Der Wille zur Macht

(und nichts wollen macht auch nichts)

Gelegentlich bin ich bei der Besetzung von offenen Stellen beteiligt. Auf meinem Blog habe ich das schon öfter erwähnt und einzelne Aspekte hervorgehoben.
Im folgenden möchte ich hier noch einmal einige spezielle Punkte nennen.

Vor kurzem hatten wir eine Ausschreibung „Burogehilfe/Bürogehilfin“.

Man sollte gar nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, jemanden für solch eine einfache Tätigkeit zu finden.
Von Männern kam erst mal überhaupt keine (ernsthafte) Bewerbung.
Die meisten Frauen hätten gerne nur am Vormittag gearbeitet. Dabei ist gerade nachmittags das Büro nicht besetzt, so dass Anwesenheit am Nachmittag unabdingbare Bedingung ist.

Eine andere offene Stelle ist der „Persönlicher Assistent des Geschäftsführers m/w“. Dafür erhoffen wir uns jemanden mit vor allem technischen aber auch möglichst kaufmännischen Fähigkeiten. Ideal wäre z.B. ein Wirtschaftsingenieur, gerne frisch von der Uni.

Für diese Stelle haben wir eine Frauenquote vorgesehen. Nämlich null Prozent. Denn – selbst wenn uns eine Frau mit ihrer Persönlichkeit und Qualifikation überzeugen könnte – dann ist sie möglicherweise nach einem halben Jahr schwanger, und wir haben erneut das Problem. Eine Frau nach den Wechseljahren wäre auch keine Option, denn schließlich ist diese Stelle eine Sprungbrettposition für jüngere Bewerber, eventuell auch frisch von der Uni. Eine Frau, die so unattraktiv ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft minimiert wird, ist ebenfalls keine Option, denn d* Assistent* muss ein einigermaßen repräsentatives Erscheinungsbild haben, da Kundenkontakt sehr häufig ist.
(Die Sternchen sind übrigens Wildcards und keine regulären Ausdrücke oder Gendaspeak.)

Selbstverständlich haben wir die Stelle – aufgrund gesetzlicher Vorgaben – geschlechtsneutral ausgeschrieben. Irgendwie kommt mir das aber schon recht unfair gegenüber interessierten Frauen vor, die sich den Aufwand einer Bewerbung machen, obwohl sie für die Stelle überhaupt nicht in Frage kommen. Was sind das nur für Gesetze, die einen zu solch paradoxem Verhalten zwingen?
Angeblich lassen sich Frauen von Begriffen wie „durchsetzungsstark“ oder „dynamisch“ abschrecken, und sehen im Zweifel lieber von einer Bewerbung ab.
Nach einer VDE-Studie wollen gut die Hälfte aller Ingenieurinnen Führungsaufgaben übernehmen. Es erstaunt mich nicht, dass es nur so vergleichsweise wenige sind, denn welche Frau tut sich denn schon freiwillig diesen Stress an, der mit ständigen Entscheidungen und erheblicher Verantwortung einhergeht. (Meines Wissens wurden bei dieser Studie keine männlichen Ingenieure befragt. Ich schätze aber, dass von denen etwa 90 Prozent gerne führen würden.) Und wenn eine schon Führungsambitionen hat, dann wird sie so eine untergeordnete Assistentenstelle nicht wollen.

Ja, nach einer Studie der TU München (von der ich leider keinen passenden Link gefunden habe, da ich dies auch nur in einer Branchenzeitschrift gelesen habe), bewerben sich Frauen weniger auf Anzeigen, in denen Eigenschaften wie dynamisch, durchsetzungsstark, selbstständig, offensiv oder analytisch gefordert werden.
Eigenschaften wie engagiert, verantwortungsvoll, gewissenhaft und kontaktfreudig werden da wesentlich besser aufgenommen. Von kommunikativ oder flexibel dagegen fühlen sich Frauen dann besonders angesprochen.

Und somit komme ich endlich zum springenden Punkt:
(Die meisten) Frauen wollen überhaupt nicht führen.

Viel zu oft wird übersehen, dass mit der Macht, die man über andere Menschen hat, auch eine sehr große Verantwortung einhergeht. Infantil-machiavellistische Machtfantasien sind dabei fehl am Platz.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Stress gewaltig und die Verantwortung enorm sind.
Es ist einfach ein himmelweiter Unterschied, ob man Verantwortung nur für sich selbst, und das, was man selbst beeinflussen kann, trägt, oder auch die Verantwortung darüber hinaus.

Wenn sogar nur etwa die Hälfte der befragten Ingenieurinnen Führungsaufgaben übernehmen will, dann sollte der Anteil auf alle Frauen hochgerechnet noch deutlich niedriger sein.
Dabei gibt es natürlich einen Unterschied zwischen Wollen und Können.
Die wenigen Ingenieurinnen, die ich kenne, sind sehr vernünftig und gut organisiert – keinesfalls der tussige Typ. Ihnen sind zumindest grundsätzlich gewisse Führungsqualitäten nicht abzusprechen.
Bei einigen anderen Berufen habe ich da schon eher meine Zweifel.

Falls mich irgendwann einmal Machtgelüste überkommen sollten, werde ich einfach eine virtuelle Maschine eine Milliarde mal eine völlig sinnlose und überflüssige Berechnung durchführen lassen.

Gesten und Benimmregeln

Vor wenigen Wochen habe ich auf meinem Blog über kleine Gesten und einige Konventionen geschrieben, die auch heute noch von Männern für Frauen üblich sind, und die normalerweise einen Aufwand von nur wenigen Sekunden benötigen, aber weder Geld noch (nennenswerte) Mühe kosten.
Es folgt der unveränderte Text:

Es nervt einfach, wenn ein Mann versucht, einem in die Jacke oder den Mantel zu helfen!
Alleine bin ich da viel schneller, und ich muss nicht den Arm so weit nach oben heben, und erst nach der Öffnung tasten, nur weil der denkt, die beiden Armlöcher sollten auf gleicher Höhe sein.

Nicht ganz so viel stört es, wenn ein Mann mir unbedingt beim Hinsetzen den Stuhl zurechtschieben will. Jungs, das kann ich selbst. Und ich weiß am besten, welche Stuhlposition mir am angenehmsten ist.
Auch die Autotür kann ich alleine öffnen. Insbesondere beim Aussteigen bin ich da einfach schneller, als zu warten, bis der Fahrer außen herum kommt.

Zum Glück steht kaum noch ein Mann auf, nur weil eine Frau den Raum betritt oder beim Essen aufsteht. Das war auch so etwas von unnötig.
Neben diesen sinnlosen bis lästigen Gesten gibt es jedoch auch welche, die ich schätze.

Klar, eine normale Zimmertür kann ich auch alleine öffnen, und bin zufrieden, solange sie mir niemand vor der Nase zuknallt. Aber es gibt auch so richtig schwere Türen, bei denen ich mich schon anstrengen muss, um sie aufzukriegen. (Wie muss das dann erst für eine kleine, zierliche Frau sein?) Die meisten Männer dagegen schaffen das ganz locker. Bei solchen Türen freue ich dann schon, wenn ein Mann (falls gerade einer da ist) mir die Tür aufhält.

Oder das Tragen meiner Tasche. Meine Notebooktasche etwa kann mit dem ganzen Kram, den ich drin habe, locker über 5 Kilogramm schwer sein. Wenn ich die eine längere Strecke tragen muss, so merke ich das schon. Männern scheint ihr Gewicht dagegen gar nichts auszumachen. Deshalb lasse ich mir ganz gerne die Tasche tragen, wenn es sich so ergibt.

Schraubgläser muss ich zum Glück nur selten öffnen. Ich probiere es grundsätzlich erst mal selbst, habe auch den einen oder anderen Trick, um widerspenstige Gläser doch noch aufzukriegen. Aber es kommt auch der Punkt, an dem ich kapituliere, und mich nicht weiter anstrenge. Dann ist es schön, einen Mann in Reichweite zu haben, der das (von mir vorbereitete) Schraubglas ganz souverän öffnen kann. Meine Bewunderung und Dankbarkeit sind ihm sicher. Und welcher Mann hilft da nicht gern?

Dann gibt es noch die Konvention, Frauen den Vortritt zu lassen.
Nun ja, wenn mehrere Personen z.B. gleichzeitig durch eine Tür wollen, kann es Kollisionen geben. Da ist es durchaus sinnvoll, ein einfaches Kriterium zu haben, wer zuerst durch darf. Da hat es sich halt eingebürgert, dass Frauen zuerst gehen (außer eine Treppe hinauf, damit er ihr nicht unter den Rock schauen kann, oder in eine Gaststätte hinein, denn drinnen könnte ja eine Gefahr lauern).
Allerdings wird diese Sitte auch gerne zweckentfremdet.
Beispielsweise erinnere ich mich, dass es an der Uni häufig hieß, „Ladies first“, wenn es um die Vergabe von Terminen für Seminarvorträge ging, oder um ähnliche eher unangenehme Themen, die jeder eigentlich lieber weit hinausschieben wollte.
Die spezielle Relativitätstheorie lehrt uns, dass es keine (universelle) Gleichzeitigkeit geben kann. Folglich muss jemand den Anfang machen, und jemand den Schluss.
Beim Sex ist es jedenphalls empfehlenswert, die Frau zuerst kommen zu lassen.

Einige dieser Gesten finde ich hilfreich, andere gar nicht.

Während sich die Kommentare auf meinem Blog hauptsächlich darum drehten, wie man ein Schraubglas am einfachsten öffnet, bietet das Thema auch weiteren Stoff für Diskussionen.
Ich stelle hier einfach mal ein paar Fragen (Reihenfolge ohne Priorisierung, Nummerung dient lediglich der leichteren Referenzierung) in den Raum:

  1. Sind solche Verhaltensweisen noch zeitgemäß?
  2. Fühlen sich Männer dadurch ausgenutzt?
  3. Sollte man als Frau ein schlechtes Gewissen haben, diese kleinen Dienste in Anspruch zu nehmen?
  4. Geht man durch die (wiederholte) Annahme solcher Unterstützung eine Verpflichtung ein?
  5. Wird eine Gegenleistung erwartet, und falls ja, in welcher Form?
  6. Trotz längeren Überlegens ist mir kein Pendant, also eine kleine Gefälligkeit, die Frauen für Männer tun können, eingefallen. Gibt es da vergleichbare Gesten?
  7. Wie geht man mit Stoffeln (unhöflichen Menschen) um?
  8. Was tun, wenn einem unerwünschte Hilfe aufgedrängt wird?
  9. \satire{Warum macht das Patriarchat die Türen auch so schwer und die Schraubgläser so fest zu?}
  10. Was fällt euch sonst zum Thema ein?

Grüße aus der #aufschrei-freien Zone

Als Christian es letzte Woche hier ansprach, dass nur noch sporadisch Blogeinträge auf Geschlechterallerlei erscheinen, bot ich es an, einige ältere Posts von meinem Blog hier noch einmal quasi als Lückenfüller einzustellen.
Bevor ich jedoch mit diesem „Recycling“ beginne, ist es wohl sinnvoll, erst einmal einen Eintrag zur Vor- (und Selbstdar-)stellung zu nutzen.
Da ich schon seit mehrere Monaten häufig hier und auf Alles Evolution als breakpoint (AKA Anne Nühm) kommentiere, werden die regelmäßigen Leser mich bereits kennengelernt haben.
Ganz kurz zu meinem Background: Als diplomierte Physikerin bin ich in der IT-Branche tätig, wo ich selbständig berate sowie Software spezifiziere und entwickle. Außerdem unterstütze ich meinen Mann, indem ich die Softwareentwicklung in seiner Firma leite.

Christian beginnt seine About-Seite mit

„Irgendwie bin ich zu Geschlechterfragen gekommen.“

Dieses „Irgendwie“ amüsiert mich jedesmal wieder, wenn ich es lese.
Bei mir war es unter anderem die Tatsache, dass ich als Frau in einem „Männerberuf“ zwangsläufig immer wieder mit derartigen Themen konfrontiert wurde.
Das Problem waren dabei nicht die Männer, mit denen ich im Allgemeinen sehr gut auskomme, sondern die Frauen (natürlich nicht „alle“ Frauen, aber doch so einige), die versuchten, mich in eine Schublade zu stecken.

Insbesondere wurde ich mit zunehmendem beruflichen Erfolg immer mehr mit Feminismus konfrontiert. Immer öfter bekam ich irgendwelche Anfragen, in denen ich mehr oder weniger direkt gebeten wurde, feministische bzw. frauenfördernde Projekte zu unterstützen. Hier mal in eine Datenbank für selbständige Frauen eintragen, dort mal vor einer Gruppe Schülerinnen meinen Beruf vorstellen, an anderer Stelle Artikel schreiben oder einen Vortrag halten, wieder woanders irgendwelche reine Frauenveranstaltungen besuchen oder auf Frauenmessen ausstellen.
Früher hatte ich eigentlich gar keine konkrete, vorgefasste Meinung zum Feminismus. OK, den gab es, setzte sich scheinbar für Rechte von Frauen ein .. tja, sollen sie doch .. betrifft mich nicht, mir egal.
Aufgrund dieser Anfragen informierte ich mich dann erst einmal und recherchierte – mit der Folge, dass ich entsetzt war (und immer noch bin). Entsetzt über deren negativ verzerrtes Männerbild. Und über ihre ablehnende Einstellung zu Sex. Fassungslos über die Bevormundung anderer Frauen. Und darüber, wie sie rücksichtslos versuchen, ihre Ziele durchzusetzen. Bestürzt, wie es ihnen gelingt, Männer und Frauen gegeneinander aufzuhetzen. Und nur noch kopfschüttelnd über ihre häufig widersinnigen und inkonsistenten Argumente.

Ein weiterer Punkt, warum ich mich sehr für die hier behandelten Themen interessiere, ist dass mich das uralte Wechselspiel zwischen Mann und Frau generell fasziniert. Einerseits die körperlichen Unterschiede, andererseits aber auch die Unterschiede im Denken und Verhalten.
Wie ich erst hier gelernt habe, sind meine Ansichten dazu „biologistisch“. Aber das ist OK. Schließlich bin ich Naturwissenschaftlerin (und als solche haben für mich die Naturgesetze die höchste Autorität).

Ich begrüße es, meine Sichtweise hier einbringen zu können, und werde mich dabei immer um Aufgeschlossenheit und eine möglichst unvoreingenommene Perspektive bemühen, auch wenn ich meine empirisch abgesicherten persönlichen Überzeugungen vertrete.
Vielen Dank für euer Interesse!
Vive la différence!