Gastartikel: djadmoros zum Abdriften des Feminismus ins Narzisstische

In einem Kommentar reagiert djadmoros auf den gestrigen Artikel, in dem ich ausführlich Lucas Schoppe zitiert habe. Diesen Kommentar möchte ich im folgenden ungekürzt als Gastartikel wiedergeben:

Die biografische Ebene eines Bekenntnis zum Feminismus ist für mich unter vielen Umständen gut nachvollziehbar.

Schoppe benennt aber auch den Angelpunkt, an dem eine nachvollziehbare persönliche Betroffenheit fließend in den Narzissmus übergeht:

»Feminismus wird hier eigentlich gar nicht als politische Bewegung oder als Set politischer Positionen wahrgenommen, die offen kritisiert werden können – sondern als dringend notwendiger Teil der eigenen Biographie. Wer den Feminismus angreift, greift damit in ihrer Wahrnehmung die Biografie und das Leben dieser Frauen an«

Auf der biografischen Ebene ist Feminismus eine individuelle Problembewältigungsstrategie. Entscheidend ist, dass ich mir selbst zutraue, die Herausforderungen, die sich mir in meinem Leben stellen, sozusagen mit »Bordmitteln« bewältigen zu können, indem ich bestimmte Einstellungen und Sichtweisen auf die Welt pflege. Darum gibt es auch keinerlei notwendige Verbindung zwischen einer persönlichen, feministisch geprägten Emanzipation und staatlichen Maßnahmen wie einer Frauenquote.

Einer der »Urtexte« der neuen Frauenbewegung, Betty Friedans »Der Weiblichkeitswahn« von 1963, zeigt ziemlich deutlich, dass die feministischen Frauen dieser Generation gerade keinen harten Restriktionen ihrer Lebensführung mehr unterliegen, sondern, »weichen« kulturellen Erwartungen, die auch kein patriarchales »Original« mehr darstellen, sondern einen restaurativen Zeitabschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg, der hinter das zurückfällt, was Frauen zwischen 1920 und 1945 bereits erreicht hatten. Auch die von Schoppe genannten Beispiele betreffen solche »weichen« Restriktionen.

Die Drift ins Narzisstische beginnt, wenn ich entweder meine persönlichen Herausforderungen für einzigartig und inkommensurabel zu halten beginne, oder wenn der objektive Grad einer Repression von Frauen aus politischen Gründen ins Unermeßliche und prinzipiell Inkommensurable aufgebläht wird. Viele Frauen, für die Feminismus eine biografische Strategie darstellt, haben die Abdrift des institutionalisierten Feminismus ins Narzisstische und Totalitäre gar nicht mitbekommen – was auch für viele Männer gelten dürfte, die ihr feministisches Bekenntnis als eine Art Solidarität auf biografischer Ebene sehen: man unterstützt Frauen in ihrer Weltsicht in der Erwartung, sie dadurch in ihrer Eigenkompetenz zu bestärken.

Die Verwandlung einer biografischen Strategie in einen gesellschaftlich herrschenden Diskurs (die im Radikalfeminismus immer schon parallel lief, der aber erst mit Zeitverzögerung der Durchbruch zur hegemonialen Ideologie gelungen ist) hatte nun zur Folge, dass eine weitere Generation von Frauen, die nicht einmal mehr Anlass zur biografischen Beschwerde hat, im Kontext einer Ideologie sozialisiert wurde, die das alte Märchen von der umfassenden Unterdrückung der Frau unter anachronistischen Rahmenbedingungen weitererzählt.

Diese Frauen bekommen die Einladung, ihre persönlichen Probleme zu narzisstischer Übergröße aufzublasen, auf dem Silbertablett serviert – und da die institutionalisierten feministischen Kader (wie jede Bürokratie) ein Interesse an der Reproduktion und Ausweitung ihrer Zuständigkeiten haben, ist diese Einladung zudem eine Aufforderung, die mit der Sanktion bewehrt wird, andernfalls nicht als moderne, emanzipierte Frau zu gelten.

Hinter dieser Fassade hat sich die historische Kraft des Feminismus jedoch mittlerweile erschöpft, und die Bewegung steuert dem intellektuellen Bankrott entgegen. Kluge Feministinnen können diese Differenzierung zwischen biografischer Strategie und etablierter Ideologie nachvollizehen. Den anderen kann man den Angriff auf ihre narzisstische Selbstwahrnehmung, welche vom Angriff auf die Ideologie impliziert wird, leider nicht ersparen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Sich für den Nabel der Welt zu halten, wie es bei Narzissten der Fall ist, ist ja nun kein schöner Zug. Zum Thema „der Nabel der Welt“ gibt allerdings ein schönes Lied…

Jovanotti: L’ombelico del mondo