Fundstück: Körperliche Gewalt gegen politische Gegner wird begrüßt

Straftaten begrüßen gegen unliebsame Personen, nächster Teil: Via Fefe wurde ich darauf aufmerksam, dass den USA derzeit allen Ernstes folgende Frage diskutiert wird: Ist es in Ordnung, einen Nazi ins Gesicht zu schlagen?

Das hat einen realen Hintergrund: Ein gewisser Richard Spencer bekam während eines Interview von einer vermummten Person einen Schlag ins Gesicht.

Nun sind weder Twitter noch Clickbait allgemein ein guter Gradmesser für Moral oder gar das Befinden „des Internets“ allgemein über irgendein Thema. Egal, wie gefestigt große Teile der Internetnutzer sein mögen: Es ist gar nicht anders zu erwarten als dass viele andere Leute so etwas ganz offen abfeiern, so als wäre es der richtige Schritt gegen Nazis.

Tja, auf wessen Niveau will man sich herabbegeben? Wie groß ist denn da noch der moralische Unterschied zwischen geistigen Brandstiftern und Schlägern? Ist da nicht sogar die zivilisatorische Ebene der ideologischen Wegbereiter unterschritten? Gewalt zu tun ist immer noch schlimmer als Hass zu predigen. Das Begrüßen von Straftaten gegen unliebsame Personen war einmal ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Barbarei gegenüber der zivilisierten Gesellschaft.

Es fehlt außerdem der frühere Teil der Dynamik: „Wer Nazi ist, bestimme ich!“ Keine Selbstjustiz ohne Selbstgerechtigkeit.

Diesen früheren Teil hatten wir noch vor wenigen Wochen, als es – wie Fefe ebenfalls berichtete – gegen Roland Tichy ging. Auf Metronaut etwa wurden „die Achse des Guten“, „Tichys Einblick“ und Don Alphonso in einem Atemzug genannt:

Publikationen wie Tichys Einblick, Die Achse des Guten und Don Alphonso bei der FAZ sind wichtige Schnittstellen zwischen dem rechten Rand der CDU/CSU und der Neuen Rechten sowie ihrem parteipolitischen Arm, der AfD. Die Rolle dieser Publikationen bei der Normalisierung fremdenfeindlicher, völkischer, nationalistischer und autoritärer Diskurse ist nicht zu unterschätzen.

So, und wenn man jetzt diese Brandmarkung kombiniert mit „Zivilisation gegen Unzivilisierte ist überschätzt“, wo kommt man da hin? (Sollte Don Alphonso tatsächlich so schauerliche Texte schreiben wie den, der auf Tichys Einblick erschienen ist, so wäre mir das entgangen. Falls ich aber nichts verpasst habe, dann wird er gerade auf eine Stufe mit solchen Leuten gestellt.) Es sind nur wenige Glieder in der gedanklichen Kette: Wie weit ist es dann noch, bis Gewalt gegen FAZ-Autoren offen begrüßt wird?

Dabei liegt die Alternative auf der Hand: Eine gesittete Auseinandersetzung führen, andere Leute anständig behandeln, auch wenn sie selbst das nicht tun.

Diesen Weg hat etwa der Blogger stefanolix eingeschlagen, indem er ohne Probleme sowohl eine Diskussion des ursprünglichen Artikels als auch eine Kritik am Boykott ging, das gegen Roland Tichy gerichtet war. Johnny Haeusler brachte einen Gedanken, der eigentlich sehr nahe liegen sollte: Den beanstandeten Originaltext stehenzulassen wäre viel lehrsamer gewesen! Umso wichtiger, wenn er entsprechend kommentiert woanders nach wie vor zu lesen ist. Fürchterliche Texte sollen lesbar bleiben, damit man jederzeit zeigen kann, was an ihnen so schlimm ist.

„Gegen die anderen ist alles erlaubt“ ist das passende Gegenstück zum gestrigen „wenn es unsere Leute machen, ist es in Ordnung. Genau diese Einteilung in Gruppen und das unterschiedliche Bewerten von Taten ist die Erosion der Zivilisation, die mir Angst macht.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo sind eigentlich die coolen Vertreter der Freiheit hin, die blöde Leute einfach mal reden und schreiben lassen konnten?

Coldplay: Talk

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4 Kommentare zu „Fundstück: Körperliche Gewalt gegen politische Gegner wird begrüßt“

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