Daniele Ganser in Karlsruhe

Am vergangenen Montag Abend habe ich wieder eine Vortragsveranstaltung besucht – Daniele Ganser war mit einem Vortrag zum Thema »US-Imperialismus« im Karlsruher Konzerthaus zugegen. Karten für die Veranstaltung hatten wir schon Monate im Voraus besorgt, sodass wir zentral in der zweiten Reihe saßen (die erste Reihe war für alle möglichen VIPs reserviert). Im folgenden schildere ich meine Eindrücke von Person und Vortrag, und gehe auch noch kurz auf die Handzettelverteiler vor dem Konzerthaus ein: wie auch schon beim Genderkongress in Nürnberg gab es auch hier Leute – eindeutig unter der Flagge der Antifa – die der Meinung waren, dass man diese Veranstaltung doch eigentlich besser nicht besuchen sollte.
Anders als beim Genderkongress gab es jedoch keine Protestdemonstration, sondern es blieb bei höchstens einem halben Dutzend Leuten, die das unten dokumentierte kleine Flugblatt verteilten. Die Karten hatte meine Lebensgefährtin besorgt, mir wäre der Vortragstermin womöglich entgangen. Ich kannte Gansers Gladio-Buch und Online-Auftritte zum Thema 9/11. Ich finde es aber hilfreich, wenn man sich von einer »umstrittenen« Person wie ihm einen persönlichen Eindruck verschafft.

Darauf mussten wir aber nach Veranstaltungsbeginn noch eine halbe Stunde warten, denn es gab ein »Vorprogramm«, in dem die alternative Medienplattform Free21 und das Softwareprojekt Democracy App vorgestellt wurden. Die Medienplattform ist natürlich, wie es so schön heißt, »umstritten« und hat es auch schon zu einem Artikel bei einer anderen »umstrittenen« Webseite, nämlich Psiram gebracht (dem früheren EsoWatch). Democracy App wiederum macht Bundestagsentscheidungen anhand ihrer öffentlich verfügbaren Dokumente zugänglich und ermöglicht virtuelle Abstimmungen, die in Abweichung vom Stimmverhalten der gewählten Parlamentarier das Meinungsbild der Bevölkerung abbilden soll.

Der Vortrag

Gegen 20:00 begann Gansers Vortrag. Ich hatte aufgrund des Titels zunächst befürchtet, womöglich nur allgemein gehaltene Vorwürfe an die pauschale Adresse eines »US-Imperialismus« zu hören zu bekommen. Er lieferte dann aber ein konkretes Beispiel, nämlich eine detaillierte Analyse der Ereignisse, die im Jahre 2011 in Libyen mit dem Sturz und dem Tod Gaddafis endeten. Meines Erachtens konnte er klar belegen, dass der vermeintlich spontane Aufstand gegen Gaddafi eine hauptsächlich von den USA und Großbritannien systematisch vorbereitete Regime-Change-Operation gewesen ist. Nicht, dass ich nicht ohnehin längst dieser Ansicht gewesen wäre. Es war aber beeindruckend, wie Ganser diesen Zusammenhang anhand im Prinzip öffentlich zugänglicher Nachrichten rekonstruierte, etwa über den Zeitpunkt des Einsatzes amerikanischer und britischer Spezialeinheiten deutlich vor dem eigentlichen Konfliktbeginn – Nachrichten, die man als »normaler Bürger« entweder gar nicht wahrnimmt, weil sie in Zeitungen stehen, die man halt nicht liest (ich lese weder den britischen »Mirror« noch den »Guardian«), oder die man nicht in einen Zusammenhang zu stellen vermag, weshalb man ihre Bedeutung unterschätzt.

Ganser_Pult

Und hier entfaltete Gansers Vortrag eine weitere Qualität: er vermochte es, nicht nur die Vorgänge selbst plausibel darzustellen, sondern auch die tendenziöse Art und Weise zu demonstrieren, in der sie in den meisten Medien dargestellt wurden. In kritischer Perspektive sauber recherchierte, sachlich begründete Zusammenhänge herzustellen, ist eigentlich eine Aufgabe des Journalismus. Und hier ergänzte Ganser seine Kritik einer völkerrechtswidrigen Außenpolitik führender NATO-Staaten überzeugend um eine Kritik der Medien und des Journalismus. Nicht, dass ich nicht ohnehin schon dieser Ansicht gewesen wäre. Aber es hat mich beeindruckt, wie klar und präzise der Vortragende (nein, das ist kein Gender-Sprech: »vortragend« ist, wer im betreffenden Zeitraum gerade einen Vortrag hält) das in ruhiger, ausgeglichener Tonlage dargestellt hat. Folgerichtig stellte er anschließend auch dar, wie sich dasselbe Muster in der Ukraine-Krise und im syrischen Bürgerkrieg wiederholt hat. Nicht, dass ich nicht ohnehin schon … jedenfalls weiß ich jetzt, dass es sich sehr gut anfühlen kann, die eigene Meinung live und öffentlich bestätigt zu bekommen.

Sein Leitgedanke war das Gewaltverbot der Vereinten Nationen, auf das er den ganzen Vortrag hindurch immer wieder hinwies, um es mit der Tatsache seiner regelmäßigen Verletzung zu kontrastieren.

Zum Ende der Veranstaltung hat Ganser dann noch ein paar psychologische Ratschläge gegeben, wie man vermeiden könne, sich durch allzu viele negative Nachrichten in Depressionen oder Überreiztheiten ziehen zu lassen: immer wieder mal Urlaub vom Smartphone bzw. Internet machen, zur Entspannung in die Natur gehen, und eine innere Achtsamkeit entwickeln, in der man lernt, sich zum Beobachter der eigenen Emotionen und Gedankenströme zu machen, ohne diese festhalten zu wollen: »Glauben Sie nicht alles, was Sie denken!« Auch das war praktisch identisch mit einer Einstellung, die ich selber pflege, sodass ich von diesem Abend einen nahezu rundum positiven Eindruck davongetragen habe.

Keine Kritik?

Doch. Einen grundsätzlichen Einwand kann ich Ganser nicht ersparen. Er hat zu Recht darauf hingewiesen, wie sehr unsere Wahrnehmung eines politischen Akteurs davon abhängt, ob wir ihn als »Terroristen« oder als »Freiheitskämpfer« einschätzen – und natürlich wird von solchen Zuschreibungen regelmäßig taktischer Gebrauch gemacht, des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer, ob nun in Palästina, Vietnam, Kambodscha, Kuba, Nicaragua, Afghanistan, im Kosovo oder eben in Libyen, der Ukraine oder Syrien. Von solchen Einschätzungen hängt aber auch unsere Bewertung der eingesetzten Gewalt ab. Ganser selbst hat plausibel argumentiert, dass es eine nicht immer, aber regelmäßig geübte Taktik ist, die Gewalt, zu deren Bekämpfung man sich ein politisches oder auch nur moralisches Mandat erteilen lässt, allererst provoziert zu haben, wie das beispielsweise 2014 bei den Scharfschützen auf dem Maidan der Fall gewesen ist. Was initiative und was reaktive Gewalt ist, kann sich bei näherem Hinsehen genau andersherum darstellen als zunächst angenommen. Das gilt aber stets in beide Richtungen. Wir können »imperialistische Propaganda« nicht einfach in ihr Spiegelbild verkehren, in dem wir dem staatlichen Akteur schon a priori jede Glaubwürdigkeit absprechen. So bin ich beispielsweise nicht der Ansicht, dass es sich beim Kosovo-Krieg nach der Erfahrung des Massakers von Srebrenica um nichts weiter als einen »imperialistischen Angriffskrieg« gehandelt hat. Mit geht es aber nicht so sehr darum, diese Frage jetzt hier auszudiskutieren, als darum, darauf hinzuweisen, dass eine Stellungnahme zu Gewalt immer eine, und sei es nur implizite, Güterabwägung bzw. Abwägung der Umstände darstellt.

Im Falle der Ukraine, Libyens und Syriens beispielsweise verteidigt Ganser selbst zumindest einen Teil der staatlichen bzw. Polizeigewalt als reaktive Gewalt gegen die initiative Gewalt von (fremdgesteuerten) Insurgenten. Anders formuliert: im Kontext von Gewaltdynamiken gibt es keine unschuldigen Stellungnahmen, zumal man sich nicht nur durch Handeln, sondern auch durch Unterlassen schuldig machen kann. Ich hätte mir nicht nur gewünscht, sondern erwartet, dass Ganser das ausdrücklich anspricht. Denn er stellt sich und sein Publikum ausdrücklich in den Kontext einer (»der«) Friedensbewegung, die schon immer zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik hin und her changiert hat. So geht meinem Eindruck nach am Ende ein kleines bisschen zu viel von der ethischen Ambivalenz, gleichsam der Grauzone des Themas, verloren.

Die Handzettelverteiler

Draußen vor dem Konzerthaus tatsächlich Leute vorzufinden, die mit Infozetteln gegen den Auftritt Gansers protestieren, hat mich überrascht. Dass Vertreter von Staat und Journalismus, deren schlechtes Gewissen Menschen wie Ganser verkörpern, ihn gern mit der Kampfvokabel des »Verschwörungstheoretikers« traktieren, ist meines Erachtens schlicht erwartbar. Was aber eine antifaschistische und antiimperialistische Linke an ihm auszussetzen hat, war mir nicht unmittelbar einsichtig. Aus dem verteilten Flugblättchen ging es dann freilich hervor:

GrauzoneGanserRedux

»Genau diese perfide Taktik, vorgeblich nur Fragen zu stellen und Ungereimtheiten aufzuzeigen, sorgt dafür, dass Ganser ein breites Publikum in verschwörungsideologischen und antisemitischen Kreisen findet. Diese Grauzone zwischen vermeintlicher Wissenschaft und Verschwörungstheorie sorgt dafür, dass Ganser immer wieder Auftritte bei rechten Medien und Veranstaltungen bekommt.«

Kontaktschuld also. Ganser redet mit den »falschen« Leuten. Nur: worin bestanden die »perfide Taktik« und »seine Fehlanalyse der durchaus kritikwürdigen Politik imperialistischer Staaten«? Ganser hat nicht »nur Fragen gestellt«, er hat ziemlich gut begründete Antworten gegeben. Und eine »Fehlanalyse« war das meiner Ansicht nach ebenfalls nicht. Aber so ist das nun mal, wenn man den Inhalt eines Vortrag nicht kennt, weil man ihn erst nicht hören will, und seine Vorwürfe ganz unkonkret vorab auf Vermutungen und Unterstellungen bauen muss. Und ob ich Gansers Analyse für eine »Fehlanalyse« halte, entscheide ich erstens selbst und zweitens, nachdem ich seine Argumente gehört habe, nicht vorab und auf den Zuruf eines kleinen Antifa-Zettelchens hin.

Und überhaupt: was mache ich denn, wenn böse Menschen gute Argumente haben? Dann entsteht etwas, was diese Leute von der Antifa fürchten wie der Teufel das Weihwasser: eine Zone der Ambiguität, eine Grauzone! Darin verwischen die Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, Rechts und Links, Faschist und Nicht-Faschist, Recht und Unrecht. Und dies wiederum bedroht jedes Weltbild, das auf einem Fundament der Selbstgerechtigkeit errichtet wurde, denn Selbstgerechtigkeit funktioniert nur mit fraglosen Eindeutigkeiten.

Und darum mögen auch die Leute vom Offenen Antifaschistischen Treffen Karlsruhe keine Mitmenschen, die selbständig denken und urteilen. Denn sie treten offenkundig mit dem Anspruch auf: »Wer Nazi ist, bestimmen wir!« Wenn nun aber andere Menschen hergehen und selber entscheiden, wen sie für »rechts« und für »Nazi« halten, dann bedroht das nicht nur das eindeutige Weltbild dieser Antifaschisten, sondern auch die von ihnen in Anspruch genommene Deutungshoheit. Denn sie wünschen die Bürger autoritativ darüber zu belehren, wer für einen Faschisten zu halten ist.

Das haben sie mit vielen Wikipedia-Autoren und militanten »Rationalisten« wie denen von Psiram gemeinsam: sie sind Vertreter einer Akademikerklasse, die sich viel zu oft nicht nur auf narzisstische Weise in ihre eigene Bildung verliebt haben, sondern auch in das, was Pierre Bourdieu das »autorisierte Sprechen« nennt: die Macht, »die Wahrheit« zu verkünden aufgrund einer Autorität, die eine gesellschaftliche Institution ihnen verliehen hat. Und darum ist ihr eigener inhaltlicher Aufklärungsanspruch, dem sie mal besser und mal schlechter gerecht werden, oft genug und mittlerweile viel zu oft nicht mehr von der bloßen selbstverliebten Arroganz einer Bildungselite unterscheidbar, die einen ungebildeten Pöbel verachtet – gleichsam lauter verhinderte Professoren an digitalen Surrogat-Kathedern, die einen Kulturkampf gegen alles führen, was sie für irrational halten.

Ich räume gerne ein, dass »selber denken« – sapere aude! – ein riskantes Unternehmen ist, denn es führt manche Leute auch dahin, selbst nach reiflicher Erwägung »Iron Sky« für eine ARTE-Dokumentation zu halten – und dennoch ist dieses Prinzip der immer noch gültige und unverzichtbare Kern der modernen Aufklärung. Wir haben nicht das Recht, unter Vormundschaft zu stellen, wen wir mit Argumenten nicht überzeugen können.

13 Kommentare zu „Daniele Ganser in Karlsruhe“

  1. Was Du zur Antifa geschrieben hast, finde ich total in Ordnung, also ich kann ich vollumfänglich unterschrieben.
    Zu Ganser selbst: Ich habe ihn selbst noch nie live gesehen, aber habe mir doch schon ein paar Vorträge und Interviews mit ihm auf Youtube angeschaut. Bekannt wurde er ja vor allem auch durch KenFM, der ihn immer wieder interviewt hat und auch auf den Nachdenkseiten wurde er ab und zu gebracht.
    Ich selbst fand seine Vorträge und Interviews nicht nur überzeugend. Das mag ev. auch an seiner Art liegen, die m.E. schon auch „charismatisch“ daherkommt und wo ich doch den Eindruck hatte, er will nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch durch seine Rhetorik.
    Deshalb: Ich orientiere mich, wenn es um den Nahen und Mittleren Osten geht, vor allem an Michael Lüders. Ich denke, Michael Lüders und Daniele Ganser sind inhaltlich gar nicht mal so weit voneinander entfernt. Aber Michael Lüders finde ich halt doch fundierter und seriöser als Ganser. Obwohl auch Lüders Thesen vertritt, die vielfach dem Mainstream entgegenlaufen, hat er es doch immer geschafft, dass er von den sogenannten „seriösen“ Leitmedien nicht ignoriert werden kann; im Gegensatz zu Daniele Ganser.
    Schau Dir doch mal Videos von Michael Lüders und Daniele Ganser an und vergleiche mal.

    1. @Mark Smith:

      Vielen Dank für den Link! Dem Namen nach kenne ich Michael Lüders schon, kann aber nicht mehr so recht zuordnen, was ich möglicherweise von ihm gelesen oder gesehen habe. Ich habe ja angedeutet, dass Ganser mir im Wesentlichen nichts Neues sagt, möglicherweise war Lüders sogar bei meinen Quellen dabei, ohne dass ich mich genau erinnere. Und ja, Lüders macht schon einen anderen, auch seriöseren, Eindruck als Ganser.

      Die Bezeichnung »charismatisch« finde ich sehr treffend, er hat ein Sendungsbewußtsein und dadurch etwas von einem Prediger – er ist auf eine Weise innerlich unangreifbar, die ihn keine Berührungsängste mit Leuten wie Elsässer haben lässt, bei der man aber auch aufpassen muss, dass sie nicht in Ignoranz von Kritik umschlägt. Insofern ist mir der Mann tatsächlich ein kleines bißchen zu glatt.

    2. Der Vortrag von Lüders ist sehr informativ und Lüders ist eine interessante Stimme bei dem Thema. Bei seiner Bewertung des Syrienkonfliktes leistet er sich aber ein paar Ungereimtheiten. Seine Behauptung z.B., dass die Türkei im Konflikt die Seiten gewechselt hat und sich mit den Russen und Iranern zusammengetan hat, schien zwar 2018 (wo das Video veröffentlicht wurde) zeitweise zuzutreffen, hat sich aber in den letzten Monaten definitiv als falsch herausgestellt. Die Türkei steht nach wie vor fest auf der Seite der sunnitischen Rebellen. Der ganze Kurdenaspekt wird bei Lüders außen vor gelassen, weil sich dies nicht in die Theorie einfügt, dass die Westmächte Assad stürzen wollen, wie ich in dem langen Kommentar unten schon erläutere.

      Lüders Bewertung der syrischen Bevölkerung als ländlich, quasi-feudal und mit schwacher Mittelschicht, in der es wegen den Clanstrukturen wenig politische Organisation gibt, teile ich nicht. Syrien hatte sehr wohl eine starke Mittelschicht – nämlich genau die Menschen, die jetzt in Deutschland sind. Politische Organisationen und Parteien gibt es dort schon lange im größeren Ausmaß. Syrien ist nicht Jemen oder Afghanistan, sondern ein ehemals recht wohlhabenes bürgerlich/ländlich-geprägtes Land. Industrie und Proletariat gibt es zwar wenig, dafür aber eine breite Schicht von Kleinbürgern mit Familienbetrieben (Kaufleute, Handwerker, Dienstleister), insbesondere im Westen des Landes.
      Etwas merkwürdig finde ich auch Lüders Einschätzung über die syrischen Bodenschätze. Syrien verfügt eigentlich schon über reiche Öl- und Gasvorkommen im Nordosten. Staatsapparat und Assad-Regime finanzierten sich-soweit ich weiß – komplett daraus, denn in Syrien gab es keine Steuern.

  2. Guter Artikel, aber bei Off-Topic-Beiträgen würde ich dich bitten, einen Bezug zum Thema des Blogs herzustellen. Der ist in diesem Fall nicht unmittebar gegeben, aber ich kann mir natürlich schon denken, wo du den Zusammenhang siehst: Die Verleumdung von Andersdenkenden durch selbstgerechte Medienmacher und linke Aktivisten. Schon klar, aber warum scheibst du es nicht auch?

    Als Kenner des Nahen Ostens muss ich leider trotzdem meinen Senf zum Thema dazugeben:

    „Meines Erachtens konnte er klar belegen, dass der vermeintlich spontane Aufstand gegen Gaddafi eine hauptsächlich von den USA und Großbritannien systematisch vorbereitete Regime-Change-Operation gewesen ist.

    Folgerichtig stellte er anschließend auch dar, wie sich dasselbe Muster in der Ukraine-Krise und im syrischen Bürgerkrieg wiederholt hat.“

    Die Einmischung westlicher Staaten in Libyen und Syrien ist natürlich unbestritten. Sowohl das Gaddafi- als auch das Assad-Regime sind bzw. waren für den Westen problematische Partner, so dass man im Zuge des Arabischen Frühings die Aufstandsbewegungen unterstützt hat, wenn auch im Falle Syriens nicht konsequent. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aufstände sowohl in Libyen als auch in Syrien durchaus eine starke Basis im Volk haben bzw. hatten und von innen heraus entstanden sind. Besonders für Syrien kann ich dir versichern, dass das Regime in großen Teilen der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung verhasst ist und das übrigens auch nicht erst seit 2011, sondern schon seit den 80er Jahren. Der Aufstand in Syrien war eine Frage der Zeit und hat nur solange auf sich warten lassen, weil das Assad-Regime die Opposition mit teils maximaler Brutalität und effizienter Geheimpolizei unterdrückt hat – eben weil sie genau gewusst haben welches Potenzial zur Rebellion es gab. Der syrische Aufstand 2011 wurde von den Westmächten definitiv nicht angezettelt. Warum? Ganz einfach: Hätten Sie den Aufstand angezettelt, hätten sie die Rebellen danach im Rahmen ihrer „Regime-Change-Operation“ ja konsequent unterstützen müssen, wie es in Libyen geschehen ist. Haben sie aber nicht. Es gab zwar am Anfang Waffenlieferungen, aber kein entschiedenes Eingreifen für die Rebellen. Der Westen, bzw. der NATO-Partner Türkei hätte, wenn man es denn wirklich gewollt hätte und den Konflikt mit Russland und Iran nicht gescheut hätte, große Teile des sunnitischen Syriens (nämlich all jene Teile in denen FSA und al-Nusra stark waren) unter seine Kontrolle bringen können. Diese große strategische Chance wurde jedoch nicht, bzw. nur sehr zögerlich genutzt. Man hat Russland und Iran das Feld überlassen und stattdessen wurden mit einigen Jahren Verzögerung dann in einer kopflosen Plan-B-Aktion kurdische Milizen unterstützt (die mit der syrischen Aufstandsbewegung nie verbündet waren!), was in mehrerlei Hinsicht kontraproduktiv war und sich vor allem mit der vorangegangenden Politik der Unterstützung der sunnitischen Rebellen, und damit auch der Regime-Change-Theorie, widerspricht. Im Falle des syrischen Aufstandes von einem Regime-Change, gar von einem „systematischen“, durch GB und USA zu sprechen ist daher meiner Einschätzung nach falsch. Ich würde es eher planlose, zögerliche und widersprüchliche Chaos-Förderung nennen, die von der Schnapsidee getragen wurde, dass die Kurden sich schon irgendwie mit der Türkei und den Rebellen vertragen werden um die Widersprüche der westlichen Politik zu überbrücken. Als der IS dann besiegt war, platzte dieser Traum. Dass Trump diese Aktion dann abgebrochen hat, tut mir für die Kurden zwar Leid, war aber durchaus die richtige Entscheidung.

    In Libyen könnte die Situation eine etwas andere sein, denn wie verbreitet der Hass auf das Regime in diesem Land vor 2011 war, kann ich nicht sicher beurteilen. Die Theorie eines vom Westen inszenierten Aufstandes ist aber auch hier aus strategischer Sicht unglaubwürdig. Gaddafi war zwar kein Freund des Westens, praktisch aber ein Partner. Die Zeiten, wo Gaddafi ein antiwestlicher Paria und Unruhestifter war, den man am liebsten beseitigt hätte, waren 2011 schon Jahrzehnte vorbei. Strategisch machte für den Westen daher ein vorbereiteter Sturz des Gaddafi-Regimes wenig Sinn. Dies hätte nur unabwägbare Risiken mit sich gebracht, wie man am Verlauf des Bürgerkriegs ja erkennen kann. Viel naheliegender ist daher auch hier, dass im Zuge des Aufstandes richtigerweise erkannt wurde, dass Gaddafi als Partner nicht mehr haltbar ist und man dort neue Verbündete braucht. Diese hat man dann bei den Rebellen gefunden, die dann auch konsequent unterstützt wurden, weil hier Russland und Iran nicht im Weg standen.

    „etwa über den Zeitpunkt des Einsatzes amerikanischer und britischer Spezialeinheiten deutlich vor dem eigentlichen Konfliktbeginn“

    Mag sein, muss aber nicht viel bedeuten. USA und GB sind mit Sicherheit nicht die einzigen, die in einer aufgeheizten politischen Situation irgendwelche Leute in fragile Länder schicken, auch wenn noch keine Kämpfe ausgebrochen sind. Ich kenne diese Berichte nicht, aber ich vermute, es handelt sich hier ganz einfach darum, schon mal für den Fall der Fälle, Einheiten vor Ort zu haben. Diese Einheiten können dann zum Einsatz kommen oder auch nicht und sie können gegen die eine Seite vorgehen oder gegen die andere, je nachdem wie sich die Lage entwickelt. Einen von langer Hand geplanten Auftrag müssen sie nicht haben.

    Allgemein gilt meiner Einschätzung nach: Die Zeiten, wo CIA-Agenten mit Sonnenbrillen im Bondmobil durch den Nahen Osten cruisen und nach Belieben Regime absetzen und installieren, wie beim Putsch gegen Mossadegh 1953, sind lange vorbei. Dieser altmodischen Fantasie scheint mir dieser Herr Ganser anzuhängen. Die selbstbewussten Regionalmächte Türkei, Saudi-Arabien, Katar, VAE, Iran und die Kurden haben aber das Sagen und Bündnispartner wie Türkei oder Saudi-Arabien sind keineswegs willfährige Vollstrecker der Amis. Die Westmächte sind, besonders in Syrien, eher in der Zuschauerrolle bzw. vorallem in der defensiven und reagierenden Rolle.

    1. @Jonas:

      P.S.: Stimmt, hier das ist off-topic. Ich denke auch ernsthaft darüber nach, ob ich nicht zum nächsten Jahr einen eigenen Blog unter Klarnamen aufmachen soll, denn eigentlich habe ich gar keine Lust, das gesondert zu rechtfertigen.

  3. Irgendwie sind diese sog. „Linken“ seit geraumer Zeit nur noch im Diffamierungsmodus. Fällt das nur mir auf, dass die nichts mehr eigenes anzubieten haben und nur noch andere anschwärzen können? Inhaltliche Auseinandersetzung Fehlanzeige, stattdessen mit Halbwahrheiten diffamieren. Ich finde das zunehmend nur noch abstoßend.

    1. @aranxo:

      Ich denke, die haben tatsächlich keine andere Antwort auf die Konjunktur der Rechten als die Ermahnung des Petrus: »Dem widerstehet, fest im Glauben, und wisset, daß ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.« (Sarkasmus off) Also keine konstruktive Antwort, sondern nur die Geste des »Haltung zeigen«. Ein echter »basket of deplorables«.

      Das ist die »Moralfalle«, von der Stegemann spricht, und in der m. E. auch die Grünen feststecken, bislang noch, ohne einen Preis dafür zu zahlen. Da fehlt das Bewusstsein, dass man Werte und Moral argumentativ verteidigen muss, was eben auch impliziert: die Möglichkeit ihrer Ablehnung einzubeziehen. Aber genau das können sie genauso wenig wie die Feministinnen: die bloße Möglichkeit der Infragestellung wird als Ketzerei betrachtet.

  4. @Jonas:

    Danke für die differenzierte Darstellung! Da fällt mir nämlich auf, dass Ganser tatsächlich einen wesentlichen Kontext weggelassen hat, nämlich den Arabischen Frühling! Der ist ja damals in Tunesien gestartet mit diesem Selbstmord-aus-Protest, insofern ist es schon sehr einseitig, wenn man den Fokus nur auf die externe Intervention legt, Ganser hat das im Vortrag tatsächlich mit keinem Wort erwähnt. Ganser ist auch ein ökonomisch sehr erfolgreicher Autor, ich habe schon auch den Eindruck, dass er seine Bücher so schreibt, dass sie Publikumserwartungen bedienen. Jedenfalls werde ich mir sein für 2020 angekündigtes Buch eher nicht zulegen (lieber eins von Lüders), weil ich eigentlich schon weiß, was drinstehen wird.

    Ein bißchen erinnert er mich tatsächlich – Stichwort »charismatisch« – an Erich von Däniken, den ich früher öfter mal live gesehen habe. Natürlich ist das inhaltlich nicht gleichzusetzen, aber beide sind sich nicht unähnlich in der Art, wie sie den Bühnen-Zampano geben. Rückblickend wird mir klar, dass ich Ganser wesentlich auch unter dem Unterhaltungsaspekt genossen habe – m. E. ein legitimer Mehrwert bei einem Live-Auftritt. 🙂

    1. Der hat den Arabischen Frühling nicht erwähnt?! Au Mann, das ist dann schon echt verdammt einseitig. Dass die jubelnde Berichterstattung der Medien über den Arabischen Frühling kritisch gesehen wird und viele skeptisch gemacht hat, ist ja das eine. Aber das einfach unter den Tisch fallen lassen, ist Realitätsverleugnung.

  5. Ganser ist kein Nazi, aber ein Bullshitter…also einer der nicht selber lügt, sondern einer der bullshit Informationen verbreitet, in dem er wesentliche Sachverhalte unterschlägt, anpasst, verdreht oder herbei fabuliert.

    Zum einen die Ausführungen von jonas, zum anderen seine Behandlung von 9/11, durch die er sich den komischen Ruf erst erarbeitet hat. Ich hatte mal versucht, herauszubekommen warum die Bezeichnung Verschwörungstheoretiker in wikipedia bei seinem Namen so hart verteidigt wird und bin auf seine Darstellung von 9/11 gestossen worden (steht bei den pösen psiram ubrigens auch so), wo er so eine super kurze Sequenz vom Einsturz des WTC7 zeigt und fragt, „Sprengung oder Einsturz“ und dass er ja nur fragen stellen würde und seit 12 jahren daran am forschen wäre…nur Forschungsergebnisse gab’s keine..nie. Was es dagegen vielfach gibt, sind Widerlegungen der Sprengungsthese, aber auf all die fragen dieser leute geht Ganser nicht ein. Er hatte sich dann auch ganz lange von dem Thema abgewendet, weil es so wohl seinen Ruf zerstört hätte. Jetzt letztens soll er sich aber dahingehend geäußert haben, er sei sich nun sicher, dass das Gebäude gesprengt worden sei. Die Begründung – angeblich ein neues Gutachten aus Kanada – ist lediglich ein funf jahre alter Entwurf, bei dem such der federführende Professor auch noch verrechnet haben soll . lachhaft

    15 jahre „Forschung“ ohne ein Ergebnis und zusammen gereimte Abläufe bei den Vorgängen im nahen Osten reichen auf jeden fall aus, ihn Verschwörungstheoretiker zu nennen. Zu weiteren Forschungen hat er neben seinen Auftritten scheinbar auch kaum Zeit. Viel „Friedensarbeit“ hat er mWn
    mit seiner Friede Freude Agentur auch noch nicht geleistet – eher im Gegenteil, spaltet er doch offensichtlich die Bürger in zwei lager, lasst sie gegeneinander laufen und setzt sich als feist lachender Dritter hin, um dabei zuzuschauen

    1. @schleifmatt:

      »15 jahre „Forschung“ ohne ein Ergebnis und zusammen gereimte Abläufe bei den Vorgängen im nahen Osten reichen auf jeden fall aus, ihn Verschwörungstheoretiker zu nennen.«

      Dem kann ich jetzt aus mehreren Gründen nicht folgen:

      (1) Das Problem an Gansers Darstellung sehe ich nicht darin, dass er sich Abläufe »zusammenreimt«, denn das machen auch andere, etwa Michael Lüders bei »ARTE«. Dass Ganser den Kontext des Arabischen Frühlings unterschlägt, ist in der Sache kein Argument gegen eine westliche Intervention. Mich ärgert vielmehr, dass er mit seinem Weglassen von Kontext einen Bedarf nach simplen Schwarz-Weiß-Modellen bedient und genau dafür vom Publikum geliebt wird.

      (2) Dass jemand »Verschwörungstheoretiker« genannt wird, bedeutet leider rein gar nichts, denn die Vokabel ist zu einem Kampfbegriff degeneriert. Es kann meines Erachtens immer nur um die Frage gehen, ob ich mit einer guten oder einer schlechten Veschwörungstheorie konfrontiert bin. Es galt beispielsweise jahrzehntelang als Verschwörungstheorie, zu behaupten, Uwe Barschel sei ermordet worden, heute spricht das meiste dafür.

      (3) Das Thema »9/11« ist leider vollständig vergiftet, und es lässt sich nicht darüber diskutieren, ohne sich auf eine von zwei Seiten einer öffentlichen Bewusstseinsspaltung, einer echten kulturellen Schizophrenie zu schlagen, zwischen denen eine Vermittlung bis auf weiteres ausgeschlossen ist. Die Standpunkte polarisieren sich zwischen »Darf nicht sein, weil antiamerikanisch, alles Aluhut-Träger!« und »Alles zweifelsfrei erwiesen – wir stürzen das System!«

      Ganser wäre für mich sicher nicht die Anlaufstelle der ersten Wahl, da ist er nur einer von vielen, der auch was zum Thema sagt. Aber wenn ich auf der anderen Seite einen »rationalen« Blogpost wie den von Holm Hümmler von der GWUP lese, wird mir ebenfalls schlecht, so viel Agenda-Setting, tendenziöse Wortwahl und eigene willkürliche Spekulation vermengt er mit der eigentlichen Sachdiskussion.

      1. Ja sicher, die Leute, die dauernd mit dem Wort Verschwörungstheoretiker um sich werfen, sind natürlich genauso durchgedreht. Das war ja überhaupt erst der Grund, warum ich mal etwas tiefer recherchiert hab – ich fand den Eintrag bei Ganser auch unangemessen.

        Und ich finde es perfide, wie er die Leute bzgl 9/11 getäuscht hat, weil er die Zusammenhänge sehr wohl kennt. Ich gehe davon aus – Verschwörungstheorie entwickel 😜 – dass die Linie mit kenfm abgesprochen ist, die ja denselben bullshit weiter verzapfen. Du musst dir mal ansehen, wie man da attackiert wird, wenn man dem Kanon nicht zustimmt. Und sie bedienen ihre Klientel.
        Ich bin gegen jede Form von Einschränkung der Redefreiheit aber die sind doch total aufgehetzt und das wäre nicht nötig gewesen… vielleicht klingelt aber der Geldbeutel davon, ich weiß es nicht.

        Also es ist ja nicht so als hätten Ganser&Co sich nicht auch kräftig Mühe gegeben, bei psiram gelistet zu werden.

        Denn 9/11 ist, ehrlich betrachtet, kein Buch mit sieben Siegeln… zumindest was den Einsturz von wtc7 angeht. Sicher kann man ggf an anderen Stellen grobe Ungereimtheiten finden, aber an diesem Einsturz beissen sich ja immer alle fest, als wäre das der ultimative Nachweis, dass „da was nicht stimmte“.
        Das ist er aber nicht, weil er in Wahrheit nicht von einer Sprengung zu unterscheiden ist. Hält man sich das offen und fragt Fragen, die Ganser nicht gefragt und nicht beantwortet hat, zeigt sich schnell die Realitätsferne der Sprengungsthese: wie soll man berechnen, dass große Teile aus Wtc1 im Gebäude 7 landen, ohne Sprengladungen zu zerstören – ganz abgesehen von den anschließenden Feuern. Weiterhin fragt sich,warum die Sprengung acht Stunden warten musste, aber viel wichtiger sind die zahlreichen Aufnahmen New Yorker Feuerwehrleute, die in die Kameras gesagt haben, dass sie das Gebäude wtc7 aufgegeben hätten und nun nur noch auf dessen Zusammenbruch warten würden. Das war übrigens auch die Informationsquelle der bbc, die den Einsturz dadurch verfrüht melden konnte.

        Da is nix strittig… eigentlich nicht. Und nochmal: die wissen das alle ganz genau! Wenn man seinen Ruf behalten will, sollte man doch wenigstens auch alle Argumente gegeneinander stellen. Bei allem Mitgefühl aber den Ruf haben die sich selber eingebrockt.

        PS danke für den link, werd ich mir ansehen, war jetzt auf den ersten Blick aber zu viel, um mich dazu äussern zu können
        cheers

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