Fundstück: Las Balkanieras: „Warum Sabine?“ oder „Als Frau in der Friendzone“

Resolute Nuss weist in einem Kommentar auf die Gefahr hin, sich den Spaß an der Popkultur dadurch kaputtzumachen, dass man alles analysiert. Das halte ich für eine sehr gute Warnung – gerade, um sie auf sich selbst anzuwenden: Habe ich inzwischen schon so einen Tunnelblick, dass ich überall „mein Thema“ sehe? Muss ich ständig aufzeigen, dass hier „meine Theorie“ am Werk ist? Gilt nie „es ist, was es ist„, sondern muss alles eine versteckte Bedeutung haben, die in Richtung meines Weltbildes deutet? Ich möchte das mal an einem ganz konkreten Beispiel ausführen, das sowieso schon als Artikelidee vorgemerkt war.

Las Balkanieras: Warum Sabine?

Las Balkanieras besingen hier, ganz einfach ausgedrückt, das Thema „Als Frau in der Friendzone„. Ein völliges unverdächtiges Stück Popkultur, möchte man sagen. Mir fallen daran mindestens drei positive Aspekte auf:

  1. Wenn schon sich beklagen, dann wenigstens tanzbar!
  2. Mit all dem Aufgezählten wirkt es so übersteigert, dass es auch Unterhaltungswert hat.
  3. Den Frust kreativ zu verwenden, halte ich für gute Idee.

Dasselbe Lied – kaputtanalysiert

Eine so positive, schöne, unbeschwerte Welt kann man natürlich nicht so stehenlassen. Da muss doch irgendetwas ganz schreckliches dran sein, schließlich ist nichts „einfach so“ oder „unschuldig“! Wie müsste der Text des Liedes gedeutet werden, wenn hier ein Mann über eine Frau schmachten und man die Maßstäbe von poststrukturellen Feminismus anwenden würde?

„Du liebst mich nicht (…) und ich weiß, dass Du mich nicht siehst / Warum nicht ich?“ – Der Refrain enthält gleich mehrfach unbegründete Vorwürfe. Hier wird die Realität nicht akzeptiert.

„Vor jedem Tag küss ich Dein Bild auf meinem Nachttisch“ – Wenn das ein Mann über eine Frau singt, ist das „creepy“ und Objektifizierung.

„Jeden Morgen im Büro bring ich Dir Kaffee Latte“ – Hier beklagt sich jemand darüber, nicht geliebt zu werden, nur weil er irgendwelche Gefallen tut! Klarer Fall „ich mache soviel für Dich, da habe ich doch mehr verdient“!

„Zur Mittagspause plan‘ ich Essen beim Chinesen“ – ohne die Frau vorher zu fragen! Hier wird jemand gar nicht erst nach seinen Wünschen gefragt.

„[Er] ist doch farblos“ – Typisches Friendzone-Gejammer. Lernt endlich, die Wahl einer Frau zu akzeptieren!

Dann kommt noch verstärkend eine Zeile, die stark an eine Werbung aus den 1990ern erinnert:

Jade-Mascara-Werbung: „Was hat sie, was ich nicht habe?“

Also völlig von Neid zerfressen.

Durch das ganze Lied zieht sich eine Aufzählung, wie attraktiv die singende Person eigentlich ist und wieviel sie dafür tut. Auch das soll die Wahl der Frau delegitimieren.

„Ich weiß eines Tages kommt die Gelegenheit / Um Dich zu kriegen, zahl‘ ich jeden Preis“ – Das klingt erst recht creepy, so etwas könnte auch ein späterer Stalker oder Vergewaltiger singen (wobei Männer natürlich alle potentielle Vergewaltiger sind).

Sprich, kaum dreht man die Verteilung der Geschlechter in dem Lied um, kann man aus dem Text beliebig Belege dafür finden, in was für einer Hölle Frauen in der westlichen Welt leben und wie sie die ganze Zeit mit Propaganda beballert werden, um in Angst zu leben und ja nicht aufzumucken. Das hat natürlich mit der Realität, in der ich lebe, nichts zu tun. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie man quasi aus dem Nichts Vorwürfe und Betroffenheit generieren kann.

Las Balkanieras zum Lied

Um wieder in die normale Welt zurückzukommen und weil ich den Artikel mit etwas Positivem beenden möchte: Zwei Mitglieder der Band haben eigene Deutungen und Erklärungen aufgenommen.

Filozofija

Es gehe natürlich nicht um eine konkrete Person. Sabine sei ein Symbol für die Frauen, die sagten, sie seien besser als man selbst. Auch wenn man sich nicht „selbst optimiere“, habe man das Recht, glücklich zu sein.

Analyse: Sei kein Klaffi!

Sabine sei emanzipiert; eine unabhängige Frau, die wisse, was sie wolle. Solange man das ganze Schönheitsprogramm aber für den Mann mache und nicht für sich selbst, finde der Mann einen langweilig. Männer wollen keinen „Klaffi“ (also ein Schoßhündchen) – und Las Balkanieras auch nicht. Was immer man auch tun wolle, man tue es für sich. Auch in einer Beziehung sei das ständige Hinterhertelefonieren falsch. Eine gute Frau frage nicht, wo ihr Mann sei, sie wisse es.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Mit demselben Beat (oder Riddim) von Mungo’s HiFi erschien bereits 2012 in Belgien das folgende Lied.

Lisa Bennett: Apple Tree