Rastavati und die alltägliche Verneinung von männlichen Leistungen, Bedürfnissen und fehlender Empathie mit dem falschen Geschlecht

Christian hat gerade wieder einen interessanten Artikel aus SpOn gefischt. Dort wischt eine Autorin mal eben mit Ansage alle Statistiken und Zahlen zum Thema Jungenbenachteiligung in der Schule vom Tisch und ersetzt sie durch ihre eigene anekdotische Betrachtung ihrer eigenen Töchter, die dann natürlich viel größere Probleme haben. Die Kommentatoren rücken ruckzuck die Sache ins rechte Licht, aber es wundert mich immer wieder, wieviele einseitige Artikel in unseren „Qualitätsmedien“ problemlos veröffentlicht werden können.

Während ich nun über einen anderen Artikel in SpOn schreibe, haben die Kommentatoren auf SpOn ausnahmsweise anscheinend versagt. Und doch ist der Artikel mal wieder ein Paradebeispiel wie sehr Männer- und hier Väterfeindliche Betrachtungen problemlos abgesondert werden können. 1964 bringt eine weiße Deutsche nach einem One Night Stand mit einem Schwarzen eine Tochter zur Welt. Erst 2012 findet diese mit Hilfe ihrer eigenen Tochter ihren Vater. Ein schöner Artikel über ein spätes Kennenlernen, gespickt mit Anekdoten und natürlich einigen rassistischen Erfahrungen. Die Männerfeindlichkeit erschließt sich mit aller Geballtheit wenn man sich den Artikel mal genauer anschaut. Was ich hiermit tun möchte. Triggerwarnung: Es wird traurig. Spuren von Wut könnten beim Leser hinterlassen werden. Lest ihn Euch am besten erstmal selbst durch.

Helga ist seit einem ONS mit einem Schwarzen alleinerziehende Mutter in den 60ern. Sie weiß vom Vater nicht mal den Namen, er nichts von seinem Glück.

Mit ihrem Temperament eckte Juttas Mutter Helga Nielsen damals überall an, auch bei der Witwe, in deren Villa sie zur Untermiete wohnte. Um nicht samt Tochter auf der Straße zu landen, beschloss die 21-Jährige, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken.

Was beschließt Helga? Eine Ausbildung, eine eigene Wohnung, einen Beruf? Den unfreiwilligen Vater zu informieren, daß er die Chance bekommt seine Tochter kennenzulernen oder wenigstens seiner Verantwortung (sprich: monatliche Unterhaltszahlung) nachzugehen?

Ein Ehemann musste her. Für eine Alleinerziehende mit dunkelhäutigem Kind keine leichte Aufgabe. Doch sie wurde fündig: Hans, weißblondes gescheiteltes Haar, türmte als Inhaber von Lebensmittel Lüdemann jeden Morgen akkurat seine Südfrüchte zu Pyramiden auf.

Noch jemand, der die tapfere Alleinerziehende ob ihrer schweren Aufgabe bedauert? Ihren pragmatischen Ansatz und ihre geschickte Lösung bewundert? Sicherlich nicht die Vielzahl von Alleinerziehenden, die einen schweren aber eigenverantwortlichen Weg gefunden haben, sich ihren eigenen Lebensentscheidungen zu stellen.

Mit Jutta zog Helga Nielsen in seine Wohnung und wurde, was sie niemals sein wollte: eine Hausfrau. Abends sahen sie gemeinsam die „ZDF Hitparade“, spazierten am Wochenende in Sonntagskleidern durchs Städtchen.

Die arme, vom Patriarchat unterdrückte Frau. Hitparade! Welch perversen Gelüste ihres Mannes sie doch befriedigen mußte. Und das alles für das bisschen Vollversorgung. Prostitution scheint nicht nur im Gegensatz hierzu ein ehrenwertes Geschäft zu sein. Mit handfesten Vorteilen für beide Vertragspartner. Und keine Prostituierte ist gezwungen, sich die Hitparade anzuschauen. Sie hätte sogar sorgen- und kondomfrei Party feiern und rumvögeln können! Man bemerke, von solch lapidaren Dingen wie Liebe ist bisher und auch im folgenden keine Rede. Man kann jedoch aus der Geschichte schließen, dass sie zumindest beim Stiefvater groß war. Neben den typisch toxischen männlichen Eigenschaften wie Verantwortungsübernahme und Opferbereitschaft.

Selbstverständlich sei sie die Mutter, versicherte Helga Nielsen der Tochter, gestand aber auch, wer ihr leiblicher Vater sei: ein Mann aus „Tschömeika“, der „Oin“ heiße und begnadeter Saxofonspieler sei. Sie habe ihn nur einmal in einer Bar mit seiner Rock’n’Roll-Band spielen hören und sei dann noch mit ihm um die Häuser gezogen. Mehr wisse sie auch nicht. Nicht mal seinen Nachnamen.

..und ignoriert das Recht ihres Kindes auf Identität und Wissen um ihren Vater und ihre Abstammung konsequent. Und natürlich die Rechte des leiblichen Vaters. Was kümmert mich mein Fick von vor 10 Jahren?

Der hasste nichts mehr, als von irgendwelchen Leuten auf die Hautfarbe seiner Tochter angesprochen zu werden. Dann brummte er nur, seine Frau habe in der Schwangerschaft eben „zu viel Lakritz gegessen“.
Es waren die frühen Siebzigerjahre. Was „sich gehörte“ und was nicht, war streng geregelt. Ledige Frauen waren „sitzen geblieben“, Verheiratete hatten ihre Männer zu bewirten, Väter stellten die Regeln auf und Kinder keine Fragen.

Er hasste es. Er war wahrscheinlich froh, wenn er auf der Straße auf Bekannte traf, die wußten, daß seine Frau ihm keine Hörner aufgesetzt hat. Aber dieser Aspekt der Siebziger fällt natürlich unter den Tisch. Verheiratete hatten ihre Männer zu bewirten. Insbesondere dann, wenn der Mann das Geld ranschafft wäre das das mindeste. Hätte Helga gleichberechtigt zum Familieneinkommen beigetragen, wäre das im Artikel erwähnt. Goldenes Patriarchat, in der die Väter die Regeln aufstellen. Dumm nur, daß schon in den Siebzigern, im Himmelreich des Patriarchats diese Regeln doch eher den Frauen zugute kommen.

Zu dieser Zeit verdrängten neuartige Supermärkte die kleinen Lebensmittelgeschäfte. Auch der Stiefvater musste seinen Laden schließen und wurde Vertreter für Nylonstrumpfhosen. Seinen Frust ertränkte er im Alkohol und brüllte zu Hause immer öfter herum.

Man bemerkt, weiterhin keine Rede von der Berufstätigkeit des Opfers der Mutter. Seinen für Qualitätsmedienjournalistinnen anscheinend nicht nachvollziehbaren Frust verarbeitete er nicht indem er Frau und Stieftochter sitzen läßt und sich in Indien ein bequemes Leben macht. Indem er einfach nur für sich selbst sorgt. Nein, er macht weiter trotz Frust und wird alkoholkrank.

Mit der Pubertät wuchs die Sehnsucht nach ihrem leiblichen Vater. Gern stellte Jutta ihn sich auf der fernen Karibikinsel vor, pfeifend in einer Hängematte zwischen Palmen – und hoffentlich kein dauerbekiffter Rastafari. Ein paar Mal noch fragte sie ihre Mutter, aber die blockte ab. Irgendwann hörte Jutta auf zu fragen, auch weil sie Angst hatte, ihren zunehmend cholerischen Stiefvater zu kränken.

Ein weiterhin völlig verantwortungslose Haltung auf Seiten der Mutter, die natürlich nicht kritisch hinterfragt wird. Die Erwähnung des im Text ansonsten sehr farblos bleibenden Stiefvaters beschränkt sich auf negative Eigenschaften. Aber was soll er auch sagen? Immerhin war er nicht dabei als sie gezeugt wurde.

Zum Abschied machte ihr der Stiefvater eine kuriose Offenbarung. Er gestand, auch wenn das womöglich etwas hart für sie sei: „Ich bin nicht dein richtiger Vater!“

Der saufende Choleriker, der Hitparadenperverse Stiefvater hat all die Jahre zu seiner Tochter gestanden. So sehr, daß er es fast selbst geglaubt hatte. so sehr, daß er sich anscheinend nie als etwas anderes als ihr richtiger Vater gefühlt hat und ihr nun etwas beichten muß.

Mit bald 50 Jahren dachte sie nur noch selten an ihren Vater: so aussichtslos, ihn jemals zu finden. Ihre Kinder jedoch interessierten sich brennend für den unbekannten Opa, begeisterten sich für Rastafari-Kultur und Reggae, spielten Saxofon oder flochten sich die Haare zu Rastazöpfen.

Ob sie noch an ihren Stiefvater dachte? Ob sich die Kinder auch für ihren echten, ihren Stiefopa interessierten? Wir werden es nicht erfahren, denn dieser Teil der Geschichte um arme Mütter und diskriminierte Farbige ist für die Autorin komplett irrelevant. Schade.

Jutta Weber aber beschlich das gute Gefühl: Ihre Eltern hatten in jener Nacht im Jahr 1963 letztlich alles richtig gemacht.

Nun ja. Sie haben es miteinander getrieben. Ob der leibliche Vater gerne die Chance gehabt hätte, etwas richtig zu machen? Wieviel die Mutter in der Folgezeit richtig gemacht hat?

Es hätte eine schöne Geschichte werden können. Ein Kennenlernen zwischen Vater und Tochter nach 50 Jahren. Eine schwierige Kindheit als Farbige in den spießigen Siebzigern. Aber auch eine romantische Liebe zwischen Mutter und Stiefvater, trotz vielleicht ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, trotz widriger Umstände, unfreundlichen Zeitgenossen und wirtschaftlichen und gesundheitlichen Problemen. Liebe die auch zwischen der Tochter und ihrem sozialen Vater gedeihen kann. Eine klassische Ende-Gut-alles-gut-Geschichte wie aus einem Frauenroman.

oder wie es ein Kommentator im SpOn-Forum formuliert:

6. Viel zu wenig
wird auf die überragende und selbstlose Lebensleistung des deutschen Stiefvaters eingegangen, der sich der endlosen Lebensaufgabe ein fremdes Kind aufzuziehen in typisch männlicher Selbstaufgabe hingegeben hat. Und das obwohl sie offensichtlich nicht seines sein konnte. Das ist das eigentlich rührende an der Geschichte. Viel zu wenig auf den kaltherzigen Egoismus und die Dummheit der Mutter. Wieso werden solche Geschichten immer so falsch erzählt?