Warum die moderne Gesellschaft niemals ein »Patriarchat« gewesen ist

Ein Versuch, die Bedeutung von Christoph Kucklicks »Das unmoralische Geschlecht« zu erläutern.

In meinem heutigen Blogpost nehme ich eine Anregung aus den von Elmar Diederichs für das Jahr 2015 formulierten Desideraten auf: »Doch weder hat einer der aktiven blogger es bisher verstanden, auf ethischem Gebiet gegen den Feminismus zu argumentieren, noch wurde eine Rekonstruktion von Kucklicks schwer verständlichem Buch vorgelegt, daß die Details seiner Arbeit allen auf einfache Weise zugänglich machen würde.« Für das ethische Gebiet fühle ich mich als gelernter Soziologie nicht primär zuständig, aber den Text von Christoph Kucklick mit seinem ausgeprägten soziologischen Jargon sehe ich thematisch in das fallen, was ich für meine »Kernkompetenz« halte.

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»Für den Fall, dass ihr verwirrt seid …«

Ursprünglich getweetet von Gerard Araud, dem französischen Botschafter in den USA:

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(Einfach nur, weil es mir wichtig ist, das weiter zu verbreiten)

»Klasse« und »Geschlecht« bei Bourdieu – eine Textkonserve aus eigenem Anbau

Für meinen heutigen Blogpost greife ich auf eine spezielle Art von Textkonserve zurück: einen Text, den ich 1991 während meines Studiums als Hausarbeit verfasst habe und der vom Dozenten damals für gut genug eingeschätzt wurde, um mir zu empfehlen, ihn bei einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift einzureichen. Das habe ich auch getan – dort wurde er dann allerdings nicht genommen: laut Aussage des Lektors, weil man dort aus einem deutlichen Überangebot an Manuskripten wählen musste.

Ich finde den Aufsatz rückblickend aus mehreren Gründen immer noch interessant: erstens passt er aufgrund des Themas zum Profil von »Geschlechterallerlei«: weil er sich – wenngleich vor allem in der Art einer philologischen Fleißarbeit – mit einem im Feminismus zu einiger Prominenz gelangten soziologischen Autor und seinem speziellen Gebrauch zweier soziologischer Grundbegriffe, genauer: zweier sozialer Strukturkategorien, befasst. Ich finde Bourdieus Begriffsgerüst auch heute immer noch brauchbar und anregend, obwohl meine Distanz zu ihm heute deutlich größer ist als damals.

Zweitens finde ich es im Rückblick interessant, wie ich damals versucht habe, feministische Theorie als konsequente Fortführung des modernen Emanzipationsbegriffs zu verstehen. Ein paar Bemerkungen über von Männern ausgeübte Gewalt stammen aus einer Zeit, in der Behauptungen, die wir heute als empirisch glattweg falsch verwerfen, als nicht bezweifelbar erschienen.

Und schließlich finde ich interessant, dass ich im Hinblick auf meine damalige Vorstellung, Feminismus könne das »Prinzip der Distinktion« (ein analytischer Zentralbegriff bei Bourdieu) überwinden und damit an die Wurzel von Prozessen »symbolischer Herrschaft« gelangen, einen konsequenten Kulturalismus vertreten habe, den ich heute nicht mehr aufrecht erhalten kann (und will). Statt dessen würde ich dieses Prinzip bei den anthropologischen Konstanten einsortieren.

Der Text ist ein bearbeiteter OCR-Scan, kann also übersehene Scan-Fehler enthalten.

Triggerwarnungen: Soziologischer Jargon, gelegentliches Binnen-I, feministische Ideologie in mehr als nur homöopathischer Dosis.

Und keine Sorge: mehr als einen solchen Text habe ich nicht in Reserve, das bleibt also ein Einzelfall. 🙂

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Die Literatin als Hasenhirn

oder

Wie die Frauenquote den Weltuntergang verhindern soll

Eine Rezension von Karen Duves »Warum die Sache schiefgeht«

Deutschland ist um einen Wutbürgertext reicher, diesmal geschrieben von »einer Art feministisch-vegetarischer Pirincci«, nämlich Karen Duve.

Das Buch besteht im Wesentlichen daraus, in vier Kapiteln vier positiv und bis zu einem gewissen Grad auch »männlich« konnotierte Tugenden, nämlich »Einsatzbereitschaft«, »Risikobereitschaft«, »Selbstvertrauen« und »Durchsetzungsvermögen« als solche charakterliche Ausprägungen darzustellen, die entweder auf der Kippe zum Krankhaften stehen oder bereits ins Psychopathologische umgekippt sind, und sie als Ursache einiger zum Untergang der Menschheit führender Probleme dingfest zu machen. Woraufhin dann in einem fünften Kapitel Frauen explizit und offensiv als die »besseren Menschen« beansprucht werden, welche die Herrschaft der männlichen Psychopathen beenden sollen, und im Schlusskapitel doch noch – sicherheitshalber, für alle Fälle, falls es die Frauen auch nicht reißen – das potentielle Aussterben des Menschen zu einem guten Zweck erklärt wird.

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Natur, Kultur und Geschlecht. Eine anthropologische Skizze.

Vorbemerkungen: Dieser Blogpost hat den Charakter eines Fachartikels oder »technical papers« und ist daher möglicherweise nicht immer leicht zu lesen. Auch wenn ich mich bemüht habe, Fachjargon zu vermeiden, habe ich im Zweifelsfall der Ausdrucksabsicht Vorrang vor der Einfachheit gegeben.

Einzelne, ggf.längere Zitate haben nicht die Funktion, eine Beleglast zu tragen (das kann nur in Auseinandersetzung mit der referenzierten Literatur geschehen), sondern sollen die Pointe bestimmter Gedankengänge illustrieren – insbesondere dann, wenn ihre Paraphrase auf ein wörtliches Zitat hinausliefe.

Ein erheblicher Anteil des hier betriebenen Begründungsaufwands entfällt auf die Positionierung zur Soziobiologie, wobei ich grundsätzlich der Absicht folge, deren Positionen, soweit sinnvoll, in eine »integrative« Perspektive einzubeziehen.

(1) Wenn wir daran gehen, aus der wissenschaftlichen Literatur eine naturalistische Grundlegung der menschlichen Kultur zu kompilieren, bietet es sich an, bei der neuronalen Plastizität des menschlichen Gehirns zu beginnen. Die Frage nach Freiheit und Determinismus des menschlichen Verhaltens findet hier das Kernstück ihrer Beantwortung. Das menschliche Gehirn und sein funktioneller Aufbau ist das entscheidende Resultat der Hominisierung, der zum anatomisch modernen Menschen führenden Evolution. Gehirnforscher wie Singer (Singer 2002: 44, 2003: 97 f.) und Roth (Roth 2003: 81) und Soziobiologen wie Wuketits (Wuketits 1997: 166) und wohl auch Wilson (Wilson 2014: 291) sowie Paläoanthropologen wie Mithen (Mithen 1998: 171 ff.) sind sich darin einig, dass sich unabhängig von fortlaufenden genetischen Anpassungen des Homo Sapiens der strukturelle Aufbau und die funktionelle Ausstattung des menschlichen Gehirns seit dem Zeitraum von 80.000 bis spätestens 30.000 Jahren vuZ nicht mehr verändert hat, einem biologischen Lehrbuch zufolge sogar seit »weit über 100.000 Jahren« nicht mehr (Thompson 2001: 444). Laut Hermann Parzinger »besteht inzwischen in der Forschung weitgehende Einigkeit, dass sich der Homo sapiens des Jungpaläolithikums ab 40.000 vor heute in seinen kulturellen Fähigkeiten nicht mehr grundlegend vom heutigen Menschen unterschied.« (Parzinger 2014: 62) Höhlenmenschen und Justizbeamte haben die gleiche Kapazität für Kultur (Wuketits), Kinder der jüngeren Altsteinzeit könnten in modernen Kulturen zu Wissenschaftlern oder Geigenvirtuosen heranwachsen (Singer) und »Einstein hat die Relativitätstheorie mit einem Steinzeit-Hirn ersonnen.« (Welsch 2012: 729) Weiterlesen „Natur, Kultur und Geschlecht. Eine anthropologische Skizze.“

»Du willst wohl ’ne Ausnahme sein?!« Oder: Wie ich eines Tages die Männerrechtler entdeckte …

Nachdem ich bei »Geschlechterallerlei« jetzt einen Tag übernommen habe, aber von der Entscheidung bis zum ersten Vorkommnis desselben die Zeit eher knapp war, nutze ich, nachdem auch schon andere Mitglieder des hiesigen Autorenkollektivs entsprechend verfahren sind, diesen Umstand, um als Eröffnung in einer zwanglosen Plauderei darzustellen, wie zur Männerrechtlerei gekommen bin. Die Vokabel »Plauderei« darf als Warnung aufgefasst werden: der folgende Text ist nicht besonders analytisch und bleibt an der Oberfläche, weil er als analytischer und vertiefender Text den Rahmen eines Blogposts unweigerlich sprengen würde. Ich werde also zunächst ein bißchen biografisch ausholen, aber nicht allzu viele Details nennen, sondern im Telegrammstil ein paar Grundstrukturen beschreiben. Schließlich bin ich für eine gründliche Autobiografie noch nicht berühmt genug.

Linksliberales, bildungsbürgerliches Elternhaus. Behütete Kindheit, danach eine nicht ganz so unbeschwerte Jugend. Beide Eltern berufstätig, die Hausarbeit paritätisch aufgeteilt nach dem Grundmuster: sie Wäsche, er Küche. Beide Eltern arbeiten nicht nur, sie arbeiten auch – es ist das goldene Zeitalter der Psychoanalyse – ihre eigenen Biografien auf. Die Mutter das Opfer eines Kriegsopfers mit episodischen Gewaltausbrüchen, der Vater ein Opfer des Patriarchats. Letzteres meine ich ganz wörtlich: in einem Elternhaus aufgewachsen, das zu jenen Kreisen gehörte, die man »Pietcong« nennt, und in dem alle Familienangehörigen unter der Hausgewalt des frommen Vaters stehen. Auf Widerworte steht, ganz alttestamentarisch, die Prügelstrafe. Biedere Kleingeistigkeit, moralische Überheblichkeit und regelrechte Zwangsheiraten, denn Gott der Herr spricht: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ein dem Geiste nach prämoderner Kontext also, in dem der Begriff des Patriarchats tatsächlich einen präzisen, deskriptiven Sinn ergibt.

Mit dem Resultat, dass in der betreffenden, chronisch kriselnden Ehe sie zu überkontrollierenden, bei Bedarf mit verbaler Aggression abgesicherten Verhaltensweisen neigt, dagegen er niemals die offene Konfrontation gelernt hat und seine Freiheiten nur durch die Hintertür wahrzunehmen vermag. In dieser Konstellation erreicht der Sohn (über Geschwister plaudere ich hier nichts, ich war aber kein Einzelkind) das Jugendalter, indes die Ehekrise der Eltern sich verschärft und die Beschäftigung der Eltern mit sich selbst dadurch eher noch intensiver wird. Mit den typischen Problemen der Pubertät, nicht zuletzt in sexueller Hinsicht, bleibt der Sohn daher praktisch ohne jeden Beistand, während er zugleich zwischen einer dominanten und zum Teil hoch verbalaggressiven, Abwertung und Verachtung kommunizierenden Mutter und einem psychisch hilflosen Vater eingeklemmt ist. Und von der Mutter dadurch, und zwar ganz ohne ideologische Zutaten, nachhaltig signalisiert bekommt, dass Männer eigentlich nichts anderes sind als ein Schmerz im Arsch der Frauen. Mit dem Resultat, dass er mit einer systematischen Überforderung und einer gründlich beschädigten männlichen Selbstachtung ins Erwachsenenleben startet, und, wenn man das sechzehnte Lebensjahr als Nullpunkt setzt, ungefähr zehn Jahre braucht, um sich davon zu erholen und überhaupt für Frauen beziehungsfähig zu werden. Was er durchaus sein will, denn schwul oder wenigstens bi ist er nicht.

Bis hierhin hat das alles noch nichts mit Feminismus zu tun. Die Mutter war immer stolz auf ihre eigenen Leistungen und hatte für Alice Schwarzer nur Verachtung übrig. Aber nun bewegt sich der Sohn im akademischen Milieu der Sozialwissenschaften, und wo, wenn nicht dort, begegnet er auch erklärten Feministinnen, und obendrein ist eine gute, ältere Freundin von ihm eine undogmatische Linke mit feministischem Hintergrund. Oder eine undogmatische Feministin mit linkem Hintergrund, je nachdem, wohin das Pendel von Haupt- und Nebenwiderspruch gerade ausschlägt. Als Student hat man auch die Zeit, sich mit sich selbst zu befassen, und prompt kommt Erfahrung mit einer Männergruppe hinzu. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre fast notwendig das, was später »lila Pudel« genannt werden wird, aber faktisch waren die meisten davon einfach nette Jungs, die über Probleme reden wollten, und dies in dem einzigen Kontext taten, der damals dafür existierte. Nur zwei oder drei von denen waren wirklich ideologisch drauf – bei welchen ich mich schließlich unbeliebt gemacht habe, weil ich ihren Standpunkt als »Sozialarbeiterideologie« bezeichnet habe.

Jedenfalls war das ideologische Umfeld dieser Szene, zumal im universitären Milieu, so beschaffen, dass an den feministischen Glaubenswahrheiten nicht zu rütteln war. Zu der Zeit gab es nur einseitige Studien zu häuslicher und sexueller Gewalt, es schien alles der Stand der Wissenschaft zu sein. Von der amerikanischen Männerbewegung hatte ich damals nur das Stichwort »Schwitzhüttenrituale« gehört und darauf mit einem innerlichen Facepalm reagiert. Außerdem war das die Zeit, in der Schriften wie »Der Untergang des Mannes« von Volker Elis Pilgrim neu aufgelegt wurden (die Originalausgabe war 1973 erschienen) – eine wüste, vulgärsoziologische Räuberpistole vom Manne und seinem Patriarchat, die den Vergleich mit keinem von Radikalfeministinnen verfassten Pamphlet zu scheuen brauchte, und in der der programmatische Satz formuliert wurde, dass der Mann sozial und sexuell ein Idiot sei. Ein Stück weit hat mich damals einer meiner Soziologieprofessoren gerettet, als ich ihm (in einem Seminar über Familiensoziologie) eine Hausarbeit mit tendenziell ähnlichen Aussagen abgeliefert habe – er hat mir sehr freundlich, aber auch sehr klar zu verstehen gegeben, was für einen unglaublichen Scheiß ich da verzapft hatte. Danach war ich sozusagen entgiftet.

Aber ich schweife ab! Der Feminismus trat ja immerhin mit dem Anspruch und Versprechen auf, auch die Männer zu befreien! Sofern und soweit ich aber in feministischen Kontexten über Aspekte meiner Biografie erzählte und diskutierte, über die ganz und gar nicht traditionellen Rollenmuster meines Elternhauses, über weibliche Aggression, aber insbesondere über meine subjektive Unfähigkeit, irgend eine Art von klassischer Männerrolle einzunehmen oder »männliches Verhalten« an den Tag zu legen (wogegen ich gar nichts gehabt hätte, wenn ich gewusst hätte, wie ich das hätte anfangen sollen), kam immer wieder eine Grundnote durch. Eine Grundnote, die meistens sinngemäß, aber tatsächlich auch wörtlich auf die Formel gebracht wurde: »Du willst wohl ’ne Ausnahme sein?!« Gemeint war selbstredend: eine Ausnahme von der allgemeinen, verkorksten, schädlichen, gefährlichen, herrschenden, privilegierten, hegemonialen (auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab) Männlichkeit. Als ich das zum ersten Mal hörte, blieb mir die Spucke weg. Aber mit der Zeit musste ich erkennen, dass diese Verleugnung und Zurückweisung meiner persönlichen Erfahrungen – ich war ja selbst so etwas wie ein wandelnder empirischer Prüfstein für deren Ideologie, nur eben leider ein falszifizierender – System hatte. Es war ein klassischer Fall von »victim blaming« und hinsichtlich dieser nach meinem Elternhaus erneuten Negation nicht meiner Meinungen, sondern meiner Erfahrung war es tatsächlich auch eine Art »Retraumatisierung«. Offenbar schien ich dazu verurteilt zu sein, in Bezug auf Frauen mit meinen eigenen Bedürfnissen und Sichtweisen gegen Mauern der narzisstischen Selbstbezogenheit zu prallen. Ich wusste allerdings, dass ich immer eine »Ausnahme« gewesen war, ich wusste, dass mein Vater eine »Ausnahme« war, dass meine Mutter eine war – ich war mir daher ziemlich gut bewusst, dass es hier nicht um »Ausnahmen« ging, sondern dass in der Unterstellung einer Regel der Fehler lag. Wenn ich durch meine Erfahrung mit dem Feminismus einen Längsschnitt lege und die Quintessenz derselben in einen einzigen Satz kondensieren möchte – dann bietet sich dazu eben jener als rhethorische Frage gekleidete Vorwurf an, den ich als Titel für diesen Blogpost gewählt habe.

Allerdings war ich weder missionarisch noch masochistisch genug, um gegen die Ansprüche (und mindestens im Kontext studentischer Diskurse auch Vorherrschaft) dieser von mir intuitiv als verfehlt erkannten Ideologie einen privaten Feldzug zu beginnen. Ich habe daher einfach die biografische Konsequenz gezogen, dass man sich im Leben mit Feminismus nicht belasten muss. Ich habe daraufhin also getan, was das einzig Gesunde war, und mich zu diesem ideologischen Sumpf in innerliche, nach der Uni dann auch in äußerliche Distanz begeben, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich immerhin einigermaßen gelernt, abzulehnen, was mir nicht gut tat. Ich wurde beruflich und familiär erfolgreich und hatte die Umtriebe des Feminismus irgendwann so weit vergessen, dass ich ungefähr ein Jahr vor dem Kachelmann-Prozess nicht mal genau sagen konnte, ob ich eigentlich etwas gegen Alice Schwarzer habe. Allerdings habe ich nicht aufgehört, den misandrischen Diskurs, der sich in der Öffentlichkeit weiter ausbreitete, zumindest unterschwellig wahrzunehmen.

Bis dann meine Ehescheidung bevorstand. Um es gleich zu sagen: diese erfolgte einvernehmlich und nahm, auch aufgrund einer erfolgreichen Trennungsmediation, einen fairen Ausgang. In Bezug auf die gemeinsamen Kinder besteht zwischen der Mutter und mir ein gutes Kooperationsverhältnis, und die Kinder haben dank räumlicher Nähe auch nicht das Gefühl, jemanden verloren zu haben. Das hat mich jedoch nicht davor geschützt, im Verlauf dieser Trennung in tiefe Ängste zu verfallen und tief in der Kiste meines Mißtrauens und meiner schlechten Erfahrungen zu wühlen – zumal ich, vorzugsweise im Internet, auch mitbekommen habe, wie es anderen Vätern ergeht und welche Zustände in dieser Hinsicht vor deutschen Gerichten herrschen. Und zu dieser Zeit begann ich, die seit dem Auftreten der »Neuen Frauenbewegung« sukzessive entstandenen gesellschaftlichen Verhältnisse wieder bewusst wahrzunehmen. Dazu trugen im Kontext meiner langjährigen »Tätigkeit« als Telepolis-Forent auch solche berüchtigten Artikel wie »Jammernde Väter« von Birgit Gärtner bei.

Zu diesem Zeitpunkt verfügte ich also gleichsam über eine große Schachtel mit Puzzleteilen, aber noch nicht über ein Gesamtbild oder einen Überblick. Immerhin hatte ich die Schachtel geöffnet und suchte nach einem Muster, um diesen Haufen zusammenzusetzen. Und dann war es im Sommer 2011 – wahrscheinlich naheliegend bei jemandem, der zeitlebens umfänglich Bücher gelesen hat – tatsächlich ein Buch, bei dem sich mir die Puzzleteile endlich zusammenfügten, und zwar kein anderes als Arne Hoffmanns »Männerbeben«. Wohl einfach darum, weil es, mit dem Terminus von Clifford Geertz, eine »dichte Beschreibung« der aktuellen Geschlechterverhältnisse darstellt, in der ich mich in Dutzenden von Formulierungen »wiedergefunden« habe.

An here I am. Ich freue mich, in der männerrechtlichen Bloggerszene eine Diskussionsplattform gefunden zu haben, in der ich meine eigenen Standpunkte weiterentwickeln und »testen« kann. Zumal ich die virtuellen Saalschlachten des Telepolis-Forums eigentlich nur noch ermüdend finde und ich auch niemamden dort daran hindern möchte, dumm zu sterben.

Abschließend noch eine kurze Erläuterung, warum ich hier anonym poste und nun auch teilzeitblogge: ich wünschen mir, meine Auseinandersetzung mit dem Thema früher oder später in ein eigenes Buch zu fassen – und falls ich es tatsächlich fertigbringe, dann verlasse ich die Anonymität noch früh genug und wecke bis dahin keine schlafenden Hunde. Und falls das nicht klappt und ich das Ei nicht legen kann, von dem ich hier gackere, dann ist das in der Anonymität wenigstens nicht so peinlich! 🙂 Ich hoffe aber, bis zum nächsten Zwanzigsten zumindest meinen versprochenen Grundsatzartikel zum Thema »Biologie und Kultur« fertigzustellen.