Der 8. Mai als »Tag der Befreiung«

Den folgenden Text wollte ich eigentlich bei Jala Varietas als Kommentar posten – leider überschreite ich dort die Längenbegrenzung von 5.000 Zeichen. Jala argumentiert in ihrem Blogpost dafür, den 15. März (1991), das Datum des Inkrafttretens des Zwei-plus-Vier-Vertrags, als »Tag der Befreiung« zu begehen. Im folgenden möchte ich erläutern, warum der bisherige 8. Mai für mich durchaus als »Tag der Befreiung« durchgeht. Teilweise beziehe ich mich direkt auf Formulierungen ihres Blogposts.

(1) Dass Deutschland frei geworden sei, bezieht sich zunächst einmal auf die Herrschaft der Nationalsozialisten. Deutschland wurde »frei von« der Naziherrschaft. Dass es nicht frei im Sinne der Erringung seiner nationalen Souveränität wurde, trifft zu, aber das macht den Aspekt der »Freiheit von« nicht falsch oder auch nur nebensächlich.

(2) Dass es auch auf Seiten der Siegermächte Verbrechen gab, insbesondere im Zusammenhang mit der Vertreibung, ist unbestritten. Wenn die Opfer dieser Gewalttaten die Ereignisse gegen und nach Kriegsende nicht als Befreiung empfinden, dann ist ebenfalls nachvollziehbar. Im moralischen Sinne ist diese Gewalt zu verurteilen wie jede andere Gewalt auch. Historisch steht sie im Zusammenhang der von den Nazis in Gang gesetzten Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Insbesondere die Vertriebenen und viele Deutsche im Bereich der sowjetischen Besatzung haben hier – ohne eigenes Verschulden – einen Teil jener »Spielschulden« bezahlt, die die Nazis verzockt haben. Krieg weckt nicht das Beste in den Menschen, darum sollte man keinen anfangen.

(3) Die Formulierung »kein Tag der Befreiung für Deutschland oder die deutsche Bevölkerung« ist mindestens unpräzise. Wer Deutscher (gewesen) ist und wer nicht, richtet sich ja nicht danach, wer von den Nazis »als nicht zum deutschen Volke zugehörig betrachtet« wurde. Das heißt, für den überlebenden Teil der deutschen Verfolgten der Naziherrschaft war der 8. Mai darum schon rein definitorisch ein Tag der Befreiung.

(4) Das Datum des Inkrafttretens des Zwei-plus-vier-Vertrags als Befreiungsdatum zu wählen, kann ich aus mehreren Gründen nicht nachvollziehen:

(a) Zweifellos ist mit der »Wende« eine Befreiung und Befreiungserfahrung verbunden gewesen: aber doch in erster Linie im Sinne einer Befreiung der Ostdeutschen von der staatssozialistischen Diktatur. Und diese Erfahrung ist an den 9. November 1989 geknüpft. Wenn man also der »Wende« als einer Befreiung gedenken möchte, dann kommt hierfür doch eigentlich nur der 9. November in Frage.

(b) Ich als (ehemaliger) Westdeutscher frage mich, welche Freiheiten mir der Zwei-plus-vier-Vertrag verschafft hat, die ich nicht schon vorher hatte – oder nachher wie vorher nicht habe. Meine Regierung wähle ich nachher wie vorher auf dieselbe Weise. Mein Einfluss auf die Politik ist nachher wie vorher derselbe. Die Wirtschaftsordnung ist nachher wie vorher dieselbe, ich könnte höchstens über den Soli jammern. Ein paar schlaue Wessis haben aus der Abwicklung der DDR-Wirtschaft ein Bombengeschäft gemacht, aber die müssten dann wohl eher den Tag der Deutschen Einheit für die Mehrung ihrer Freiheiten feiern. Auch die deutsche Politik hat sich dadurch nicht substantiell geändert: sie ist gegenüber Ansprüchen der USA in der Regel kriecherisch – und wo sie das mal nicht war, wie bei Schröders Weigerung, sich am Irak-Krieg 2003 zu beteiligen, erforderte das politischen Mut, aber nicht den Zwei-plus-vier-Vertrag.

(5) Meine Einstellung zu den USA ist freilich komplexer, als dass sie bloß in einer Kritik des »US-Imperialismus« bestünde – darum folgt nun eine Darstellung meiner ganz persönlichen Sichtweise:

Ich bin »Wahl-Badener« – meine Eltern stammen aus dem Sauerland, ich bin in Schwaben geboren und im Raum Karlsruhe aufgewachsen. Nach der Revolution von 1848, dem ersten Versuch, in Deutschland eine Demokratie durchzusetzen, kam es in der Pfalz und in Baden 1849 noch einmal zu einer zweiten Revolution, die als Badische Revolution und als »Reichsverfassungskampagne« in die Geschichte eingegangen ist. Damals entstand das »Badische Wiegenlied«, dessen erste Strophe lautet: »Schlaf’, mein Kind, schlaf leis’, | Dort draußen geht der Preuß’, | Deinen Vater hat er umgebracht, | Deine Mutter hat er arm gemacht, | Und wer nicht schläft in guter Ruh’, | Dem drückt der Preuß’ die Augen zu.« Damals fand eine historische Weichenstellung der deutschen Geschichte statt, die auf Ausgrenzung immer weiterer Gruppen aus dem beruhte, was jeweils als »Deutschland« deklariert wurde, und die erst 1945 zu einem Ende gekommen ist.

1849 wurden die deutschen Demokraten aus der deutschen Geschichte ausgegrenzt: füsiliert an der Karlsruher Fasanengartenmauer durch die Truppen des »Kartätschenprinzen«, an Typhus gestorben in den Kasematten der Festung Rastatt und – darauf komme ich zurück – ins Exil gezwungen. Fünf Prozent der badischen Bevölkerung sind damals ins Exil gegangen – die meisten davon in die Vereinigten Staaten von Amerika. Seit damals gibt es in den USA die »Forty-Eighters«: die Emigranten der Revolution von 1848/49, die selbstverständlich nicht nur aus Baden kamen, wie der Preuße August Willich (s. u.).

Jener Zug der deutschen Geschichte, der auf Ausgrenzung von »Undeutschen« beruht, hat sich weiter fortgesetzt: im (zweiten) deutschen Kaiserreich wurden sowohl die Sozialdemokraten (»vaterlandslose Gesellen«) stigmatisiert als auch die politisch bewussten Katholiken (»Kulturkampf«, »Ultramontanismus«). Und schließlich, zum Schluss, waren dann die Juden an der Reihe, vorbereitet durch den wilhelminischen Antisemitismus, der eigentlich in Österreich-Ungarn, also Wien, entstanden war, und in Deutschland zu Treitschkes berüchtigtem Ausspruch führte: »Die Juden sind unser Unglück!«

Derweil haben viele der deutschen »Forty-Eighters« im amerikanischen Bürgerkrieg im Offiziersrang auf Seiten der Unionsarmee gekämpft, wie der ehemalige Kommandeur der badischen Revolutionstruppen Franz Sigel, Carl Schurz, Friedrich Hecker, Ludwig »Louis« Blenker, August Willich und Alexander Schimmelfennig, von den vielen Deutschstämmigen im Mannschaftsrang in den Divisionen von insbesondere Sigel und Blenker mal ganz abgesehen.

Nicht nur, aber insbesondere die Vereinigten Staaten haben den deutschen Demokraten von 1849 eine politische Heimat geboten. Und darum sind für mich die Amerikaner, die im Zweiten Weltkrieg nach Europa zurückkehrten, nicht die kulturfremde, fast schon außerirdische Besatzungsmacht, als die sie oft hingestellt werden, sondern eben auch die Enkel derjenigen, die ein Jahrhundert zuvor für Ideen aus dem Land gejagt worden sind, von deren Fehlen sich Deutschland bis 1945 nicht mehr erholt hat. Ein Jahrhundert lang hat der preußisch dominierte Machtstaat immer enger gefasst, was als »deutsch« gelten durfte – und nun wollen Leute wie Hans-Joachim Arndt, der die Vokabel von den »Besiegten von 1945« geprägt hat, und diejenigen, die ihm wie Götz Kubitschek und andere darin folgen, uns einreden, dass wir die Schwundstufe der deutschen Kultur von 1945 als Norm und Maßstab betrachten sollen. Und da mache ich nicht mit!

Und das ist nun auch mein persönliches Verständnis von Patriotismus: es ist ein demokratischer Patriotismus in Verbindung mit einem badischen Lokalpatriotismus, der sich auf eine bestimmte historische Tradition bezieht, nicht auf eine nationalstaatliche Grenze. Wer »Siegerwillkür« beklagt, sollte mit der Willkür der preußisch-deutschen Sieger von 1849 anfangen, und wer von den »Besiegten von 1945« reden will, der sollte von den »Besiegten von 1849« nicht schweigen.

Gemäß der alten Geschlechterallerlei-Tradition »Was wäre ein Blogpost ohne Musik« darf in diesem Kontext »I fights mit Sigel« nicht fehlen.

6 Kommentare zu „Der 8. Mai als »Tag der Befreiung«“

  1. Ich kann die Argumentation nachvollziehen, möchte aber folgendes zu bedenken geben: Die „Befreiung von der Naziherrschaft“ ist auch nur eine formalistische Befreiung, denn formal kann auf den 08.05.1945 durch die Kapitulation der Wehrmacht der endgültige Zusammenbruch der deutschen Staatsorgane datiert werden. Die Sicht auf diesen Tag als Tag der Befreiung unterstellt aber unterschwellig, es hätte ein klar abgrenzbare Horde von Schergen gegeben, die mit diesem Tag vertrieben worden sind. Das ist nicht der Fall. Der Haß der siegreichen Besatzer richtete sich auch nicht (ausschließlich) gegen besagte Schergen, sondern ganz allgemein gegen die Bevölkerung.

    Kurze Zeit später begann auf der einen Seite der (kluge) Versuch, dieses Gedankengut durch die Einbindung von Teilen jener Kräfte, die gerade noch für ebendieses Gedankengut gestanden hatten, in den Aufbau des Landes auszuschwitzen [no pun intented]. Die Nazis hatten also weiter durchaus führende Positionen inne, wurden aber nun ihrerseits beherrscht. Auf der anderen Seite (SBZ) begann eine andere Form des Zwangs, für den „Befreiung“ wohl nicht die richtige Vokabel ist.

    Kurz: Für mich scheint die Deutung des 08.05.1945 als „Tag der Befreiung“ insbesondere bei den aktuellen medialen Lautsprechern der Versuch einer Spaltung (im psychologischen Sinne) zu sein, die das eigene Selbst aus der Gruppe der Täter herauslösen möchte: „Denn wenn wir (die Guten) befreit worden sind, dann können wir ja nicht zur Horde der dunklen Schergen gehört haben.“ Das finde ich falsch. Für die Vergangenheit sollten wir gemeinsam die Verantwortung tragen und nicht versuchen, sie an die Bösen abzuschieben.

    Ein Königsweg könnte sein, den 08.05. zu einem stillen Feiertag zu machen. Das wäre der Ambivalenz dieses Datums sicher deutlich angemessener, als Paraden und Posen.

    1. @Werlauer:

      Die offizielle Gedenkpolitik zum 8. Mai ist noch einmal ein Thema für sich. Deine These, dass es dabei um psychologische (Ab)Spaltung geht, finde ich durchaus einleuchtend, weil es sich gut in den Trend einfügt, sich in einer »Wir sind die Guten!«-Bequemlichkeit einzuquartieren, die sich bei vielen Themen zur Geltung bringt, nicht zuletzt bei der angestrengten Dämonisierung des heutigen Russland.

      Die Einbindung der Ex-Nazis in Westdeutschland ist von der 68er-Generation natürlich anders gesehen worden. Möglicherweise war sie unter dem Gesichtspunkt politischer Stabilität klug, aber man hätte dann m. E. ausdrücklich dazu stehen sollen, anstatt dieses Personal stillschweigend wie »Leichen im Keller« zu behandeln.

      1. Ich denke, die Einbindung der Nazis in den Neuaufbau der Verwaltung hatte mehrere Aspekte, die stabilisierend wirkten:
        a) Sie hatten bereits Verwaltungserfahrung
        b) Sie waren gezwungen, sich öffentlich zurückzuhalten oder (je nach Grad des persönlichen Opportunismus) die offizielle Haltung sogar zu bestätigen. Dadurch waren sie
        b1) selbst ruhiggestellt und konnten nicht agitieren
        b2) hatten vielleicht noch andere Nazis, als Gefolgsleute, die durch ihr Vorbild ebenfalls in Richtung Demokratie gezogen wurden
        c) ersparten Kosten, weil Prozesse nicht geführt und Gefängnisseaufenthalte nicht bezahlt werden mussten, erbrachten aber eine produktive Leistung

        Dass dieses Belohnen von Überzeugungstätern einen bittern Beigeschmack hat, durfte ich in den Jahren nach ’89 am eigenen Leib erfahren. Deshalb kann ich die Haltung der ’68iger durchaus nachvollziehen. Sie ist für mich, als in dieser Sache emotional Außenstehendem, aber nur eine Seite der Medallie.

        Insgesamt ist mir die Feiertagsdiskussion zu stark von Lautsprechern getrieben, die ihre antideutsche Haltung (nicht ausschließlich auf die gleichnamige linke Gruppierung bezogen) gerne und häufig zum Ausdruck bringen, es aber nur schwer übers Herz bringen, die dunklen Flecken in der Historie des eigenen politischen Lagers zu erkennen (Stichwort „wahrer Schotte“). Ich glaube nicht an die Aufrichtigkeit ihrer Absichten. Deshalb sollten die Argumente sehr vorsichtig abgewogen werden.

  2. Dem Autor ist zu empfehlen, sich über die am Vorabend des zweiten Weltkrieges von polnischer Seite geäußerten, unverhohlenen Ankündigungen, sich die Deutschen Ostgebiete notfalls mit Gewalt einzuverleiben und die deutsche Bevölkerung zu vertreiben, zu informieren.

  3. Entschuldige erstmal, dass es jetzt etwas länger gedauert hat bis zu meiner Antwort!

    Du schreibst, dass die unter dem NS Verfolgten auf jeden Fall befreit wurden. Dem stimme ich zu, aber die Menge der Menschen, die nicht befreit worden sind (weil sie entweder selbst Nazis waren oder eben Opfer der Besatzungsmächte) ist weitaus größer.

    Dann schreibst du, dass es unabhängig davon, was danach kam auf jeden Fall ein „frei von“ ist. Der Punkt ist aber, ist ein frei von immer eine Befreiung?
    Ein Sklave, der lange Zeit geschlagen wird und irgendwann nicht mehr, ist „frei von“ Schlägen, aber doch nicht befreit.

    Warum der Tag des Inkrafttretens des zwei plus vier Vertrags als Tag der Befreiung hatte ich schon bei mir im Artikel geschrieben. Du schreibst zwar, dass du als Bürger Westdeutschlands nichts gemerkt hast, aber die Regelungen der Besatzer halten immer noch. Die deutsche Politik könnte zuvor nicht frei handeln. Und auch in Ostdeutschland begann die Befreiung zwar am 9. November 1989,aber richtig vollendet wurde sie erst mit dem entsprechenden Verfahren.

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