Warum ich das Klischee „Männer prügeln sich und werden dann Freunde“ nicht glaube

So macht Bloggen Spaß: Auf den gestrigen Beitrag schrieb Bombe 20 einen sehr treffenden Kommentar, der nicht nur zielsicher auf eine Schwachstelle in der besprochenen Popkultur hinweist, sondern ohnehin ein Thema anschneidet, das schon mehrmals vorkam und es verdient hat, besprochen zu werden:

Das hat jetzt nur tangential mit dem eigentlichen Thema zu tun, aber ich frage mich schon ewig:
(…)
Das ist ja mindestens in Film und Fernsehen ein relativ häufig anzutreffender Tropus: Zwei Männer haben irgendeinen Konflikt, der schwelt eine Weile, schließlich prügeln sich die beiden. Nachdem der Kampf beendet ist (filmisch meist durch einen Schnitt oder eine Blende), ist nicht nur der Konflikt aus der Welt, sondern sie sind sich auch emotional näher gekommen/Freunde geworden/ihr zerrüttetes Verhältnis ist wieder gekittet, was häufiger als nicht dadurch symbolisiert wird, daß sie gemeinsam ein Bier trinken.

Wenn ein komödiantischer Effekt erzielt werden soll, kühlen sich beide noch jeweils eine schmerzende Körperstelle, oft mit der Implikation, daß der Kampf keinen klaren Sieger hatte. Mögliche Steigerung ist noch, daß beide von ihren jeweiligen Frauen/Freundinnen verarztet werden, die sich natürlich die ganze Zeit wunderbar verstanden haben und mit denen zusammen wir als Zuschauer kopfschüttelnd auf das dumme, kindische, gewalttätige, eben typisch männliche Verhalten herabschauen.

Nun ist meine männliche Sozialisation ja vielleicht einfach mangelhaft, aber: Ist das wirklich typisch männliches Verhalten? Gibt es das in der Realität überhaupt wirklich? Ich meine, häufiger als Reittiere, die nahe einer Medikamentenverkaufsstelle ihren Mageninhalt hervorwürgen?
Oder schreiben da nur haufenweise Drehbuchautoren voneinander ab, die schlicht keine Ahnung haben, wie sie männliches Sozialverhalten zuschauer- und laufzeitkompatibel darstellen sollen?

Ich meine, das Hinterfragen dieses Klischees schon mehrfach in dieser Blogblase gelesen zu haben, etwa von LoMi in einem Kommentar (war es bei Alles Evolution?) – und es ist längst überfällig, das einmal in einem eigenen Artikel festzuhalten. In der Popkultur findet man das tatsächlich, etwa bei so unterschiedlichen Filmen wie Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (1972) mit Bud Spencer und Terence Hill und They Live (1988) von John Carpenter. Mit der Realität hat das aber nichts tun, im Gegenteil. Neben der Ignoranz, wie Männer wirklich ticken, enthält dieses Klischee mindestens zwei gefährliche Botschaften:

1. Verharmlosung von Gewalt: Solche Szenen legen Deutungen nahe wie
„Es ist nicht so schlimm, sie sind ja offenbar Freunde.“
„Das hat ihnen mal ganz gut getan. Jetzt sind sie wieder friedlich.“

2. Verkennen, was Gewalt für Männer bedeutet: Deutungsmöglichkeiten hier
übliche harmlose Freizeitbeschäftigung, wenn sie untereinander ausgetragen wird
hat offenbar keine bleibenden Spuren, eher eine männliche Form von Sozialleben

Mich würde ebenfalls interessieren, ob irgendeiner der Leser ein solches Verhalten tatsächlich aus dem wirklichen Leben kennt. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ halte ich für keine treffende Beschreibung typischen männlichen Verhaltens.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da ich den Film schon erwähnt habe, darf das bekannte Lied auch nicht fehlen…

Oliver Onions: Flying Through The Air

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7 Kommentare zu „Warum ich das Klischee „Männer prügeln sich und werden dann Freunde“ nicht glaube“

  1. Kampf-Sport mit seinen ritualisierten Versöhnungsgesten wäre ein Beispiel. Ich neige im Beruf zur aggressiven Konkurrenz, setze aber Unterwerfungssignale ein, falls ich den Bogen überspannt haben sollte und ich keinen unversöhnlichen Gegner haben möchte. Derjenige, der im Kampf gewinnt, kann durch Demutsbezeugungen die Sympathie und Anerkennung des Verlierers erhalten und dadurch die Beziehung festigen und vertiefen. Der Gewinner sagt damit, dass er durch seinen Sieg keine Macht über den Verlierer erhalten hat. Im Gegenteil: er möchte die Anerkennung trotz der Verletzung, die er dem Verlierer zugefügt hat. Damit gibt er seine Abhängigkeit vom Verlierer zu. Dieses Verhalten würde ich als männlich bezeichnen.

  2. Das ist eine Erzählfigur, die männliches Verhalten durchaus reflektiert. Aber wir müssen es differenzierter betrachten. Leibhaftiges Beispiel: Tampopo (Spielfilm um Jagd nach der ultimativen Nudelsuppe), dort das Faustduell zwischen dem LKW-Fahrer und dem Innenausstatter.

    Es gehört dazu: ein halbwegs nichtiger Anlass (gerne Ansehen vor den Damen; niemals existenzielles, etwa Geld). Einziges Motiv der Duellanten: cool wirken.

    Es gehört zweitens dazu: die Duellanten sind Zoff gewöhnt, und sie sind ebenbürtig.

    Was nicht zwingend dazu gehört, ist körperliche Auseinandersetzung. Es kann auch gegenseitiges Angiften auf intellektuellem Niveau sein. Das erinnert mich an eine Jugendfreizeit:

    Ich zoffte mich ständig mit einem anderen Feriengast – wir haben uns nichts geschenkt – und gegen Ende der Freizeit hat ein Dritter meinen Gegenüber gefragt, ob das sein müsse. Die Antwort lautete, ja, andernfalls würde mir was fehlen. Ich grinste unwillkürlich, und die verbleibenden zwo Tage waren wir dicke Freunde.

    OT – Tampopo ist ein großartiger Film. Handelt von der Jagd nach der ultimativen Nudelsuppe. Ohne die Spannung zu nehmen verrate ich euch den Schluss: es geht gut aus!

  3. Die körperliche Auseinandersetzung als Freundschaftsauftakt kenne ich auch nicht. Es gibt aber zum einen den Aspekt, dass auch Männer untereinander den anderen auf seine Stärke oder Respektwürdigkeit testen und in dem Zusammenhang vielleicht auch eine Rangordnung gefunden werden muss. Und es gibt auch den Aspekt, dass man miteinander den Umgang mit einem Konflikt testen muss. Die Fähigkeit Konflikte auch wieder beilegen zu können ist nämlich absolute Voraussetzung von Kooperation und auch das testen Männer untereinander. Gewissermaßen kann man nur Leuten trauen, mit denen man sich auch schon mal gestritten hat.

  4. Bud Spencer und Terence Hill sind nicht gerade der Maßstab. Da gehören Prügeleien ja dazu. Ist ja nur die 60/70er-Jahre-Version des Slapstick, in der Stühle, Flaschen und Klaviere zerbrechen und eben keine Schädel oder Rückgrate…

  5. Klar können aus Rivalen Freunde werden. Aber gerade ein Faustschlag ins Gesicht ist eine Art point of no return.
    Ein wenig Schubsen, Schimpfen oder Ringen ist da schon harmloser. Bei einem Schlag in die Fresse drohen aber zu sehr irreversible Schäden (Zähne weg, Nase platt, usw.). Daher kenne ich nur den umgekehrten Weg: eine Prügelei BEENDET eine langjährige Freundschaft.

  6. Das ist eine archaische Trope, die schon in den alten Heldensagen (ich glaub sogar bei Gilgamesch vs. Enkidu) vorkommt: Der Held trifft auf einen Feind und kämpft mit ihm. Der allerdings erweist sich als ebenbürtig(!), und die beiden schliessen Freundschaft.
    Wie Ih und Wolf-Dieter oben schon anmerkten, muss das allerdings keine körperliche Auseinandersetzung sein. Wesentlich ist allerdings, dass sich beide Gegner als ebenbürtig erweisen!
    Ein „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ ist das im Übrigen genau nicht! Der Kampf steht einmal am Anfang der Freundschaft. Freunde prügeln sich nicht!

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