TV-Nachlese: Grayson Perry, die „Abrissbirne der männlichen Vorherrschaft“, bei #arte #tracks

And now to something completely different, möchte man da sagen. Da ich mich auch für Kunst interessiere und ich finde, dass auch Geschlechterallerlei mal etwas Kultur vertragen kann, verweise ich auf die arte-Sendung Tracks vom 14.12.2018, die auch bei Youtube zu finden ist (hier klicken). Ich kannte Grayson Perry (Jahrgang 1960) vorher noch nicht, in Großbritannien ist er ein mittlerweile etabliertes „enfant terrible“, das gerne auch mal in extravaganten Frauenkleidern die Öffentlichkeit sucht. Seine Person zieht sich wie der rote Faden durch die britisch-fokussierte Sendung. Ich will seine Aussagen gar nicht groß „auseinandernehmen“, sondern so wirken lassen, wie sie geäußert wurden. Hier die Stellen im Video, in denen er zu Wort kommt (wer sich nicht das ganze Video komplett ansehen möchte). Ich füge teilweise unterhalb der Videolinks Zitate von Grayson Perry ein.

Am Anfang, ab Sekunde 6 bis 1:54

Ab 3:00 bis 9:35

14:44 bis 17:23 mit folgenden Zitaten:

Grayson Perry: Gewalt ist hauptsächlich Männersache. Sie werden darauf getrimmt, Probleme mit Gewalt zu lösen. […]

Jungs werden dazu ermutigt zu handeln, statt einfach zu sein. Sie werden nicht gelobt, weil sie hübsch und liebenswert sind, sondern wenn sie Fußball spielen und ausrasten. ‚Oh, seht ihn euch an, ein wahrer Junge‘ […]

Ich finde, Männer müssen sich selbst hinterfragen. Es ist immer so: Männer haben Angst, dass man sie auslacht. Frauen haben Angst, dass man sie umbringt …

27:02 bis 32:41

Grayson Perry: Das Schönste daran, ein Transvestit zu sein, und das entgeht anderen Männern, ist angeschaut zu werden. Weil männliche Kleidung ist […] langweilig. Niemand wird sich nach ihnen auf der Straße umdrehen, sicher nicht. Mich hingegen sehen viele an. Wenn man Aufmerksamkeit möchte, bekommt man sie auch. Es hat große Auswirkungen auf die Erfahrung, die du jeden Tag aufgrund deines Geschlechts machst. Frauen sind Objekte, Männer die Subjekte. Ich finde die Art, wie Männer sich kleiden, hat etwas Feiges an sich. Sie wollen sich in ihren Kleidern verstecken, und daraus hervorlinsen – wie Vogelbeobachter. ‚Seht mich nicht an, ich habe nichts falsch gemacht.‘ […]

Es hat Vorteile, das Geschlecht zu wechseln. Männer sehen das nur als Verlust. Sie sehen den Verlust von Macht, Status, Privilegien. Aber es hat Vorteile. Und das sind: seelische Gesundheit, gute Beziehungen, Intimität. All diese Dinge, die sie haben könnten, wenn sie ihre Rolle aufgeben würden. Denn es ist nur eine Rolle. Wir spielen unser Geschlecht. Das kann man ändern, aber es ist sehr schwierig, weil es so tief in uns verwurzelt ist. Bis sich die Geschlechterrollen ändern, braucht es noch viele Generationen. Das ist nichts, was man liest und nächste Woche umsetzt. Deshalb frustriert mich die Intoleranz der ‚Aufgeklärten‘ so. Sie stehen der Unbeholfenheit des Wandels sehr unversöhnlich gegenüber. […]

[Über sich uns seine Freunde in den 80ern:] Uns war alles egal. Wir wußten nicht, was im Nachbarort passierte oder gar im Nachbarland. Wir haben einfach gemacht, was in unseren Augen lustig war und für unsere Freunde, die wir im Club trafen. ‚Diese Woche trage ich Schuhe mit Stahlkappen und einen BH und sonst nichts, weil ich das witzig finde.‘ Und jetzt gibt es diesen globalen Brei. Das ist eine andere Art von Kultur, aber originell zu sein und sich abzuheben ist echt schwer. Weil alle sagen ‚ach ja, das kenne ich schon, das habe ich neulich auf Instagram gesehen. Echt interessant, ja … hast du das auch in blau?‘

38:05 bis 40:50

44:55 bis 45:58

Grayson Perry: Wir glauben immer, wir seien im Recht. Und wenn jemand dasselbe macht wie wir, aber nicht auf genau dieselbe Art, dann ist es so … fast wie eine Assoziation, als würde uns dieses Verhalten beschmutzen. […] Das machen auch viele Weiße im Moment. ‚Das da sind die bösen Weißen, das sind die Rassisten. Ich will nicht von denen in den Dreck gezogen werden.‘ Es sind immer die Anderen. Wie mit den Männern. Viele Männer beschuldigen andere Männer. ‚Du bist sexistisch, weil ich es nicht bin, bist du es.‘ Und so weiter. ‚Du bist ein Snob, ich bin ein guter Snob, du bist ein schlechter.‘ Alle machen es. Ständig. Ich liebe es.

Soviel zu Grayson Perry. Ich wollte erst noch etwas über die anderen Beiträge schreiben, aber die sind für eine Kulturausgabe von Geschlechterallerlei zu langweilig-feministisch und berechenbar (z.B. über das verlogene „Free the pimple“, bei denen Frauen mit Akne zum Opfer des Schönheitsdiktats stilisiert werden. Wer es sehen möchte, ab 32:41). Einzig interessant in der Sendung noch das Portrait / Interview mit dem Schauspieler Malcolm McDowell (ab 17:25).

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Ein Gedanke zu „TV-Nachlese: Grayson Perry, die „Abrissbirne der männlichen Vorherrschaft“, bei #arte #tracks“

  1. Mit ein paar Tagen Abstand möchte ich nun doch die Aussagen von Grayson Perry kommentieren. Ein Kumpel von mir sagt immer: „Männer sind bekloppter als Frauen. Sie sind extremer, sind häufiger an den Rändern der vorhandenen menschlichen Bandbreite zu finden“. Nun, wer würde das abstreiten wollen? Und das soll anerzogen sein? Ich glaube eher, dass gepusht wird, was ohnhin vorhanden ist. Auch wenn beispielsweise die Rauhbeinigkeit eines Jungen beim Fußball spielen als Ausdruck der Männlichkeit gelobt wird. Was nicht bedeutet, dass Rollen nicht auch „gespielt“ werden, oder besser gesagt ausgefüllt werden. Es ist schon etwas paradox, dass so ein männlicher Paradiesvogel wie Grayson Perry (und garantiert am Rand der oben genannten Bandbreite) meint, es wäre nur eine Frage von Generationen, um Rollen zu überwinden. Er ist im positiven Sinne bekloppt, ein Künstler, der sich auch nicht scheut, extremes Terrain zu betreten. Ein Beweis für die oben aufgestellte These in Bezug auf Männlichkeit, auch wenn er gerne mal in Frauenklamotten herumrennt. Betrachten wir doch die „Tracks“-Sendung als Ganzes: Über wen wird noch berichtet? Über einen Schauspieler, der auf extreme Rollen (Bösewichter, Psychopathen, Anti-Helden) festgelegt ist. Über einen weiteren männlichen Künstler, der seltsame Konstruktionen erfindet. Und über ein Model, dass mit dem Schönheitsideal (geschminkt) seine Brötchen verdient, zu Hautärzten rennt, um die Akne zu mildern, aber die Tracks-Redakteure feiern diese Person als Ikone im Kampf gegen das Schönheitsdiktat, das „insbesondere Frauen“ trifft? Wie schizophren ist das denn? Dann noch ein kurzer Bericht über eine Jung-Sängerin/Künstlerin, einem Kunst-IT-Girl, nicht der Rede wert. Ja, Männer machen das Potential dieser Sendung aus. Seltsam … oder doch nicht? Im übrigen möchte ich keineswegs die weiteren Aussagen von Grayson Perry verneinen. Abgesehen vielleicht von Sprüchen wie „Männer werden darauf getrimmt, Probleme mit Gewalt zu lösen“. Ich sehe da das Gegenteil als gegeben an, wenn ich an die Erziehung in Kindergärten und Schulen denke. Da läuft doch eher das Programm „in ein paar Generationen haben wir die Unterschiede zwischen Mann und Frau hoffentlich weg-konditioniert“.

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