Warum ich lieber Alice Greschkow lese als das Austin Institute gucke

Ich hatte Alice Greschkow ein wenig aus den Augen verloren. In den Kommentaren bei Alles Evolution wurde ein neuerer Artikel von ihr erwähnt, auf den es sich lohnt, einzugehen.

Ausgangspunkt ist das folgende Video. Es war schon einmal Thema bei Alles Evolution. Ich halte es in vielen Punkten kritisierenswert und ich habe das ausführlich dort in den Kommentaren gemacht.

The Austin Institute: The Economics of Sex

Ich möchte jetzt nicht jeden Halbsatz von Alice Greschkow auseinandernehmen, sondern lieber auf einige interessante Punkte eingehen. Auch sie sieht das Video kritisch, findet aber ebenfalls einige Teilwahrheiten oder bedenkenswerte Fragen.

Tatsächlich erkannte ich jedoch einige Muster wieder – Männer, die das Interesse an einer Frau verlieren, wenn es „zu früh“ zum Sex kam, Frauen, die mit Anfang 30 nach einem festen Partner suchen, aber langfristige Schwierigkeiten mit Dating haben.

Lebensweisheit: Wenn ein Mann nach dem Sex das Interesse an einer Frau verliert, dann hatte er von Anfang an nur Interesse an Sex, nicht an ihr. (Insofern auch keine verpasste Gelegenheit für eine Beziehung.)

Von einer Frau Anfang 30 würde ich in Nord- und Westeuropa erwarten, dass sie schon beziehungserfahren ist, dass sie beruflich einigermaßen die Weichen gestellt hat und eine Ahnung hat, wo die Reise in den nächsten fünf Jahren hingehen soll. Einer Frau Anfang 30, die noch nicht weiß, was sie will, würde ich skeptisch gegenüberstehen und sie nicht für eine Partnerschaft in Erwägung ziehen. Es gibt einfach im Vergleich dazu zu viele, die ihren Kram beisammen haben.

Ich fand es bis vor wenigen Jahren zu hart geurteilt, muss aber inzwischen zustimmen: Die besten Jahre einer Frau, was die äußere Attraktivität angeht, gehen mit den 20ern zuende. Schauspielerinnen, Sängerinnen und Fotomodelle sind kein Maßstab für Normalsterbliche. Natürlich gibt es welche, die sich gut halten, die in späteren Jahren mehr Stil haben oder die charakterlich gefestigter sind – und ja, am Ende kommt es auf die Kombination an. Aber für das „reine“ Flirten kommt es eben doch sehr stark aufs Aussehen an.

Eine düstere Interpretation wäre, dass man als Frau immer den Kürzeren gezogen hat

Ich kann es nur begrüßen, dass Alice Greschkow dieser These eine klare Absage erteilt. Glücklich wird man damit nämlich nicht.

Tatsächlich schwirren beide Komponenten seit Jahren durch die Diskussion: War jetzt die moderne Dating-Welt eine Befreiung für Frauen oder eine unnötige Härte? Präsentiert wird dabei gerne die Version der Erzählung, bei der die Frau einen Nachteil erleidet. Das ist natürlich eine sichere Anleitung zum Unglücklichksein, und es kann auch so nicht stimmen.

Wenn man schon wirtschaftlich in emotionalen Angelegenheiten argumentieren möchte, könnte man ebenfalls dafür plädieren, dass durch das hohe Angebot, die möglichst besten Partner zueinander finden, die aufgrund echten Interesses und nicht wegen Kosten-Nutzen-Abschätzungen und Schwangerschaft zusammenbleiben. Angebot schafft die Freiheit, sich den Partner zu suchen, mit dem man eine erfüllte Beziehung führen kann und – evolutionär betrachtet – mit dem man die höchste Wahrscheinlichkeit aufweist, gesunde Nachkommen in die Welt zu setzen.

Richtig. Man muss an dieser Freiheit nur aushalten können, dass dann eben mehr Frauen und Männer alleine bleiben. Es hat seine Vor- und Nachteile, aber es ist nicht der Untergang des Abendlandes.

Dass Menschen allerdings schwer mit Freiheit umgehen können, hat wenig mit Wirtschaftslogik zu tun, sondern mit der modernen Gesellschaft, in der man zwar von Optionen überschwemmt ist, aber nicht lernt, wie man verantwortungsbewusste Entscheidungen entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse trifft.

Ach, wie tut das gut, zu lesen, dass die Leute verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen müssen! Das ist ein ganz wichtiger Baustein gegen das ewige Klagen über „das Patriarchat“, „die Gesellschaft“, das Feindbild weißer Mann usw., die einen unterdrücken.

Ich muss zugeben, dass ich diesen Drang nach fester Bindung bereits in meinem Umfeld beobachten kann, was aber meines Erachtens auch daran liegt, dass es kein weibliches Pendant zum zufriedenen Junggesellen gibt. Die Frau, die mit 40 eine gute Karriere hat, gilt als alte Jungfer, während ihr männlicher Altersgenosse positiver konnotiert wird – zumindest im westlichen Kulturkreis. In osteuropäischen Ländern ist das Fehlen eines Partners ab einem bestimmten Alter auch bei Männern gesellschaftlich sanktioniert.

Das kenne ich genau umgekehrt: Eine Frau mit 40, die alleine ist, aber Karriere gemacht hat, gilt als modern – ein heterosexueller Mann, der dasselbe geschafft hat, gilt als Versager, weil er keine Frau an sich binden konnte. Ich hatte ja noch vor ein paar Tagen zitiert, wie sehr Singles zur Zielscheibe von Spott werden. Junggesellen zu beschämen („Hagestolze“) fügt sich ein in die 200-jährige Tradition der Moderne, Männern alles Schlechte zuzutrauen und sie daher alleine als unvollständig, verroht anzusehen (Christoph Kucklick).

In Osteuropa sind die Karten anders verteilt. Der Druck auf eine Frau, einen Mann zu finden, ist deutlich höher. Gleichzeitig ist – so zynisch es klingt – aufgrund der deutlich höheren Suizidraten unter Männern in einigen Ländern das Angebot an „tauglichen“ Männern auch knapper. Beides macht die Situation auf dem Partnermarkt für einen gesunden Mann mit solidem Einkommen im Vergleich zur Lage im Westen leichter.

Ein Bekannter von mir brachte es gut auf den Punkt: „Ihr Frauen arbeitet in guten Jobs, reist, seid viel unterwegs, feiert und habt selbstbestimmt Sex – ihr lebt wie ein Mann ohne Familie und den würdet ihr wegen dieses Lebensstils doch nicht auch bemitleiden, oder?“

Das ist mein Lieblingsteil im Artikel. Matze hatte ihn schon bei Alles Evolution zitiert, was mich überhaupt erst auf diesen Beitrag aufmerksam machte.

Es ist tatsächlich so: Wenn das die Situation einer Frau in Nord- und Westeuropa wiedergibt, hat sie keinen Grund zu klagen. Die meisten Männer würden jedenfalls gerne mit ihr tauschen. Wenn mir eine Frau Anfang 30 erzählen würde, sie wäre in dieser Lage und unzufrieden, weil sie allein sei, dann würde ich als erstes fragen, was sie denn in den Jahren davor gemacht hat. Nicht, dass es darauf keine gute Antwort gibt – ich würde sie nur gerne hören.

Also, das Video vom Austin Institute ist und bleibt merkwürdig, auch wenn es einige Anregungen zur Diskussion bietet. Alice Greschkows Texte kann ich nach wie vor entspannt lesen, ohne dass ich ihr in jedem Punkt zustimmen müsste.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Austin, nicht Aspen! 😀

Blake Shelton: Austin

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2 Antworten zu Warum ich lieber Alice Greschkow lese als das Austin Institute gucke

  1. GOI schreibt:

    Die gute Alice spielt sich in ihrem Blog gerne als die große Weltbürgerin auf. Klar, kommt aus Bulgarien, lebt seit langem in Deutschland und wird nicht müde, den dummen Autochtonen die feinen Unterschiede innerhalb Europas zu erklären.
    Jetzt nimmt sie ein Video aus den USA, welches sich mit einem gesellschaftlichen Phänomen in den USA auseinandersetzt und übernimmt es 1:1 für Deutschland (und Europa?).
    Nein, sie macht den gleichen Fehler wie so viele: die USA haben eine von Europa sehr verschiedene Kultur/Gesellschaft. Wer das ignoriert ist kein Weltbürger.

    • Graublau schreibt:

      Klar, kommt aus Bulgarien, lebt seit langem in Deutschland und wird nicht müde, den dummen Autochtonen die feinen Unterschiede innerhalb Europas zu erklären.

      Ich hatte vor ein paar Jahren ein Erlebnis, bei dem sich jemand völlig ignorant gegenüber Osteuropa geäußert hat („ist doch eh alles dasselbe!“). Insofern finde ich solche Ost-West-Erklärungen durchaus angebracht. Zumal es für mich sehr positiv war, zu erleben, wie hoch angesehen deutsche Männer z.T. in Osteuropa sind (ja, auch dort, wo man kein Schengen-Visum durch Heirat erlangen muss).

      Jetzt nimmt sie ein Video aus den USA, welches sich mit einem gesellschaftlichen Phänomen in den USA auseinandersetzt und übernimmt es 1:1 für Deutschland (und Europa?).
      Nein, sie macht den gleichen Fehler wie so viele: die USA haben eine von Europa sehr verschiedene Kultur/Gesellschaft. Wer das ignoriert ist kein Weltbürger.

      Das sehe ich etwas lockerer: Sie nimmt das Video als Basis für eigene Überlegungen. So etwas mache ich ja auch. Auch „nein, so ist es nicht“ oder „nein, so ist es hier in Europa nicht“ kann ein mögliches Ergebnis einer solchen Analyse sein. Vielleicht hätte ich doch meinen alten Kommentarschwall zitieren sollen, da kamen sehr viele Kritikpunkte zu dem Video.

      Ansonsten erinnere ich mich gelesen zu haben, dass sie sich selbst der Grenzen ihrer eigenen Perspektive („aus dem Großraum Berlin“) bewusst ist und die Leser fragt. Das ist doch sympathisch; mehr als die eigene Perspektive kann ich auch nicht anbieten.

      Was ich allerdings auch schon mehrfach gelesen habe: Wie Sachen 1:1 aus den USA zu uns übetragen werden:
      – rape culture durch fraternities an den Unis
      – Schwarze (sind bei uns viel seltener)
      Das Ergebnis pass natürlich vorne und hinten nicht.

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