Hör auf, Nebelbomben zu werfen, Journalist

Der Artikel, auf den ich mich beziehe, ist kaum lesenswert. Er trägt die Überschrift „Hört auf zu jammern, alte weiße Männer!“ und es wird erklärt, warum man sich nicht darüber echauffieren soll, wenn Männer ebenso betitelt werden.

Der Autor (Till Raether) stellt sich für jemanden, der im Magazin der Süddeutschen Zeitung einen Artikel veröffentlichen darf, erstaunlich dumm und „schwelgt“ in der Vergangenheit. Es referiert über Männer, die heute um die 50 sind und damals viele Vorteile genossen haben, weil es früher noch nicht so weit her war mit Gleichberechtigung & Co.

Letzteres ist richtig. Nur, was hat das mit der Gegenwart zu tun? Raether legitmiert quasi heutigen Unsinn mit dem Unsinn von damals. Völlig am Kern der der Sache vorbei.

Die Phrase „alte weiße Männer“ wird nämlich benutzt, um (unliebsame) Meinungen zu diskreditieren. Es handelt sich um ein personenbezogenes Totschlagargument. Damit wird stets der Versuch unternommen, andere Ansichten bequem zur Seite schieben, auf die man argumentativ nicht eingehen möchte oder kann. Stammen diese Ansichten doch angeblich von einem Personenkreis, dessen Weltbild antiquiert ist und auf das man in einer „jungen, bunten, weiblicheren Gesellschaft“ verzichten kann.

Komisch. Es galt mal die Auffassung, dass jede Stimme gleich viel wert sein soll. Insbesondere im Kreis unserer (ehemals) aufklärerischen Journalisten. Und Raether fällt es tatsächlich nicht auf, wo das Problem mit dieser Phrase liegt und wirft stattdessen eine solche Nebelbombe, die geeignet ist, um die niederen Absichten mit dieser Formulierung gar noch zu unterstützen?

Denn wieder soll es der „alte, weiße Mann“ sein, der doch bitteschön nicht jammern möge. Merke: Kritik aus diesem Kreis gibt es nicht, es ist ein unberechtigtes Jammern.

Besuchen Sie doch lieber noch einmal ein paar Vorlesungen in Demokratie, Herr Raether. Um diese wieder so zu verstehen, wie Sie sie in ihren früheren Zeiten (hoffentlich) verstanden haben. Zu Zeiten, als Sie sich als Student noch gegen etablierte Ansichten durchsetzen mussten. Heute gehören Sie zum Establishment mit imprägnierter Meinungs- und Deutungshoheit und müssen vielleicht noch lernen, Dinge von der anderen Seite zu sehen.

Oder direkter ausgedrückt an alle Phrasen-Verwender: Kommt gefälligst mit anderen Meinungen klar und versucht nicht, diese über hinterhältige „Argumente“ auszuhebeln.

 

 

 

 

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3 Kommentare zu „Hör auf, Nebelbomben zu werfen, Journalist“

  1. Ich kann Personen, die die Phrase „alte, weiße Männer“ nutzen sowieso nicht ernst nehmen. Die Phrase selbst schäumt geradezu von Ageismus, Rassismus und Sexismus. Die sollen erst mal ihren eigenen Maßstäben gerecht werden, bevor sie andere belehren können.

  2. Was für ein Blödsinn. aber nehmen wir mal einzelne Punkte auf:

    „In einem Land aufgewachsen, in dem „weiß“ die Norm ist“. Tja, das ist schlicht eine Tatsache. Wie sich das für alle anderen anfühlt, kann man selber mühelos überprüfen, wenn man in ein Land fährt, wo „weiß“ eben nicht die Norm ist. Dort wird man dann angestarrt, angefasst, umlagert und darf regelmäßig den Gringo – Preis bezahlen. Das ist furchtbar lästig und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sehr einem das auf die Nerven gehen kann, wenn man im Alltag ständig mit ähnlichen Vorfällen zu tun hat. Trotzdem ist der jetzige Stand der Rassismus – „Diskussion“ blödsinnig: Verlangt wird ja nicht mehr, dass man „nur“ tolerant ist gegenüber anderen Kulturen und Lebensentwürfen, sondern das man diese Unterschiede GLEICHZEITIG nicht mehr wahrnimmt und trotzdem besagten Personenkreis extra fördert. Ein vollkommen unlösbarer Widerspruch, mit dem sich ganz bequem jeder Weiße in diesem Land immer und überall als „Rassist“ diskreditieren lässt. Ist wie die Antwort auf die Frage: „Hast du eigentlich aufgehört, deine Kinder zu schlagen?“
    Und natürlich ist der Code „alter weißer Mann“ auch unglaublich bequem, weil die ungemein privilegierten bürgerlichen Akademikerfrauen ihre eigene Verantwortung an diversen Missständen dahinter geschickt verstecken können,.

    2. Punkt: „Sich fragen, ob man den Job nicht wegen der Qualifikation bekommen hat, sondern weil man ein Mann ist.“ Hmmh, mal schauen: Abitur, Wehrdienst, Ausbildung, Hochschulstudium (mit zwischendurch Arbeiten in der zukünftigen Branche). Würde sagen, dass ich ziemlich große Anstrengungen unternommen habe, um für einen guten Job qualifiziert zu sein und ich habe selbstverständlich eine Laufbahn gewählt, die eher Geld bringt als persönliche Neigungen befriedigt.

    Ob sich meine Frau schon mal die Frage gestellt hat? Die erst ein Studium „irgendwas mit Medien“ und dann ein Studium „irgendwas mit Sprachen“ in den Sand gesetzt hat und trotzdem schon ins eigene Haus einziehen durfte, bevor sie auch nur einen Berufsabschluss hatte.

    Aber ein echtes Privileg gibt es tatsächlich: Ein deutscher Reisepass ist echt was Tolles und den habe ich einfach so bekommen.

  3. Der Code „alter weißer Mann“ bedeutet nämlich, ab jetzt kommt nur noch geistiger Dünnschiss.
    Deshalb bin ich ileber ein „alter weißer Mann“ als eine „dumme weisse Frau“.

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