Die Geschlechter im Wandel der Zeit

„Nichts in der menschlichen Geschichte bereitete die Menschheit oder die Erde wirklich auf das vor, was nach 1800 geschah.“, schreibt der bekannte US-amerikanische Entwicklungsökonom Jeffrey D. Sachs im Rückblick auf die Industrialisierung. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution wurde der Mensch jäh aus seiner bis dahin vergleichsweise langsam verlaufenen Entwicklung gerissen und beschritt kurz nach der Erfindung der Dampfmaschine den steinigen Weg in die Moderne. Der ungarische Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftstheoretiker Karl Polany (1886- 1964) spricht in diesem Zusammenhang vom grössten Transformationsprozess, dem die Menschheit je ausgesetzt war. Doch mit den gewaltigen Fortschritten auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung sowie den Kommunikations- und Fertigungstechnologien hat mittlerweile ein ganz anderes und neues Zeitalter begonnen, dass unser Leben voraussichtlich ähnlich stark verändern wird, wie seinerzeit die industrielle Revolution. Genauso wie sich die Maschine wandelt, wird sich auch unsere Gesellschaft verändern.

 „In der Wirtschaft ersetzen Dienstleistungen immer mehr die Güterproduktion als Quelle des Wohlstandes. Der typische Arbeitnehmer in der Informationsgesellschaft arbeitet nicht in einer Stahlfabrik oder einem Automobilwerk, sondern in einer Bank, einer Softwareschmiede, einem Restaurant, in einer Universität oder bei einer Sozialbehörde.“, schreibt der amerikanische Politologe Francis Fukuyama in seinem 2000 erstmals auf Deutsch erschienen Buch „Der grosse Aufbruch“. „Im Laufe der letzten fünfzig Jahre haben die Vereinigten Staaten und andere ökonomisch hochentwickelte Länder schrittweise den Übergang in die sogenannte Informationsgesellschaft oder ins postindustrielle Zeitalter vollzogen.“ Dieser tiefgreifenden Strukturwandel hat den Westen im Verlaufe der letzten Jahrzehnte Millionen von Arbeitsplätzen gekostet. Alleine in der Schweiz sind in den vergangenen dreissig Jahren über 60 Prozent aller Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Dem gegenüber verzeichnet der Dienstleistungssektor enorme Zuwachsraten.

Ein kennzeichnendes Merkmal des Dienstleistungszeitalters ist der Wandel in der Arbeitswelt: Der Working Class Hero wird zunehmend weiblich. Das bedeutet nicht, dass der männliche dabei verschwindet, wie häufig postuliert- und mitunter auch fieberhaft herbei phantasiert wird. Doch seine Rolle wird sich auch deshalb verändern, weil die postindustrielle Gesellschaft den Frauen insgesamt mehr Möglichkeiten eröffnet, als das gesamte, männlich geprägte Industriezeitalter. Damit gestalten sich zwangsläufig auch die vielschichtigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen neu- mit weitreichenden Konsequenzen.

Häufig wird versucht, diesen tiefgreifenden Veränderungsprozess alleine an den Geschlechtern festzumachen. Der übegeordnete Trend verläuft jedoch nicht zwischen den Geschlechtern. Es ist vielmehr der Übergang vom industriellen zum technologischen Zeitalter, der die sozialen Entwicklungen vorantriebt, wie wir gesehen haben. Trotzdem scheinen die Medien, einzelne wissenschaftliche Disziplinen sowie die Politik geradezu besessen davon zu sein, diese Entwicklungen zu einem Geschlechterkampf hochzustillisieren. So verkündete die amerikanische Publizistin und Buchautorin Hanna Rosin etwa bereits vollmundig das Ende der Männer. Auch wenn die Geschlechterkomponente nicht ganz von der Hand zu weisen ist, blockieren so radikale Positionen jeden vernünftigen Dialog zwischen den Geschlechtern.

Unsere Zeit stellt letztendlich alle Menschen vor grosse Herausforderungen, Männer wie auch Frauen. Die modernen Gesellschaften des Westens sind nicht einfach nur auf die Bedürfnisse von Männern zugeschnitten, sondern auf eine Generation mit einem längst überholten Gesellschaftsideal. Probleme haben heute beide Geschlechter- sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt. Mit dem Unterschied, dass Frauen sie als strukturelle, gesellschaftliche Probleme behandeln und ganze Bücher darüber schreiben können und Männer nicht. Warum eigentlich nicht?

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Fundstück: LoMi und die Pauschalisten

LoMi schreibt schon interessante Sachen. Dass er sein eigenes Blog Offene Flanke wieder reaktiviert hat, rechne ich der Diskussion zu, aus der das Geschlechterallerlei entstanden ist. Dabei äußerte LoMi sowohl ernsthafte Überlegungen als auch weniger ernsthafte:

„Einen Blog würde ich auch gerne aufmachen, um dann mal ordentlich rumranten zu können. Am Ende würde ich es aber vermutlich doch nicht tun und wieder ganz artig und lieb vor mich hindifferenzieren ^^

Natürlich, weil ich so ein netter, lieber Mann bin, Ihr verdammten Weiber, Ihr seid ja alle miteinander, Ihr *kreisch* ^^“

Ich finde, LoMis Blogeinträge haben noch ein wenig mehr Beachtung verdient. Mir kommen sie angenehm ruhig formuliert vor und sie beleuchten Aspekte, die ich anderswo nicht oder nicht so gut ausgedrückt finde:

In Fordern und Fördern schreibt er über fordernde Frauen in seiner Welt – aber auch über die eigene Schwäche (offene Flanke!), mit diesen Situation angemessen umzugehen. Wenn er in Und ewig währt das Schuldgefühl beschreibt, wie er durch ein negativ vermitteltes Männerbild Schuldgefühle hat, bleibt auch nicht der Verweis auf seine mangelnde Durchsetzungsfähigkeit aus.

Die Artikel Kommunikationsneurosen des Lillifee-Feminismus sowie Wenn Worte schuldig sind und Interpreten nur Automaten haben sperrige Titel, behandeln aber ein äußerst fragwürdiges Verständnis von Kommunikation, das im Grunde echte Kommunikation verhindert.

Als eine wichtige Frage empfinde ich „Wo bleibt die Lockerheit?„. Die bietet natürlich mehr als genug Streit- und Diskussionspotential.

Zuletzt ist mir LoMi jedoch als Anführer einer neuen Bewegung aufgefallen:

„Ich gründe die Pauschalisten-Acceptance-Bewegung. Wir Pauschalisten finden es diskriminierend, wenn andere sagen, wir könnten ja anders urteilen, wenn wir uns nur anstrengen würden. Damit geben sie uns die Schuld an unseren Pauschalurteilen und werten uns ab. Sie geben uns zu verstehen, dass wir anders sind als die Mehrheit. Wir stellen uns dagegen. Jedes Urteil ist schön und nicht nur das Idealurteil, den diese differenzierungsnormativen People propagieren. ^^
(…)
Differenzierung ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das uns nun als naturgegeben verkauft werden soll. Dieses Konstrukt ist aber doch nur das Mittel, um die Pauschalisten auszubeuten und zu unterdrücken. Dabei wird niemand als Differenzierer geboren!“

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit J.B.O. und einem Lied, das neulich von muttersheera in den Kommentaren erwähnt wurde. Der Text ist ganz bestimmt 100% Ernst gemeint.

Meine beiden Lieblingsstellen:
“Frauen sind einfach nicht objektiv” – Selbstironie!
“Werden als Kind schon auf dumm geeicht” – das wäre ein eigenes Thema wert

J.B.O.: Frauen

Fundstück: Jörg, der Obdachlose vom Leopoldplatz in Berlin

Da wir hier im Blog darüber diskutiert haben, ob Jungs weinen dürfen und wann das für Männer gilt, hier ein kleines Video, in der der Obdachlose Jörg eine bewegende Geschichte erzählt.

Ich weiß nicht, ob es mehrere Anläufe gebraucht hat, um dieses Video zu produzieren und wieviel Material gedreht wurde, um am Ende etwa dreieinhalb Minuten zu bekommen. Es beeindruckt mich, mit welch klarer Stimme und wie direkt dieser Mann aus seinem Leben berichtet.

Jörg hat einen Sohn, der jetzt etwa 21 Jahre alt ist. Das letzte Mal gesehen hat er ihn, als er 6 war. An dieser Stelle ihm Video muss er weinen – ein starker Kontrast zum Rest, den er recht nüchtern erzählt.

Es ist ein konkretes Beispiel für einen Vater, der sein Kind nicht mehr sehen durfte. Umgekehrt gibt es viele verantwortungslose Väter, die sich nicht für ihre Kinder interessieren. Beides schreckliche Dinge.

Jörg erwähnt, dass er vor Karstadt sitzt, der Titel des Videos erwähnt den Leopoldplatz, und wenn man die Bilder des Videos mit den Aufnahmen von Google Streetview vergleicht, kann man sehr leicht herausfinden, wo Jörg sitzt. Es ist direkt an der U-Bahnhaltestelle Leopoldplatz. Als ich letzte Woche in Berlin war, habe ich ihn besucht und ihm ein wenig Kleingeld gegeben.

(gefunden via Genderama)

Aktualisierung 20.03.2014: Die Reaktionen sowohl von Stephan Fleischhauer als auch von Wolle Pelz zeigen mir, dass mein Verweis auf einen Beitrag von Robin missverständlich ist. Es geht mir nicht um den werdenden Vater aus ihrer Geschichte (der ist ja noch keiner!), sondern um Robins Vater. Für dieses Missverständnis bin ich verantwortlich, weil ich den kleinen, aber feinen Verweis ohne weiteren Kommentar gesetzt habe.

Aber noch ein anderer Punkt ist mir wichtig, weil es bei mir so ankam, als würde ich mir durch einen Verweis auf Robin ihre Positionen zu eigen machen: Wer Robin als Person ist, muss dabei überhaupt nicht diskutiert oder beleuchtet werden, denn das spielt für meine Beurteilung keine Rolle. Selbst die bösesten Menschen überhaupt (Nazikommunisten?) haben bestimmte Rechte verdient, in diesem Fall den Kontakt zum Vater. Dass bei diesen Rechten gerade nicht darauf geguckt wird, wen sie betreffen: Das ist doch der Rotz, den wir so lieben!

Ein zweiter Kritikpunkt kam von Wolle Pelz (Artikel siehe oben):
„Ich kann auch nicht feststellen, wer den Artikel verfasst hat.“

Ich habe das eine Weile gar nicht verstanden. Schließlich ist mein Pseudonym klar und deutlich zu lesen, wenn man den Artikel auf der Hauptseite des Blogs liest. Aber dann ging mir ein Licht auf: Ich hatte für den Eintrag die Vorlage „Video“ gewählt. Dabei scheint der Autorenname nicht oben im Artikel selbst angezeigt zu werden! Das ist eine Eigenart des WordPress-Themas „Twenty Ten“, die ich noch nicht kannte und die ohne Zweifel kontraproduktiv ist. Ich habe den Eintrag daher so geändert, dass wieder die Standardvorlage verwendet wird.

Immerhin habe ich bei allen Beiträgen von mir eine Sache konsequent eingehalten: Ich habe sie immer in die Kategorie „Graublau“ eingeordnet und beim bisher einzigen Gastbeitrag, den ich eingestellt habe, den Autor ausdrücklich erwähnt. Über die Kategorie war der Autor also die ganze Zeit ermittelbar – wenn das auch, zugegeben, ein ziemlicher Umweg ist.

Oh, und falls jemand die Popkultur vermisst hat: Die taucht am Ende des Videos auf! 🙂

„Männer stehen auf Schlampen.“ Echtjetz?

Im Zuge einer Diskussion bei Christian – Alles Evolution wurde in einem Kommentar behauptet, Männer stünden auf Schlampen und dahingehend seien promiske Frauen nicht benachteiligt.

Mich interessiert: Stimmt das wirklich?

Ich für meinen Teil habe es in meiner Hörner-abstoß-Phase, welche sich zwischen meinem siebzehnten und zwanzigsten Lebensjahr abspielte, folgendermaßen erlebt:

Ich hatte, wann immer ich Single war, mehr oder weniger regelmäßig wechselnde Sexualpartner. Ab einer gewissen Anzahl an One Night Stands, aus denen ich keinen Hehl machte und irgendwie auch gar nicht machen konnte, da sich vieles im selben Bekanntenkreis abspielte, hatte ich den Ruf weg, ich sei leicht zu haben. Das stimmte auch, irgendwie. Wenn ich Lust darauf hatte, ließ ich mich auf die Avancen ein, welche ein potentieller Sexualpartner machte, und hin und wieder übernahm ich selbst die Initiative. Doch ich merkte, dass sich mein Ruf bald verselbständigte bzw. mir vorauszueilen begann, und das war der Moment wo es anfing, hässlich zu werden.

Es war nie ein Problem, einen Sexualpartner zu finden. Doch wer will eine Schlampe als Freundin? Eine, über die schon mindestens einer oder gar mehrere aus der Clique oder dem Bekanntenkreis „drüber gerutscht“ ist? Davon, dass einer [jungen] Frau beim Knüpfen neuer Bekanntschaften möglicherweise der Ruf, eine Schlampe zu sein, massiv im Weg stehen könnte, hat wohl noch keiner von den Verfechtern der „Männer-stehen-auf-Schlampen“-Theorie etwas gehört.

Meine Erfahrungen zusammengefasst: Männer stehen auf Schlampen? Was reinen Sex angeht meist ja, für eine Beziehung lieber nicht.

Was sagt ihr dazu?

Zu meiner Moderation möchte ich Folgendes loswerden:
Ich habe schnell festgestellt, dass hier beim Geschlechterallerlei öfters mal scharf geschossen wird. Der eine ist empfindlicher was sexistische Aussagen angeht, ein Anderer wiederum nimmt an der selben Aussage keinerlei Anstoß.

Es liegt nicht in meiner Absicht, jemandem durch sexistische Aussagen zu nah zu treten.

Falls jemand von den Lesern sich dennoch durch eventuell vorhandenen Sexismus gestört oder gar angegriffen fühlt, darf er oder sie das gerne äußern. Es kommt jedoch auf die Art und Weise an, ob ich überhaupt darauf antworte.

Ich bitte darum, sachlich zu bleiben.

 

Warum ich pseudonym blogge

Es ging ja schon heiß her beim Geschlechterallerlei. Obwohl das Blog offiziell erst im April so richtig losgeht, gab es bereits die erste Kritik am modus operandi: So wurde mir in der Diskussion zu meinem Artikel über den Männerstreik vorgeworfen, anonym aufzutreten und damit nicht glaubwürdig zu sein. Nun habe ich meinen Standpunkt in der Diskussion dargelegt, aber nachdem Martin Domig alias Flussfänger es noch in einem eigenen Beitrag aufgriff, möchte ich noch einmal „Butter bei die Fische“ geben und Inhalte nennen, die ich mit meinem Klarnamen zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht veröffentlichen möchte, die ich aber doch für wichtig halte.

Die ersten Kommentare, mit denen ich mich in dieser Filterblase bemerkbar machte und den Status des stummen Mitlesers verließ, betrafen den Artikel Männergesundheitsbericht 2013 und psychische Gesundheit.

Die Kernpunkte zusammengefasst:

  • Depressionen sind die wichtigste psychische Erkrankung bei Männern.
  • Depressionen werden bei Männern häufig nicht erkannt und führen zu Selbstmord.
  • Depressionen kollidieren mit den sozialen Anforderungen an einen Mann, so dass mit Ausgrenzung rechnen muss, wer sich zu seiner Krankheit bekennt.
  • Depressionen äußern sich bei Männern anders als man es erwartet, etwa durch Aggression statt durch Traurigkeit.

Ich habe damals als Betroffener bei Alles Evolution einige Punkte genannt, die nach meiner Erfahrung viele Außenstehende nicht erwarten:

„1. Aggression oder Wut sind tatsächlich “das letzte Aufgebot”, was man noch hat. Voran ging bei mir eine Phase, in der ich tief traurig war, was aber nicht akzeptiert wurde (“reiß Dich zusammen”, “wird schon wieder”, “jetzt ist auch mal gut”, “Du darfst Dich nicht beklagen”). Aggressivität äußert sich meist (auch) durch Aktivität und kann leicht als “überengagiertes Durchsetzungsvermögen” missverstanden werden (in Wahrheit ist man nie so wenig bei der Sache wie in dieser Zeit). Hinzu kommt, dass man sich mit aggressivem Auftreten tatsächlich an einigen Stellen im Leben durchsetzt. Das mag einen Sympathien kosten, aber man kann nicht alles haben und wenn man vorher der “gute” Kerl war, der sich selbst immer als “Verlierer” bei gemäßigtem Auftreten wahrgenommen hat, dann ist das pädagogisch eine fatale Lektion. (Das war jetzt alles bezogen aufs Berufsleben.)

Leider wird man gerade im Berufsleben schnell als “schwach” verhöhnt, wenn man zu erkennen gibt, dass es einfach zuviel ist. Da Männer tendenziell eher Vollzeit arbeiten und Berufsleben für sie eine größere Rolle spiel (Versorgerfunktion, egal ob sie akut gefragt ist oder nicht), trifft sie das besonders hart.

2. Es ist einer der Hauptirrtümer der jetzigen Zeit, dass man Depression mit “kraftlos in der Ecke sitzen und weinen” gleichsetzt. Es ist schon viel erreicht, dass man über Depressionen spricht und dass es Männer-Beispiele gibt, die Erfolg hatten (Sebastian Deisler, Robbie Williams).

Nach meiner Erfahrung können Leute mit Depression durchaus lachen, aktiv sein, kreativ sein usw. Es ist eher das Gefühl der Sinnlosigkeit (was die langfristige Zukunft / das eigene Leben angeht) und die Kraftlosigkeit (die meist eher psychische Erschöpfung ist), die eine Depression ausmachen. Depressive scheinen von negativen Ereignissen stärker getroffen zu werden (und eine Äußerung dessen wird bei Männern gerne als “weinerlich”, “sensibel” usw. gebrandmarkt, so dass sie diese Gefühle und Gedanken in Zukunft für sich behalten). Dieser stärkere emotionale Einschlag kann natürlich umgekehrt gerade Kreativität beflügeln (weil man sich einer Sache “ganz hingeben” kann), was dann wiederum zu Ergebnissen führt, mit denen man Leute beeindruckt.

Diese Aktivität und Kreativität macht es insbesondere bei Männern schwer, Depressionen zu erkennen und zu verstehen. Sie kann aber auch gleichzeitig ein wichtiger Weg aus der Depression heraus sein.

3. Es hat wenig Sinn, Leidensvergleiche zwischen Frauern und Männern anzustellen. Das lenkt zu sehr von der eigentlichen Aufgabe ab: Aus der Depression wieder herauszukommen. Letzten Endes können Medikamente und Therapie einen unterstützen, aber den Großteil der Arbeit muss man ohnehin selbst haben. Außerdem kann nichts “positive Erfahrungen im echten Leben” ersetzen.

Bei allem, was geschafft habe, kann ich mir immer sagen, dass ich das eben “wie ein Mann” angepackt habe, weil ich agiert und nicht reagiert habe. Es ist kein Zufall, dass die Popkultur voll von Beispielen ist, in denen ein “sympathischer Außenseiter” irgendwie den Durchbruch schafft – auch gegen Widerstände aus seinem Umfeld.

4. Ich rate jedem Mann mit Depressionen, sich gut zu überlegen, wem er sich anvertraut. Selbst bei guten Freunden oder Familienangehörigen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie das verstehen, weil (wie oben aufgeführt) die bei Männern auftretenden Signale nicht als zu einer Depression gehöhrend wahrgenommen und damit als Krankheitsbild verstanden werden. Andererseits kann ich auch berichten, dass ich in meinem Umfeld genügend Leute habe, die mich verstanden haben oder es im Laufe der Behandlung gelernt haben.

Es gibt eine spezielle männliche Perspektive auf Depressionen und dabei sowohl besondere Hindernisse als auch besondere gute Verhaltensweisen. Da die Anzahl der Selbstmorde bei Männern um ein Vielfaches höher ist als bei Frauen, lohnt es sich, auch ein wenig Zeit auf diese Perspektive zu verwenden.

Was das Weinen angeht: Männer werden darauf trainiert, nicht in der Öffentlichkeit zu weinen. Bei Depressionen denkt man, die Leute würden ständig weinen. Das schlimmste Sympton auf der Skala ist jedoch, wenn man überhaupt nicht mehr weinen kann. Das fällt bei Männern natürlich nicht so schnell auf.

Hier gibt es eine schöne Parallele zum Märchen, in dem die Königstochter ihren Vater “wie das Salz” liebt und er sie daraufhin verstößt. Anschließend wird alles Gold im Königreich zu Salz und die Leute merken, wie wichtig so etwas Bitteres, nur in geringen Maßen Genießbares wie das Salz ist. Ohne es ist alles andere irgendwie fad. Genauso verhält es sich mit dem Weinen.

Noch eine Märchenparallele gefällig? Heinrich, der Diener des Froschkönigs, war so betrübt über die Verwandlung seines Herrn, dass er sich eiserne Bande um sein Herz legen ließ. Als der Eiserne Heinreich dann auf dem Kutschbock sitzt und den erlösten Herrn und seine Frau kutschiert, da kracht es einige Male ganz laut. Erschrocken über das Geräusch, fragt der König, ob die Kutsche zerbrechen würde. Da sagt der treue Diener: Keine Angst, das sind nur die eisernen Bande, die von meinem Herzen fallen. So fühlt es sich an, wenn man aus der Depression wieder herauskommt.“

Es gab auf diese ersten zwei Kommentare direkt eine Reaktion von Robin. Sie erwähnte ihre eigenen Erfahrungen, die sie in dem sehr lesenswerten Artikel „Man ist nur ein Opfer, wenn man in der Ecke sitzt und weint.“ zusammengefasst hat.

Ich antwortete damals: „Mein Eindruck ist scheinbar komplementär: Bei mir als Mann lobt man eigene Aktivität, aber jedes Anzeigen von “das ist mir jetzt zuviel” oder “da fehlt mir die Kraft für” sorgt für Irritationen.“

Unter dem Artikel “Der männliche und der weibliche Defekt” sprach ich es noch einmal an:

„Interessante Sache, die hier in den Kommentaren vor kurzer Zeit schon aufkam. Da schilderten Mann und Frau, wie gegensätzlich mit ihnen umgegangen wird bei Krankheit.

Von einer Frau wird erwartet, dass sie doch bitte das arme Opfer ist. Offensives Umgehen hingegen stößt auf Widerspruch.

Bei einem Mann wird begrüßt, wenn er aktiv ist und Dinge tut. Wenn er jedoch anzeigt, dass eine Situation/Aufgabe für ihn zuviel ist und er sie nicht tun will/kann, wird ihm das übel genommen.

Ich sehe hier deutliche Parallelen. Und gesund(heitsfördernd) ist diese Einstellung offensichtlich nicht.“

Ich habe damals kommentiert, weil ich einfach nicht schweigen wollte und meinte, mit meinen Erfahrungen etwas zu dem Diskurs beitragen zu können, aber pseudonym, weil ich mir andererseits auch bewusst war, wie gefährlich offene Bekenntnisse eines Tages werden können. Diese Lösung ist alles andere als perfekt, ich bin mir ihrer Nachteile bewusst, aber ich kann mir derzeit nichts Besseres vorstellen.

Wenn ich dann noch Fragen lese, wie sie letztens noch durch die Blogblase gingen, sinngemäß warum Männer nicht zu ihren Gefühlen stehen, dann muss eine gute Antwort aus meiner Sicht so lang und ausführlich werden, dass selbst Kommentare an ihre Grenzen stoßen. Darum möchte ich hier bloggen.

Eigentlich sollte das Thema „Eine männliche Sicht auf Depressionen“ mein erster Beitrag fürs Geschlechterallerlei werden. Es ist dann aber so viel geworden, dass ich den Artikel nicht fertig bekam. Da der mir besonders am Herzen lag, habe ich ihn nicht mit Biegen und Brechen heruntergeschrieben, sondern lieber andere Themen zuerst abgehandelt.

Letzten Endes wurde es aber auch zuviel Material für einen Eintrag. Zudem ist es wichtig, ein bestimmtes Maß an Allgemeinwissen voraussetzen zu können. Deswegen kommt also zuerst dieser Text hier zur Einstimmung.

Natürlich kann das wie eine reine Show aus Zitaten und Resteverwertung wirken. Ich denke aber, das alles mal zusammengestellt in einem Artikel ist schon viel wert und kann zum Weiterlesen animieren.

Erzählmirnix ist, man höre und staune, in erster Linie keine humorvolle Comicautorin, sondern Psychologin und Psychotherapeutin. Sie hat eine Reihe von Artikeln zu dem Thema veröffentlicht, zum humorvolle, an denen man dennoch den Ernst des Themas erkennt:

Dann gab es aber noch eine Interviewserie. Daran erkennt man, wie schade es ist, dass in letzter Zeit nur noch Comics erschienen sind (bei den Artikeln kann man sich ja nie sicher sein, ob sie nicht irgendwann gelöscht werden, weil sie nicht mehr gefallen… Erzählmirnix zeigt hier die Mentalität eines Wikipedia-Admins).

Insbesondere das letzte Interview sollte Hoffnung machen und zeigen, dass Depressionen kein ewiges Schicksal sind. Das ist natürlich noch einen eigenen Blogartikel wert… doch schauen wir einmal in die Runde. Da gibt es ja noch mehr Leute mit Depressionen:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Doch selbst da ist die Welt ausnahmsweise mal nicht in Ordnung:

Es gibt viele Lieder, die mir zu dem Thema einfallen, aber am ehesten denke ich Moment an dieses hier. Die Single und das dazugehärige Album waren auch so passend mit Schwarzweißfotos illustriert…

U2: Beautiful Day

Die Frauenquote, Teil 1: Wieviel darf’s denn sein?

Die Quotendiskussion leidet einer ganz entscheidenden Schwäche: Wieviele Frauen dürfen, bzw. müssen auf den Führungsetagen vertreten sein? Wann sind Frauen angemessen in den Führungsetagen vertreten? Nach welchen empirischen Erkenntnissen (oder aufgrund welcher Daten) wird der richtige Frauenanteil errechnet? Braucht es 20, 30 oder gar 50 Prozent Frauen in den Führungsetagen? Darüber  breiten die Quotenbefürworter allgemein das Tuch des Schweigens. Es ist also zu vermuten, dass die „richtige“ Höhe des Frauenanteils reine Gefühlssache- und damit vor allem eine Frage der politischen Opportunitäten ist.

Ein Blick auf die Quotenwirklichkeiten in ganz Europa fördert mitunter ganz Erstaunliches zutage: So hat Norwegen 2003 beschlossen, dass der „richtige“ Frauenanteil bei 40 Prozent liegt- und diesen Anteil 2006 gleich in ein Gesetz gegossen, dass für die Verwaltungsräte aller börsenkotierten Gesellschaften gilt. Ganz anders sieht das die deutsche Bundeswehr: Ihr Ziel ist eine Gesamtquote von 15 Prozent Frauen im gesamten militärischen Bereich. Der deutsche Verein ProQuote wiederum fordert bis 2017 einen gesetzlich verbindlichen Frauenanteil von 30 Prozent auf allen Führungsebenen in sämtlichen Print- und Onlinemedien, TV und Radio. Dasselbe Ziel verfolgt auch die sog. „Stauffacher Deklaration“, die vorsieht, dass der Frauenanteil in der Redaktion des schweizer Tages Anzeigers bis 2016 auf 30 Prozent ansteigt.

„Nur schon das Arbeitsklima ist anders. In einer männerlastigen Umgebung ist alles automatisch sportlicher, militärischer, aggressiver.“, antwortet die Frauenbeauftragte und langjährige Kulturjournalistin Simone Weber auf die Frage, warum es in den „Tagi-Testosteron-Territorien“ überhaupt einen höheren Frauenanteil brauche. Die Stadt Bern setzt die Frauenquote in der Verwaltung auf Kaderebene etwas höher, genauer: bei 35 Prozent an. Als die Stadt Zürich es ihr gleich tun wollte, stellte sie mit Erstaunen fest, dass bereits 43,5 Prozent aller Kaderstellen im Verwaltungsbereich von Frauen besetzt sind! Erwin Rasinger, Abgeordneter der ÖVP im österreichischen Nationalrat, forderte vor Jahren einmal eine gesetzliche 50-Prozent-Frauenquote an allen medizinischen Fakultäten. Ein prozentual weit tieferes Ziel hat sich unlängst Advance gesetzt und will den Frauenanteil in Exekutivpositionen in der schweizer Wirtschaft bis 2020 auf freiwilliger Basis von derzeit 4 auf 20 Prozent erhöhen.

Als die deutsche SPD-Politikerin Gesche Joost 2013 sogar eine Frauenquote für Talkshows forderte, liess sie zum Glück offen, wie hoch eine solche ausfallen soll. Mit gutem Grund: „Vor allem die elektronischen Medien haben ein gewaltiges Problem mit einer vertretbaren Frauenquote (…) Oft ist es kaum möglich, zumindest eine Alibifrau für eine TV-Diskussionsrunde zu finden, bei der es nicht um eines der häufig gewählten Softthemen geht.“, wie der schweizer Journalist und Unternehmer Roger Schawinski ausführt, der von 2003 bis 2006 den deutschen Privatsenders Sat 1 geführt hat. Das bestätigt auch Peter Wälty, stellvertretender Chefredaktor bei 20Minuten, der mit über einer Million Lesern pro Ausgabe meistgelesenen Tageszeitung der Schweiz: „Bei Newsnet haben wir in den letzten fünf Jahren weit über hundert Mitarbeiter eingestellt. Die Frauenquote bei den Bewerbungen lag bei höchstens fünfundzwanzig Prozent. Wen wundert es also, wenn Frauen in Führungspositionen untervertreten sind, wenn die sich gar nicht erst bewerben? Dabei bietet Newsnet- mit Ausnahme des Newsdesks- gerade auch für Mütter und solche, die es werden wollen, ideale Arbeitsbedingungen. “

Im nächsten Teil dieser Serie über die Frauenquote beschäftige ich mich mit der Frage, ob Innovationsfreude, unternehmerischer Mut und Pioniergeist typisch männliche Eigenschaften sind: Don’t miss it!