Warum mich der weinende Picard so bewegt

Für mich ist es immer wieder interessant, wie unterschiedlich ich Popkultur erlebe und beurteile, die ich als Kind oder Jugendlicher konsumiert habe, wenn ich sie jetzt noch einmal anhöre/gucke/lese. Ein Beispiel ist auch für das Thema dieses Blogs interessant.

Ich habe angefangen, „Star Trek: The Next Generation“ (TNG) noch einmal anzugucken – allerdings die aufgemotzte Version, die gegenüber den alten Fernsehbildern doch ganz ansehnlich ausfällt. Das ändert natürlich nichts an den holzschnittartigen Charakteren in der ersten Staffel und den hauptsächlich aus unverbundenen Erzählungen bestehenden Episoden. Doch ab spätestens ab Staffel 3 geht die Qualität spürbar aufwärts.

Wer TNG trotz des Alters und Popularität der Serie noch nicht kennt und sie noch sehen will, der lese bitte nicht weiter.

In der zweiten Episode der 4. Staffel namens „Family“ kehrt Captain Jean-Luc Picard auf das Weingut seiner Familie in Frankreich zurück. Er ist seit vielen Jahren nicht zu Hause gewesen. In der alten Heimat wird er als Held angesehen und soll offizielle Ehrungen erfahren, er selbst will davon aber nichts wissen.

Picard hatte kurz zuvor die Erde vor den Borg gerettet, war selbst aber kurz zuvor von ihnen entführt und assimiliert (in einen Cyborg verwandelt) worden. Diese Ereignisse wurden direkt vor dieser Folge in dem Zweiteiler The Best of Both Worlds und The Best of Both Worlds, Part II, der die dritte Staffel abschloss, die vierte eröffnete und als ein Höhepunkt der Serie gilt.

Die äußeren Wunden sind seitdem verheilt, aber die Erfahrung, gegen den eigenen Willen für die Borg den Angriff auf die Erde angeführt haben zu müssen, wirkt noch nach. Der Landgang hat denn auch weniger den Sinn, die Familie wiederzusehen (Picard hat ein distanziertes Verhältnis zu seinem Bruder und weder seine Schwägerin noch seinen Neffen je zuvor gesehen), sondern die eigene Identität, die vorher von den Borg ausgeschaltet und fast unwiederbringlich zerstört worden war, wiederzufinden.

Picard blickt sich von Anfang an eher kühl und unbewegt an dem Ort seiner Kindheit um und reagiert in Gesprächen, in denen es um seinen Dienst in der Sternenflotte geht, so vorbildlich formell und bescheiden, wie er es wohl von einem Offizier in diplomatischer Mission erwarten würde. Das geht seinem Bruder auf den Wecker, bis sich die beiden irgendwann wie Jungen raufen.

Dadurch bricht der emotionale Panzer, den Picard bisher um sich angelagt hatte, endlich auf, und nachdem die beiden herzlich gelacht haben, wird er ernst und fängt an zu erzählen: Wie die Borg seine Individualität ausgelöscht hatten, wie er versucht hatte, dagegen anzukämpfen, von ihnen übernommen zu werden, aber nicht stark genug war… und dann fängt Picard an zu weinen.

Der erfahrene Captain der Sternenflotte, der sowohl bei seiner Mannschaft und vielen Kollegen als makellos, verlässlich und moralisch über jeden Zweifel erhaben gilt, der immer die anderen führen und ihnen als Vorbild dienen konnte, der immer besonnen war und Stärke zeigte in brenzligen Situationen, er ist mit seiner Kraft am Ende. Doch was wird aus ihm, wenn er nicht mehr der alte Captain werden kann? Die psychischen Folgen des Missbrauchs stellen seine ganze Identität in Frage. Und das war letzten Endes auch ein Antrieb dafür, „zu sich selbst fürchterlich hart gewesen zu sein“, wie es sein Bruder treffend beschreibt, sich ständig zusammenzureißen, immer den tollen Captain der Enterprise zu mimem, auch den eigenen Offizieren vorzuspielen, er hätte das alles schon verkraftet.

Dies ist eine der emotional stärksten Szenen der gesamten Serie. Sie zeigt nicht nur, welche Tiefen und Facetten man den Charakteren inzwischen zugestand. Dass der Fokus gerade nach den beiden vorangegangenen actionreichen Folgen auf so irdische, zwischenmenschliche Dimensionen gelegt wird, ist eine großartige Erzählleistung. Eine Serie, die immer auch eine positive Zukunftsvision präsentieren wollte, losgelöst von aktuellen Konflikten und Beschränkungen, zeigt hier, wie ihre Hauptfigur als Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt mit den Folgen des Missbrauchs zu kämpfen hat. Während im echten Leben auch heute noch Männer, die weinen, verspottet werden, ist hier ein Beispiel für „manly tears“ zu finden, die aber gerade nicht Ausdruck eines entrückten Heldenpathos sind, sondern sich auf das alltägliche Leben übertragen lassen.

Beim ersten Angucken der Folge als Jugendlicher / junger Erwachsener hatte die Folge gar keinen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Heute halte ich sie für unverzichtbar aufgrund dieser Szene. Die anderen beiden Handlungsstränge, die behandelt werden, können dem Vergleich nicht standhalten, sind rein inhaltlich aber ebenfalls nicht zu verachten: Ein junger Offizier sieht zum ersten Mal eine 3D-Videobotschaft von seinem Vater, der vor vielen Jahren verstorben ist. Ein anderer Offizier bekommt Besuch von seinen Adoptiveltern, weiß aber nicht, wie sie darauf reagieren werden, dass er von den Angehörigen seiner ursprünglichen Heimat entehrt worden ist. Die Kultur seiner Vorfahren legt großen Wert auf Ehre. Einerseits darf er sich nicht beklagen (die Entehrung ist nicht gerecht, er hatte sie nur angenommen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern), andererseits kann er aber das Thema auch nicht einfach überspielen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal – natürlich – ein wenig Star-Trek-Musik…

Jerry Goldsmith: Star Trek: First Contact – End Credits

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4 Kommentare zu „Warum mich der weinende Picard so bewegt“

  1. Das hat jetzt nur tangential mit dem eigentlichen Thema zu tun, aber ich frage mich schon ewig:

    Das geht seinem Bruder auf den Wecker, bis sich die beiden irgendwann wie Jungen raufen.

    Dadurch bricht der emotionale Panzer, den Picard bisher um sich angelagt hatte, endlich auf, und nachdem die beiden herzlich gelacht haben, wird er ernst und fängt an zu erzählen

    Das ist ja mindestens in Film und Fernsehen ein relativ häufig anzutreffender Tropus: Zwei Männer haben irgendeinen Konflikt, der schwelt eine Weile, schließlich prügeln sich die beiden. Nachdem der Kampf beendet ist (filmisch meist durch einen Schnitt oder eine Blende), ist nicht nur der Konflikt aus der Welt, sondern sie sind sich auch emotional näher gekommen/Freunde geworden/ihr zerrüttetes Verhältnis ist wieder gekittet, was häufiger als nicht dadurch symbolisiert wird, daß sie gemeinsam ein Bier trinken.

    Wenn ein komödiantischer Effekt erzielt werden soll, kühlen sich beide noch jeweils eine schmerzende Körperstelle, oft mit der Implikation, daß der Kampf keinen klaren Sieger hatte. Mögliche Steigerung ist noch, daß beide von ihren jeweiligen Frauen/Freundinnen verarztet werden, die sich natürlich die ganze Zeit wunderbar verstanden haben und mit denen zusammen wir als Zuschauer kopfschüttelnd auf das dumme, kindische, gewalttätige, eben typisch männliche Verhalten herabschauen.

    Nun ist meine männliche Sozialisation ja vielleicht einfach mangelhaft, aber: Ist das wirklich typisch männliches Verhalten? Gibt es das in der Realität überhaupt wirklich? Ich meine, häufiger als Reittiere, die nahe einer Medikamentenverkaufsstelle ihren Mageninhalt hervorwürgen?
    Oder schreiben da nur haufenweise Drehbuchautoren voneinander ab, die schlicht keine Ahnung haben, wie sie männliches Sozialverhalten zuschauer- und laufzeitkompatibel darstellen sollen?

    (Und komplett Off Topic: Ist TNG Remastered wirklich sehenswerter als die TOS-Aufbereitung, die letztens mal auf zdf_neo lief? Deren CGI-Raumschiffe waren IMHO nämlich in den paar Jahren zwischen Produktion und Ausstrahlung schon deutlich schlechter gealtert als die Original-Modelle seit den Sechzigern. Das sah nach mittelmäßigem Computerspiel aus, nicht nach Hollywood-Studio.)

    Bombe 20

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