Fundstück: Ein toter Mann und sein weinender Bruder

Vielleicht ist es naiv, das Gute im Schlechten zu sehen. Ich versuche es trotzdem.

Vor einigen Tagen machte ein Bild von den Attentaten in Paris die Runde. Es gehört zu einer Videoaufnahme, die zeigt, wie der Polizist Ahmed Merabet von den zwei Terroristen erschossen wird.

Erst wurde er angeschossen und lag am Boden. Dann war es den mehrfachen Mördern wichtiger, diesen bereits offensichtlich kampfunfähigen Mann zu ermorden, anstatt zu fliehen, was sie ohne Problem hätten tun können. Das Foto zeigt den Polizisten, wie er hilfslos am Boden liegt, während sein baldiger Mörder auf ihn zugeht. Es fällt mir schwer, so etwas anzusehen.

In der medialen Verarbeitung der Attentate wurde Ahmed Merabet besonders hevorgehoben. Das lag daran, dass er Moslem war – ebenso wie übrig der Mitarbeiter des jüdischen Supermarktes, der mehrere Kunden gerettet hat. Dieser Aspekt der Berichterstattung ist absolut begrüßenswert, wie ich schon in einem Kommentar hervorhob.

Ein Blick durch die Brille: Wie müsste es (im negativen Sinne) laufen?

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das korrekt auf Maskulismus, Männerrechtlern oder Männerrechtsaktivisten beziehen kann. Es spielt mit ein wenig Nachdenken auch keine große Rolle.

Nach meiner Erinnerung an die Kritik über verzerrte Darstellung müssten die Medien in etwa so vorgehen: Weibliche Opfer werden besonders beklagt, männliche unsichtbar gemacht. Im Einsatz gestorbene Polizisten werden z.B. mit der Rationalisierung hingenommen, sie hätten sich diesen Beruf ja ausgesucht. Das Geschlecht der Täter wird hervorgehoben, wenn es sich um Männer handelt, und besonders auf der Identität der Mörder herumgeritten als Beispiel dafür, was „typisch männlich“ ist.

Was passiert wirklich?

Von Ahmed Merabet kursieren vor allem zwei Aufnahmen: Wie er in zivil freundlich in die Kamera lächelt und wie er als Opfer am Boden liegt. Das erste Bild weckt Sympathie, das zweite Empathie. Zusammen zeigen sie stärkere Wirkung als jeweils alleine: Das erste Foto gibt dem Polizisten ein Gesicht, er ist keine anonyme Figur mehr. Die zweite erregt, wenn man nicht ein Herz aus Stein hat, Mitleid.

In diesem Moment sind, falls es sie denn so gibt, wichtige Regeln bei der Darstellung von Männern aufgehoben. Sicher, der Aufhänger mag gewesen sein, dass es sich um ein Moslem handelt, nicht um einen Mann. Aber ist das an dieser Stelle so wichtig? Denn eine starke emotionale Wirkung entfalten diese Bilder so oder so.

Bewegend auch die Aufnahmen, wie Angehörige des Ermordeten vor die Presse treten. Worum es mir geht, kann man auch ohne Französischkenntnisse verstehen.

Der Bruder Ahmed Merabets, der auf mich wie ein kräftiger, durchtrainierter Mann wirkt, spricht zunächst durchaus ruhig. Irgendwann stockt ihm jedoch die Stimme und er muss weinen.

Wen wird das nicht rühren? Wer (außer Jessica Valenti) wird sich an diesen Tränen laben?

Auch das ist ein bemerkenswerter Bruch. Ein starker Mann, den die Gefühle übermannen und der nicht die Rolle des trauernden, aber souverän auftretenden Angehörigen ausfüllt, sondern der einfach zu getroffen ist, um die Tränen zurückzuhalten.

Falls sie das für unpassend gehalten hätten, wäre es kein Problem für die Medien gewesen, solche Stellen herauszuschneiden oder Standaufnahmen zu verwenden. Sie haben es aber so gezeigt.

Das – vielleicht von mir zugespitzt formulierte – Narrativ von den Männern, die unwichtig sind, die selbst „Schuld“ sind, wenn ihnen etwas passiert und die uns bitte nicht mit negativen Gefühlen belasten sollen, es stimmt hier vorne und hinten nicht mehr. Mag das auch nur eine Momentaufnahme sein – es zeigt doch, was möglich ist. So, wie Ahmed Merabet und sein Bruder gezeigt werden, bekommen sie im öffentlichen Bild etwas, das die Terroristen zerstören wollten: Menschlichkeit und Würde.

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