Warum mir der Mann mit dem Metal-T-Shirt nicht aus dem Kopf geht

Die Begegnung ist schon eine Weile her. Ich erinnere mich aber immer wieder daran:

Ich bin im europäischen Ausland unterwegs. Es ist Wochenende, ich stehe am Rande einer Fußgängerzone, in der sich jede Menge Läden zum Einkaufen befinden. Die Geschäfte machen langsam zu, es wird bald dunkel, die Leute eilen mit Tüten und Taschen nach Hause. Es ist ein richtiger Strom an Menschen raus aus der Innenstadt.

Eine Gruppe Männer in orange hat jedoch die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie sind gekommen, um die Spuren des Konsums zu beseitigen. Ihre Arbeit hier beginnt gerade erst.

Während die Einkäufer und Spaziergänger miteinander reden, gehen sie an den Saubermachern vorbei, ohne sie weiter zu beachten – so als ob diese gar nicht existieren würden. Ich bin zutiefst erstaunt, als ich bemerke: Diese Männer sind unsichtbar!

Keiner grüßt sie, niemand schwatzt mit ihnen – so als ob sie zu einer Schicht der Unberührbaren gehören würde. Es scheint kein „reiche Einheimische, arme Ausländer“-Gegensatz zu sein, denn die Männer von der Straßenreinigung sehen nicht anders als die anderen aus.

Da fällt mir an dem, der mir am nächsten arbeitet, etwas auf: Seine orangefarbene Jacke ist auf, darunter trägt er ein Metal-T-Shirt. Na, das ist doch sympathisch, denke ich mir und lächele. Dann schaue ich genauer hin und erkenne sogar Band und Album wieder: „Valley of the Damned“, das Debüt von DragonForce.

Ich bin hin und weg und weise meine Begleitung auf das T-Shirt hin. Das bekommt auch der Mann mit, den ich daraufhin freundlich anspreche. Tolles T-Shirt, guter Musikgeschmack, auf die Band bin ich Ende 2000 gestoßen, als sie noch DragonHeart hieß und ihr erstes Demo-Album draußen hatte. Ein kurzer Plausch von 2-3 Minuten, dann wünsche ich ihm noch einen schönen Tag und gehe weiter.

Was ich bis heute nicht vergessen habe: Wie erfreut der Mann über die Aufmerksamkeit schien; dass er mit jemandem reden und den Arbeitsalltag vergessen konnte, dass ihm jemand etwas Nettes gesagt hat.

Es wird viel über unsichtbare Männer geschrieben. Ich habe an dem Tag tatsächlich einen getroffen. Und nach dieser Begegnung habe ich mir oft überlegt: Wie viele Unsichtbare es wohl noch gibt, an denen ich nach wie vor so einfach vorbeigehe?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die heute Liederauswahl liegt auf der Hand…

DragonForce: Valley of the Damned

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Fundstück: Gewaltschutzwohnung in Thüringen ohne öffentliche Unterstützung

Vor nicht zwei Wochen machte die Meldung die Runde, dass in Sachsen zwei Gewaltschutzwohnungen für Männer eröffnet würden – und zwar mit Unterstützung der dortigen Landesregierung, insbesondere der Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Bereits dann schrieb ich:

Das ist doch eine hervorragende Vergleichsmöglichkeit, unter welcher Landesregierung und mit welchen Parteien sich etwas tut.

Eine Einschätzung, die sich – leider im negativen Sinne – heute bestätigt hat. Gleichmaß e.V. vermeldet sowohl per E-Mail als auch im Blog, dass es für die Gewaltschutzwohnung in Thüringen keine Unterstützung der Landesregierung geben wird – entgegen entsprechender Ankündigungen:

Trotz aller vor und nach der Thüringer Landtagswahl getätigten
Unterstützungs- und Befürwortungszusagen entschied sich die
Gleichstellungsbeauftragte zu Thüringen, Katrin Christ-Eisenwinder (Die
Linke), letztlich gegen eine Finanzierung unserer Schutzwohnung für von
häuslicher Gewalt betroffener Männer. Mit dieser Entscheidung wird nicht
nur der Begriff Gleichberechtigung außer Kraft gesetzt, sondern trotz
des seit vielen Jahren erforschten hohen Bedarfes Thüringer Männern
keinerlei Hilfe zuteil.

Tristan Rosenkranz nennt im Interview mit der Ostthüringer Zeitung Details. Natürlich braucht so eine Wohnung langfristige Unterstützung, um finanziell in trockenen Tüchern zu sein. Die Schilderung, wie Zusagen gemacht und dann nicht gehalten wurden, lese jeder selbst im Detail nach. Besonders peinlich:

Eine Kernaussage, die sich bis heute durch jede Argumentation zieht, ist, dass erst einmal erforscht werden müsse, inwieweit für eine Gewaltschutzwohnung überhaupt Bedarf besteht.

Dabei ist das, wenn man tatsächlich mal entsprechenden Vereinen und Personen zuhören würde, längst erforscht.

Auch die bisherige Auslastung der Gewaltschutzwohnung in Gera bestätigt die altbekannte Realität ein weiteres Mal: Es gibt mehr Bedarf als Angebot. In trauriger Zahl: Die eine Wohnung kann weniger als 2% der Betroffenen helfen.

In Sachsen hat die Landesregierung offensichtlich mehr Kontakt mit der Realität. Dort werde, nach Wohnungen in Dresden und Leipzig, derzeit eine dritte Wohnung in Chemnitz eingerichtet.

Tristan Rosenkranz zieht ein trauriges Fazit:

Fundraising als Option beispielsweise ist sehr aufwendig und ehrenamtlich nicht leistbar. Die WBG Aufbau zwar äußerte ausdrücklich den Wunsch, das Projekt auch künftig zu unterstützen. Sollte jedoch mit der Finanzierung Schluss sein, wird die Wohnung im Juli aufgelöst. Als Projektverantwortlicher bin ich müde geworden, habe mir viel zu viele Zusagen angehört, die nicht eingehalten wurden.

So sieht die Realität auch im Jahre 2017 noch aus: Um Männern zu helfen, müssen Ehrenamtliche bis zur Erschöpfung kämpfen.

Es gilt jedoch auch, was ich schon bei der Unterstützung dieser Wohnung geschrieben habe:

Jedes Gewaltopfer, das Unterstützung erfährt, ist ein aussichtsreicher Kandidat weniger für zwei andere Klassiker unter den Männerthemen: Obdachlosigkeit und Selbstmord.

Neben den direkt Betroffenen, denen hier geholfen wurde, profitieren aber weitere Männer davon: Dass solche Angebote existieren, hat mir die Sprachlosigkeit genommen. Danke, Tristan Rosenkranz!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenn es Sachsen besser anstellt als Thüringen, bringe ich auch wieder Musik mit Bezug zu ersterem…

Sorry about Dresden: Relax, It’s Tuesday

Warum mir nur eine Sache einfällt, dir ich als Mann gerne machen würde, aber nicht tue

Alles Evolution hat mal wieder eine Frage in die Runde: Was würden Männer gerne machen, wenn es nicht als „weiblich“ oder „Sozial unakzeptabel“ für ihr Geschlecht angesehen würde?

Das wäre ein wunderbarer Aufhänger für eine Blogparade. „Worum beneidet ihr das andere Geschlecht?“ wurde vor ein paar Monaten gefragt – das wäre ebenfalls ein guter Kandidat gewesen. Aber ich habe zu lange gezögert, aus meinem damaligen Kommentar einen ganzen Artikel zu machen. Diesmal soll’s besser werden!

Um die jetzige Frage zu beantworten, lohnt es sich, einmal zurückzublicken: Grundsätzlich bin ich gerne ein Mann und ich glaube, dass für mich nicht viel anders wäre, wenn ich das andere Geschlecht hätte. Schon bei diesem Blogstöckchen gab es die Frage „Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann bist?“ und darauf antwortete ich nur mit der Einschränkung [j]eweils bezogen auf „in der Öffentlichkeit“:

Zartheit zeigen. (…) Nähe und Wärme. (…) Verletzlichkeit und Verletztheit.

Das ist aber nichts, was ich mir vollständig verkneifen würde – nur eben das ungebremste Ausleben. Es ist ja auch nicht schlimm, sondern anständig: Vermutlich stehe ich mit der Einschätzung nicht alleine dar, dass es unangemessen sein kann, wenn man öffentlich, also vor wildfremden Leuten, persönliche Gefühle offenbart. Man zwingt damit andere Menschen zu einer Reaktion.

Obwohl die 36 Fragen an Männer, wie etwa Lucas Schoppe analysierte, in Wirklichkeit Zuschreibungen wie „Männer mögen keine romantischen Komödien oder denken, dass das sozial inakzeptabel ist.“ enthielten, fällt es mir leicht, das durch mich persönlich zu widerlegen: Ich mag durchaus romantische Filme.

Was ich selbst im Freundeskreis nicht tue

Eine Sache ist mir aber doch eingefallen, die ich – unter meinem vollen Namen – allenfalls sehr vorsichtig und nur vor ausgewählten Personen mache: Kritik an irgendeiner Form von Feminismus äußern.

Denn „ein Mann kritisiert eine bestimmte Einstellung einer Variante des Feminismus“ wird verallgemeinert zu „ist gegen Feminismus“, was behandelt wird wie „ist gegen Gleichberechtigung“, „will das Frauenwahlrecht abschaffen“, „will Frauen unterdrücken“, „hasst Frauen“.

Öffentlicher Aufruhr, egal ob angemessen oder nicht, kann dazu führen, dass Leute ihre Arbeit verlieren. Das passiert sogar in prominenten Fällen wie Nobelpreisträger Tim Hunt. Möchte ich das für mich riskieren? Natürlich nicht.

Ich mache mir da keine Illusionen: Es spielt keine Rolle, ob ich gleichzeitig Artikel schreibe wie „Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind“ (für die ich woanders gescholten werde). Auch wenn es logisch falsch ist („Nicht jede Kritik an X ist Anti-X.“), würde ich mit einer öffentlich geäußerten Kritik als Antifeminist abgestempelt – wobei es dann kein Wunder ist, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt:

Es ist natürlich ein unredlicher Taschenspielertrick, etwa Kritik an radikalfeministischen Strömungen als grundsätzlich antifeministisch zu brandmarken, dabei wohlwissend, dass man den Gegner in einer Debatte damit leicht das Etikett „ist gegen Gleichberechtigung“ oder „frauenfeindlich“ anhängen kann und ihn damit indiskutabel macht. Da verschiedene Zweige des Feminismus zum Teil zueinander konträre Haltungen vertreten (etwa „für“ oder „gegen“ Prostitution), wird daraus ein Totschlagargument: Egal, was jemand zu dem Thema vertritt, man kann ihn immer als antifeministisch abstempeln!

Und genau vor diesem Hintergrund freue ich mich, wenn irgendwelche Filterblasen platzen und unangenehme Meinungen wieder geäußert werden können. Ich wünsche ideologischen Gegnern auch nicht, dass sie zum Schweigen gebracht werden, indem sie sozial vernichtet werden.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Manchmal ist Schweigen Gold – nicht, weil man klüger ist, sondern weil Reden gefährlich wäre.

The Tremeloes: Silence is Golden

Warum ich das Klischee „Männer prügeln sich und werden dann Freunde“ nicht glaube

So macht Bloggen Spaß: Auf den gestrigen Beitrag schrieb Bombe 20 einen sehr treffenden Kommentar, der nicht nur zielsicher auf eine Schwachstelle in der besprochenen Popkultur hinweist, sondern ohnehin ein Thema anschneidet, das schon mehrmals vorkam und es verdient hat, besprochen zu werden:

Das hat jetzt nur tangential mit dem eigentlichen Thema zu tun, aber ich frage mich schon ewig:
(…)
Das ist ja mindestens in Film und Fernsehen ein relativ häufig anzutreffender Tropus: Zwei Männer haben irgendeinen Konflikt, der schwelt eine Weile, schließlich prügeln sich die beiden. Nachdem der Kampf beendet ist (filmisch meist durch einen Schnitt oder eine Blende), ist nicht nur der Konflikt aus der Welt, sondern sie sind sich auch emotional näher gekommen/Freunde geworden/ihr zerrüttetes Verhältnis ist wieder gekittet, was häufiger als nicht dadurch symbolisiert wird, daß sie gemeinsam ein Bier trinken.

Wenn ein komödiantischer Effekt erzielt werden soll, kühlen sich beide noch jeweils eine schmerzende Körperstelle, oft mit der Implikation, daß der Kampf keinen klaren Sieger hatte. Mögliche Steigerung ist noch, daß beide von ihren jeweiligen Frauen/Freundinnen verarztet werden, die sich natürlich die ganze Zeit wunderbar verstanden haben und mit denen zusammen wir als Zuschauer kopfschüttelnd auf das dumme, kindische, gewalttätige, eben typisch männliche Verhalten herabschauen.

Nun ist meine männliche Sozialisation ja vielleicht einfach mangelhaft, aber: Ist das wirklich typisch männliches Verhalten? Gibt es das in der Realität überhaupt wirklich? Ich meine, häufiger als Reittiere, die nahe einer Medikamentenverkaufsstelle ihren Mageninhalt hervorwürgen?
Oder schreiben da nur haufenweise Drehbuchautoren voneinander ab, die schlicht keine Ahnung haben, wie sie männliches Sozialverhalten zuschauer- und laufzeitkompatibel darstellen sollen?

Ich meine, das Hinterfragen dieses Klischees schon mehrfach in dieser Blogblase gelesen zu haben, etwa von LoMi in einem Kommentar (war es bei Alles Evolution?) – und es ist längst überfällig, das einmal in einem eigenen Artikel festzuhalten. In der Popkultur findet man das tatsächlich, etwa bei so unterschiedlichen Filmen wie Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (1972) mit Bud Spencer und Terence Hill und They Live (1988) von John Carpenter. Mit der Realität hat das aber nichts tun, im Gegenteil. Neben der Ignoranz, wie Männer wirklich ticken, enthält dieses Klischee mindestens zwei gefährliche Botschaften:

1. Verharmlosung von Gewalt: Solche Szenen legen Deutungen nahe wie
„Es ist nicht so schlimm, sie sind ja offenbar Freunde.“
„Das hat ihnen mal ganz gut getan. Jetzt sind sie wieder friedlich.“

2. Verkennen, was Gewalt für Männer bedeutet: Deutungsmöglichkeiten hier
übliche harmlose Freizeitbeschäftigung, wenn sie untereinander ausgetragen wird
hat offenbar keine bleibenden Spuren, eher eine männliche Form von Sozialleben

Mich würde ebenfalls interessieren, ob irgendeiner der Leser ein solches Verhalten tatsächlich aus dem wirklichen Leben kennt. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ halte ich für keine treffende Beschreibung typischen männlichen Verhaltens.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da ich den Film schon erwähnt habe, darf das bekannte Lied auch nicht fehlen…

Oliver Onions: Flying Through The Air

Warum mich der weinende Picard so bewegt

Für mich ist es immer wieder interessant, wie unterschiedlich ich Popkultur erlebe und beurteile, die ich als Kind oder Jugendlicher konsumiert habe, wenn ich sie jetzt noch einmal anhöre/gucke/lese. Ein Beispiel ist auch für das Thema dieses Blogs interessant.

Ich habe angefangen, „Star Trek: The Next Generation“ (TNG) noch einmal anzugucken – allerdings die aufgemotzte Version, die gegenüber den alten Fernsehbildern doch ganz ansehnlich ausfällt. Das ändert natürlich nichts an den holzschnittartigen Charakteren in der ersten Staffel und den hauptsächlich aus unverbundenen Erzählungen bestehenden Episoden. Doch ab spätestens ab Staffel 3 geht die Qualität spürbar aufwärts.

Wer TNG trotz des Alters und Popularität der Serie noch nicht kennt und sie noch sehen will, der lese bitte nicht weiter.

In der zweiten Episode der 4. Staffel namens „Family“ kehrt Captain Jean-Luc Picard auf das Weingut seiner Familie in Frankreich zurück. Er ist seit vielen Jahren nicht zu Hause gewesen. In der alten Heimat wird er als Held angesehen und soll offizielle Ehrungen erfahren, er selbst will davon aber nichts wissen.

Picard hatte kurz zuvor die Erde vor den Borg gerettet, war selbst aber kurz zuvor von ihnen entführt und assimiliert (in einen Cyborg verwandelt) worden. Diese Ereignisse wurden direkt vor dieser Folge in dem Zweiteiler The Best of Both Worlds und The Best of Both Worlds, Part II, der die dritte Staffel abschloss, die vierte eröffnete und als ein Höhepunkt der Serie gilt.

Die äußeren Wunden sind seitdem verheilt, aber die Erfahrung, gegen den eigenen Willen für die Borg den Angriff auf die Erde angeführt haben zu müssen, wirkt noch nach. Der Landgang hat denn auch weniger den Sinn, die Familie wiederzusehen (Picard hat ein distanziertes Verhältnis zu seinem Bruder und weder seine Schwägerin noch seinen Neffen je zuvor gesehen), sondern die eigene Identität, die vorher von den Borg ausgeschaltet und fast unwiederbringlich zerstört worden war, wiederzufinden.

Picard blickt sich von Anfang an eher kühl und unbewegt an dem Ort seiner Kindheit um und reagiert in Gesprächen, in denen es um seinen Dienst in der Sternenflotte geht, so vorbildlich formell und bescheiden, wie er es wohl von einem Offizier in diplomatischer Mission erwarten würde. Das geht seinem Bruder auf den Wecker, bis sich die beiden irgendwann wie Jungen raufen.

Dadurch bricht der emotionale Panzer, den Picard bisher um sich angelagt hatte, endlich auf, und nachdem die beiden herzlich gelacht haben, wird er ernst und fängt an zu erzählen: Wie die Borg seine Individualität ausgelöscht hatten, wie er versucht hatte, dagegen anzukämpfen, von ihnen übernommen zu werden, aber nicht stark genug war… und dann fängt Picard an zu weinen.

Der erfahrene Captain der Sternenflotte, der sowohl bei seiner Mannschaft und vielen Kollegen als makellos, verlässlich und moralisch über jeden Zweifel erhaben gilt, der immer die anderen führen und ihnen als Vorbild dienen konnte, der immer besonnen war und Stärke zeigte in brenzligen Situationen, er ist mit seiner Kraft am Ende. Doch was wird aus ihm, wenn er nicht mehr der alte Captain werden kann? Die psychischen Folgen des Missbrauchs stellen seine ganze Identität in Frage. Und das war letzten Endes auch ein Antrieb dafür, „zu sich selbst fürchterlich hart gewesen zu sein“, wie es sein Bruder treffend beschreibt, sich ständig zusammenzureißen, immer den tollen Captain der Enterprise zu mimem, auch den eigenen Offizieren vorzuspielen, er hätte das alles schon verkraftet.

Dies ist eine der emotional stärksten Szenen der gesamten Serie. Sie zeigt nicht nur, welche Tiefen und Facetten man den Charakteren inzwischen zugestand. Dass der Fokus gerade nach den beiden vorangegangenen actionreichen Folgen auf so irdische, zwischenmenschliche Dimensionen gelegt wird, ist eine großartige Erzählleistung. Eine Serie, die immer auch eine positive Zukunftsvision präsentieren wollte, losgelöst von aktuellen Konflikten und Beschränkungen, zeigt hier, wie ihre Hauptfigur als Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt mit den Folgen des Missbrauchs zu kämpfen hat. Während im echten Leben auch heute noch Männer, die weinen, verspottet werden, ist hier ein Beispiel für „manly tears“ zu finden, die aber gerade nicht Ausdruck eines entrückten Heldenpathos sind, sondern sich auf das alltägliche Leben übertragen lassen.

Beim ersten Angucken der Folge als Jugendlicher / junger Erwachsener hatte die Folge gar keinen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Heute halte ich sie für unverzichtbar aufgrund dieser Szene. Die anderen beiden Handlungsstränge, die behandelt werden, können dem Vergleich nicht standhalten, sind rein inhaltlich aber ebenfalls nicht zu verachten: Ein junger Offizier sieht zum ersten Mal eine 3D-Videobotschaft von seinem Vater, der vor vielen Jahren verstorben ist. Ein anderer Offizier bekommt Besuch von seinen Adoptiveltern, weiß aber nicht, wie sie darauf reagieren werden, dass er von den Angehörigen seiner ursprünglichen Heimat entehrt worden ist. Die Kultur seiner Vorfahren legt großen Wert auf Ehre. Einerseits darf er sich nicht beklagen (die Entehrung ist nicht gerecht, er hatte sie nur angenommen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern), andererseits kann er aber das Thema auch nicht einfach überspielen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal – natürlich – ein wenig Star-Trek-Musik…

Jerry Goldsmith: Star Trek: First Contact – End Credits

Fundstück: EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer

Auf diesen Beitrag wollte ich schon lange gesondert hinweisen, weil er so sehenswert ist. Der WDR brachte ihn ursprünglich in der Rubrik „Gegen den Strich“ seiner Sendung „Markt“. Angenehmerweise wurde er rechtzeitig bei Youtube eingestellt, so dass man ihn nach wie vor sehen kann:

EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer (Original)

EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer (Alternative Quelle)

Inhaltliche Zusammenfassung bei Genderama:

Der fast 20 Minuten lange Beitrag steht seit seiner Ausstrahlung auf der Blogroll von Genderama. In ihm stellen ausnahmsweise mehrere nicht-feministische Männer ihre Sicht auf die Geschlechterdebatte dar. Gunnar Kunz und Bernhard Lassahn weisen auf die mangelnde öffentliche Unterstützung von Männerorganisationen und das generelle Ausblenden der Männerperspektive in der Geschlechterdebatte hin. Wolfgang Jacobs schildert seine Erfahrungen als Opfer häuslicher Gewalt durch seine Partnerin. Der Psychotherapeut Professor Matthias Franz macht unter anderem darauf aufmerksam, dass über 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen und sich Jungen dreimal so oft umbringen wie Mädchen. Wenn es anders wäre, so Franz, „hätten wir schon lange einen Aufschrei in unserer Gesellschaft, dann würde sich eine Talkshow an die andere reihen“. Die Soziologin Karin Flake erklärt, wie Väter von Müttern bei der Kindererziehung beiseite gedrückt werden. Auch die Benachteiligung von Jungen im Schulsystem und ausgrenzende Vorurteile gegen Männer in erzieherischen Berufen werden in dem Beitrag behandelt. Darüber hinaus hinterfragt er den beliebten Mythos, dass Frauen für dieselbe Tätigkeit 22 Prozent weniger als Männer verdienen würden.

Dieser Inhalt hat dem Beitrag 2016 die Saure Gurke der Medienfrauen „für besonders frauenfeindliche Beiträge“ eingebracht. Oder wie es Arne Hoffmann im oben verwiesenen Genderama-Beitrag ausdrückt:

Schon das Formulieren einer nicht-feministischen Perspektive gilt den Medienmacherinnen als Frauenfeindlichkeit.

Lucas Schoppe hat sich mit dieser Logik in seinem Artikel Ist Gleichberechtigung frauenfeindlich? auf humorvolle Weise auseinandergesetzt.

Der WDR-Film kam wesentlich zustande durch die Leute hinter nicht-feminist.de (heute faktum-magazin.de ). Zu dem ursprünglichen Erfolg, diese Themen in die Massenmedien zubringen, kam Ende 2016 noch hinzu, die peinliche Haltung der Medienfrauen aufzudecken. Wenn man mit dem Ansprechen von Problemen andere Leute provozieren kann, ist klar, wie weit es bei denen mit der Menschenfreundlichkeit wirklich her ist…

Dieses große Lob spreche ich dabei Leuten aus, mit denen ich mir gerade nicht ständig gegenseitig auf die Schultern klopfe. Vor wenigen Wochen wurde mein Artikel „Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind„, in dem ich auch Lucas Schoppe großzügig zitierte, als „Pudelquatsch der Woche“ ausgezeichnet.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hoffen wir aufs Beste fürs neue Jahr.

ABBA: Happy New Year

Fundstück: Globalisierung erhöht die Suizidrate in den USA

Die Nachdenkseiten wiesen gleich zweimal auf einen Artikel von Thomas Fricke hin, der sowohl bei Spiegel online als auch WirtschaftsWunder erschienen ist. Unter dem Titel „Donald Trump und der Freihandel – Globalisierung kann tödlich sein“ bespricht er eine Studie namens „Trade Liberalization and Mortality: Evidence from U.S. Counties“ von Justin R. Pierce und Peter K. Schott (Entwurf vom Dezember 2015 als PDF). Dabei wurde untersucht, „welche Wirkung es auf die Menschen in besonders betroffenen Regionen in Amerika hatte, als im Herbst 2000 der Handel mit China stark liberalisiert wurde.“

Wo die neue Konkurrenz besonders stark zunahm, fielen Jobs weg – und es gab in den Jahren darauf deutlich mehr Suizide und Drogentote; oft stieg auch die Zahl der Alkoholtoten.
(…)
Noch während der Neunzigerjahre hätten die Suizidraten in etwa stagniert. Merklich nach oben gingen die Fälle erst um das Jahr 2000 – als die Importbarrieren fielen. Damals beschleunigte sich auch die Zunahme der Todesfälle durch Drogenkonsum. Wo die Arbeitslosenquote um 2,6 Prozentpunkte stieg, schnellte die Suizidrate im Schnitt um fast ein Drittel hoch. Kein Zufall, sondern im Wirkungszusammenhang, wie die Experten über diverse Gegenchecks herausfanden.
(…)
Nun hat sich natürlich nicht jeder, der seinen Job verlor (oder zu verlieren drohte), das Leben genommen, klar. Die Diagnose der beiden Experten lässt aber erahnen, welche seelischen Folgen der Bruch des Jahres 2000 auf Menschen etwa im viel zitierten Industrieraum des Rust Belts hatte.
(…)
Nach Auswertung von Pierce und Schott gilt der Befund steigender Todesraten vor allem für weiße Männer. Jene Gruppe von Arbeitern, die eben auch überproportional in jenen Industrien arbeiteten.

Das finde ich in zweierlei Hinsicht beachtlich: Zum einen ergibt sich hier dasselbe Bild wie bei den Suizidziffern Osteuropas: In wirtschaftlich oder gesellschaftlich unsicheren Zeiten gehen diese bei Männern in die Höhe.

Zu anderen: Vielleicht waren die weißen Männer im Rust Belt doch nicht so doof bei der US-Präsidentschaftswahl. Vielleicht haben, wie schon mehrfach als Gegenthese in den Raum gestellt wurde, vielmehr die Massenmedien (und die Linke) diese Leute und ihre Bedürfnisse völlig aus den Augen verloren und hängen lieber Verschwörungstheorien nach, als ihre Wahrnehmung der Realität zu prüfen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenn es um „Nicht aufgeben!“ geht, fällt mir immer ein Lied von Chicane aus dem Jahr 2000 ein. Das gibt es in vielen Versionen, zuletzt ist mir diese hier aufgefallen:

Chicane feat. Bryan Adams – Don’t Give Up (Reboot 2013)