Warum ich einmal grundsätzlich zum „gender empathy gap“ schreibe

Der Begriff „gender empathy gap“ wird taucht immer wieder in der Geschlechterdebatte auf. Aber was steckt genau dahinter?

Ich wollte schon lange einen Grundsatzartikel dazu schreiben, konnte mich aber nie entscheiden, wie herum ich die Argumentation aufziehen wollte. War das „gender empathy gap“ Ursache oder Wirkung, Annahme oder Folgerung? Schließlich wollte ich einen Zirkelschluss vermeiden. Dann las ich, was der Doktorant zu Induktion und Deduktion geschrieben hat, und ich hatte endlich eine Idee. Mal sehen, ob ich sie Sache halbwegs anständig über die Bühne bringe oder mich übernehme.

Meine Definition

Das „gender empathy gap“ – also die Empathielücke zwischen den Geschlechtern – bezeichnet das Phänomen, dass unter denselben Umständen die Angehörige eines Geschlechtes mehr Mitgefühl bekommen als die des anderen. Allgemein gilt dies im Durchschnitt, das heißt, auch wenn allgemein einem Geschlecht weniger Empathie entgegengebracht wird, kann es Fälle geben, in denen das andere weniger abbekommt.

So weit, so gut. Diese Definition sagt so noch nichts darüber aus
– ob dies tatsächlich allgemein so gilt
– welchem Geschlecht gegenüber weniger Empathie gilt
– was die Ursache hierfür ist

Diese Definition ist ferner dafür offen, dass es andere Kriterien für Empathie gibt, die stärker wirken als dieser Unterschied bei ansonsten gleichen Voraussetzungen.

Beispiele für Männer

Männerrechtler / Maskulisten führen an, dass Männern im allgemeinen weniger Mitgefühl entgegengebracht wird. Das fängt an mit Formulierungen in den Nachrichten wie „unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder“, nach denen es offenbar weniger schrecklich ist, wenn Männer die Opfer sind.

Fefe hatte die Frage nach der Empathie einmal in größerem Zusammenhang gestellt, was ich an anderer Stelle bereits zitiert hatte:

Habe vorhin kurz bei zwei Biologen und einer Psychologin nachgehakt:

Im Wesentlichen triggert

  1. der Tod eines Kindes am stärksten,
  2. dann der einer attraktiven Frau im gebärfähigen Alter,
  3. dann folgt der Tod eines „schwachen“ Menschen (alt, körperlich eingeschränkt, geistig eingeschränkt und, tatsächlich, „alle anderen Frauen“ -> also Frau tatsächlich auf derselben Empörungsstufe wie ein „behinderter“ Mensch!)
  4. und dann erst folgen Männer.

Männer im wehrfähigen Alter erhalten das geringste Mitgefühl, wenn ihnen etwas wie „Tod durch Erschießen“ widerfährt.

Die Einsender bei Fefe hatten zum Großteil Evolutionsbiologie als Ursache angegeben. Sowohl die Verfeinerung der Empathierangfolge als auch die Erklärung erscheinen mir schlüssig.

Das Schöne an dem biologischen Hintergrund ist ja: Es ist verständlich, ohne dass es bedeutet, dass es so bleiben soll. Insbesondere in einem westlichen Industriestaat ist nicht einzusehen, warum gegen diese biologischen Grundlagen, die früher einmal sinnvoll waren, nicht jetzt gegengesteuert werden sollte (wenn sich auch, da bin ich realistisch, die Biologie nie verleugnen oder negieren läßt). Insbesondere die kulturelle Ausformung ist ja gerade nicht durch die Biologie vorbestimmt, selbst wenn die Biologie einen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen man sich bewegen kann.

Dies ist kein „reines Männeranliegen“, wie Genderama an einem interessanten Fall belegte. Hintergrund war eine steigende Zahl von Übergriffen gegen Frauen bei der Polizei. Nach wie vor sind allerdings zu 82,5% Männer betroffen, sogar 87,5% bei Totschlag. Ein Leser kommentierte: Bei der französischen Polizei seien Frauen anstrengend, weil sich im Konfliktfall die Männer automatisch vor sie stellten. Man kenne von der israelischen Armee, dass Soldaten ihren Auftrag vergäßen, um eine Soldatin zu retten. Die Veränderung in Deutschland sei also ein Zeichen von Gleichberechtigung. Die Reaktion darauf war allerdings, dass der Chef der Gewerkschaft der Polizei NRW eine Begrenzung des Frauenanteils forderte. Arne Hoffmann urteilte:

Die Tendenz, das Leiden von Männern leichter als das Leiden von Frauen zu gewichten, droht hier ausnahmsweise auch einmal die Gleichberechtigung von Frauen zu torpedieren.

Zur Kultur, genauer zur Popkultur, äußerte sich Blogger uepsilonniks in einem Kommentar bei „Alles Evolution“:

Man schaue sich mal an, wer als Vertreter seines Geschlechts etwa in Action-Filmen Gewalt erfährt und reihenweise getötet wird, ohne dass es den Filmspaß trübt. Wären es Frauen die vom Helden abgeschlachtet würden, der Film würde keinen Spaß machen (genauso wie bei Kindern). Auch das zeigt: Wir verurteilen Gewalt gegen Frauen stärker, leiden mit, können das nicht auf die leichte Schulter nehmen sind also anders als bei Männern dem gegenüber sensibilisiert.

Folgen zur kritischen Beobachtung

Was sind die erwartbaren Folgen eines solchen Empathieunterschiedes gegenüber Männern allgemein bzw. Männern im wehrfähigen Alter?

Nummer eins wäre für mich, dass man sich weniger um diese allgemeine und noch weniger um deren spezielle Untergruppe kümmert. Stattdessen werden sie sich selbst überlassen.

Einen institutionellen Hinweis in diese Richtung haben wir schon: Das BMFSFJ kümmert sich um alle außer Männer zwischen 18 und Rentenalter.

Nummer zwei: Probleme aller Art, von denen sie ausschließlich oder in stärkerem Maße als andere betroffen sind, bekommen weniger Aufmerksamkeit.

Wie ich im oben bereits erwähnten Artikel, in dem ich einen Beitrag von Fefe zitierte, schrieb:

Die geringere Empathie bei Männern wird sich bei der Behebung von Problemen, von denen Männer häufiger betroffen sind (Selbstmord, Obdachlosigkeit, Trennung von Kindern) erschwerend auswirken.

Nummer drei: Wird dann doch einmal spezielle Aufmerksamkeit für diese Gruppen gefordert, dann erwarte ich einen Abwehrreflex, gerne getragen von dem Gefühl, dass man das Mitleid „an die falschen Leute verschwendet, die es am wenigsten brauchen“.

Hier kann dann als „Begründung“ eine Argumentation mit Durchschnitten kommen, etwa welche Gruppe insgesamt im Schnitt reich ist, Macht hat usw., ohne zu berücksichtigen, dass die Mitglieder einer demographisch definierten Gruppe keineswegs untereinander zusammenhalten und alle anderen ausklammern und dass ein Durchschnitt nichts bedeutet, wenn man die Varianz, Standardabweichung, kurz: Verteilung innerhalb der Gruppe zu kennen.

Was die Probleme, die außerhalb der Aufmerksamkeit liegen, angeht, so drückt es Martin Daubney so aus (gefunden via Genderama):

Man muss beweisen, dass Männer und Jungen leiden, weil es die meisten Leute einfach nicht glauben.

Hilfsangebote speziell für Männer und Jungen erleben eine Abwehr. Das führt dann zum Beispiel zu Sachbeschädigung.

Wie kommt man die Probleme derzeit aus dem toten Winkel? Wie es Matze sinngemäß beschrieb: Probleme, die Männer haben, werden erst dann relevant, wenn Frauen durch sie Nachteile erleiden.

Was tun?

Wenn der gender empathy gap tatsächlich vor allem Männer trifft, dann ergeben sich darauf einige interessante Konsequenzen, wenn man Schieflagen mehr Aufmerksamkeit verschaffen möchte, von denen Männer besonders betroffen sind:

Weil Männer weniger Mitleid bekommen…

  1. …ist es wichtig, auf die Verzahnung des Wohlergehens von Männern mit dem von Frauen und Kindern hinzuweisen, also gerade das Gegenteils des „Geschlechterkrieges“ zu präsentieren. Lucas Schoppe hat diesen Aspekt so oft erwähnt, dass ich aufgehört habe, zu zählen.
  2. …ist das Etablieren und Einhalten allgemeiner, universaler Rechte dienlicher als eine spezielle Aufmerksamkeit oder Förderung. Kurioserweise ist letzteres eine Standardforderung von Lügnern und Manipulatoren (SJW) sowie Gender-Feministinnen, während sich auf ersteres einige Gegner dieser Gruppen berufen.
  3. …lohnt es sich, beim Interesse wecken für ein Problem gerade keinen besonderen Wert auf das Geschlecht der Betroffenen zu legen oder weibliche Betroffene ins Rampenlicht zu rücken. Das passt frappierend mit der Beobachtung zusammen, dass sobald über eine Betroffenengruppe berichtet wird, die überwiegend männlich ist, entweder das Geschlecht nicht erwähnt wird oder besonderer Fokus auf der weiblichen Minderheit liegt.

Das alles gilt allerdings nur vor dem Hintergrund, dass man diesen „gender empathy gap“ als „gegeben“ hinnimmt und nicht gegen ihn angeht. Angesichts der Lage der Dinge halte ich es allerdings für utopisch, dass das zuerst geschieht.

Die argumentative Redlichkeit gebietet es außerdem, stets zu messen, ob es Beispiele gibt, die den oben genannten Ausführungen widersprechen. Es darf ja nicht in die Richtung gehen „wir nehmen den gender empathy gap als gegeben hin und stellen ihn nicht mehr in Frage“. Es muss stets eine Offenheit geben in die Richtung „Was würden wir denn erwarten, wenn es sich so verhält? Was beobachten wir in der Realität? Was entspricht unseren Erwartungen, was verhält sich anders?“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass es tatsächlich einmal eine Band mit diesem Namen gegeben hat…

The Gap Band: Early In The Morning

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4 Kommentare zu „Warum ich einmal grundsätzlich zum „gender empathy gap“ schreibe“

  1. Das Gender Empathy Gap betrifft nicht nur, wie sehr das Leiden anderer auffällt oder beachtet wird, es betrifft auch die Bereitschaft selber etwas zu leisten oder Einschränkungen hinzunehmen, um das Leiden zu lindern. Und an der Stelle werden alle Taktiken, die auf Täuschungen durch Verheimlichung des Geschlechts basieren, nutzlos bevor es ernst wird und geholfen werden könnte.

    Das Gender Empathy Gap ist ein ziemlich ernstes Problem. Es steht meiner Ansicht nach jeder echten Gleichheit fundamental im Wege. Wenn nur das eine Geschlecht bereit ist, sich für das andere aufzuopfern und das andere Geschlecht eine sehr tiefsitzende Unfähigkeit dazu hat, dann kann daraus keine funktionierende Balance oder Partnerschaft entstehen. Der empathischere Teil wird dabei immer draufzahlen.

    Die einzig realistische Weg das Gender Empathy Gap zu schließen ist, als Mann sich der Empathie mit und für Frauen bewusst zu verweigern. Und siehe an: genau diese „Arschlöcher“ lieben Frauen.

  2. Arne hatte da auch schon mal etwas zu:

    https://www.anthonynolan.org/news/2014/08/11/brits-more-likely-help-their-pet-man-or-teenager-says-new-survey

    Man hilft lieber einem Haustier, wie einem Mann.

    Ich hatte da vor kurzem auch einen Vortrag zu gesehen. Ich glaube es war ein Pyschologe der das Publikum aufforderte sich vorzustellen, man kommt in ein Restaurant und sieht dort eine einzelne Frau sitzen die weint. Was ist der erste Gedanke? „Ohhh, was ist mit ihr?/Was hat man ihr angetan. Dann gleiche Szenerie, bloß mit einem weinenden Mann. Was ist der erste Gedanke? „Der soll weggehen/(empörtes) Was stimmt bloß nicht mit dem?“.

    Problem sieht er dann auch in der Feminisierung der Psychologie: Allheilmittel bei Frauen ist Reden und Augenkontakt herstellen. Und genau das wird dann, wahrscheinlich wider besseren Wissens, auch bei Männer so angewandt. Bloß in welchen Situationen schauen Männer anderen fest in die Augen? Z.B. beim Boxen, wenn gekämpft wird/ als Herausforderung – ziemlich ungeeignet für jemanden der Hilfe sucht. Genauso das Reden. Männer lösen Probleme besser in dem sie etwas tun, anstatt nur zu reden. Aktion -> Reaktion -> Lösung.

  3. Diesen deutlichen Gegensatz bei Mitgefühl und Empathie beschreibe und analysiere ich in meinen Büchern und Artikeln. Grundsätzlich gibt es zwei Hauptgründe:

    (1) Evolutionsbiologie. Aus dieser ergeben sich zwei Mechanismen
    (1.a) Schutz von Kindern, Müttern, fruchtbaren oder Kinder versorgenden Frauen, weil Kinder die Zukunft sind, von denen das Überleben der Gene abhängt.
    (1.b) Ausschluß von nicht ausreichend hochrangigen Männern, weil das männliche Geschlecht als Filter für Gene dient: Verlierer sollen sich nicht fortpflanzen und daher kein Mitgefühl erhalten.
    Daraus folgt eine in zweifacher Hinsicht angeboren schiefe Wahrnehmung.

    (2) Ideologie
    Tief verankert ist Misandrie seit Jahrhunderten. Die Ideologie der „Gleichheit“ hat seit langem schiefe Vergleiche ausgelöst, die bevorzugte Frauen als angeblich „benachteiligt“ hinstellt – zusätzlich zu dem, was bereits angeboren ist. Feminismus hat das radikal verschärft, sich die Opferrolle gesichert und seit Generationen argwöhnisch darüber gewacht, daß Männer ihnen diese „Opferrolle“ nicht wegnehmen. Jeder Ansatz der Entlarvung oder richtigen Darstellung von Männern als überwiegendes Opfer wurde verhöhnt und madig gemacht.

    Dabei stehen Feministen nicht allein. Auch Männer, sogar Konservative oder manche Aktivisten, haben ein Problem damit, Männer als Opfer zu sehen. Dann beschimpfen sie ihre eigenen Vertreter. Manche Konservative stimmen lieber Feministen zu, die zwar den „bösen starken Mann“ bekämpfen, aber in ihrem Männerhaß Männer wenigstens noch als „dominant“ und „stark“ sehen. Weil ihnen das bei meiner Feminismuskritik zu fehlen schien, wetterten sie dann gegen die Kritik. (Womit sie zeigten, es nicht gelesen und daher nicht verstanden zu haben.)

    Leider wird die neue Argumentation mitsamt Büchern fast total ignoriert.

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