Male Tears, Male Fears

Tag auch, ich bin der Neue hier! Eigentlich wollte ich etwas zum Thema ‚Antifeminismus‘ schreiben, allerdings ziehen sich die Recherchen dazu noch hin. Um dennoch nicht meinen Einstand zu verpassen, stelle ich stattdessen kurzfristig in paar spontane Gedanken zum Thema männlicher Wertewandel zur Diskussion.

Letzte Woche erregte ein Artikel in der Online-Ausgabe der ’20 Minuten‘ meine Aufmerksamkeit, in dem ein kleiner Teil der Resultate der ‚Shell Jugendstudie 2015‘ mit dem Fokus auf das Mindset junger Männer besprochen wurde. Was mir dabei ins Auge fiel, waren weniger die besprochenen Ergebnisse an sich, als viel mehr die Themengewichtung, die der Artikel vornimmt und die mir schon öfter in Zeitungspublikationen zum Thema Gender aufgefallen war.

‚Die Welt wird weiblicher‘ wird eine der Autorinnen der Studie zitiert in Hinblick auf die 78% der jungen Männer, welche sich bei Entscheidungen ‚auch nach Gefühlen‘ richten wollen (im Gegensatz/in Abwägung zu was, frage ich mich…). Der Artikel vermittelt durch die Auswahl seiner Zitate auch in weiteren Passagen den Eindruck, der ‚weiblicher‘ werdende Mann sei eine Erfolgsgeschichte der emanzipierter werdenden Gesellschaft, obwohl sich die Kategorien, innerhalb derer das angeblich ablesbar sein soll, ziemlich strikt an traditionellen Definitionen von ‚Mann‘ und ‚Frau‘ auszurichten scheinen.

Das ist der eine Aspekt, den ich immer mal wieder in solchen Artikeln wahrnehme; die traditionelle Definition der Geschlechter wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern nur die Attribute neu auf Männer und Frauen verteilt und – sofern es denn einen (vermeintlichen) Shift von ‚männlich‘ zu ‚weiblich‘ gibt – positiv hervorgehoben. Die andere Regelmässigkeit scheint mir die zu enge Darstellung des Meinungsspektrums zu sein: Auf der einen Seite die – ihr könnt euch an dieser Stelle ein verstohlenes Kichern von mir dazu denken – Progressiven (…welche Männer nicht von Geschlechternormen befreien, sondern lediglich die Norm ersetzen wollen…) und auf der anderen der Seite der Teilzeit-Traditionalist (Michel Craman von ‚Mannschafft‘), den man zwischen den Zeilen als Emanzipationsverlierer bashen kann, was besonders schön im letzten Abschnitt zur Geltung kommt: ‚Auch Craman ist ein Anhänger der Gleichstellung. …‘, steht da zu lesen. Ja warum denn auch nicht? Welcher Grund bestünde denn, das Gegenteil anzunehmen? Zwar sagt mir die Organisation ‚Mannschafft‘ nichts, weshalb ich deren Weltbild nicht beurteilen kann, ich finde die unterschwellige Unterstellung aber dennoch unfair.

Natürlich ist das alles ein Stück weit Interpretationssache, aber man entwickelt mit der Zeit halt ein Gespür für gewisse Nuancen und Subtexte.

Zwar teile auch ich Craman’s bisweilen unnötig essentialistischen Aussagen nicht alle (insbesondere beim Wort ‚verweichlicht‘ hatte ich spontan so n‘ bisschen Kotze im Mund), kann aber seine Sorge nachvollziehen:

Michel Craman, Präsident des Männervereins Mannschafft, vermutet, dass die Jungs sich nur so verhielten, weil sie aus Angst vor Vorwürfen unter Druck stehen. «An den traditionellen Männern haftet schnell das Bild des Machos, der nur über Fussball redet und sich zuhause nach der Arbeit auf die faule Haut legt.»

Ich möchte den Grundgedanken des obigen Zitats gerne ein wenig vertiefen; mir ist klar, dass sich die Shell-Studie mit den generellen Lebensperspektiven von Jugendlichen befasst und nicht primär mit deren Bezug zu eigentlicher Emotionalität. Wenn wir aber über den Wertewandel bei Buben und jungen Männern sprechen, ist gerade dieser Aspekt ein zentraler, finde ich. Gefühle zuzulassen und sie offen zu zeigen ist ebenfalls eine, wenn nicht die Anforderung, die an den ’neuen Mann‘ gestellt wird und ich finde es grundsätzlich Klasse, Männer dazu zu ermutigen.

Allerdings – so nehme ich die Stimmung in der Gesellschaft zumindest persönlich wahr – meint ‚offener‘ Umgang mit Gefühlen im Subtext den ‚weiblichen‘ Umgang damit; auch hier scheinen die Handlungsoptionen, die Männern neuerdings als legitim zugestanden werden, nicht vielfältiger, sondern lediglich in ein neues Rollenkorsett überführt zu werden. Dass ‚weiblich‘ dabei offenbar klischeehaft-traditionell ausgelegt wird, wird dem emotionalen Spektrum von Frauen und seinen Ausdrucksformen übrigens genauso wenig gerecht.

Warum lässt mir der Gedanke keine Ruhe?

Kommunikation kennt – verbal wie nonverbal – so viele Ausdrucksformen, wie es Individuen gibt; wenn eine Junge seine Emotionen mit Tränen ausdrücken will, ist das o.k.; will er schweigen und lieber nachdenken, über etwas, das ihn bedrückt, ist das o.k.; will er etwas verarbeiten, in dem er in Gesellschaft eines guten Freundes belanglosen Smalltalk macht und nebenher n‘ bisschen auf seiner Playstation zockt, ist das o.k.. Will ein und derselbe Junge mal weinen und mal witzeln, wenn ihn etwas emotional mitnimmt, ist das o.k. … ihr merkt, worauf ich hinaus will. Ein Junge, der weint ist kein Weichei und einer, der es nicht tut, ist kein Macho oder unemanzipiert.

Eine Debatte über den männlichen Umgang mit Gefühlen, welche falsche Korrelationen als Bewertungskriterien implementiert, bereitet mir Unbehagen. Das ‚offene‘ Zeigen von Emotionen geriete dadurch in vielen Fällen zu einer Karikatur seiner selbst, einer sinnentleerten Performance, welche die Idealvorstellung all derer bedienen soll, die es schlicht nichts angeht. Schliesslich soll der individuelle Umgang mit Emotionen, denjenigen weiterbringen und reifen lassen, der sie empfindet und niemanden sonst.

Sollte sich so ein Verhalten durchsetzen, würden Buben und junge Männer in Zukunft wohl mehr reden – und dennoch weniger sagen. Und das ist etwas, was ich tatsächlich zum Heulen fände.

Wie eingangs erwähnt, lege ich hier nur ein paar spontane Gedanken dar, vielleicht sehe ich Einiges auch zu dramatisch. Was ist eure Einschätzung dazu?

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