche einer lutherisch-protestantischen und sehr deutschen Selbstprüfung, die keinen Raum ließ für Zwischentöne. Angela Merkels „Wir schaffen das“ wurde zum Mantra dieser Moral, zur vermeintlich alternativlosen Durchhalteparole.

Einer der m.E. besten Beiträge überhaupt zu dem Thema schrieb der Schriftsteller Peter Schneider, ein 68er-Urgestein, der mir schon immer durch gut durchdachte und gemäßigte Positionen aufgefallen ist.

Nicht erst seit dem Sommer letzten Jahres hatte sich eine Kultur des Wahrnehmens und des Sprechens hinter vorgehaltener Hand herausgebildet – und sie geht weiter. Unliebsame Tatsachen werden verdreht und einem rassistischen Weltbild zugeordnet, bevor sie erkannt und benannt sind. […]

Es sind selten die Tatsachen, die die von allen Seiten an die Hand genommenen Bürger in die Arme rechter Populisten treiben – es verhält sich umgekehrt: Wenn die Bürger Grund zu der Annahme haben, dass ihre Wahrnehmungen und Sorgen nur noch von rechten Populisten benannt werden, erst dann ist der Zulauf zu diesen Populisten garantiert. […]

Während die einen ihren „Nie wieder“-Lehren folgen, verschanzen sich die Brandstifter und Neonazis hinter der Leugnung der Nazi-Verbrechen. Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie auf die Vergangenheit fixiert sind und die Bewältigung der Gegenwart blockieren. […]

Nach den Kriegsflüchtlingen werden die Klimaflüchtlinge kommen; Afrikas Bevölkerung wird sich in wenigen Jahrzehnten verdoppeln. Die Deutschen müssen jetzt die Regeln und die Grenzen einer Flüchtlingspolitik festlegen und erfinden, die die unausweichliche Convivenza mit Millionen von Flüchtlingen zu einer Bereicherung machen.

Der wiederholte, auch von Angela Merkel zu hörende Hinweis: „Das sind wir unserer Vergangenheit schuldig“ hilft nicht weiter. Niemandem, auch den Flüchtlingen nicht, ist damit gedient, wenn die formidable Demokratie der Deutschen durch eine rasch wachsende Rechtsbewegung in den Ruin getrieben wird.

Und schließlich gibt es da einen recht ernüchternden bis hin zu erschütternden Bericht einer Hamburgerin, die in einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge arbeitet.

Ich habe begonnen, mich anders anzuziehen. Ich bin eigentlich jemand, der gern auch mal etwas engere Sachen trägt – aber jetzt nicht mehr. Ich ziehe ausschließlich weit geschnittene Hosen und hochgeschlossene Oberteile an. Schminke benutze ich sowieso immer schon sehr wenig, höchstens mal einen Abdeck-Stift. Und nicht nur äußerlich habe ich mich verändert, um mich etwas vor dieser Belästigung zu schützen. Ich verhalte mich auch anders. So vermeide ich es zum Beispiel, auf unserem Gelände an diejenigen Orte zu gehen, an denen sich die alleinstehenden Männer oft aufhalten. Und wenn ich es doch mal muss, dann versuche ich, sehr schnell da durchzukommen und lächele dabei niemanden an, damit man das nicht falsch verstehen kann.

3: Der Frankfurter Asta hat über einen nebenberuflichen Pick-Upper der Firma Casanova Coaching, der ebenfalls an der Frankfurter Uni studiert, in negativer Form berichtet und dabei seinen vollen Namen genannt und ihn in einem Foto abgebildet (in Justizjargon „identifizierend“ berichtet). Dieser hat sich gerichtlich gewehrt und in zweiter Instanz eine einstweilige Verfügung gegen den Asta erwirkt. Der Asta will sich nun gegen die „Zensur“ wehren.

Der Asta-Vorsitzende Valentin Fuchs (Grüne Hochschulgruppe) kritisierte das Urteil und kündigte an, dass der Asta die einstweilige Verfügung und die damit verbundene Zensur nicht akzeptieren werde. Er pocht auf das studentische Presserecht und beharrt darauf, dass der Asta die Interessen der Studierenden öffentlichkeitswirksam vertreten dürfe. Dazu gehöre ihrem Selbstverständnis nach, auch feministische Positionen zu vertreten.

„Gerade nach den Vorfällen in Köln kann ich die Entscheidung des Gerichts nicht nachvollziehen“, sagte Fuchs der Frankfurter Rundschau. Der Asta bemängelt, dass bei der Entscheidungsfindung im Gerichtsaal formale Fragen im Vordergrund standen. Dass es sich bei den Annäherungstechniken der Pick-Up-Artists um „gewalttätige Übergriffe“ handele, sei jedoch kein Thema bei der juristischen Auseinandersetzung gewesen, kritisieren die Studierendenvertreter.

Wie hohe Wellen sexistische Aufreißer-Seminare in den Medien, aber auch in der Gesellschaft schlagen, zeigte sich in Frankfurt bereits Ende 2014.[…]

Im aktuellen Rechtsstreit stellt Medienanwalt Lucas Brost von der Kölner Kanzlei Höcker auf FR-Anfrage die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten in den Vordergrund und klagt den Asta an, seine Befugnisse zu überschreiten: „Anstatt die Regeln einer fairen Berichterstattung zu berücksichtigen, stellt der AStA einen Studenten in seiner Zeitung derart an den Pranger, dass er in der Folge bedroht wird. Zur Rechtfertigung beruft er sich auf Grundrechte, ohne zu erkennen, dass er dies als staatliche Stelle nicht darf.“[…]

Das Gericht stellt fest, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Übergriffen auf dem Campus und den Aktivitäten des in der Asta-Zeitung namentlich genannten Casanova-Coach gibt. Daher müsse es der Kläger nicht hinnehmen, dass er durch die Berichterstattung „nachhaltig der Kritik ausgesetzt wird“. Zudem verletzte der Artikel das Recht am eigenen Bild, der Betroffene sei darauf für sein soziales Umfeld unschwer zu erkennen.

Wir lernen also:

  1. Es gibt ein spezielles studentisches Presserecht, das offensichtlich erlaubt, Personen an den Pranger zu stellen, auch wenn sie nicht Personen der Zeitgeschichte sind
  2. Feministische Positionen sind im Interesse von Studierenden
  3. Annäherungsversuche von Pick-Up-Artists sind „gewalttätige Übergriffe“
  4. Niemand darf Männern das Flirten lehren, denn das ist nach Ansicht der FR-Journalistin sexistisch.

4: Alice Schwarzer und Anne Wizorek, zwei Galionsfiguren des deutschen Feminismus, führen im Spiegel ein Streitgespräch, das leider in voller Länge wohl nur in der Printausgabe zu lesen ist. Nachdem die beiden Feministinnen in der Flüchtlingsfrage und demzufolge in der Bewertung der Vorgänge der Kölner Silvesternacht und anderen Städten ganz unterschiedlicher Meinung sind, würde ich das schon mal lesen wollen. Muss ich wohl nach etlichen Monaten wieder mal einen Spiegel kaufen…

Kurznachrichten vom 12.01.2016

1: Die Netz-Feministinnen Fraktion sieht nun langsam ein, dass sie mit dem Oktoberfest-Vergleich in Sachen Kölner Silvesternacht nun wirklich nicht weiter kommt. Selbst Renate Künast (Grüne), die gestern beim ARD-Talk „Hart aber fair“ einen wirklich schlechten Stand hatte, bemühte den Vergleich nicht mehr, sondern den weit passenderen mit den Vorgängen auf dem Tahrir-Platz in Ägypten. Immerhin. Dafür hat man jetzt eine neue Relativierungs-Kampagne aus dem Boden gestampft, inklusive passendem Hashtag: #ausnahmslos

Die üblichen Verdächtigen sind wieder dabei, angereichert mit einer ganzen Reihe von Musliminnen, man könnte also von #aufschrei 2.0 sprechen. Gepusht wurde er sofort von den politisch korrekten Leitmedien.

Selbstverständlich wurde der Hastag auch sofort wieder von Kritikern in Beschlag genommen. Das alles nachzulesen, überlasse ich Euch.

Mein Senf und asemann.de haben das bereits in Blogbeiträgen kommentiert. Ein wenig rustikaler geht der Blog Aufkreisch zur Sache.

2: Dazu passend gibt es einen hervorragenden Artikel von Samuel Schirmbeck in der FAZ über das Frauenbild in der muslimischen Welt. Zum Oktoberfestargument meint er:

Der Unterschied liegt darin, dass die sexuelle Gewalt in Nordafrika und im Nahen Osten zum Alltag gehört und dass in dieser Hinsicht dort permanent „Oktoberfest“ und „Karneval“ ist, denen sich keine Frau entziehen kann, indem sie diese Veranstaltungen meidet. Die Gewalt beginnt vor der Haustür auf der Straße. Nawel, eine algerische Mitarbeiterin, berichtete mir von regelmäßigen Übergriffen im Bus. Obwohl sie eigentlich die Verschleierung ablehnte, verhüllte sie sich für die Fahrt mit einem Hijab (Kopftuch). Das hielt Männer im Gedränge nicht davon ab, sich durch Reibung an Nawels Körper Befriedigung zu verschaffen. […]

Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht. Davon konnte ich mich während meines zehnjährigen Aufenthaltes in Algerien und Marokko überzeugen. Eine Muslimin kann in Deutschland auf den Markt gehen, ohne plötzlich Männerhände am Hintern zu spüren, eine Europäerin kann das in Nordafrika nicht. Westliche Frauen gelten bei vielen jungen Nordafrikanern als halbe Huren, weil „sie es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun“. Selbst wenn sie mit ihrem siebenjährigen Sohn an der Hand – als Mutter sozusagen eine „heilige Kuh“ – weitab von allen Menschenmengen einen Spaziergang über eine Wiese machen sollte, dauert es nicht lange, bis junge Männer auftauchen, sich an sie drängen, nicht von ihr ablassen und ihr vulgäre Worte ins Ohr raunen. Die islamische Grundeinteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ ermutigt den Übergriff auf „westliche“, gleich „ungläubige“ Frauen. Da hilft nur schnellste Umkehr und Verzicht auf jeden weiteren Spaziergang.

Zur Appeasement-Politik der linken, grünen und politisch-korrekten:

Die muslimische Dissidenz à la Necla Kelek, Seyran Ates, Taslima Nasreen, Hirsi Ali et cetera wurde von Linken und Linksliberalen in Deutschland kaum ernst genommen, wenn nicht sogar verhöhnt oder als „islamophob“ diffamiert. Meinungsfreiheit und Demokratie, so war zu lesen, seien nicht unbedingt Lebensformen, nach denen sich die arabische Welt sehne. Das gesamte linke und linksliberale Spektrum baute jedoch eifrig an einem Multikulti-Schutzprotektorat für das Kopftuch samt dahinter steckendem Frauenbild, den Hass auf den „Westen“, die Verschonung des Islams vor jeder Kritik. In diesem intellekt- und kritikfeindlichen Dunst konnten die Parallelgesellschaften aufblühen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war unfassbar. Heute taucht diese Haltung im Zeichen der „Willkommenskultur“ und der „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rhetorik wieder auf.

3: Die politische Debatte in diesen Tagen ist auch deswegen so interessant, weil alte Gewissheiten und Fronten komplett durcheinander gewürfelt werden. Die Rechten entdecken ihr Herz für Frauenrechte, die Linken entdecken, dass es so etwas wie Falschbeschuldigungen in Sachen Vergewaltigung gibt, aber natürlich nur, wenn die beschuldigten mutmaßlichen Täter Migranten sind. Und wenn man glaubt, es ist kaum noch zu toppen, entwickelt Alice Schwarzer Sympathien für PEGIDA.

 

 

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