Fundstücke: Warum gegen „den Feind“ eben nicht alles erlaubt ist

Straftaten wie Falschbeschuldigungen gegen AfD-Politiker oder sogar körperliche Gewalt wie gegen Richard Spencer: Es ist besorgniserregend, was inzwischen gegenüber einem weltanschaulichen Gegner als legitim vertreten wird, wenn dieser nur als schrecklich gilt. Glücklicherwiese stehen dem aber auch einige Stimmen der Vernunft gegenüber, von denen ich einige hier zitieren möchte:

Auf Alles Evolution tat sich Dirk M. Jürgens (DMJ) ganz groß mit zwei Kommentaren hervor:

Die ganze Nummer hat mir auch ordentlich Magengrimmen gemacht.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe keinen Hauch Mitgefühl mit Nazis, wenn sie auf’s Maul kriegen, denn das verdienen sie in der Tat. – Aber ich halte viel vom Prinzip, Gewalt nur im äußersten Notfall anzuwenden. Doch in dieser Angelegenheit haben erschreckend viele Leute (persönliche Bekannte ebenso wie anerkannte Journalisten), die noch zu Bush-Zeiten komplett mit mir einer Meinung waren, dass wir Terror nicht mit Terror beantworten dürfen, nicht einmal VERSTANDEN, was für ein Problem ich damit habe.

Mir wurden Spencer-Zitate und Geschichten vom Widerstand im 3. Reich um die Ohren gehauen, argumentiert, dass die Triebbefriedigung ein vollkommen okayes Motiv für Gewalt sei und immer wieder gesagt „Aber der will doch viel Schlimmeres“. Dass wir besser sein sollten als unsere Gegner, nicht nur im Recht sein, sondern auch moralischer sein sollten, als sie, war alles schlagartig vergessen.
Dass wir damit Gewalt von ihnen gegen uns ebenso legitimieren – keine Rede von. Dass die Sache praktsich nur ein PR-Gewinn für den, mir vorher vollkommen unbekannten Spencer war – wollte keiner hören.
Stattdessen überboten sie sich, den maskierten, nach der Attacke fliehenden Schläger zum Superhelden zu erklären.

Die sollen sich noch mal beschweren, dass Diskurs und Umgang miteinander so verroht seien…

Im zweiten Kommentar zitiert er einen Popehat-Artikel. Ich zitiere etwas andere Teile des tatsächlich sehr lesenswerten Beitrags:

We have social and legal norms, including „don’t punch people because their speech is evil, and don’t punish them legally.“ Applying those norms is not a judgment that the speech in question is valuable, or decent, or morally acceptable. We apply the norms out of a recognition of human frailty — because the humanity that will be deciding whom to punch and whom to prosecute is the same humanity that produced the Nazis in the first place, and has a well-established record of making really terrible decisions.

Und als zweites die sehr gute Einsicht, dass „Nazis schlagen ist ok“ untrennbar mit der Ansicht „wer hier Nazi ist, bestimme ich“ verbunden ist:

In embracing a norm that sucker-punching Nazis is acceptable, remember that you live in a nation of imbeciles that loves calling people Nazis. Also bear in mind that certain aspects of our culture — modern academic culture, for instance — encourages people to think that you’re a Nazi if you eat veal or disagree with them about the minimum wage.

Via Fefe fand ich ein Video von Jonathan Pie über dieselbe Frage:

Protest Pie.

Wichtigste Aussage (sinngemäß, ab 2:55): Meinungen von Leuten durch Gewalt zum Verstummen zu bringen ist nicht Faschismus bekämpfen, es ist Faschismus.

Christian Schmidt gibt einige wichtige Punkte zu bedenken:

Weicht man das Gewaltmonopol des Staates auf, indem man zulässt, dass Leute, die der herrschenden Meinung oder auch nur einigen Leuten nicht gefallen, dann ebnet man Willkür und Lynchjustiz Tür und Tor. Man opfert damit etwas, was eine der wesentlichen Fundamente unser Gesellschaft ausmacht und es führt zu einem Abgrenzungsproblem, welches kaum zu lösen ist: Es legitimiert nämlich, dass die andere Seite wiederum anführt, dass zB die andere Seite von ihrer Seite ausnahmslos für falsch gehalten wird und deswegen ebenfalls Gewalt angewendet wird. Eine Gesellschaft, die den politischen Diskurs zugunsten von Gewalt aufgibt, die bahnt aus meiner Sicht einem Unrechtsstaat den Weg.

Genau so ist es. Es wäre ein zivilisatorischer Dammbruch.

Weitaus schlimmer ist aber, dass radikale Linke dazu neigen, den Kreis derer die „unwertes Gedankengut“ haben, und damit „Nazis“ sind inflationär zu gebrauchen und es auf jede unliebsame Meinung auszuweiten. Damit entwerten sie nicht nur den Begriff, sondern erlauben es sich, schlicht gegen jede unliebsame Meinung Gewalt anzuwenden.

Eben das. Natürlich läuft es darauf hinaus, jede unliebsame Meinung zu verbieten, denn wo wollte jemand bei so einer ungebremsten Gewaltbereitschaft noch ernsthaft eine Abwägung treffen und eine Grenze ziehen?

Ich finde es auch faszinierend, dass diese radikalen gar nicht merken, wie schnell sich solche Praktiken auch gegen sie richten könnten. Gerade dann, wenn sie meinen, dass Trump ein Faschist ist, sollten sie die Meinungsfreiheit hoch halten.

Schon geschehen! Donald Trump hat den Spieß längst umgedreht.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Was waren das noch für Zeiten, als „Spencer“ und „Prügeleien“ für harmloses Filmvergnügen standen?

Oliver Onions: Fantasy

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4 Kommentare zu „Fundstücke: Warum gegen „den Feind“ eben nicht alles erlaubt ist“

  1. Mir fällt dazu eine Aussage aus Hateful 8 ein. Gerechtigkeit hat leidenschaftlos zu sein, denn sobald dem nicht mehr so ist besteht die Gefahr, dass es es eben nicht mehr Gerechtigkeit ist. Die Begeisterung die auf den Schlag folgte zeigt dies denke ich recht deutlich. Es geht dabei nicht darum dem entgegen zu wirken, was dieser Mann verbreitet oder die Welt besser zu machen. Wichtig ist nur wie „gut“ es sich anfühlt, wenn ihm jemand im wahrsten Sinne auf die Fresse gibt, weil er zu den Leuten gehört die es verdienen.

    Wie sehr dies gefeiert wird, ist für mich das erschreckenste an der Sache. Echte Gewalt ohne jede Notwendigkeit und die Leute freuen sich. Entweder wurde die Hemmschwelle durch diese Aktion deutlich gesenkt oder sie zeigt zumindest wie niedrig sie bei vielen eigentlich ist. Ironischerweise auch bei Personen die genau deswegen Videospiele kritisieren wollen, aber diesem Vorfall ausschließlich positiv gegenüberstehen.

  2. Auch der Vatikan des Progressivismus, „Berserkley“ (ein alter Spitzname für Berkeley), hat Gewalt als Mittel des „politischen Diskurses“ gebilligt, typisch sind folgende Ansichten aus dem „Daily Californian“, die hier präsentiert werden:
    http://www.youtube.com/watch?v=1XpjRlkI0Xs

    Wer „Weimarer Verhältnisse“ sehen will, dem wird hier fündig.

    Das ist alles nichts Neues, die Bewegung der linken Progressiven hat schon immer zur Gewalt geneigt und Terrorismus gut gefunden: RAF, die „Palästinenser“ und jetzt den ganzen Islamismus. Während damals nur eine kleine Minderheit von Extremisten diese Ansicht vertreten haben, ist das unterdessen praktisch mainstream geworden, die grosse Zeitenwende dahin erscheint rückblickend in „9/11“.

    Im Gegensatz zu Weimar ist es diesmal nur eine Partei, die die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung gewählt hat und deshalb schreien sie auch so frenetisch einen imaginären Gegner herbei, der ihre Aktionen „rechtfertigen“ soll. Ganz wie damals heizt eine willfährige Presse die Gewalt und die Bereitschaft zu dieser an, diesmal im Namen von „Demokratie“ und „sozialer Gerechtigkeit“.

    Da es sich um kein begrenztes Randgruppenphänomen handelt, sondern von einer selbsterklärten „Elite“ ausgeht, wird uns das sicher noch lange begleiten bzw schlimmer werden. Dass massive Einschränkungen von Bürgerrechten eines Tages notwendig sein werden, ist leider eine nicht unrealistische Perspektive.

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