Warum ich das Ignorieren von Gesundheitsproblem weißer Männer für einen Fehler halte

Es gibt Artikel, deren Dummheit mehr weh tut als ein Tritt zwischen die Beine. Die Überschrift des Telepolis-Artikels „Samenzahl hat sich bei westlichen Männern in 40 Jahren halbiert“ ist dabei sogar sehr interessant. Auch wird, selten genug, auf eine Studie verwiesen: „Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis“ von Hagai Levine, Niels Jørgensen, Anderson Martino-Andrade, Jaime Mendiola, Dan Weksler-Derri, Irina Mindlis, Rachel Pinotti, Shanna H. Swan. Doch bereits in der Einleitung zeigt Florian Rötzer, dass von ihm keine großen geistigen Ergüsse zu erwarten sind:

Die Reproduktionsforschung müsse dringend verstärkt werden, so ein Appell im British Medical Journal. Aber warum eigentlich?

Dafür fallen einem als Laien gleich mehrere gewichtige Gründe ein:

  1. Unfruchtbarkeit ist eine schlimme Sache für die Betroffenen.
  2. Ein Zwang zur Kinderlosigkeit widerspricht einem Grundsatz der westlichen Gesellschaft, nämlich der individuellen Freiheit, wesentliche Entscheidungen seines Lebens selbst zu treffen und zu verantworten.
  3. Eine sich allgemein verschlechternde Gesundheit sollte die Gesellschaft alarmieren.

So wie im letztgenannten Grund beurteilt es auch Niels E Skakkebaek im erwähnten Artikel „Sperm counts, testicular cancers, and the environment„: „Verstörende Entwicklungen in der reproduktiven Gesundheit von Männern verlangen dringende Aufmerksamkeit“ – das bringt es gut auf den Punkt („Disturbing trends in men’s reproductive health demand urgent attention“ – meine Übersetzung).

Rötzer erlaubt sich hingegen die hodenlose Frechheit, in Richtung „macht ja nichts, wenn wir zwangsweise weniger werden“ und „sind ja nur die weißen Männer“ zu argumentieren. Er bezweifelt die Wichtigkeit der Angelegenheit – freilich ohne selbst irgendetwas fruchtbares zur Debatte beizutragen:

Die Reduktion der Reproduktion ließe sich als natürliches Gegenmittel verstehen, das gerade das Überleben der Menschen wahren könnte.

Das ergibt keinen Sinn, wie man es auch wendet. Zum einen verfügt die Natur über keinen weltweiten Radar, der sie darüber informiert, dass es jetzt mal genug Menschen gibt. Ansonsten gäbe es ja erst gar keine Überbevölkerung in einigen Ländern.

Dafür müsste man die Menschheit auch als einen großen monolithischen Block verstehen – der sie nie gewesen ist. Aber dann müsste das Phänomen auch überall gleichermaßen auftreten, und das tut es ja gerade nicht.

Zum anderen liegt bei der Annahme einer „natürlichen“ Entwicklung sofort die Frage auf der Hand, warum es denn ausgerechnet die Bevölkerungen der Welt trifft, denen es insgesamt am besten geht und die sich mehr Kinder leisten könnten, als sie bekommen. Eine Natur, die Überbevölkerung „regelt“, müsste doch diejenigen besonders dezimieren, die eben nicht ausreichend (oder gerecht verteilt) Nahrung und sonstige Ressourcen haben.

Man landet hier leicht bei den Ansichten eines Thomas Robert Malthus. Die Menschen vermehrten sich grundsätzlich schneller als der Vorrat an Nahrungsmitteln zunehmen würde, daher sei es unausweichlich, dass viele dieser Menschen von der Natur aussortiert würden.

Wer möchte dem allen Ernstes heute noch zustimmen? Nein, das Biologismus.

Die Natur kommt als Erklärung also nicht infrage, weil einerseits die Folgen nicht „sinnvoll“ auftreten, während andererseits die (nur theoretisch) „logisch einleuchtenden“ Mechanismen einer „selbstregulierenden“ Natur zurecht verpönt sind – und inzwischen auch widerlegt.

Rötzer gelingt jedoch noch eine zweite geistige Fehlleistung, indem er persönliche Schicksale zugunsten von Gruppen ausblendet. Dabei unterstellt er sogar den Gruppen ohne zwingenden Grund ein Konkurrenzdenken.

Aber was ist daran so schlimm? Dass die Männer im Westen weniger zeugungsfähig werden und daher womöglich die Menschen aus anderen Regionen mehr Nachkommen erzeugen können?

Dass es schlimm ist, wenn in irgendeiner Region der Welt die Unfruchtbarkeit zunimmt und dass es wert ist, das zu untersuchen, darauf sollte man sich doch noch einigen können. Von dem Wissen, warum das geschieht und wie man es verhindern kann, könnte die ganze Menschheit profitieren – ohne irgendein Ausspielen der Hemisphären gegeneinander. Was hätte ein kaum fruchtbarer Mann im Westen auch davon, wenn die Männer woanders ebenfalls nicht mehr Kinder zeugen könnten? Das Problem ist absolut und nicht in Relation zu anderen zu sehen!

Florian Rötzer hat wohl nicht die Eier in der Hose, um frei von „virtue signalling“ zu argumentieren. („Guckt mal, das Schicksal der weißen Männer ist mir egal – ich bin sowas von gut!“) Dass ein Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen wie Hodenkrebs besteht, von dem zunehmend jüngere Männer betroffen sind – wen interessiert das schon?

Er tappt dabei aber leicht in die nächste Falle: Denn Nachwuchs zeugen Männer nicht alleine. Die Frauen, die bei abnehmender männlicher Fruchtbarkeit zunehmend von unfreiwilliger Kinderlosigkeit betroffen werden, hat er anscheinend völlig ausgeblendet. Hier scheint der alte Irrtum des Geschlechterkampfes hervor, so als ob sich Frauen und Männer „gegeneinander“ fortpflanzen und entwickeln würden. Das scheinbare „weiße Männer interessieren mich nicht“ läßt sich leicht zu einem „an die Frauen im Westen hat er wohl gar nicht gedacht“ umbiegen.

Sarkastisch ausgedrückt: Man könnte schnell Geld für die Forschung zustandebringen, indem man die abnehmende Samenanzahl bei Männern als Problem darstellt, das Frauen in ihrer Lebensplanung besonders oder zunehmend betrifft.

Von so etwas wie individueller Freiheit ganz zu schweigen. Bei Kinderlosigkeit im Westen ist freiwillig die entscheidende Qualität.

Aktualisierung: crumar schön in den Kommentaren bei Telepolis: Warum ich glaube, es ist an der Zeit, dass Florian Rötzer abtritt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dummen Artikeln über ernste Themen bin ich immer geneigt, als Blitzableiter einige Kalauer zu reißen. „I am the eggman“ war dann auch das entscheidende Zitat, um dieses Beatles-Lied (mit passend unverständlichem Text) herauszusuchen.

The Beatles‘ Magical Orchestra: „I Am the Walrus“

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4 Kommentare zu „Warum ich das Ignorieren von Gesundheitsproblem weißer Männer für einen Fehler halte“

  1. Die Frauen, die bei abnehmender männlicher Fruchtbarkeit zunehmend von unfreiwilliger Kinderlosigkeit betroffen werden, hat er anscheinend völlig ausgeblendet.

    Hat er vermutlich nicht. Ich habe den Eindruck, dass es sich bei Rötzer um einen Multi-Kulti-Fan handelt. Die Theorie dahinter ist ja, dass wenn sich die »Rassen« nur ausdauernd genug vermischen, am Ende die äußeren Unterscheidungsmerkmale verschwinden und die »Rassenfrage« der Nazis irrelevant wurde.

    Solche Leute gehen davon aus, dass sich westliche Frauen dann eben verstärkt mit den noch fruchtbaren Männern aus z. B. Afrika einlassen, um das Problem der ungewollten Kinderlosigkeit zu umgehen. Bedenkt man aber, dass in letzter Zeit immer häufiger das Gejammer über Akademikern ohne adäquaten Partner laut wird, muss man sich natürlich fragen, ob diese Frauen dann allen ernstes einen relativ ungebildeten Partner als Vater ihrer Kinder akzeptieren würden. Ich neige zum Zweifeln.

    Die Ursache für den Rückgang der Spermien wäre natürlich schon interessant. Und gerade die Tatsache, dass das Problem in stark industrialisierten Nationen am stärksten zu sein scheint sollte hellhörig machen. Den die weltweite Industrialisierung nimmt beständig zu. Das würde in letzter Konsequenz eben auch bedeuten, dass auch jetzt noch sehr fruchtbare Männer unter vergleichbaren Bedingungen ihre Zeugungskraft verlieren würden.

    Von sozialen und moralischen Überlegungen zur unfreiwilligen Kinderlosigkeit einmal abgesehen ist der Geburtenrückgang in den westlichen Industrienationen eigentlich kein Problem, da die Produktivität pro Arbeitnehmer schneller steigt als die Bevölkerung abnimmt. Man könnte also sogar von einem Gesundschrumpfen sprechen. Wenn man möchte könnte man höchstens den relativ geringen Kriegsindex Europas, im Hinblick auf die potentielle Wehrfähigkeit bemängeln.

    1. Solche Leute gehen davon aus, dass sich westliche Frauen dann eben verstärkt mit den noch fruchtbaren Männern aus z. B. Afrika einlassen, um das Problem der ungewollten Kinderlosigkeit zu umgehen. Bedenkt man aber, dass in letzter Zeit immer häufiger das Gejammer über Akademikern ohne adäquaten Partner laut wird, muss man sich natürlich fragen, ob diese Frauen dann allen ernstes einen relativ ungebildeten Partner als Vater ihrer Kinder akzeptieren würden. Ich neige zum Zweifeln.

      Es wäre – bezogen auf die Finanzen und die Wahlfreiheit – ein ganz schöner Abstieg für die Frauen. Plötzlich müssten sie mehr suchen und Kompromisse eingehen. Eben darum würde man sich mit dieser Argumentation erst recht in die Nesseln setzen.

      Den[n] die weltweite Industrialisierung nimmt beständig zu. Das würde in letzter Konsequenz eben auch bedeuten, dass auch jetzt noch sehr fruchtbare Männer unter vergleichbaren Bedingungen ihre Zeugungskraft verlieren würden.

      Ja, eben! Diese Ignoranz kann am Ende alle treffen.

      Wenn man möchte könnte man höchstens den relativ geringen Kriegsindex Europas, im Hinblick auf die potentielle Wehrfähigkeit bemängeln.

      Also „weil wir so wenig Kriege haben, sind die Männer nicht kampffähig genug“? Haha, herrlich! Und nicht vergessen: Das war noch vor wenigen Generationen eine ernsthafte Sorge. Männer, die nicht zum Krieg taugen oder nicht wollen? Schrecklich!

      1. Also „weil wir so wenig Kriege haben, sind die Männer nicht kampffähig genug“? Haha, herrlich! Und nicht vergessen: Das war noch vor wenigen Generationen eine ernsthafte Sorge. Männer, die nicht zum Krieg taugen oder nicht wollen? Schrecklich!

        Gemeint ist damit ein Konzept nach Gunnar Heinsohn. Der Kriegsindex bemisst sich am Verhältnis zwischen jungen und alten Männern und dem damit verbundenen Konfliktpotential um die Verteilung von Arbeit und Vermögen. Ein hoher Index kann daher als ein Indikator für Bürgerkriegsgefahr betrachtet werden.

        Außerdem kann ein Land mit einem hohen Index im Konfliktfall die Verluste an Soldaten leichter ausgleichen als ein Land mit niedrigem Index. Im Sowjet-Afghanistan-Krieg z. B. scheiterte die Sowjetunion an diesem Umstand. Die Zahl afghanischer Kräfte sank in 10 Jahren Krieg, trotz erheblicher Verluste nur geringfügig.

        In Europa liegt dieser Index unter 1 (Deutschland 0,65), was auch ein Grund für den langen Frieden sein sollte. Gleichzeitig würde sich ein verlustreicher Konflikt aber auch bedeutend verheerender auswirken.

      2. Ah, ach so! Klingt ein wenig wie die „youth bulge“-These: Wenn es zu viele junge Leute gibt, wird eine Gesellschaft unsicherer. Hat natürlich nicht damit zu tun, dass die jungen Leute böse sind, sondern dass sie keine gute Arbeit bekommen, keine Chance haben, keinen Platz in der Gesellschaft finden.

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