Fundstück: Leszek verteidigt Konservative

Ganz im Sinne des gestrigen Beitrags geht es heute weiter, wenn es auch diesmal eines längeren Vorlaufs bedarf. Zu einem Artikel bei Alles Evolution, der ein Interview mit Jordan Peterson bespricht, schrieben crumar und Leszek sehr erhellende Kommentare.

Zunächst crumar:

So sehr ich das Anliegen von Jordan Peterson (ebenfalls bspw. Sargon) schätze und unterstütze in ihrem Kampf um „freedom of speech“, so sehr geht mir seine Unkenntnis und (angelsächsische) Ignoranz auf die Nerven.

Bevor ich dazu Beispiele für meine Kritik bringe, möchte ich ein weiteres Video mit ihm empfehlen, weil ich die Kritik an den SJW prinzipiell teile:

Seine in diesem Video vorgestellte These, seine Erkenntnisse bezüglich einer *autoritären Persönlichkeit auf der Linken* sei neu ist jedoch falsch und entweder eine Lüge oder der Tatsache geschuldet, dass er nur Veröffentlichungen im angelsächsischen Sprachraum zur Kenntnis nimmt.

Falls es noch niemandem aufgefallen ist: Die meisten Forscher und Forscherinnen im angelsächsischen Sprachraum können nur *in einer einzigen Sprache* lesen und schreiben, nämlich Englisch.

Was Peterson daher m.E. wahrgenommen hat, sind die in den USA veröffentlichten Forschungsergebnisse der „Frankfurter Schule“ zur „autoritären Persönlichkeit“, die schließlich 1950 in der Veröffentlichung der „The Authoritarian Personality“ mündete.

Dazu hier mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Autoritäre_Persönlichkeit

Hieraus geht hervor, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Konservativismus und autoritärer Persönlichkeit gibt.
Dies war natürlich leitend für die weitere Autoritarismus-Forschung.

Würde er jedoch Kenntnis von E. Fromms Studie von 1929/30, die später unter dem Titel „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritte Reiches“ (sehr viel später) veröffentlicht worden ist, besitzen, dann wäre seine These abenteuerlich.

Denn die zentrale Erkenntnis dieser Studie war:

„Die Erwartung, daß sich bei den Arbeitern und Angestellten ein revolutionärer Charakter ausmachen ließe, der durch ein solidarisches, nicht konkurrentes und liebendes Ich gekennzeichnet sein sollte, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Viele Anhänger der politischen Linken waren gekennzeichnet durch den Widerspruch zwischen politischen Zielen, die auf eine Überwindung der Klassengesellschaft zielten, und persönlichen Haltungen, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, die eindeutig einem autoritären Modell zuzurechnen sind.“

http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/autoritaere-persoenlichkeit/1819

D.h. seine These ist wenig originell und schon mal gar nicht neu.
Dann unterschlägt er weiterhin alles, was Wilhelm Reich an einem autoritären Sowjetstaat in „Die Massenpsychologie des Faschismus“ kritisiert hat. Es ist 1946 auf Englisch erschienen; wenigstens so sollte er es gelesen haben.

Der Kommentar ist ursprünglich noch länger. Für mich spielte vor allem der Verweis auf die Forschung von Erich Fromm eine Rolle. Auf diese bin ich erst vor kurzem aufmerksam geworden, weil sie in dem Artikel „AfD, BNP, Front National, Norbert Hofer, Donald Trump – überall Rechtspopulismus?“ erwähnt wird. Dort geht es unter anderem um den französischen Soziologen Didier Eribon, welcher feststellt, dass die Arbeiterklasse durchaus rechts und autoritär sein kann: Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (beide Quellen via Nachdenkseiten gefunden). Also insgesamt eine interssante These, die auch anderswo aufgegriffen wird.

Hierzu nun der vollständige Kommentar von Leszek:

Danke für diesen wichtigen Beitrag.

Eine kleine Ergänzung.
In Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ ist der autoritäre Charakter nicht als konservativ, sondern explizit als pseudo-konservativ bezeichnet worden.

Adorno und Horkheimer haben zudem in späteren Schriften deutlich zum Ausdruck gebracht, dass eine pauschale Gleichsetzung von autoritärem Charkter und konservativ falsch ist.

Max Horkheimer hat in der Spätphase seines Werkes mehrfach einen bestimmten Typus des Konservativen verteidigt, den er als humanistischen Konservativen beschrieb und den er deutlich vom autoritär gesinnten Konservativen oder vom Faschisten abgrenzte.

Max Horkheimer:

„Der wahre Konservative ist vom Nazi und Neonazi nicht weniger weit entfernt als der wahre Kommunist von der Partei, die sich so nennt, nicht unähnlich dem Christen im Verhältnis zur Kirche zur Zeit der Reformation und Gegenreformation. Nazis und Parteikommunisten sind Diener niederträchtiger Cliquen, die nichts anderes wollen als die Macht und ihre endlose Ausdehnung. Ihre wahren Feinde, der Gegenstand ihres Hasses, sind keineswegs, wie sie behaupten, die Totalitären der Gegenseite, sondern die, denen es mit der besseren, richtigen Gesellschaft ernst ist. Zwischen Achtung und Verachtung des Lebendigen verläuft die Trennungslinie (…).“

(aus: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 6: „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ und „Notizen 1949 – 1969“, Fischer Verlag, 2008, S. 408 f.)

„Im übrigen habe ich oft betont, daß richtige Aktivität nicht bloß in der Veränderung, sondern auch in der Erhaltung gewisser kultureller Momente besteht, ja daß der wahre Konservative dem wahren Revolutionär verwandter sei als dem Faschisten, so wie der wahre Revolutionär dem wahren Konservativen verwandter ist als dem sogenannten Kommunisten heute.“

Nachzulesen hier:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45226214.html

„(…) Schopenhauer stand kritisch zur Welt, aber nicht kritisch im Sinne moderner Revolution, sondern kritisch im Sinne des Konservativen. (…) Er maß – wie sehr viele Konservative – die Welt an den Ideen, zu denen sie sich bekannte, und er fand einen krassen Unterschied; und das bestimmte weitgehend die Kritik, die er an der gesellschaftlichen Realität übte. Ich will jetzt nicht auf seine Metaphysik eingehen, die zwar sehr wichtig ist, sondern darauf hinweisen, dass die konservative Haltung ebenso kritisch sein kann, wenn sie eine wahre konservative Haltung ist, wie die ihr entgegengesetzte revolutionär-marxistische. Von Marx las ich erst nach dem Ersten Weltkrieg etwas, und ich fand manche Ähnlichkeit mit Schopenhauer, denn es schien mir, dass die Marxsche Lehre eigentlich ein Protest dagegen war, dass die Losungen der bürgerlichen Revolution – liberte, egalite, fraternite – in der Welt, die sich zu ihnen bekannte, nur für eine relative kleine Gruppe verwirklicht wurden. Und so kamen für mich diese beiden Denker zusammen.”

(aus: Max Horkheimer – Verwaltete Welt. Gespräch mit Otmar Herrsche. In: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 7, Vorträge und Aufzeichnungen 1949 – 1973, S. 364)

Und Adorno betonte in einem Rundfunktbeitrag von 1959 ausdrücklich, dass die autoritäre Persönlichkeit nicht an eine bestimmte politische Weltsicht gebunden ist und auch auf Seiten der Linken zu finden ist:

„Man beurteilte die autoritätsgebundenen Charaktere überhaupt falsch, wenn man sie von einer bestimmten politisch-ökonomischen Ideologie her konstruiere; die wohlbekannten Schwankungen der Millionen von Wählern vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und der kommunistischen Partei sind auch sozialpsychologisch kein Zufall. Amerikanische Untersuchungen haben dargetan, dass jene Charakterstruktur gar nicht so sehr mit politisch-ökonomischen Kriterien zusammengeht. Vielmehr definieren sie Züge wie ein Denken nach den Dimensionen Macht – Ohnmacht, Starrheit und Reaktionsunfähigkeit, Konventionalismus, Konformismus, mangelnde Selbstbesinnung, schließlich überhaupt mangelnde Fähigkeit zur Erfahrung. Autoritätsgebundene Charaktere identifizieren sich mit realer Macht schlechthin, vor jedem besonderen Inhalt.“

(aus: Theodor W. Adorno – Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Theodor W. Adorno – Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp, 2015, S. 17)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Fahren wir doch einfach mit der Musik von Queen passend zur Saison fort:

Queen: A Winter’s Tale

Fundstück: Lucas Schoppe würdigt Konservative

Es wird viel Aufwand für Abgrenzung oder Kritik gegenüber Andersdenkenden betrieben – umso wichtiger, positive Aussagen hervorzuheben. Lucas Schoppe, der meines Wissens politisch als „Sozialdemokrat alter Schule“ zu verorten ist, schreibt in einem Kommentar folgende Wertschätzung über Konservative:

Demgegenüber haben Konservative sogar einen vernünftigen Punkt. Das Bestehende wird von ihnen nicht entlarvt, sondern im Hinblick auf seine Funktionalität bewertet. Wir wissen ja gar nicht immer, warum die sozialen Strukturen und Mechanismen, in und von denen wir leben, funktionieren – wir merken nur, dass sie es (mehr oder weniger gut) tun. Eine konservative Haltung geht einfach davon aus, dass Bestehendes immerhin seine Funktionalität nachgewiesen habe. Warum sollte man etwas ändern, dass Jahrzehnte lang gut funktioniert hat?

Natürlich gibt es für solche Änderungen mögliche Gründe, aber die müssen dann eben genannt werden. Außerdem müsste jemand, der etwas ändern will, zeigen, dass seine Ideen vermutlich besser funktionierende Strukturen ermöglichen würden.

Das finde ich sehr einleuchtend. In diesem Sinne: Auf mehr solcher positiven Äußerungen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich feiere, in diesem Jahr nicht einmal „Last Christmas“ gehört haben zu müssen…

Queen: Thank God It’s Christmas

Yet another Weihnachtsgruß …

Bekannte Melodie, ungewohnter Text:

The Red Flag

The people’s flag is deepest red,
It shrouded oft our martyred dead,
And ere their limbs grew stiff and cold,
Their hearts‘ blood dyed its every fold.

Chorus:
Then raise the scarlet standard high.
Within its shade we live and die,
Though cowards flinch and traitors sneer,
We’ll keep the red flag flying here.

Look round, the Frenchman loves its blaze,
The sturdy German chants its praise,
In Moscow’s vaults its hymns were sung
Chicago swells the surging throng.

(Chorus)

It waved above our infant might,
When all ahead seemed dark as night;
It witnessed many a deed and vow,
We must not change its colour now.

(Chorus)

It well recalls the triumphs past,
It gives the hope of peace at last;
The banner bright, the symbol plain,
Of human right and human gain.

(Chorus)

It suits today the weak and base,
Whose minds are fixed on pelf and place
To cringe before the rich man’s frown,
And haul the sacred emblem down.

(Chorus)

With head uncovered swear we all
To bear it onward till we fall;
Come dungeons dark or gallows grim,
This song shall be our parting hymn.

Im angelsächsischen Sprachraum wird diese Melodie des öfteren mit weltlichen Texten kombiniert. Am Beginn des amerikanischen Sezessionskriegs wurde sie auch für ein Lied verwendet, das 1939 zum offiziellen state song des Staates Maryland wurde:

Schöne Weihnachtsfeiertage euch allen!

Gastartikel: Leszek darüber, wie eine echte Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung aussehen kann

In der Diskussion über Insektionalität antwortet Leszek auf Mark E. Smith. Das kann man wieder 1:1 zitieren und zu einem Gastartikel machen:

Ich bin, was die Möglichkeit der Entwicklung von tatsächlich wissenschaftlichen Alternativen zur heute dominierenden ideologischen Intersektionalitätsforschung optimistischer als du.

Erstmal denke ich, dass es für eine wirklich empirische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung unvermeidbar ist, sich auch mit Überschneidungen von Diskriminierungsformen und deren Auswirkungen zu beschäftigen, denn solche sozialen Phänomene existieren ja nunmal und es fällt daher zwangsläufig auch in den Aufgabenbereich einer empirischen Ungleichheitsforschung solche Dinge zu berücksichtigen.

Man kann ja nicht einfach sagen: Weil die heutigen postmodernen Intersektionalitäts“forscher“ überwiegend unwissenschaftlich zu diesem Thema arbeiten, sollten als Reaktion darauf reale soziale Phänomene in der Forschung einfach ignoriert werden.🙂
Die Alternative zu schlechter Forschung ist nicht keine Forschung, sondern bessere Forschung, denke ich.

Ich gebe mal ein Beispiel, das männerrechtlich relevant ist:
Es liegen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen vor, die belegen, dass Jungen in heutigen deutschen Schulen bei gleichen Leistungen im Schnitt schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Hierbei haben wir es also gemäß der Befunde mit Diskriminierung zu tun.

Es gibt des Weiteren auch Forschungsbefunde, die zu dem Ergebnis kommen, dass Schüler beiderlei Geschlechts aus der Unterschicht bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als Schüler aus höheren sozialen Schichten. Auch dies ist gemäß der Befunde ein kritikwürdiges Diskriminierungsphänomen.

Wenn wir feststellen wollen, welche Gruppen von Schülern von Bildungsdiskriminierung besonders stark betroffen sind, werden wir nicht darum herumkommen, diese beiden Forschungsbefunde nicht nur isoliert zu betrachten, sondern auch zueinander in Beziehung zu setzen – und damit gelangen wir automatisch zur Intersektionalität.
Setzen wir beide Befunde zueinander in Beziehung wird deutlich, dass Jungen aus der Unterschicht im Schnitt besonders stark von Bildungsbenachteiligung betroffen sind, weil bei ihnen beide genannten Aspekte zusammenkommen.

Immer vorausgesetzt, dass die entsprechenden Forschungsbefunde fundiert sind, kann eine wissenschaftlich ausgerichtete Ungleichheitsforschung ein solches Überschneidungsphänomen nicht ignorieren, sie hat die Realität so wirklichkeitsgetreu abzubilden wie möglich, einschließlich der Überschneidungen von Diskriminierungen, wo es solche gibt.

Und auch die Männerrechtsbewegung als Anti-Diskriminierungsbewegung, die sich mit Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, befasst, kann ein solches Phänomen m.E. nicht ignorieren.

Die meisten Kritikpunkte, die du benennst, betreffen ja Dinge wie klare Definitionen von Begriffen, begründete Auswahl von Strukturkategorien und Begründung der Auswahl von Forschungskontexten. Das sind alles wichtige Dinge, aber ich kann nicht erkennen, dass eine empirisch ausgerichtete Ungleichheitsforschung dies grundsätzlich nicht leisten könnte. Recht hast du natürlich damit, dass empirische Intersektionalitätsforschung umso schwieriger wird, je mehr Strukturkategorien man einbezieht.

Das Intersektionalitätsmodell von Nina Degele und Gabriele Winker, auf dass du ansprichst, beurteile ich übrigens auch etwas positiver als du. Zwar ist dieses Modell noch weit von dem entfernt, was mir vorschwebt, aber ich halte es für ausbaufähig und einen Schritt in die richtige Richtung.
Winker und Degele vertreten übrigens im Gegensatz zum Mainstream der Gender/Queer-Szene formal nicht das oben von mir kritisierte Prinzip der dogmatischen Schließung, d.h. sie sagen nicht, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben. Allerdings bleibt dies bei ihnen leider ein Lippenbekenntnis, in der Praxis werden keine ernsthaften Konsequenzen aus dieser Sichtweise bei ihnen gezogen, so dass sie letztendlich dann leider doch im politisch korrekten Paradigma verbleiben.

Trotzdem ist ein Teil der Ideen, die Degele und Winker in ihrem Buch „Intersektionalität – Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ für die Forschungspraxis formulieren m.E. interessant und anregend, daher würden ich ihren in dem Buch dargestellten Ansatz – bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an ihrer Befangenheit hinsichtlich einigem typischen gender/queer-feministischem PC-Nonsens – nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Ich halte ihren Intersektionalitäts-Ansatz also, wie gesagt, für das, was mir vorschwebt, keinesfalls für ausreichend, aber z.T. für potentiell ausbaufähig.

Auch dass Winker und Degele überhaupt auch die Strukturkategorie „Klasse“ berücksichtigen, ist für Gender/Queer-Kreise nicht selbstverständlich. Meistens spielt für deren Sichtweisen die Kategorie „Klasse“ keine Rolle mehr, diese Kategorie ist im Mainstream der politisch korrekten postmodernen Linken quasi „rausgefallen“.

Ich denke, dass eine tatsächlich wissenschaftliche Intersektionalitätsforschung in ihrer Forschungspraxis und Theoriebildung vor allem sehr viel kontextspezifischer agieren muss.
Es darf, wie oben dargestellt, nicht mehr darum gehen, bestimmte Gruppen einseitig als diskriminiert und andere einseitig als privilegiert zu labeln, sondern es sollte m.E. darum gehen, ergebnisoffen zu forschen, ob und inwieweit IN BESTIMMTEN SOZIALEN KONTEXTEN Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen vorhanden sind – ohne diese dann undifferenziert auf andere Kontexte zu generalisieren.

So könnte man z.B. bei einer Intersektionalitätsforschung nach meinen Vorstellungen ein Forschungsprojekt in der gender/queer-feministischen Subkultur machen, um herauszufinden, welche Einstellungen zu weißen, heterosexuellen Männern dort verbreitet sind und wie sich diese manifestieren. Ich würde vermuten, dass das Zusammentreffen der drei Strukturkategorien Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung im Sinne von weiß, männlich und heterosexuell in der gender/queer-feministischen Subkultur Bezugspunkt einer signifikanten und sich intersektional verstärkenden Diskriminierung ist, d.h. also: ich vermute, dass die gender/queer-feministische Subkultur ein sozialer Kontext ist, in dem sich eine Diskriminierung weißer, heterosexueller Männer wahrscheinlich ganz konkret wissenschaftlich nachweisen ließe.

Zweitens sollte m.E. auch die zeitliche Dimension bei Diskriminierungen stärker beachtet werden, es müsste also in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder geprüft werden, ob bestimmte festgestellte Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen immer noch existieren bzw. immer noch in gleichem Ausmaß existieren. Einmal empirisch festgestellte Diskriminierungen könnten ja z.B. 20 Jahre später potentiell behoben oder zumindest signifikant verbessert sein und dies müsste dann auch berücksichtigt werden.

Drittens sollte m.E. stärker berücksichtigt werden, dass nicht alle sozialen Ungleichheiten zwangsläufig auf Diskriminierung beruhen.
Unterschiedliche durchschnittliche geschlechtsspezifische gesellschaftliche Verteilungen können z.B. auch auf unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen von Frauen und Männern zurückgehen.
Oder wenn bestimmte Migrantengruppen im Schnitt häufiger in den unteren sozialen Schichten zu finden sind, so kann auch eine für moderne Gesellschaften dysfunktionale prämodern-autoritäre Sozialisation, die wenig Wert auf Bildung legt, potentiell einen signifikanten Beitrag hierzu leisten.

Solche alternativen Erklärungsansätze dürfen m.E. nicht mehr von vornherein ausgeblendet werden, weil sie dem PC-Paradigma widersprechen, sondern müssen ebenso in eine ergebnisoffene Forschung einbezogen werden.

Meta (ab jetzt wieder Graublau)

Die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem, welche Leszek anspricht, ist das Leib- und Magenthema von Lucas Schoppe, der dazu zahlreiche Artikel veröffentlicht hat, zuletzt etwa Der WDR und der Hass auf Jungen. Immer wieder erschütternd zu lesen, wie Erwachsenen den Jungen selbst die Schuld an ihren Schwierigkeiten geben!

Zum Bloggen generell: Ich werde demnächst höchstwahrscheinlich eine Pause einlegen, weil ich keinen regelmäßigen Internetzugang haben werde. Wenn es trotzdem klappt, schön, ansonsten bis Mitte Januar!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es um Schule geht: Die sollte hoffentlich inzwischen aus sein…

Alice Cooper: School’s Out (live)

Fundstück: Terror-Bingo

Tom174 hat unter dem Titel „Sicherheit und so“ ein paar gute Gedanken zum Amoklauf/Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geschrieben. Besonders einen Kommentar von ihm möchte ich dabei hervorheben:

Vom Terror ganz ab, viele, gerade auch ein Adrian, treibt die angst, dass wir viele unserer Freiheiten verlieren werden. Mich übrigens auch, nicht, weil ich Angst habe, dass wir hier irgendwann die Scharia einführen, sondern weil ich Angst habe, dass die Gegenbewegung einen Backlash erzeugt, der uns einen extrem autoritären Staat beschert.

Das gibt meine eigene Position recht gut wieder. Ich habe mehr Sorge vor einem überbordenden Staat. „Im Namen einer guten Sache bzw. gegen die Bösen“ wurden in den letzten Jahren immer wieder Zensurmaßnahmen eingefordert.

Rufe nach Zensur sowie die Forderung nach einem Aufheben rechtsstaatlicher Prinzipien, wie sie immer nach Amokläufen und Terroranschlägen kommen, sind zwei Dinge, die in dieser Blogblase auch aus anderem Kontext bekannt sind – und in keinem Zusammenhang berechtigt sind. Jemand ist eines Verbrechens verdächtigt, aber noch nicht rechtskräftig verurteilt worden? Dann gilt die Unschuldsvermutung! Egal, wer es ist und egal, um was es geht. So ist das mit dem Rechtsstaat gedacht.

Insofern stehe ich einer Berichterstattung, die jeden kleinsten Schnippsel veröffentlicht, weil er „brandaktuell“ ist, und nicht, weil er überprüft und für wahr befunden wurde, skeptisch gegenüber. Das ist doch „postfaktisch“ und „Fake News“ in Reinform!

Wie sich Erzählungen von vor einem Jahr wiederholen lassen! Damals führten Fefe und Frank Rieger in ihrem Fnord-Jahresrückblick 2015 ein Spiel namens „Terror-Bingo“ (aktuelle Karte) ein – im folgenden Video zu sehen zwischen 56:41 und 1:12:00.

Fnord NEWS Show 2015 [32c3]

Fefe hat das bezogen auf den aktuellen Fall ganz locker wiederholen können. Ungereimtheiten in der offiziellen Version brachten die Nachdenkseiten in einem heutigen Fundstück auf den Punkt: An alles gedacht?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Angesichts der Verrücktheit der Welt optimistisch zu bleiben, auch wenn es ein langer Weg ist, das verbinde ich immer mit folgendem Lied:

Reinhard Mey: Vertreterbesuch

Warum ich die „Fake News“-Hysterie selbst für „Fake News“ halte

Also gut, „Fake News“ sollen es dann sein. Die Massenmedien haben sich auf ein neues Narrativ einigen können, mit dem der Widerspruch zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen erklärt werden kann:

Die richtige Sache war „auf offenem Felde ungeschlagen“, aber ausländische Mächte haben durch das massenhafte Verbreiten von Falschmeldungen (Fake News) im Internet die Wähler so beeinflusst, dass diese am Ende dem falschen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben.

Das ist ein tatsächlich recht rundgeschliffener Mainstreammythos. Die Erklärungen vorher waren letzten Endes schwer zu verteidigende Positionen. Deutungen aus einem geschlossenen Weltbild heraus wie etwa die im Sinne der Identitätspolitik waren nicht massenkompatibel genug. Ich hatte ja bereits der Dolchstoßlegende von den bösen weißen Frauen, die Donald Trump gewählt haben, keine Chance eingeräumt, weil sie als Erweiterung des Feindbildes weißer Mann nicht taugt.

Die jetzt getroffene Lösung hat viele Vorteile: Mit „russischen Hackern“ kann man irgendwelchen anonymen Kräften die Schuld in die Schuhe schieben, aber nebenbei noch andeuten, als gäbe es eine Verbindung zur russischen Regierung / Wladimir Putin. Und das ohne irgendwelche ordentlichen Quellen (wodurch sich das Narrativ natürlich selbst als Fake News entlarvt). Fake News sind noch besser als der Vorwurf der Wahlfälschung, welcher sowieso routinemäßig alle vier Jahre in den USA erhoben wird, zumal man diesen ja irgendwie beweisen müsste. Ferner läßt sich behaupten, Wahlbeeinflussung durch Fake News könne sich jederzeit wiederholen, „auch bei uns“, womit man die Brisanz für Europa hat und das Thema schön warmgehalten wird. Dass die Massenmedien mit diesem Narrativ subtile Fremdenfeindlichkeit schüren („die wollen uns was!“) und Angst verbreiten, während sie sonst Angst bei der Bevölkerung kritisiert – wen kümmert das schon?

Denn die Alternative wäre ja eine echte Wahlanalyse, wie sie etwa die Nachdenkseiten oder Cicero veröffentlicht haben und bei der dann unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“ – für sie sind soziale Klassen kein Thema mehr.

Dieses Erkenntnis käme aber für weite Teile der Medien einem Schuldeingeständnis gleich, denn sie sind längst Teil der Elite, die eine funktionierende vierte Macht im Staate kritisieren und gegen die diese eine Gegenöffentlichtkeit aufbauen würde. Um sich nicht selbst in schlechtes Licht zu rücken, soll daher vermieden werden, die Bevölkerung ernst zu nehmen.

Der Vorstoß einiger Politiker, „Fake News“ zu einem neuen Straftatbestand zu machen, wurde entsprechend medial flankiert: Journalisten treten allen Ernstes für Zensur ein, nachdem ihnen die Deutungshoheit entglitten ist. Man beachte: Das war nicht irgendein Schreiberling für ein Käseblatt, sondern die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in den Tagesthemen!

Wie bei den Nachdenkseiten treffend kommentiert wurde:

Auf dem direkten Weg in die Postdemokratie. Was sind bitte „Gezielte Desinformation zur Destabilisierung eines Staates“? Das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Aus Sicht der Eliten kann das jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen sein.

Der ansonsten überstrapazierte Vergleich mit den Nazis trifft diesmal: Schon die Nazis gaben vor, „Fake News“ zu bekämpfen. Die Nachdenkseiten haben hierzu eine studentische Hausarbeit von Tobias Jaecker gefunden:

Um die Presse in den Griff zu bekommen, bedienten sich die Nationalsozialisten zunächst des Instruments der Notverordnungen, die der Reichspräsident erlassen konnte. Mit der „Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 wurden Beschlagnahmung und Verbot von Druckschriften geregelt. Unter der Verantwortung von Reichsinnenminister Frick wurde ein umfangreicher Katalog von Verbotsgründen erarbeitet. Darunter fielen etwa die Verbreitung „unrichtiger Nachrichten“ und der Aufruf zum Streik.

Die Nazis im O-Ton (Quelle: Dokumentarchiv.de):

„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933
„Periodische Druckschriften können verboten werden (…) wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden. (…) Zuständig für das Verbot einer periodischen Druckschrift sind die obersten Landesbehörden oder die von ihnen bestimmten Stellen.“

Es ist alles nicht neu: In den letzten Jahren haben wir eine ganze Reihe von Initiativen erlebt, um unter dem Deckmantel einer guten Sache Zensurinstrumente einzuführen. Zunächst waren es die Netzsperren gegen Kinderpornographie. Dann wollte die EU Antifeminismus verbieten. Vor den Vereinten Nationen durften sich Anita Sarkeesian und Zoë Quinn darüber ausheulen, was für schreckliche Sachen ihnen im Internet passieren würden: Es gäbe tatsächlich Leute, von denen sie kritisiert würden! Sie forderten Schutz – wobei der Vorwurf der „Nachstellung“ sich für sie nicht nur auf illegale Aktivitäten erstrecke, sondern auch so fürchterliche Beschimpfungen wie „Du bist eine Lügnerin“ oder „Du bist doof“. Das Wehklagen hatte woanders durchaus Erfolg: Google machte machte den Bock zum Gärtner.

Wie schnell solche Mechanismen, um Leute mit abweichender Meinung zum Schweigen zu bringen, entgleiten können, hätte man eigentlich aus der Geschichte lernen können. Nun hat Donald Trump noch einmal exemplarisch vorgeführt, was „die Geister, die sie riefen“ bedeutet.

Welch Ironie, dass ausgerechnet „Der Postillon“ besonders vielseitig über Fake News berichtet:

  1. Ratgeber: Alles, was Sie jetzt über Fake-News wissen müssen
  2. Bundeskanzler Hubert Dreher will Fake-News unter Strafe stellen
  3. Hat Fake-News verbreitet: Türkischer Journalist zu 5 Jahren Haft verurteilt
  4. Teenager (15) endlich fertig damit, unter jedes einzelne YouTube-Video „Fake!“ zu schreiben – der vielfach vergessene Ursprung der Fake-News-Vorwürfe

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Um „News“ wieder in einen positiven Zusammenhang zu bringen:

Huey Lewis & The News – Perfect World

Mittelalterlicher Gerichtskampf: Mann gegen Frau

Bis an die Grenze der Neuzeit war im germanischen Recht der Zweikampf zwischen Ankläger und Angeklagtem ein legitimes Mittel zur Feststellung der Wahrheit einer Beschuldigung, wenn sie nicht anderweitig zu klären war. Üblicherweise verbindet man damit die Idee eines Zweikampfs zwischen Männern. Dieses Rechtsinstitut galt jedoch allgemein für alle Adligen und Freien und schloss auch Frauen ein, sofern diese keinem Vormund unterstanden, also insbesondere unverheiratete Frauen und Witwen (Megede und Wedewen im Sachsenspiegel).

Jeder Gerichtskämpfer, der es sich leisten konnte, konnte einen Lohnkämpfer bezahlen, der anstelle des Klägers oder Beklagten in die Schranken trat. Das führte dazu, dass es berufsmäßige Lohnkämpfer gab, die damit ihren Lebensunterhalt verdienten und dementsprechend in den Fechtkünsten bewandert waren. Einer dieser Fechtkünstler war der im 15. Jahrhundert lebende Hans Talhoffer, der darum bekannt ist, weil er die Summe seiner Künste als Bilderhandschrift hinterlassen hat, die uns aus dem Jahre 1467 überliefert ist. In dieser Handschrift stellen neun von insgesamt 270 Tafeln den gerichtlichen Zweikampf zwischen Mann und Frau dar.

Abb. 1: Hans Talhoffer

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Weiterlesen „Mittelalterlicher Gerichtskampf: Mann gegen Frau“