Elisabeth Tuider et al.: Sexualpädagogik der Vielfalt

Es folgt ein Gastartikel von Stephan Fleischhauer. Da der Text etwas länger ist, ist er ganz nur zu lesen, wenn man direkt den Artikel ansteuert (d.h. von den Übersichtsseiten aus sieht man nur den ersten Teil). Aktualisierung: Stephan weist darauf hin, dass der Text noch in der Entwurfphase war.

Vor einigen Tagen ist in der FAZ ein Artikel erschienen, der kritisch über die Entwicklung der Sexualaufklärung in den Schulen berichtet: „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“ (Autorin Antje Schmelcher). Der Artikel weist auf das bemerkenswerte Buch Sexualpädagogik der Vielfalt hin, das von Elisabeth Tuider und anderen Autoren mit dem Untertitel Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit veröffentlicht wurde. Das Buch ist in zwei Auflagen erschienen, die 1. Auflage 2008, eine 2. überarbeitete Auflage 2012.
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Feministische Forderungen als Manipulationsversuche des Sexualmarktes

Neuer Peter ist wieder da und kommentiert kräftig unter dem Artikel Der Sex-Dämon Mann bei „Alles Evolution“. Einer seiner Kommentare ist so lang und so lesenswert, dass ich ihn kurzerhand hier als Gastartikel veröffentliche:

Interpretiert man feministische Forderungen als Manipulationsversuche des Sexualmarktes, kann man meines Erachtens durchaus eine kohärente Strategie erkennen.

Was den Sex und das Drumherum angeht, lassen sich die Schwierigkeiten von Frauen grob in zwei Kategorien einteilen: 1) Balz und 2) Folgekosten von Sex.

1) Balz
Das Skript unserer Spezies sieht ein männliches Werben um weibliches Gefallen vor. Es gibt hier Ausnahmen, Verschiebungen und kulturelle Überlagerungen, aber der Kern der Sache scheint mir weitgehend biologischer Natur zu sein.

Das bedeutet, dass die weibliche Aufgabe bei der Balz zum einen darin besteht, potentielle Partner anzulocken (1a) und zum anderen Selektionsarbeit zu leisten (1b), also unpassende Bewerber abzulehnen.

2) Folgekosten von Sex
Der größte Posten stellt hier die Schwangerschaft dar (2a). Damit verbunden ist die Gefahr, auf diesen Kosten allein sitzen zu bleiben, wenn der Sexualpartner kein ausreichendes Commitment aufweist. Dieses sicherzustellen ist von daher eine enorm wichtige Aufgabe für die Frau (2b). Auch der Schutz vor Vergewaltigung (2c) ist mit diesem Komplex verbunden.
Daneben und damit verbunden haben wir auch noch die möglichen Reputationsverluste (2d) durch Sex. Nämlich dadurch, dass Männer im Schnitt aufgrund der Vaterschaftsunsicherheit weniger promiskuitive Frauen als Langzeitpartner bevorzugen.

Fassen wir zusammen: Grob gesagt besteht eine optimale weibliche sexuelle Strategie darin, möglichst viele hochwertige potentielle Partner anzulocken (1a), wobei dies unter Umständen höhere Kosten bei der Selektionsarbeit (1b) mit sich bringt, die gehandhabt werden wollen. Daraufhin steht eine Minimierung der Folgekosten von Sex im Vordergrund. Die Schwangerschaft (2a) und die Gefahr der Vergewaltigung (2c) wollen gehandhabt werden, der Partner an einen gebunden (2b) und der Reputationsverlust (2d) minimiert werden.

Nun bin ich der Ansicht, dass sich ein Großteil feministischer Forderungen und Gedanken mithilfe dieser Punkte einordnen lässt.

Die Forderung nach maximaler Freizügigkeit von jüngeren Feministinnen (slut walks etc.) betrifft (1a), die Verdammung von Konkurrenz (Kampf gegen Prostitution) und Surrogatsangeboten (Kampf gegen Pornos, sexualisierte Werbung und Computerspiele) ebenso.

Zu (1b) gehören alle Versuche, die Kosten für Anbandelungsversuche auf männlicher Seite in die Höhe zu treiben (creep shaming, rape culture Diskurse, extrem restriktive sexual harassment policies etc.). Je höher der potentielle Fallout für einen gescheiterten Anbandelungsversuch, umso eher werden weniger selbstbewusste und weniger durchsetzungsfähige Männer abgeschreckt. Um die Selektionsarbeit für Frauen zu minimieren, sollten sich eben nur Männer mit einem besonders hohen relativen sexuellen Marktwert bei den entsprechenden Frauen bewerben. Hier werden im Grunde die Kosten für die Selektionarbeit auf die Männer abgewälzt.

(2a) dürfte weitgehend selbsterklärend sein und umfasst den Einsatz für einen möglichst weiträumig und kostengünstig gestalteten Zugriff auf Verhütungsmittel und Abtreibung.

Auch (2c) dürfte selbsterklärend sein.

(2b) und (2d) sind meiner Ansicht nach die interessantesten Posten. In den USA setzt es sich derzeit durch, die Gesetze und policies für sexuellen Missbrauch derart zu gestalten, dass Vergewaltigung dann vorliegt, wenn Frau den Sex bedauert. David hat hier bereits den Fall Kalifornien angesprochen, aber auch die Abschwächung des Beweislastprinzips (Wandel von ‘beyond a reasonable doubt’ hin zu ‘preponderance of evidence’) und die Einrichtung einer Parallelgerichtsbarkeit nach feministischen Vorstellungen an den Colleges geht meiner Ansicht nach in diese Richtung. Ich möchte das hier nicht en detail ausführen. Das Thema ist aber außerordentlich spannend und sicher einen eigenen Artikel wert.

Dadurch, dass Männer nun auf das Wohlwollen ihrer Sexualpartnerinnen angewiesen sind oder enorme Konsequenzen fürchten müssen, wird die männliche Sexualstrategie, hohe Bereitschaft für Commitment vorzutäuschen, nach dem Sex aber nicht einzuhalten, effektiv eingedämmt (2b).

Die rape culture Narrative und sexual harassment policies, die sämtliche Verantwortung für Sex beim Mann verorten, erlaubt es Frauen darüber hinaus, die Verantwortung für Sex im Notfall abzustreifen und sich als Opfer zu inszenieren, was potentiellen Reputationsverlusten vorbeugt (2d).

Natürlich ist dieser Einordnungsrahmen extrem einseitig. Ich denke aber, dass er unter Umständen sehr interessante Erkenntnisse produzieren könnte.

Es lässt sich mit diesem Muster beispielsweise relativ leicht erklären warum im Feminismus die Forderung nach maximaler Freizügigkeit mit einer Verdammung der männlichen Reaktion darauf (creep shaming, male gaze etc.) Hand in Hand geht. Man erhöht die Reichweite des Schleppnetzes, will aber den Beifang minimieren.

Ich bin auf Ergänzungen und Einwände gespannt.

Ergänzung:
Von Adrian kam bereits folgende Antwort:
„Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
Außer das ich den Feminismus nicht unbedingt als Manipulationsversuch sehen würde, da Manipulation eine eine rational abgewägte Strategie impliziert.

Ich halte Feminimus für eine durch gesellschaftliche Umstände ins Extrem getriebene Weiblichkeit.“

Darauf Neuer Peter: „Sehr guter Einwand. Das Ganze muss ja nicht bewusst ablaufen.“

Matschos Albtraum

Es folgt ein Gastbeitrag von honeyinheaven. Sie war ursprünglich ebenfalls als fester Autor vorgesehen, hat sich dann aber kurz vor dem Start des Blogs zurückgezogen. Den folgenden Text hatte sie bereits fertig.

Als Matthias Schojewski, den alle zu seiner Freude nur Matscho nannten, erwachte, fühlte er sich, als hätte er zehn Runden mit einem der Klitschkos hinter sich – den KO-Schlag mit eingeschlossen. Mitunter allerdings täuschte der erste Eindruck, und als er sich Minuten später aus der Decke gewühlt hatte, stellte er fest, dass er zumindest keine Kopfschmerzen hatte. Dennoch beschloss er, sowohl das Frühstück – zu wenig Zeit – als auch die Rasur – Rasierer in seinem Zustand eindeutig zu laut – zu canceln, um noch rechtzeitig zu seiner Arbeit in der Werbeagentur zu kommen. Das Saufen unter der Woche war eindeutig nichts für ihn. Als er wenig später auf die Straße trat, ging es ihm dank der frischen Luft etwas besser. Und doch war da dieses merkwürdige Gefühl, das etwas nicht stimmte.
Auf dem Weg zur S-Bahn kam ihn eine junge Frau seines Alters entgegen, die etwas größer war als er mit seiner eher bescheidenen Größe von wenig mehr als 1,75. Na da würde er doch gleich richtig fit werden! Matscho setzte den Blick auf, von dem er überzeugt war, dass ihm keine Frau widerstehen konnte und blickte der Dame auf die Oberweite. Merkwürdigerweise sah diese nun aber nicht peinlich berührt zur Seite, sondern fixierte ihn ihrerseits. Für eine Sekunde war er irritiert, aber als sie vorbei war, wollte er sich unbedingt noch einen Blick auf ihren Hintern gönnen. Als er sich umdrehte, erschrak er so sehr, dass er seine Tasche fallen ließ – die Dame hatte sich ebenfalls umgedreht und betrachtete offenbar im Weitergehen reichlich ungeniert sein Gesäß. Was war denn heute los?
Am Kiosk kaufte er sich schnell die BILD. Nicht, dass ihm etwas an den Schlagzeilen in dieser „Zeitung“ gelegen war, obwohl das Blatt und vor allem sein Chef-Kolumnist sich als eine der wenigen gegen diesen unseligen feministischen Zeitgeist stemmten. Aber geschenkt – ihm ging es weit mehr um das Mädchen von Seite Eins, die ihm die Fahrt zur Arbeit versüßen würde.
Apropos süß – als er an einem Gerüst vorbei ging, hörte er plötzlich Stimmen und dann ein lautes weibliches Gekicher. Dann Pfiffe.
„Hey, Schatzi…hallo Süßer…bist du auch so heiß wie du aus schaust?“ Erneut Gelächter.
Als er sich einigermaßen entrüstet umdrehte und nach oben blickte, traf ihn fast der Schlag. Dort auf dem Gerüst stand eine Horde Bauarbeiterinnen, die noch immer pfiffen und grölten und sich offenbar einen Spaß mit ihm machten. Es waren tatsächlich Frauen – manche muskulös, manche tätowiert, und die Vorarbeiterin – oder hieß das dann Polierin – hatte eine Zigarette im Mundwinkel und einen gewaltigen Bierbauch. Frauen. Als Bauarbeiterinnen. Er sollte definitiv weniger trinken. Am Ende war Matscho froh, als er die S-Bahn-Haltestelle erreicht hatte.
Sollte dort endlich wieder alles normal sein? Nicht wirklich. Dass ihm eine Frau schon wieder auf den Po glotzte, ignorierte er tapfer. Die Werbeplakate aber konnte er nicht übersehen, auch wenn er sich das gewünscht hätte. Auf dem einen war ein männliches Glied abgebildet, das nur sehr knapp von einem knallengen Leoparden-String bedeckt war. „Ich kann 24 Stunden abspritzen!“ stand in großen Lettern darunter. Auf dem zweiten war ein Mann zu sehen, dessen Gesichtsausdruck selbst mit Wohlwollen nur als grenzdebil durchging. Er stand neben einer größeren Frau, die gerade etwas grillte und reichlich besitzergreifend schaute: „Ich mag Frauen mit Kohle!“ war hier die Unterschrift. Und Matscho wurde klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Und dass dieses „etwas“ über einen normalen Kater weit hinaus ging. Wie konnte es eine Agentur denn wagen, Männer SO darzustellen? Das musste er nachher gleich seinen Kollegen erzählen.
In der S-Bahn setzte er sich an den Gang und holte sogleich die BILD aus der Tasche. Endlich wieder Normalität. Mal sehen, welches Mädchen sich heute zeigte. Die Vorfreude verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in Entsetzen, und es kostete ihn einige Überwindung, nicht mitten in der Bahn laut aufzuschreien. Dort, wo sonst das heiße Girl von Seite Eins war, prangerte jetzt ein fast nackter Kerl. „Hans im Glück wartet auf den nächsten F…“ hatte ein sogenannter Journalist reichlich ungelenk darunter gedichtet. Matscho presste die Hände auf die Schläfen und begann, dieselben zu massieren. Waren denn jetzt alles verrückt geworden? Oder war er etwa krank?
Achtlos warf er die Zeitung auf den leeren Platz neben sich. Da bemerkte er, dass eine Oma, die ihm schräg gegenüber saß, direkt auf seine Hose starrte und dabei einen lüsternen Blick aufgesetzt hatte, den er von Frauen dieses Alters weder kannte noch erwartete. Hektisch blickte er selbst nach unten – hatte er in der Eile vergessen, den Reissverschluss zu schließen? Nein. Alles okay. Als er erneut zu der Alten schaute, grinste sie breit. Und zum ersten, aber nicht zum letzten Mal an diesem Tag wünschte sich Matscho, aus diesen Albtraum zu erwachen.
Bei der Arbeit ging die Verwirrung weiter. Eine Arbeitskollegin, die sonst schon rot wurde, wenn er sie mit einem „Hallo Mausi“ begrüßte, nannte ihn nun die ganze Zeit Schatzi, und niemand schien dies als komisch zu empfinden. Schlimmer waren allerdings die Sekunden, die er mit drei Frauen aus der Chefetage im Aufzug verbringen musste. Alle drei grinsten ihn fröhlich an, machten dann einen Männerwitz („Was ist ein Typ im Regenmantel? Ein Ganzkörperkondom!“ Hahaha…) und brachen in schallendes Gelächter aus, als wäre er überhaupt nicht anwesend.
Etwas später erhielt ein Kollege offenbar einen Anruf von zu Hause, stürmte sogleich zur Chefin, um dann mit hochrotem Kopf nach draußen zu gehen. Kaum hatte den Raum verlassen, legten die Frauen los.
„Na, typisch Alleinerzieher! Und wir müssen dann seine Arbeit mit machen! Soll er sich doch ne Frau suchen, die für ihn und den Balg zahlt! Was haben denn wir damit zu tun?“ Und als dann in Erwartung vollster Zustimmung in seine Richtung geschaut wurde, war die Stimme plötzlich gönnerhaft. „Na, Kleiner, du machst das intelligenter, gell?“ In jener Sekunde hatte Matscho das Gefühl, dass sein Kopf einer roten Verkehrsampel gleichen musste.
Trotz allem beschloss er nach der Arbeit noch in seinen Klub zu gehen. Natürlich gehörte der Laden nicht wirklich ihm, aber er war Stammgast. Und heute war doch Donnerstag – da bekamen die Weiber immer ein Glas Sekt gratis, was somit Frauenüberschuss und freie Auswahl für ihn bedeuten würde. Dort war bestimmt noch alles beim Alten!
Als er eine Stunde später mit einem Glas Sekt an der Bar stand – heute ein Glas Frei-Sekt für alle Männer – und alle Hände damit zu tun hatte, eine sehr hartnäckige Schwarzhaarige, die überhaupt nicht sein Typ war, abzuwehren, wusste er, dass offenbar gar nichts mehr in Ordnung war. Auch auf sein drittes höfliches „Nein“ gab die Schwarzhaarige nicht auf, und Matscho konnte den Geruch von Bier und Nikotin riechen, als sie sich zu ihm herüber beugte. Auf der Tanzfläche vorhin war es noch immer schlimmer gewesen. Dort hatten ihn zwei Frauen beim Tanzen in die Zange genommen, und ganz egal, wie oft er sich weg gedreht hatte – sie schienen diese Zeichen, dass er kein Interesse hatte, einfach nicht zu verstehen. Als die Schwarzhaarige nun wie selbstverständlich ihre Hand auf sein Knie legte und dieselbe dann langsam aber stetig nach oben schob, war es um seine Selbstbeherrschung endgültig geschehen.
„Lass mich jetzt in Ruhe! Ich will nichts von dir!“
Das Gesicht der Frau wechselte innerhalb eines Moments von lüstern auf eisige Ablehnung. Ihre Augen waren jetzt eine einzige Drohung, und ihre Fäuste waren geballt, als wollte sie gleich auf ihn los gehen.
„Dann verpiss dich doch! Bist wohl ne Schwuchtel, oder was?“
Schwuchtel! Er! Eine Schwuchtel! Er! Er war Matscho, und er war ganz bestimmt nicht schwul. Und überhaupt…und plötzlich bemerkte er, dass er schrie und schrie und offenbar nicht mehr aufhören konnte. Er schrie noch, als er längst erwacht war und Schweiß überströmt in seinen Kissen lag.
Ein Traum. Alles war nur ein Traum gewesen. Real war allerdings der Kater, der ihn jetzt plagte. Er hatte Angst vor dem, was er da draußen gleich erleben würde, aber es half nichts – er musste zur Arbeit. Ganz vorsichtig verließ er dieses Mal das Haus und schaute sich mehrmals um. Eine besondere Anspannung überfiel ihn, als er an besagtem Gerüst vorbei kam. Innerlich wappnete er sich gegen alles, aber es passierte nichts. Über ihm arbeiteten die Bauarbeiter und schenkten ihm, dem Geschlechtsgenossen logischerweise keinerlei Beachtung. Etwas später hastete eine junge Frau an ihm vorbei. Dieses Mal drehte sich Matscho nicht nach ihrem Hintern um. Und als er am Kiosk angelangt war, beschleunigte er plötzlich den Schritt. Er hatte auf die „Zeitung“ zum ersten Mal seit Jahren keine Lust mehr.

Geschlechterstereotype in Abgrenzung zu Vermutungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten

Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Rotterdam eingereicht worden ist. Ursprünglich war es ein Kommentar zum Artikel „It’s just marketing, stupid!„.

Unter Feministen neuerer Schule – auch unter denen moderater Ausprägung – scheint es Konsens zu sein, dass die vornehmste Aufgabe der Bewegung derzeit darin besteht, Geschlechterklischees und Rollenstereotype aufzubrechen und somit allen Menschen zu einem freieren, weniger beengten, selbstbestimmteren Leben zu verhelfen.

Das ist ein hehres Ziel. Zumindest wäre es das, beschränkten sich die Bemühungen darauf, das Angebot an validen Rollenbildern zu erweitern und dem Individuum so mehr Auswahlmöglichkeiten bereit zu stellen.

Nun scheint sich innerhalb feministischer Zirkel aber darüber hinaus eine Ansicht durchgesetzt zu haben, die tradierte Rollenbilder als defizitär betrachtet und die damit einhergehenden Perspektiven auf Mann und Frau als schädlich betrachtet – und zwar sowohl für die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt, als auch für die persönliche Entwicklung ihrer Mitglieder. Folgerichtig müssten diese Stereotype nun also geächtet und soweit wie möglich aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden, auf dass der neue Mensche von ihnen befreit werden möge.

Eine freie Entscheidung wird den Menschen dabei nicht mehr zugebilligt. Wer klassische Rollenmodelle für seinen Lebensentwurf präferiert, der ist dieser Ansicht nach entweder gehirngewaschen (das Stockholm-Syndrom des Hausmütterchens) oder Teil der Unterdrückungsstruktur (der ewiggestrige Macho, der seine Privilegien nicht aufgeben will). Eine freie Entscheidung ist nur dann eine solche, wenn für diejenige Entscheidungsmöglichkeit optiert wird, die der Feminist präferiert.

Damit werden alte Zwänge aber schlicht durch neue ersetzt. Den alten Geschlechterstereotypen werden neue Rollenzwänge entgegengesetzt, die mitunter aber gar nicht mit den Präferenzen vieler Menschen vereinbar sind. Denn wie es der Autor dieses Artikels so schön ausgedrückt hat, existieren viele (nicht alle!) Geschlechterstereotype, weil sie der “gegenwärtigen überwiegenden Realität [entsprechen]“.

Damit aber ist klar, dass das moralisch fragwürdige Projekt der Umerziehung der Menschen hin zu einem genehmeren Rollenverständnis von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Da geschlechterstereotypes Verhalten zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil seinen Ursprung in biologischen Dispositionen hat, wird sich dieses innerhalb unserer Lebenszeit schlicht nicht ausmerzen lassen, selbst wenn man es wollte.

Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Gendertheoretiker insofern recht haben, als dass der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht essentialistisch gelesen werden darf und die Unterschiede in vielerlei Hinsicht fließend sind. Die Verschiedenheit von Mann und Frau äußert sich oft lediglich in statistischen Häufungen, die Rückschlüsse auf das jeweilige Individuum in vielen Fällen unzulässig machen. Dass es mehr Mädchen gibt als Jungen, die gern mit Puppen spielen, bedeutet nicht, dass es keine Mädchen gäbe, die ungern mit Puppen spielen oder dass es keine Jungen mit Vorliebe für Puppen gäbe. Menschen, deren Verhalten derart vom Gängigen und Üblichen abweicht, sind deswegen keineswegs defizitär, unnatürlich oder weniger werthaft als Menschen, deren Verhalten eher der Norm entspricht. Das klar zu machen ist durchaus wichtig.

In einer freien Gesellschaft sollte ein Rollenmodell stets nur ein Angebot sein und Konformitätszwang weitgehend ausbleiben. Umso schlimmer ist es, wenn nun vorgeblich tolerante Menschen ein Verhalten gegenüber Menschen mit klassischen Rollenpräferenzen an den Tag legen, wie sie es gegenüber Menschen mit unüblichen Präferenzen kritisieren.

Bleiben die Geschlechterstereotype. Wenn sich also das Wesen des Menschen nicht ohne weiteres ändern lässt, und sich eine Mehrheit der Menschen stets eher “rollentypisch” verhalten wird, sollten wir dann nicht wenigstens versuchen, den Leidensdruck der Menschen zu mindern, die dieser Norm nicht entsprechen?

Meiner Meinung nach lautet die Antwort: Ja, aber. Denn Menschen, die in irgendeiner Hinsicht aus der Norm fallen, werden sich auch in der tolerantesten aller Gesellschaften immer zu Anpassungsleistungen gezwungen sehen. Und zwar deshalb, weil Menschen mit vergleichsweise seltenen Eigenschaften stets aus dem Erwartungsrahmen fallen werden, den ein jeder Mensch benutzt um seine Umwelt möglichst effizient zu ordnen.

Reiche ich einem Menschen ein Messer, werde ich ihm den Griff auf eine solche Art hinhalten, dass er mit der Rechten leicht zugreifen kann – und dass, obwohl er unter Umständen Linkshänder ist.

Berichtet mir ein Mann von seiner Beziehung, werde ich zunächst einmal davon ausgehen, dass es sich dabei um eine Frau handelt.

Bekomme ich Besuch, werde ich diesem Alkohol anbieten – obwohl ich es mit einem Abstinenzler zu tun haben könnte.

Das tue ich nicht, weil ich Linkshändern, Homosexuellen oder Abstinenzlern Böses will. Und es bedeutet nicht, dass ich diese Eigenschaften abwerte oder Normalität (im Sinne von Häufigkeit) mit Werthaftigkeit verwechsle. Ich tue es, weil ich in der Mehrzahl der Fälle damit richtig liege.

Gehe ich mit einer solchen Annahme einmal fehl, entschuldige ich mich natürlich und korrigiere meinen Fehler. Von dieser Erwartung aber ganz abzulassen, würde mir ein sehr wirkungsvolles Instrument der Alltagsbewältigung rauben, von dem ich ungern ablassen würde.

Menschen, so denke ich, werden sich nur unter extremen Bedingungen dazu bringen lassen, von der Benutzung dieser höchst sinnvollen Heuristiken abzusehen.

Warum also versuchen, sie dazu zu bringen? Hier könnte man sich nun der alten Binsenweisheit bedienen, dass obsolet gewordene soziale Bewegungen stets nach neuen Betätigungsfeldern suchen, um sich ihrer Existenzberechtigung zu versichern. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Bewegungen bereits soweit geronnen sind, dass sie sich in der bürokratischen Infrastruktur eines Gemeinwesens festgesetzt haben.

Ein Problem, das sich schlicht nich lösen lässt, ist dabei der Hauptgewinn eines jeden Kämpfers für die vermeintliche Gerechtigkeit, dessen Ansehen oder dessen Existenz auf dem fortwährenden Kampf gegen das Böse beruht.

Denn wenn der Patient partout nicht genesen will, dann braucht es eben immer mehr von der immer gleichen Medizin. Und das bedeutet vor allem eines: Mehr Geld, mehr Posten, mehr Aufmerksamkeit, mehr Prestige.

Es gibt in dieser ganzen Geschichte also durchaus jemanden, der nicht von seinen Privilegien lassen will. Es sind nicht die Anhänger des klassischen Rollenbildes

Egalitärer Liberalismus

Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Rotterdam eingereicht worden ist.

1) Der egalitäre Liberalismus als Leitbild für einen liberalen Maskulismus

Innerhalb der feminismuskritischen und männerrechtlichen Szene kam in letzter Zeit verstärkt die Frage auf, wie man sich bezüglich der Belange von Homo- und Transsexuellen positionieren sollte. Weniger stand dabei die Frage im Vordergrund, OB man das überhaupt tun sollte. Ich meine: ja. Und ich meine auch, dass liberale Männerrechtler sich in diesen Belangen für die Gleichberechtigung aller Betroffenen einsetzen sollten. Und ich denke auch, dass eine solche Sicht der Dinge konsistent ist.

Was also haben Schwulenrechte und Männerrechte gemeinsam, abgesehen von der Tatsache, dass viele Homosexuelle Männer sind? Wie lässt sich der Einsatz für Schwulenrechte mit dem Maskulismus verbinden? Wie kann ein liberaler Maskulist seine Sympathie für den Equity-Feminismus rechtfertigen?

Um diese Fragen befriedigend beantworten zu können, ist meiner Ansicht nach ein theoretischer Überbau vonnöten, aus dem die politische Positionierung für jedes dieser Teilgebiete abgeleitet werden kann.

Ich bin der Ansicht, dass der egalitäre Liberalismus in hervorragender Weise in der Lage ist, die Anforderungen an ein solches Leitbild zu erfüllen.

2) Was ist der egalitäre Liberalismus?

Die Maxime des egalitären Liberalismus lautet:
Angestrebt wird für alle Menschen das größtmögliche Maß an Freiheiten, welches unter den Bedingungen der fairen Verteilung dieser Freiheiten möglich ist.

Es spricht einiges dafür, dass ein solches gesellschaftliches Leitbild von einer unparteiischen Versammlung von rationalen Menschen als erstrebenswert betrachtet werden würde und somit den Bedingungen der Fairness genügt.

An dieser Stelle knüpft der egalitäre Liberalismus an die politische Philosophie John Rawls‘ an, der diese und weitere Thesen in seinem Hauptwerk „A Theory of Justice“ darlegte.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist Rawls‘ Konzept von der Gerechtigkeit als Fairness. Ich werde hier nicht ins Detail gehen, sondern lediglich einen kurzen Abriss vorlegen:

Eine gesellschaftliche Regel gilt dann als fair, wenn davon ausgegangen werden kann, dass eine Versammlung freier und rationaler Menschen unter den Bedingungen absoluter Unparteilichkeit den Entschluss fassen würde, sich ihnen freiwillig zu unterwerfen. „Absolute Unparteilichkeit“ meint hier, dass davon ausgegangen wird, dass keiner der Legislatoren sich über die gesellschaftliche Position im klaren ist, die er nach der Verabschiedung der Regeln einnehmen wird. Keiner der Legislatoren weiß zu diesem Zeitpunkt also, welcher Rasse und welchem Geschlecht er angehört, ob er reich oder arm ist und welche geistigen und körperlichen Fähigkeiten er besitzt. Rawls nannte das den „Schleier des Nichtwissens“.

Insofern ein Legislator also ein Eigeninteresse besitzt und hinreichend risikoavers ist, wird er versuchen, das Risiko, welches eine schlechte gesellschaftliche Position mit sich bringt, soweit wie möglich abzufedern. Gleichzeitig wird er versuchen, derartige gesellschaftliche Regeln einzuführen, die ihm ein Maximum an Ressourcen in Aussicht stellen, ganz gleich in welcher Position er sich wiederfinden wird.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich die drei Prinzipien, nach denen eine Ungleichbehandlung von Menschen gerechtfertigt ist: Das Eignungsprinzip, das Leistungsprinzip und das Bedürftigkeitsprinzip.

3) Eignung, Leistung und Bedürftigkeit

Das Eignungsprinzip, das Leistungsprinzip und das Bedürftigkeitsprinzip regeln den Zugriff auf begrenzte gesellschaftliche Ressourcen – seien es gesellschaftliche Positionen, Produktionsmittel, Zugang zu Bildung oder Verbrauchsgüter. Dabei steht das Leistungsprinzip im Dienst der Maximierung der Ressourcen, welche einer Gesellschaft zur Verfügung stehen und das Bedürftigkeitsprinzip der Minimierung des Lebensrisikos für jeden Einzelnen. Das Eignungsprinzip dient beiden Zielen.

Kann eine Ungleichbehandlung nicht durch eines dieser drei Prinzipien gerechtfertigt werden, wird sie als unfair zurückgewiesen. In diesem Sinne tritt der egalitäre Liberalismus für eine weitgehende formale Gleichbehandlung aller Menschen ein.

a) Das Eignungsprinzip

Schließen sich ein Bauer und ein Schmied zusammen, ist es sinnvoll, dem Bauern die Zugriffsrechte auf die Sichel und dem Schmied die Zugriffsrechte auf den Hammer zuzugestehen. Selbst in Konstellationen, in denen dem einen Zugriffsrecht kein gleichwertiges anderes Zugriffsrecht gegenübersteht (Hammer gegen Sichel), können diejenigen, die minderberechtigt sind, von diesem Arrangement profitieren, nämlich indem der Schmied durch sein Hammerzugriffsrecht mehr Mehrwert erwirtschaftet als es die Nicht-Schmiede könnten. Damit die derart Minderberechtigten auch in den Genuss der Früchte der Berechtigten kommen und dem Arrangement zustimmen, braucht es ein wie auch immer geartetes System der Umverteilung oder Lastenteilung.

Zugleich mindert das Eignungsprinzip das Lebensrisiko der Gemeinschaftsmitglieder, indem es den Besitz von potentiell gefährlichen Freiheiten reguliert. Ein gutes Beispiel ist hier das Recht, ein Fahrzeug führen zu dürfen. Um es zu erhalten, muss ein Erweis der Eignung erbracht werden. Gleichzeitig behält es sich unsere Gesellschaft vor, ungeeigneten Personen (wie Blinden) dieses Recht vorzuenthalten. Gemäß der obersten Maxime des egalitären Liberalismus müssen diese Einschränkungen auf ein Minimum reduziert werden.

b) Das Leistungsprinzip

Nimmt man dem Schmied aus dem obigen Beispiel zwecks Umverteilung zu viele Früchte seiner Arbeit ab, verliert er die Motivation, zugunsten der Gesellschaft zu arbeiten. Je leistungsbereiter aber jedes einzelne Gesellschaftsmitglied ist, desto besser kommt das gemeinschaftliche Projekt voran, zumal auch die schwächsten Mitglieder des Unternehmens durch Umverteilungsmaßnahmen an der Prosperität der Unternehmung teilhaben. Eine angemessene Belohnung für die Anstrengungen eines jeden Einzelnen ist also im Interesse aller. Diese Belohnung kann in Form materieller Güter oder gesellschaftlicher Positionen und Privilegien erfolgen, aber auch darüber, dass man den entsprechenden Personen Respekt und Ansehen entgegenbringt.

c) Das Bedürftigkeitsprinzip

Es gibt gesellschaftliche Startpositionen, die schlechtere Chancen auf eine befriedigende Partizipation am gemeinschaftlichen Projekt namens Gesellschaft bieten als andere. Die genetische Lotterie ist nicht fair und verteilt körperliche wie geistige Attribute ungleich. Aus der Perspektive eines unparteilichen Legislatoren muss das Risiko dieser Menschen auf eine mangelhafte Teilhabe an der Gesellschaft minimiert werden. Das kann beispielsweise geschehen, indem man einen Teil der gesellschaftlichen Ressourcen benutzt, um die gesellschaftliche Teilhabe der Schwächsten zu verbessern (indem man beispielsweise teure Rollstuhlrampen an öffentlichen Gebäuden anbringt). Das Bedürftigkeitsprinzip steht in gewisser Spannung zum Leistungsprinzip. Wird leistungsschwächeren Mitgliedern ein größerer Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht als leistungsstärkeren, die nicht als bedürftig in diesem Sinne anerkannt werden, kann dies einen Motivationsverlust letzterer zur Folge haben.

4) Gruppenrechte

Die Basis, auf der die Legitimität einer Ungleichheit evaluiert wird, ist idealerweise die Lebenssituation eines jeden Individuums. Zuordnungen auf der Basis von Gruppenzugehörigkeit sind meist problematisch, da diese häufig sehr schlechte Heuristiken darstellen. Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir wollen die Bedürftigkeit einer bestimmten Person evaluieren. Wir wissen nun, dass Mitglieder der Personengruppe A in der Regel bedürftiger sind als Mitglieder der Personengruppe B. Dies ist aber nicht immer der Fall, da es durchaus Mitglieder der Gruppe B gibt, die bedürftiger sind als A.

Es gibt allerdings durchaus Fälle, in denen eine Evaluierung aufgrund der Gruppenzugehörigkeit aus praktischen Gründen angezeigt ist. In Deutschland gilt man beispielsweise mit Vollendung des 18. Lebensjahres als uneingeschränkt geschäftsfähig. Die Zugehörigkeit zur Gruppe der über-17-jährigen ist hier ein Proxy für die geistige Reife eines Menschen. Obwohl diese Heuristik ausgesprochen ungenau ist, wäre die Alternative (beispielsweise ein Test der geistigen Reife eines jeden) schlicht unpraktikabel.

Insofern aber die Evaluierung des Individuums zumutbar und praktikabel ist, muss diese Vorrang genießen vor der Anwendung eines Proxys, der schlicht die Gruppenzugehörigkeit im Blick hat. So werden in Deutschland beispielsweise Sozialleistungen vergeben, indem die tatsächliche Bedürftigkeit eines Individuums evaluiert wird. Die Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe, deren Mitglieder gemeinhin einen niedrigen sozioökonomischen Status haben, ist hingegen irrelevant.

Insbesondere müssen Heuristiken abgelehnt werden, die grob über- oder unter-inklusiv sind. Nehmen wir an, wir knüpfen die Vergabe einer gesellschaftlichen Ressource an die Eigenschaft X. Nun kommt Eigenschaft X unter Mitgliedern der Gruppe A häufiger vor als unter Mitgliedern der Gruppe B. Jedoch besitzen nicht alle A die Eigenschaft X und nicht alle Menschen mit Eigenschaft X gehören der Gruppe A an. Die Vergabe gesellschaftlicher Ressourcen nun an die Zugehörigkeit zur Gruppe A zu knüpfen ist unzulässig, es sei denn, die individuelle Evaluierung von Eigenschaft X ist unzumutbar oder nicht praktikabel.

5) Rote Linien und Grundfreiheiten

Es ist davon auszugehen, dass eine Versammlung hinreichend risikoaverser Legislatoren unter den Bedingungen absoluter Unparteilichkeit gewisse Freiheitsrechte auch dann nicht zur Disposition stellen möchte, wenn ihre Einschränkung durch eines der drei Prinzipien der legitimen Ungleichbehandlung gerechtfertigt wäre. Diese Freiheitsrechte möchte ich Grundfreiheiten nennen. Welche Freiheitsrechte im Einzelnen dem Katalog der Grundfreiheiten zuzurechnen sind, möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Das würde entschieden zu weit führen.

6) Reichweite gesellschaftlicher Gleichbehandlung

Während die Gültigkeit der Regel der Gleichbehandlung für öffentliche und staatlich organisierte Bereiche einleuchtend ist, stellt sich allerdings die Frage, inwieweit der Anspruch auf die Durchsetzung von Gleichbehandlung auch für semi-öffentliche, privat betriebene und private Räume gelten sollen. Ist die Durchsetzung gleicher Freiheiten für alle doch immer auch mit einer gewissen Einschränkung der Handlungsfreiheit des Einzelnen verbunden. Will man es einem rassistischen Gastwirt untersagen, keine Migranten einzulassen, obwohl er sich in deren Gegenwart unwohl fühlt? Möchte man es dem Betreiber eines Schwulenclubs erlauben, Heten auszuweisen? Und wie sieht es mit Fitnessstudios exklusiv für Frauen aus? Sollte ich als Vermieter diskriminieren dürfen? Als Veranstalter einer privaten Fete? Ich gebe zu, dass ich hier kein handfestes Kriterium anbieten kann und freue mich auf Vorschläge.

7) Anwendungsbeispiele

Soviel zum theoretischen Teil. Nun zu einigen Beispielen, wie sich dieser Rahmen für maskulistische und schwulenrechtliche Argumentationen nutzen lässt:

a) Ablehnung von Gleichstellungsmaßnahmen:

Gleichstellungsmaßnahmen zielen auf die Herstellung von Ergebnisgleichheit ab. Dabei wird unterstellt, dass ein ungleiches Ergebnis die Folge einer unfairen Prozedur ist. Insofern aber gezeigt werden kann, dass das Ergebnis Folge von Prozessen ist, die den Maßstäben der Leistungs-, Eignungs- und Bedürftigkeitsprinzipien genügen, wird diese Argumentation hinfällig.

b) Ablehnung von Frauenfördermaßnahmen:

Aus der Perspektive des egalitären Liberalismus ist eine Frauenfördermaßnahme nur dann gerechtfertigt, wenn das Kriterium der Bedürftigkeit erfüllt ist. Insofern überhaupt in diese Richtung argumentiert wird, bedienen sich die Proponenten dieser Maßnahmen aber denkbar schlechten Heuristiken. Genannt sei das Beispiel der Rhetorikkurse für Frauen, Bewerbertrainings für Frauen, Managementkurse für Frauen etc. Der Nachweis ist keineswegs erbracht, dass alle Frauen in diesen Bereichen ein Defizit haben und es keine Männer gibt, die das gleiche oder ein größeres Defizit in dieser Hinsicht aufweisen.

c) Befürwortung der Homo-Ehe:

Für eine Ungleichbehandlung homosexueller Paare muss eine Begründung gefordert werden, die den oben besprochenen drei Prinzipien entspricht. Bisher beruhen die Sachargumente gegen die rechtliche Gleichstellung auf einer merkwürdigen Interpretation des Leistungsprinzips. Heterosexuelle Paare leisteten „Reproduktionsarbeit“ und müssten dafür entlohnt werden. Dass die Eigenschaft „heterosexuell“ aber eine denkbar schlechte Heuristik für die erwartbare Erziehungsleistung einer Person ist, dürfte einleuchtend sein.

8) Strategische Vorteile dieser Positionierung

Der egalitäre Liberalismus knüpft an linke, liberale und linksliberale Diskurse an und bedient sich eines ähnlichen Vokabulars und ähnlicher Begründungsmuster. Ein liberaler Maskulismus, der sich des egalitären Liberalismus als theoretische Grundlage bedient, wird es leichter haben, Anknüpfungspunkte im Mainstreamdiskurs zu finden. Ebenso werden es Leute, die ihre Forderungen vorgeblich an dieselben Gerechtigkeitsmaßstäbe knüpfen, es sehr viel schwerer haben, maskulistische Argumentationsmuster zu diffamieren.

Die meisten Feministen sind, wenn sie denn überhaupt biologisch bedingte Geschlechterunterschiede anerkennen, Gradualisten. Das heißt, dass sie nicht daran glauben, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die exklusiv der Gruppe der Männer oder der Gruppe der Frauen zuzuordnen sind. Sofern dies aber der Fall ist, bricht die Begründung für eine Ungleichbehandlung aufgrund des biologischen Geschlechts in den meisten Fällen weg.