Fundstücke: Alternative Deutungen zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“

Als ich schrieb, warum ich „Groundhog Day“ so toll finde, gab es darauf unverhofft viele Reaktionen. Am interessantesten sind dabei diejenigen, welche meiner Deutung widersprechen oder andere Aspekte hervorheben.

only_me:

Kehrseite: Ein Film, der zelebriert, dass Männer keine Human Beings, sondern Human Doings sein müssen, um akzeptiert zu werden.

Das stößt mir sauer auf, während ich es mit einem „Das ist halt so“-Seufzer akzeptiere.

crumar findet den Film großartig und schreibt gleich mehrere Kommentare, die ich hier stückweise gemeinsam verwurste, in der Hoffnung, dass man trotzdem noch einen Sinn erkennt:

Zum Kommentar von only_me:

Kehrseite 2: Die Moral von der Geschichte ist, nur eine Frau kann einen Mann erretten.
Um das von only me gesagte aufzugreifen: Der Mann ist demnach „damsel in doing“.

Zu meiner These, dass Phil Rita am Ende nicht nötig habe:

Natürlich hat er sie nötig – sie schlafen am Schluss gemeinsam ein, ohne dass es zu sexuellen Handlungen kommt, nachdem er durch seine Taten sein reines Herz bewiesen hat und damit das ihre gewann.
Voila: Errettung und Erlösung!
Ist dir das nicht aufgefallen?
Die männliche Hölle der Unendlichkeit des einen Tages (Hamsterrad) tauscht er ein gegen das, worauf er zunächst verzichtet (Sex), um die „echte“ Unendlichkeit dann *durch das Weib* zu erhalten. Lieferung in der Regel nach 9 Monaten.

Zur Pointe, dass Phil eine ganze Weile versucht, Rita herumzubekommen, und gerade dann, wenn es möglich wäre, er es doch nicht macht:

Normalerweise hätten wir ein Signal für den dann stattfindenden Sex > Nahaufnahme leidenschaftlicher Kuss zum Beispiel – Blende.
Das findet hier nicht statt und es findet nicht statt, weil KEIN SEX die Pointe ist.

Der VERZICHT auf das gängige Klischee, diese Frau – als Ziel – herum zu bekommen widerspricht *einem* Handlungsstrang des Films, in dem gezeigt wird, wie er versucht, diese Frau herum zu bekommen.

*Rückwärts gerechnet* – ab ERRETTUNG und ERLÖSUNG lässt sich nun feststellen, welche Mittel zum Erfolg geführt haben.
Und eines der Mittel war demzufolge die Preisgabe des *männlichen ZIELS* diese Frau herum zu bekommen; ergo (ohne Preisschild) Sex mit ihr zu haben.
Demnach ist ERFOLG Preisgabe des – ursprünglichen – männlichen Ziels.
Noch einmal: *Errettung und Erlösung* durch PREISGABE des ursprünglichen männlichen Ziels.

Wir waten hier also knietief in einem WEIBLICHEN Narrativ.
Es ist egal, welches Geschlecht die Drehbuchautoren haben, es sind Frauen, die Frauen gewinnen lassen wollen oder Männer, die exakt das Selbe wollen.

Das gesamte Narrativ ist zutiefst sexistisch.
Es ist komplett unmöglich die „gender“ zu tauschen, weil dem Publikum sofort der Betrug um die Ohren fliegen würde.

Zur (nur scheinbar gegenseitigen) Vertrautheit, die zwischen Phil und Rita am Ende besteht:

Aus *seiner* Perspektive hat er unendlich viele Tage mit ihr verbracht, in zahllosen dates.
Er kennt wahrscheinlich ihre Lebensgeschichte besser als sie selbst.
D.h. das *Erfahrungs*gefälle männlich vs. weiblich ist Bestandteil der Konstruktion der Geschichte.
An dieser Stelle schon könntest du das Geschlecht nicht tauschen – versuche dem Publikum zu vermitteln, dass Frauen 20 Anläufe unternehmen, um das erste date zu einem Erfolg zu machen.
Niemand würde es dir abkaufen.

Diese „Vertrautheit“ aus seiner Perspektive ist also real und Resultat seiner Bemühungen über x-Tage hinweg.
Wir sehen die Entwicklung, seine Entwicklung, wir sehen den Prozess und der Prozess ist die „katalytische Wirkung“.
Um so mehr er sich zu dem entwickelt, was *sie* in einem Mann sehen will und an diesem attraktiv findet – was zuuuuuuuufälligerweise (Kucklick brüllt) Hand in Hand geht mit seiner Entwicklung hin zu einem sozialen, fürsorglichen usw. Menschen – desto mehr hingezogen fühlt sie sich zu ihm.
Für *ihn* wird dieser Prozess jedoch *erst* zu einem Erfolg, wenn sie vom *Ergebnis* des Prozesses überzeugt ist und diesen – taraaa – als PRODUKT ersteigert.

Tausche hier das Geschlecht und ein feministischer shitstorm in Tsunami-Größe würde dich hinwegfegen!
Jede Feministin würde diese Geschichte einem unterdrückerischen Patriarchat zuschreiben, das Frauen durch internalisierte Frauenfeindlichkeit zur Selbstoptimierung zwingt, um patriarchalen Normen zu entsprechen, denen sie niemals genügen kann.
Und als ob das nicht schon schlimm genug ist, Anne, wird sie sexuell objektifiziert, auf einer Auktion wie ein Stück Fleisch angepriesen und als Ware (Zwangsprostitution!) versteigert!!!
Dass Hollywood sich überhaupt jemals getraut hat, solche sexistischen Filme abzuliefern…

Aber zurück zum Film selbst.
Graublau schreibt: „Es war für mich immer gerade die Pointe, dass Phil Rita ins Bett bekommt, als er es nicht mehr braucht.“
In einem Film werden die Motive der Figuren per Drehbuch konstruiert und nichts spricht aus einer männlichen Perspektive dafür, dass ein Mann Sex „nicht mehr braucht“.
Hingegen alles dafür, die Drehbuchschreiber/-innen waren der festen Überzeugung, er *soll* Sex nicht mehr brauchen *wollen*.

Denn gerade mit dem „freiwilligen Verzicht“ (laut Drehbuch) auf sein ursprüngliches Ziel findet die männliche Seele Läuterung.
Und darf friedlich einschlafen, Amen (so weit ich mich erinnern kann, gab es wenigstens am nächsten Morgen Sex).
(…)
Ganz ehrlich: Mann liegt im Bett neben seiner Traumfrau (Andie MacDowell war hotttttttttttttttttt!), die einen am gleichen Abend auch noch ersteigert hat….und schläft ein. Wäre Bill Murray nicht die Filmfigur, sondern ein realer Mann gewesen, ich hätte ihn in den Hintern getreten.

Und schließlich nochmals an mich gerichtet:

Du begehst einen klassischen Fehler, nämlich die Geschichte NICHT RÜCKWÄRTS zu betrachten.
Das ist nämlich die weibliche Perspektive – alle Schritte zu betrachten, die EX POST zu diesem ERFOLG geführt haben.
Du fragst und siehst aus einer vorwärts gerichteten männlichen Perspektive, die für die Dynamik des Films KEINERLEI Rolle gespielt hat.
Der Clou ist, die männliche Perspektive auszuhebeln, indem dieser EINE Tag immer wiederholt wird, was männliches Fortschrittsdenken per se beerdigt.
Im Gegenteil: „Da zieht Phil doch eine coole Nummer ab. Ebenso die Sache mit der Eisskulptur: In erster Linie eine persönliche Fähigkeit, mit der man außerdem Leute beeindrucken kann.“
Schatz, was hat es ihm denn gebracht?
Was war das RESULTAT seiner HANDLUNG?!
War es ein Erfolg oder ein Misserfolg?
Mit der Verweigerung einer Rechenschaftslegung ist dies die ENTEIGNUNG eines individuellen, männlichen Lerneffekts.

Du drehst den männlichen frame ins Absurde, ohne den weiblichen zu begreifen.

„Aber ein reines Herz wäre nicht auf solche Showeffekte wie den Bandauftritt ausgelegt“ – es ist die weibliche Version davon.
Die weibliche Version der Showeffekte ist, den Bandauftritt hinzubekommen, ergo muss er individuell DAVOR Klavier lernen.
Das ist demnach KEINE individuelle Entscheidung.
Die Präsentation des Films ergeht sich darin, dir eine Logik zu präsentieren, als WÄRE es seine eigene.

Rechne RÜCKWÄRTS, was in weiblichen Augen *dieser Mann* an Fähigkeiten besitzen muss, um *diese Frau* zu bezaubern und du hast die Hälfte des Films entzaubert.
Demnach ist es kein Geheimnis mehr, wenn ich dir die weibliche LÖSUNG präsentiere: „Sie schlafen am Schluss gemeinsam ein, ohne dass es zu sexuellen Handlungen kommt, nachdem er durch seine Taten sein reines Herz bewiesen hat und damit das ihre gewann.
Voila: Errettung und Erlösung!“

Und JETZT konstruiere einen Film, in dem ALLE männlichen Handlungen auf diese LÖSUNG zulaufen.
Das ist nämlich der weibliche frame und dieser ist die GRUNDKONSTRUKTION des Films.

Und schließlich, diesmal an Fiete gerichtet:

Wer die Analyse der Popkultur auf Ideologien von Männlichkeit und Weiblichkeit vernachlässigt oder unterlässt, wird nicht weit kommen.

Natürlich kannst du in einem Märchen die klassische Situation des aristokratischen Prinzen setzen, der die Prinzessin rettet (feministisch: damsel in distress).
Aus einer *männlichen Perspektive* jedoch sind die Bemühungen verbunden mit der Versprechung, sämtliche Bemühungen würden auf einen Gewinn = Belohnung hinauslaufen.
In einer solchen Gleichung muss der Gewinn immer mehr oder mindestens gleich viel wert sein wie die Summe der Bemühungen, sonst wäre das Versprechen der Belohnung eine Farce. Oder sie wären bspw. eine Sühne für eine Untat, wie die zwölf Taten des Halbgotts Herakles im Dienste des König Eurystheus.
Das ist ein abrechenbares Geschäft auf rationaler Basis (Zwölf Taten auf der To-Do-Liste. Check.).
So rational wird es aber nicht aufgeführt, denn es ist schließlich ein Märchen und der Held tut es aus wahrer Liebe, nicht wahr?!

Wo kämen wir hin, wenn der Held eingangs *von sich aus* abwägen würde, wie viele und welche solcher Taten ihm zumutbar erschienen?
Sagen wir, der Prinz/Held/Halbgott dieser Geschichte bietet: „Zehn!“
„Hallo, in der Geschichte sind es aber ZWÖLF!“
„Ok, einigen wir uns auf elf!“ – hier fällt die griechische Mythologie in Ohnmacht.

Damit will ich aufzeigen, dass das Geschäft „Bemühung“, „Aufgaben“ darauf basiert, sie haben aus männlicher Perspektive *niemals* eine VHB.
Anders herum: Ein Mann erfüllt die Aufgaben, die ihm gestellt werden und bezieht *aus der Erfüllung* dieser einen Sinn (für die eigene Existenz, seine Männlichkeit usw.) PUNKT
Damit verzichtet er auf eigene Ansprüche an den Handlungsverlauf der Geschichte BEVOR sie überhaupt begonnen hat oder genauer gesagt: Er wird *seiner eigenen* Agenda enteignet und die Beurteilung des „Sinns“ der eigenen Bemühungen wird anderen überlassen.

Schön und „modern“ (= bürgerlich) an dem „Murmeltier“ ist, dass es dieses Muster vorführt, aber verbirgt, DASS es dieses Muster vorführt.

Die Erwartungen der Heldin/Prinzessin werden niemals artikuliert, bzw. die Autoren des Drehbuchs ERSPAREN es IHR, diese zu artikulieren.
Wahre Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft muss authentisch sein!

Authentisch ist hier, wenn sich alle weiblichen Forderungen an einen Mann sich realisieren, weil “ he just got it!“ – ohne diese Forderungen explizit zu benennen und damit abrechenbar zu machen.
Darin ähnelt die Herangehensweise dem Märchen und der Mythologie.
Außer natürlich, dass es keinen Preis/Belohnung geben kann, denn das wäre sexistisch.
Und: Weil es hier *nicht* um ein rationales, abrechenbares Geschäft gehen kann, denn *wenn es ein Geschäft wäre*, dann wäre es keine wahre Liebe.

Wie rettet sich das moderne Märchen, insbesondere und damit meine ich *vor allem für Frauen* aus diesem Dilemma?
Neu und modern ist, der Held soll das weiblich unausgesprochene *von sich aus wollen sollen*.
Dieser Mann ist nicht nur seiner eigenen Agenda enteignet, externalisiert den Sinn für seine eigenen Bemühungen, sondern er WILL das aus tiefstem Herzen SELBST, weil ihn das zu einem BESSEREN Menschen macht, der die Belohnung darin sieht, dass es ihn zu einem besseren Menschen macht.
Rein zufällig ist es aber die Frau, die hier definiert, was ein „besseres Mensch“ im Detail bedeutet und rein zufällig ist es ein GESCHÄFT in diesem Film: Sie ersteigert das fertige Produkt, zu dem sich der Mann a. aus „eigenem Antrieb“, b. „selber“ gemacht hat.
Uuups.

Diese Illusion von Freiwilligkeit und freiwilliger männlicher Unterwerfung im Film wird auf „moderne“ Art aufgeführt und es ist wichtig, diese Ideologie in ihrem Bezug auf Mythologie und Märchen darzustellen.
Damit wir diesem etwas entgegenzusetzen haben.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Von „I Got You Babe“ gab es auch eine höchst unromantische Version…

Cher with Beavis & Butthead – I Got You Babe