Fundstück: Leszek gegen die Theorie, dass die Leute nicht mehr heiraten

Öfters ist die These zu lesen, dass die junge Generation immer weniger heiratet. Dagegen argumentierte Leszek bei Alles Evolution und nannte entsprechende Veröffentlichungen als Quellen.

Die Kurzfassung:

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.
(…)
Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.
(…)
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Die Langfassung:

Die Interessen der Geschlechtern sind vielschichtig, enthalten widersprüchliche und gegenläufige Tendenzen und sind keinesfalls damit auf einen Nenner zu bringen, dass Frauen und Männer an sich einfach nicht zusammenpassen und es ohne Repression keinen Familien geben könne.

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.

Mal ein paar Zitate zum Forschungsstand der Beziehungs-, Ehe- und Familienforschung:

„Traut man aktuellen Umfrageergebnissen – amtliche Daten liegen nicht vor – , so liegt der Anteil der echten Partnerlosen im traditionellen Familienlebensalter (unter den 30 – 59-Jährigen) inzwischen bei ca. 20 Prozent mit leicht ansteigender Tendenz.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 24)

Trotz der leicht ansteigenden Tendenz also eine klare Minderheit.
„Ist Partnerlosigkeit eher gewollt oder ungewollt? (…) In der Studie von Gunter Schmid und seinem Forscherteam fällt (unter den Partnerlosen) in allen Generationen der hohe Prozentsatz – je nach Generation zwischen 35 und 45 Prozent – der Ambivalenten auf (Schmid u.a. 2006). Einerseits, so ergab die Befragung besteht der Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Rückhalt, andererseits genießt man die eigene Unabhängigkeit und will sich nur ungern einschränken.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 27)

„ Den Partner zu lieben und ihm Freiräume zu gewähren – das sind nach Ansicht junger Deutscher die Schlüsselkomponenten einer guten Beziehung. Eine Partnerschaft funktioniert gut, wenn man dem anderen Freiräume lässt, meinen 98 Prozent der der vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung Befragten 20 – 39-Jährigen“ (BiB , Grafik des Monats August 2014).

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 28)

Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.

Wie sieht es konkret mit Familien mit Kindern aus?

„Wie hoch ist der Anteil von Menschen, die (noch) in Familien leben? Immer wieder kann man in Medienberichten lesen, die „Normalfamilie“ sei bereits in der Minderheit. (…) Aber häufig beruhen solche Aussagen auf einer Fehlinterpretation statistisch-demographischer Daten. Statistiken über Haushaltsformen zeigen, dass die Kategorie „ Ehepaare ohne Kinder“ inzwischen einen relativ hohen Anteil ausmacht, sogar höher als die Kategorie „Ehepaare mit Kindern“. 2003 stieg der Anteil der Ehepaare ohne Kinder im Haushalt erstmals auch in Westdeutschland über den von Ehepaaren mit Kindern (in Ostdeutschland schon 1999). Nur noch etwa ein Viertel aller deutschen Haushalte ist ein Familienhaushalt (im Sinne von: Paare mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt).
Das lässt auf den ersten Blick den Schluss zu, Familienhaushalte seien nur noch eine Minderheit, „Ehepaare ohne Kinder“ sei die relativ häufigste Lebensform – und meist implizit, aber durchaus auch explizit wird suggeriert, es handle sich dabei um kinderlose Elternpaare. Aber das ist natürlich falsch. In der Haushaltsstatistik sind als „Ehepaare ohne Kinder“ alle Ehepaare gezählt, bei denen aktuell keine Kinder im Haushalt wohnen. Und weil die Menschen immer länger leben, steigt der Anteil der älteren Ehepaare, deren Kinder längst den Haushalt verlassen und einen eigenen gegründet haben. In einer personenbezogenen Perspektive zeigt sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung immer noch in Familienhaushalten mit Kindern leben. Ihr Anteil lag im Jahre 2005 – wenn auch bei rückläufiger Tendenz – bei 53 Prozent. Die Rückläufigkeit hat mehrere Gründe. Neben dem Geburtenrückgang gehört auch die gestiegene Lebenserwartung dazu. Dies senkt den Anteil der Familienhaushalte (…). Darüber hinaus zeigt die Haushaltsstatistik nur eine Momentaufnahme. Man müsste wissen, wie lange und in welchen Lebensphasen Menschen sich in dieser oder jener Lebensform befinden. Dafür gab es bis vor kurzem keine statistischen Daten, doch das Problem ist erkannt, und die Lebensverlaufsforschung beginnt, diese Lücken zu schließen.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 28 f.)

„Was wir immerhin aus der Statistik wissen, ist das erstaunliche Faktum, dass die Ehedauer zugenommen hat. Die durchschnittliche Ehedauer lag im Jahre 2004 bei mit 26,8 Jahren um 2, 9 Jahre höher als 1991. Das überrascht, wenn man an den Aufschub der Eheschließung und den Anstieg der Scheidungsquote denkt. Die Erklärung ist auch hier in der erhöhten Lebenserwartung zu suchen.
Immerhin könnte der Eindruck entstehen, Ehe und Familie seien zumindest bei den jungen Erwachsenen bereits zur Lebensform einer Minderheit geworden. Vergleicht man aber die Anteile von nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit denen von verheirateten Paaren in verschiedenen Altersgruppen, dann findet man selbst unter den jungen Erwachsenen bereits mehr verheiratet zusammenlebende als nichteheliche Paare.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 35)

„Das Ausmaß der Ehescheidungen ist schwieriger zu belegen als man meinen könnte. Die Aussage, dass heute immer mehr Ehen nicht durch Verwitwung, sondern durch Scheidung aufgelöst werden, ist sicher richtig, obwohl sie sich strenggenommen mit den Maßzahlen der Demografie nicht belegen lässt, jedenfalls nicht für die letzten Jahre. Denn dafür müsste man zum Beispiel wissen, wie hoch die Anteile der Verwitwungen und der Scheidungen bei den 1980, 1990 oder 2000 geschlossenen Ehen sind. Das wissen wir jedoch für jene Ehen aus diesen Jahren noch nicht, die noch intakt sind, – und das ist die Mehrheit. Zumindest in langfristiger Perspektive ist aber klar, dass der Anteil der durch Scheidung aufgelösten Ehen steigt, was sich nicht nur mit einer erhöhten Scheidungsbereitschaft (…) erklären lässt, sondern zu einem nicht unerheblichen Ausmaß auch mit der gestiegenen Lebenserwartung , weil dadurch die Ehedauer ansteigt und damit auch das Scheidungsrisiko.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 59)

„In der Öffentlichkeit wird gern gesagt: „Jede dritte Ehe wird heute geschieden“, oder auch: „Zwei von fünf Ehen werden geschieden.“ Solche Aussagen beziehen sich auf die einfache Periodenmaßzahl, bei der die Zahl der Ehescheidungen im Laufe eines bestimmten Jahres auf die Zahl der Eheschließungen im gleichen Zeitraum bezogen wird. Die zitierten Äußerungen sind insofern Vereinfachungen. Erst wenn dieses Verhältnis über einen längeren Zeitraum hinweg konstant bliebe, ließe sich eine Aussage über die Entwicklung der Ehe machen. Demgegenüber zeigen Kohortendaten, dass das Ausmaß an Scheidungen bisher meist überschätzt wird.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 60)

Diese Aussagen aus der familiensoziologischen Forschung mal als Beispiele für die tatsächliche Komplexität, die man bei solchen Themen in wissenschaftlicher Perspektive zu berücksichtigen hat und die nicht einfach nur aus ein paar Phrasen aus Evolutionärer Psychologie oder gar PU abgeleitet werden kann.
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Es stimmt natürlich, dass man Ehe und Familie durch starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression künstlich stabilisieren kann. Das funktioniert aber nur auf Kosten einer freiheitlichen und auf den Menschenrechten beruhenden Gesellschaft, also auf Kosten der kulturellen Moderne. Wer keinen Rückfall in die archaischen mythologischen Systeme der Prämoderne wünscht, wer die moderne Gesellschaft und ihre Errungenschaften erhalten will, der wird andere Lösungen finden müssen als starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression um Ehe- und Familienstabiltät zu fördern und dazu gehört mindestens Gerechtigkeit für beide Geschlechter im Ehe- und Familienrecht in Theorie und Praxis.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Darf als Lied beim Thema Familie natürlich nicht fehlen…

Sister Sledge: We Are Family

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