Warum ich „Dein Lied“ von Kraftklub positiver bewerte als Spreeblick

Bei Alles Evolution werden immer wieder mal Einschleim- und Anbiederungslieder, die auf Frauen abzielen, zum Thema gemacht. Also heute mal zur Abwechslung etwas ganz anderes: Johnny Haeusler ärgert sich bei Spreeblick über „Dein Lied“ von Kraftklub. Ein jeder lausche zunächst einmal selbst (dafür gibt es auch keine Popkultur am Ende, denn um die geht es im ganzen Blogbeitrag):

Kraftklub: Dein Lied

Ich muss sagen, dass es mich nicht umhaut, aber ich bin ja auch nicht die anvisierte Zielgruppe. Nette Grundidee, aber musikalisch eher so mittelprächtig.

Bei Spreeblick hingegen stößt man sich an dem angeblich frauenfeindlichem Text – und/oder vor allem der Tatsache, dass Kraftklub damit Anzeichen von Mainstream / Ausverkauf / nicht mehr Avangarde genug aufweist. Also dem Kern nach verletztes Fanboy-Herz, das Anzeichen für den Untergang des Abendlandes, äh, der reinen guten Musik, kommen sieht.

Ich gebe es zu: Dieser ganze Text, den ich hier tippe, ist allein aus verletzter Liebe entstanden. Ich bin wütend darüber, dass eine meiner Lieblingsbands so einen Scheiß abliefert.

Selbst wenn ich ansonsten nichts an der Kritik teile, möchte ich eines anerkennen: Zu erkennen, warum man so stark emotional auf etwas reagiert, und die eigene Meinung nicht als „einzig wahre“ zu setzen, ist lobenswert – und leider viel zu selten. Das macht für mich einen großen Unterschied und so kann ich gut einen Text lesen, dessen Aussagen ich nicht zustimme. (Mit anderen Worten: So schreibt man, um Leute mit anderer Meinung zu erreichen!)

Kommen wir nun zu dem Lied an sich. Vom Stil wie der Abriss einer Ballade inklusive Streichern, was ja auch zum Thema „Lied auf die Ex“ passt.

Was ist vorgefallen? Der Sänger beklagt, seine damalige Freundin habe ihn verlassen und sei nun mit seinem besten Freund zusammen. Außerdem scheint sie mit diesem schon im Bett gewesen zu sein, bevor es zur Trennung kam. Es gibt keine Brechung und daher auch keinen Anhaltspunkt dafür, dieser Schilderung nicht zu glauben – wenn sie in dem Universum des Liedes nicht wahr wäre, welchen Sinn hätte das Lied dann?

Sprich, den Typen trifft es dreifach: Verlassen, die Freundin war vorher untreu, und dann ist auch noch der beste Freund der Neue. Man kann also noch nicht einmal auf die Standardlösung beim verlassen werden, „mit dem besten Freund um die Häuser ziehen und sich volllaufen lassen“, zurückgreifen. Einzig dass dem Freund keine Standpauke gehalten wird – „broes before hoes“ oder so – ist ungerecht. Andererseits ist das Lied nur der Exfreundin gewidmet.

Interessanter als der Refrain sind die Strophen. Hier kommen drei typische Elemente für die Situation, dass der Mann von der Frau verlassen wird:

1. Rationalisierungen und Beschwichtigungen: „das hier verstehen“, „wo die Liebe hinfällt“, „macht doch nichts“, „bringt ja keinem was“, „die Erde dreht sich weiter“

2. Er soll bitte „vernünftig sein“: „wichtig ist gut auseinanderzugehen“, „beide Seiten zu sehen“, „war nicht alles schlecht“, er ist „konfliktscheu“. Letzteres ist ein Code für „er trägt die eigentliche Schuld für das Zerbrechen der Beziehung, auch wenn sie untreu gewesen ist“. Ein schöner Kniff, um auch bei Fehlverhalten der Frau doch noch den Mann als Bösewicht auszumachen!

3. Es soll bitte unbedingt die Harmonie bewahrt werden: „es muss keiner leiden“, „die Freunde müssen sich nicht entscheiden“ zwischen ihnen, er habe „in ihrem Herzen immer einen Platz“ – das ist natürlich alles Wunsch der Exfreundin und letzteres ist ein schaler Spruch, der den Verlassenen auch nicht tröstet, sondern maximal ihr schlechtes Gewissen beruhigen soll.

Das lyrische Ich nimmt all diesen „falsche Harmonie“-Mist und zertrümmert ihn. Und da muss ich sagen: Das ist keine schlechte Reaktion.

Um nach einer Beziehung klar Schiff zu machen, ist es erst einmal wichtig, sich von der Ex abzugrenzen und das zu tun, was einem selbst wichtig ist. Auch noch alles nach ihren Wünschen zu machen, nachdem sie untreu war und einen verlassen hat, das wäre selbsterniedrigend bis zur Selbstverleugnung.

Bei Spreeblick wird das hingegen so beschrieben und gewertet:

Im Kern singt das (…) „Dein Lied“ (…) ja ein verletzter, trauriger, verlassener Kerl, der seine Traurigkeit und Verletztheit aber nicht zulassen kann, der daher Wut bevorzugt und dem in seiner Armseligkeit nichts anderes einfällt, als die Ex als „verdammte Hure“ zu beschimpfen.

(…)

Man könnte (…) sagen, dass der Song eine bitterböse Abrechnung mit eben jenen Typen ist, die nicht einfach nur traurig sein können, sondern denen nichts anderes einfällt, als „Verdammte Hure!“ zu brüllen, wenn sie verlassen werden. Das Problem ist: Das klappt nicht bei „Dein Lied“. Ich habe beim Hören auf einen noch so subtilen Bruch im Text gewartet, auf den Moment, in dem einem das Höhöhö-Lachen im Halse stecken bleibt, weil der Autor der Zeilen plötzlich als der eigentliche Loser klar wird, aber dieser Moment passiert nicht.

Ich sehe das anders, denn ich meine, dass doch erst einmal jeder seine eigenen Emotionen hat. Hier auch noch zu befehlen, wie ein Mann gefälligst zu reagieren habe und dass es „richtige“ und „“unangemessene“ Gefühle gebe – das ist doch genau der emotionale Käfig, aus dem der moderne, emanzipierte Mann entfliehen sollte!

Ja, manch einer knallt sich die Birne zu und fängt dann plötzlich im Suff an zu heulen. Kein besonders erhabenes Erlebnis, aber sehr menschlich und verständlich. Ungerecht, aber wahr: Einer weinenden Frau wollen die Leute i.a. helfen, bei einem Mann ist man maximal peinlich berührt.

Andere Verlassene lästern erst einmal über die Ex ab: Die war doch sowieso blöd, da kann man ja froh sein, dass es jetzt endlich vorbei sei und so weiter. Sicher kein Beweis dafür, dass man über den Dingen steht, jedoch nachvollziehbar und wenn es beim Verarbeiten des Erlebten hilft… (und seien wir mal ehrlich: das gibt es doch mit umgekehrten Geschlechtern genauso!)

Und dann gibt es die Variante Nummer drei, dass man nicht zusammensackt wie ein Häuflein Elend, sondern aufgeputscht und aggressiv wird, dass man sich erst einmal abreagieren muss, am besten durch körperliche Betätigung. Wenn man diese Energie dann nicht verwendet, um Sachen oder andere Leute zu zertrümmern, sondern sie kreativ verarbeitet, dann ist schon viel gewonnen. Die – oft überwältigende – Kraft in positive, nützliche Bahnen zu lenken, ist die Herausforderung bei der Erziehung von Jungen zu Männern.

Und wenn irgendwelche Leute in irgendwelchen Kneipen dieses Lied hören und sich beim Mitgrölen des Refrains den Frust ob des eigenen verlassen-worden-Seins von der Seele schreien, anstatt an der Theke weiter vor sich hinzubrüten und zu glauben, sie seien die einzigen, denen es schlecht gehe, dann ist damit sogar etwas gewonnen.

In dieser Kategorie gefallen mir allerdings die härteren, tanzbareren Stücke etwas besser. Als erstes fallen mir von Farin Urlaub „1000 Jahre schlechten Sex“ und „OK“ ein – letzteres ist wirklich legendär. Warum sollten es stets nur traurige Liebeslieder à la „Buhuhu, sie hat mich verlassen“ sein? Was zum Abtanzen ist doch viel besser!

Insofern sehe ich es viel positiver als Johnny Haeusler: Hier sträubt sich jemand gegen all das, was da auf ihn eingeredet wird, und gestattet sich erst einmal seine Gefühle: Verletztheit, Fassungslosigkeit, Zorn. Aber er ergeht sich nicht in Rachefantasien, sondern setzt der Ex ein musikalisches Denkmal.

Was das so oft gefürchtete slut shaming angeht, so sei daran erinnert, dass es üblicherweise von Frauen ausgeht. Hier kann die fiktive Exfreundin als „die Böse“ ausgemacht werden, ohne dass es eine tatsächliche Frau trifft. Aufgrund des Geschilderten können die weiblichen Fans leicht Partei für den Sänger ergreifen: Die Freundin hat sich mies verhalten, man gönnt Ihr doch nicht so einen Typen.

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1 Kommentar zu „Warum ich „Dein Lied“ von Kraftklub positiver bewerte als Spreeblick“

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