Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind

Lucas Schoppe schreibt in einem Kommentar bei Alles Evolution:

Ich hab eine ganze Reihe von Frauen kennen gelernt, die gute Gründe hatten, feministisch zu sein. Das ist unter anderem eine Generationenfrage. Frauen, die ich im Germanistik-Studium als Dozentinnen an der Uni erlebt habe und die heute vielleicht sechzig, siebzig oder auch achtzig Jahre alt sind, haben durchaus Zustände erlebt, die feministische Positionen sehr nahelegen.

Auch in der Germanistik, die heute eher ein Frauenfach ist, war es für viele Männer selbstverständlich, dass Texte von AutorINNEN nicht unbedingt von Belang waren. Dies selbst bei Autorinnen wie Marie von Ebner-Eschenbach oder Ingeborg Bachmann, die jemand, der Germanistik studiert, schon gelesen haben sollte. Ich hab selbst noch Germanisten kennen gelernt, für die selbst entlegene Texte von Brecht unbedingt zum Kanon gehörten, die sich aber nichtmal fünf Minuten Zeit für ein Gedicht von Bachmann genommen hätten.

Auch Professorinnen hatten als Wissenschaftlerinnen solche Herablassung erlebt. Dabei ging es eben NICHT um Gender Studies, die ja oft tatsächlich fragwürdige Wissenschaftskonzepte haben, sondern um ganz etablierte Formen des Fachs – die von Kollegen nur eben weniger wichtig genommen wurden, weil sie von Frauen ausgeübt wurden oder Autorinnen zum Thema hatten. (Übrigens rede ich nicht von den Fünfziger Jahren, sondern von den Neunzigern…)

In solch einem Kontext ist Feminismus viel nachvollziehbarer als im heutigen, in dem Feministinnen es schon als dringend nötigen Aktivismus begreifen, Fotos von Männern ins Netz zu stellen, die mit etwas geöffneten Beinen in der U-Bahn sitzen.

Noch ein zweiter Punkt, eher als Ergänzung zum Kommentar von Leszek denn als Widerspruch: Feminismus hat eben oft auch eine sehr große PERSÖNLICHE Bedeutung. Viele Feministinnen, die ich kennen gelernt habe, sehen den Feminismus als einen Rahmen an, der es ihnen ermöglicht hat, ein halbwegs selbstbestimmtes, selbstbewusstes Leben zu führen. Das zu dieser Einschätzung viel Legendenbildung gehört – geschenkt.

Wichtig ist: Feminismus wird hier eigentlich gar nicht als politische Bewegung oder als Set politischer Positionen wahrgenommen, die offen kritisiert werden können – sondern als dringend notwendiger Teil der eigenen Biographie. Wer den Feminismus angreift, greift damit in ihrer Wahrnehmung die Biografie und das Leben dieser Frauen an – und welche Motivation sollte er dafür haben, wenn nicht eine reaktionäre Böswilligkeit, mit der er Frauen wieder zurück an den Herd haben will?

Das ist ein Grund, warum Feminismuskritiker bei Feministinnen fast nie Gehör finden. Diese Kritik nämlich begreift Feminismus als Set politischer Positionen, die selbstverständlich kritisiert werden können und MÜSSEN – und für die Kritiker ist es einfach eine undemokratische Verweigerung von wichtigen Debatten, ihre Punkte nicht ernst zu nehmen.

Regelrecht putzig wird das in extremen Fällen, wie z.B. der Kritik an der feministischen Faschistin Solanas. Ich hab gewiss schon hundertmal Äußerungen von Feministinnen gehört oder gelesen, die sich darüber empörten, dass sie schon wieder zu Solanas Stellung beziehen sollen – als ob sie das schon hundertfach getan hätten. Tatsächlich hab ich allerdings noch niemals eine einzige Feministin erlebt, die es wichtig gefunden hätte zu erklären, wie solch ein faschistischer Müll im Feminismus Kult-Status bekommen konnte. Es ist eben nicht IHR Problem – im Rahmen ihrer Biografie spielt Solanas keine Rolle, und dann ist nicht verständlich, wieso sie sich dazu äußern sollten. Dass eine POLITISCHE Position durch Distanzlosigkeit zum Faschismus diskreditiert wird – das ist gewissermaßen einfach nicht ihre Diskussion.

Das ist weder radikal noch uninformiert – Feminismus wird hier nur ganz einfach nicht als eine politische Position wahrgenommen, sondern als eine sehr persönliche. Dann ist eben auch gar nicht klar, warum jemand über alle seine Aspekte informiert sein sollte, anstatt sich gerade das herauszusuchen, was er – bzw. eben: sie – braucht.

Damit berührt er ein Thema, das ich schon lange auf meiner Liste hatte (nur dass er es natürlich mal wieder viel eleganter formuliert). Ich habe in den letzten Jahren von einigen Frauen gehört, dass Feminismus nichts für sie sei, weil er einengend und nicht für Gleichberechtigung sei. Interessanterweise waren das waren charakterstarke Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt und in eigener Verantwortung leben wollten. Auf der anderen Seite habe ich andere Frauen getroffen, die mir erzählten, welches Geschlechterverhältnis sie von dort, wo sie herkamen, gewohnt waren:

  1. slut shaming: „Eine Frau, die einen Mann anspricht, ist eine Schlampe.“ Frauen müssen sich entsprechend aufbrezeln, lächeln und darauf hoffen, dass er den ersten Schritt macht.
  2. Sprüche wie „Studienfach X ist doch nichts für Frauen“ bzw. „Warum studierst Du denn? Du suchst Dir doch eh später einen Mann!“
  3. Im Beruf: „Frauen bekommen eh Kinder.“ / „Ein Mann braucht eine Frau, die ihm den Rücken freihält.“
  4. „Es ist Sache der Frau, dafür sorgen, dass zu Hause stets Essen auf dem Tisch steht.“

Dieses Weltbild hörte ich vor allem von Frauen aus Süd- und Osteuropa. In der Generation meiner Eltern haben die meisten Frauen etwas zu erzählen, gerade was das „nicht für voll genommen werden“ oder „weniger als ein Junge/Mann wert sein“ in früheren Jahren angeht. In Einzelfällen kenne ich – gerade aus dem Berufsleben – auch Geschichten von Gleichaltrigen.

Das zu schreiben kostet mich keine Mühe. Es ist aber Welten davon entfernt, dass es „allen Frauen überall“ so gehe. Man sieht das am besten an den Reaktionen der früher betroffenen Frauen selbst.

Gerade die Süd- und Osteuropäerinnen loben Nord- und Westeuropa dafür, insgesamt einen fortschrittlicheren Umgang mit Frauen zu haben. (Was Galanterie und Flirten angeht: Das ist ein anderes Thema!)

Das bedeutet nicht, dass hier und jetzt alles perfekt wäre. Ein eingängiges Bild von Christian Schmidt:

Natürlich: Auch verbesserte Zustände können schlecht sein. Einem Sklaven, der nur noch 10 Peitschenhiebe pro Tag erhält, kann man nicht entgegenhalten, dass er sich doch nicht aufregen soll, es wäre doch alles besser.

Die positiven Urteile etwa über Deutschland von Frauen aus Süd/Osteuropa passen aber überhaupt nicht ins Weltbild von Anne Wizorek: „Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen.“

Übrigens heißt dass auch nicht, dass es süd- und osteuropäischen Männern in ihrem Land jeweils prima ginge. Um das zu sehen, reicht ein Blick auf Suizidziffern Osteuropa, die für Männer stark schwankend nach Wirtschaftslage ausfallen, für Frauen hingegen relativ gleichbleibend niedrig sind.

Die Welt als „überall ist es gleich schrecklich“ oder „es ist so schlimm wie immer“ zu beschreiben, verdeckt den Blick auf die Unterschiede und das Erreichte. Vor allem ist es deswegen demotivierend, weil man offensichtlich durch eigenes Verhalten nichts erreichen kann. Bestimmte Leute kann man nicht zufriedenstellen. Dann konzentriere ich mich lieber auf die anderen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Einen Unterschied machen“ – das ist doch eine wichtige Motivation. Wenn alles gleich ist, kommt’s auch auf nichts mehr an.

Esther Phillips: What A Difference A Day Makes

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15 Antworten zu Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind

  1. only_me schreibt:

    „Was Galanterie und Flirten angeht: Das ist ein anderes Thema!“

    Ist es das?

    • Graublau schreibt:

      Nun, es gibt ja immer noch das Klischee, dass Deutsche / Westeuropäer / Nordeuropäer nicht gut flirten / keinen Sinn für Benehmen alter Schule haben. Das ist tatsächlich aber einen eigenen Blogeintrag wert, weil es den Rahmen dieses Artikels völlig sprengen würde.

      • only_me schreibt:

        Ich wollte nicht das Klischee in Frage stellen.

        Ich wollte in Frage stellen, dass Galanterie und Flirten a la Valentino überhaupt möglich sind, ohne die Unterschiede – ALLE Unterschiede- zwischen den Geschlechtern zu betonen.

        Ich bin da sehr skeptisch.

      • only_me schreibt:

        PS. in diesen Sinne ist das kein anderes Thema. Es ist genau dieses Thema, von der anderen Seite.

        Wenn du sehen willst, wie Männer mit ihresgleichen flirten, schau dir Schwulengeschichten an, z.B. die Comics von Ralf König

      • only_me schreibt:

        PPS. Ansonsten hast du natürlich Recht. Christentum hat auf persönlicher Ebene auch nichts mit dem Papst zu tun.

      • Graublau schreibt:

        „Ich wollte in Frage stellen, dass Galanterie und Flirten a la Valentino überhaupt möglich sind, ohne die Unterschiede – ALLE Unterschiede- zwischen den Geschlechtern zu betonen.“

        Guter Hinweis! Ich glaube, dass das den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei ausmacht. Gleichberechtigung zu haben und dennoch eine (für deutsche Verhältnisse) geradezu altmodische Eleganz und Höflichkeit an den Tag zu legen / zu schätzen, ist kein Problem.

      • Graublau schreibt:

        „Ansonsten hast du natürlich Recht. Christentum hat auf persönlicher Ebene auch nichts mit dem Papst zu tun.“

        Guter Vergleich! Ich erinnere mich daran, wie jemand schrieb, dass es für den Glauben vor allem auf die konkrete Gemeinde vor Ort ankomme. Das löste eine Diskussion mit ~1000 Kommentaren aus.

        Ich finde es übrigens richtig, dass man römisch-katholische Christen – und alle anderen, die formell dem Papst unterstellt sind – auf Verfehlungen von Päpsten und dunkle Kapitel in der Vergangenheit des Vatikans anspricht. Das muss man aushalten. Und das schaffen auch die meisten Leute in meinem Bekanntenkreis. Realitätsverweigerung ist kein beliebter Massensport.

  2. Dummerjan schreibt:

    Damit tritt aber Feminismus in die Rolle, die Religionen an anderer Stelle haben: Sie werden als Teil des Selbst und der eigenen Biografie erlebt. Insofern kann ich das durchaus verstehen. Es bleibt dennoch, selbst für die 60er udn 70er Jahre: Die Feministinnen jener zeit wollten eben nicht in den Bergbau. Insofern bleibt die sozialer Frage völlig offen und wer sich als Habilitandin unterdrückt fühlt weil der eigenen wahrgenommene Kanon als nicht relevant einstuft, aber keine Stellung zum 8 h Tag und arbeitsfreien Samstag bezieht – das waren die sozialen Fragen jener Zeit – dann lebte man schon in einer sehr privilegierten Welt.

  3. djadmoros schreibt:

    Die biografische Ebene eines Bekenntnis zum Feminismus ist für mich unter vielen Umständen gut nachvollziehbar.

    Schoppe benennt aber auch den Angelpunkt, an dem eine nachvollziehbare persönliche Betroffenheit fließend in den Narzissmus übergeht:

    »Feminismus wird hier eigentlich gar nicht als politische Bewegung oder als Set politischer Positionen wahrgenommen, die offen kritisiert werden können – sondern als dringend notwendiger Teil der eigenen Biographie. Wer den Feminismus angreift, greift damit in ihrer Wahrnehmung die Biografie und das Leben dieser Frauen an«

    Auf der biografischen Ebene ist Feminismus eine individuelle Problembewältigungsstrategie. Entscheidend ist, dass ich mir selbst zutraue, die Herausforderungen, die sich mir in meinem Leben stellen, sozusagen mit »Bordmitteln« bewältigen zu können, indem ich bestimmte Einstellungen und Sichtweisen auf die Welt pflege. Darum gibt es auch keinerlei notwendige Verbindung zwischen einer persönlichen, feministisch geprägten Emanzipation und staatlichen Maßnahmen wie einer Frauenquote.

    Einer der »Urtexte« der neuen Frauenbewegung, Betty Friedans »Der Weiblichkeitswahn« von 1963, zeigt ziemlich deutlich, dass die feministischen Frauen dieser Generation gerade keinen harten Restriktionen ihrer Lebensführung mehr unterliegen, sondern, »weichen« kulturellen Erwartungen, die auch kein patriarchales »Original« mehr darstellen, sondern einen restaurativen Zeitabschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg, der hinter das zurückfällt, was Frauen zwischen 1920 und 1945 bereits erreicht hatten. Auch die von Schoppe genannten Beispiele betreffen solche »weichen« Restriktionen.

    Die Drift ins Narzisstische beginnt, wenn ich entweder meine persönlichen Herausforderungen für einzigartig und inkommensurabel zu halten beginne, oder wenn der objektive Grad einer Repression von Frauen aus politischen Gründen ins Unermeßliche und prinzipiell Inkommensurable aufgebläht wird. Viele Frauen, für die Feminismus eine biografische Strategie darstellt, haben die Abdrift des institutionalisierten Feminismus ins Narzisstische und Totalitäre gar nicht mitbekommen – was auch für viele Männer gelten dürfte, die ihr feministisches Bekenntnis als eine Art Solidarität auf biografischer Ebene sehen: man unterstützt Frauen in ihrer Weltsicht in der Erwartung, sie dadurch in ihrer Eigenkompetenz zu bestärken.

    Die Verwandlung einer biografischen Strategie in einen gesellschaftlich herrschenden Diskurs (die im Radikalfeminismus immer schon parallel lief, der aber erst mit Zeitverzögerung der Durchbruch zur hegemonialen Ideologie gelungen ist) hatte nun zur Folge, dass eine weitere Generation von Frauen, die nicht einmal mehr Anlass zur biografischen Beschwerde hat, im Kontext einer Ideologie sozialisiert wurde, die das alte Märchen von der umfassenden Unterdrückung der Frau unter anachronistischen Rahmenbedingungen weitererzählt.

    Diese Frauen bekommen die Einladung, ihre persönlichen Probleme zu narzisstischer Übergröße aufzublasen, auf dem Silbertablett serviert – und da die institutionalisierten feministischen Kader (wie jede Bürokratie) ein Interesse an der Reproduktion und Ausweitung ihrer Zuständigkeiten haben, ist diese Einladung zudem eine Aufforderung, die mit der Sanktion bewehrt wird, andernfalls nicht als moderne, emanzipierte Frau zu gelten.

    Hinter dieser Fassade hat sich die historische Kraft des Feminismus jedoch mittlerweile erschöpft, und die Bewegung steuert dem intellektuellen Bankrott entgegen. Kluge Feministinnen können diese Differenzierung zwischen biografischer Strategie und etablierter Ideologie nachvollizehen. Den anderen kann man den Angriff auf ihre narzisstische Selbstwahrnehmung, welche vom Angriff auf die Ideologie impliziert wird, leider nicht ersparen.

  4. Imion schreibt:

    „Das bedeutet nicht, dass hier und jetzt alles perfekt wäre. “
    Was ist denn hier nicht perfekt für Frauen? Sie müssen nichts leisten, bekommen ein Leben lang unterstützung und Hilfe, die von Männern finanziert werden muss(Mädchen und Frauenförderung) und schmarotzen sich ansonsten auf kosten der Männer durchs Leben(Prostiuiert und Sugarbabes, von letzteren gibt es mindestens 2.000.000, also locker fünf komplette jahrgänge von Frauen) und nutzen dabei die Sexsucht, depressionen und Gefühle der Männer aus, um an ihr Geld zu kommen.

    Und auch in der Vergangenheit gibt es keinen Grund für Feminismus, auch Männer und Jungen wurden einzeln als weniger wert angesehen, wie Frauen und Mädchen, es gab nie eine einseitige Diskriminierung von Frauen.

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