Gedanken zum 30. Jahrestag des antifeministischen Amoklaufs in Montréal

Am 6. Dezember 1989 betritt ein junger Kanadier namens Lépine die Polytechnische Hochschule Montréal mit dem Ziel, Frauen zu ermorden. Der schwerbewaffnete Frauenhasser platzt in eine Maschinenbau-Vorlesung und fordert alle männlichen Studenten (etwa 50) auf, den Raum zu verlassen und die weiblichen (9), sich in eine Ecke des Raumes nebeneinander zu stellen. Dann verkündet er, dass er gegen den Feminismus kämpfe und alle Frauen an der Hochschule Feministinnen seien. Die Studenten halten es erst für einen schlechten Witz. Dann fängt der Lépine an zu schießen.

Am Ende des Amoklaufs sind 14 unschuldige Frauen tot und weitere 13 Menschen verletzt. Es ist das größte mass shooting der kanadischen Geschichte. Der Attentäter selbst nimmt sich am Tatort das Leben. Aufzeichnungen des Massenmörders berichten von seiner Verachtung gegenüber Frauen in traditionellen Männerrollen (wie z.B. technischen Studiengängen) und darüber, dass er glaubt, Feministinnen hätten sein Leben ruiniert.

Der junge Mann hat eine schwierige Vergangenheit. Die Beziehung zu seinen Vater ist schwer gestört. Der gewalttätige Mann algerischer Herkunft misshandelt seinen Sohn und seine (kanadische) Frau. Auf der anderen Seite hat der Junge mit Hänseleien wegen seiner arabischen Wurzeln zu kämpfen. Schließlich zerbricht die Familie und der jugendliche Sohn verliert den Kontakt zum Vater. Er wird verhaltensauffällig und aggressiv. Mit Ausbildung und Studium tut er sich schwer.

Der Amoklauf von Montréal war mir bis dato unbekannt, obwohl es sich um ein durchaus bedeutendes historisches Ereignis handelt. Den Hinweis fand ich über die „Artikel-des-Tages“-Sparte bei Wikipedia. Mir geht es nun in diesem Beitrag nicht darum, mich, als Gegner des Feminismus, von dieser brutalen Tat zu distanzieren. Ich glaube nicht, dass Maskulisten oder Antifeministen es nötig haben, deutlich zu machen, dass sie Frauenhass und Amokläufe ablehnen und man sollte sich auch nicht auf diese Anklagebank drängen lassen. Mir gehen stattdessen andere Dinge durch den Kopf. Erstens ist bei diesem neuartigen Tätertypus, der in diesem Fall mit 1989 schon recht früh auftritt, die Fixierung auf die Ideologie des Täters (Antifeminismus, Kommunismus, Islamismus, Nationalismus) genauso oberflächlich wie die leidige Meckerei gegen Ballerspiele. Es nützt nichts, wenn man sich als Reaktion auf solche Taten gegen Gewalt an Frauen oder gegen diese oder jene Ideologie einsetzt. Die politische Ideologie ist hier nur ein dünner Vorwand und kommt bei Lépine außerdem äußerst plump daher. Die wahren Probleme heißen brüchige Familien und soziale Beziehungen, lieblose und einschränkende Erziehung bzw. Misshandlung, Vaterlosigkeit, Entmännlichung und das sinnlose Leben in einer sittenlosen Gesellschaft, die außer Konsum nicht viel zu bieten hat. Der „Joker“-Film beleuchtet solche Themen und ist genau dadurch stark und gefürchtet.

Zweitens ist mir, als ich die Berichte über den Amoklauf gelesen habe, klar geworden, dass hier die düstere feministische Fantasie vom wütenden bösen Mann, der Frauen ermordet, weil er mit der Emanzipation nicht klar kommt, für einen Tag wahr wurde. Im medial-feministischen Diskurs über den „Angry White Man“, den „Joker“, den „Maskulinisten“ und den Incels schwingt diese Fantasie immer mit. Auch wenn Feministen mit flinker Lippe und großer Reichweite Andersdenkenden „Sexismus“ und „Frauenhass“ nachsagen, sind diese oder ähnliche dunkle Fantasien immer dabei. Doch gerade das Gedenken solcher realen Geschehnisse, wie der Untat vor 30 Jahren in Montréal, könnte die Gesellschaft eigentlich daran erinnern, was echte Frauenfeindlichkeit wirklich ist, um der inflationären Ausdehnung und dem beliebigen Missbrauch des Begriffes Einhalt zu gebieten.

Autor: Jonas

Student der Geistes- und Sozialwissenschaften mit Fokus Nahost

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