Gastartikel: Leszek über Intersektionalität

Es ist mal wieder passiert: Bei „Alles Evolution“ schrieb Leszek einen Kommentar, der sich 1:1 als lesenswerter Artikel übernehmen läßt. Solche Hinweise sollten leichter wiederzufinden sein!

Letzten Endes erklärt Leszek, wie sich das Feindbild weißer Mann und die Rangliste der Privilegien entwickeln konnten. Arne Hoffmann kann sich hingegen auf die Schulter klopfen, denn in seinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ hat er genau die nach allen Seiten offene Intersektionalität beschrieben, die Leszek hier als noch ausstehenden Fortschritt beschreibt – und die auch einleuchtend ist.

Ab jetzt O-Ton Leszek:

Man muss die Durchsetzung der heutigen Intersektionalitätsmodelle m.E. ideengeschichtlich betrachten. Diese Modelle erscheinen uns heute mit guten Gründen als unterkomplex und schädlich, aber sie haben sich ideengeschichtlich in Folge einer linken Kritik an theoretischen Modellen herausgebildet, die noch unterkomplexer waren.

Die Idee der Intersektionalität entstand ideengeschichtlich in Folge einer – in meiner Augen berechtigten und notwendigen – linken Kritik an in den 70er Jahren bekannten theoretischen Modellen, die als ungerecht angesehene Ungleichheitsverhältnisse im Kontext von Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodellen zu fassen versuchten.

Diesbezüglich gab es zwei bekannte Modelle:

– Ein klassisch-marxistisches Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodell, welches ökonomische Klassenkonflikte als Hauptwiderspruch deutete und alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung als Nebenwidersprüche verstand, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn der Hauptwiderspruch Klassenherrschaft beseitigt wäre.

– Mit diesem klassisch-marxistischen Modell konkurrierte insbesondere ein im Radikalfeminismus der 70er Jahre verbreitetes alternatives Haupt/Nebenwiderspruchsmodell, welches gerade nicht Klassenverhältnisse, sondern stattdessen als patriarchalisch interpretierte Geschlechterverhältnisse als Hauptwiderspruch deutete und wiederum alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung, einschließlich der ökonomischen Klassenbeziehungen, zu Nebenwidersprüchen reduzierte, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn erstmal das Patriarchat beseitigt würde.

Dieses radikalfeministische Haupt/Nebenwiderspruchsmodell fand außerhalb des Feminismus aber keinerlei Unterstützung und Anerkennung, ja es führte sogar zu einer zunehmenden Isolierung des Radikalfeminismus von der politischen Linken, denn keine linke Strömung zeigte irgendeine Bereitschaft ihre eigenen theoretischen Grundlagen oder jeweiligen Arbeitsschwerpunkte dem klassischen Radikalfeminismus unterzuordnen. (Diese Isolierung war eine wichtige Vorausetzung dafür, warum sich radikale Feministinnen ursprünglich überhaupt auf die Idee der Intersektionalität eingelassen haben, der radikale Feminismus wäre bei Beharren auf einem feministischen Haupt/Nebenwiderspruchsmodell nämlich in immer stärkere Isolierung von der Linken geraten.)

Nun gerieten solche Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle in den 70er und 80er Jahren zunehmend in die Kritik, ihnen wurde – m.E. berechtigt – vorgeworfen

– auf schlecht belegten historischen Theorien zu beruhen, nach denen sich alle vorhandenen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung historisch aus nur einer einzigen ursprünglichen Unterdrückungs-/Diskriminierungsform (z.B. Klassenherrschaft oder Patriarchat) entwickelt hätten

– dass sie die Relevanz der Analyse, Kritik und Bekämpfung anderer Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen als derjenigen, die jeweils als Hauptwiderspruch gedeutet wurde, verschleiern würden, indem diese alle zu zweitrangigen Nebenwidersprüchen reduziert würden, dass die Anliegen anderer unterdrückter oder diskriminierter Gruppen dadurch abgewertet würden und die Beseitigung entsprechender Mißstände erschwert würde

– dass die Annahme, dass mit der Beseitigung des jeweiligen Hauptwiderspruchs sich alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung automatisch wie von Zauberhand mitauflösen würden, wohl kaum eine realistische und begründete Auffassung darstellt.

Als Alternative zu Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen wurde die Entwicklung von theoretischen Modellen zur Konzeptualisierung von Herrschafts- und Diskriminierungsformen gefordert, in denen diese sowohl in ihrer jeweiligen relativen Eigenständigkeit als auch in ihrer spezifischen Verwobenheit mit anderen Herrschafts- und Diskriminierungsformen erfasst würden, ohne dabei einen Hauptwiderspruch vorauszusetzen und ohne, dass bestimmte Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen in letzter Instanz auf andere reduziert und dadurch in ihrer Relevanz abgewertet würden.
Da Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle m.E. in der Tat unrealistisch und dysfunktional sind, war dies erstmal auch ein sinnvoller theoretischer Fortschritt.

Dies war die Basis für die Entwicklung von Intersektionalitätsmodellen. Hierbei setzte sich nun leider eine DOGMATISCHE SCHLIEßUNG nach einer Seite hin bei der Konzeptualisierung von Diskriminierungen durch und diese wurde durch poststrukturalistische Theorien unterfüttert.
Wie ich schon mehrfach erklärte, („Was ist Political Correctness?“ und „Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?„) wurden Diskriminierungen so konzeptualisiert, dass einer Seite stets der Status der Norm und der anderen Seite der Status der Abweichung oder Ableitung von der Norm zugewiesen wurde, die eine Seite wurde als allgemein privilegiert konstruiert, die andere Seite hingegen als allgemein diskriminiert.
So kam es zur Entstehung von spezifischen Norm-Feindbildern (männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich) und denjenigen Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wurde abgesprochen, dass sie Bezugspunkte von Diskriminierung sein könnten.

Anstatt also ergebnisoffen zu forschen, welche Privilegien und Diskriminierungen es jeweils auf allen Seiten gibt und zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wurde aufgrund der dogmatischen Schließung nach einer Seite hin einfach vorausgesetzt, Diskriminierung gebe es immer nur auf einer Seite.

Dies führt dazu, dass viele reale Diskriminierungen, Benachteiligungen und soziale Problemlagen in diesen einseitigen Modellen aus dem Blickfeld gerieten, z.B.:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern).

Nicht, dass Intersektionalitätsmodelle die Überschneidungen von Diskriminierungen untersuchen, ist das Problem, sondern die dogmatische Schließung der zeitgenössischen Intersektionalitätsmodelle nach einer Seite hin, die eine realistische und kontextspezifisch angemessene Erfassung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen auf allen Seiten unmöglich macht und damit eine tatsächliche empirische Diskriminierungsforschung und Ungleichheitsforschung wesentlich verhindert.

Die heutigen Intersektionalitätsmodelle haben sich also ideengeschichtlich als Resultat einer berechtigten Kritik an den unterkomplexen Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen der 70er Jahre entwickelt, sind aber leider selbst zu unterkomplex.

Der nächste notwendige theoretische Schritt muss also darin bestehenden die dogmatische Schließung nach einer Seite hin zu beseitigen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bevor die Diskussion in den Kommentaren auf Marx gelenkt wird, bringe ich den lieber gleich in der Popkultur.

Richard Marx: Right Here Waiting

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