#Kuchler : Warum Gleichstellung und Lipgloss eben nicht zusammengehen

Heute verlinkte Genderama einen Artikel über den evangelischen Kirchentag, auf dem die Soziologin Barbara Kuchler forderte, dass Frauen und Männer gleiche Kleidung tragen sollten, bzw. Frauen aufhören sollten, sich schön zu machen, weil sie sich sonst irgendwie selbst unterdrücken. Außerdem hätten sie eine gewisse Mitverantwortung für „sexuelle Belästigung“, wenn sie sich betont sexy kleiden.
Kuchler hat das vor zwei Jahren schon in einem ausführlichen ZEIT-Artikel erläutert. Der Artikel, den ich damals schon kurz kommentiert habe, strotzte von autoritären Verbots- und Regulierungsforderungen. Kuchler ging so weit zu fordern, dass die Schule Mädchen dazu zwingen sollte, sich genauso zu bedecken wie Jungen und der Staat der Modeindustrie vorschreiben soll, was sie zu verkaufen hat und was nicht.

Absolut irre? Klar. Aber damit ist die Sache längst nicht erledigt. Kuchlers Version des Feminismus ist frauenverachtender und sexfeindlicher als die Taliban, doch dahinter steckt in dem Fall nicht nur der übliche Gender-Gaga und prüde Moralfuror, sondern in erster Linie ein sehr kluger Gedanke, den ich auch für Phänomene wie Metoo sehr erhellend finde. Kuchlers radikalfeministische Kritik lässt eine große Illusion platzen, die sich viele moderne Frauen, insbesondere jüngere (Mainstream-)Feministinnen, machen, bzw. die ihnen von der Gesellschaft (Erziehung, Schule, Medien) gemacht wird: Nämlich die Illusion der Vereinbarkeit der klassischen weiblichen Tugend der Schönheit bzw. erotischen Verfügbarkeit mit der sozialen Gleichstellung mit dem Mann. Kuchler sagt ganz geradeaus: Frauen können nicht beides zu 100% haben. Ihr ZEIT-Artikel ist daher sehr lesenswert, weil die Argumentation erfrischenderweise viel ehrlicher ist, als dies im Feminismus normalerweise der Fall ist. Kuchler kennt keine political correctness und allein das sollte man ihr schon anrechnen. Der Artikel stammt noch aus der #metoo-Hochsaison und stellte mit Abstand den intelligentesten und gleichzeitig wahnsinnigsten feministischen Beitrag dar, den ich gelesen habe und hätte viel breiter rezipiert werden müssen. Ein paar Zitate aus dem ZEIT-Gastbeitrag und dem aktuellen Artikel beim Deutschlandfunk:

Und noch eine Warnung an die weiblich-selbstbewussten Frauen, die jetzt sagen: „Ich kann beides, Leistung bringen und gut aussehen, und wer denkt, dass sich das ausschließt, ist Opfer seiner Vorurteile.“ Im besten Fall läuft das auf eine Doppelbelastung von Frauen hinaus, wie wir sie am Punkt „Kinder und Karriere“ schon kennen und fürchten gelernt haben: Es lässt sich eben nicht einfach problemlos beides nebeneinander machen, sondern wer beides macht, bezahlt mit einem insgesamt gesteigerten Stresslevel. Dieselbe Doppelbelastungsgefahr droht auch in puncto „Karriere und Gutaussehen“.

und

Wenn Frauen sich schminkten, die Augenbrauen zupften und enge Kleidung trugen, müssten sie sich nicht wundern, „wenn sie angesehen werden und es zu Grabschereien kommt“, sagte die Wissenschaftlerin von der Universität Bielefeld. Dass Männer einen Minirock auf eine bestimmte Art wahrnehmen, könne ihnen nicht verübelt werden. Natürlich müssten Männer „ihre Hände in Griff haben“, führte Kuchler aus. Es sei aber „soziologische Augenwischerei“, wenn eine Frau verlange, nur nach ihrer Leistung beurteilt zu werden, wenn sie aufgestylt ins Büro komme.

Das Wort „Augenwischerei“ passt in dem Zusammenhang recht gut. Man könnte aber noch weiter gehen und von „Heuchelei“ reden.

Zu sagen, dass Frauen es „für sich selbst tun“, ist aber naiv. […] Wer gut aussehen will, will für andere gut aussehen, er will von anderen gesehen und in seinem Aussehen goutiert werden. „Für sich selbst gut aussehen“ zu wollen, ist daher ein Widerspruch in sich.

Ich kann ihr in all dem nur zustimmen und würde noch hinzufügen: Weibliche Schönheit besteht im Kern eben gerade darin, sich – wie Jordan Peterson formulieren würde – als reife Frucht zu präsentieren, die von einem (würdigen) Mann geerntet werden will. Weibliche Erotik ist also passiv und männliche aktiv. Genau diese Passivität ist mit einer souveränen und aktiven ökonomischen oder politischen Rolle unvereinbar und wirkt hemmend. Und man sollte nun übrigens nicht glauben, dass die Erotik doch nur eine Angelegenheit des Schlafzimmers ist und im Berufsleben ja trotz Hotpants, Ausschnitt und tiny Handtäschchen alles ganz nüchtern ablaufen könnte. So funktioniert die menschliche Psyche nicht, weder die männliche noch die weibliche. Ich glaube, genau das hat Kuchler erkannt und genau diese Erkenntnis ist für den Mainstreamfeminismus, der predigt, dass eine Frau alles könne, was sie will; Topmodel, Mutter und Managerin gleichzeitig, äußerst unbequem.

Kuchlers Schlussfolgerung aus ihrer richtigen und radikal ehrlichen Analyse ist nun aber leider nicht, dass man vielleicht Frauen und Männer einfach so sein lassen kann wie sie eben gerne und freiwillig sind. Nein, weit gefehlt! Geschlechterrollen – gar natürlich bedingte – sind schlimmes sexistisches Satanswerk und müssen vernichtet werden! Und das bedeutet für Kuchler, wie für die meisten Feministen auch, dass sich die Frau an der klassischen Männerrolle zu orientieren hat. So kommt sie zu der, im Sinne ihrer Prämisse konsequenten und richtigen Schlussfolgerung, dass man Frauen daran hindern muss, sich schön zu machen. Am besten geht das natürlich (wie auch sonst) mit staatlicher Zwangsumerziehung. Es ist wie bei Marx: gute Analyse, falsche Prämisse und verheerende Schlussfolgerung.

Kuchler wird auch bei Twitter unter #Kuchler verrissen, durchaus auch aus guten Gründen. Doch anstatt sich wirklich mit ihrer politisch unkorrekten Theorie auseinander zu setzen oder gegen ihren Regulierungswahn zu argumentieren, wird sich natürlich vor allem darüber aufgeregt, dass Kuchler darauf hinweist, dass Frauen, die sich durch Kleidung als sexuell verfügbar zeigen, auch entsprechend behandelt werden.

Autor: Jonas

Student der Geistes- und Sozialwissenschaften mit Fokus Nahost

6 Kommentare zu „#Kuchler : Warum Gleichstellung und Lipgloss eben nicht zusammengehen“

  1. Als gut aussehender Mann war ich zeitlebens mit meinem Outfit und meiner Garderobe beschäftigt. Beides war mir nie ein Disstress in meinem erfahrungsreichen Leben, sondern immer ein mein Gemüt befriedender Eustress. Auch privat pflege ich es, gut gewandet zu sein, er ist eine narzisstische Freude, die ich mir in meinen vier Wänden gönne.

    Lästig und wiederkehrender Anlass für Disstress war hingegen die Aufmerksamkeit von Frauen, die meinten, meine Putz und Pracht gälte ihnen. Sie konnten und wollten es nicht verstehen, dass mich ihre Läufigkeit nicht tangierte.

  2. Die Indikation von sexueller Verfügbarkeit einer Frau durch ihre Kleidung entsteht ausschließlich im Kopf der Männer. Wenn Frauen aktiv den Sex suchen, dann machen sie das unabhängig von ihrer Kleidung anders deutlich.

    Eine Ausnahme stellt höchstens die zielgerichtete passive Ansprache einer Frau an einen bestimmten Mann dar. Dann macht sie sich vorher kundig auf was er so vom Erscheinungsbild her steht und präsentiert ihm genau das. Beziehungsweise etwas pauschaler dann im horizontalen Gewerbe, wobei dies dann eine zielgerichtete passive Ansprache einer Frau an einen unbestimmten Mann darstellt.

    Daher ist der Shitstorm gegen die steile These von Frau Kuchler berechtigt.

    Ein dagegen seriöser Kritikpunkt von ihr ist, dass Frauen sich oftmals viel zu sehr auf die ständigen Beauty Contests ihrer Peer-Groups fixieren und daher andere Optionen der eigenen Lebensgestaltung außer acht lassen oder vernachlässigen.

    Da ist oftmals das Phänomen der Singlefrau zu beobachten, die ihre wache Zeit drittelt in Arbeit (um Geld zu verdienen), Fashion/Beauty/Fitness-Shopping und das letzte Drittel dann Interagieren in der weiblichen Peer-Group um sich und die Ergebnisse des eigenen Shopping-Trips am eigenen Körper zu präsentieren (und um Konkurrentinnen mit Klatsch, Tratsch und übler Nachrede psychisch zu beschädigen oder zu vernichten).

    Das ist auch der Grund, warum selbst kinderlose Single-Frauen bevorzugt Teilzeit arbeiten: Gift gegen andere Frauen verspritzen geht nur begrenzt und auch nur flankierend per Whatsapp vom Arbeitsplatz aus.

    Und es ist der Grund, warum Frauen viel seltener produktive Hobbies haben: Auch das nur ein Zeitfresser ohne Statuspunkte in der eigenen Peer-Group. Außer natürlich, ein Hobby wird gerade gehypt. Dann sitzen alle da und häkeln, stricken, nähen, basteln oder malen um die Wette. Bis wieder was neues gehypt wird, dann ist das vergessen. Nichts davon kommt aus der Frau selber heraus, es geht nur um Statuspunkte bei anderen Frauen.

    Und genau das mit dem Hypen ist der Hebel den Kuchler nutzen möchte. Zusammen mit paternalistischer Staatsintervention sind das tatsächlich die funktionierenden Mittel um Frauen zu lenken.

    1. Wozu machen sich Frauen schön? Man könnte sagen, aus Eitelkeit oder aus Spaß an der Freude oder wegen der Konkurrenz der Frauen bzw. Gruppenzwang. Mag alles sein, aber die letzte Ursache liegt dann doch darin, dem männlichen Blick zu gefallen bzw. ihn heraus zu fordern. Das mag manchen (gerade jüngeren Frauen) heutzutage nicht mehr bewusst sein, aber im Unterbewusstsein geht es genau darum. Insofern kann ich es Männern nicht verübeln, wenn sie diese Herausforderung annehmen.

      1. Glaub mir, ich bin mit zwei Schwestern aufgewachsen und hatte mit deren Freundinnen ständig Mädchenhorden um mich herum.

        Das mit „dem männlichen Blick gefallen wollen“ ist als Basis nicht zutreffend. Denn dann würden sich übrigens auch die Frauen informieren was Männern gefallen würde und unterlassen was Männern missfällt. Brauchen sie gar nicht, da Hetero-Männer bereits von sich aus Frauen begehren und in den seltensten Fällen reiche Auswahl zur gleichen Zeit haben.

        Bewunderung und Neid anderer Frauen ist viel wichtiger. Ansonsten ist es Eitelkeit in der Form „sich selber gefallen wollen“.

        In der Praxis geht das allerdings von einer negativen Basis aus: Dieses sich schmücken und aufhübschen ist damit mehr eine Anstrengung, sich selber nicht all zusehr zu missfallen.

        Ein netter Hebel wenn man Mädels ärgern möchte. *kritischer Blick* „Ist das da ein Pickel?“ -> Panikmodus ein

    2. „Und genau das mit dem Hypen ist der Hebel den Kuchler nutzen möchte. Zusammen mit paternalistischer Staatsintervention sind das tatsächlich die funktionierenden Mittel um Frauen zu lenken.“

      Kuchler hypet eigentlich nichts. Sie sagt nicht: ‚Wow, Ladies! Kartoffelsäcke sind jetzt der letzte Schrei und voll femi und so!‘, sondern Kuchler ist ja durchaus bewusst, dass die Ladies das hassen, was sie da von sich gibt. Ich glaube mit „hypen“ meinst du mehr so was wie Angst verbreiten oder Moralisieren. Diese Strategie könnte durchaus Erfolg haben. Wenn sie es schafft, Frauen einzureden, dass sie Anhängerinnen des bösen Patriachats sind, wenn sie sich sexy kleiden, dann könnten tatsächlich schon in den nächsten Jahren Frauen in Kartoffelsäcken das Straßenbild der westlichen Großstädte bevölkern.

      Was deine Ausführungen über Hobbies und Freizeitgestaltung angeht, meine ich nicht, dass du da arg übertreibst. Natürlich haben Frauen und Männer unterschiedliche Interessen, aber Frauen haben keineswegs nur im Sinn ihre Konkurentinnen fertig zu machen.

      1. OK, war vielleicht etwas zu drastisch formuliert. Vermutlich in den meisten Fällen geht es wohl mehr um das Kuschelbedürfnis mit den Freundinnen und die gemeinsame Ausgrenzung einer anderen (abwesenden) Frau erhöht die gefühlte Bindung.

        Aber generell sollte mann niemals die inhärente Boshaftigkeit der Frau unterschätzen. Frauen sind keine Engel, auch wenn manche sich viel Mühe geben so auszusehen…

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