Warum ich mich über 400.000 Männer und 40.000 Frauen freue

Die Studie des BMFSFJ, Männer-Perspektiven: Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung? (PDF), wurde unlängst bei Genderama zweimal und dann noch heute bei Alles Evolution zum Thema gemacht. Die zitierten Aussagen sind tatsächlich dazu geeignet, Hoffnung zu machen.

Der „engere Kern des Maskulismus“ mache aber nur etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung aus.

Arne Hoffmann kommt dadurch auf ca. 400.000 Männer – und das ist wohlgemerkt nur der harte Kern! Später werden noch 0,1% der Frauen genannt. Also kommen noch einmal 40.000 Frauen hinzu.

Der Fehler der Studie: Man wollte den Maskulismus kleinreden durch solche mageren Prozentangaben, übersah dabei aber, dass dabei immer noch große absolute Zahlen herauskommen. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall, erwähnt in einem CCC-Video (ich meine mit Martin Haase… oder Fefe?). Regierung oder Geheimdienst wollte die Bevölkerung in Sicherheit wiegen mit der Angabe, 99% der Bürger in Deutschland würden ja nicht abgehört. Leider entspricht das noch immer einer komplett abgehörten Großstadt. Auch spätere Korrekturen (99,9% oder 99,99%) ergaben zu hohe Fallzahlen.

Gemeint war: Das sind ganz wenige! In Wahrheit ist das schon eine gefährliche Menge. 1% können sich übers Internet organisieren. Der Effekt für einzelne Versprengte kann sein: Oh, ich bin nicht der einzige.

Letzten Endes stünde auch die allergefälligste Studie vor dem Problem, das Doppeldenk im Weltbild der Auftraggeber zu bedienen: Einerseits gehört dazu „Jeder mit gesundem Menschenverstand ist für uns“, andererseits „Wir werden von Männerhorden bedroht, die uns auf offener Straße guten Tag wünschen.

Diese Männer sähen in der Gleichstellungspolitik nur ein Synonym für die unnötige Frauenförderung.

Das liegt nur daran, dass sie es bis jetzt gewesen ist. Ich würde statt „unnötig“ lieber „einseitig“ verwenden.

Genderstudien – also Studien, die sich mit gesellschaftlichen Rollenbildern von Frauen und Männern auseinandersetzen – würden von dieser Gruppe kategorisch als „pseudowissenschaftlich“ und „ideologisch“ eingestuft.

Herzlichen Glückwunsch, richtig erkannt! Es ist nichts gegen eine echte Geschlechterwissenschaft einzuwenden – sie muss nur wissenschaftichen Ansprüchen genügen, also in diesem Fall die Biologie als Grundlage, nicht als konkurrierende Lehre oder Irrglauben sehen und ohne ideologische Scheuklappen durchs Leben gehen.

Gleichzeitig begreift die Mehrheit der Männer das Thema „Gleichstellung“ symmetrisch: Aus ihrer Sicht muss Gleichstellungspolitik gleichgewichtig die Gleichstellung von Frauen wie die Gleichstellung von Männern in den Blick nehmen. Das verlangt, nicht einfach nur die verschiedenen Themen der Frauen-Gleichstellung auf Männer zu übertragen, zu spiegeln oder „männlich zu deklinieren“, sondern einen eigenen neuen Blick zu entwickeln für die Bedürfnisse und Anliegen von Männern in ihrer Vielfalt heute. So sind 60% der Männer der Auffassung, dass sich Gleichstellungspolitik noch nicht ausreichend mit den Anliegen der Männer befasst.

Beachtlich, dass diese Einstellung so klar gebracht wird. Das ist die Kernüberzeugung von dem, was unter Männerrechten und Maskulismus vertreten wird.

Am häufigsten äußern junge Männer (68 %; besonders stark 26 %) den Wunsch nach einer offensiveren, differenzierten und systematischen Gleichstellungspolitik für Männer. Hier zeigt sich ein Generationeneffekt: Von den älteren zu den jüngeren Altersgruppen steigt der Anteil derer, die eine Gleichstellungspolitik für die Anliegen der Männer fordern, von 47% auf 68 %.

Bonus: Gerade die jüngeren Männer sehen das so. Also kein „alte Männer“-Bashing möglich. Hier ist er, der neue Mann!

Überhaupt, dass sich 60% der Männer gegen Gleichstellung aussprechen, obwohl diese Position in den Massenmedien und dem öffentlichen Diskurs als „rückständig“ oder „nazigleich“ verkauft wird. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass das eine gefällige Studie sein sollte… man kann das zwar noch so drehen, dass plötzlich „60% der Männer rückständige Nazipositionen unterstützen, diese bösen Männer mal wieder“, aber es bleibt doch der Eindruck, dass diese Propagandaschlacht trotz Dauerbeschallung verloren wurde. Im übrigen: So sieht das aus, wenn die eigene Persönlichkeit kein zartes Pflänzchen ist, die sich vom Gerede der Umgebung beliebig formen läßt.

Die gute Nachricht lautet also: Selbst in Veröffentlichung des ideologischen Gegners läßt sich anscheinend nicht mehr verschweigen, dass es auch Leute gibt, die die Welt ganz anders sehen, und einige der Positionen werden sogar korrekt wiedergegeben.

Selbst solche Teilerfolge sind begrüßenswert: Als Erzählmirnix einen eher weniger gelungenen Comic veröffentlichte, führt das laut den Kommentaren bei Alles Evolution dazu, dass überhaupt einmal Leute auf Maskulismus aufmerksam wurden. Die neugierigen, offenen, vielleicht auch ein wenig unzufriedenen, geistig hungrigen Leute sind die, die man zuerst erreichen kann!
Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Egal, was die ganze Studie sagt – von diesen Ausschnitten habe ich gute Laune! Ich lass mir das Leben nicht verdrießen!

Nik Kershaw: I Won’t Let The Sun Go Down On Me

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4 Antworten zu Warum ich mich über 400.000 Männer und 40.000 Frauen freue

  1. mitm schreibt:

    „Der „engere Kern des Maskulismus“ mache aber nur etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung aus.“

    Dann wäre der engere Kern des Maskulismus also eine demographische Gruppe, die ca. 10 mal größer als die Gruppe der Transsexuellen ist, und daher auch ein Anrecht auf 10 mal mehr Pöstchen in den Ministerien hat? Oder fürsorgliche Textzeilen im SPD-Wahlprogramm?

  2. mitm schreibt:

    „Wenn man dann noch berücksichtigt, dass das eine gefällige Studie sein sollte…“

    Ich hatte mich schon vor 3 Jahren ziemlich gewundert bzw. mokiert über eine ähnlich propagandistische Jugendstudie des SINUS-Instituts, ebenfalls im Auftrag von Frau Schwesig: das war ein reines Nachbeten feministischer Glaubenssätze. Das scheint diesmal nicht anders zu sein, deswegen lohnt es sich vermutlich nicht, den Text gründlich zu lesen oder wilde Schlußfolgerungen zu ziehen. Alleine Begriffe wie „Anti-Gender-Haltung“ zeigen, mit welcher ideologfischen Voreingenommenheit das Thema angegangen wurde.

    Die Fragen, die zum Messen der ideologischen Einstellung verwendet werden, kommen mir dubios vor. Die meisten Leute interessieren sich wenig für die politische Geschlechterthematik und kennen Begriffe wie „Gleichberechtigung“ und den Stand der Gesetzgebung oder das GPG nicht. Sie reproduzieren nur das, was ihnen die feministische Presse vorbetet. Insofern werden keine wirklichen Überzeugungen, sondern nur „gelenkte Meinungen“ gemessen, gemischt mit Erlebnissen im privaten Umfeld. Wenn es z.B. stimmt, daß „… 84 % sind der Meinung, dass die Verfassungsnorm ,,Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ (GG Art. 3 Abs. 2) in der Lebenswirklichkeit nicht eingelöst ist.“, dann beweist das nur eklatantes Unwissen über die aktuelle Gesetzeslage.

    Unter dieser Annahme erscheint mir die deutliche Ablehnung der feministischen Gleichstellungspolitik sogar überraschend hoch.

    • Graublau schreibt:

      Ab und zu lohnt es sich, Studien ganz durchzulesen. Ich erinnere mich bis heute daran, dass etwa die Allensbach-Studie über Eltern ganz andere Ergebnisse im Detail lieferte als die Auftraggeber eigentlich hören wollten. Das ist insofern ein Gewinn, als man dann nicht den Filter über Pressemitteilung oder Berichterstattung in der Presse vorgeschaltet bekommt. Aber es stimmt, dass man das nicht für jede Studie machen kann – der Aufwand ist einfach zu groß.

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